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Selke 2

Mittwoch den 2. Januar 1929

Nr. 1

A y e, und der Chef der Marineleitung, Admiral â â d e r.

Später überbrachten noch Generaldirektor Dr. Dorpmüller und die Direktoren der Reichsbahn Dr. Voigt und Kumbier die Glückwünsche der Deutschen Reichsbahngesellschaft und Vizepräsident der Reichs­bank Dreyse mit den Mitgliedern des Direktoriums Geheimen Oberfinanzrat Dudczies und Geheimen Finanzrat Dr. Bernhard die Glückwünsche des Reichsbankdirektoriums.

Gevev us übev de« AMEMtz

Wien, 1. Jan. Die »Neue Freie Presse" ver­öffentlicht unter der Ueberschrift: .Neujahrswunsch an das österreichische Volk" folgende Zuschrift des Reichsministers des Inneren Severing:

Wenn ein Reichsdeutscher dem österreichischen Volk ein glückliches neues Jahr wünscht und das möchte ich von ganzem Herzen darf er dann vom Anschluß sprechen, darf er dann der Erwartung Ausdruck geben, daß uns auch in dieser Frage das kommende Jahr näherbringen möge? Das Echo, das die Rede meines Freundes Paul Löbe auf dem Wiener Sängerbundesfest in einem großen Teil der französischen Rechtspresse gefunden "hat, und die Kommentierung der in der »Neuen Freien Presse­veröffentlichten Weihnachtsbotschaft des Reichskanz­lers Hermann Müller in den gleichen Blättern, er­mutigt mich dazu, die gestellte Frage mit einem glatten Ja zu beantworten, besonders dann, wenn der gratulierende Reichsdeutsche Träger eines öffentlichen Amtes ist. Aber ich habe in dieser Ange­legenheit bei einem Teil der französischen Presse so­zusagen ein Guthaben, welches ich jetzt eigentlich be­gleichen könnte. Man hat im Juli 1928 nämlich eine Anichlußrede von mir kritisiert, die ich gar nicht ge­halten habe. Wenn ich jetzt dennoch "darauf ver­zichte, den Tadel nachträglich zu rechtfertigen, so leitet mich dabei vor allem die Erwägung, daß man den Anschlußgedanken auch im kom­menden Jahr praktisch verfolgen kann, ohne am Jahresanfang allzu geräuschvoll davon zu reden. Angleichung der Wirtschaft durch einen auch diesem Ziele dienenden deutsch-österreichi­schen Handelsvertrag, eine Angleichung des Rechtes, zu der die ersten Schritte bereits getan sind, eine Angleichung der Verwaltung nicht nur mittels po- pierner Paragraphen, sondern auch im Austausch lebendiger Menschen, das sind Maßnahmen, die nicht gegen den Vertrag von St. Germain ver­stoßen. die die Atmosphäre vor allem nicht erneut vergiften, und die Lösung des Reparationsproblems nicht gefährden können. Die schon bestehende Kul­turgemeinschaft kann ebenfalls enger verschlungen und belebt werden. Und der Vertrag von St. Ger­main? Friedensverträge, auch wenn sie diesen Namen nicht immer verdienen, sind selbstverständlich von größter Autorität. Aber mächtiger ist schließlich die Vernunft.

Einmal wird der Tag kommen, an dem unsere westlichen Nachbarn, mit denen wir in Frieden und Freundschaft leben wollen, von diesem Friedens­willen des deutschen Volkes überzeugt sind und in einem Zusammenschluß dessen, was zusammengehört, keine Bedrohung des Friedens von Europa mehr erblicken. Dieser Tag der Vernunft wird uns den wahren Frieden zeigen.

Bis dahin wollen wir uns hüben und drüben an ein Wort des Steinkopferhans aus Anzengrubers Kreuzelschreibsr" erinnern und freudig bekennen: Du g'hörst zu den Allen, und dös all' g'hört zu Dir. Es kann Dir nix g'schehn."

w$IW nur Programme eM- wssken, sondern bändern!"

Berlin, 1. Jan. Der Reichsminister des Innern Severing außen sich in seinem Neujahrsgruß imVorwärts" zu den poltischen Ereignissen wie folgt:

Es hat in unsern eigenen Rechen nicht an Stim­men gefehlt, die in unsrer Mitarbeit am Wieder­aufbau Deutschlands an sich schon eine arge Be- lastung der Portei erblicken. Diese Stimmen wer­den nicht leiser werden, wenn es jetzt gilt, einige hundert Millionen neuer Steuern aufzudrin­gen. Wer glaubt ferne nb, daß wir keine neuen steuern zu zahlen brauchen, wenn wir an der Re­gierung nicht beteiligt wären, oder daß in diesem Fall die Verteilung gerechter würde? Neue Steuern müßten wir sogar aufbringen, wenn heute in Deursch'and eine rein sozialistische Regierung das Ruder führte, denn auch von einem sozialistisch regierten Deut'chland würden die Siegerstaaten Reparationen eintreiben. Worauf es jetzt ankommt, ist, daß wir für die Reparationsverhand­lungen auch eine verhandlungsfähige Regierung behalten und nicht durch neue Kn'en automatisch den Einfluß und die Autorität unsrer Vertreter ausschalten. In normalen Zeiten, in denen die Steuern und Erträge aus staatlichen Betriebsunternehmungen Uederfchüsss abwerfen, ist regieren weder ein Opfer noch eine Kunst. Jetzt haben alle Parteien, denen es ernst ist um den Auf­stieg unseres VÄkes, die P'licht, zu beweisen, daß sie in Notzeiten nicht nur Programme entwerfen können, sondern auch zu handeln verstehen.

Siveßemann über Nevidu- UGse-i, Norme und ^vsammtion

Dresden, 31. Dez. In der Neujahrsnummer der Dresdener Neuesten Nachrichten- veröffentlicht Stresemann unter dem TitelPersönlichkeit, Poli­tik und Organisation" einen Aufsatz, in dem er eine sehr ernste Warnung an die Parteien richtet und für das Recht der starken, begabten Persönlichkeit gegenüber dem organisierter Durchschnittsmenschen im politischen Leven entschieden eintritt. Stress- mann gehr aus von der Krisis der Parteien und ihrer verminderten Anziehungskraft vor allem auf die Jugend.Die Jugend" erklärt er,gelüstet es nicht, in die politische Arena einzutreten. Die Par- teien erscheinen nicht nur älter geworden in der Zusammensetzung ihrer Fraktior, sie scheinen auch Ater und müder in ihrem Einfluß auf das Den­ken des Volkes" Eme der Ursachen dieser Erschei­nung sieht bei Minister in der Form der heutigen Wahl, die selbst den Begriff der Partei an die stelle des Menschen letzt und den Abgeordneten loslost von seinem Wahlbezirk und seinen Wählern.

Dev vierte Sabresbericht des Revavationsasenten

Ltttsevechtfevüster Svtimsmus des RevavatkottSassttte« Parker Gilbert

Berlin, 1. Jan. Der Generalagent der Repara­tionszahlungen, Parker Gilbert, legte heute seinen Jahresbericht über das vierte Jahr seiner Tätig- teit vor Das Schriftstück umfaßt im englischen Originaltext 188 Druckseiten, von denen 167 dem eigentlichen Bericht, der Rest statistischen Anlagen gewidmet ist.

Der Dawes-Plan hat, so wird dargelegt, mit Bezug auf die Reparationszahlungen und den Transfer weiter erfolgreich gewirkt.

Deutschland hat, wie in den Vorjahren, alle

Zahlungen loyal und pünktlich erfüllt

Das Transferkomitee hat regelmäßig und laufend, ohne Störungen für die deutsche Währung seine Uebertragungen au-führen können. Die Sachliefe­rungen haben erheblich zugenommea, und zugleich ließ sich die Uebertragung eines wachsenden Teiles der Annuität in fremder Währung durchführen. Im vierten Jahre wurden Bar-Tvonsfers tn Höhe von rund 943 Millionen Goldmark oder 54 Proz. des gesamten Transfers vorgenommen, während die Reichsmarkübertiagungen, meist für Sachliese- rungen, sich auf rund 796 Millionen, also etwa 46 Prozent des Gesomttransfers, beliefen.

Die Einnahmen haben sich in ihren Beträgen weiter befriedige id entwickelt. Die Derkehrssteuer ergibt jährlich die Normalleistung von 290 Mill. Goldmark mit einem steigenden Sicherheitskoeffi­zienten. Ebenso ergibt die Industriebelastung regel­mäßig den vollen Betrag Die Finanzlage der Reichsbahn ist stark, teilweise infolge der jüngsten Tariferhöhung und teilweise wegen besserer Finanz­gebarung.

Das Reichsbudqek steht noch immer, so führt der Reparationsagenk weiter aus, unter dem Einfluß einer Tendenz zu übermäßige« Aus­gaben und Anleihen.

die in dem Memorandum vom 20 Oktober 1927 erwähnt war.

Die steigenden 2tu sattsten ergeben sich vornehm­lich aus den durchgreifenden Erhöhungen der Be- amtengohälter und -Pensionen, und aus den fort­gesetzten Anforderungen des Finanzausgleichs mit den Ländern und Gemeinden, die dem Reich auto­matisch den iynrptanteil an den wachsenden Ein­nahmen der Einkommens- und Körperschaftssteuern entziehen.

Auch die Finanzlage der Reiches steht unter dem Druck außerordentlicher Ausgaben in früheren Jahren, die ursprünglich durch An­leihen finanziert werden sollten, aber zu einem großen Teil aus den jetzt für die laufenden Ausgaben nötigen Betriebsmitteln entnommen werden müssen.

Das Problem des Finanzausgleiches wird immer dringender. Es wird dabei auf den Hinweis des Sachverständigerberichts vom April 1924 Be­zug genommen, der das finanzielle Verhältnis zwischen Reich und Ländern und Gemeinden als daszu verstopfende Loch im Budget" bezeichnet. Es sei jetzt klar, daß die Reichsregierung, wenn sie nach einer vierjährigen Frist die geeigneten Schritte in dieser Richtung zum Schutze ihres eigenen Bud­gets unternehme, hierdurch altein Hunderte von Mil­lionen sparen könnte chie jetzt willkürlich den Län­dern und Gemeinden übertragen würden.

In Bezug auf die vorherrschenden Tendenzen der Dudgetlage des Reiches, die der Länder und Gemeinden führt der Bericht aus: Die Notwendig­keit eines ausgeglichenen Budgets steht in Frage. Die praktische Aufgabe bestehe aber darin, die Regierungsausgaben im Rahmen der Einnahmen zu halten, und es nahe der Zeitpunkt heran, wo entschiedenere Maßnähmen in dieser Richtung not­wendig seien. Ob und in welcher Höhe Steuer- erhöhungen notwendig seien, werde von den zu treffenden internen Maßnahmen abhängen. Aber es gebe nichts in der Budgetlage, was nicht auf die Anwendung gesunder Budgetierungsgrundsätze reagiere, und die Aufgabe fei im wesentlichen eine für die verantwortlichen Behörden intern zu lösende.

Dr. Stresemann lehnt es ab, das bestehende Ver- hältniswahltyslem überhaupt durch ein Emzel- wahlsystem zu ersetzen. Er tritt für eine Verdin- bu tg der Listenwahl mit der persönlichen Freiheit des Wählers ein.

Wir müssen auf den Reichsstimmz-ttel verzich­ten und für die einzelnen, zu verkleinernden Wahl­kreise eine Liste der einzelnen Parteien wieder for­dern mit dem Recht des Wähler; (einerseits, unter den Kandidaten auszuwählen, wen er für den berech­tigten Kandidaten hält. Damit wird das individuelle Recht des Wählers gegenüber allen denjenigen Or­ganisationen. die ihm heute Kandidaten prüfe r= tieren, wieder fundiert. Der Allmacht der Parteien wird das Individualrecht des Wählers entgegen­gesetzt Der Manie der Parteien, nur noch Ange­hörige gewisser Berufsstände als Spitzenkandidaten zu benennen, steht das Recht des Wählers gegen­über, bit Personlichke-t wieder tn den Vordergrund zu stellen Damit lösen wir vielleicht die Fraktionen uib den Reichstag aus der Gefahr, zu einem Be­rufsparlament und zu Berufsfraktionen zu wer­den." Stresemann meist ferner warnend darauf hin, daß heute gegenüber der Frage. ob jemand Vertreter einer Organisation sei, die weit wichti­gere Frage, ob der Kandidat eine Intelligenz sei, allmählich in den Hintergrund trete. Damit schwinde das Ansehen des Parlaments, vor allem bei der Jugend Verliert aber das Parlament das Ansehen bei denen, die die nächste Generation bil­den, so straftet es sich aus aus der lebeidigen Ent- rottflung des Volkes. An diese Erwägungen knüpft Dr. Stresemann die Warnung vor einer Tendenz die ihm außerordentlich bedenklich für unsere qe« tarnte Entwicklung erscheint, nämlich das Hervor- ^"eten de- organisierten Menlchen gegenüber ber ®in?er»erfönfi*feft.Ich verstehe n-cht, weshalb jemand dar Gewicht seiner Person dadurch zu ver>

wie im vorigen Bericht erwähnt, könne nor- malerweise und im Lichte der bisherigen Er­fahrungen kein Fall cintreten, wonach das Reichsbudge» nicht in der Lage wäre, seinen Normalbeilroa an Reparationen planmäßig zu leisten.

Di« Ausgaben der Währungsstabilisierung die andere Hauptaufgabe des ursprünglichen Sachver­ständigenplans, ist nach dem Bericht voll erfüllt.

Die Reichsmark gewährleiste» weiterhin alle Ansorderungea in Bezug auf ihre Stabilität, wie zu allen Zeiten seit Ausstellung des Sachver­ständigenplanes. Die Goldreserven des Reichs­bank sind höher als je, und während des größten Teiles des abgelaufenen Jahres ist die Reichs­mark einer der stärksten Währungen der Welt ge­wesen.

Es scheint, so wird weiter ausgefühn, daß die Neigung zu einer übermäßigen Expansion der Wirtschast, wie sie sich 1927 entwickelte, letzt ein- gebämmt ist, und daß die Schwankungen, wie sie bis zum Frühling 1928 beobachtet wurden, nach Ausdehnung und Zahl stark zurückgegangen sind. Deutschlands Produktion und Handel, wie auch die Kreditverhältnisse haben den Charakter einer größeren Beständigkeit angenommen als zu irgendeiner Zeit seit dem Kriege.

Der Außenhandel habe sich deutlich in der Rich­tung auf größere Stabilität und einen Ausgleich entwickelt. Die Ueberprobuthon, die übermäßige Ausdehnung, scheint gegen Ende 1928 so einge­dämmt, daß eine verhältnismäßige Stabilität er­reicht werde. Das Volumen des Konsums scheint 1928 etwa auf einer beträchtlichen Höhe des Vor­jahres geblieben zu fein, was der Bericht als ein eindrucksvolles Anzeichen des verbesserten Lebens­standards der deutschen Bevölkerungsmassen be- zeichnet. Aber so groß der Fortschritt Deutschlands während der letzten vier Jahre gewesen sei, so schließt dieser Teil des Berichtes, könne nicht ange­nommen werden, daß er die Zerstörungen des Krieges ober den Produktionsausfall gutgemacht hätte, den der Krieg verschuldet habe.

In feinen Schlußfolgerungen führt der Repa- rationsagenf aus, daß die Tatsache, daß noch im- mer keine endgültige Festsetzung der deutschen Reparationsverpflichiungen bestehe, dem Plane selbst ein Element der Unsicherheit gelassen habe, das alle an den Reparationen beteiligten Länder in Mitleidenschaft ziehe, und es fei in wachsendem Maße klar geworden, daß eine endgültige Rege­lung des Problems, die in gegenseitigem Einver­nehmen erfolgen foUte, den wahren Interessen der Gläubigermächte und Deutschland gleichermaßen dienen werde.

Zum Schluß wird erklärt:Der neue Sach­verständigenausschuß wird also mit anderen Wor­ten Vorschläge für eine vollständige und end­gültige Regelung des Reparationsproblems zu machen haben, und so ausdrücklich von den beteilig­ten Regierungen bevollmächtigt sein, das Grund­problem zu prüfen, das noch zu lösen ist, um das Werk des ersten Sachverständigenausschusses zu seinem logischen Abschluß zu bringen.

*

Aus dem vorstehenden Bericht spricht ein Optimismus, der nich unwidersprochen bleiben darf. Bis zum Beginn der neuen Sachverständigen- Verhandlungen muß alles geschehen, um die Schief­heiten des Berichtes zurechtzmücken und um offen­kundige Lücken auszufüllen. Die trefflichste Kom­mentierung, die dem Bericht Gilberts gegeben »erben kann, scheint der in der Kanzlerrede beim Neujahrsempfang des Reichspräsidenten enthal­tende Passus zu sein, daß es manchmal scheine, als wenn die Fortschritte, die Deutschland gemacht habe, übertrieben würden und mancher auslän­dische Beobachter Deutschland in einem Zustand der Blüte sehe, die nicht den Tatsachen entspreche.

stärken glaubt, daß er die Phrase gebraucht, hinter ihm ständen soundsoviele organisierte Beamte, An­gestellte, JndustrieeUe utb Handwerker. Wenn vor Hunderttausenden eine Null steht, so bedeuten auch die Hunderttausende nichts." Die Folge einer solchen Entwicklung wäre nach Stresemanns An­sicht, daß die Reichsregierung zu einem Automaten herabgewürdigt würde, der lediglich noch auszu­wählen hätte, wer ihr von den Organisationen prä­sentiert würde. Das bedeute gleichzeitig eine Recht­losigkeit derjenigen, die sich nicht in die Schablone einer Organisation einfügen, wollten. Im Schluß­teil feines Slrtifeit tritt her Reichsaußenminister energisch für ein richtig verstandenes parlamenta­risches System ein. Dw Nachteile des parlamenta­rischen Systems treten «ach seiner Ansicht nur des­halb so grell hervor. weil wir mit gut deutscher Gründlichkeit ein parlamentarisches System aufge­zogen haben, das mit bet Idee des parlamenta­rischen Systems nicht identisch ist.Ein parlamenta- risches System", fährt der Minister fort,bedeutet in meinen Augen das Recht der Kontrolle und das bis zum Mißtrauensvotum gesteigerte Recht des Parlaments, ein Kabinett abzuberufen; es bedeutet aber nicht, eine Regierung quasi durch Fraktionen ZU ersetzen. Bei uns wird die Bildung einer Regie- rung oft aufgefaßt als die Notwendigkeit, ein ge- meinfames Grundsatzprogramm zwischen denjenigen Parteien aufzustellen, die die Regierung zu bilden haben, ein Versuch, der zum Mißerfolg verurteilt sein muß. So wenig, wie man Regierungen nach bem System bilden kann:sechs Fraktionen suchen ein Programm", so wenig kann man ein System zur Volkstümlichkeit erheben, das nicht auf Berech­nung des Persönl-chkestswillens anqeleat ist und nur den Durchschnitsmenschen ertragen will."

Sie NevntMMttg zw stven VoUvren und Navagnav

Washington, 1. Ian. Der zur Beilegung des Zwi. schcnfalls an der paraguayisch-bolivischen Grenze eingesetzte Dermittlungsausschuß der Panamerikani. schen Schiedsgerichtskonferenz hat in einer vierstün. digen Sitzung den endgültigen Wortlaut des Proto­kolls festgestellt, das einstimmig angenommen wurde. Hiernach soll ein Sonderausschuß gebildet werden, zu dem folgende Staaten je einen Vertreter entsenden werden: Argentinien, Brasilien, Kuba und die Vereinigten Staaten. Für Bolivien und Para­guay sind je zwei Vertreter vorgesehen. Man er> wartet, daß die Vertreter der beiden letztgenannten Länder zu der Panamerikanischen Schiedsgerichts­konferenz das Protokoll in den nächsten Tagen unterzeichnen werden.

Eine svotze Gaskaiafieovbe

Duisburg, 1. Jan. Eine große Gaskatastrophe ereignete sich heute im Hause Gärtnerstraße 38 im Stadtteil Wanheimerort. Das Zuflußrohr der Gas­fernleitung, durch das das niederrheinifche Indu- striegebiet von der Ruhrgas A.-G. mit Gas verforgl wird, ging unter dem Haufe Gârtnerstraße 38 zu Bruch. Durch das ausströmende Gas wurde ein in dem Hause wohnender Arbeiter mit feinen beiden Töchtern und eine bei ihm zu Besuch weilende Schwägerin getötet. Mehrere andere Bewohner des Hauses liegen zurzeit noch bewußtlos darnieder und werden von mehreren Aerzten betreut. Die Polizei hat das durch den Unfall betroffene Haus und die Wohnhäuser in der nächsten Umgebung räumen und absperren lassen. Die Untersuchung ist noch im Gange.

Duisburg, 2. Jan. Die Zahl der Toten bei der Gaskatastrophe hat sich bisher nicht erhöht und es schwebt auch keiner der Erkrankten in Lebens­gefahr. Bisher hat sich übrigens nicht einwandfrei feststellen lassen, ob das Unglück auf den Bruch einer Gasleilung oder Undichlwerdens eines Bentils zurückzuführcn ist. Einige Anwohner der Gärtner- strafe hatten schon im Laufe des Tages einen leich­ten Gasgeruch wahrgenommen, der sich gegen Abend verstärkte, sie alarmierten die Feuerwehr und fan­den die Wohnung des Arbeiters D verschlossen. Sie verschafften sich Eingang und fanden ihn und feine 13jährige Tochter tot. Seine Zsähriqe Tochter und sein Schwager in tiefer Bewußtlosigkeit. Die beiden letzten starben wenige Stunden später. Die' Nachbarhäuser wurden geräumt, ihre Bewohner sind erkrankt. Insgesamt sind 17 Personen. 5 Männer, 4 Frauen und 8 Kinder Krankenhäusern zuaeführt worben. Zur Zeit ist man mit umfangreichen Aus- schachkungsarbeilen beschäftigt, um zu der schadhaf­ten Stelle zu gelangen.

Dsv GivatzenLamNi in

NEN .

Berlin, 31. Dez. Ueber den blutigen Kampf im Osten Berlins zwischen Hamburger Zimmerleuten und Midgliedern eines berüchtigten Vereins hat die KriMinalpolizei eine Reihe von Zeugen, nament­lich aus den Nachbarhäusern, vernommen. von den über 20 Organisationen an dem Ueberfau auf die Zimmerleute beteiligt war, konnte noch nicht festgestellt werden. Diesen Ringvereinen, die in verschiedenen Gegenden unter dem Deckmantel von Lotterie-, Sport- und Vergnügungsvereinen be­stehen, gehören Zuhälter und Verbrecher aller Art an Sie bilden in verschiedenen Stadtteilen vier Ringe, die aber untereinander nicht in Kartellver­bindung stehen. Die Vereine haben hauptsächlich den Zweck, Mitglieder, die gefaßt werden, zu unter­stützen. Die acht Mann im Smoking, die das Zunftlokal des Vereins fremder Zimmergesellen in ber Breslauer Straße betraten, bildeten ohne Zwei- fe; eine Deputation, man weiß aber noch nicht, von welchem Verein, ob vonImmer treu",Fel­senfest" ober einem anderen. Die überfallenen Zimmerleute haben sich übrigens, wie die Ermitt­lungen ergaben, auch nach Kräften gewehrt. Ohne Zweisel sind auch von ihren Gegnern mehrere er­heblich verletzt worden. Von einem ist das bereits sestgestellt. Ein Max Herder, der einem der berüchtigten Vereine angehört wurde so schwer verwundet, daß er ein Krankenhaus auf­suchte Aus durchsichtigen Gründen blieb er aber nicht dort und konnte noch nicht ermittelt werden. Kriminal- und Streifbeamtenschast suchen heute weiter nach Verletzten aus den Kreisen ber Ver­eine, Daß am Tage vorher eine Remvetei zwischen Bereinsmitgt ebern und Zimmerleuten stattgefun­den habe, wie von den Angreifern behauptet wird, wird von den Zimmerleuten entschieden bestritten.

Auch in Dresden e ne JimmevmannsMlathi

Ebenso wie in Berlin kam es nach einet Meldung desTempo" auch in Dresden in der Nacht zuin Sonntag zu schweren Schlägereien. Die sogenannten Freien Vogtländer" zogen mit Beilen, Aexten usw. bewaffnet aus noch unbekannten Gründen von ihrem Stammlokal nach dem der sogenanntenRot­schlipse" in Neustadt. Dort zertrümmerten sie zu­nächst eine große Schaufensterscheibe und drangen dann ins Lokal ein, wo eine blutige Schlägerei be­gann. Die Innenausstattung wurde zum größten Teil zertrümmert. Von innen nach außen gedrängt, setzten die Bauarbeiter die Schlägerei auf der Straße fort, wobei es erneut blutige Kämpfe gab. Inzwischen war das Ueberfallkommando benach­richtigt worden, doch hatten die meisten der Angrei­fer bereits die Flucht ergriffen. Immerhin konnten noch acht von ihnen in den angrenzenden Straßen feftpienommen werden.

Dresden, 1. Jan. Zu der blutigen Schlägerei zwischen Zimmerleuten in der Neustadt wird noch bekannt, daß es der Kriminalpolizei in der Sil­vesternacht gelungen ist, die Mitglieder der Ver­einigungFreie Vogtländer" in einer Gastwirtschaft Zu ermitteln und festzunehmen. Es wurden 24 Mann, größtenteils Berliner, dem Polizei­präsidium zugeführt, von denen 14 alsbald wieder enlassen wurden, während zehn, zum Teil vorbestrafte Verbrecher, in' Haft behalten wurden. Das weitere wird die eingeleitete Untersuchung er« geben, doch steht bereits soviel fest daß die Dres- derner Vorgänge mit den bekannten blutigen Kra­wallen am Schlesischen Bahnhof in Berlin In kei­nem Zusammenhang« stehen.