Kassel, den 5. April 1927
Jaljtg. 37,
Religiöses Wochenblatt
für die katholischen Gemeinden Kassels.
Erscheint jeden Sonntag und kostet monatlich Ausgabe A35 Goldpfennig 3 43 Goldpsennig (fceibl.) Redaktionsschluß Montag. Anzelgen-Preise: Colonelzeile im Anzeigenteil 0,15 Goldmark, Colonelzelle im Reklameteil 0,60 Goldmark. Bei Wiederholung Rabatt. Auskunft and Off.-Seb. 0,10 Goldmark. Porto extra. Anzeigen müssen spätestens bis Montag morgens im Besitz der Fuldaer Actlendruckerel in Fulda sein.
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wochenkalender..
Sonntag, 3. April. Passtonssonntag.
Montag, 4. April. Isidor, Kirchenlehrer, Bisch., t 636.
Dienstag, 5. April. Vincenz Ferrerius, Bek., f 1419.
Mittwoch, 6. April. Vom Tage.
Donnerstag, 7. April. Vom Tage.
Freitag, 8. April. Fest der sieben Schmerzen der sel.
Jungfrau Maria.
Samstag, 9. April. Vom Tage.
Passions-Sonntag.
' (Ev. Joh. 8, 46—59.)
In jener Zeit sprach Jesus zu den Juden: Wer aus euch kann mich einer Sünde beschuldigen? Wenn ich euch die Wahrheit sage, warum glaubet ihr mir nicht? Wer aus Gott ist, der höret auf Gottes Wort: darum höret ihr nicht darauf, weil ihr nicht aus Gott seid. Da antworteten die Juden und sprachen zu ihm: Sagen wir nicht recht, daß du ein Samaritan bist und einen Teufel hast? Jesus antwortete: Ich habe keinen Teu- sel, sondern ich ehre meinen Vater, ihr aber entehret mich. Doch ich suche meine Ehre nicht: es ist Einer, der suchet und richtet. Da sprachen die Juden: Nun er- wenn Jemand meine Worte hält, wird er in Ewigkeit den Tod nicht sehen. Da sprachen die Juden: Nun erkennen wir, daß du einen Teufel hast. Abraham und die Propheten sind gestorben, und du sagst: Wenn jemand meine Wort hält, der wird in Ewigkeit den Tod nicht kosten! Bist du denn größer, als unser Vater Abraham, der gestorben ist? Und die Propheten sind gestorben. Was machest du aus dir selbst? Jesus antwortete: Wenn ich mich selbst ehre, so ist meine Ehre nichts: mein Vater ist es, der mich ehret, von welchem ihr saget, daß er euer Gott sei. Doch ihr kennet ihn nicht; ich aber kenne ihn, und wenn ich sagen würde: ich kenne ihn nicht, so wäre ich ein Lügner, gleich wie ihr. Ich kenne ihn, und halte seine Worte. Abraham, euer Vater, hat frohlocket, daß er meinen Tag sehen werde: er sah ihn, und freute sich. Da sprachen die Juden zu ihm: Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt >wd hast Abraham gesehen? Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, sage ich euch, ehedenn Abraham ward, bin ich. Da hoben sie Steine auf, um ihn zu werfen: Jesus aber verbarg sich, und ging aus dem Tempel hinaus.
Der stärkste Gottesbeweis.
Vexilli regis prodeunt.
„Des Königs Banner wallt hervor, Das heilige Kreuz glänzt hoch empor, Daran der Herr des Lebens starb , , Und ewges Leben uns erwarb."
D singt und jubelt unsere Kirche in V der heiligen Passionszeit, die heute ihr düsteres Tor öffnet. Das Bau- ner des Kreuzes erhebt die Kirche ' und pflanzt es auf vor den Augen ; der Gläubigen und Ungläubigen, k ^rechten und Sünder, der Reichen und Armen, ^Priester und Laien. Auf dieser Kreuzesfahne leht mit blutiger Schrift der stärkste, durchschla
gendste und zugleich der einfachste, rührendste Gottesbeweis.
Ich ging durch die Berge des Schwarzwaldes und stand vor einem Kreuz. Entzückt betrachtete ich die herrliche Fernsicht auf die Täler und Berge, Felder und Wälder, Dörfer und Gehöfte. Nun blicke ich aufmerksam auf das Kreuz und lese auf dem Längsbalken folgende Inschrift:
„Wandrer, willst du schauen Gottes Spur, So schau von hier in die Natur;
Doch willst du ihn noch größer sehn,
So bleib bei diesem Kreuze stehn." —
In der Tat, die Natur ist ein erdrückender Gottesbeweis. Kein gesunder Menschenverstand kann sich seiner Kraft erwet.nm. Oder hat sich denn die gigantische Wucht der Berge von selbst aufgetürmt? Oder haben Menschenhände die Erbmassen aufeinander gesetzt? Und die große Lampe, die dort oben hängt am blauen Himmelszelt, die Sonne mit ihrem Lichtmeer, hat sie sich denn von selbst entzündet oder hat ein Elekttotechniker der Vorzeit diese Riesenbirne konstruiert und mit einer solchen Energie von Licht und Kraft geladen und obendrein noch ganz ohne Mast und Draht, unentgeltlich und umsonst? Nein, die Natur, die Sterne, die Berge, die Meere, die Felsen, die Täler sind Werke Gottes, „des allmächtigen Schöpfers des Himmels unb der Erde."
Ich weiß aber noch einen stärkeren Gottesbeweis. Die Kreuzeinschrift verhilft uns dazu.
„Willst du Gott noch größer sehn, So bleib bei einem Kreuze stehn."
Gottes Größe besteht nicht bloß in seiner All- inacht, sondern hauptsächlich in seiner Liebe. Der hl. Johannes hat diese Wahrheit in die Worte gegossen: „Gott ist die Liebe". Das Kreuz aber ist der Zenit und der Triumph der Liebe. Untter Menschen wird es als große Liebe bettachtet, wenn einer seinem Schuldner seine Schuld nachläßt, wenn einer eine Beleidigung verzeiht. Gott hat mehr getan. Wir alle sind seine Schuldner geworden, da wir ihn beleidigt und seine Gebote übertreten haben. Was hat nun Gott getan? Der Sohn Gottes hat die Schuld auf sich selbst genommen und mit dem Gold seines Blutes bar bezahlt. All unsre Schuld hat er auf sich genommen und gebüßt durch seine entsetzlichen Leiden, seinen jammervollen Tod, die schmetzliche Hingabe seines Lebens. Dessen ist das Kreuz beredtes Zeugnis und unvergängliches Denkmal. Ganz durchschauert von diesem Gedanken ruft der hl. Paulus aus: „Er hat mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben." Ist das nicht „der stärkste Gottesbeweis?" Ein Mensch war ja gar nicht fähig, einen solchen Rekord der Liebe zu vollbringen. Es war einfach eine göttliche Liebe, eine grenzenlose Liebe, eine selbstlose Liebe, eine Liebe bis zum bittersten Leiden und zum qualvollen Tod. _
Das Kreuz - ist ein Gottesbeweis nicht bloß in der Vergangenheit, sondem auch in der G e g e n- wart. Die Liebe des Gekreuzigten ist eine Sonne,
die nicht untergeht, deren Glanz nicht abnimmt, deren Glut nicht erlöscht. Was hat einen Apostel Paulus angetrieben, die Bequemlichkeiten und Ehren der Welt zu verlassen, den Haß der Juden auf sich zu laden, die Welt am Wanderstab zu durchmessen, die Tiefen des Ozeans zu durchqueren, Geißelstreiche, eiserne Ketten, Kerkerhaft zu ertragen und schließlich sein Haupt dem Schwertstreich zu neigen? Er selbst sagt es uns: „Die Liebe Christi drängt mich." Was hat die vornehme Römerin Melania veranlaßt, ihre Grundstücke, Kapitalien, Edelsteine, Prunkgewänder zu verschenken und an der Geburtsgrotte zu Bethlehem ein Leben der Armut und Verborgenheit zu führen? Das Beispiel der gekreuzigten Heilandes. Was hat den Pater Damian bewogen, den stillen Frie- den des Klosters mit der Insel der Aussätzigen zu vertauschen, den armen, mißgestalteten Opfern des Aussatzes Arzt und Priester, Vater und Mutter zu werden? Nur die Liebe des Gekreuzigten.
Eine Jungfrau aus vornehmem Stand wollte einst ins Kloster gehen. Die Mutter Oberin malt« ihr das Klosterleben von der strengsten Seite, damit die Kandidatin sich nachher nicht über Vertuschung oder Enttäuschung zu beklagen habe, schweigend Hötte das Fräulein von den Strengheiten in der Zelle, im Kapitel und im Speisesaal. Meine Tochter, sprach die Oberin, Sie antworten mit nichts?" Lebhaft erwiderte das Edelfräulein: „Ehrwürdige Mutter, ich möchte Sie nur über eins um Auskunft bitten: Ist in der Zelle, wo man so enge wohnt, im Speisesaal, wo man die so rauhe und karge Mahlzeit einnimmt, im Kapitel, wo man so strenge Verweise erhält, ist an all diesen Orten auch ein Kreuz anzutreffen?" Freudig sprach di« Oberin: „Ja, meine Tochter, überall, in all diesen Gemächern werden Sie Kreuzbilder finden." „O, ehrwürdige Mutter", entgegnete die Jungfrau, „lassen Sie mich eintreten; denn wo ich ein Kreuz antreffe, da hoffe ich nichts Beschwerliches zu finden."
Vergessen wir nie die Liebe Gottes, unseres Heilandes. Und solltest du jemals in Versuchung sein, sie zu vergessen, so genügt ein Blick zum Kreuz. Darum ist es nämlich in der Kirche, in der Stube, in der Schlafkammer, auf der Straße, an öffentlichen Plätzen angebracht, damit wir jederzeit an die Liebe Gottes "erinnert werden. Jedes Kreuz möge dir in Zukunft ein Gottesbeweis sein. Gott hat mich geliebt, ein Gott ist für mich gestorben- Möge das Kreuz seine Strahlen hinauswerfen in die Welt und in die Seelen, schöner als die Frühlingssonne. Möge das Kreuz die Großen und Reichen rühren, um die Liebe Gottes nachzuahmen durch Wohltun und Freigebigkeit. Möge das Kreuz die Armen, die Arbeitslosen, die Wohnungslosen, die Leidgeplagten und Schwergeprüften rühren, daß sie in Geduld dem Gekreuzigten nachfolgen. Möge das Kreuz die Sünder rühren, daß sie zur Buße sich wenden, daß sie im Kreuz Verzeihung suchen, daß sie die hl. Sakramente der Buße und des Altars empfangen. So wird der Spruch sich be«