Einzelbild herunterladen
 

Sette 14

Freitag den 19. April 1929

Nr. 91

lil

MS er.

«.

MölM^fW WfwAw WW \wV^^MV

»ii fit ch ch 9t.

âsâsâ Lsß

p

mil

O Ach

W

4

P btt

Mi

»i

Von Dipl.-Ing. Hermann Fleißer.

Wer feinen Radio-Apparat am frühen Vormittag der letzten Tage zufällig auf der Welle des Berliner Senders stellte, konnte recht merkwürdige Heultöne vernehmen. Die bittere Verwünschung, die er dann den bösen Rückkopplern zollte, war ausnahms­weise an die falsche Ädreße gerichtet. Rück­koppler suchen sich für ihre menschenfreund­liche Beschäftigung ja niemals die stillen Vormittage aus. Es war diesmal die Reichsrundfunk-Eesellschaftin eigener Per­son", die so grauenvolle Töne in den Aether sandte , s s

Aber es liegt nur an der Eigenart un­serer Radiogeräte, wenn die Witzlebener Wellen nicht zum Ohrenschmaus wurden. Unsere Radiogeräte sind verpflichtet, alles, was ihre Antenne erreicht, möglichst hörbar wiederzugeben, sie können nichts dafür, wenn die ankommenden Stromstöße gar nicht zum Hören bestimmt sind. Der Sender Berlin wandte sich ausnahmsweise nicht an das menschliche Ohr sondern an das menschliche Auge. Er sandte Filme. Richtige, bewegte Filme. Und wenn wir einen geeigneten Empfänger hätten, würden wir sie sèhen können. Würden in Königs­berg, in Berchtesgaden sehen können, was in Berlin, in Hamburg, in Köln an Filmen durch einen Apparat läuft, würden also f e r n s e h e n können.

Das Fernsehen ist da. Und wenn die Kinderkrankheiten der neuen Erfindung be­hoben, wenn die Apparate so billig sind, daß wir sie kaufen können, dann werden wir alle fernsehen. Morgen ,»8

Netzhaut ist so unemvsin' Eindruck länger behält andauert. Eine glimmende Zigarre im Dunklen geschwungen, eine Sternschnuppe hinterläßt den Eindruck einer feurigen Linie, obgleich eine solche doch niemals vorhanden war. Man hat erkcknnt, daß die Netzhaut im Zeitraum einer Sekunde nur 16 ver­schiedene Eindrücke auszunehmen vermag. Was darüber ist, verschmilzt zu einem ein­zigen Eindruck. Darauf gründete sich zu­nächst das Wunder des bewegten Bildes des Films. Sechzehn unbewegte Einzel­bildchen in der Sekunde ergeben den Ein­druck eines bewegten Bildes. So wie die tausend Lichtpünktchen der bewegten Zigarre eine Linie ergeben. Und aus dieser Erscheinung erwuchs auch den Fern­seh-Erfindern die große Hoffnung: wenn wir eine Riesenzahl einzelner Lichtpünktchen

einen lirtung

mit feinen Löchern versehene Scheibe zerlegt den Lichtkegel sech­zehnmal pro Sekunde in zehntau­send Einzelpunkte, die Lichtpunkte werden in elektrischen Strom ver­wandelt, übertragen, im Empfän­ger wieder zu Lichtpunkten ver­wandelt und auf einer Mattscheibe zusammengesetzt. Die bei Ver­suchen erzielten Erfolge waren so groß, daß bereits an eine Einfüh­rung des Fernsehens gedacht werden kann. 2n einem Jahr, spätestens in anderthalb Jahren werden wir so weit sein.

hintereinander so schnell übertragen, daß das Auge die einzelnen Erscheinungen nicht mehr aufzunehmen vermag--dann muß es möglich sein, bewegte Bilder aus weite Entfernungen zu senden.

Es galt zunächst, die sechzehn unbe­wegten Bilder des Kinematographen einzeln

Unsere Abbildungen zeigen: In der Mitte ein Bild der nahen Zukunft; die Familie ist vor dem Fernseher und dem Lautsprecher versammelt und verfolgt angeregt die Handlung des Sendespiels. Links : ein tragbarer Fernseh - Empfänger,

wohl an die Erfindung knüpfen, auch auf die Gefahr hin, daß sich die Leute in 20 oder 30 Jahren über die Bescheidenheit des Autors lustig machen--

Wir können also fernsehen, das heißt, mit unseren Augen Borgänge wahrnehmen, die sich eigentlich außerhalb unseres Sehkreises abspielen, so wie wir im Telephon oder im Rundfunk Töne hören, die Hunderte von Kilometern weit entfernt erzeugt werden. Was kann uns diese Erweiterung des Seh­vermögens bieten?

Wir erwarten vom Fernsehen nützlichere und angenehmere Dinge. Wir denken es uns tatsächlich als willkommene Ergänzung zum Telephon und zum hörbaren Rundfunk. In ein, zwei Jahren, wenn es so weit ist, wird die Reichspost in allen ihren Post­anstalten Fernsehzellen aufstellen, Fritz, der in Breslau wohnt, telegraphiert seiner Käte nach München, daß er sie um 11 Uhr 33 Mi- nuten vormittags fernzusehen wünsche, und Käte wird sich vor dem Spiegelschön" machen und mit einer Verspätung von einer Viertelstunde die Fernsehzelle der Münchner hai-rpipit Doir LebL lie iLon das

xen

Die Idee ist alt und die Sehnsucht, die an der Wiege der Idee stand, ist noch älter. Dinge sehen zu können, die fern sind, so fern, daß keinFernrohr" sie erreichen kann das ist ein uralter Menschheitstraum. Freilich, es war phantasievollen Schrift- $ stellern vorbehalten, den Traum glaub- H a ft zu machen. Wirklich geglaubt hat biss k vor einigen I '

Sache. Die Töne kommen immer hübsch nacheinander, ob sie nun ein Wort oder eine Melodie oder ein Geräusch bilden. Die Leute, die das Telephon erfanden, hat man niemals verlacht. Es war ein schwieriges Problem, Töne über weite Entfernungen zu führen, aber es war keine Utopie. Bei

fel

, w

M M

t, H mg» t je oM T» ;W M . 11 Ml M NW

W litt'

VW

n«

lagt

Bildern ist das etwas anderes. Bei Bildern steht man alle Einzelheiten gleichzeitig. Und da es unmöglich ist, gleichzeitige Er­scheinungen durch ein Metall oder durch die ^uft zu übertragen, hielt man das Fern­sten für eine glatte Utopie, Leute, die sich ""t dem Problem beschäftigen, für Narren oder Schwindler.

Da kam den Technikern Hilfe von einer beite, von der aus sie niemand erwartet hatte. Die Natur hat das Fernsehen er­möglicht nicht durch ihre Vollkommenheit, sondern durch ihre Unvollkommenheit. Das menschliche Auge ist unvollkommen. Die

zu übertragen. Es galt, erst einen Modus zu finden, nach dem man unbewegte Bilder auf weite Strecken übertragen konnte. Das war das Problem des B i l d- f u n k s. Professor Korn hat es vor etwa 25 Jahren im Prinzip gelöst. Das Bild wurde in eine große Anzahl kleiner Punkte zerlegt, ähnlich dem Rafter eines Zeitungs­drucks. Die Punkte werden einzeln in Form elektrischer Stromstöße übertragen und am Empfänger wieder zusammengesetzt. So lange es nun bloß darauf ankam, Photo­graphien, Schriften usw. zu übertragen so wie das im Bild-Telegraphenverkehr der Fall ist kam es nicht so sehr auf die Ge­schwindigkeit dieser Uebertragung an. Der Bildtelegraph braucht für ein Bild von Post­kartengröße etwa drei Minuten. Für das Fernsehen mußte diese Zeit auf ein Sech­zehntelsekunde herabgeschraubt werden. Man wollte dann in der Sekunde sechzehn Mo­mentaufnahmen senden, und der Mann am Empfänger sollte dann den Eindruck eines bewegten Vorganges haben.

Geschwindigkeit ist keine Hexrei!" sagt das Sprichwort. In diesem Fall war sie es doch. Ein Bild von Postkartengröße muß, wenn es erkenntlich bleiben soll, in etwa 10 000 Bildpunkte zerlegt werden. Zehntausendmal sechzehn ist hundertsechzig­tausend. Hundertsechzigtausend Bildpunkte in einer Sekunde zu übertragen das i ft Hexerei. Und ehe sie ermöglicht war, mußten Jahre vergehen. Jetzt sind wir endlich so weit.

In Deutschland hat der ungarische Tech­niker Dènes von Mihaly das Rennen gemacht, in England erntete der Ingenieur Baird den gleichen Erfinder­ruhm. Beide Systeme leiden an Kinder­krankheiten. Beide sind bereits brauchbar. Hier wie dort wird das Objekt ob es nun eine räumliche Szene oder ein Film­streifen ist beleuchtet, eine rotierende.

System Baird, wie er in England und Amerika schon käuflich zu haben ist. Rechts oben: die Mattscheibe eines Fernsehers, auf der die bemegten Bilder sichtbar werden. Rechts unten: Dénes von Mihaly vor seinemFern­kino", auf dessen Mattscheibe der Kopf eines sprechenden Mannes erscheint.

scheibe, seine Stimme donnert aus dem Lautsprecher und nun kann es losgehen! In einem Jahrzehnt wird dann der Fern­seher auch fürPrivatanschluß" zu haben sein, das heißt, wir hoffen, daß die Poft foviel Entgegenkommeii zeigen wird. Dann müßen wir freilich aufpassen, damit wir am frühen Morgen nicht unrasiert und im Nachthemd vor den Fernseher treten. Denn dann kann es vorkommen, daß der lieb­

liche Mädchenkopf am anderen Ende der Lei­tung sichtlich erblaßt und verschwindet.

MU

VSM ^ew«^âe&?

Betrachtungen eines Laien.

Von Gerhard Stahl.

lieber dis Tragweite neuer Erfindungen war sich dis Menschheit noch niemals im klaren, es ist nicht einzusehen, warum gerade das Fernsehen eine Ausnahme bilden sollte. Aber gewiße Hoffnungen darf man doch

TELË FUN KEN

Also eine gewisse Selbstdisziplin wird schon herr­schen müßen, auch im Geschäftsver­kehr. Es geht nicht an, saß man dem Ver­handlungspartner in süßen Tönen seine Ergebenheit versichert und ihm gleichzeitig eine

lange Nase macht. Nein, das geht nicht, denn er sieht es!

Als Ergänzung zum Ründfunk ist uns das Fern­sehen längst will­kommen. So ein Hörspiel, bei dem man nichts sieht,

ist immer nur eine halbe Sache. Sehen und hören das lasten wir uns gefallen. Und wir wollen auch das Gesicht des Vor­tragenden, wir wollen auch die Kapelle sehen, die Tanzmusik macht, und dem Start irgendeines Ozeanfliegers auch mit eigenen Augen beiwohnen können. Wir wollen

sehen, sehen, viel sehen, und so fern wie möglich!

***

tri»