Die NsuZahrsnacht eines Unglücklichen.
Von H. Recke borg. (Nach dem Leben erzählt.)
Beim Scheine der mit mattem Seidengrün behangenen Schreibtischlampe sitzt in vorgerückter Nachtstunde Emmi, die Tochter des reichen Fabrikbesitzers Arnold Steffens. Die Pflege des schon seit mehreren Jahren altersschwachen Vaters ließ ihr wenig Zeit zu ihren gewohnten Korrespondenzen, und täglich wurde das Schreiben an liebe Bekannte hinausgeschoben. Heute aber hat sie ein Stündlein dem emsigen Schassen abgerungen; denn Eile fordert von ihr, den in der Fremde weilenden Bruder von dem besorgniserregenden Zustande des Kranken in Kenntnis zu setzen. Eben hat die alte, liebe Schwarzwälder Kuckucksuhr die 11. Nachtstunde angezeigt. Da hat sie schnell noch die Schlußzeilen des Briefes geschrieben; hat mit zitternder Hand die eindringliche Bitte wiederholt, daß Karl, ihr lieber Bruder, doch endlich die Geschäfte vorübergehend beiseite stellen möge, und nach zweijähriger Trennung vom Vaterhause endlich in ernster Stunde heimkehren und dem sterbenden Vater, der so sehr nach ihm verlangte, letztes Lebewohl zu sagen. O, was war es für eine marternde Stunde gewesen, die ihr die traurigen Zellen diktiert! Mit fiebernden Lippen hat sie den Brief versiegelt und zum nahen Postamte gebracht, damit der erste Frühzug ihn noch rechtzeitig befördere. Des Vaters Stöhnen hat sie wieder an die Lagerstatt des Schwerkranken gerufen, und wie nicht anders gewohnt, hat sie auch in dieser Nacht die Krankenwache als tröstender und helfender Engel der Barmherzigkeit angetreten. —
Jm großen, geräumigen Kontor der Weltfirma Hapag in Hamburg empfängt Karl unter den heute so zahlreich eingegangenen Geschäftsschreiben auch das mit zarter Aufschrift an ihn gerichtete Brieflein Emmis. Wie gerne hat er im Lesen ihren Zeilen den Vorzug gegeben. Auch heute hat er es zuerst geöffnet in der angenehmen Hoffnung, Neuigkeiten von nah und fern, von Bekannten und Ver- manbten wie gewöhnlich zu empfangen. Doch wie starrt sein Blick auf die flüchtig geschriebenen Zeilen, die Schwesternliebe ihm gesandt. „Der Vater besorgniserregend erkrankt — Sofort kommen —- Vater verlangt sehr nach Dir!" so künden Emmis Zeilen. Wie hämmert sein Herz bei dem Gedanken, den Vater schon seit zwei Jahren nicht mehr geschaut zu haben, obwohl er doch einige Tage gewiß erübrigt haben könnte. Doch er, infolge der Demobilmachung als aktiver Offizier aus dem Heere geschieden, vor dem die graue Zukunft eines erwerbslosen Daseins sich turmhoch vor seinen Blicken auftürmte — er hat sich mit Mannesmut und Fleiß und Energie einem neuen, ungelernten Berufe in die Arme geworfen — hat vom Bürogehilfen sich zum Prokuristen emporgeschwungen und geschworen, nicht eher heimzukehren, bis ihm eine Lebensstellung im genannten Industrieunternehmen sicher. Die Fortführung der Abteilung B mit dem Titel eines Direktors hatte ihm das Christkind vor einigen Tagen beschert. Hocherfreut hatte er schon Reise- pläne zu lieben Freunden und Bekannten entworfen. Selbstverständlich würde er sich auch dem alten Vater und der lieben Schwester vorstellen. — In diesem himmelaufjauchzenden Gefühl der Freude trifft ihn jetzt Emmis traurige Mitteilung. Fassungs
los hält er den Brief in seinen Händen, vorerst noch unfähig, feine Gedanken in die gewohnten Geschäfts- b ahnen zu lenken. Da zuckt's wie ein Blitz durch sein Hirn, als vom Schreibtisch her das Einladungsschreiben seiner Freunde im Heimatsort zu ihm aufschaut. Gestern noch erhielt er vom Offiziersbund das Brieflein als Einladung zur Silvester- feier. Programm mit musikalischen Darbietungen und nachfolgendem Ball hatten ihm selige Stunden in Freundeskreisen verheißen.
Und schnell war er mit sich im Klaren — dahin mußte er nach zweijähriger Abwesenheit eilen, sich den ehemaligen Kameraden und Mitschülern vorzustellen. Gedmrkenaustausch aus trüben und heiteren Tagen sollte dann die Würze der Feierstunden sein. — Noch hält er der Schwester trübe Nachricht in den Händen. — Noch ruft der Freunde lieber Kreis ihn zu fröhlicher Feier; hier tauchen trübe Ahnungen in seinem Geiste auf, alle seine Pläne zerstörend. Schwer ringt's in seiner Seele. — Endlich nach Erledigung der notwendigen Geschäfts- papiere hat er sich entschlossen, mit dem ersten Frühzuge heimzufahren. Vielleicht würde sich des Va- ters Zustand gebessert — vielleicht konnte auch die ängstliche Schwester — wie nun einmal Frauenseelen sind — sich in dem Zustand des Vaters geirrt haben. Vielleicht, und dies mochte ihm das wahrscheinlichere sein — hatte sie in angeborenein Raffinement ihn getäuscht, um ihn durch Vorspiegelung falscher Tatsachen desto schneller heimwärts zu ziehen. Hatte sie ihn nicht des öfteren in lieber Weise genarrt?! Wenn das der Fall, dann sollte das Wiedersehn doch noch ein herzerfrischendes sein — dann käme er auch bei der Silvesterfeier auf des Offiziersbundes auf feine Rechnung.
Mit wirren, wilddurchjagenden Gedanken hatte er feine Koffer gepackt. Das Geschäftsauto brachte ihn in früher Morgenstunde zum hellerleuchteten Hauptbahnhof, wo tausende froher Menschenkinder durcheinanderfluteten. Sein Zug war schon dicht gefüllt; mit knapper Not konnte er sich noch einen Sitzplatz im Abteil 2. Klasse sichern. Das Licht des Wagens abgeblendet, den Kopf wie zum Schlummer gegen die Rückenpolster gelehnt, konnte er sich so recht dem Gedankenspiel hingeben. Der Zug ratterte durch das Dunkel der Nacht; Gsspensterhaft huschten die Lichter der osrübersausenden Straßen der Ortschaften vorüber. Gespensterhaft tanzten in seinem Hirn Gedanken in vielbundem Gewand auf und nieder. Und dazwischen zogen schwarze Trauergestalten auf, die ihm Totenbahre und Leidtragende verkörperten. Heiß hämmerte es in seinem Hirn. — Die Morgennebel wichen dem Schatten der Nacht. Die Bergeshäupter der Heimat winkten ihm den ersten Willkommengruß zu. Es wurde ihm leichter ums Herz. Die Zeiger seiner Uhr meldeten ihm, daß er bald daheim sei. Da, endlich brauste der Zug in die Halle des Heimatbahnhofes. Tücher winken — Rufen und Grüßen sind ilM Boten der Heimat. Kräftige Freundesarme umfangen ihn. Es sind Heinz und Wilhelm, feine lieben alten Schul- und Kriegskameraden, die er von feinem Kommen benachrichtigt hat. Wie lieb sind sie ihm zugetan! Wie beredt fließen die ®dtte von ihren Lippen beim Anblick des alten Getreuen, den sie nach langer Trennung wieder begrüßen dürfen. Doch Karl ist's eigenartig zu Mute. Nur lässig beantwortet er all die Fragen der lieben Freunde; sein Geist weilt daheim im Elternhause. „Wo mag die Schwester geblieben sein?" so drängte sich ihm
stürmisch die Frage auf, die Schwester, die ihn stets am Bahnhofs empfangen. Hatte er nicht telegraphisch sie in Kenntnis gesetzt? Sollte sie doch vielleicht dies Mal ihre narrende Manier verleugnet und 'ben Ernst der Lage wirklich geschildert haben? — Mit diesen verzehrenden Gefühlen, nach kurzem Scheidegruß der Freunde, war er in den Flur der Elternwohnung eingetreten. Eisiges Schweigen umfängt ihn. Still und leise hat er sich seiner Garderobe und seines Gepäcks entledigt. Da tritt ihm Emmi mit rotgeweinten Augen entgegen. Stummen Schmerzes liegen sich Bruder und Schwester in den Armen. Doch schnell hat sich Karl gefunden. Sein erster Gedanke ruft nach dem Vater. Von Emmi erfährt er gar zu rasch, daß der Vater um ihn sehr besorgt, daß er sehnsüchtig nach ihm verlangt. Schwer ringt er in den legten Stunden und kann ohne ihn nicht die Augen schließen, in dem Bewußtsein, seinen Sohn hienieden nicht noch einmal geschaut zu haben. Da ist der in Manneskraft strotzende Karl aus der Schwester Armen ins Krankenzimmer getreten — und — Worte können es nicht schildern, was Vater und Sohn ob der Wiederkehr bewegte. Der kranke, alt« Vater, den schon des Todes kalte Hand leis berührt, der mit übermenschlicher Kraft sich gewehrt und den Knochenmann von sich gestoßen — der gebrechliche Greis hat sich noch einmal emporgerichtet. Worte der Freude, wie sie sein müder Mund seit langen Wochen nicht gesprochen, fließen von seinen Lippen. Stolz glänzt sein Auge bei des Sohnes Worten, lie ihm von feiner stolzen Laufbahn und dem Direktortitel erzählen. Da hat er Karl in die Arme geschlossen. Freudentränen perlen in seinen weißen Bart, und aus seiner keuchenden Brust ringen sich stammelnd die gebrochenen Worte: „Nun kann ich heimwärtsfahren, mein Gott, denn Du hast mir einen würdigen Nachfolger beschert!" — Doch nur vorübergehend sollte die Gemütsaufwallung sein.' So schnell wie sie emporgelodert — so schnell sollte sie auch wieder gedämpft werden. Kraftlos sinkt der Greis in die weißen Kissen zurück. Atemschwer stehen Sohn und Tochter an des Vaters Krankenbett. Karl ist anfänglich ganz überrascht über den vermutlich gebesserten Zustand des Kranken. Emmi jedoch beteuert ihm, daß es nur ein leides Aufflackern des bald scheidenden Geistes sei. „Wie töricht doch eine Frauenseele oft urteilt!" so erzählt Karl im Flüstertöne Emmi, als beide ins angrenzende Nebengemach zurückgetreten. Ihm als Kenner der Menschenseele, der im großen Weltenbrand dem Tode schon so oft ins Auge geschaut —< will es nicht in den Sinn, daß der Vater vielleicht schon heute das Zeitliche segnen könnte. Er findet deshalb gar keinen Grund, der Einladung seiner Freunde fernzubleiben. Ja, wenn der Vater am Sterben liege! Der Schwester innige Bitten können ihn nicht bewegen, die Nachtwache mit ihr zu teilen. Unfaßbar in Denkungsweise und Handeln ist es Emmi geworden. Wie lieb war er doch früher zu ihr gewesen; wie hatte er nie einen Wunsch ihr abgeschlagen. Und heute, gerade jetzt in dieser ernsten Stunde, wo sie doch ganz gewiß glaubte, er würde daheim seine Seele baden in heimatlichen' Erinnerungen aus fernen Kindertagen — der gerade heute ihr die schwere Bürde abnehmen und wemasrens einige Stunden am Krankenlager Nachtwache halten würde — nein. Jetzt muß sie Hörers daß er anderen Pflichten nachkommen muß. Pfliü)-s ten seinen Kameraden gegenüber, denen er recfptc^