Der Mrschendieb.
Von Hertha Pohl.
Schon eine halbe Stunde drückt sich Albert Weigelt an der Fahrkartenausgabe des großstädtischen Bahnhofes herum. Mit seinen braunen, harten Knabenhänden wischt er hastig die Tränen ab, die ihm wider Willen über das sommersprossige Gesicht rinnen. Der weinende Junge in seiner bettelhasten Kleidung ist schon längst das Ziel neugierigen Augenpaare, aber niemand hilft ihm und wäre es auch nur mit einer teilnehmenden Frage. End- lich fährt ihn die barsche Stimme eines Beamten, dem
An die Katholiken SentsGands!
Auf nach Stuttgart!
er im Wege stand, an: „Weshalb heulst du
denn, Bengel?
Der Junge erschrickt kaum. Er ist an unsanfte Be
Handlung gewöhnt.
„Ich — ich — hab
weine Fahrkarte verloren," er-
klärte er halblaut, mit einem scheuen Ausblick. Der Mann zuckte die Achseln.
„Kaus' dir 'ne neue. — Wohin willst du denn? Nach Mahlsdorf? Nu, das kostet doch nicht alle Welt." —
Der Uniformierte hat es mit einem Male eilig. Ohne sich weiter um den Jungen zu kümmern, strebt er mit großen Schritten durchs Menschengewühl.
Albert Weigelt läßt den Kopf tiefer sinken. Wieder drängen heiße Tränen unter den Wimpern hervor:
Unter den Reisenden, die am Schalter warten, sind ein paar mitleidige Frauen, die zögernd ihre magere Geldtasche ziehen. Der Junge bekommt wirklich ein paar Groschen in die Hand gedrückt. Er nimmt das Geld ohne zu danken und ohne einen Blick darauf zu werfen. Aber seine stumpfen Augen beleben sich.
Ein dicker, schwitzender Mann hat den Auftritt be» obachtet.
„Leute, laßt euch nicht beschwindeln," läßt sich eine schnarchende Stimme überleaen vernehmen. „Das Mär- von der verlorenen Fahrkarte ließe ich mir nicht aufbinden. Der Lümmel nimmt euch das Geld ab und lacht sich ins Fäustchen. Und nachher wirds vernascht oder —." Er kommt nicht weiter. Der Junge ist mit einem Ruck vorgetreten. Ein finsterer Blick aus leid- . vollen braunen Augen trifft den Redenden und macht ihn stumm. Aber nur einen Augenblick ist der Mann betraf, fen. Dann lacht er überlaut, um sein Behagen zu betäuben.
„Die reine Verbrechervisage. Dich möchte ich in zehn Jahren wiedersehenl — Da ist der Galgenstrick fertig."
Der Junge zieht den Rücken zusammen, als hätte ihn ein Schlag getroffen. Das Geld fällt aus seinen zuckenden Händen, ohne daß er es merkt Man ruft ihn an, man schüttelt den Kopf. Er achtet auf nichts. Mit gesenktem Blick schleicht er schwerfällig aus dem Kreis der Gaffenden, fängt mit einem Male an zu laufen und ist bald unter der Menge verschwunden.
Erst als graue und gualmumwallte Fabriken weit zurück liegen, hemmt der Junge seinen Lauf. Mit einem Seufzer streckt er sich im staubigen Chausseegras aus. Seine Hand durchstöbert sogleich ängstlich den Rucksack. Nein, er hat die Lederstücks, die er für den Stiefvater in der Stadt besorgte, nicht verloren. Und nach dem wenigen mitgegebenen Brot braucht er nicht zu suchen. Das hat er längst aufgegessen. Nun heißt es mit hungrigem Magen viele Stunden auf der heißen Chaussee marschieren. Es wird dunkel werden, ehe er heimkommt. Am besten, er verkriecht sich dann bald im Heuschuppen unb kommt erst am Morgen zum Vorschein, wenn der Vater in der Arbeit ist. Aber so lange wird er nicht hungern können? — Der Junge kneift mit einem Seufzer die Augen ein. Er fühlt schon jetzt die schwere Hand des Vaters, der es ihm nicht glauben wird, wenn er sein späteres Heimkommen mit dem Verlieren der Fahrkarte entschuldigt. Die fremden Menschen haben ihm ja auch nicht geglaubt Ihre mißtrauischen, kalten Blicke schmer- zen ihn noch jetzt. Sieht er denn wirklich aus wie ein Schwindler und Galgenstrick, wie ihn der dicke Mann bttckt er an seiner schäbigen Kleidung hâ Die schmutzigen Hände versteckt er rasch auf dem Rucken. Der Kopf sinkt ihm auf die Brust. „Ja, ja, ich bni wohl n Galgenstrick," murmelte er trübe lächelnd
Ein vorüberrasender Lastwagen schreckt den Jungen aus stumpfen, Hinbrüten auf. Er reibt sich die Augen und richtet sich schwerfällig wie ein alter Mann an dem Baumstamm, neben dem er gerastet, in die Höhe. Sein
Vom 23. bis 23. August dieses Jahres werden sich die Katholiken Deutschlands in der Hauptstadt Württembergs zusammenfinden, um ihre 64. Generalversammlung zu halten. Was sie wollen, ist nichts anderes als
Heilung und Rettung unserer Seit durch die Kraft Ser Religion, Treu- befennW zu ihrem OSerhirien in dem heiligen Zahr ihrer Kirche, mutiges und mannhaftes Eintreten für den kathoüschm Namen und das deutsche Volkstum.
Es ist das erstemal, daß eine Stadt des Schwabenlandes die Ehre hat, den Deutschen Katholikentag zu beherbergen. Dis Katholiken Stuttgarts sind sich wohl bewußt, daß ihre Aufgabe nicht leicht ist, aber sie haben das Vertrauen, daß schwäbischer Opfersinn alle Schwierigkeiten überwinden wird. Das Heimatland Adolf Gröbers will nicht in Wettstreit treten mit den glätt«; zenden Metropolen katholischen Lebens am Rhein und an der Isar, aber was das katholische Schwaben den Glaubensbrüdern deutscher Lande zu bieten vermag, gibt es ihnen von Herzen gerne, eine zwar schlichte, aber liebe und traute Heimstätte für das glaubensfrohs Bekenntnis ihrer Kirche und ihres Volkstums.
Die katholischen Schwabenherzen an der Donau und am Neckar schlagen der diesjährigen Tagung um so freudiger entgegen, als der Katholikentag in Stuttgart zugleich dis Krönun;
werden soll für das Doppeljubiläum des alloerehrten Oberhirten der Diözese, der nicht bloß Schwabenland, sondern dem ganzen deutschen Volke gehört,
Gr. Exzellenz des hochwürdigsten Bischofs Dr. Paul Wilhelm von Keppler.
Sein 50 jähriges Jubiläum als Priester und sein silbernes Bischofsjubiläum werden Katholikentag in Stuttgart besondere Weihe und besonderen Glanz verleihen.
Es ist der ausdrückliche Wunsch des Iubilarbischofs, daß die Stuttgarter Tagung
dem
dem
eine
Tagung des Friedens werden soll. Sie wird unserer Zeit und ihrer schweren inneren Not offen in das Auge sehen, aber sie wird das Heil nicht in Hader und Streit suchen, sondern in der welterlösenden Kraft katholischer Liebe. Zum Leitgedanken der diesjährigen Katholikenversammlung Deutschlands ist bestimmt worden:
„Die katholische Liebe als Hellquelle in öm Krankheiten unserer Seit!'
Was Bischof Dr. von Keppler am 9. Oktober 1924 in der Liederhalle zu Stuttgart über den kommendere Katholikentag gesprochen hat,solluns heilig sein und zum herrlichen Geleitwort'; unserer Tagung werden: f
„Die ganze Tagung wird nicht auf Streit und Kampf gestimmt fein, sondern auf öas christliche Armotiv: Gloria in excelsis Deo et in terra pax hominibus!“
Wir laden alle Glaubensbrüder von fern und nah, diesseits und jenseits der Grenzen, zum Stuttgarter Katholikentag ein. Vom Herzen Süddeutschlands, vom anmutigen Schwabenland, von
den hin,
wald- und rebenumkränzten Höhen des gesegneten Stuttgarter Tals geht unser Ruf überall wo die deutsche Zunge erklingt und katholische Herzen schlagen:
Auf zum schönen Schwabenland!
Auf zum Katholikentag nach Stuttgart!
Das Aenlcalkomilee der Katholiken Deutschlands
Alois Fürst zu Loewenstein
1. Vorsitzender.
Das Lokalkomttee zur Vorbereitung der 64. Generalversammlung
Treiber
1. Vorsitzender.
müder Blick beginnt verloren umherzuschweifen. Plötz, lich öffnen sich seine trockenen Lippen und saugen lechzend die Luft ein. In der Baumkrone hat er ganze Bündel saftiger dunkelroter Kirschen entdeckt.
Der hungernde Junge überlegt nicht lange. Ein trotzt- ger Strahl bricht aus seinem Auge. Et was: so ein
lumpiger Bengel, so ein Schwindler wie er, kann dreist auch ein paar Kirschen stehlen. Wenns Herauskommk, setzt's Prügel. Daran ist er gewöhnt. Und wenn sie „Dieb" hinter ihm drein rufen —, er zuckt die Achseln und übertäubt ein leis auswallendes Unbehagen, indem er kräftig zu pfeifen beginnt Dann schwingt er sich in