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Seife 6

Dienstag 8en 26. November 1929

Nr. 277

Seebeben

Nevo Kabel gerissen.

Lon Arnold Zöllner.

D;.' Erdstöße, von denen in der Nacht vom 18. zum 19. November die amerikanische Küste zwi- Lasier gefüllt, es sind Ozeane und Binnenseen, und nur die Erhöhungen bilden festes Land. Äoer wie dieses von Gebirgen und Tälern, Hoch- und Tiefebenen geglie- ben ist, so ist auch der Meeresboden keineswegs eine glatte Fläche wie etwa der Boden einer WafcdsLüiieL Auch die Weltmeere sind von ge­

birgsartigen Erhebungen, von Plateaus und von tiefen Senkungen durchzogen, und die unferirbi- fAm Kräfte, die ständig die Fesüänder erschüttern, sind nicht minder auf dem Meeresboden am Werk. Man darf sogar annehmen, daß die Seebeben drei- mal so häufig wie die Landbeben sind; denn drei­mal soviel Raum wie die Erdtellè nehmen die Dieere ein, und es liegt kein Grund vor, anzu­nehmen, daß die vom Wasier bedeckten Telle unse­res Planeten stabiler seien als die über den Meeresspiegel hinausragenden Kontinente.

Das Bodenrelief des Atlantischen Ozeans ist so vielgestaltig und weist so bedeutende Höhenunter- fÄtebe auf, daß die Entstehung unterseeischer Bruchspalten hier ebenso erklärlich ist, wie bei­spielsweise auf dem Festland längs der großen Kettengebirge. So erstreckt sich in der gesamten Längsachse des Atlantik der Zug der Atlanttschen Schwelle, ein breiter Höhenrücken von durchschnitt­lich 3000 Meter Höhe. Er setzt sich nordwärts bis an die Grenze des Eismeeres fort; in ihm liegt das schon Newyork und Neu-Fundland hermgesucht wurde, mtb die am heftigsten sich in den N«u- Englandstaaten auswirkten, haben Schäden zur Feige gehabt, die erheblich bedeutender sind als ine besonders aus Neu-Schottland gemeldeten Ein­stürze von Schornsteinen. Es hat sich nämlich leerausge'tellt, daß nicht weniger als neun trans­atlantische Kabel gerissen sind, und wenn es durch die seismologischen Beobachtungen nicht schon vor­her festgestellt worden wäre, daß sich der Herd des Bebens im Atlanttschen Ozean befand, so würde bierdurch der Beweis erbracht sein, daß es sich um eine sehr heftige Submarine-Erderschütterung ge= bandet hat, bereit Ausstrahlungen sich bis zum nordamerikanischen Kontinent erstreckt haben.

Daß nicht nur das Festland, sondern auch der Meeresboden von Erdbeben betroffen wird, ist nichts Neues; es war schon im Altertum besannt. Aber die Fortschritte her geologischen Wissenschaft haben dazu geführt, daß wir die tektonischen Ver­änderungen der festen Erdkruste, die sich in Gs- stalt von Erdbeben zum Ausdruck bringen, heute als Wirkungen der gleichen Ursachen betrachten, mögen sie sich nun auf festem Boden oder auf dem Grunde des Meeres ereignen. Denn die Erdkruste ist ein zusammenhängendes Ganzes, die fteilich nicht Hatt wie etwa die Oberfläche eines Gummi- balls, sondern höchst vielfältig eingeschrumpft unb ausgebeult ist, derart, daß zwischen den Merhöch- sten Erhebungen und den größten Vertiefungen ein Niveauunterschied von annähernd 20 000 Metern besteht Diese im Nergk-nm zu dem mH meßenden Erddurchmesser beinahe zu einem Nichts; trotzdem sind die Höhenunterschiede an der Ober­fläche der Erskruste für ine gesamte äußere Gestal­tung unseres Planeten ausschlaggebend. Die samt- rdfm Einbuchtungen der festen Erdhülle sind mit Azorenplateau, dessen höchste Erhebungen den Wasserspiegel überragen unb die gleichnamige Inselgruppe bilden. Noch weiter nordwärts, zwischen Irland und Labrador liegt nördlich vom fünfzigsten Brestengrad das sogen. Kabelplateau; denn über diesen Teil des Meresbodens erstrecken sich dis meisten transatlantischen Kabel, die von den europäiichen Küsten, besonders von Irland aus, nach der Neu-Fundlandbank unb von dort weiter zum amerikanischen Festland verlausen.

An welcher Stelle der Meeresttese das See­beben üattgefunben hat, das wird sich mit Genauig­keit erst dann ermitteln lassen, wenn die Bruch­stellen der gerissenen Kabel gesunden sind. Sicher­lich ist es an dieser Stelle zu nicht unerheblichen Veränderungen des Meeresbodens gekommen; denn eine einfache Erschütterung würde gewiß nicht den Bruch von neun Kabeln verursacht haben. Das Niveau muß sich verändert, es kann auch eine unterseeische vulkanische Eruption stattgesunden haben; hat man doch früher schon in solchen Fällen beim Emporwinden der gerissenen Kabelenden fest­stellen können, daß die Adern des Kabels zufammen- geschmolzen und von erkalteter Lava umgeben waren. ^

Flimmern vor den Augen,

Ans dev Hölle entladen

Dreyfuß' Nmhfolger verläßt nach 21 Jahren die Teufelsinsel Die Tragödie des Leut­nants Ullmo Gefangener des Opiums und der Liebe Die schöne Tänzerin Frank­reichs größter Skandal nach der Dreyfußafsäre.

Eine dreizeilige Nachricht aus Paris meldet die Begnadigung des Benjamin Ullmo, der 21 Jahre auf der Teufelsinfei geschmachtet hat. Niemand kennt heute noch diesen Namen, der seinerzeit in der ganzen Welt berühmt-berüchtigt war: Benja­min Ullmo, der Leutnant zur See, der maritime Geheimnisse an Deutschland verriet und in einem großen Spionageprozeh, dem großen Skandal nach der Dreyfutzasfäre, zu lebenslänglichem Bagno ver­urteilt wurde. Ullmo wurde der Nachfolger des Kapitäns Dreyfuß auf der Teufelsinsel, die er jetzt wrtaven hat, weil er sich stets ausgezeichnet ge­führt hat er ist dazu ^begnadigt", den Rest seines zerstörten Lebens in Französisch-Guyana verbringen zu dürfen.

Wie in allen großen Spionageaffären spielte auch in dieser eine grau die Hauptrolle:La belle Lison", als gefeierte Tänzerin der Liebling von Paris, wo niemand ahnte, daß sie eins der fähig- steil Mitglieder des deutschen Spionagedienstes in Frankreich war. Sie war trotz ihres französischen l. nülernamens eine Deutsche. SU sie wirklich hieß, ist niemals bekannt geworden. Ullmo war nicht hr einziges Opfer; die anderen Verräter, ein General und fünf Ministerialbeamte in expo­nierter Stellung, zogen es jedoch vor, der irdischen Gerechtigkeit zuvoczutommen. Nur ein paar Men­schen in Frankreich wußten um jene maritimen Pläne gegen Deutschland: Ullmo war einer von ihnen, der jüngste und darum für Lq belle Lison

Der ReKhSrwSKdent emvstus de« weltMegev ^nid v. Mavihanfett

König a Warthausen mit dem Hindenburgpokal beim Verlassen des Reichspräsidenken-Palals. Reben ihm seine Eltern.

Der Reichspräsident empfing den Weltflieger Baron König v. Warthausen, um ihm den Ehren­pokal zu überreichen, den er bereits für den Flug BerlinMoskau erworben hatte. Baron König v. Warthausen hatte von Moskau aus im Kleinflugzeug seinen Flug fortgesetzt und war über China, Japan, Mexiko, Nordamerika bis Newyork gekommen.

Wie kommt es zu einem Gchiasanßaü?

Der Reichsaußerrminister Dr. Stre­semann ist einem Schlaganfall erlegen. Das mar nicht seine Krankheit, das war das Ende seiner Krankhett, verursacht durch die Krankheit. Was versteht man die Frage wird den Leser interves- steven unter einem Schlaganfall? Wie und wann kann es dazu kommen?

Unter einem Schlaganfall versteht man vor­wiegend eine Blutung, welche aus einem der im Gehirn verlaufenden Blutgefäße ins Gehirn er­folgt. Solche Blutung kann für gewöhnlich nur entstehen, wenn die Wandungen des Gesäßes irgendwie gejcMü sind. Daher sind größere

leiden, womit nicht gesagt ist, daß jede ArterioH sklerose zu Schlaganfällen führen muß. Da nun aber andererseits die Arteriosklerose eine Erkran­kung des höheren Lebensalters ist, ist es selbstver­ständlich, daß Gehirnblutungen aus dieser, aber auch aus anderen Ursachen selten vor dem fünf­zigsten Lebensjahr austreten.

Mkohokismus, Bleivergiftung, Gicht, Syphilis, auch erbliche Veranlagung sind weiter begünstigende Umstände; ein Schlaganfall vor dem fünfzigsten Lebensjahr ist mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auf Syphilis zurückzuführen. Nach schwerem Jnsektions- krankheiten (Typhus, Pocken usw.), nach Blut- erkrankungen (skorbut) können, wie èn anderen Organen, auch im Gehirn Blutungen unter dem Bilde eines Schlagansalls entstehen.

Daß der Blutdruck beim Zustandeko-mmen einer Gehirnblutung eine Rolle spielt, ist nicht zweifel­haft; ober um in diesem Sinne schädigend zu wir­ken, müssen erkrankte Gefäßwände da fein. Das sei für jene ängstliche Gemüter gesagt, die in jeder Blutdrucksteigerung schon den Vorboten des Schlag­anfalls fürchten zu müssen glauben. Beides muß Zusammentreffen, oft nebeneinanedr, oft eines durch das andere bedingt. So sind auch die häufi­gen Schlaganfälle nach Schrumpfn iere, jener Krankheit, an der der verstorbene Staatsmann litt, zu erklären, so die nach nur Her,Vergrößerung und Ueberdruck verbundenen Herzerkrankungen. Auch Blutdruckerhöhung, wie sie nach seelischen Aufregungen, größeren Muskelanstrengungen, einer reichlichen Mahlzeit, womöglich mit viel Al­kohol vorübergehend vorkommen, kann ein erkrank­tes Gehirngefäß zum Bersten bringen.

Verletzungen bleiben zuweilen zunächst ohne Folgen, aber einige Tage oder Wochen später kann sich der kleine Einriß erweitern, den die Ver­letzung in einer Gefäßwand gemacht hat und zur Gehirnblutung führen.

Wir sagten eingangs, der Schlaganfall istvor­wiegend" eine Gehirnblutung; er kann aber auch noch auf ander« Weise entstehen, nämlich durch Verstoppfung eines Gehirngefäßes, durch eine Em­bolie. Wenn plötzlich ein Blutgerinsel ein Gefäß verstopft, dann ist der zugehörige Gehirnteil ohne Blutzufuhr, ohne Ernährung, und es können da­durch die gleichen Erscheinungen entstehen wie bei einer Gehirnblutung. Solche Blutgerinsel bilden sich oft bei Herzfehlern auf den Klappen der Herz­kammern; werden sie losge rissen, so werden sie vom Blutstrom weiter getrieben, bis sie an ein Gelaß gelangen, in dem sie nicht weiter tonnen. Sie

das geeignetste Objekt. Wie ganz Paris war der Leutnant sinnlos in La belle Lifon verliebt, und er war nicht wenig stolz, als die schöne Tänzerin nach langer Zest, in her er sich fast vergeblich be­müht hatte, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, ihn zu bevorzugen schien. Dabei bestand der Kreis ihrer Anbeter beinahe ausschließlich aus hohen Dfffoseren, Diplomaten und Ministerialbeamter!. Er liebte leidenschaftlich und glaubte sich wiebet- geliebt Dennoch hatte La belle Lison kein leichtes spiel; denn Ullmo war sich feiner Verantwortung bewußt und nicht geneigt, sich zwischen zwei Zärt­lichkeiten etwas entlocken zu lassen, was er nicht sagen wollte. Also mußte feine Widerstand-kraft auf andere Weise geschwächt werden. Die Tänze­rin führte ihn in eine der Opiumhöhleit, die es

M

setzen sich dort fest und unterbrechen die Blut- zufuhr.

Die Folgen des Schlaganfalls sind verschieden, je nach der Größe der Blutung und des in Mit­leidenschaft geratenen Gehirnteils und je nach dem Ort der Blutung. Blutungen aus größeren Gefäßen bedingen meist die schweren Erscheinungen völliger Bewußtlosigkeit und umfangreicher Lähmungen; kleinere Blutungen verursachen nicht selten nur vorübergehenden Schwindel und leichte Bewußt­seinstrübungen.

Plötzlich kann der Schlaganfall auftreten, schlag­artig, wie der Name besagt; es können aber auch dem eigentlichen Anfall Vorboten vorausgehen, be- ö des tkreislaufs im Ge-

voruver-

nma

gehende leichte Sprachstörungen, Schwäche im Arm oder Vein sind zuweilen Folgen kleinerer, schnell wieder schwindender Anfälle, die oft nicht als solche Beachtung finden. In noch anderen Fällen kann sich der Schlaganfall erst allmählich zu seiner ganzen Schwere entwickeln, indem die Blutung sich nur langsam vergrößert und weitere Teile des Gehirns vernichtet.

Bleibt der Kranke am Leben, so werden die Blutungen und die zerstörten Gehirnteile nach und nach ausgesogen, der Herd verkleinert sich, es bilden sich Narben, und je nach der Ausdehnung der ein­getretenen und nicht reparierbaren Zerstörungen bleiben Folgen Lähmungen, auch seelische Umwand­lungen zurück. Die Aussichten auf Besserung dieser Erscheinungen sind nicht leicht voraus zu bestimmen. Zu bedenken ist stets, daß die dem Schlagansall zu­grunde liegenden Gefäßerkrankungen bleiben und daß daher mit einer Wiederkehr der Blutungen ge­rechnet werden muß.

Durch einfache Diät, Vermeidung geistiger Ge­tränke, körperlicher und seelischer Anstrengungen juckst man dem Wiederauftreten vorzubeugen. Oft können lange Jahre leidlichen Wohlbefindens da­zwischen liegen. Korprllente, untersetzte Men­schen mit breitem Brustkorb kurzem gedrungenem Hals, vollblütigen Gesichts gelten als für Schlag­anfälle prädisponiert; man spricht wissenschaftlich oon einem Habitus apoplekeikus (Apoplexie Schlaganfall). Sie vor allem, aber auch jene, bei denen kleinere Anfälle, wie wir sie oben skizzierten, warnend aufgetreten sind, haben durch eine ge­regelte, ruhige, von Aufregungen und körperlichen Ueberanstrengungen freie Lebensweise der Möglich­keit einer Gehirnblutung vorzubeugen.

Tritt ein solcher Schlaganfall auf, so pflegt die Umgebung teils ratlos, teils geschäftig hin und her zu rennen; man möchte, bis der Arzt kommt, etwas tun und weiß nicht was. Am besten ist es, nichts weiter zu tun als den Erkrankten von beengenden Kleidungsstücken zu befreien, ihn mit erhöhtem Oberkörper zu lagern, den Kopf mit Eisblase oder nassen Kompressen zu kühlen, eine Wärmeslasche an seine Füße zu legen. Vor allem aber flöße man einem Bewußtlosen keine Nahrung irgendwelcher Art ein, auch kein Waffer, es kann falsche Wege gehen, in die Lunge geraten, eine Lungenentzün­dung verursachen.

Die weitere Behandlung richtet sich nach den Folgen des Falles. Gegen die Lähmungen, die zurückbleiben, werden Bäder, Staffagen, Uebungen usw. angewandt.

damals noch gab. Sie steckte selbst zum Schein eine Opiumpfeife an, und Ullmo mußte das Gleiche tun. So gewöhnte sie ihn langsam an das Gift, denn die Zahl der Dpiumpfeifer., die Ullmo rauchte, wuchs von Tag zu Tag; auf diese Weise wurden feine Gesundheit und auch feine Widerstandskraft langsam und sicher untergraben. Bald erlag er der Lockung ihrer Zärtlichkeiten, die er nicht mehr ent­behren konnte, und die sie ihm nur noch gewährte, wenn er ihre Fragen zu ihrer Zufriedenheit be­antwortete. So entriß sie ihm auch das Geheim­nis jenes Marineplanes, so zwang sie ihn, noch ein letztes zu tun. Er photographierte den Plan unb feine Anlagen, und übergab die Kopien der Ge­liebten. Am nächsten Tag war die Tänzerin aus Paris verschwunden. Der verzweifelt« and vom

Opium zerrüttete Ullmo beging jetzt die Verhängnis, vollste Torh it; er ließ die von ihm angefertigte» Negative einem Mitglied des Generalstabs für die Summ« von 100 000 Mark zum Rückkauf entbieten. Man ging zum Schein auf sein Angebot ein, die Verhandlungen, durch Zsitungsinserate geführt, zogen sich monatelang hin, bis Ullmo schließlich in die Falle ging. Auf der Landstraße, unweit Toulon, wurde er verhaftet.

Das Kriegsgericht verurteilte ihn zu lebenslang, licher Deportation nach der u-eufelsinsel. 21 Jahre lang hat er dort als Nachfolger von Dreyfuß ver­bracht, 21 Jahre in einer Hölle. Jetzt kommt er in ihren Vorhof.

GvZtttrevuttsstt an GingGins

Letzt« Wünsche zum Tode verurteilter Der fp annende Roman Der Scheck auf die Höllenbank

Welche Gedanken mögen einen armen Sünder, der seiner in kurzem bevorstehenden Hinrichtung entgegen steht, in feinen letzten Stunden bewegen? Es ist für den gewöhnlichen Sterblichen schwer, wenn nicht unmöglich, sich eine Vorstellung davon zu machen. Welch seltsamer Art sie zuweilen sind, zeigen einige von Georges Messerole, einem ehe­maligen Beamten des^ bekannten Newyorker Staatsgefängnisses Sing-Sing, berichtete Fälle, die ein interessantes Licht auf die Gemütsverfassung solcher armer Sünder werfen.

So sollten in Sing-Sing einmal zwei Raub­mörder, Cassidy und Usesou, durch den elektrischen Stuhl hingerichtet werden. Die Zeugen standen, bedrückt schweigend, in Erwartung des ersten 2e- linguenten in der Todeszelle, als plötzlich die Weise eines fröhlichen Volksliedes, von einer vollen Tenorstimme gesungen, die nächtliche Still« unter­brach. Cassidy wollte auf diese Weise den Mut seines an allen Gliedern zitternden Kameraden heben. Usesou faßte beim Klang der Stimme seines Freundes auch wieder Mut, trat rasch auf den ver­hängnisvollen Stuhl zu und nahm lächelnd Platz. Seine heitere Miene war wohl reichlich gezwun­gen, er behielt sie aber bei, bis man ihm die kup­ferne Haube über den Kopf zog.

Manche Wünsche, deren Erfüllung zum Tode Verurteilte sich als letzte Gunst erbitten dürfen und die ihnen fast immer gewährt werden, sind recht seltsamer Natur. So verlangte ein gewisser Karl Luos« nichts sehnlicher, als den letzten Gangwie ein distinguierter Herr, am liebsten wie ein Ge­lehrter aussehenü", antreten zu dürfen. Loose be­diente sich gewöhnlich einer billigen Nickelbrille. Ihm war aber aufgefallen, daß die ihn zuweilen besuchenden Richter, Anwälte und Aerzte vielfach einen Kneifer trugen. Als seine Hinrichtung be­vorstand, bat er den Direktor von Sing-Sing zu sich unb eröffnete ihm als seinen letzten Wunsch die Bitte um einen Kneifer. Natürlich wurde sie gewährt und Karl Loose schritt stolz erhobenen Hauptes, einen schö­nen Kneifer mit breitem, seidenen Bande auf b.er Nase, nach der Todeszelle. Ein anderer, meg» FrausnmordeS zum Tode verurteilt, bat um ein« Strauß weißer Lilien, die er unmittelbar vor der Hinrichtung an die Anwesenden r

Schlaflosigkeit geplagt die letzte Nacht mit eifriger Lektüre. Ein Japaner hatte sich einen Band eines, illustrierten Witzblattes geben lassen und saß, sich vor Lachen biegend, in seiner Zelle, als der Direk­tor kam, um noch einmal nach dem Verurteilten zu sehen. Auf ine Mahnung, doch lieber zu schla­fen, meinte der Japaner voller Seelenruhe:WoM noch schlafen? Dazu werde ich von morgen an -roch Zeit genug haben. Jetzt will ich mich nach Mäg- lichkett zerstreuen."

Der Mörder MacGuire verschlang in den letzten Wochen vor seiner Hinrichtung eine wahre Bib­liothek von aufregenden Kriminalromanen. Immer wieder ließ er sich neue, spannende Erzählungen bringen. Als schließlich der verhängnisvolle Tag gekommen war und man ihn zur Hinrichtung ob­holen wollte, fand man MacGuire in dieAben­teuer des Rauberhauptmanns Jesse James" ver­tieft. Unwillig ob der unliebsamen Störung fragte er,, ob man ihm nicht einen kurzen Aufschub be­willigen könne, bis er das Buch zu Ende gelesen habe. Selbstverständlich musste sein Wunsch abge­schlagen werden, und so blieb dem Todeskandidaten nichts anderes übrig, als seine spannende Lektüre mitten im Kapitel abzubrechen. Aber noch auf dem letzten Gange erkundigte er sich bei einem Wär­ter, ob er zufällig den Roman kenne und wie er ausginge. Zu MaoGuires größtem Leiidwefen ver­mochte der Beamte diese Wißbegierde nicht zu be­friedigen.

Ein Original war offenbar ein gewisser Gor­don Fawcett, der gleichfalls in Sing-Sing fein Ende fand. Kurz vor feinem Tode schrieb er einen Scheck über 150 Dollar aus, mithin über den Be­trag, den der Scharfrichter als Vergütung für jede Hinrichtung bezog. Der Scheck war im übrigen vollständig in Ordnung, nur lautete eran die Ordre der Höllenbank" und trug als Unterschrift die Worteder Teufel". Diese eigenartige Anwei­sung übergab Fawcett dem Gefängnisdirektor mit der Bitte, sie dem Scharfrichter für seine Bemü­hungen auszuhändigen, der allerdings an dieser Art Bezahlung keine grüße Freude gehabt haben dürfte. Eine Stunde vor seiner Hinrichtung ließ Fawcett dann den Direktor noch einmal zu sich bitten und ersuchte ihn um die Erlaubnis, sich noch schnell ein Glas guten, frischen Bieres holen lassen zu dürfen. Er leerte es mit großem Behagen und schritt dann, zwar nachdenklich gestimmt, aber vol­ler Genuß eine Zigarette rauchend, zum elektri­schen Stuhl. Er nahm lächelnd darauf Platz, warf den Zigarettenstummel fort und blies den ihn fest­schnallenden Beamten den Rauch ins Gesicht. We­nige Augenblicke später hatte der elektrische Strom sein Werk getan.

Dovfbvtmd in Ttvor

München, 25. Rov. Laut .Mönches Neuesten Nachrichten" wurde der Ort Brannen bei Landeck in Tirol vermutlich infolge Brandstiftung durch Fever zerstört. Wassermangel behinderte die Löscharbeiten: von den 13 Wohnhäusern des Orte» sonnten nur ein einziges gerettet werden. Außer den zwölf Wohnhäusern fielen dem Fever auch sämtliche Nebengebäude zum Opfer. Insgesamt sind 52 Personen obdachlos geworden. Ein Kind wird vermisst. In den Flammen ist auch sehr viel Kleinvieh umgekommen.