Nr. 301
Menâq den 24. Dezember 1929
Sette
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Die größte Spionin Deutschlands *)
(Schluß)
Sie entfaltet eine zielbewußte, umfangreich« Tätigkeit. Ihrer Energie gelingt es, ein paar Frauen zu veranlassen, um die Erlaubnis der Reise einer spanischen Roten-Kieuz-Delegation durch die Feldlazarette der französischen Armee nachzukommen. Nur aus Frauen wird diese Delegation bestehen, diplomatische Beziehungen werden in die Waagschale geworfen. Vorstellungen werden erhoben, es dauert geraume Zeit, aber schließlich wird den Spanierinnen die Erlaubnis zu dem Plane gegeben.
Niemand von den sieben Frauen, die außer Annemarie Lesser an dieser Fahrt teilnehmen, ahnt auch nur im entferntesten, was es mit der vornehmen, aber etwas exaltierten und reichen Südamerikanerin, die jetzt in ihrer Mitte wollt, wirklich für ein Bewandnis hat.
Man stellt eine Autokolonne zusammen. Lebensmittel, Wäsche und Genußmittel werden auf zwei große Lastautomobile verladen, zwei schwere Personenkraftwagen werden besorgt und die Fahrt beginnt.
Die Reise geht die Westfront entlang »
Don Feldlazarett zu Feldlazarett, von Etappenort zu Etappenort fährt die Kolonne der mildtätigen spanischen Damen, von den französischen Offizieren ritterlich empfangen und geleitet. Bon Süden nach Norden geht die Reise und zurück von Norden nach Süden, immer ein paar tausend Meter hinter den vordersten Feldlazaretten entlang. Auf der Rückreise kommt man eines Abends, es ist schon in der Mitte des Monats August, in ein kleines Feldlazarett an der Marne, das die Offiziere und Krankenschwestern „St. Marie de Notre Coeur" getauft haben.
In dieses Lazarett sind im Laufe des Tages eine große Anzahl Verwundeter eingeliefert worden, Offiziere und Mannschaften, die bei einem plötzlichen Singriff der Deutschen verwundet wurden. Das Feldlazarett ist überfüllt. Auf die Frage der spanischen Damen an den Chefarzt, was sie für die Bevwundeten tun könnten, erwidert der Arzt lakonisch: „Mit ansassen." Die Damen lassen sich das nicht zweimal sagen, die Automäntel fliegen herunter, weiße Lazarettkittel treten an ihre Stelle, und die Schwesternschaft dieses Lazarettes hat eine plötzliche, aber erwünschte Verstärkung erhalten.
Annemarie Lesser wird der Oberschwester zugeteilt, sie erhält die Aufgabe, die Verwundeten, die von den Operations- und VerbanÄstischen der Aerzte kommen, in einem großen Zelt zu betten. Mehr als 100 Feldbetten stehen bereit, um die Unglücklichen aufzunehmen.
Aus dem Operationsraum bringen die Träger zwei Offiziere. Einen französischen Generalstabs- MvitSch der bei einer ZUtoitiäLJJiti
eine Schrapnellkugel in die Schulter erhielt, und [ einen belgischen Sappeuroffizier, der zu. Jnforma- tionszwecken einem französischen JnfantemereglmL-tt ^m-^ilt u^>r, und »ti jrtg mir emäin Infantene- schuß im Bein daliegt. Die Träger bringen die
: Bahren mit den beiden Offizieren in das Zelt, die Oberschwester bemüht sich um den Kapitän und Annemarie Lesser faßt mit an, um den belgischen Oberleutnant zu betten.
Sie schiebt ihm die Kissen unter dem Kopf zu- l,recht, und der Offizier, trotz seiner Verwundung völlig wach und bei gutem Verstand, bittet um eine I Zigarette, die man ihm aus der Tasche seines Waf- I senrockes reichen solle. In dem Augenblick, in dem I Annemarie Lesser sich über ihn beugt, um ihm Feuer I zu geben, in diesem Augenblick stutzt der belgische I Offizier. Die Farbe weicht aus seinem Gesicht, er I starrt die Krankenschwester an, schlägt ihre Hand I mit dem Streichholz zur Seite, ruft:
I »Ordonanz, Kameraden schnell her, es ist eine deutsche
Spionin — "
Der französische Generalstabskapitän ruft ihm I unter Schmerzen zu: „Wer ist es denn? Wo ist die I Spionin?"
Der Belgier zeigt auf Annemarie Lester. Sie ruft:
„Reden Sie doch keinen Unsinn, ich bin ein Mitglied des Roten Kreuzes, ich bin aus den Südstaaten von Amerika hierher gekommen." Sie ruft das mit einem gutmütigen Lachen und sie fügt hinzu: „Sie sehen Gespenster, mein Lieber!" Aber ihr Herz krampft sich zusammen. Sie weiß, wer der belgische Offizier ist, der sie erkannt hat. Es ist Rens Austin, damals belgischer Leutnant, mit dem sie in Brüssel geflirtet, der sie schon einmal entlarvt und dem sie mit knapper Not an Bord eines holländischen Schleppkahns entkam.
Der Belgier läßt sich nicht täuschen. Er richtet sich hoch in seinem Bett auf und schreit, daß das ganze Personal zusammenläuft und die Verwundeten unruhig die Köpfe drehen: „Ich weiß es ganz genau, ich kenne sie, es ist eine deutsche Spionin, es ist Mademoiselle doeteur."
Der französische Ge n eralstabskapitän zuckt bei diesem Namen zusammen. „Oh", ruft er, wenn Sie das genau wissen, Kamerad, dann machen wir einen guten Fang", und er winkt zwei Aerzte heran, die in das Zelt treten, um sich nach der Ursache des Lärmes zu erkundigen. „Nehmt diese Frau fest, es ist eine Spionin?
Aufgeregt will Ren« Austin erzählen, wie er diese Frau einmal entlarvt hat, da geschieht etwas Unerwartetes.
Annemarie Lester beugt sich zur Erde. Sie greift mit schnellem Griff den Mantel des französischen Kapitäns mit dem Koppel, das an ihm hängt und das die Revolvertasche hätt, springt auf die Zeltbahn zu, reißt sie zur Seite und läuft zu den Automobilen. Die Aerzte hinter ihr her, sie rufen:
„Haltet die Spionin"
Zwei Soldaten, die bei den parkenden Wagen stehen, fahren zusammen, heben die Gewehre, da schlägt die fliehende Frau, die sich schon den weißen Kittel vom Leibe gerissen hat, einen Haken, und springt mit Kräften, die ihr keiner zutraut, mit einem Riesensatz über eine Hecke. Sie fällt hin, rafft sich auf, läuft zehn Meter bis zu einem Wäldchen. Schüsse krachen hinter ihr her. sie verfehlen ihr Ziel, aber peitschen die Muskeln der Frau zum Aeußersten auf. Sie hört die Verfolger hinter sich, sie läuft durch den Wald, den Revolver des Offiziers entsichert in der Rechten, den Mantel über der linken Schulter. Sie läuft um ihr Leben. Als das Wäldchen zu Ende ist, überquert sie im sinkenden Abend eine Chaussee, sie wechselt die Richtung und läuft auf den Kanonendonner zu, der deutlich vernehmbar ist und der ab und zu durch das ferne Knattern der Maschinengewehr« unterbrochen wird.
Ueber eine Wiese, die von Granattrichtern über- MM^MWMWtMMWWMMWMUM liegen Anhohen, kleine Berge, die sie sich anschlckt fjinauf Ansteigen.
Sie kommt 200 Meter weit, da hört sie hinter sich das Keuchen ihrer Verfolger, sie sieht zwei Soldaten, die heranlaufen, das schußfertig« Gewehr in der Hand. Sie findet Deckung hinter einem Baum, die Soldaten kommen über eine Lichtung, da hebt die Frau den Revolver, ein paar Schüsse krachen--.
Den Berg hinauf geht eine Gestalt. Sie trägt an den Füßen das Schuhzeug französischer Soldaten mit gewickelten Gamaschen ein Offiziersmantel umhüllt sie, die Rangabzeichen sind, wie in der vordersten Linie üblich, abgerissen, eine Soldatenmütze geht tief in das Gesicht. Dieser Mensch geht ruhig Schritt für Schritt die Marneberge hinauf und einmal bleibt er stehen, er sieht hinter sich, wie ausgeschwärmte Postenketten angefeuert durch Kommandonrufe der Offiziere mtt" Spürhunden den Wald absuchen.
Vor der Postenkette, die auf sie zutreibt, flieht Mademoiselle doeteur in die Nacht. Die Richtung weisen ihr der Kanonendonner, dem sie sich immer mehr nähert, und die Leuchtkugeln, die die Nacht erhellen. Die vermeidet die Batteriestellungen und die provisorischen Unterstände einer Truppe, die den Rückmarsch der eigenen Formationen deckt.
Mtt nachtwandlerischer Sicherheit und fast hellseherischen Gaben findet die Frau den Weg durch die weit auseinander gezogenen Postierungen der französischen Truppen.
Ein deutscher Artillerieoffizier, der im ersten Morgengrauen mit einem Unteroffizier und einer Ordonnanz über die erste Postenkette der eigenen Infanterie zur Erkundung vorgegangen ist, hört plötzlich im Walde vor sich Schritte. Er nimmt mit feinen Leuten, den Revolver im Anschlag, Deckung hinter einem Haufen geschlagenen Holzes und sieht plötzlich, wie ein französischer Soldat über eine Lichtung kommt.
„Haft!" schreck der Offizier,
„Hände hoch"
Bereit zu schießen sowie der Feind seinem Befehl nicht nachkommt.
Der Soldat bleibt sofort stehen. Sofort hebt er die Hände hoch. Einen Augenblick lauscht der Offizier in den Wald, aber als alles still bleibt, ist er mit einem Satz bei dem französischen Soldaten und ruft ihm zu: „Gefangen! Prisonmerl"
Den Revolver 'm der Hand steht der Offizier jetzt dicht neben feinem Gefangenen. Da reißt dieser die Mütze herunter: „Gott sei Donk," sagt eine Frauenstimme in gutem Deutsch, bringen Sie mich sofort zum nächsten Stab!"
Der Offizier ist sprachlos. „Machen Sie schnell," sagt die Frau in der Uniform eines französischen Soldaten. „Ganz schnell, ich bin eine deutsche Spionin, und habe die wichtigsten Nachrichten."
Der Offizier ist jung und intelligent. Er bricht sofort seine Erkundung ab, es geht im Eilschritt zurück durch die Dorpostenlinie zur Truppe, zum Bataillonsstab, zum Regimentsstab, ein Kraftwagen der Division kommt an, und vor dem Generalstabsoffizier des Armeekorps fällt eine Frau in der Uniform eines französischen Soldaten in Ohnmacht.
Zwei Stunden später, als auch der Generalstabsoffizier der Armee herbeigeeilt ist, sitzt vor ihm an einem Tisch Mademoiselle doeteur. Ein« Krankenschwester hat ein Kleid hergegeben und ein Arzt empfing ein Geständnis. Morphium hatte Annemarie Lesser zu ihren alten Energien schnell zurückgebracht. Was die Spionin den beiden General- stabsoffizieren erzählt, ist erschütternd. Von überall her find an der französischen Front neue Truppen im Anmarsch, gut ausgerüstet, glänzend verpflegt, amerikanische Truppen in ungeahnten Stärken befinden sich wohlausgeruht und gut gelaunt in den Kräfterefervoirs der feindlichen Armee. Auf den ausgebreiteten Karten zeichnet Mademoiselle doeteur das ein. was sie auf ihrer Fahrt vom Süden zum WMM^MMflen iruuzoiqa-en âien gelegen hat, Truppenverschiebungen werden nach diesen Zeichnungen erkennbar, Flankenmärsche verlieren ihr sorgsam gehütetes Geheimnis, es wird erkennbar, wo der Feind zum endgültigen Gegenstoß ansetzen will.
Bleich stehen die beiden Offiziere, als sie die ungeheure Macht des Feindes erkennen müssen. Der Generalstabsoffizier der Armee weiß, wer die Frau ist, die vor ihm sitzt, ihm ist bekannt, daß er mit der größten und zuverlässigsten deutschen Agentin verhandelt, er weiß daher, daß ihre Nachrichten, so furchtbar sie sind, bis ins einzelne stimmen.
Das Flugzeug bringt Annemarie Lester ins Große Hauptquartier. Jetzt in allen Details gibt sie ihre Nachrichten noch zu Papier, das Erkunüungs- ergebnis fliegt sofort auf die Tische der General- stabsoffiziere aller höheren Kommandostollen der deutschen Westarmee.
Als Mademoiselle doeteur In den vertrauten Räumen des Hauses in der Königgrätzer Straße eintrifft, vermag Matthesius seine Rührung und seine Freude nicht zu verbergen. Als sie in der Nacht beieinander sitzen und Annemarie Lesser ihm die Ergebnisse ihrer Erkundungsfahrt zeigt, da wird auch I. Matthesius bleich. Dem Mann-, der durch Jahrzehnte lang Schlüsse aus Azentennachrichten zu
ziehen gewohnt war, diesem Manne fuhr bei den Aufzeichnungen feiner Kameradin der eisige Schrecken in die Glieder. Ihm wurde klar, was sich nun bald im Westen ereignen müsse.
In der Zeit, in der »er Waffenstillstand geschlossen wurde, und in der das Knattern der Schüsse, die die Revolution anzeigten, bis in die stillen Räume der dritten Etage des Hauses in der Königgrätzer Straße drangen, in diesen Tagen
verbrannten Matthesius und Annemarie Lesser ihre Papiere Sie warf di« Karthoteken, die Pläne, die Karten, die Stifte und die Zirkel Den Papieren nach in die Flammen ihres großen Kamines. Das Spiel war aus. Mademoiselle doeteur blieb zunächst in ihren Zimmern. Eines Tages eröffnete ihr Matthesius, den di« Ruhe und Die Untätigkett körperlich zu vernichten begannen, diß er nach Budapest fahren werde. Dort wo eine Zeitlang das Hauptgetriebe der Wrangelleuts war, und wo sich die politischen Abenteurer der ganzen Welt ein Stelldichein gaben, dort hatte man auch hm eine Tätigkeit angeboren, die auszuübm ihm Lebensnotwendigkeit geworden war. Er flehte Sinnemarie Lester an, mitzukommen, aber sie wollte nicht. Sie saß jetzt stundenlang vor dem offenen Feuer des Kamins uns starrte in die Flammen. Sie forschte jetzt zum erstenmal nach vielen Jahren nach, was aus ihrem Vater geworden war, sie erfuhr, er war gestorben, und das väterliche Erbe, das sie allerdings nicht mehr zu interessieren vermochte, war in alle Wind« zerstoben.
Eines Tages kam ein früherer hoher Offizier der deutschen Armee in das jetzt verlassene und verwahrloste Haus in der Königgrätzer Straße. Er sagte ihr, daß er der Mann gewesen fei, der seinerzeit den toten Hauptmann Carl von Wynanky mit dem Herrn Matthesius zusammenaebracht habe und der nun auch die moralische Verpflichtung fühle, sich um sie zu kümmern.
Annemarie Lester bezog ein kleines Häuschen in einem Garten in Zehlendorf. Aerzte bemühten sich um die Frau, die niemanden hatte, zu dem sie menschlich in engen Beziehungen stand. Es schien so. als ob man ihr helfen könnte, aber es wurde nicht zur Tatsache.
Morphium und Kokair.
hatten die Nerven der Frau vernichtet, und so kam der Tag, an dem sie, begleitet von fremden Pflege- rinnen/bie Reis« nach der Schweiz antrat, wo sie inmitten einer wunderschönen Landschaft die Mauern einer geschlossenen SInftatt umfingen.
Hier lebt diese Frau noch heut«. Ihr Geist ist iiiÄte^^ âM»â “1
Nachten, in denen der Bergwmd an den Flachen des Hauses zerrt und poltert, in diesen Nächten fängt sie plötzlich an zu schreien. Das Personal hat Mühe, die Tobende zu halten. Name für Name schreit sie in die Nacht, es hat den Anschein, als ob sie einen Mann, der Coudoyams hoiht, vor den Gewehren französischer Soldaten retten will, es scheint, als ob sie mit Soldaten kämpft, die si« durch einen Wald verfolgen, es ist zu vermuten, daß sie im Geiste an einem Grabe weint, auf dessen Kreuz der Name Wynanky steht.
Die Mauern einer Irrenanstalt haben sich für immer zu einem Grab über einer Frau geschlossen, die die größte deutsche Spionin des deutschen Heeres im Weltkriege gewesen ist.
Ende.
*) Aus dem Buche „Spionage" von H. R. Berndorfs, Verlag Dieck & Co., Stuttgart.
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Hunan a. M., 16. Dezember 1929.
Der Notar:
Sari Gbtrbarb, Jusitzrat,