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Nr. 151

Monkag den 1. ZvN 1929

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Interview mit Darius Milhaud, dem Führer der modernen französischen Musik.

Don Dr. Alexander von Andrewsky.

Darius Milhaud weilte soeben einige Tage in Berlin. Unser Mit­arbeiter hatte Gelegenheit, den Kom­ponisten, der die modernste Richtung in der französischen Musik verkörpert, nach seinem künstlerischen Programm zu fragen.

„In meinen künstlerischen Empfindungen", so eröffnete Milhaud dieses interessante Gespräch, „bin ich ganz und gar romantisch eingestellt. Die romantische Kunst empfinde ich am tiefsten, da sie mir am nächsten liegt. Ich war ein Knabe, als die. Kunde von Wagners Zauberwerk in meine pro- venzalische Heimat drang. Sofort entschloß ich mich, die großen Kunstwerke, von denen man soviel sprach, und die eine Revolution der Oper bedeuten sollten, kennenzulernen. Ich fuhr nach Paris und hörte mir dort eine mustergültige Aufführung des „Ring" in der Großen Oper an. Ich war enttäuscht. Die Musik kam mir durch ihre Instrumentierung schwer und schleppend vor. der Text erdrückte mich durch die Tiefsinnigkeit feiner metaphysischen Welt­anschauung. Vielleicht liegt dieser Widerwillen in dem Umstand, daß ich die lateinische Kultur in mich, ausgenommen habe. Es bestand von jeher ein Ge­gensatz zwischen der germanischen und romanischen Kultur, die zugleich zwei parallele Wege liefen. Es genügt, die französischen Troubadoure des 14. Jahrhunderts und die deutschen Meistersinger einan­der gegenüberzustellen. Im 17. Jahrhundert sehen wir die parallelen Erscheinungen eines Couperin und Buxtehude, im 18. denselben Gegensatz zwischen dem typisch französischen Rameau und dem typisch germanischen Gluck, im 19. Jahrhundert erleben wir die parallelen und zugleich gegensätzlicher Er­scheinungen eines Debussy in Frankreich und eines Richard Strauß in Deutschland.

Diese parallelen Wege führen zu der heutigen Entwicklung der modernen Musik in Frankreich, zu Alban Berg, den man immer noch als den letzten

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Erben der Tvistanrvmantvk bezeichnen kann, in Deutschland. Die französische moderne Musik ver­dankt ihren Fortschritt einem Mann, den man außerhalb Frankreichs verhältnismäßig wenig kennt, der aber bei der modernen französischen Künsüergeneration eine nahezu ausschlaggebende Rolle spielt, Jean Cocteau. Sein Lieblingsaus­spruch ist: „Ein richtiges Kunstwerk muß allen Musen gerecht werden". So erstrebt er auf eigene Art das Ideal des Kunstwerkes aus einem Guß, das auch Wagner vorschwebte. Bor einigen Jahren gründete der Literat und Groteskzsichner Cocteau die „musikalische Gemeinschaft der sechs Künstler", der anzugshören auch ich die Ehre habe. Seine künstlerischen Anschauungen sind eine Synthese von extremsten Modernismus und neuem Klassizismus. Alle neuen Errungenschaften der Musik, die bei den Gesinnungtüchtigen als indiskutabel gelten: Zirkusmusik, Jazz, populäre Schlager, werden von uns Modernen in, ich möchte sagen, klassizistische Form gekleidet. Strawinsky, der Umstürzler der Musik, hat von Cocteau nicht wenig Anregung erhalten. Der moderne Klassizis­mus setzt sich übrigens auf allen Gebieten der Kunst, vor allem in der Architektur, durch. Die Liebe zu Bach, die wieder aufgeflammt ist, und die Rückkehr zu Händel charakterisieren die Wand­lung des Geschmacks auf dem Gebiet der Musik. Was das Opernjchasfen betrifft, so versucht man einerseits klassische Texte mit modernen Augen ge­sehen, zu bearbeiten, andererseits die Aktualität auf die Bühne zu bringen, die ganz der Roman­tik verhaftet ist.

Man darf weiter nicht vergessen, daß der mo­derne Mensch weder Zeit noch Nerven hat, sich für fünf Minuten in einem Opernhaus einsperren zu lassen. Wie der Sketsch im Kabarett, so muß der kurze Opernsketsch triumphieren. Ich habe eine Reihe von Kurzopern geschrieben, die die Aufmerk­samkeit des Hörers nur für je zehn Minuten be­anspruchen. Wir befinden uns heute an einem Wendepunkt des Kulturgeschmacks. Das Chaos, das seit Kriegsende auf allen Gebieten der Kunst ge­herrscht hat, scheint seinem Ende entgegenzugehen. Der Krieg hat eine allgemeine Umwertung aller Werte zur Folge gehabt, und es ist kein Wunder, daß wir eine Periode des Tastens und Suchens

haben durchmachen müssen. Es scheint, daß die Rückkehr zur klaren klassischen Linie, wenn auch in moderner Umwandlung, endgültig ist. Zuerst haben Kubisten, Dadaisten und Expressionisten das alte Gebäude in Trümmer gelegt. Jetzt erleben wir eine allgemeine Stabilisierung gewisser Anschauun- gen, die sich allmählich zu Grundsätzen verwandeln. „Es ist bezeichnend, daß diese Entwicklung der mo­dernen Musik von Ferruccio Busoni noch mitten im Kriege vorausgesagt worden ist. In einem Brief an Paul Bekker aus dem Jahre 1917 schrieb Busoni, der erste, der an Wagners Ausschließlich­keit gerüttelt hat, an den bekannten Musikhistori­ker: „Das Allgemeinwerden der Uebertreibung in der Musik, womit heute bereits der Anfänger de- bütiert, weist auf die Beendigung eines solchen Abschnittes, und der nächste Schritt, den der Wi. derspruch fördernd herbeiführen muß, ist der, der zur neuen Kassizität lenkt. In der Musik: Abschied vom Thematischen und das Wiederergreifen der Melodie. Abstreifung des Sinnlichen,unb die Ent­sagung gegenüber dem Subjektivismus. Wiederer­oberung der Heiterkeit und absolute Musik/ „Da­rius Milhaud bekennt sich, gleich Strawinsky, zu diesem Programm, denn auch er will in feinen, an eine groteske Parodis hart streifenden Opern hei­ter wirken und absolute Musik komvonieren. Ob aber diese Entwicklung der äußersten Moderne den Ausweg aus der Sackgasse bedeutet, in die sich die Tonkunst und vor allem die Over verlaufen hat, mag allerdings dahingestellt bleiben.

Das Verbrechen Amerikas beschämendster Rekord.

Die im Lande begangenen Berbrechen verursach­ten den, Bereinigten Staaten einen Kostenaufwand von rund 13 Milliarden Dollars. Jahr für Jahr werden in U. S. A. 12 000 Morde begangen. Trotz allen Bemühungen der Polizei befinden sich in Newyork 30 000 Schwerverbrecher und in Chicago 10 000 auf freiem Fuß. Bom Jahre 1900 an hat sich die Jahresquote der Mordtaten in den Ber­einigten Staaten um nicht weniger als 350 Prozent erhöht; das will sagen, daß, während im Jahre 1900 auf je 10 000 Einwohner zwei Personen er­mordet wurden, der Prozentsatz gegenwärtig 7 be­trägt. Diese Ziffern sind dem Bericht entnommen,

den Wade Ellis, weiland Attorney-Generat der Staaten und derzeit Mitglied des amerikanischen Untersuchungsausschusses für Kriminalität, ver- öfssntlichte, und den er als die „Geschichte unserer nationalen Schmach" bezeichnet. Um die Kostspielig­keit der Verbrecherbekämpfung zu illustrieren, ver­weist Ellis darauf, daß diese Kosten 13 Milliarden Dollars der Gesamtsumme der Kriegsschulden der Alliierten gleich sind. Nach seinen Ausführungen sind die Feinde der Gesellschaftsordnung in der Hauptsache in den Kreisen der im Ausland gebore­nen amerikanischen Bürger und der Neger zu su­chen. Als eine der Hauptursachen der Kriminalität, wie sie in der Geschichte der Zivilisation ohne Bei­spiel dasteht, bezeichnet der Bericht die enorme Stei­gerung des amerikanischen Nationalvermögens, die vor 30 Jahren begann und nach dem Kriege ihren Höhepunkt erreichte. Hand in Hand mit diesem An­wachsen der Vermögen geht ein grenzenloses Um terhaltungsbedürsnis und eine zügellose Vergnü­gungssucht, die Schwache und Charakterlose der Versuche aussetzen, sich auf leichtem Wege Geld zu verschaffen. Dazu komme, daß in vielen großen Städten Amerikas leider nur zu oft ein politisches und gelegentlich auch finanzielles Portnerverhält- nis zwischen der Unterwelt und den Beamten be­steht, die geschworen haben, Leben und Eigentum der Bürger zu schützen. Der bureaukratische Ge­schäftsgang des Gerichtsverfahrens, der einen allzu langen Weg brauche, um den Verbrecher der Strafe zuzuführen, und der schwerfällige Verwaltungs­apparat tragen besonders dazu bei, den Lauf der Gerechtigkeit zu hemmen. Als Heilmittel schlägt Ellis 'Die Verbannung aller eines Kapital­verbrechens überführten Ausländer, die Schaffung einer polizeilichen Zentralstelle nach dem Muster von Scotland Pard in London, die Vereinfachung des Strafprozesses und den Neuaufbau der Grund­lagen einer gesunden öffentlichen Meinung vor.

Wespenstiche können tödlich wirken, wenn sie auf der Zunge und im Halse sind.

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