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Lerer Weltanschauung Anerkennung des Lebenslistereffes der katholischen Staatsbürger und die Herstellung eines befriedigenden Verhältnisses zwischen Kirche und Staat.

Eindringlich ermahnt die Generalversammlung alle deutschen Katholiken, den Hl. Vater durch freigebige Spenden des Peterspfennig in der Regierung der Kirche und in Ausübung seiner weltumfassenden Wohltätigkeit zu unterstützen.

Ferner entsprach es einem allgemeinen Bedürf­nis der Anwesenden, zu Beginn der Katholiken­tagung Stellung zu nehmen zur Schulfrage, die gegenwärtig im Mittelpunkt der deutschen Innen­politik steht, und zwar in folgender klarer und grundsätzlicher Form:

Die 66. Generalversammlung der deutschen Katho­liken bekennt sich aufs Neue zu der unumstößlichen Grundforderung des katholischen Volkes:Katholi­sche Schulen für katholische Kinder". Sie erblickt in der Bekenntnisschule die beste Voraussetzung für die christliche Erziehung der Jugend und für die sittlich-religiöse Erneuerung unseres Volkes. In voller Uebereinstimmung mit ihren Vorgängerinnen und mit der ehrenvollen Tradition der gesamten katholischen Be­wegung in Deutschland erhebt sie die Forderung, daß diese Sicherung in der Gesetzgebung des Reiches und der Länder fest verankert werde.

Aus Anlaß der bevorstehenden Verhandlungen über ein Reichsschulgesetz richtet die 66. Generalversammlung im Namen der katholischen Eltern und in Wahrung de­ren heiliger Rechte die eindringliche Mahnung an alle katholischen Mitglieder des Reichstages, mit Einsatz aller Kräfte das Gesetz im Sinne der berechtigten ka­tholischen Forderungen zu gestalten und seiner Lösung zuzustimmen, die nicht wenigstens die volle Gleichbe­rechtigung der Bekenntnisschule mit anderen Schularten gewährleistet."

Beifallsstürme von unerhörter Wucht brausten durch Ne gewaltige Halle, als auch diese letztere Ent­schließung angenommen worden war.

Um 5 Uhr'fluten die Massen zur

ersten öffentlichen Versammlung.

Bis auf den letzten Platz füllt sich die Riesen- Halle zu der gewaltigen Kundgebung. Viele Tau­sende sind durch den schönen Frühherbstsonntag zur Westfalenhalle gekommen. Wie freut man sich, wenn man in diesem unübersehbaren Menschen­gemimmel auch einer großen Anzahl Fuldaer Landsleute und manchen heimatlichen Freunden, die durch das Schicksal in andere Winkel des Va­terlandes verschlagen hat, die Hand drücken darf. Alle, die wir treffen, stehen noch ganz unter dem Eindruck der religiösen Feier des Vormittags. Solche Massen zum Ausdruck letzter religiöser Er­griffenheit und Hingabe zufâmmengesaßt hat Deutschland noch nicht gesehen. Den ganzen Tag künden die Größe dieser Tagung auch die Straßen Dortmunds, durch die sich immer wieder zahl­lose Gruppen mit Fahnen und Musik zu den ver­schiedenen Versammlungslokalen bewegen. Und nun das überwältigende Bild der Westfalenhalle am Nachmittag. Nur der Erfindung des Laut­sprechers ist es zu danken, daß technisch eine solche Riesentagung durchführbar ist. Aus der Ehren­bühne die führenden Männer des katholischen Deutschlands aus Klerus und Laienwelt. Begei­sterungssturm, als Nuntius Pacelli erscheint! Wür­dig und fesselnd ist die Rede, mit der der Präsi­dent der Tagung, Adam S t e g e r w a l d, die Versammlung eröffnet. Häufig unterbrachen ihn Beifallskundgebungen. Den Kern seiner Darlegun­gen bildete eine Skizze der deutschen Sozialpolitik und der Rolle, die Bischof von Ketteler in den, geistigen Werdegang der Sozialreform gespielt hat. Vom Ketteler-Eeist soll der Katholikentag getragen sein. Begeisterungsstürme durchbrausten die Halle als Stegerwald die Ehrengäste einzeln willkommen hieß, zunächst Nuntius Pacelli und Bischof Dr. Klein von Paderborn. Minutenlang wurde der österreichische Bundeskanzler Prälat Seipel durch Hochrufe geehrt, ähnlich auch Reichskanzler Dr. Marx. Die Bedeutung der Tagung kennzeichnet die Anwesenheit folgender Kabinettsmitglieder: Finanzminister Dr. Köhler, Reichsarbeitsminister Dr. Brauns, die preußischen Minister Hirtsieser, Steiger und Schmidt, des bayerischen Ministerprä­sidenten Dr. Held, des bayerischen Sozialministcrs Oswald, des badischen Staatspräsidenten Trunk.

Bischof Dr. Klein (Paderborn)

begrüßte dann in einer überaus warmherzigen und begeisterten Ansprache., als Oberhirt der Diö­zese die Katholikenversammlung.

Die seelische Haltung der Tagungsteilnehmer, so führt er aus, sei ein Beweis für das Treueverhält- n i s zwischen den Gläubigen und den Bi­öfen. Dieses Verhältnis sei so alt wie Sie Kirche ff unb werde stark bleiben wie 6e. Keine Macht

auf Erden sei stark genug, um ste pufferen, denn diese überirdischen Beziehungen seien aus dem Boden des Glaubens begründet. Der Redner überbrachte dann die Grüße des deutschen Episkopates, der vor kurzem in Fulda tagte. Er hob weiterhin die Verdienste des Apostolischen Nuntius hervor, der sich mit weit aus- sclzauendcm Blicke seiner Mission in Deutschland widmet. Bei diesen Worten wurden dem Nuntius erneut l e b- hafte Ovationen zuteil. Bischof Klein sprach dann über die Grundgedanken des Tagesprogramms. Er dankte dem Zentralkomitee, daß man dieser Tagung ei­nen sozialen Stempel gegeben habe dadurch, daß der Name K e t t e l er das ganze Programm kröne, der Name einer wahrhaft säkularen Gestalt. In Ketteler sei der Gei st der Grundsatztreue, der Selbstlosigkeit, der werktätigen Näch­stenliebe zum Vorbilde für alle Zeiten lebendig gewesen. Der Bischof schloß mit den Worten:Alles für und mit Gott! Dann ist alles geadelt, und alles hat Ewigkeitswert. Gott die Ehre! Uns die Arbeit, uns das Kreuz!"

Es folgten dann die beiden ersten großen Referate. Jesuitenpater Cohausz sprach überDas Welt­geschehen im Lichte des Gottesglaubens", Prälat Kaas über dieAufgaben der katho­lischen Kirche in Deutschland". Wir werden über den Inhalt der beiden Vorträge noch berichten.

Hierauf richtete

Jiuntius pacelli

folgende Ansprache an die Versammlung:

Noch klingen in meinem Herzen die Feierstunden nach, die ich soeben in Deutschlands ältester Bischofsstadt, dem durch die einzigartigen Erinnerungen religiöser und pro­faner Natur ehrwürdigen Trier, inmitten einer glau­bensfrohen und christustreuen Bevölkerung durchleben durfte, die zu Tausenden aus Stadt und Land herbei­geeilt war, um unvergeßliche Tage der Erhebung und Erbauung am Apostelgrabe zu begehen.

Als ich dann hier im Lande derroten Erde" den Fuß auf den Boden setzte, da war das Bild ein anderes. Da rauchten die Essen, da ratterten die Zechen, da glüh­ten die Hochöfen, da brandete mir von allen Seiten das donnernde Lied der Maschinen und Eisenhämmer ent­gegen. Und während ihr Lied mir in die Ohren gellte, während ein Gefühl der Bewunderung in mir aufstieg für die ungebrochene Geistes- und Lebenskraft dieses Volkes, die hier in diesemKönigreich der Maschine" zum Ausdruck kommt, da

erstanden vor meiner Seele die ungezählten Tau­sende, die hier in der Aron der Maschine stehen und von dem harten Brot der Arbeit teben.

Nachdem ich vollends die Hüttenleute und Bergknappen mit eigenen Augen am Werken sah, stand das kärgliche, freudearme, trosthungrige Dasein des Arbeiters noch stär­ker und schmerzlicher vor mir. Und für einen Augenblick kam mir der Zweifel: Ist an dieser ruhelosen Stätte Raum und Muße für so bedeutungsvolle Tage des Nach­denkens und der Selbstbesinnung, wie sie Katholikenver­sammlungen sind und sein sollen? Wird das hohe Lied von Gott und Ewigkeit, der hehre Ruf von Christus und Kirche imstande sein, den Lärm des Alltags zu durch­dringen und sich in würdiger Weise zur Geltung zu bringen?

Heute, wo der Werktag schweigt, wo ich die gewaltige Menge der Andächtigen gesehen, die am Morgen bei der feierlichen Pontifikalmesse Christus, dem König, huldig­ten, wo der imposante Festzug der katholischen Vereine und Organisationen in glänzender Parade die Kraft und Stärke des katholischen Gedankens in aller Öffentlichkeit bekundet hat, jetzt, wo ich hier in dem gigantischen Rund­bau der Westfalenhalle die unübersehbare Schar katho­lischer Männer und Frauen erblicke, die aus Deutsch­land und seinen Nachbargebieten zusammengeströmt sind, da weiß ich es:

Dortmund ist der geeignete Ort gerade für die dies­jährige Heerschau der deutschen Katholiken.

Kettelers Gedächtnis, des sozialen Bischofs, den Papst Leo XIII. seinen großen Vorgänger in der Arbei­terfrage genannt hat, ist diese Tagung geweiht, sein Geist soll sie beseelen, seine Gedanken in ihr lebendig und fühl­bar werden. Wo könnte das aber wirksamer geschehen als in der Metropole des Jndustriebezirks, wo die Pro­bleme sozialer Natur in ihrer ganzen Größe und Schwere, in ihrer ganzen schicksalhaften Bedeutung für den Auf­stieg oder Abstieg des katholischen Gedankens auf deut­schem Boden sich mit gebieterischer Wucht in den Vorder­grund drängen. Ketteler ist an die Lösung der sozialen Frage herangegangen mit einem Herzen, in dem wahre Liebe und aufrichtige Hochachtung zu dem arbeitenden Menschenbruder lo- d e r t e. Er, der adelige Sproß westfälischer Erde, hat ein Beispiel katholischen Brudersinnes gegeben, vor dem aller unchristliche Klassen- und Kastenstolz in sich zusammen­bricht. Aber so stark wie die Liebe und die Sorge um den arbeitenden Mitmenschen in seinem Herzen brannte, ebenso stark war sein Glaube und seine innerste Ueberzeugung, daß die wahre und endgültige Lösung der sozialen Frage nur möglich sein werde auf dem Boden des Christentums, in inniger Verbundenheit mit der Kirche Christi, deren Lehre und Führung auch auf diesen Wegen unentbehrliche Vor­aussetzung für die gesicherte Erreichung des erstrebten Zieles ist.

, Nicht als ob die Kirche die Aufgabe Hütte, die unmn» telbor.! Führung des Wirtschastsleocns zu üoernehmen. Wohl aber verkündet und behauptet sie, wie für alle Ge­biete menschlichen Zusammenlebens, so auch für das derWirtschast, unoerrückbare sittliche Nor- men, die als Leuchttürme aus dem stürmischen Meer der sozialen Probleme aufragen, Leuchttürme, deren Licht­bahn jeder Versuch und jede Form einer Heilung der so­zialen Not einzuhalten hat. Die katholische Idee ver­langt von dem Arbeiter ehrliche und gewissenhafte Pflicht­erfüllung und prägt feiner im Geiste des Christentums ausgeübten Standestätigkeit das leuchtende Adelszeichen eines gottgewollten und gottgeweihten Berufes auf. Ge­rade darum aber

wäre es gegen das innerste Wesen des christlichen Gedankens, wenn der arbeitende Menschenbruder zum Sklaven, zum Objekt der Wirtschaft herabge­würdigt würde.

Gerade V raus ergibt sich wiederum die Forderung, daß die Wirtschaft ihren sittlichen Sinn erfülle: der Wohl- fahrt aller Volksgenossen zu dienen, jedem Raum zu lassen für ein menschenwürdiges Dasein, für ein bescheidenes Glück am eigenen Herd, im eigenen Heim.

Je' ' der soziale Appell der Kirche an die Gesellschaft von hcr-e wird ungehört verhallen, wenn ihm nicht eine ft arte Gefolgschaft ersteht von katho­lisch denkenden Unternehmern, von katho­lisch denkenden Arbeitern, von Familien, in denen die Heranwachsende Generation mit der ganzen Glut und Innigkeit katholischen Lebens durchwärmt wird. Katholische Sozialpolitik ist nur möglich im Rahmen ziel- und wegbewußter katholischer Kulturpolitik. Ein ver­hängnisvoller Irrtum wäre es, zu meinen, die Forderun­gen der religiösen Kultur in Familie, Schule und Kirche könnten heute zurücktreten hinter den drängenden Pro- blemen des Sozial- und Wirtschaftslebens, rein wirtschaft­liche Maßnahmen könnten imstande sein, die drückende Not der Menschheit zu überwinden.

Wilhelm Emanuels großer Geist möge Ihre Beratun­gen und Verhandlungen beherrschen. Aus dem Grabe noch ruft er Ihnen ein Doppeltes zu: Einmal: ^ \

Lösung der Gegenwarksoufgaben aus der Kirche und mit der Kirche.

So wie ihm die von Christus festgelegte Verfassung der Kirche, ihre Wahrheiten, ihre Dogmen etwas unbedingt Gegebenes und Unverrückbares und darum Ausgangs­punkt und Fundament jeder Besserung und Heilung der Menschheits- und Gesellschaftsverhältnisse waren, so muß die Kirche auch Ihnen ein Unbedingtes sein. Sie darf Ihnen nie und nimmer zum Problem werden. Und dann vergessen Sie Kettelers zweiten Ruf nicht:

Seid einig!

Einigkeit war Ihre siegreiche Waffe im Kampfe ver. gangener Jahrzehnte. Einigkeit ist die erste Voraus­setzung einer erfolgreichen Tätigkeit iy der Gegenwart. Wenn Sie einig und treu zu Christus und seiner Kirche halten, erarbeiten Sie Ihrem vielgeprüften Volke eine Zukunft, über der als glückverheißende Zeichen diese vier Güter stehen: Glaube und Reinheit, Friede und Freude.

Mit diesem aus innerstem Herzen kommenden Wun­sche spende ich Ihnen allen im Namen des glorreich regierenden Heiligen Vaters Pius XI. den Apostoli­schen Segen.

Der Präsident Stegerwald brachte im Anschluß an die Rede des Vertreters des Papstes folgendes

Telegramm an den Hl. Baker

zum Vorschlag:

Die in Dortmund im Zeichen des sozialen Bi- schoss v. Ketteler tagende 66. Generalversammlung der deutschen Katholiken grüßt in tiefster Ehrfurcht den Nachfolger des hl. Petrus auf dem bifchöfli- chen Stuhl zu Rom, gelobt im Namen des ganzen katholischen Volkes dem Heiligen Vater unerschüt­terliche Treue und freudigen Gehorsam und bittet ehrerbietigst um den Apostolischen Segen. Durch Einstimmen in ein begeistertes Hoch auf den Hem- gen Vater brachte die Versammlung ihr Einver­ständnis mit dem Telegramm zum Ausdruck.

An den

Reichspräsidenten v. Hindenburg wurde folgendes Ergebenheitstelegramm gesandt:

die

Die 66. Generalversammlung der deutschen Ka­tholiken in Dortmund bittet den Herrn Reichspra- fibenten, treudeutsche Grüße der deutschen Ka oo« liken entgegenzunehmen, zugleich mit dem Gelöbnis, in vaterländischer Hingabe m,tzuarbeiten an dem inneren und äußeren Aufstieg unseres Volkes.

Auch dieses Ergebenheitstelegramm besiegelten die Massen mit einem freudig aufgenommenen Hoch auf den Reichspräsidenten.

Die große kirbeilerkundgebung.

Um 2 Uhr nachmittags begann am Sonntag in dem Saale der Westfalenhalle eine glänzende Kundgebung der katholischen Arbeiter Westdeutsch­lands. Der riesige Raum war bis auf den letzten Platz besetzt. Die Kundgebung leitete Arbester«