Ar. 46
Samskag den 23. Februar 192«
Seite 5
Nas tvettev dev nSGsisn Wochs
Die kalke läßt nach.
Die vergangenen, immer noch sehr kalten acht Tage charakterisierten sich im allgemeinen weniger durch abnorm tiefe Temperaturen als durch die außerordentliche Stabilität der europäischen Wetterlage. Das Maximum des Luftdrucks, das nun schon seit dem 10. Februar den kontinentalen Norden des Erdteils bedeckt, veränderte feine Lage so gut wie gar nicht: wohl breitete sich sein Bereich noch weiter nach Westen und Süden aus, und auch die um die Wende der Woche unter Schneefällen nordwärts geflossene warme Mittelmeerluft vermochte den Widerstand des Kaltluftkörpers nicht zu brechen, so wenig, wie die Atlantische Warmluft ostwärts Boden gewann. So umfaßte die Linie der Frostgrenze ständig ganz Europa mit Ausnahme von Spanien, Süditalien und Griechenland. Zeitweilig war auch Irland von der Frostgrenze umschlossen, das aber bald wieder von dem atlantischen Warmluftstrom überflutet wurde. Sowohl in Skandinavien wie in Nordrußland wurden noch 35 Grad Kälte erreicht; auch in Mitteleuropa bildeten Tem
peraturen von 20 bis 24 Grad Seltenheit.
Erst zu Beginn der zweiten das kontinentale Hochdruckgebiet
unter Null keine
Wochenhälfte ließ die ersten Anzei-
chen des Alterns und des Verfalls erkennen. Sein Kern, der nun auch an Höhe verlor, obwohl er auch Donnerstag noch einen Barometerstand von über 780 Millimeter hatte, verlagerte sich südwärts, über« schritt die Ostsee und bedeckte Donnerstag früh das Gebiet von Mitteleuropa nordostwärts bis in die Gegend von Moskau. Ueber Nordskandinavien dagegen erfolgte starker Druckfaü und die Ausbildung eines Randwirbels der Atlantischen Depression, die . ihre Warmluft bis zum Eismeer vorgetrieben hatte, obwohl das Zentrum des Wirbels zwischen Island und Grönland verblieben war. Es handelt sich hierbei um das inzwischen stark verflachte Sturmtief, das am Ende der vorigen Woche schon von der Westseite des Atlanischen Ozeans signalisiert war, dessen Energie nach der Durchquerung des Atlantik ! zum Abbau der Kälte in Westeuropa nicht mehr ausreichte. Es scheint nun doch insofern nicht ohne ; Einfluß auf die europäische Witterung zu bleiben, alles den Abbau des Hochdruckgebiets von Norden her verursacht oder zumindest unterstützt hat.
Für den Augenblick ist aus der scheinbar sick anbahnenden Umschichtung des Luftmeeres noch I keine größere Wirkung zu erwarten. Olamentlid) die Nächte werden durch die im Kern des Hochs bei heiterem Himmel, besonders starke Ausstrahlung immer wieder strenge Kälte bringen; tagsüber wird i aber der Frost unter dem Einfluß der Sonne ge« I linder werden. Besonders in Norddeutschland wird j die zu erwartende Westströmung die Kälte, auch " nachts, mildern; hier muß auch mit Bewölkung und ; Schneefällen gerechnet werden. Wenn, wie es scheint, die Kaltluft allmählich nach Südosteuropa zurückweicht, so wird sich er Frost in seiner bisherigen Schärfe am längsten in Süddeutschland und in den Alpenländern erhalten. Beginnende Drucköbnahme audj jn Mitteleuropa deutet jedenfalls auf die Tendenz-zur Abwanderung 'des KältehoHs nach dem W.s_f_è«.«_ SmAOMÖZr-Gl»
sicht auf eine in 'der- kâMnöen Wochè erfolgende Wetteränderung vorhanden. Aber ès muß aus« I drücklich betont werden, daß es sich dabei eben nur I um eine Möglichkeit, nicht um eine Gewißheit han« ; delt. Ziemlich sicher erscheint bisher nur die Milderung des Frostes während der Tagesstunden mit [ nahe an den Gefrierpunkt steigenden Temperaturen.
Ein neuer Kaltlufteinbruch aus dem Polargebiet oder abermaliges Zurückweichen des Luftdruckmaximums nach Nordrußland — beides wäre nicht aus« geschlossen — müßte die Kälte von neuem verschär- sen und wäre mit einer Ausdehnung der Frostperiode bis in den März gleichbedeutend. So werden erst die nächsten Tage erkennen lassen, waber, im buchstäblichen Sinn des Wortes, der Wind weht.
XUE33HKI
Viödss «Ws dem LÄNdSeeis
Zu den Kreisorten, über die der Chronist nicht allzuviel zu vermelden weiß, gehört zweifellos auch Ravolzhausen mit seinen annähernd 1100 Einwohnern. Einige zwanzig Minuten von Langendiebach belegen, hatte der Ort allem Anschein nach weniger unter den Stürmen der Jahrhunderte zu leiden gehabt und ein ruhiges, verhältnismäßig nur recht wenig beachtetes Dasein geführt. Ursprünglich eine reine Bauerngemeinde, nahm der Siegeszug der Industrie in den letzten Jahrzehnten auch von Ravolzhausen Besitz und bereits heute rechnet % der Einwohnerschaft zur werktätigen Bevölkerung. Der weitaus überwiegende Teil der restlichen Ortsansässigen betreibt Landwirtschaft Sind auch etwa ein Dutzend größerer — wenigstens nach Ortsbegriffen — Landwirte vorhanden, so ist doch die Gemeinde mit ihren ca. 100 Morgen Land und 300 Morgen Wald der größte Grundbesitzer. Die Gesamtgemarkung des Ortes umfaßt 1500 Morgen Land und 300 Morgen Wald, während Pachtland so gut wie gar keines vorhanden ist.
Auch eine Eigenindustrie besitzt der Ort in Gestalt einer Dampfziegelei, die ca. 75 Arbeiter und Angestellte beschäftigt. Die Zahl der ortsansässigen
etwa 40.
Arbeitskräfte der Ziegelei beträgt
dabei
Marienstrahe. Blick auf Kirche
Falzziegel, Biberschwänze usw. sind die
Hauptsäch-
lichsten Erzeunijse der Ziegelei, die schon wiederholt Erweiterungsbauten vorgenommen hat und sich zurzeit mit dem Bau eines neuen Trockenofens beschäftigt. Nach dessen Vollendung sollte mit einer weiteren Einstellung von Arbeitskräften — man spricht von etwa 30 — zu rechne» sein. Weiterhin besteht am Platze noch eine sogenannte „Russenfabrik", eine Feldsteinbrennfabrik, die ca. 8—10 Arbeiter beschäftigt. Im übrigen sind viele werktätige Ortseinwohner in der Brüningschen: Fabrik in Langendiebach, auch den Dunlop-Werken
Nu . C
ufammehfetmng der Einwohnerschaft ist és leicht erklärlich daß der Ort unter der Arbeitslosigkeit weiter Berufskrèise empfindlich zu leiden hat. So zählt man gegenwärtig etwa 100 Erwerbslose, eine Zahl, die sich bei der vorübergehenden Schließung der Dunlop-Werke sogar auf 135 erhöht hatte.
Was die Necibautätigkeit nach dem Kriege an« langt, so fehlte bisher eine geschlossene Siedlung, jedoch ist man jetzt dem Projekte einer solchen in der fortgesetzten Bahnhofstraße nähergetreten. Darüber hinaus sind in den Nachkriegsjahren aber ca. 12 neue Wohnungen nach Langendiebach zu erstanden, wie überhaupt eine Ausdehnung des Ortes auch für die Zukunft nur nach dieser Seite hin in Frage kommen sollte. Das sichtliche Wachsen des Orte's, das übrigens keinen jüdischen Anwohner hat und beffen Einwohner sich fast ausnahmslos zum evangelischen Glauben bekennen, erforderte mit der Zeit
auch eine Vergrößerung des Schulgebäudes. Diesem Erfordernis wurde in drei verschiedenen Bauabschnitten, von denen der letzte im Jahre 1913/14 fertiggestellt wurde, Rechnung getragen. Bolts« wirtschaftlich höchst interessant ist auch die starke Schwankung, der die Zahl der Schulkinder unter«
Dorfstraße
worfen ist. die Schule,
nur 97 Kinder
Gegenwärtig besuchen während in früheren Jahren die Zahl
200 überschritten wurde. Eine eigene Pfarrei er« hielt Ravolzhausen bereits im Jahre 1696; die Ortskirche wurde im Jahre 1739 errichtet. 1857 wurde der im Jahre 1908 erweiterte Friedhof, der übrigens seit 2 Jahren eine Leichenhalle besitzt, an« gelegt und zehn Jahre später schön gelegene Pfarrbaus erbaut.
Erwähnung verdienen vielleicht in diesem Zusammenhänge noch die auf dem „Hohenstein" oder Schwarzhaupt, einem herrlichen Stücken Natur, ge« legenen beiden Basaltsteinbrüche, von denen bereits einer feit Jahren brachliegt, während der andere von der Gemeinde an einen auswärtigen Unternehmer verpachtet ist. Das Schwarzhaupt, auf dessen Höhenzug sich einst bis über die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinaus ein Oekonomiege- väude befand und alljährlich eine von weit und breit besuchte „Kirchenmusik" abgehalten wurde, deutet auf, vulkanischen Ursprung hin. Das Gütchen, ZU dem eine Kirscbenallee hinaufführte, wurde vor wenigen Jahrzehnten von der Gemeinde auf Abbruch verkauft. Von rein lokalem Gesichtspunkt aus betrachtet, interessiert dann noch die inzwischen abgewirtschaftete Tongrube am Ortsausaang nach Langenselbold zu. und die von letzte» Brande her noch in allseitiger Erinnerung stehende „Blinkenmühle".
Zum Schluffe sei noch ein kurzer B>'ck über die Geschichte des Ortes geworfen, der in frühesten
* Lindergostesdienst der Iohanneskirche, ^ Kindergottesdienst beginnt morgen um 11 Uhr ,
wird ausnahmsweise im Evgl. Vereinshaus statt wie gewöhnlich in der Kirche gehalten. Wegen der bevorstehenden Entlassungsfeier ist es notwendig, daß alle Kinder erscheinen.
Dampfstegelei
REGEN, WIND V. SCHNEE
Zeiten als Reinboldshausen und später als Ran- foldshaufen verzeichnet wurde. Die Jahreszahl der Entstehung des Ortes selbst ist nicht mehr sestzu- legen; der Name dürfte von dem Gründer Reinbold hcrstammen, der sich vor vielleicht 1200- Jahren hier
n n n
ansässig machte. Später gehörte der von dichten Waldzügen umkränzte Ort zur Mark Langenselbold und unterstand dem Grafen von Selbold und Gelnhausen. Das Zehnt- oder Märkergericht, dem Ravolzhausen alMhörte, tagte dreimal jährlich in Langenselbold. Nach der erstmaligen Teilung der Mark kam Ravolzhausen zum Gericht Langendiebach, um bei der zweiten Teilung mit Rüdigheim in engster Gmeinschaft zusammen zu bleiben. So eng war die Gemeinschaft zwischen beiden Orten, daß erst im Jahre 1837 die Teilung des Waldes zwischen Ravolzhausen und Rüdigheim erfolgte. Auch ein eigenes Herrengeschlecht muß der Ort besessen haben, denn um das Jahr 1300 werden Ritter von Ranfoldshausen genannt, die im Orte reich be« gütert waren. Auch das Vorhandensein eines alten Herrenhofes weist fernerhin der durch Jahrhunderte hindurch erhaltene und noch heute übliche Beiname einer alteingesessenen Familie „die Hofjörgs" hin. Vergeblich aber sucht man in den örtlichen Chroniken nach weiteren wichtigen Daten, wie auch im Orte selbst außer einer Reihe von ansehlichen Fach- werkbäusern nichts von der Vergangenheit zeugt. Ein Gang durch die obstreiche Gemarkuna, über die „Gombe". die ..Weingartsweide", den „Grindberg", den „Donnerschlegel"^ den „Helgenvater" und wie tonst die ortsüblichen alten Bezeichnungen alle lauten, möge daher unseren Rundgang um Ravolzhausen beschließen. ho.
* Zum ersten Blate 1 Grad Wärme. Nach langen, langen Winterwochen kletterte das Thermometer zum ersten Male über den Gefrierpunkt. In den Mittagsstunden hatten wir 1 Grad über Null im Schatten. Natürlich hielt die Temperatur nicht lange an und heute Nacht senkte sich das Quecksilber wieder beträchtlich. Immerhin wurden heute morgen „nur" —11 Grad gemessen.
* Dolkslcauerlag Die beiden evangelischen Gemeinden der Marien- und Johannesgemeinde begehen die Feier des Volkstrauertages gemeinsam in der Johanneskirche. Der gemeinsame Gottesdienst beginnt eine Stunde später wie sonst, also morgen vormittag 10/4 Uhr. Herr Pfarrer G o e ck e l hat den Altardienst übernommen, Herr Pfarrer Kranepuhl die Predigt. Es wirken außerdem mit Frau Kirchner (Gesang) und die Feuerwehrkapclle (Choralspiel). Die musikalische Leitung liegt in der Hand des Herrn Organisten Zimmermann. Die Mitglieder beider Gemeinden und die Vereine und Verbände der Stadt, die den Volkstrauertag auch kirchlich feiern wollen, sind zu diesem feierlichen Gottesdienst herzlichst eingeladen.
* Theodor Heuling f. Einen empfindlichen Verlust erlitt die landwirtschaftliche Bevölkerung _ber näheren und weiteren Umgegend durch den Tod des Herrn Theodor Neuling. Sein offenes, stets hilfsbereites Wesen machte ihn zum Freunde aller, die mit ihm in Berührung kamen. Durch feine Erfahrung und fein reiches Wissen, war er ein treuer Berater in allen Zweigen der Landwirtschaft.
* Bestandene Reifeprüfung. Ihr Abitur bestanden dieser Tage auf dem Oberlyzeum der Ursulinnen in Frankfurt die ehemaligen Schülerinnen des hiesigen Luzeums Frl. Maria Edel und Sofie Scholl mit sehr gutem Erfolg.
GEGEM SPRÖDE HAUT
SCHÜTZT sie
ren Gefallenen oder in Gefangenschaft Gestorbenen in weiteren 30 Ländern. Auf Zehntausenden fremder Friedhöfe stehen Grabzeichen unserer Gefallenen, und auch die Meere wurden für Tausende tapferer Helden die letzte Ruhestätte, auf der kein Kreuz steht, kein Erinnerungsmal an die Toten und den Opfermut derer erinnert, die für uns sümpften und fielen.
Aber müssen die Millionen ron Angehörigen, deren Lieben fern von der Heimat in einzelnen Massengräber» beigesetzt sind, auf den letzten Liebesdienst am Ehrentag für die Gefallenen verzichten? Nein, auch sie können ihrer Dankbarkeit und ihrem treuen Gedenken Ausdruck verleihe», Es gilt nicht allein, die Gräber der Kriegsopfer zu schmücken, wir wollen auch die Denkinälcr und Ehrenzeichen, die Geldertafeln, die in allen Städten, in allen Ortschaften, in allen großen Betrieben und Schulen errichtet worden sind, mit dem blühenden Schmuck der Blumen verschönern, ^ie sollen nicht allein toter Stein sein, der einmal gesetzt worden ist, um einer Pflicht zu genügen.
sollen durch den jährlich erneuten, lebendigen Schmuck der Blumen dartun, daß wir in Liebe uud Treue, in Dankbarkeit und wacher Erinne- Uing der Kriegsgefnllenen gedenken.
Noch ein Wort zur gesetzlichen Regelung des Aolkstrauertages. Die dahin gehenden Beftrebim- Sfn werden von der Reichsregierung unterstützt, die auch die Länder gebeten hat, ihrerseits durch Mizielle Maßnahinèn ihre Bemühungen zu unter« Ritzen. Besonders Baden, Thüringen und Olden bürg haben sich in den Dienst des Volkstrauertages stellt. Die öffentlichen Gebäude flaggen auf Halbmast in den Schulen finden am Vortage Feiern statt, in denen auf die Bedeutung des .<!vlkstrauortages hingewiesen wird. Auch wird dhfür gesorgt," daß nur solche Vergnügungen statt« buben, die der Würde des Tages nicht nüber« Wecken. Eine allgemeine gesetzliche Regelung Rar jedoch bisher noch nicht möglich, weniger, da bei den Regierungen der anderen Länder eine Ab- Rigung gegen den Volkstrauertag besteht, als daß "Rn fürchtet, daß bei Bewilligung dieses Feiertages, die einzelnen Parieicn die Einführung wei- terer Feiertage fordern werden. Wenn also eine allgemeine gesetzliche Regelung in weiter Sicht zu E>n scheint,'ist die Idee des Bolkstrauertages, am
Sonntag Reminiscere unsere Gefallenen besonders zu ehren, und ihrer in würdevollen Feiern zu gedenken, doch Allgemeingut des Volkes geworden.
EZmerr &e<m8&eWett deHsr-evSsven?
Bon Dr. med. G. Zickgraf.
O
Manche Beobachtungen über den Verlauf von Krankheiten früher und heute legen die Vermutung nahe, daß gewisse Krankheiter allmählich
an Heftigkeit verlieren, die Krankheitserreger nicht mehr mit gleicher Intensität sich vermehren und ihre Giftigkeit allmählich einbüßen, also degenerieren. Er soll hier nicht von Seuchen gesprohen werden/ bei denen das An- und Abschwellen der Ausbreitung unb Krarkheitsschwere bekannt ist. Sie bewegen sich in Wellenlinien, deren Ursachen uns noch vollkommen unbekannt sind. Diese Tatsache ist von den Grippeepidemien der Kriegs- und Nachkriegszeit bekannt Auch für Typhus gilt eine derartige Bewegung mit Anschwellen in Wellenbergen und Abschwellen in Wellentälern.
Der Scharlach war in früheren Jahrhunderten eine Krankheit, die viel mehr Opfer forderte als heute. Er trat viel heftiger auf als in der Gegenwart, wo mehr feine Komplikationen und Nachkrankheiten zu fürchten find. Auch die Kinderlähmung war früher viel häufiger und jedenfalls eine viel mehr gefürchtete Krankheit als jetzt. Von der Tuberkulose ist bekannt, daß sie in denjenigen Ländern, wo sie nicht einheimisch ist, sondern einge« schleppt wurde, in der akutesten Form geradezu verheerend gewirkt hat, im Gegensatz zu den Ländern, wo sie heimisch ist und viel leichtere chronische Formen angenommen hat. Auch die Masern verhalten sich so, wenn sie in Neuland eingeschleppt werden. Bian hat das bei der Inselgruppe der Färöer festgestellt wo früher die Matern nahe» könnt waren, und nach dein ersten eingeschleppten Fall, Mann, Weib unb Kind zum Teil in schwerster Form ergriffen wurden. Ganz deutlich ist aber das Nachlassen der Intensität bei der Syphilis, die bei ihrem ersten Auftreten in Europa einen verhängnisvollen Siegeszug antrat und unzählige Opfer erforderte Jinb auch bei der häufigen Erkrankung, dem Schnupfen, läßt sich das Nachlassen der Intensität im Laufe der Zeit konstatieren.
Aber alle diese scheinbare Degeneration der Krankheiten beruht nicht auf wirklicher Verminderung der Krankheitsitensität oder einer verminderten Aktivität der Krankheitserreger. Sie bedeutet lediglich, daß im Lause der Zeit die ganze Bevölkerung von der Krankheit etwas abbekommt, und, sei es durch Vererbung oder Erwerbung, einen Schutz im eigenen Körper gewinnt, der die Krankheit und ihre Errreger nicht mehr in der schlimmsten Form auftreten läßt. Also nicht die Krankheit degeneriert, sondern die Schutzkräfte des menschlichen Organismus wachsen, so daß im Kampf der Krankheit mit dem Organismus dieser leichteres Spiel hat. Gerade das Beispiel der Tuberkulose und der Masern, die von Europäern in bisher von diesen Krankheiten verschonte Gebiete cingeschleppt wurden und dort große Verheerungen anrichten, zeigt, daß die Intensität der Krankheit und ihrer Erreger nicht nachgelassen hat.
Auch die älteste Krankheit des Menschengeschlechts. van der wir wissen, der Aussatz, hat an Heftigkeit noch nichts eingebüßt. Es bildet sich noch nicht einmal ein angeborener oder erworbener Schutz Der Aussatz ist,' wie wir aus primitiven Bildwerken wissen, seit Jahrtausenden eine Geisel der Menschheit: er tritt heute noch genau so heftig und in denselben furchtbaren Formen auf, wie zur Zeit Christi und früher. Man darf also ein Nachlassen der Krankheitsintensität. ein Degenerieren der Krankheiten, wie sie scheinbar zu beobachten ist, nicht annehmen.
o Stab (idealer. Aus bem Theaterbüro wird uns geschrieben: Mougen Sontag, nachmittags 3 Uhr, findet die letzte Wiederholung von „Nora" ober „Ein Puppenheim" Schauspiel in drei Akten von Henrik Ibsen statt. Wir erinnern an die früheren Aufführungen der Werke des gleichen Dichters wie „Peer Gynt", „RosMersholm" usw., die hier mit größtem Beifall ausgenommen wurden unb können auch den Besuch von „Nora" nur bestens empfehlen. — Abends 715 Uhr erfolgt mit dem auf über 40 Mann verstärkten Orchester die erste Wiederholung der Oper „Der Schmuck der Madonna" von Ermanno Wolf-Ferrari — Kommenden Dienstag, abends 8 Uhr, gelangt der originelle Schwank „Unter Geschäftsaufsicht" von Arnold und Bach zur Aufführung.
o Wagner-Festspiele in Paris. Siegfried Wagner wird im Sommer 1930 in Paris ein Wagner- Festspiel veranstalten, bas am 20. Juli beginnen soll. Es soll zweimal „Der Ring" aufg.eführt werden. Außerdem wird Siegfried Wagner ein Konzert veranstalten, in dem Kompositionen von Richard Wagner, Siegfried Wagner und Franz Liszt zur Aufführung gelangen sollen.
o Die für 1929 erwarteten Kometen. Nachdem das abgelaufene Jahr mit nur zwei Kometen einen kläglichen Ertrag gebracht hat, sehen wir mit um so größerem Interesse den Ergebnissen der Forschung im neuen Jahre entgegen, in dem die folgenden Haarsterne zu erwarten sind. Zunächst vom Frühjahr 1928 überfällig der Komet Holmes, ein sehr interessantes Gestirn, dessen Bahn der der Planetoiden zwischen Mars und Jupiter durchaus ähnlich ist. Er hat etwa sieben Jahre Umlaufsdauer und überraschte 1892 durch heftige Lichtausbrüche; im allgemeinen ist er ziemlich unauffällig gewesen. Bei dem im Frühjahr 1929 erwarteten Kometen Perrine, den wir seit 1890 kennen, sind die Bedingungen leider nicht günstig für die Auffindung. Das Gestirn ist nur 1890 und 1909 gesehen worden, die Erscheinungen 1916 und 1923 sind anscheinend unbeobachtet vorübergegangen. Es ist allerdings möglich, daß ein Ende 1922 gesehenes Objekt mit dem Kometen identisch war. Dann wäre er diesmal vielleicht schon wieder auf dem Rückwege von der Sonne. Auch der Komet Metcalf von 1906 mit 7)s. Jahren Umlaufsdauer ist fällig. Da aber schon zwei Erscheinungen verpaßt fint>, haben wir nicht mehr viel zu hoffen. Ende 1929 ist dagegen damit zu rechne», daß ein alter Bekannter, dessen Bahn seit 1851 gesichert ist, wird wiedergesunden werden können, der Komet d'Arrcst.
Allerlei Wissenswertes.
Der berühmte Gelehrte Euler soll die homerischen Gesänge in 22 Tagen auswendig gelernt haben.
Zu einer Uhr gehören, etwa 100 einzelne Teile.
Auf einer Fläche, die dem Bodensee an Größe entspricht (539 Quadratkilometer) könnte man bequem die gesamte Menschheit der Erde (1700 Millionen) nebeneinander aufstellem