Kassel, den 5, Oktober 1926
Nr. 4V
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Religiöses Wochenblatt
für die katholischen Gemeinden Kassels
Erscheint jeden Sonntag und kostet monatlich Ausgabe A35 Goldvseanig B 40 Goldpfennig (sreibl.) Redaktionschluß Montag. Anzeigen-Preise: Tolonelzeile im Anzeigenteil 0,15 Goldmark, Tolonelzeile im Reklameteil ; 0,60 Goldmark. Bei Wiederholung Rabatt. Auskunft and Off.-Geb. 0,10 Goldmark. Porto extra. I Anzeigen müssen spätestens bis Montag morgens im Besitz der Fuldaer Actiendruckerei In Fulda sein.
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Sonntag, 8. Okt. 19. Sonntag nach Pfingsten.
Montag, 4. Okt. Franzstskus von Ässisi, f 1226.
Dienstag, 5. Ott. Piazidus und Gen., Mart., f 546. Mutwoch, 6. Okt. Bruno, Stifter des Karthäuserordens, t 1101.
Donnerstag, 7. Okt. Fest des hl. Rosenkranzes.
Markus. Papst, Bek. Sergius u. Gef., Mart., f 336.
Freitag, 8 Okt. Brigitta, Witwe, f 1373.
Samstag, 9 Oit. Dionysius und Gef, Mart.
Neunzehnter Sonntag nach Pfingsten.
(Evang. Matth. 22, 1—15.)
|ei, sondern tat schlicht und einfach, was Jesus sagte. Franziskus lebte der wett das Evangelium vor. Ein herrliches, wunderbares Leben! Der Eindruck auf die Menschen war ungeheuer überwältigend. Wie er, nur mit dem grauen Kleid und dem Strick angetan, als der „Herold des großen Königs" durch die Gaue zog, und wie die staunenden Menschen sahen, daß er so ganz tief ergriffen war von der Lehre Jesu und seiner Kirche, und dabei eine Fröhlichkeit zeigte, wie man sie kaum je gesehen, da drängten sich Hunderte, Tausende an ihn. Sie wollten von ihm lernen, wollten ein Stück seines tiefen Glaubens, seiner Freude mithaben. Biele nahmen jein Ordenskleid, im ersten, zweiten oder dritten Orden.
Diesem herrlichen Mann soll in diesem Jahr unser frommes und verehrungsvolles Andenken gelten. Pius ruft; wohlan, wir kommen! In St. Franziszi trauter Schule wollen wir ganze Christen werden. Soviel Unsicherheit, Wankelmut, Unentschlossenheit und Freudlosigkeit ringsum! Zu den Füßen des Armen von Assisi sißend, laßt uns erstarken in der Kraft des hl. Glaubens und in der Fröhlichkeit der Kinder Gottes. Mehr Glaube — mehr Christentum — mehr Liebe — mehr Freude!
Franziskus-Jubiläum.
Von hoher Warte hat der Hl. Vater zu uns gesprochen. Er überschaut die ganze Welt, die christliche und ungläubige, er beobachtet den Einfluß der katholischen Religion auf die Menschen. Da sieht er manches, Erfreuliches und Unerfreuliches, Edles und Niedriges, Erhebendes und Drückendes. Er möchte gern ein Heilmittel für alle bieten, und da weist er die Welt in diesem Jahre auf die Gestalt des Armen von Assisi, des hl. Franziskus, hin. Sein Geist, seine Nachfolge soll uns helfen, stärken, aufrichten, retten.
Die Zeit, in welcher der Heilige lebte, glich in mancher Hinsicht der unsrigen. Damals stand an der Spitze der Kirche der gewaltige Innozenz Hl., der sein Oberhirtenamt herrlich auffaßte, der einen tiefgreifenden Einfluß auf Staaten und Völker ausübte, dem die Mächtigen der Erde huldigten. Wir haben im vorigen Jahre gesehen, wie unab-- sehbare Scharen von Pilgern nach Rom eilten und dem seiner Stellung nach so hohen, seinem Charakter nach so demütigen Papst Pius XI. ihre Ehrfurcht bezeugten.
Und doch klaffte damals in der Christenheit derselbe Spalt, den wir heute schmerzlich beobachten müssen, der Spalt zwischen Religion und Leben. Die Besten und Edelsten empfanden ihn tief und beklagten ihn in erschütternden Worten. Der großen Menge war er nicht oder kaum bewußt; man wollte eben Christ sein, das Gegenteil galt dem Mittelalter als die größte Schmach; aber viel Leichtsinn und Oberflächlichkeit, viel weltliche Gesinnung und Sünde herrschte in weitesten Kreisen.
Da trat der Arme auf; keinem ward jener Zwiespalt im Leben der Menschen tiefer und eindringlicher bewußt als ihm. Nur ein Ideal leuchtete ihm: das Evangelium, das ganze, ungeschmälerte. So las er denn und betrachtete und durchkostete innerlich alle seine Lehren; und jedes Wort Jesu ward für ihn wie ein Ereignis; er wandte alles auf sein Leben an, und dann bemühte er sich, ohne lebe Rücksicht auf Menschenfurcht und Eigenliebe, mit dem ganzen vollen Evangelium Ernst zu ma-
Er machte keine Abstriche, er untersuchte nicht ängstlich, ob ein Ausspruch Jesu allen oder nur einzelnen gälte, ob es ein Gebot oder nur ein Rat
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56. Jahrg. j U II ■ -"—M
Der liebliche Vollmond.
m Augenblick, wo ich mich niedersetze, um zu Ehren des guten Vaters Franziskus eine Lesung , zu schreiben, da wir ja dessen 700- jährigen Geburtstag für den Himmel begehen, blicke ich durchs
möchtest du wissen, warum alle Welt mir nachläuft? Das ist gekommen von den Augen des allerhöchsten Gottes, die keinen größeren Sünder auf Erden erblickt haben als mich; deshalb hat er mich zum Werkzeug erkoren, um durch mich feine Werke zu vollbringen." Ein anderes Mal hat er dem Bruder Leo aufgetragen, ihm folgende Worte nachzusprechen: „Bruder Franziskus, durch deine Sünden und Bosheiten hast du die Hölle verdient." Doch vom Geiste Gottes getrieben, gab Leo zur Antwort: „Bruder Franziskus, durch die Gnade Gottes wirst du viel Gutes stiften und den Himmel gewinnen."
Wie ferner der Mond die Erde erleuchtet, so hat St. Franziskus in seinen Tagen die ganze Kirche erleuchtet, Papst und Bischöfe, Priester und Laien, Vornehme und Geringe. Reiche und Arme, Männer und Frauen. Sein Leben an der Schwelle des 13. Jahrhunderts war ein wunderbares Schauspiel für die Engel und Menschen, ein Segen für die Mit- und Nachwelt .
Sohn des reichen Kaufmanns Bernardone in Assisi brachte Franziskus seine Jugend in unschuldigen Freuden zu. Im Kreise seiner Kameraden war er der Held des Tages, der König der Unterhaltung. Er war ihr geborener Führer in Frohsinn und Scherz. Dabei überschritt seine Fröhlichkeit niemals die Grenzen der Sittsamkeit und der Moral. Eine Krankheit gab seinem Lebensschifflein eine andere Richtung. Franziskus wollte ungeteilt und ausschließlich Gott dienen in Demut und Armut. Die Welt mit ihren Freuden, Gütern und Täuschungen sollten ihm gekreuzigt werden. Feierlich verzichtet er auf sein väterliches Erbe, zieht eine Kutte um den Leib, einen Strick um die Lenden und bettelt von Tür zu Tür Brot und
Fenster und gewahre hoch am Himmel den Mond, der mit raschen Schritten sich zum Vollmond ent-
wickelt. Wie eine silberne Kugel steht er am Himmel und beleuchtet mit seinem prächtigen, milden Licht die Finsternis dieser armen Erde.
Der Mund scheint mir ein treffliches Gleichnis des hl. Franziskus. Ist nicht der Mond so eine Sonne im kleinen? So ist auch der hl. Franziskus ein Christus im kleinen, ein Ebenbild Christi, so rein, so treu, wie es in der ganzen Geschichte der Heiligen nicht mehr vorkommt. Der Mond nimmt sein ganzes Licht von der Sonne. So führte auch der hl. Franziskus all seine Gnaden ,all seine Vorzüge, all seine Auszeichnungen, all seine Tugenden, alle seine Erfolge auf Christus zurück. Die geringste, Regung der Eitelkeit oder des Stolzes war ihm fremd. Als er einmal vierzig Tage fastete, ließ er sein mitgebrachtes Brot bis auf ein halbes unberührt; ein halbes aber hat er gegessen, damit es nicht den Anschein habe, als hätte er es Christus gleich getan. Mit dem Genusse dieses halben Brotes hat er das Gift des Stolzes ausgetrieben. AIs einst Bruder Massäus ihn fragte: „Bruder Franziskus, wie kommt es doch, daß alle Welt dir nachläuft, da du doch weder Schönheit, noch Reichtum, noch Wissen besitzest?", gab St. Franziskus in seiner Einfalt die Antwort: „Bruder Massäus, das
Spott. Im Kirchlein S. Damian vernimmt er von einem Kruzifix die Worte: „Franziskus, geh hin und stelle meine Kirche wieder her." Und Bruder Franz sammelt Steine und Almosen und setzt mit eigenen Händen und mit Hilfe guter Menschen das Kirchlein S. Maria degli Angeli wieder in Stand. Doch der Auftrag war symbolischer Natur: die ganze Kirche sollte Franziskus an Haupt und Gliedern reformieren.
Bald schlossen sich ihm Gefährten an, Bruder Bernhard, Bruder Aegidius, Bruder Leo, alle drei aus feiner Vaterstadt. Auch aus der Umgebung fliegen ihm junge Leute in Scharen zu. Er entwirft für sie eine Regel, die er dem Papste Innozenz zur Bestätigung vorlegt. Dieser war ursprünglich entschlossen, Neugründungen von Klöstern zu verhindern. Doch in einem Gesicht sieht er die Peterskirche wanken und einen Mann herbeieilen, sie zu stützen. Als darauf Franziskus sich ihm vorstellte, erkannte der Papst in ihm den Mann der Erscheinung und genehmigte die Regel.
Auf dem sogenannten „Mattenkapitel" konnte! Franziskus bereits 5000 Ordensmitglieder begrüß ßen. Daneben gründete der eifrige Bruder Franz noch einen weiblichen Zweig eines Ordens, dessen