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Monkag den 22. IuN 1929
Nr. 169
sind geradezu katastrovhal für die Kasse geworden. Der überaus strenge Winter mit seinen Erkältungs- und Fvostkrrmkheiken aÄer Art, die Grippe-Epide- mie brachten einen Krank «nbestand, wie er seit Jahren nicht mehr bestand. Wochenlang betrug der Krankenstand 12 bis 14 Prozent der Mitgliederzahl. Die finanziellen Anforderungen gingen in das Unermeßliche, da ja bei einem hohen Krankenstand nicht nur die Kosten für Krankengeld, sondern auch die Kosten für Arzneien, Heilmittel, Krankenhauspflege und teilweise auch für ärztliche Behandlung steigen, auf der anderen Seite aber sofort die Einnahmen sinken, denn alle arbeitsunfähig geschriebenen Versicherten zahlen keine Beiträge. In wenigen Wochen waren die Barreserven aufgezehrt, und die Kasse mußte zur Erfüllung ihrer Verpflichtungen ein größeres Darlehen aufnehmen. Allein im ersten Quartal 1929 wurde über eine viertel Mtstrvn Mark für Krankengeld ausgezahlt. Die Beitragseinnahmen für die gleiche Zeit waren nicht so hoch. Um die Finanzlage der Kasse zu sanieren, wurde deshalb beschlossen, vorübergehend die Beiträge auf 7,5 Prozent zu erhöhen, ferner 3 Karenztage bei Krankengeldzahlung einzuführen und das Krankengeld für Ledige auf 50 Prozent des Grundlbhnes festzufetzen, während es für Verheiratete nach vie vor 60 Prozent bei Anspruch auf die Mehrleistungen betragen soll.
Et« Hochsommevsonntas
wie er im Buche steht, liegt hinter uns. Den ganzen Tag über herrschte eine wlchre Backofenhitze, die einen Aufenthalt im Freien geradezu unerträglich machte. Das Thermometer kletterte zu schwindelerregender Höhe hinauf und schlug jeden Rekord. Höher hinauf geht's nimmer, das war der einzige schwache 'iroft der schwitzenden und stöhnenden Menschheit. Kein Wunder' daß sich ganz Hanau am Main und an der Kinzig ein Stelldichein gab und das Wasser geradezu wimmelte von kühlungsuchenden Männlein und Weiblein. Wenn das so weitergeht, werden sich nächstens auch noch im Main Verkehrspolizisten postieren müssen. Was sich aber ousnabmsweile nicht im Wasser ergötzte, suchte schattige Plätzchen auf, an denen die nächste Umgebung Hanaus ja keinen Mangel hot. So kam ein jeder auf seine Kosten und genoß den Sonntag, soweit vom Genießen bei einer solchen Tropenhitze überhaupt die Rede sein kann.
Vevsoneukvattwasen fährt m Autobus hinein
7 Verletzte
Am Ortsausgang von Langenselbold in Höhe der Gärtnerrei Weißenberger ereignete sich gestern abend kurz vor 9 Uhr ein Zusammenstoß zwischen einem Homburger Verkehrs-Autobus und dem Personenkraftwagen eines Langenselbolder Autobesitzers. Der Autobus, der sich mit einem Gesangverein aus Obererlenbach auf der Rückfahrt vom Sängerfest in Somborn befand, wurde von dem entgegenkommenden Personenkraftwagen in der Flanke gefaßt. Infolge Versagens der Steuerung durch die Wucht des Anpralles landete das
»ere Gefährt, das besonders am Trittbrett und
BeÄeci KbMgM ' MkchaWknaèn davonaetra- gen hatte, mit feinem vorderen Teile im Straßengraben. Dabei wurden von den Insassen 7 Frauen verletzt, die in der Hauptsache Prellungen und Schnittverletzungen davontrugen. Der Führer des Personenwagens mußte in ein anliegende; Haus flüchten, da die erregten Insassen des Autobus tätlich gegen ihn vorzugehen drohte. Vor dem Hause kam es dann noch zu weiteren erregten Austritten. Erst sofortiges Eintreffen von Landjägerei- und Polizeibeamten stellten die Ruhe wieder her. Der Personenwagen selbst wurde aufs schwerste beschädigt. Als höchst glücklicher Umstand muff' es bezeichnet werden, daß sich der Autobus nicht noch überschlug. In diesem Falle wäre ein größeres Unglück unvermeidlich gewesen. Die Un- sallstelle war längere Zeit hindurch von einer großen Menge Neugieriger belagert, so daß sich die Verkehrsregelung bei dem starken Kraftverkehr äußerst schwierig gestaltete. Ein Motorradfahrer
mit Beiwagen fuhr dabei auf einen vor ihm herfahrenden Motorradler auf, dessen Soziusfahrerin in weitem Bogen vom Sitze geschleudert wurde, ohne indes ernstlichen Schaden zu nehmen. Erst ^egen 12 Uhr konnte der beschädigte Autobus seine Fahrt sortsetzen.
Mobttunssbau in der KaGkvirsszett
Der Reinzugang an Wohnungen betrug in den Jahren 1919 bis 1928 1,6 Millionen. Dieser Zugang an Wohnungen ist in der Hauptsache auf den Wohnungsbauanteil aus der Hauszinsstcuer zurück- zuführen. Durch Erhöhung des Wohnungsbauanteils hatte sich der Wohnungsbau wesentlich steigern lassen. Im übrigen verteilt sich der Wohnungsbau auf die verschiedenen Größenklassen der Gemeinden durchaus nicht gleichmäßig. Bringt man den Wohnungsbau der Jahre 1919 bis 1928 in ein Verhältnis zur Bevölkerungszahl, bann entfallen auf je 1000 Einwohner in den Gemeinden mit höchstens 2000 Einwohnern 20,1 Wohnungen, in den Gemeinden mit 2000—50 000 Einwohnern 32 bis 35 Wohnungen und in den Gemeinden mit mehr als 100 000 Einwohnern 26,2 Wohnungen. Den verhältnismäßig geringsten Zugang an Wohnungen haben hiernach die Landgemeinden, den größten Zugang weisen die mittlerem Gemeinden auf, einen geringeren Zugang haben dagegen die wohl am meisten unter der Wohnungsnot leidenden Großstädte.
Was Sottet das -KvankfeM?
Nach einer soeben ferdiggestellten Statistik, an der sich gut die Hälfte aller deutschen Ortskrankenkassen, mit über % aller Mitglieder beteiligt haben, sind im Jahre 1928 für die Zwecke der Krankeichilse über 780 Millionen Mark verausgabt worden. Fast 184 Millionen Mark betrugen die Kosten der ärztlichen Behandlung, fast 35 Millionen Mark die Ausgaben für Zahnbehandlung, etwa 104 Millionen Mark wurden für Arzneien und Heilmittel, etwa 122 Millionen Mk. für Krankenhausbehandlung ausasgeben. Die sogenannten Barleistungen, das heißt 'Krankgeld, Haus- und Taschengeld beliefen sich auf fast 332 Millionen Mark. Für Genesendenfürsorge wurden 3 'A Millionen Mark verausgabt. Auf den Kopf des Versicherten fallen von diesen Kosten 77 Mark. Das Kranksein ist also eine kostspielige Sache. Um so wichtiger ist die auch von den Krankenkassen in jeder Weise geförderte Vorbeugung. Allein nach der vorliegenden Statistik wurden für allgemeine Fürsorge über 9 Millionen Mark, darunter für Sinberfürfarge 4% Millionen Mark ausgegeben. Aber auch im Interesse des einzelnen liegt es, die Krankheitskosten soweit als möglich burd) eine gesundheitsgemäße Lebensführung zu vermindern, denn naturgemäß müssen mit den Ausgaben der Krankenkassen auch die zu zahlenden Beiträge erhöht werden, die ja zu % dem Arbeitnehmer vom Lohn abgezogen werden.
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Nach gerichtlicher Feststellung 75 Jahre.
Durch einen Paragraphen des Bürgerlichen Ge- Aufgabe gestellt, darüber zu entscheiden, wie lange ein Mensch, der plötzlich durch einen Unfall oder die Schuld anderer ums Leben kam, normalerweise hätte weiter leben können. In solchen Fällen hat man zur Unterstützung der Lösung dieses schwierigen Rätsels die sogenannten Sterbetafeln her- angejogen, die aber keinen maßgebenden Einfluß auf die Entscheidung der Gerichte haben. Den Zivilgerichten steht dâs Recht zu, die Feststellungen über die Lebensdauer plötzlich zu Tode gekommener Personen nach eigenem Ermessen zu treffen unb sich dabei ärztlicher Sachverständiger zu bedienen.
Ein solcher Fall hat sich jetzt zugetragen. Ein 65 Jahre alter Buchhalter war von einem Kraftwagenbesitzer überfahren worden und hatte dabei den Tod gefunden. Die Ehefrau des Getöteten beanspruchte nunmehr eine zehnjährige Rente. Die von dem Beklagten zu Hilfe genommenen Sterbe
tafeln ergaben nur eine voraussichtliche Lebensdauer von noch sieben Jahren für den Buchhalter. Nachdem das Gericht zwei Sachverständige hinzu- gezogcn hatte, entschied es sich für eine voraussichtliche Lebensdauer von noch zehn Jahren.
Oie ttudreveude Stau
Welche Fächer werden von ihr bevorzugt?
Die deutsche Hochschulstatistik (Winterhalbjahr 1928/29), herausgegeben von den Hochschulverwaltungen, mit textlichen Erläuterungen unb graphischen Darstellungen (Berlin, Struppe u. Winkler) gibt aufschlußreiche Zahlen über die Entwicklung des Frauenstudiums. Es ist verhältnismäßig jung, in Preußen besteht cs erst seit dem Winter 1908/09. Durch behördliche Maßnahmen wurden vor dem Kriege die Frauen besonders auf das Gebiet der Schulwissenschaften und der Medizin gedrängt. Erst seitdem nach dem Kriege die Frauen zur Ausübung aller Berufe gleich den Männern (abgesehen von der Theologie) zugelassen wurden, ist von einem nennenswerten Zugang auch zu den anderen Studienzweigen zu sprechen.
Ein Vergleich der Studierendenzahlen des letzten Halbjahres mit den von 1913 ergibt eine nicht sehr bedeutende Zunahme auf bem Gebiete der Schulwissenschaften (das Dreieinhalbfache) und der Medizin (das Zweieinhalbfache). Gewaltig stieg jedoch die Zahl in anderen Fachgebieten: in der Pharmazie auf das Vierundzwanzigfache, in der Zahnheilkunde auf das Zwanzigfache, in der Rechtswissenschaft auf das Siebzehnfache, in der evangelischem Theologie, auf das Zwökffache, in der Chemie auf das Neunfache und in der Volks- und Betriebswirtschaftslehre auf das Siebenfache. Ordnet man die Gefanitzahl der studierenden Frauen nach der Frequenz in den einzelnen Studienfächern, so stehen auch heute die Schulwissenschaf- ten (und zwar die philologisch-historische Gruppe) an der Spitze mit 5395 Studierenden. Ihnen folgt die Medizin mit 2081 Frauen; in weitem Abstand erst kommt die Rechtswissenschaft (826), die Bolks- unb Betriebswirtschaftslehre (723), die Zahnheil- künde (458), bie Chemie (330), die Pharmazie (192) und die evangelische Theologie (157).
Die absoluten Zahlen der studierenden Frauen in den einzelnen Universitäten sind: Berlin 2266, München 1346, Bonn 840, Köln 741, Münster 673, Breslau 634, Leipzig 581, Hamburg 571, Freiburg 540, Frankfurt 520, Marburg 503, Heidelberg 477, Königsberg 434, Göttingen 430, Jena 370, Tübingen "284, Kiel 237, Würzburg 190, Halle 184, Greifswald 176, Rostock 110, Gießen 87, Erlangen 79.
* Daten für Dienslag 23. Juli. Sonnenaufgang 4.10 Uhr, Sonnenuntergang 20.02 Uhr. Mondaufgang 21.24 Uhr, Monduntergang 5.20 Uhr. 1562: Ritter Götz von Berlichingen in Hornberg gest. 1824: Der Philosophiehistoriker Kuno Fischer in Sandewalde geb. 1914: Ultimatum Oesterreich- Ungarns an Serbien.
* Beim Baden ertrunken ist gestern nachmittag im Hellas-Bad am Main ein 32jähriger junger schwäche befallen wurde. Der Verunglückte wurde sofort von der Freiw. Sanitätskolonne in das Landeskrankenhaus verbracht, wo Wiederbelebungsversuche angeftcUt wurden, die jedoch ohne Erfolg blieben.
* Spart Leitungswasser. Das Wasserwerk weist in einer Bekanntmachung in der heutigen Nummer die Einwohner Hanaus darauf hin, daß mit dem Verbrauch von Leitungswasser sparsam umgegangen werden muß, damit nicht durch Zwangsmaßnahmen der Verbrauch eingeschränkt werden muß.
* Päckchenverkehr. Nach den einschlägigen Bestimmungen werden Päckchen, je nach ihrer Gattung, entweder mit der Briefpost (Briefpäckchen) oder mit der Paketpyst (Päckchen) befördert. Die Sendungen müssen daher entweder mit dem Vermerk „Briefpäckchen" ober „Päckchen" versehen sein. Zur
Verhütung von Unzuträglichkeiten wird den Post- | einliefererh die Beachtung dieser Bestimmung empfohlen.
* Verliner-Wozart-Jugendchor! Das morgen Dienstag abend 8 Uhr in der Städthalle stadtfindende Konzert, verspricht nach vorliegendem Programm, eine in jeder Beziehung erstklassige Veranstaltung zu werden und es dürfte jedem Besucher ein hoher Kunstgenuß bevorstehen. Wie mir bereits schon erwähnten, steht der Chor im Dienste der Jugendpflege und dürfte schon aus diesem Grunde, und nicht zuletzt in Anbetracht der künstlerischen Darbietungen, zu erwarten sein, daß das Konzert einen regen Zuspruch erfährt. Die Kinder treffen Dienstag mittag 12.12 Uhr hier ein und werden von Schülern und Schülerinnen der hiesigen Schulen nach ihren Quartieren gebracht. (Siehe Inseratenteil.)
* Abkommen der Ruhrgas-A.-G. mit der Fern- gas-Gesellschast Saar m. b. h. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, sind die Berhand- lungen, die in der letzten Zeit unter Mitwirkung des preußischen Hanidelsministeriums unb unter Beteiligung der hessischen Staatsregierung zwischen der Ruhrgas-A.-G. und den in der Ferngasgessll- schast Saar m. b. H. zusammengeschtossenen Gruppen über eine gemeinsan» Versorgung Südwestdeutschlands mit Ferngas stattfanden, zu einem vorläufigen Abschluß gekommen. Nach der Vereinbarung werden die Ruhrgas A.-G. und die FecngasgeseMjchaft Saar m. b. H. die Ferngas- interessen in Südwestdeutschland in Zukunft gemeinsam zu fördern suchen. Sie werden den Zusammenschluß aller Gasabnehmer in dem gemeinsamen Bersorgungsgebiet in eine gemischtwirtschaftliche Gesellschaft anstreben, an der die kommunalen Gasabnehmer und die Gaserzeuger und möglichst auch die Länder beteiligt sein sollen. Sie werden Verträge gemeinsam schließen, Erfahrungen austauschen und sich auch sonst jede Hilfe zuteil werden lassen. Sie haben gegenseitig Gebiete abgetrennt, wobei der Ferngasgch.eAfchaHt Saar ein eigenes Versorgungsgebiet Vorbehalten ist, und haben sich über die Beteiligung am Absatz schtüssel- | mäßig geeinigt, wobei auf der Ruhrseite die Interessen des Aachener Reviers und auf der Saarseite neben den Interessen der Hütten vor allem auch die des künftigen fiskalischen Bergbaues wahrgenommen worden find. Um die Anfangs- leitungen wirtschaftlich zu machen, ist beiden Gesellschaften eine Vorauslieferung in die nächstgele- genen Absatzgebiete zugestanden, nach deren Erlangung anteilmässige Beteiligung eintritt. Dabei sind die Zusagen, welche die Ruhrgas-A.-G. der Hessischen Kommunalen Gäsfernverforgung machte, in vollem Umfang berücksichtigt. Schließlich ist der Fall behandelt, daß einer der Vertragsschließenden nicht liefern kann oder will, und eine 21enberung der Vereinbarung wegen veränderter Umstände vorgesehen, wobei ein Schiedsgericht zu entjdfeiben hätte. Die Bildung der großen ge mischtw irtschaist- lichen Gesellschaft, die dem Abkommen praktischen Inhalt geben soll, ist in Angriff genommen. Mit der Beteiligung des Saargebiets am deutschen Ferngasabsatz ist die Eingliederung des Saar- gebietes in das deutsche Wirtschaftsgebiet erheblich gefördert.
* Bekämpfung des Kartoffelkäfers. Der Minister J für Landwirtschaft, Domänen und Forsten weist M durch Erlaß vom 1. Juli 1929 darauf hin, daß^dte M> Frankreich nach wie vor sehr ernst ist. Es sei daher . erforderlich, den beteiligten Kreisen erneut eine oer- ' stärkte Beobachtung ihrer Kartoffeläcker zur Pflicht zu machen. Nach der Polizmverordnung über die Bekämpfung des Kartoffelkäfers vom 30. November 1926 sind den Verdacht des Vorhandenseins des Kartoffelkäfers begründende Erscheinungen binnen ; 24 Stunden der Ortspolizeibehörde oder der Gc- ' meindebehörde anzuzeigen. Die Anzeigepflicht lie^ | bem Nutzungsberechtigten des Grundstücks unj» in dessen Abwesenheit dem Vertreter ob.
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wie stttdet man Genres?
o Wie bereits berichtet wurde, sieht sich Edison nach einem Nachfolger um und hat 49 viel versprechende Jünglinge ausgewählt, die er mit Hilfe eines seiner berühmten Fragebogen auf ihre Eignung zum Erfinder prüfen will. Die führenden amerikanischen Psychologen haben nun zu diesem Beginnen des großen Mannes Stellung genommen und ihr«.Ansichten in der Washingtoner Zeitschrift „Science News-Letter" veröstentlicht. Sie bezweifeln, ab es möglich fein wird, unter Anwendung der heute üblichen Prüfungsmethoden bei einem noch in der Entwicklung befindlichen Menschen die Merkmale des Genies festzustellen. „Weder Wissenschaft noch Verstand haben das Rätsel des Genies b isher gelöst," schreibt z. B. der Psychologe der Stanford-Universität Prof. Louis M. Terman, „aber die Psychologie ist wenigstens auf dem Wege. Gewiß wird es' bald so weit fein, daß man dos Genie bereits frühzeitig entdeckt und als das kostbarste Gut der Nation hegt und pflegt. Schon jetzt ist es immerhin möglich, mit großer Wahrscheinlichkeit den jungen Menschen zu erkennen, der mit wissenschaftlichem Talent begabt ist. Die Suche nach großen Begabungen sollte in die Hände einer kleinen Gruppe von Psychologen und Aerzten gelegt werden, die mit Unterabteilungen in jedem Staat Zusammenarbeiten. Man wird in den Oberklassen der höheren Schulen Ausschau halten unib darf der Mitwirkung der Lehrer gewiß sein. Zunächst einmal müssen ein paar Batterien von Verstandsprüsungen auf die Anwärter abgeschossen werden. Bei denen, die diese Prüfung glücklich überstanden haben, wird man dann Prüfungen des Charakters und der Persönlichkeit vornehmen, und wenn schließlich die allerbesten ausgesiebt sind, dann müssen diese noch auf ihre Erbmasse untersucht werden, um sest- tusbellen, was für Eigenschaften sie von ihren Blutsverwandten erhalten haben. Dabei darf man niemals nur eine Persönlichkeit auswählen, sondern mehrere Leute, und wenn man diesen bann die denkbar beste Ausbildung zuteil werden läßt, kann vielleicht aus einem ein Genie werden." „Man braucht Genie, um ein Genie zu entdecken", meint der Psychologe von Pale, Arnold Gesell. „Das Genie erscheint in den verschiedenartigsten Formen. Edison stellt eine Form dar, Einstein eine andere, Kreisler eine britte. Wolle man versuchen, den Nachfolger für einen großen Mann ausfindig zu machen,
so müßte man zunächst ein Inventar der besonderen Eigenschaften aufftellen, die diesen auszeichnen, und uüßte dann nach der Verbindung dieser ober menig= tens ähnlicher Eigenschaften in einer Persönlichkeit Ausschau halten. ‘ Die Wissenschaft hat in der Mejftmg der Verstandeskräste gute Fortschritte gemacht, aber Begabungen des höchsten Grades M messen, sind wir bisher noch völlig außerstande." Walter v. Bingham, der Direktor des Instituts für Persönlichkeitsforschung, erklärt, daß es keinen Nach- olger Edisons geben könne, weil ein solches „Wun- )er", wie es das Genie darstellt, einmalig ist; man könnte höchstens eine ganze Gruppe von Forschern zusammenstellen, die .Zusammenarbeiten müßten, um dann vielleicht ähnliche Leistungen hervorzubringen.
Der Löwe in der Gastwirtschaft
o In einer Kölner Gastwirtschaft saß neulich ein harmlos aussehender ruhiger Herr, der einsam, sein Eisbein mit Sauerkraut verzehrte und nur noch auf sein Bier wartete, das ihm der Kellner eben brachte. Kaum hatte er das Glas auf den Tisch gesetzt, als der Gast mit einer ungeheuren Stimme, die man seinem schmächtigen Körper niemals zugetraut hätte, ein fürchterliches Gebrüll ausstieß. Der Kellner ließ zwei Gläser fallen, einige Gäste, die mal im Zoo gewesen waren unb wußten, daß nur ein Tier auf der Welt so brüllen kann, flüchteten vor dem vermutlich ausgebrochenen Löwen ins Freie. Andere krochen unter den Tisch. Nur der Wirt beherrschte sich, trat auf den Gast zu und fragte, was dieser Unsinn zu bedeuten habe. Doch der aß ruhig sein Eisbein weiter und deutete wortlos auf einen alten fast vergilbten WaMpruch im Gemäuer. Da stand zu feien: „Brülle, wie der Löwe brüllt, wenn dein Glas nicht ganz gefüllt." Ein Pech für den Wirt, daß der cinziae Gast, der das Schild überhaupt gelesen hatte, ausgerechnet ein Tierstimmenimitator war!
o Neues Operettentheater Frankfurt a. M. Nach erfolgreichem Gastspiel verabschiedet sich am Donnerstag Marion Matthäus als „Marylou" in der Operette „Hochzeit in Hollywood",, so daß an diesem Abend das letzte Gastspiel der Künstlerin stattfindet.
o Die „Berliner Samische Oper" versteigert. Die fchickfatsroich« „Komische Oper", in der in den letzten Jahren der zu trauriger BevühmthÄt gekommene James Klein seine Nachtrevuen gab, ist nunmehr versteigert worden. Das Haus wurde der BerRnec Terrain- und Baugefellfchast zugesprochen, die das erste und zugleich das letzte Angebot von 1 200 000 Mk. gemacht hatte. Das Gebäude soll, wie der Lokalanzeiger zu berichten weiß, auch künftighin Dheaterzwecken dienen. Angeblich soll bc= reite eine ganze Reche tutenlustiger Theaterdirck- toren sich an die Gesellschaft gewandt haben. Wer das meiste bietet und zugleich die größte Sicherheit für einen finanziellen Erfolg in der nächsten Saison garantieren kann, soll in die verwaiste Kunst- stätte ein ziehen dürfen.
o Heileres aus einer naturwissenschaftlichen Bibliothek. Als die alte Senckenbergische Bibliothek am Eschenheimer Turm in Frankfurt a. M. noch ehrenamtlich verwaltet wurde, waren Bücher nicht immer ganz leicht zu erlangen. Der alte Arzt, der dort waltete, sagte auf Anfragen: „Des Hawwe mir net" oder „Des steht im dritte Stock, da geh ich net e.nuff". Nun staub im Regal, bequem zu erreichen, feit Jahren ein Werk von Ehlers, „Die Borstenwürmec" von tiefgründiger Gslehrsamkeit und sicher ungeheuer wichtig. Aber — wer interessiert sich in Frankfurt ausgerechnet für Borstenwürmer? Unb so empfahl der alte Doktor jedesmal: „Nemme sie Ehlers, Die Borstenwürmer, e Buch, was noch kaa Me^nfch gelefe hat und was hier unne steht". Das ging, viele Jahre lang so, bis endlich ein Lehrer, vielleicht auf Anstifter« eines Spottvogels, wirklich, „Ehlers, Die Borstenwürmer" »erlangte! Zu feinem Erstaunen erhob sich der sonst so kurz angebundene Bidliothekar mit tiefen Bücklingen und überreichte, nach einein feierlichen Rundgang in der Bibliothek, das bisher nie verlangte und immer so warm empfohlene Werk. Kopfschüttelnd ging der Lehrer von dannen und erzählte am Stammtisch, bet Bibliothekar sei irrsinnig geworden. Als er dann weiter erzählte, rvas er erlebt hatte, erhoben sich sämtliche Stamm- tifchfreunde mit lautein Halla. um einen ähnlichen Tanz wie der Bibliothekar aufzuführen. Denn durch den alten Arzt waren „Ehlecs Borstenwürmer" in Frankfurt so bekannt geworden, daß jeder Bescheid wußte — nur der bestürzte Lehrer erfuhr erst von der Benxmdtnis, als bie luftige Gesellschaft sich wieder beruhigt hatte.
o Tonfilm-Uraufführungen. Als Auftakt der Deutschen Kanimermuftkwochc in Baden-Baden gelangen Donnerstag den 25. 7. Tonfilme deutscher Produktion (Togis) zur Uraufführung und zwar „Episode" von Hans Conradi, Musik von Paul Dessau, „Vormittagchpuk" van Richter - Gräfs- Hindeniith, „Astes dreht sich — Alles bewegt sich" von Hans Richter, Aiusik von Walter Gronostai), „La Petite Lilie" von Cavalcanti, Musik von Mil< haud.
o Moslems gegen das Hofe kreuz. Auf der zurzeit in Genf tagenden Konferenz, die sich mit der Revision der Satzungen der Genfer Konvention des Roten Kreuzes und der Borbereitung einer neuen Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen beschäftigt, forderten die türkischen Delegierten, daß das Abzeichen des Roten Kreuzes für die Türkei und die mohammedanische Welt durch den Halbmond ersetzt werden solle. Die persischen Delegierten forderten ihrerseits, daß der Rote Löwe und die Sonne als persische Embleme das Rote Kreuz im weißen Felde ersetzen sollten. Demgegenüber erhoben mehrere Delegierte europäischer Länder den Einwand, daß eine solche Aenderung der Abzeichen nur zu Irrtümern und Verwechselungen Anlaß geben könnte. Gleichwohl wurden die Vorschläge von Frankreich sowohl wie Neuseeland und den anderen britischen Dominions unterstützt.
Spielplan der Frankfurter Theater.
Neues Theater Frankfurt a. M. Ab Sonntag, 21. Juli, täglich abends 8 Uhr iimb Sonntag nachmittags 3% Uhr: Gesamt-Gastspiel des Nelsan- Thcaters, Berlin, Die neue Nelson-Revue „Wer hat noch nicht — Wec will noch mal?" Ein Nelsonett in 22 Bildern von Hans Zerlett. Musik von Rudolf Nelson. An 2 Flügeln: Rudolf Nelson und Walter Joseph.
Frankfurter Opernhaus, Freitag, 26. Juli 1929, Samstag, 27. Juli, Sonntag, 28. Juli und Montag, 29. Juli, abenibs 8 Uhr „Die schöne Helena".
Frankfurter Schauspielhaus. Montag, 22. Just- abends 8 Uhr „Das Gerücht". Dienstag, 23. Just abends 8 Uhr „Pariser Leben". Miltivoch, 24. Juli, abends 8 Uhr „Katharina Knie". Donnerstag, 25. Juli, abends 8 Uhr „Katharina Knie".