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yr. 36.

KaRei, den 4. September 1927

^atzrg. 37.

Religiöses Wochenblatt

für die katholischen Gemeinden Kassels.

Sri^eint jeden Sonntag und kostet monatlich Ausgabe A 35 Äoldpjennlg 3 40 Daldpfennig (freibl.) Redaktions­chluß Montag. Anzeigen-Preise: Tolonelzeile Im Anzeigenteil 0,15 Goldmark, Tolonelzeile im Reklameteil 0,60 Goldmark. Bei Wiederholung Rabatt. Auskunft und Off.-Geb. 0,10 Boldmark. Porto extra. Anzeigen müssen spätestens bis Montag morgens im Besitz der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda fein.

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Wochenkalender.

Sonntag, 4. Sept. 13. Sontag nach Pfingsten.

Montag, 5. Sept. Laurentius Justinian!, Bek., f 1453.

Dienstag, 6. Sept. Lom Tage.

Mittwoch, 7. Sept. Vom Tage.

Donnerstag, 8. Sept. Mariä Geburt. Hadrian, Mart., t 306.

Freitag, 9. Sept. Gorgonius, Mart., f 303.

Samstag, 10. Sept. Nicolaus von Tolentino, Bek., f 1308.

Dreizehnter Zonntag nach Pfingsten.

(Ev. Joh. 17, 1119.)

In jener Zeit, als Jesus nach Jerusalem reiste, ging er mitten durch Samaria und Galiläa. Und als er zu einem Flecken kam, begegneten ihm zehn aussätzige Män­ner, die von ferne stehen blieben. Und sie erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, Meister, erbarme dich unser! Und da er sie sah, sprach er: Gehet hin, zeiget euch den Priestern! Und es geschah, indem sie hingingen, wurden sie rein! Als aber einer von ihnen sah, daß er rein sei, kehrte er um, lobte Gott mit lauter Stimme, fiel auf sein Angesicht zu seinen Füßen, und dankte ihm: und dieser war ein Samaritan. Da antwortete Jesus und spracht Sind nicht zehn gereinigt worden? Wo find denn die neun? Keiner findet sich, der zurückkäme, und Gott die Ehre gäbe, als dieser Ausländer. Und er sprach zu ihm: Stehe auf, und gehe hin, dein Glaube hat dir geholfen.

Die sthrende Scheidewand. ie Aussätzigen blieben von stehen, sagt^unser heutiges J

fern Evan-

gclium. Welch düsteres Schau­spiel! Warum sind sie denn nicht zum großen Arzte hingegangen und haben sich ihm zu Füßen ge­worfen? Warum haben sie ihm nicht ihre geschwol­lenen, eiternden, mißgestalteten Hände und Glie­der vorgezeigt und so sein Mitleid wachgerufen? Daran war schuld eine unsichtbare, große, störende Scheidewand. Vergiß nicht, daß diese unglücklichen Männer Aussätzige waren, welche Die menschliche Gesellschaft aus ihrem Schoß und aus ihrer Nähe verbannte. War ja der Aussatz nicht bloß eine schreckliche, eine schmerzliche, eine unheilbare, son­dern auch eine ansteckende Krankheit. Darum wurde durch religiöse und staatliche Vorschrift der Aus­sätzige von der Gesellschaft isoliert und mußte in Höhlen und Gräbern sein Dasein fristen. Kam ein Gesunder in seine Nähe, so mußte der Aussätzige vcn weitem stehen bleiben, die Hände ausbreiten und laut ausrufen:Unrein!"

Sehen wir in der menschlichen Gesellschaft von deute vielleicht eine ähnliche Scheidewand? Ge- wiß. Es ist der Klassengegensatz zwischen den ver­schiedenen Berufen, zwischen arm und reich, hoch vnd nieder, gebildet und ungebildet, Zivil und Militär: hauptsächlich aber zwischen den eigentlichen

Arbeitern und der sogenannten bürgerlichen Gesell­schaft.

Eine Scheidewand der Wohnung. Wie im Mit­telalter die Juden einer Stadt nur in einem beson­deren Viertel, dem sogenannten Ghetto, wohnen durften, so wohnen heutzutage, besonders in der Großstadt, dieArbeiter" abgesondert von den Be­hausungen der Bürgerlichen. Da erhebt sich oft Arbeiterwohnung neben Arbeiterwohnung, Miets­kaserne neben Mietskaserne, alle mit Arbeitern ge­füllt von unten bis oben. Da gibt es förmliche Arbeiterviertel, dasEldorado" desvierten Stan­des". Die Fabrikbesitzer aber, die Direktoren, die Geschäftsinhaber, die Beamten, die Unternehmer wohnen im Innern der Stabt oder draußen in« einer Villa abseits von Rauch und Trubel.

Eine Scheidewand des Verkehrs.'- Wohl gibt es edle Menschen der höheren Stände, die auch vor demProletarier" den Hut abziehen, mit ihm ver­kehren und ihn menschenwürdig behandeln. Viel­fach aber besteht zwischenBürgerlich" undProle­tariat" eine gesellschaftliche Scheidewand. Man drückt sich scheu an einander vorüber und meidet ängstlich jedes vertrauliche Verhältnis.

Eine seelische Scheidewand. Das ist noch das allerschlimmjte. Die oberen Stände sehen gern auf die unteren mit einer gewissen Ueberlegenheit her­ab, behandeln sie als Menschen zweiter Ordnung oder betrachten sie als Ausbeutungsobjekte. Die unteren Stände aber schauen zu den oberen gern mit Neid, Mißgunst und Haß empor, als wären sie die Räuber ihres Glückes und der Hemmschuh ihres sozialen Aufstieges.

Ist nun diese Scheidewand eine göttliche Ein­richtung? Gerade das Gegenteil. Gott will, daß die Menschen sich als Brüder und Schwestern be­trachten. Die verschiedenen Stände und Berufe sind allerdings von Gott gewollt, da er den Menschen verschiedene Anlagen gegeben hat, damit sie einander ergänzen, einander helfen und ineinander greifen wie die Räder einer Maschine. Alle aber sollen einander achten, ehren und lieben.

Das ist Inhalt und Pflicht unserer christlichen und katholischen Religion.Daran wird man er­kennen", sagt der Stifter unserer Religion,ob ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebet." Der hl. Paulus aber sagt:In Demut achte den andren höher als dich selbst." Besonders energisch geht der hl. Jakobus dem Protzentum und der Par­teilichkeit zu Leibe.Meine Brüder", so schreibt er in seinem Brief,zeigt doch in eurem Glauben keine Parteilichkeit. Wenn in eurer Versammlung ein Mann mit goldenem Ring, in prächtigem Ge­wände eintritt, und dann ein armer in unsauberer Kleidung kommt, und ihr eure- Blicke auf den mit prächtigem Gewände richtet und zu ihm sagt: Setze dich hierher auf den bequemen Platz!", zu dem Armen aber:Stelle dich dahin" oderSetze dich unten an meinen Fußsckzemel" macht ihr da nicht im Innern einen Unterschied und urteilt nach schlechten Grundsätzen? Hört, meine lieben Brüder, hat Gott nicht die Armen dieser Welt aus- erwählt zu Reichen im Glauben und zu Erben des

Reiches, das er denen verheißen hat, die ihn lie­ben?" Dazu bemerkt der hl. Kirchenlehrer Hiero­nymus:Unsere Religion kennt keine Personen­rücksicht und keinen Standesuntcrschied: sie schau! nur auf die Seelen der einzelnen; den Knecht und den Adeligen erkennt sie an den Sitten. Die ein­zige Freiheit Gott gegenüber ist, kein Knecht der Sünde zu sein; und der höchste Adel bei Gott be­steht darin, hervorzuleuchten in der Tugend." Der hl. Abt Bernhard aber schreibt:Die Rücksicht­nahme auf Personen verkehrt die Gerechtigkeit, verletzt die Liebe, zerreißt die Einheit des Christen­tums Da nämlich der Glaube und das Gesetz Christi die Liebe ist, so muß die Kirche alle auf gleiche Weise umfangen und in sich vereinigen. Darum darf sie folgerichtig keinen Reichen wegen des Reichtums ehren und keinen Armen wegen der Armut verachten."

Reißen wir also, so viel an uns liegt, die stö­rende Scheidewand nieder. Ihr Angehörigen der besseren Stände, schaut nicht hochmütig herab auf die Angehörigen der unteren Stände; suchet nach Möglichkeit ihre Lage zu verstehen und zu verbes­sern. Ihr Angehörigen der unteren Stände, be­sonders der ,.Arbeiterschaft", betrachtet nicht die Reichen als Feinde und Ausbeuter, sondern als Freunde, die von der göttlichen Vorsehung die Auf­gabe haben, euch Arbeit und Brot zu geben und euch Weggenossen zu sein in zeitlichen und ewigen Anliegen. Da aber alle Fehler haben, müssen wir oben und unten das Wort des hl. Paulus befol­gen:Einer trage des andern Last und Fehler " Am glücklichsten ist der Zufriedene, der nach dem Sprichwort handelt:

Genieße, was dir Gott beschieden, Entbehre gern, was du nicht hast:

Ein jeder Stand hat seinen Frieden, Ein jeder Stand hat seine Last."

Der Burgpfarre t;»

Die Wohltat des Schutzengels.

Ein Erlebnis Overbergs.

Es find 100 Jahre her, da starb (1826) in Münster der seeleneifrige Priester und erfolgreiche Schulmann O v e r b e r g. In seinen Schriften findet sich der folgende Bericht über eine sehr merk­würdige Begebenheit, die er selbst erlebt hat.

Ich begleitete eines Tages zwei Nonnen, die mich besucht hatten, und einige Tagereisen von hier entfernt wohnten, nach ihrem Kloster zurück. Wir hielten uns am zweiten Tag in N. bei einem Bekannten solange auf, daß der Tag sich schon neigte, bevor wir nach M., dem Ziel unserer Reise, gelangen konnten. Es war bereits sehr dunkel, als wir auf eine sehr große Heide kamen, die bis nahe an M. sich erstreckte, das noch fast drei Stun­den vor uns lag. Obwohl unser Kutscher jetzt aul meine Bitte mit der größten Vorsicht weiter fuhr, geschah dennoch bald, was ich befürchtet hatte: Wif verirrten uns vom Wege, sodaß wir keine Wagen