Kassel, den }7. Mai 1925.
Nr. 20.
Ausgabe 8-
6t. EWeth-Ml
Religiöses Wochenblatt
für die katholischen Gemeinden Kassels.
Erscheint jeden Sonntag und tostet monatlich Ausgabe L Zb BKdpfenniz 3 11 B)!dpfeaaig(freibl.) lledaktians- schluh Montag Anzeigen-Preise: Colonelzeile im Anzeigenteil 0,15 Goldmirk, CKanrlzeils im Asklamüeii 0,53 Goldmark. Bei Wiederholung Rabatt. Auskunft und Off-Geb. 0,1) Goldmark. Porto extra. Anzeigen muffen spätestens bis Montag morgens im Besitz der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda sein.
■ 1 Druck und Verlag der Fulda« ActieudruckerN Vettagsart Fulda. ■
Wochenkalender.
Sonntag, 17. iMai. 5. Sonntag N. Ostern. (Bittsonntag.) Paschalls Bahlon, Bek., Patron aller eucharistischen Bei einigungen, fl592. ZweiterAloisiusson nta g.
Montag, 18. Mai. Venantius, Mart, unter Decius
Dienstag, 19. Mai.
Pudentiana, Jgfr., M-.ttwoch. 20. Mai.
kaner, Bek.
Donnerstag, 21. Mai.
Petrus CölestinuS, Papst, f 1296 t 159.
Bernhardin von Siena, Franzi» -
Christi Himmelfahrt.
Freitag, 22. Mai. Von der Oktav.
Samstag, 23. Mai. Von der Oktav.
(Evangel. Joh. 16, 23 -31.)
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wahrlich, wahrlich, sag' ich euch, wenn ihr den Vater - in meinem Namen um etwas bitten werdet, so wird er euch geben. Bisher habt ihr um nichts in meinem Namen gebeten. Bittet, so werdet ihr empfangen, auf daß eure Freude vollkommen werde. Diese» habe ich in Gleichnissen zu euch geredet: es kommt aber die Stunde, da ich nicht mehr in Gleichnissen zu euch rede, sondern offenbar vom Vater euch verkünden werde. An jenem Tage werdet ihr in meinem Namen bitten: und ich sage euch nicht, datz ich den Vater für euch bitten werde: denn der Vater selbst liebt euch, weil ihr mich geliebt und geglaubt habet, datz ich von Gott ausge» gangen bin. Ich bin vom Vater ausgegangen, und in die Welt gekommen: ich verlasse die Welt wieder, und gehe zum Vater. Da sprachen seine Jünger zu ihm: Siehe, nun redest du offenbar und sprichst kein Geheimnis mehr. Jetzt wissen wir, datz du alles weißt, und nicht nötig hast, datz dich Jemand frage: darum glauben wir, datz du von Gott ausgegangen bist.
Der Geldkasten
er-
E/in Katholik der Diözese Fulda A krankte und begab sich in das Spital einer fast ganz protestantischen Stadt. ^ Hier mutzte er in einer protestan- tischen Umgebung vieles für seinen Glauben leiden. In ihrem Unser- stand bearbeiteten die Andersgläubigen ihren Mit« Patienten mit Spottreden schlimmer als mit Knüppeln. Ganz besonders hatten sie den Ablatz zur Zielscheibe ihrer Schmähungen auserkoren. Unser Katholik verteidigte sich so gut er konnte und teilte manchen saftigen Gegenhieb aus. Indes hatte er nach seiner Entlassung doch das Bedürfnis, über die Unterscheidungslehren noch gründlicher sich zu unterrichten, um eine desto größere'Glaubenssicherheit zu erlangen und die Gegner aus dem Sattel zu heben.
Da wir ein Jubeljahr begehen und zur Gewinnung des Jnbelablasses eingeladen werden, so will ich gerade über den Ablatz' Die wichtigsten Punkte niederschreiben:
„Sobald das Geld im Kasten klingt. Die Seele aus dem Fegfeuer springt.'
Diesen Spoltreim werfen uns die Andersgläubigen gern an den Kopf wie einen Pflasterstein. So wie der Reim dasteht in seinem grobklotzigen Wortlaut, läßt er durchblicken, als würde der Ablaß um Geld verkauft und die Seelen mit Geld ans dem Fegfeuer erlöst. Um richtig urteilen zu können, müssen wir den Satz wie eine Pflanze in seine Teile ansein, andernchmen.
Geschichtlich betrachtet, wird dieser ungeschlachte Reim dem Ablatzprediger Tetzel zugeschrieben. Wer war dieser Tetzel? Ein Dominikanermönch, der vom Jahr 1460—1519 lebte, der zu Frankfurt an der Oder sich den Doktorhut erwarb, der in ganz Deutschland mit wahrem Feuereifer den Ablatz predigte, der einen unbefleckten Ramen mit ins Grab nahm. Als er sah, daß wegen des Ablasses ein solcher Riß in der Kirche entstand, grämte er sich zu Tod. Luther selbst hat ihn getröstet und ihm geschrieben „daß seinetwegen die Sache nicht angefangen fjabe'.
Gehen wir nun zum Inhalt des Spruches:
„Sobald das Geld im Kasten klingt, Die Seele aus dem Fegfeuer springt."
Ueber die Existenz eines Fegfeuers mich jetzt zu verbreiten, wurde uns zu weit abführen. Was hat es für einen Zweck, sich mit einem Menschen zu streiten, der nicht an das Fegfeuer glaubt? Das ist so viel, als Wasser tu einen Sack schütten. Gibt es aber ein Fegfeuer, und es ist Lehre des katholischen Glaubens, daß es eines gibt, und diese Lehre kann aus Schrift und Tradition sonnenklar bewiesen werden —. dann können die Seelen auch wieder daraus befreit werden. Wir können ferner den armen Seelen zu Hilfe kommen durch Gebet, Meßopfer, gute Werke und Ablässe. Und das ist ganz natürlich. Kann denn nicht ein Bruder seinem Bruder die Schulden bezahlen? Auch die katholische Kirche ist eine Familie, zu der auch die armen Seelen gehören. Da kann einer dem andern helfen, einer für den andern eintreten.
Nun hat die Kirche die Gewalt Ablässe zu erteilen. Denn Christus hat keine Ausnahme gemacht, als er zu Petrus sprach: „Alles, waS du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöset sein". (Mr. 16. 18) Petrus und sein Nachfolger, der Papst, kann also die Seelen lösen von allen Schulden, die sie sich Gott gegenüber zugezogen haben, von der Schuld der Sünde und von der Schuld der Strafe. Es gibt ewige und zeitliche Sündenstrafen. Die ewigen werden in der Beichte gleichzeitig mit der schweren Sünde nachgelassen. Die zeitliche Strafe kann der Sünder selbst aus die verschiedenste Weise abbüßen, durch Gebet, Almosen, Bußwerke. Auch die kath. Kirche kann die Sündenstrafen ganz oder teilweise nachlassen; und dies geschieht durch den Ablaß. Nichts anderes ist nämlich der Ablaß. Es handelt sich dabei nicht um Sünden, sondern um Sündenstrafen und zwar ausschließlich um die zeitlichen Sündenstrafen, die wir entweder hier oder im Fegfeuer abzubüßen hätten.
Geht nun der göttlichen Gerechtigkeit etwas ver loren, wenn uns eine Strafe erlassen wird? Keines wegs. Der göttlichen Gerechtigkeit wird vollständige
Genugtuung geleistet. In der Kirche ist nämlich ein großer, unermeßlicher Schatz aufgespeichert. Es ist dec Schatz der Genugtuung Christi und der Heiligen. Christus hat mehr Strafe erlitten, und mehr Genugtuung geleistet als zur Ausgleichung der Sünde nötig war. Und hat nicht ein hl. Paulus, Chryfostomus, Aloisius und so viele andere bei« liche Männer und Frauen mehr gelitten und gebüßt, als sie für ihre persönlichen Sünden schuldig waren? Davon ist aber nichts verloren gegangen; das wird aufgespeichert in dem großen Stauwerk der kath. Kirche. So entnimmt die Kirche aus ihrem Refervefond ein gewisses Quantum und bietet es der göttlichen Gerechtigkeit an. So werden Gottes Rechte vollständig befriedigt, und dem Sünder geschieht eine große Erleichterung.
Auch der Sünder muß zur Gewinnung des Ab- ' lasses etwas leisten. Vor allem ist der Stand der Gnade nötig; bei vollkommenen Ablässen außerdem Beicht und Kommunion. Dazu kommen in der Regel Gebete und sonstige Werke der Frömmigkeit und Barmherzigkeit. So müssen die Gläubigen, um des Jubelablasses teilhaftig zu werden, den Weg nach Rom unter die Füße nehmen und Wallfahrten machen zu den vier Hauptkirchen der Stadt. Auch Almosen werden bisweilen als Bedingung gefetzt. So war es gerade zur Zeit der Reformation. Damals wurde bekanntlich die Peterskirche gebaut, die das Entzücken der ganzen Welt bildet. Zu einem solchen Riesenwerk brauchte es auch Riesensummen. Darum schrieb der Papst einen Ablaß aus und setzte unter andern die Bedingung eines Almosens für die projektierte Peterskirche. War das nicht vernünftig? War das nicht lobenswert?
Ein solcher Ablaß kann nun den Seelen des Fegfeuers zugewendet werden. So wird ihnen ihre restlose Strafe ganz oder zum Teile geschenkt. Diese Befreiung kann im selben Augenblick geschehen, wo das Almosen gespendet beziehungsweise das letzte gute Werk verrichtet wird, das zur Gewinnung des Ablasses vorgeschrieben ist. So kann also der Vers ganz buchstäblich zutreffen:
„So bald das Geld im Kasten klingt, Die Seele aus dem Fegfeuer springt".
Nur ein Ungläubiger kann diese Möglichkeit bestreiten. Die Erfüllung selbst müssen wir getrost der göttlichen Vorsehung überlasten. Die Schnelligkeit und Sicherheit der Befreiung ist im genannten Reim zwar drastisch und derb, aber immerhin richtig und volkstümlich ausgedrückt. Verweise doch die Andersgläubigen auf die Bibel, auf die sie immer schwören. Da werden dem Almofen noch ganz andere Wirkungen äugeschmeben, un 3 nicht von einem Mönch und nicht von einem Papst, sondern vom hl. Erzengel Raphael der zu Towas befreit vom Tod; es läßt Barmherzigkeit finden und ewiges Leben". (Tob. 12,5).
Der Bvrgpfarrer.