Beilage zum Bonifatiusbotem
Nr 6.
Sonntag, den 10. Sebruar
1924.
Die Macht des guten Beispiels.
Im vorigen Jahre starb der hockwürdige Geistliche Rat Guido Brühl, früher Diasporapfarrer in Biedenkopf, Diözese Mainz. Bielen Lesern des Bonifatiuèboten wird er wohl als Kirchenbettler in guter Erinnerung fein Verschiedene Kirchen hat er zur Ebre GotteS und zum Nutzen der Diaspora-Katholiken gebaut, darunter die Kirche zu Frankenberg. Seine herzlichen Bettelbriefe schlossen stets mit der Bitte: „Liebe Leserin, lieber Leser, so erbarme Dich denn und schicke eine Gabe dem armen Tropf von Biedenkopf." Arm war er tatsächlich; die Armut der Diaspora hatte er zur LebenSaesährt'N sich erkoren. In seiner Kleidung und Lebensweise beschränkte er sich aufs äußerste und, was in der Vorkriegszeit bei einem Geistlichen als nicht standesgemäß galt, er reiste stets in 4. Klasse, nicht aus Geiz, sondern aus dem einfachen Grunde, weil tue Pastoration der Gläubigen seines Diasporabezirkes häufige Bahnfahrten benötigte, die Mittel aber für eine höhere Bahnklasie nicht aus. reichten. Etwaige Ersparnisse verwandte er zu guten Zwecken. Der selige Dechant Kreisler fuhr einmal ge» legentlich einer Dienstreise mit demselben Jure wie der arme Diasporapfarrer, ersterer in 2. Klaffe, letzterer in 4. Klasse. Kreisler selbst hat es erzählt und das Geständnis abgelegt: „Wie habe ich mich geschämt vor diesem Homo aposlokicue", d. h. apostolischen Manne. Brühl hatte seinen Wohnsitz in Biedenkopf. Sein Rachvar, ein besserer protestantischer Bürger deS Städtchens bobacktele genau das Tun und Lassen des katholischen Geistliche«. Je länger er aber sein Augenmerk auf ihn richtete, um so höher stieg seine Hochachtung und seine Bewunderung des ganz tadellosen, durch und durch christlichen, vorbildlichen Wandels des katholischen Prisuers. Dieser wurde so ein Werkzeug in der Hand Gottes, um einen vorurteilsfreien, vom besten Willen beseelten Andersgläubigen zur wahren Knche zu führen. Die Ueverzeunr befestigte sich mehr und mehr in dessen Herzen. Eine Religion, die solche Männer lfcrborbrin.it, in deren Dienst solche Seelsorger stehen, muß die wahre, von Christus gestiftete sein. Nach dieser Erkenntnis handelte er und feinte in den Schoß der hl. Kirche gitua. Ein anderer, noch lebender Priester, der viele Jahre in oer Diaspora gewirkt batte, erhielt in seinem späteren Wirkungskreise einen Brief von einer Frau aus jener Ge enD, worin sie rym mitteilte, daß sein frommes, ganz christliches Leben sie bewogen habe, auch katholisch zu weihen. Wahrlich, einen schöneren Briet mit tröstlicherem Inhalte kann wohl kaum ein Priester erhalten. W.e Diele Anoers,iläubi re durch das gute Beispiel katholischer Priester und Christen den Weg zur wahren Kirche gesunden haben, wird einst am großen Gerichtstage offenbar werden. Der göttliche Heiland richtet an alle die ernste Mahnun: „Lasset euer Licht leuchten, vor Den Menschen, damit sie eure guten Werke
sehen und den Vater preisen, der im Hrmmel ist/ Alle haben also die hl. Pflrcht, allzeit und überall den Mit- menschen, mögen es Glaubensgenossen fein oder Andersgläubige, ein gutes Beispiel zu geben, damit alle für Gott und seine hl. Kirche gewonnen werden. «ine furchtbare Verantwortung übernehmen die Katholiken, Die durch Wort und Wandel daS Gegenteil tun, den Andersgläubigen so den Weg zur wahren Kirche ver. speren und sie im Irrtum und in ihren Vorurteile« und ihrer Abneigung gegen die katolische Kirche bestärken. Katholische Christen, seid eingedenk eurer ernsten Rechenschaft, führet ein wirklich christliches Leben, rettet die eigene Seele und traget nach Kräften bei zum Heile eurer Mitmenschen. Nehmet euch zu Herze« und befstget. waS der hl. Petrus in seinem ersten Briefe, 2, 11. 12, schreibt: .Beliebteste, ich beschwöre ench als Fremtkinr« und Pilger, enthaltet euch der fleischlichen Gelüste, die wider die Seele streiten, und führt einen autcn Wendet unter den Heiden, auf Laß sie. während sie euch lüstern, als wäret ihr Ueveltäter, eurer guten Werke wegen aus euch achten und Gott preisen am Tage der HeimsuchAng,"
Zur Mädchen-Verusrftage.
Zu keiner Zeit war die Mädchen-Berkffsfrsge eine so brennende wie heute- Die vielfach ungünstigen Aussichten unserer Zeit, unsere Töchter ihrem Familienberuf als Hausfrau und Mutter zuzuführen, die allgemeine Verarmung unseres Volkes, welche den meisten eine finanzielle Sicherung ihrer Töchter ohne eigenen Erwerb für die Zukunft erschwert, die Ueberfüllung und zugleich der Beamten- Abbau in allen Berufsklasien, das alles macht Eltern und Töchtern die Entscheidung schwer. Mehr als je gilt jetzt die Behauptung, daß nur „die Tüchtigen sich im Leben durchzusetzen vermögen", daß nach Abschluß der Schulzeit die Weiterbildung unserer jungen Mädchen, zunächst auf hausfraulichem Gebiete und dann auch nach der beruflichen Seite hin eine unabweisbare Notwendigkeit geworden ist. Es gilt für die Ab i t u r i e n t i n n e n der höheren Lehranstalten ebenso wie für die V o l k s s ch ü l e r i n n e n.
Daß mit dem Umbau des früheren Oberlyzeums zur Bildungsanstalt gleichen Namens, jedoch mit Abiturientenprüfuna, den abgehenden Schülerinnen alle möglichen Wege wif- senschafflicker Weiterbildung offen stehen, dürste als bekannt vorausgesetzt werden.
Nicht weniger ist es zu schätzen — allerdings noch immer nicht oenüaend bekannt — daß am Institut der Engl. Fräulein in Fulda neben dec
staats. anerkannten Fra-nenschule für Schülerinnen mit Lyzeumreife auch eine Haushaltungsschule für solche ohne L y zeumsreife, also besonders auch für Volksschülerinnen, die das 16. Jahr erreicht haben, besteht. Die Haushaltungsschule, unter Aufsicht des Herrn Ministers für Han- del und Gewerbe, hat in den letzten Jahren unter den größten wirtschaftlichen Schwierigkeiten denn- noch so erfolgreich gearbeitet, daß ihr verschiedentlich die Anerkennung ihrer Behörde ausgesprochen wurde. De« Schülerinnen ist daselbst durch einen geschloffenen einjährigen Lehrgang in täglich achtstündiger Arbest Gelegenheit geboten, den bürgerlichen Haushalt m all seinen Zweigen: Kochen (Backen, Einmachen), Nähen, Haus- und Gartenarbeit, Kinderpflege gründlich zu erlernen. Neben reichlich praktischer Betätigung wird in theoretischen und witzenschaftlichen Unterrichtsfächern Deutsch, Necken, Ernährungslehre, Gesundheitslehre usw. die denkende (Einführung und verständige Beobach- hm'. die Schulung der Geisteskraft angestrebt.
Abgesehen von dem unmittelbaren Nutzen für bie künftige Hausfrau wird diese echt weibliche Schulung namentlich durch die wissenschaftlichen Stunden für eine ganze Reihe von jungen Mädchen eine wünschenswerte Ergänzung und Erweiterung ihrer Volksschulbildung als Grundlage einer späteren Berufsausbildung dienen können.
ien
Dieser Haushaltunqsschule für größere Mädchen wird das Institut der Englischen Fräulein zu Ostern
eine
Praktische Borschule
ongliedern für 14= und 15jährige Mädchen, welche, am Vormittag im elterlichen Haushalt helfend, jeden Nachmittag (Samstag frei) von 2—7 Uhr in die Verrichtungen des einfachen Haushaltes eingeführt werden und sich damit eine gute Vorbildung für die eigentliche Haushaltungsschule und jede andere entsprechende berufliche Ausbildung erwerben können, da auch bei dieser Abteilung noch Unterricht in den Elementarfächern Deutsch, Rechnen usw. erteilt wird. Nicht weniger ist es Im Interesse unserer Mädchenausbildung zu begrüßen, daß zu Beginn des neuen Schuljahres an derselben Anstalt eine
Höhere Handelsschule für Mädchen ins Leben treten soll, der eine Elementar« klasse für Volksschülerinnen (ohne Fremdsprache) angegliedert wird. Die neue Ein
Pförtner Kenels Heimgang.
In der zweiten Nacht der Dreikönigs-Oktao Fährt Pförtner Renzel empor aus dem Schlaf. Er glaubte, es halt' an der Pforte geschellt . . . Da sieht er sein Stüblern von Glanz erhellt, Sankt Petrus selber läuft hin zum Tor, Langt eifrig die goldenen Schlüssel hervor Mrd spricht: „Freund Nenzei, ich mach für dich auf. selbst nimmst jetzt zum Himmel den Lauf."
Dann schiebt er den Schlüssel ins Schloß hinein und winkt feinen himmlischen Engelein.
Der Pförtner Renzel hat indessen
, Schmerzen der schweren Krankheit vergessen, froh sich und leicht und langt wieder munter «ein schwarzes Käppchen vom Hacken herunter Uird sprrcht: „5ffs denn für den Himmel schon Zeit? Wenns Herr Regens erlaubt, so bin ich bereit!" zum Himmel da glühn seine Wangen, lern’a“™ Zück wie durch Feuer gegangen, »ein arme- Seelchen hemmt (einen Schritt
ch '^ fleht leis: „Nimm mich mit! — Nimm nach allen Seiten und'iprirht:
U ' roürÄ ^I °“. unb "»geh Euch nicht. Hätt' ^ nt2 droben ia etwas fehlen, ch um mich die armen Seelen!"
Un/neug^ch^ im Flug,
Denn es muß doch wohl iein^° - KÄ-^
Das wär mir recht! — Da könnt ich doch auch Den Herren wieder öffnen nach altem Brauch!" Da flattern zwei liebliche Englein herzu, Die wollen ihm wichsen die irdischen Schuh, Das Kc-pplein ihm tauschen mit goldnem Goschmeid, Die blaue Schürze mit weißem Kleid.
Und ob er sich wehrt, es muß doch wohl sein. Schon rufts aus der geistlichen Herren Reihn: „Willkommen Herr Renzel! — Glückselig Neujahr! Zu uns! — Zu den Toten vom Seminar!" Herr Regens Komp hebt schon segnend die Hand, Es winkt ihm gar freundlich Herr Hillenbrand. Doch weiter noch muß bis zu Gottes Thron Der schlichte und schüchterne Erdensohn.
Run steht er das Ehnstkind und faßt wieder Mut, Umklammert die Krippe, kniet nieder und ruht. Denn vor dem allgütiaen Kindergeffcht Da fürchtet der Plöttner Renzel sich nicht. Das Christkind lächelt und fragt ihn sogleich: „Was wünscht du dir Schönes im Himmelreich?" So faßt sich ein Herz der bescheidene Mann Und schaut fast verwegen das Kindlein an: „Ich hätte dir - gern, wenn im Traum du nickst Ueber Nacht stets — die goldenen Schüblein gewichst Wenn nicht, schick mich in die FegseuerGlut, Den Armen Seelen bin ich gar gut! "
Da streift sich das Kind von den Füßlein die Schuh Und wirft sie dem glücklichen Renzel zu: „Hier nimm sie und putz sie mir glänzend und feint" — Du darfst auch im Himmel mein Hausdiener fein!" — Die Sckühlein tm Arm, das Herz voller Glück Kehrt Renzel zur himmlischen Pforte zurück.
Da wacht er und schafft er beim Sternreigentanz Und freut sich, zu mehren den himmlijchen Glanz.
Klein fassen, 10, Januar 1924.
Ludwig Nüdllng.
ZamMencarttar in der Diaspora.
In den letzten Jahren, da die stets wachsende Not so viele Familien heimgesucht, machten es sich die Direktoren des Dritten Ordens zur Aufgabe, eifrige Terziarjungfrauen zusammenzuschließen, für die Fa» milienpflege. ES war ein äußerst zeitgemäßes und notwenvis-es Werk, wie man aus den erschienenen Tätiakeitsberichten ersehen konnte Vielen Familien im Westen unD Süden Deutschlands ward bei Wochen, bett und Krankheit der Mutter opferbereite Hilfe durch die Caritaèschwestern v. hl. Franziskus, und der Dritte Orden, nunmehr einer karitativen Tätigkeit im Geiste seines hl. Stifters sich widmend, lebte neu auf.
Mit Erlaubnis des Hochwürdlgsten Oberhrrten der Diözese Meißen, begannen vor einiger Zeit auch für Sachten Schwestern im Geiste des hl. Franzis us die ramiliencaritaS. Es ist ein weites Feld der Tätigkeit, das sich in der Diaspora bietet; denn neben den Werten der Nächstenliebe, durch welche man vielfach nur Eingang in die Familien erhält, gilt es, nur zu oft Seelsorgs- Hilfe zu leisten.
Ein wichtiger, apostolischer Beruf, durch schlichte Arbeit im Dienste der ärmsten Familien zum Heile der Seelen wirken zu dürfen! Für viele Jungfrauen ist es der Weg zum wahren Gluck, in der Gesolgschaft des öttilchen Meisters, und wie vielen Familien können sie Wegweiser sein, zur Genügsamkeit und Arbeitsfreude, zum Glauben und zum Frieden, durch den Geist der Liebe des Armen v. Assisi. , ■
Bieter eifriger Seelen bedarf es, soll daS Wer g - lingen, daS den Segen der Kliche tragt .
Brave Jungfrauen »on 2O-30 S^A d-e ein klösterliches Leben fuhren "AAren Näheres durch Schwester AuAtina, Dresden A. Sidonienhetm, Porti- kusstraße 12,