Sette 2
Dönnerstag den 22. August 1929
Nr. 196
Man behauptet von der Regierung Macdonald, daß sie an dem Zustandekommen des Young-Planes kein Interesse habe und deshalb einen negativen Ausgang der Haager Konferenz nicht so sehr fürchte. Man behauptet — und wahrscheinlich mit größerem Rechte — von der französischen Regierung, daß sie die Räumung des besetzten deutschen Gebietes nach Möglichkeit verschleppen wolle. Es muß sich jetzt zeigen, ob die Haltung Englands und Frankreichs wirklich durch derartige Momente bestimmt wird. Man hat sich" bisher sehr oft dem Eindruck nicht entziehen können, daß nicht die vorgeschützten Differenzpunkte an der Unfruchbarkeit der Konferenzarbeit die Schuld trugen, sondern daß man sich in einen tiefer liegenden, politischen Gegensatz verbissen hat, der einer sachlichen Einigung über die Hauptfrage der Konferenz im Wege steht. Der deutsche Vorstoß ist dazu 'bestimmt, die Lage nach dieser Richtung hin zu klären und den guten Willen der Konferenz auf die Probe zu stellen. Man entschließe sich zu einer grundsätzlichen, vorläufigen Anerkennung des Young-Planes. Dann ist wenigstens der Zusammenhang der Verhandlungen über die Haager Konferenz hinaus gerettet und die Grundlage für eine Verständigung in Genf geschaffen. Trägt man dem Verlangen Deutschlands nicht Rechnung, was nach der heute vorliegenden Meldung der Fall zu sein scheint, so kann das Urteil über die Haltung der Gläubigermächte nicht hart genug ausfallen.
Die Novelle rum Älebettslosen
Veesicherungsgesetz
alles auf ein Jahr berechnet. Dadurch vermindert sich also der Fehlbetrag von 279 Millionen RM auf 187 Millionen RM.
Zum Ausgleich sieht der Entwurf eine E r - Höhung der Versicherungsbeiträge um 54 v. H. vor, die zunächst bis zum 31, März 1931 eingeführt werden soll. Diese Erhöhung bedeutet eine Steigerung der Einnahmen um 140 Millionen RM im Jahre.
Ablehnende Kattuns sesennbev Deutschland
(Fortsetzung von Seite 1)
Erfolg der Politik Stresemanns könne nicht durch einige Wochen Frist entwertet werden. Briand sei geneigt, die zweite Zone schon vier Monate früher als im September 1930 räumen zu lassen, wenn die Engländer erklärten, daß sie ihre 5000 Mann in drei Monaten zurückziehen werden, so könne man franzöfischerfeits daraus erwidern, daß man in dem gleichen Zeitraum 12 000 Mann französische Truppen zurücknehme. Um aber die restlichen 38 000 Mann zurückzuführen, müsse man erst Unterbringungsmöglichkeilen vorbereiten. Das französische Oberkommando sei auch nicht geneigt, die Truppen und die ungeheueren Materialbestände im Winter zurückzuschasfen. Um die Soldaten unterzubringen, und sie unter guten hygienischen Bedingungen zu- rückznbringen, dürfte die Räumungs-Operation nicht vor dem 1. März beginnen. Sie könne also nicht vor September 1930 beendet sein. Briand sei nicht geneigt, über die Gutachten seiner militärischen Berater hinwegzugehen.
DsO Annahme des Soung planes?
„Populcure" will gestern abend feftgeskellk haben, daß man im Haag bereits sage, daß die Konferenz am Sonntag ihre Arbeit beendet, indem sie erklärt, daß die Mächte grundsätzlich den Foungplan an- nehmen und daß sie die Modalitäten seiner Anwendung später prüfen werden. Bis dahin würden sich die vier Gläubigermächte mit Snowden über die englischen Forderungen verständigen.
Die stnaurkellen Evövievuttge« im Kaas
Haag, 21. Aug. (Privatmeldung.) Die finanziellen Erörterungen scheinen sich jetzt auf den Versuch einer stärkeren Inanspruchnahme Italiens zu- zu?pitzen. Der italienische Delegierte Senator Pirelli hatte heute eine längere Unterredung mit dem englischen Schatzkanzler Snowden, um, wie hier verlautet, die um ein Viertel höhere Beteiligung Italien an den vom Young-Plan vorgesehenen deutschen Leistungen gegenüber seiner bisherigen Duote unter dem Dawesplan näher zu begründen.
Koischvel eines geauSlien Stadt
Bab Schwalbach, 21. Aug. Unter der Ueber- fchrist „Genug! Notschrei einer gequälten Stadt!" veröffentlicht der „Aar- Bote" folgenden erschütternden Appell: „Die Nachricht, wonach Belgien beabsichtigt, nach dem Abzug der Engländer die dritte Zone mit Truppe» zu belegen, wird von den Belgiern bestätigt. Für uns in Bad Schwalbach eine Nachricht, die mehr als niederschmetternd wirken muß. Eine Nachricht, die bei Verwirklichung katastrophale Folgen haben muß. Unsere Badestädt ist seit dem 14. Dezember 1918 ununterbrochen von ausländischen Truppen besetzt. Wir haben die Schmach einer Besatzung von farbigen Französin erleben müssen. Eine unendlich lange Besetzung hat unser einst blühendes Kur- und Badeleben zur Strecke gebracht. Körperlichen und seelischen Mißhandlungen waren wir ausgesetzt. Ein Aufatmen ging seinerzeit durch die Einwohnerschaft, als bekannt wurde, daß die Franzosen von Engländern abgelöst werden. Hoffte man doch, daß sie weniger aufdringlich seien und unserm Wirtschaftsleben weniger Schaden zu- fügten. Diese Hoffnung hat sich erfüllt. Doch war man trotzdem erfreut, als die Möglichkeit einer Räumung von Bad Schwalbach durch die Verhandlungen im Haag in den Bereich der Wirklichkeit rückte. Was man lange Jahre erhofft und gewünscht hatte, sollte in Erfüllung gehen. Wer den Niedergang miterlebt hat, wer die Hotelruinen sehen muß, wer mit der Einwohnerschaft all die Leiden besonders in der ersten Zeit der Besetzung durchkostet hat, wer sich eine Liebe zu seiner Heimat im Herzen bewahrt hat, der konnte nur freudig bewegt sein, als er die Möglichkeit einer baldigen Räumung sah. Besonders groß waren die Hoffnungen auf einen Aufstieg durch die Maßnahmen des preußischen Staates, der in Erkennung unserer Notlage uns durch tatkräftige Hilfe, durch Errichtung neuzeitlicher Kureinrichtungen unter die Arme zu greifen gedenkt. Zusammen mit der Räumung war einem Wiedererstarken der wirtschaftlichen Kräfte unserer Stadt dadurch der Weg geebnet. Wie ein Gisthauch mußte die Nachricht von
Berlin, 21. Aug. Die Reichsregsirung hat dem Reichsrat den Entwurf eines Gesetzes zur Aenderung des Gesetzes über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung vorgelegt. Sie hat den Entwurf gleichzeitig den Mitgliedern des Reichstags- ausschusses für soziale Angelegenheiten zugehen lassen. Daß dies geschieht, bevor der Reichsrat über den Entwurf Beschluß gefaßt hat und bevor der Entwurf vom Plenum des Reichstags dem Ausschuß überwiesen worden ist, entspricht einem aus- drüÄichen Wunsche des Ausschusses. Aus den Be- stimimingen des Entwurfes sei folgendes heroor- gehoben:
Der Begriff der Arbeitslosigkeit wird im Gesetz definiert. Es kann also künftig nicht mehr vorkommen, daß Personen, die in Wirklichkeit feine Arbeitnehmer» sind, die Arbeitslosenunterstützung beziehen. Geringfügige Beschäftigungen sollen künftig nur dann versicherungspslichtig sein, wenn sie von Personen, die berufsmäßig überwiegend als Arbeitnehmer tätig zu fein pflegen, berufsmäßig ausgeübt werden; das Gesetz trennt den Kreis der geringfügigen Beschäftigungen im einzelnen näher ab. Für unständig Beschäftigte sowie für Hausgewerbetreibende und Heimarbeiter sieht der Entwurf die Möglichkeit vor, daß Sondervorschriften erlassen werden. Die Sperrfristen, die bei unberechtigter Arbeitsverweigerung oder bei freiwilliger Aufgabe oder schuldhaftem Verlust einer Arbeit verhängt werden, sollen künftig nicht starr auf vier Wochen festgesetzt sein, sondern der Entwurf gibt den durchführenden Stellen einen elastischen Rahmen von zwei bis acht Wochen. Das Befreiungsverfahren wird vereinfacht. Ein« besonder« Bestimmung sieht vor, daß die Arbeitslosenunterstützung von amtswegen zu entziehen ist, wenn sich herausstellt, daß die Voraussetzungen zum Bezüge in Wirklichkeit nicht vorgelegen haben.-Durch eine Reihe weiterer Borschriften wird
die Kontrolle verstärkt.
auf Unter
Der Arbeitslose, der einen Antrag , _____
stützung stellt, muß künftig angeben, in welchen versicherungspslichtigen Beschäftigungen und wie lange er in diesen seit dem Beginn der Anwart- chaft gestanden hat. Andererseits werden Arbeit-
zeber, die vorsätzlich oder fahrlässig in einer Bescheinigung falsche oder unvollständige Angaben über das Beschäftigungsverhältnis eines ihrer Arbeitnehmer oder über den Grund der Lösung des Beschäftigungsverhältnisses machen, zum Schadenersatz verpflichtet, wenn der Reichsanstalt aus solchen falschen oder unvollständigen Bescheinigungen ein Schaden entsteht; außerdem treten die Bestimmungen des Strafgesetzbuches in Kraft.
Die Vorschriften über die Warlereil
werden etwas abgeändert. Die Wartezeit soll kllnf- ig nicht mehr allgemein sieben Tage betragen, ändern nach dem Familienstande gestaffelt sein, so daß Arbeitslose ohne zuschlagsbèrechtiNte Angehörige eine Wartezeit von 14 Tagen, solche mit einem, zwei oder drei Angehörigen eine Warte
oder
en :
zurückzulegen haben. Gegen eine Umgehung der Wartezeitvorschriften trifff der Entwurf Sicherung. Wartegehälter und Ruhegehälter sollen in Zukunft auf die Arbeitslosenunterstützung angerechnet werden, ebenso in gewissem Umfange auch die Renten der Sozialversicherung. Dagegen bleiben die Ver- 'orgungsrenten von der Anrechnung frei.
Die Beiträge zur Krankenver- ' icherug der Arbeitslosen, die aus Mitteln der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung bestritten werden müssen, werden zerabgefetzt. Der Entwurf rechnet mit einer Durch- chnittsziffer von 1,1 Millionen Hauptunter- tützungsempfänger. Dies bedeutet bei dem gegenwärtigen Rechtszustand einen Gesamtaufwand von 1119 Millionen RM im Jahre. Diesem Aufwand tehen Veitragseinnahmen von etwa 840 Millionen
RM im Jahr gegnüber. Das ergibt ein jährliches Defizit von 279 Millionen. RM Dieser Fehlbetrag wird durch den Entwurf vermindert. Soweit Schätzung möglich ist, kommt der Entwurf allen Vorbehalten zu foloendem Ergebnis: Es werden voraussichtlich erspart werden
eine mit
durch die Verlängerung der Wartezeit ........ durch die Anrechnung von Wartegeld, Ruhegehalt und Sozialrenten ......... durch die Herabsetzung der Krankenkassenbeiträge ..... durch die Aenderung der Sätze bei berufsüblicher Arbeitslosigkeit ..,,,_.,
25 Mill. RM
16
30
21
zusammen 92 Mill. RM
einer erneuten Besetzung unseres Bades wirken. Wenn Bad Schwalbach erneut besetzt wird, ist all« Arbeit, alles Ringen um den Aufstieg vergebens. Wir rufen den Völkern der Erde zu:
Es ist genug, ct-^rq der Qual, genug der Lasten, genug der Willkür. Unsern Vertretern im Haag machen wir es zur Pflicht: Laßt das besetzte deutsä)e Land am Rhein nicht im Stich Jahrelang haben wir gelitten. Helft uns endlich die erwünschte Freiheit erringen. Wacht Bab Schwalbach frei von Besatzung. Ebnet ihm den Weg zu wirtschaftlichem Aufschwung!"
TelesvammwsMel rwUchsn ReMskaurleV Müllev und
MinlfievvvSstdeut Yamaguchi
Berlin, 21. Aug. Anläßlich der Landung des „Graf Zeppelin" in Japan hat der japanische Ministerpräsident an den Reichskanzler nachstehendes Telegramm übermittelt: „Anläßlich der glücklichen Ankunft des „Graf Zeppelin' in Japan auf seinem Flug rund um die Welt habe ich die Freude, Ihnen und durch Sie dem deutschen Volk Japans herzlichste Glückwünsche zu übermitteln. Das ganze japanische Volk heißt das gewaltige Luftschiff mit einer der geschichtlichen Bedeutung des Ereignisses entsprechenden ungeheuren Begeisterung willkommen, und es wünscht ihm ein aufrichtiges „Fahr wohl!" für di« kommende Ueberbrückung des
einer der g, entsprechend
OZe Vevaiutts im Gozkarpol. AttsMuß
Berlin, 21. Aug. Im sozialpolitischen Ausschuß des Reichstages wurde heute die allgemeine Aussprache über die Reform der Arbeitslosenversicherung durch längere Ausführungen des Reichs- arbeitsmimfters Wisset eingeleitet. Er ging bei der Begründung der neuen Regierungsvorlage vor allem auf die Punkte ein, in denen der Gesetzentwurf von dem Gutachten des Sachverständigenausschusses abweicht. Er führte aus, daß bei einer Beitragserhöhung um % Prozent, die die Vorlage vor- sieht, ein Fehlbetrag von 47 Millionen ungedeckt bleibt. Diese Lücke sei in der Regierungsvorlage nicht ausgefüllt. Die Regierung überlasse es dem Reichstag, über die Deckung geeignete Vorschläge zu machen.
Als erster Redner in der Aussprache wandte sich Abg. Graßmann (Soz.) gegen eine generelle Herabsetzung der Leistungen. Eine Relation zwischen Beiträgen und Leistungen müsse abgelehnt werden, dagegen sei die Sozialdemokratie gern bereit, an der Abstellung bestehender Mißbräuche mitzuwirken. Reichszuschüsse würden sich auch in Zukunft nicht. immer vermeiden lassen.
Abg. Rädel (K.) lehnt« den Entwurf ab, da das gegenwärtige Gesetz alle bisherigen Gesetze an sozialreaktionärer Wirkung übertreff«.
Abg. Pfeffer (D. Vpt.) erklärte, daß es für die Deutsche Volkspartei überflüssig sei, zu erwähnen, daß sie mir der Vorlage nicht einverstanden sei. Es fehle das Hauptstück, und es sei ein Humbug, daß das Kabinett eine unfertige Vorlage dem Reichstag vorlege. Nach Auffassung seiner Fraktion müsse klar und deutlich unterschieden werden zwischen den Bersicherungsleistungen, die man den langfristig Beschäftigten gebe, und den kurzfristig Beschäftigten, die auf Grund ihrer Beträge nicht auf versicherungsmähige Leistungen, sondern nur auf Leistungen, die der Fürsorge ähnlich waren, Anspruch haben könnten. Wenn man diesen Grundsatz durchführe, würde mit einigen anderen Ersparnissen soviel gespart werden können, daß eine Beitragserhöhung überflüssig sei.
Abg. H a ß l a ch e r (Dntl.) erklärte die Zustimmung seiner. Fraktion zum größten Teil der Vorschläge, rote sie in der Regierungsvorlage enthalten sind. Er bemängelte aber^ daß in dem Kernpunkt
Hauptrolle gespielt habe, herausgelassen sei. Die Deutschnationalen seien der Ueberzeugung, daß den harten Notwendigkeiten der Lage im verarmten Deutschland nicht anders Rechnung getragen wenden könne, als durch einen Abbau der Versicherungsleistungen, da eine Erhöhung der Beiträge für Arbeitnehmer wie für Arbeitgeber völlig außer Frage stünde.
Hierauf vertagte - sich der Ausschuß auf Donnerstag.
Die produktive Eywevds- koseufüvsov^e
Gestern nachmittag fand im Reichstag eine Besprechung zwischen einer kleinen Anzahl von Mitgliedern des Sozialpolitischen Ausschusses und Vertretern des Reichsarbeitsministeriums statt, wobei es sich darum handelte, ob Mittel für die produktive Erwerbslosenfürforge im Wege einer Rachtragsforderung vom Reichstage verlangtwerden sollen. Die Erörterung führte lt. „D. T." dazu, daß von dem Gedanken Ab st and genommen wurde. In politischen Kreisen spricht man von einem neuen Plan, gesetzlich sestzulegen, daß gewisse öffentliche Bauten im Winter auszuführen seien, ferner davon, die Unterwerfung der Länder und der Gemeinden unter die Vorschriften über das öffentliche Verdingungswesen von Reichs wegen neu zu ordnen.
Pazifiks, der bisher durch kein Flugzeug überquert worden ist. Das Werk deutschen Genies und Unternehmungsgeistes hat unsere beiden Völker sicherlich nicht nur in dem räumlichen Abstand, sondern auch in Freundschaft und Geist einander nähergebracht, und ich ergreife gern die Gelegenheit, dem deutschen I Volke Glück und Gedeihen zu wünschen."
Das Antworttelegramm des Reichskanzlers an den japanischen Ministerpräsidenten hat folgenden Wortlaut: „Für die überaus herzlichen .Glückwünsche, die Gib anläßlich der Ankunft des Luftschiffes „Graf Zeppelin" dem deutschen Volke und mir persönlich gesandt haben, spreche ich Ihnen . meinen wärmsten Dank aus. Die begeisterte Anteilnahme, die das japanische Volk an dem Fluge bekundet, und die von Herzen kommende Gastlichkeit, mit der das Luftschiff und seine Besatzung in Japan ausgenommen wurden, finden in Deutschland freudigen Widerhall und dankbare Würdigung. Mit dem ganzen deutschen Volke teile ich Ihre Zuversicht, > daß die Ueberwindung des Raumes durch die Luft- : fahrt dazu beitragen wird, unsere Völker einander näherzubringen und ihre Freundschaft weiter zu : vertiefen. — Mit herlicher Erwiderung Ihres : Grußes an Deutschland bitte ich meinen aufrichtigen , Wunsch für die glückliche Zukunft Japans entgcgen- ; nehmen zu wollen."
Taauns des Reichsstädie- bundeâ
> kiel, 21. Aug. Als Auftakt zur großen Mitglie- ; dervetsammlung des Reichsstädtebundes tagten
heute nachmittag Gesamt« orstand und Hauptaur. schuß des Reichsstädtebundes unter Vorsitz des Lun. desprästdenten Oberbürgermeister Dr. Belian, um zu aktuellen Fragen der Kommunalpolitik Ssi'lluno zu nehmen. U. a. wurde über die neuen Pläne des preußischen Innenministeriums verhandelt, die dahin gehen, den Städten bis zu 5000 Einwohnern das Recht zum selbständigen Erlaß von Polizeiveroch, nungen zu nehmen und auf den Landrat zu übertragen. Zu dieser Frage nahm der Gesamtvorstand eine Entschließung an, in der festgestellt wird, daß eine Regelung in der geplanten Form keine Vereinfachung, sondern eine Komplizierung der örtlichen Poltzeiverwaltung bedeuten würde. Nicht durch schematische Ausschaltung bet' Ortspolizn- behörden, sondern nur durch Einschränkung ber Zahl der Polizeiverordnungen bei allen zuständigen Stellen könne das Ziel einer Vereinfachung erreicht werden. Die Herausgabe eines Polizsistrafgssitz, buches, das alle grundlegenden Bestimmungen ent- hält, fei geeignet, diesem Ziel näherzukommen.
Ueber den Inhalt eines Städtebaugesetzes referierte Vizepräsident Dr. Voigt, der darauf hinwies, daß der vorgesehene Flächenaufteilungsplan Einschränkungen des Selbstoerwaltungsrechts der Gemeinden enthalte, durch die den Gemeinden jeder Einfluß auf die künftige Gestaltung eines Städte- bildes entzogen werden könne. Deshalb seien Flächenaufteilungspläne in der im Gesetz vorgesehenen Form abzulehnen.
Die Frage des Finanzausgleichs behandelte der geschäftsführends Präsident Dr. Haekel, der gegen die Praxis polemisierte, den schwierigen Haushaltsausgleich in Reich und Ländern und di« erstrebte Senkung der Steuerlast in der Hauptsache auf Kosten der Gemeinden vorzunehmen.
Abends fand ein Empfang der Teilnehmer der Tagung durch die Stadt Kiel statt.
Verbrecherischer blinder Passagier
Der „Lokalanzeiger" meldet aus Tlewnork: An Borb der „Bremen" befand sich wieder ein blinder Passagier, der 32jährige Hans Berklaae. Er hatte in Bremen die Uniform eines Stewards gestohlen und war so an Bord gelangt. Die Reise benutzte er zu Raubzügen in den Luxuskabin-n des Schiffes, wobei ihm Wertsachen im Betrage von etwa 100 000 Wark in die Hände fielen. Kurz vor bet Ankunft in Rewyork wurde er entdeckt. Er wird schnellstens nach Bremen zurückgeschafft und dort abgeurteilt werden.
Eine Geisteskranke als zwölffache Brandstifterin.
In Nèufahn (Niederbayern) und Umgebung brachen in ganz kurzer Zeit zwölf Brände aus, deren Enkstehungsuvjachen nicht ermittelt werden konnten, und die die größte Beunruhigung im ganzen Lande hervorrsifen. Durch Zufall konnte die 55 Jahre alte Landwirtswitwe Maria Högl aus Neufahn, deren großes Anwesen seinerzeit als erstes in Flammen aufging, als Brandstifterin entlarvt werden. Zuletzt lief sie einem fahrenden Heuwagen nach und zündete diesen auf offener Straß« an. Eine auf dem Wagen sitzende Frau zog sich beim Abspringen von dem brennenden Wagen empfindliche Verletzungen zu. Als die Brandstifterin bemerkte, daß man sie verfolgte, warf sie sich in den Straßengraben un dschlug sich selbst mit Ziegelsteinen so heftig auf den Kopf, daß sie ziemlich schwere Wunden erlitt. Die Frau, die geistesgestört
Schwerer Aulobusunfall.
Plauen i. B„ 22. Aug. Wie aus Wernesgrün gemeldet wird, ist heute der fahrplamnäßige Autobus der Linie Eibenstock—Plauen bei Wernesgrün schwer verunglückt. Beim Ausweichen kam der Autgbus zu weit rechts und stürzte eins 15 Meter hohe Böschung hinunter, wobei er sich dreimal überschlug und demoliert wurde. 20 Personen wurden dabei leichter oder schwerer verletzt.
Letzte Telegramme. ÄlmevrSa st. SowkeivuMattd
Die Sowselregierung noch nicht reif für die Ausnahme ehrlicher offizieller Beziehungen zu Amerika.
Mitglieder der amerikanischen Delegation, die soeben ihren Besuch in Sowjetrußland beendet haben, erklärten einem Mitarbeiter der „Voss. W“' daß auf Grund ihres in der Sowjetunion gewonnen Eindrucks die Anerkennung der Sowjetregierung durch die Vereinigten Staaten nicht in Frage kommen dürfte. Von 42 führenden Mitgliedern der amerikanischen Delegation sind nur 13 von der Ratsamkeit oder Notwendigkeit einer solchen Anerkennung überzeugt; die sämtlichen übrigen Delegierten sprachen sich gegen einen derartigen Sckzritt und einer von ihnen, der Präsident einer großen technischen Gesellschaft in Chicago, erklärte mit Zustimmung seiner Kollegen, es dürfte mindestens ein Jahr» zehnt vergehen, ehe die Sowjetr«' gierung außenpolitisch reif genug sei für die Ausnahme ehrlicher offizieller Beziehungen zu den Vereinigten Staaten. Wenn auch die Sowjetbehörden in jeder Beziehung entgegenkommend waren und alles taten, um unsere Rußlandreise bequem, interessant und wirtschaftlich nützlich zu gestalten, so sind die meisten Mitglieder unserer Delegation doch davon überzeugt, daß die Russen besonders aus politischem Gebiet nicht aufrichtig zu uns waren. Sie wolltsn uns etwas vormachen und politisch «in- wickeln, betonte dieser amerikanische Wirtschaftler mit Nachdruck. Anders als über die Anerkennung der Sowjetregierung durch Washington denken die Führer der Delegation über die Frage von engeren Wirtschaftsbeziehungen zu Sowjetrußland. Mehrere Mitglieder der amerikanischen Delegation benutzten ihren Aufenthalt in Moskau dazu, wirtschaftliche Beziehungen zu den maßgebenden Stellen der Sowjetregicrung anzuknüpfen, mit dem Erfolg, daß bisher Verträge und Vorverträge für die Lieferung von Maschinen und Werkzeugen die Errichtung von industriellen Neubauten unter der Leitung von amerikanischen technischen Sachverständigen in einer Gesamthöhe von etwa 25 Millionen Dollar Zustandekommen konnten. Dagegen hat kein einziges Mitglied der amerikanischen Delegation über eine langiähr'g^ Investierung größerer amerikanischer Kapitalien der Sowjetunion verhandelt.