Nr. 260
Timtag 6en 5. Nüvèmver 1929
Seite 3
Stadt Saara»
Wenn dis Tage küvzev wsvden ..
Ein Mahnworl an die Radfahrer
Die zunehmende Verkürzung der Tage bringt es mit sich, daß ein großer Teil des beruflichen Radverkehrs sich zu Tageszeiten abwickelt, in denen / die Fahrräder beleuchtet werden müssen. Es ist : daher an der Zeit, darauf hinzuweisen, daß jeder : Radfahrer verpflichtet ist, bei Eintritt der Dunkel- ( hèit am Fahrrad eine brennende Laterne, die den - Lichtschein nach vorn auf die Fahrbahn wirft, zu i führen. Außerdem muß jedes Fahrrad ein hinteres Leuchtzeichen und zwar in Gestalt eines sogenann- 1 ten Rückstrahlers, der so angebracht sein muß, daß er nicht durch Kleidungsstücke usw. verdeckt werden V kann, tragen. Manche Radfahrer verstoßen noch : immer gegen diese Vorschriften, diele diglich zu ihrem k Schutze und demjenigen der übrigen Straßen- I benutzer erlassen sind und verursachen dadurch Un= s fälle, die nicht immer glimpflich ablaufen und sogar t zu schweren Verletzungen führen können. Mit Recht s wird daher die Einhaltung der Vorschriften der Be- ß leuchtung des Fahrrades sowie die Anbringung i des Hinteren Leuchtzeichens von den Behörden ge- f fordert. Die Polizeiorgane sind angewiesen, beson- I Hers wachsam darauf zu achten, daß die Vorschrif- I ten von den Radfahrern in vollem Umfange einge- s halten werden. Es muß daher jeder Radler dafür I sorgen, daß sein Fahrrad ausreichend beleuchtet Lift und daß er, falls er in die Lage kommt, nach »Eintritt der Dunkelheit sein Fahrrad zu benutzen, I es rechtzeitig mit einer hellbrennenden Laterne ver- : sieht. — Auch ist darauf zu achten, daß der anzu- i bringende Rückstrahler senkrecht zur Fahrbahn am I Rade befestigt wird, so daß er seine Wirkung rich- tig ausüben kann. Nur dadurch, daß alle Straßen- 5 benutzer die notwendige Rücksicht aufeinander neh- i men und selbst daran mitarbeiten, Straßenunfälle s zu verhüten, kann eine reibungs- und gefahrlose Ab- H Wicklung des Straßenverkehrs herbeigeführt werden.
«,GG«erbe diesen Vosen dreimal ab ..
r Noch immer Brieffettenunfug.
Der Briefkettenunfug hört noch immer nicht auf. Da bekommt man von irgendwoher ein Schreiben zugeschickt, anonym meistens. In dem Brief wird r man zutraulich geduzt und aufgefordert, offensicht- kliche Dummheiten, dreimal, viermal oder neunmal, - je nachdem, innerhalb 24 Stunden abzuschreiben I und an Freunde weiterzuschicken. Sehr erfinderisch I sind die Glücksketten-Schriftsteller zumeist gerade E nicht. Es wird mitgeteilt, daß irgend jemand die I Kette angefangen hat. Außerdem soll der Glück I haben, der die Kette fortsetzt, und der Unglück, der r sie unterbricht. Diese Spekulation auf den Aberglau- ; den und die Einfalt der sieben Mitmenschen hat s sich nachgerade zu einer Landplage ausgewachsen. !Und der vielbeschäftigte Mensch der Gegenwart hat wohl Veranlassung, sich diese naive und eigentlich auch unverschämte Belästigung zu verbitten.
Aus unserem Leserkreise wird uns eine solche anonyme Zuschrift zugesandt, die sich durch ihre handgreiflichen Albernheiten auszeichnet. Es heißt da: „Flandrische Glückskette! Die flandrische Glücks- e kette wurde mir ins Haus geschickt. Ich schicke sie Dir, um sie nicht zu unterbrechen. Schreibe diesen 8 Bogen dreimal ab und schicke sie binnen 24 Stunden E an vier Personen, denen Du Glück wünschest. Die K Kette kommt von einem Deutsch-Amerikaner und V soll durch die ganze Welt gehen. Wer aber die Kette M unterbricht soll kein Glück haben. Es ist ganz eigen- A artig, seit diese Kette begonnen, geht alles in Er- £ füllung. Schreibe diesen Brief ab und beobachte, V was in vier Tagen geschieht. Der vierte Tag wird ■ Dir Glück bringen. Schicke diesen Brief und die 1 drei abgeschriebenen weiter, behalte sie aber nicht!"
Man beachte derartige Schreibereien nicht, son- 1 dern lege sie dahin, wo sie hingehören, nämlich in i den Papierkorb.
Eviebnisie eines Svanroien in Sana» - und in Metz
Wir lesen im „Metzer Freien Journal":
Aus der Zeit, in der man unsere Bevölkerung in vier Kategorien A, B, C und D einteilte, ist bei manchen noch etwas geblieben. Man hat heute zwar nicht mehr die gleichen Unterscheidungsmerkmale .... ungemeinen, aber insofern e sich um Touristen handelt, findet sich doch noch manchmal Wegezeit, die Kurier zu beschimp'cn. wie man früher D-Kartler beschimpfte.
Doch greifen wir nicht vor. Im „Quotidien" schreibt M. Jean Guignebert, der natürlicher Franzose ist, wie er mit einem solchen deutschen Wagen, d. h. in einem Auto mit einem großen „D" hinten von Berlin nach Paris gefahren ist, und wie er da- bei unterwegs zwei Zwischenfälle hatte. So interessant auch die Reiseschilderung an und für sich ist, so interessieren uns doch hier besonders die Zwischenfälle. Hier also die Eindrücke, wie sie M. Guignebert übermittelt:
In Hanau, vor den Toren Frankfurts, finden wir die Straße mit Radfahrern übersät: Arbeiter, die sich zur Arbeit begeben. Ob es nun kam, weil wir von der Reise ermüdet waren, oder ob wir ungeschickt waren, jedenfalls haben wir einen dieser Radfahrer umgeworfen. Glücklicherweise trug der Mann keine Verletzungen davon, aber sein Rad ist stark beschädigt. Im Nu sind wir von einer neugierigen Menge umgeben.
Um das, was nun folgt, zu erklären, müssen wir he.ancn, daß wir in einem deutschen Wagen fahren, d. h. einem Auto, das schwarz auf weiß die Nummern der Berliner Polizeidirektion und auch jenes „D", das Deutschland bedeutet, trägt. Im M nent, in Dem wir vom Wagen absteigen, um uns mit der herbeigeeilten Schupo auseinanderzu- sètzcn, bemerken alle Umstehenden, daß wir mit der. Sprache Goethes ebenso ungeschickt umgehen, wie mit dem Steuerrad, und daß wir anns sicherlich nicht an den Ufern der Spree geboren sind. Der Pak der Führerschein, die graue Karte (in Deutschland ist sie grün) jetzt wissen alle, daß wir Franzosen finu. Und nirgends hört man die geringste feindselige Aeugerung. Wir geben unsere Adressen und der Zwischenfall ist beendet.
*
Metz. Mr fahren langsamer. Auf dem Trottoir steht ein noch junger Mann und betrachtet unseren Wagen, der hier einen Moment stehen geblieben ist. Welcher Schreck! Er hat die deutschen Zeichen erkannt. Seine Entrüstung kann er nicht mehr zu- ruubalten.
„Sales Boches!" ruft er uns zu.
Sind wir müde, sind wir ungeschickt? Wir steigen aus, und m.l einem etwas harten Schlag werfen mir den Kerl zu Boden: Das haben wir natürlich nur dadurch erreicht, daß wir ihn überrascht haben. Er bemerkt seinen Irrtum und murmelt allerhand Entschuldigungen . . . Er konnte das niajt wissen. . . Die Nummern des Wagenzeichens . . . . Wir hatten alle Mühe, ihm zu verstehen zu geben, daß unser Zorn durchaus nicht daher rührte, weil er uns für einen Deutschen gehalten hatte:
Wenn tote die Gewohnheit arme* men, alle Lemmen, die hier durch kommen (und es sind ihrer sicher viele, um hier M^ie; direkte _ Straße nach Deutschland), zu beleidigen und zu beschimvlen, dann werden sie eines Tages mit den Kanonen zurückkommen.
Der Mann auf dem Trottoir hat nicht verstanden."
Kssssmatkonsssrev und Mkedev- esSMung des Mavjenrivche
Den Gliedern der Marienkirchengemeinde war am vergangenen Sonntag ein hoher Feiertag be- schieden. In Verbindung mit dem Reformationsfest konnte sie den Tag der Wiedereröffnung ihres lieben alten Gotteshauses nach der Renovierung festlich begehen. Zu diesem Feste hatte der Vorsitzende des Kirchenvorstandes Einladungen an die Spitzen der Behörden und sonstigen Korporationen ergehen lassen. Lange vor Beginn des Fest
gottesdienstes hatten sich die Gäste auch zahlreich eingefunden, so daß das alte und doch so neu ausgestattete Gotteshaus bis auf den letzten Platz gbfüll war. Der Weihe und Würde des Tages entsprechend hatte der ord. Geistliche Herr Pfarrer Göckel eine besondere Liturgie aufgestellt, die von dem Gesangverein der Marienkirche unter Leitung seines Dirigenten Herrn Mittelschullehrer G. Wagner mit den Sätzen: „Jauchzet dem Herrn alle Welt. Wir loben Dich wir preisen Dich, Herr gedenke unser nach Deinem Worte" umrahmt wurde. Der gut durchdachten Predigt war das Pauluswort: „Ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht" zu Grunde gelegt, das durch den Kirchengesangverein mit der Bitte: „Nun bitten wir den heiligen Geist" dokumentiert wurde. Im Anschluß an die Predigt übermittelte der Kreispfarrer Bär die Segenswünsche des Lan- deskirchenamtes und des Kreiskirchenamtes Hanau 1. Mit dem mächtig klingenden Lutherlied: „Eine feste Burg" schloß die Festfeier, ein Vormittag, der jedem Besucher lange in Erinnerung bleiben wird.
Für den Abend war eine geistliche Musikaufführung vorgesehen, welche dann auch einen wunderschönen Abschluß der ganzen Feier verlieh. Mitwirkende waren Fräulein Gisela Ulmer (Sopran) Herr Heinrich Appunn, Direktor der Musikakademie (Cello), Herr Organist Hans Otto (Orgel) und der Gesangverein der Marienkirche unter Leitung seines Dirigenten Herr Mittelschullehrer Georg Wagner. Eingeleitet wurde das Konzert mit der Orgelsonate in A-dur von F. Mendelssohn-Bartholdy. Her: Hans Otto an der Orgel, zeige mit dieser Sonate wie auch mit dem zu Gehör gebrachten Werk: „Fantasie" A. Grave von J. S. Bach ein reifes Können. Fräulein Gisela Ulmer brachte die Sopransolis: „Schlage doch gewünschte Stunde" von Bach, „Geheiligt werde dein Name von Cornelius und „Also auch wir vergeben unseren Schuldigem" von Cornelius. Einen ganz besonderen Genuß bot Herr Dir. Heinrich Appunn mit seinen Cellovorträgen: „Andante cantabile" von Tartini, „Largo" von H. Becker und „Andante dolorosa" von Tschaikowsky. Dieser Künstler beherrscht sein Instrument mit einer vollendeten Virtuosität, dazu kommt noch, daß sich die Resonanz dieses Instruments im weiten Kirchenraum ganz besonders prachtvoll zeigte. Der Kirchenchor unter Leitung seines hervorragenden Dirigenten, Herrn Georo Wagner brachte die Chöre: „Wie lieblich ist deine Wohnung" von Stein, „Wir haben ein prophetisches Wort" von Brenner-Dorpat, „Singet dem Herrn ein neues Lied" von Faißt, „Ich will den Herrn loben" von Burkhardt, „Herr unser Gott fei mit uns" und „Singet dem Herrn ein neues Lied" von Oechsle:. Auch hier war es ein besonderer Kunstgenuß, den der Gesangverein unter der meisterhaften Stabführung seines Dirigenten zu bieten wußte. Es ist nu: bedauerlich, daß man nicht öfter Gelegenheit hat diesen Verein in öffentlichen Konzerten zu hören. Mit dem Schlußlied „Eine feste Burg" fand diese erbauende und erhebende Musikauf- fllhrung ihr Ende.
Iwsttev Vovtsas Sanusssn
Der Graphologe und Helljehe^,..Erik Jan Bonussen hielt gestern abend feinen zweiten Ex- perimental-Vortrag in Hanau und wiederum war Hanusfen einfach fabelhaft. Da der größte Teil des zahlreich erschienenen Publikums dem ersten Vortrag nicht beigewohnt hatte, mußte der Vortragende zunächst seine längeren Ausführungen über den Begriff der Wunder, bzw. den Okkultismus wiederholen — für diejenigen, die diese bereits kannten, etwas langweilig — wobei er es wiederum ablehnte als Wundermann zu gelten. Was er zeige, seien keine Wunder, aber auch kein Schwindel, sondern für jeden intellektuellen Menschen bei großer Ausdauer erlernbar. Als erstes Experiment brachte Bonussen dann wieder Telepathie, Gedankenübertragung, was ihm wiederum gut gelang, dann ging er dazu über, das Gom- boloy vorzuführen, eine Schnur aus vierundzwanzig schwarzen und einer roten Perle, deren Handhabung dazu dient, den Menschen vor Ner
vosität zu schützen bzw. von nervösen Erscheinungen zu heilen. Die mit dieser Kette gezeigten Experimente gelangen ebenfalls, allerdings läßt sich hie: nicht sagen, ob dieses Gelingen nicht auf die suggestiven Kräfte des Hellsehers zurückzuführen war. Geradezu unheimliche Fertigkeiten offenbarte Hanussen auf dem Gebiete der Television, der schauenden Ueberwindung des Raumes und der Materie. So gelang es ihm u. a. eine in eineu Briefumschlag verborgenen Photographie mit fabelhafter Schärfe zu kennzeichnen und darüber hinaus aus dem Leben des betreffenden Mannes Einzelheiten darzulegen, wie auch sein Ende zu schildern. Eine ans fabelhafte grenzende Leistung. Auch auf dem Gebiete der Graphologie leistete de: Vortragende wiederum staunenswertes, indem er Charakteranlage, und Persönlichkeit des Schreibers einwandfrei entwickelte. Den Höhepunkt des gestrigen Abends bildete zweifellos der hellseherische Teil. Lediglich auf Grund der Angaben von Drt'unb Datum schilderte Hanussen die Ereignisse, so einen Diebstahl, einen Mord, eine Operation, einen Brand usw. Hanussen sah die Vorgänge so, wie sie sich ereignet hatten und gab hier und da auch Fingerzeige, die den Fragestellern noch unbekannt waren. Das Publikum war durch die Experimente gebannt und es bedurfte eine geraume Zeit, ehe es sich aus diesem Bann lösen konnte, um starken Beifall zu zollen.— Hanussen wird am kommenden Freitag seinen dritten Vortrag halten und zwar über das Wunde: von Konnersreuth, an das er, wie er betonte, glaubt.
* Daten für 6. November. Sonnenaufgang 7.01, Sonnenuntergang 16.26 Uhr; Mondaufgang 12.26, Monduntergang 19.15 Uhr. 6. November: 1672 Der Komponist Heinrich Schütz in Dresden gestorben (geb. 1585). 1771: Alois Senefelder, der Erfinder des Steindrucks in Prag geb. (gest. 1834). 1833: Der norwegische Dichter Jonas Lie Dei Drammen geboren (gest. 1908). 1865: Der Schriftsteller Karl Alexander von Gleichen-Rußwurm auf Schloß Greifenstein geboren. 1893: Der Komponist Peter I. Tschaikowsky in St. Petersburg gestorben (geb. 1840).
* Zu den Lladlverordnelenwahlen. Die Wahlvorschlagsliste der Deutsch-Nationalen V o l k s p a r t e i für die Stadtverordnetenwahlen weist folgende Namen auf: 1. Sohn, Rudolf, Kaufmann; 2. Gielen, Walter, Landwirtschaftsrot; 3. Heß, Johann, Eisenbahnoberschaffner a. D.; 4. Landwehrs, Friedr., Metzgermeister; 5. Frau Sator, Emma, Hausfrau; 6. Co st, Karl, Architekt; 7. Lotz, Franz, Landgräfl. Hofkaffierer und Finanzsekretär; 8. Hoffmann, Franz, Oekonom; 9. Hosse, Karl, Bijouteriefabrikant und Major a. D.
* Marburger Universikäksbund und Hanauer Ge- schichlsverein. Im Jahre 1928/29 haben im Euphrat- und Tigrisgebiet zum ersten Mal wieder nach dem Kriege deutsche Ausgrabungen stattgefunden. Die eine Expedition hatte die Untersuchung der parthisch-sassanidischen Residenz Ktesiphon zur Aufgabe, während die andere Expedition eine altbabylonische Ruine in Warka zu erforschen hatte. Herr Professor Dr. Wachtemuth-Marhurg wird über diese Ausgrabungen einen Vortrag mit Lichtbildern Hallen und zwar am Freitag, 15. November. Der Ort des Vortrages wird noch angegeben. (Vergleiche spätere Anzeige.) Der Vortragende nahm an einer der Expeditionen selbst teil und ist vor dem Kriege lange Jahre an der Ausgrabung des alten Babylon mit tätig gewesen.
Schmerzloses Rasieren
V durch vorheriges Einreiben mit:
NIVÈA .CREME
W X \ Preis: RM. 0.20-1,20
1 Roman einer Wette von C. Philipps Oppenheim Copyright 1926 by E. Keils Nacht. (A. Scherl), G. m. b. H„
Berlin.
4. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Die Tür ging auf, und Masters trat in gewoh- te: lärmender Art ins Zimmer. Er summte eine Melodie vor sich hin, aber seine Heiterkeit war sichtlich gezwungen. „Ah! Da sind Sie ja noch, Bliß! Es ist mir unangenehm, Ihnen sagen zu müssen, daß Ihr Dienst am Sonnabend zu Ende ist. Wir hatten einen Monat Probezeit ausge- I wacht, nicht wahr?"
Bliß erhob sich schwer von seinem Stuhl. „Es I tut mir leid, Her: Masters, daß ich ein solcher Mch- I griff gewesen bin. Ich habe aber noch 2 Tage, und I — nun — ich hatte gerade eine Idee, während I >ch hier saß. Vielleicht taugt sie nicht viel; aber I 'ch möchie morgen doch einen letzten Versuch I wachen. Könnte ich dazu vielleicht Probeofen I haben?"
I »Selbstverständlich. Tim ist noch nicht fort, er I kann den Ofen hinbringen, wohin Sie wollen. Er I hat ja sowieso nichts zu tun." Masters ging hinaus I und rief den Lagerarbeiter.
Das junge Mädchen blickte vorwurfsvoll. „Wa- I tum machen Sie ihm wieder falsche Hoffnungen?" „Keine Rede von falschen Hoffnungen! Vis morgen abend habe ich den Pmbcofen und noch «in paar Dutzend mehr verkauft."
»Oh, wenn Sie das fertigbrächten! Ihre Rügen strahlten vor verhaltenen Tränen.
, Bliß sah sie an und war eine kurze Weile ve:- I loten in ihren Anblick. Sie senkte erratend den I Kopf. Bliß fühlte plötzlich den Willen und die I Kraft, alles, alles zu erreichen. „Ich werde es fer- I tigbringen!" versicherte er laut.
*
Bliß war sich noch nicht darüber klar, was er wgentlich vorhatte. Er schritt hastig, so daß Timm mit seinem Schubkarren Mühe hatte, ihm I ?u folgen, kreuz und quer durch die Stadt, un- I Id!(üffig, wohin er sich mehbeu sollte. Tim, fett I welen Wochen an Untätigkeit gewöhnt, wurde Mießlich müde. „Ist es noch sehr weit, Herr Bliß?"
f-agte er und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Richtig, da bist du ja! Beinahe hätte ich dich vergessen! Ich muß nach ein oder zwei dringende Gänge machen, bevor ich den Ofen benötige. Du brauchst nicht mitzukommen. Am besten--- sag' mal, kennst du die St. James-Straße?"
„Meinen Sie die in Westend?"
„Jawohl. Kannst du allein bis dorthin sinüen? Warte dann auf mich vor dem Hause Nr. 37 mit dem Firmenschild „Broadbent, Jmmobilienagentur". Ich komme in ungefähr einer Stunde nach.
Tim putzte sich umständlich die Nase und wies freimütig auf die Unmöglichkeit hin, bis in die St.- James-Straße zu gelangen, ohne sich vorher entsprechend erfrischt zu haben. Mit einem Seufzer prüfte Bliß seine Barschaft. Er besaß genau zwei Schilling und 9 Pence, einen Betrag, mit dem er bis Sonnabend auskommen sollte. Er gab dem Burschen die 9 Pence. „Daß du aber auch sicher dort bist! Es ist sehr wichtig!"
Eine Viertelstunde später stand Bliß vor seiner Bank. Es war schon eine Stunde nach Geschästs- schluß, und er mußte erst energisch beim Seitenein- ganI läuten, ehe ihm geöffnet wurde. Die Nennung seines 'Hamens machte alles andere leicht. Er verlieh die Bank mit einigen hundert Pfund in der Tasche und erschien wenige Minuten danach im Büro der Jmmobilienagentur Broadbent. Der junge Angestellte, der sein Anliegen anhörte, lachte über den verschrobenen Einfall dieses Kunden, einen großen, eleganten Laden im besten Teile der Regentstraße für eine kürzere Zeit als mindestens zehn Jahre mieten zu wollen. Bliß schob ihn beiseite, drang in das Zimmer des Chefs der Firma, und innerhalb fünf Minuten hatte er die Angelegenheit, allerdings mit Zuhilfenahme einer erklecklichen Anzahl von Banknoten, zu seiner Zufriedenheit erlebtest. Er begab sich sofort, gefolgt von Tim, nach der Regentstraße in sein gemietetes Lokal.
„Pack' jetzt den Ofen aus", wandte er sich an den Arbeiter, „stell' ihn dort in die Auslage und setz' ihn morgen früh in Betrieb. Den Rest überlasse mir!"
Tim kratzte sich verlegen hinterm Ohr. „Eigentlich brauche ich dazu etwas Heizmaterial und Geld für Politur."
Bliß zog aus feiner rechten Hosentasche einige Goldstücke hervor. „Nimm das hier und kaufe alles
Nötige! Du gehst heute nicht mehr zu Masters zurück, sondern bist morgen pünktlich um acht Uhr hier im Laden." .
Tim zog verdutzt ab, uM Bliß folgte ihm wenige Minuten später. In seinM rechten Tasche trug er breibunbertfünfsig Pfund Sterling in Gold und Banknoten, Eigentum des Millionärs Ernst Bliß. In feiner linken Tasche hatte er zwei Schilling, Eigentum des Mr. Ernst Bliß, Platzvertreter der Firma Masters & Co., Koch- und Backöfen-Fabri- kanten.
Es war gerade die Stunde, wo die Straßen des Londoner Westens am lebhaftesten und anziehendsten sind. Ein Meer von elektrischem Licht und das Gewoge der eleganten Spaziergänger und Vehikel aller Art umfluteten ihn. Niemals vorher war er sich des eigenartigen Reizes dieses Stadtteils mit feinen vornehmen Restaurants, seinen Theatern und Tanzpalästen, seinen vielen schönen, raffiniert angezogenen Frauen so bewußt geworden wie heute. Die sechs Wochen harter Entbehrungen schienen vergessen.
Er verlxarrte in träumerischer Sehnsucht vor dem Eingang eines berühmten Speiselokals, in dem er oft Gast gewesen, und fühlte sich plötzlich beim Arm gefaßt. Eine Vision von Pelz und Perlen in einer Wolke von diskreten Parfüm stand plötzlich vor ihm, und eine vertraute Stimme rief: „Da ist ja Ernst — Ernst Blißl Du Elender, wo hast du den ganzen Monat gesteckt?! Gladys, sich mal her, wen ich gefaNMn habe!"
Eine zweite junge Dame begrüßte ihn stürmisch. „Nicht ein einziges Mal bist du im Theater gewesen", klagte sie vorwurfsvoll, „nicht ein einziges Mal im Café Milan! Du wirft uns beichten, weshalb du dich so lange verborgen gehalten hast und martun du so komische Kleidung trägst. Komm, du mußt heute mit uns essen!"
Er zögerte einen Augenblick. Sie standen bereits an der Schwelle des Restaurants. Der Portier, der ihn erkannt hatte, harrte respektvoll mit abgezogener Mütze an der Tür.
Schon wollte Bliß dem Drängen nachgeben, da sah er ein blaßwangiges junges Arbeitcrmädchcn schleppenden Ganges ' uorübc'rqleiten, den Kopf krampfhaft zum dunklen Nachthunmel empargerich- tct. Bliß befreite sich. „Ich bedauere sehr, Kinder; aber alle diese Dinge sind jetzt nichts für mich. Wir sind gute Freunde, und ihr werdet nicht beleidigt sein, nicht wahr? 5)ier," — er drückt« ihnen ein
paar Banknoten aus seiner rechten Tasche in die Hände — „geht und eßt und kauft euch Blumen! Mich entschuldigt, ich habe dringende Geschäfte."
Er eilte davon und atmete schwer, wie einem großen Unglück entronnen. Er speiste für zehn Pence in einer bescheidenen Kneipe und begab sich dann in seine alte Wohnung in der Arletonstraße.
Clowes kam ihm in der Vorhalle entgegen und zeigte nicht die geringste Ueberrafchung. „Haben Sie schon gespeist, gnädiger Herr?" war seine einzige Frage'
Bliß nickte. „Komm sofort in mein Ankleidezimmer! Ich möchte mir einen Cutaway anziehen."
Eine halbe Stunde später trat er mit einem halbunterdrückten Seufzer aus der vornehmen Behaglichkeit feines Hauses in die regenkalte Nacht. Er schlief in seiner kahlen Dachkammer im Osten, war jedoch pünktlich um acht Uhr morgens in der Regentstraße, wo Tim ihn erwartete.
Um zehn Uhr hatte er bereits den größten Teil feiner Banknoten ausgegeben; aber der Ofen war in vollem Betrieb, und ein weißgekleideter Koch stand davor und kochte und buk voller Eifer. Ein ungeheurer Vorrat von Nahrungsmitteln aller Art war im Laden angehäuft, ein Teppich bedeckte den Boden, und Bliß selber faß an einem amerikanischen Schreibtisch, gekleidet in einen eleganten Cutaway mit graugeftreiften Hosen, einen 'Zylinderhut auf dem Kopf und eine große Zigarre im Mund, so daß ihn jeder Vorrübergehende sehen mußte.
Im Auslagefenster klebte ein riesiges Plakat mit den Worten:
„Gratismahlzeiten für alle Hungrigen, gubereitet auf dem bekannten ' Alpha-Koch- und Backofen."
In einer Stunde mußte bereits ein Türsteher engagiert werden, und es erschien eine Wache- aufgebot, um den Verkehr außerhalb des Ladens zu regeln. Ein zweiter Koch wurde zur Assistenz bestellt, und die langen, weißgedeckten Tische int Hintergrund maren die ganze Zeit über von einer seltsamen Gesellschaft befriedigt schmatzender Gäste belagert. Bliß saß scheinbar bis über die Ohren in dringende Geschäfte versunken, im geheimen aber fühlte er sich ein bißchen ängstlich und nervös. Bisher hatte sich noch kein wirklicher Käufer für den Ofen blicken lassen.
(Fortsetzung folgt.)