Seite 4
Donnerstag den 16. Muguft 1928
Nr. 192
Wie soll matt Obst essen
Obst essen ist gesund. An dieser altbekannten Tatsache läßt sich nicht drehen und deuteln, denn der Gehalt des reifen Obstes an wichtigen Nährstoffen, zu denen in erster Reihe Zuckerstoffe, organische Säuren, Mineralsalze und nicht zuletzt Vitamine gehören, ist für die menschliche Ernährung außerordentlich wichtig. Wenn trotzdem der Obstgenuß bisweilen zu Schädigungen des Magen- Darmkanals oder zu sonstigen schweren Störungen führt, so ist fast stets dafür nicht das Obst verantwortlich zu machen, sondern die Schuld daran tragen mir" selbst. Kommt es doch beim Obstgenuß vor allem darauf an, wie man das Obst genießt. Unreifes Obst ist unter allen Umstäichen zu vermeiden und gesundheitschädlich. Reifes Obst muß vor dem Genuß gewaschen oder geschält werden. Vom Baum bis zum Munde des Verbrauchers geht das Obst bekanntlich durch viele Hände und hat so Gelegenheit, sich mit allen möglichen krankmachenden Bakterien zu beladen. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, daß noch nach dem dritten Waschen von Obst im Kubikzentimeter 27 000 Keime festgestellt werden konnten. Weiterhin muh das Obst sorgfältig gekaut und nicht, wie das häufig geschieht, hastig heruntergeschlungen werden. Nur so kann der Verdauungssaft des Magens die genoffenen Früchte genügend ausschließen und die für den Körper wertvollen Stoffe daraus für dG: Verdauung nutzbar machen. Auch hier gilt ganz besonders der Satz: „Gut gekaut, ist halb verdaut!" Die Frage, ob man zum oder nach dem Obstgenuß Wasser trinken soll, ist in neuester Zeit auch wissenschaftlich vielfach untersucht und erörtert worden. Daß viele Menschen vom Wassertrinken nach voran- gegangenen Genuß von Obst keinen Schaden er« leiden, ist durchaus nicht als Beweis für die Un« zefährlichkeit solchen Tuns zu betrachten. Melmehr Hat sich ergeben, daß, wenn nach reichlichem Obstgenuß Wasser getränten wird, die Folge ein starkes Aufquellen der genossenen Früchte im Magen ist. Besonders stark ist die Quellung bei'Kirschen und Stachelbeeren. Abgesehen von der durch den reichlichen Wassergenuß hervorgerufenen Verdünnung der Verdauungssäfte, die zu folgenschweren Störungen führen kann, wird durch die Quellung des Obstes der Magen unter Umständen überdehnt. Diese Gefahr besteht besonders bei Kindern. Auch wenn durch Erbrechen eine Entleerung des Magens gelingt/ können doch durch die Empoärrängung des Zwerchfells Störungen der Atmung und der Herztätigkeit eintretèn. Darum soll man das Wassertrinken beim oder nach dem Obstgenuß möglichst vermeiden. Man mache sich für den Obstgenuß folgendes zur Regel: Iß nie unreifes Obst. Wasche das Obst vor dem Genuß oder schäle es. Kaue Obst genau wie Fleisch und Brot. Genieße nie große Obstmebgen auf einmal. Vermeide nach Möglichkeit vor, bei oder nach dem Obstgenuß das Trinken größerer Flüssigkeitmengen. Kleinere Mengen, schluckweise genossen, werden selten Schaden stiften.
* Degen Verdachts der Falschmünzerei wurde, eine Person festgenommen.
* Ein Paddelboot gestohlen. Im Waldesel wurde tn der vergangenen Nacht ein Paddelboot gestohlen. Das Boot ist aus Holz und mit Segeltuch überspannt. Die Enden sind spitz, die Kanten lowie der WellenbrechersinL rot gestrichen. Sachdienliche, auch vertrauliche Mitteilungen an die Kriminalpolizei erbeten.
* Preußische Slasseulotterie. Am 7. Ziehungstag wurden u. a. folgende Nummern gezogen (ohne Gewähr): 7222, 36 165, 70 908, 89 131, 105^72, 105 895, 106 771, 143 015, 207 014, 268 676, 296 440, 307 260, 346 337, 346 347.
MettevbevrMt.
Die über dem mitteleuropäischen Kontinent lagernden Luftmassen haben im Laufe des heutigen Tages eine beträchtliche Erwärmung erfahren und werden mehr und mehr durch die auf der Rückseite der nordsuropäi-lchen Zyklone vordringenden kalten Lustmassen verdrängt werden. Dabei treten vielfach Gewitter auf, die stellenweise recht kräftig zur Ausbildung kommen.
Vorhersage bis Donnerstag abend: Zeitweise stärkere Bewölkung, vielfach Gewitter, nur vereinzelt Schauer, Temperaturen zu rück gehend, nordwestliche Winde.
Wittcrungsaussichten für Freitag: Bei allgemeiner Aufheiterung zunehmende Sonneneinstrahlung.
-Kreis Gelnbaule».
X Gelnhausen, IZ.vAug. Wegen der seit einiger Zeit bereits strittigen Milchpreisfrage fand heute nachmittag im Gasthaus „Waldfrieden" an der Niedermittlau«: Staatsbahnhaltestelle eine neuerliche Besprechung der Vertrauensmänner der Kreisbauernschaft statt, bei der Geschäftsführer Semmel über die Lage der Dinge Bericht erstattete und schließlich nach längerer Aussprache beauftragt wurde, bei den Händlern des Kreises Gelnhausen dahin zu wirken, daß künftig für den Liter Liefermilch 2 Pfg. Stallpreis mehr gezahlt werden. Falls die Händler daraufhin weiter die alten Preise auszahlen, sollen die Dertrauenschänner erneut zusam- menberusen werden, um über energische Maßnahmen zu beraten. — Einen üblen Sturz machte ein Obsthändler aus dem Kreisorte Erdengesäß am Dienstag abend auf einem Grundstück in Gelnhausen. Beim Obstbrechen ging ihm eine Sproß der Leiter, auf der er stand, entzwei, und der Mann stürzte etwa 6—8 Meter in die Tiefe. Er zog sich inner« Verletzungen zu und mußte in ärztliche Behandlung genommen werden.
)( Rotenbergen, 16. Aug. Die älteste Einwohnerin von Rothenbergen, Frau Kern Wwe. geb. Schnee, feiert morgen in aller Rüstigkeit und Frische ihren 91. Geburtstag.
)( Somborn, 14. Aug. Der Sonntag (Schulsonn- ■tag) gestaltete sich für unsere Gemeinde recht würdevoll. Der Bischof Dr. Christian Schreiber von Meißen, der zurzeit hier zur Erholung wellt und erst kürzlich eine sechs Monate währende Reise nach den Bereinigten Staaten unternahm, hielt nämlich einen Vortrag über die dortigen Kirchenoerhält- nisse. In einem zirka inständigen Referat wußte er die Herzen der Zuhörer zu erobern und die Kirchenverhältnisse aufs kleinste zu erläutern. Er erwähnte insbesondere das Verhältnis zwischen Klerus und Volk, das in diesem Staate heute gerade noch gepflegt werde. Die enge Verbundenheit zwischen beiden sei als vortrefflich zu bezeichnen. Amerika mit seinen 20 Millionen Katholiken, und einen 20 000 Priestern, wo auf je 800 Seelen ein Priester käme zeige inbezug auf Opferfreudigkeit das beste Beispiel. Jeder Katholik in Amerika zahle jährlich 200 Dollar (800 M.) an Kirchensteuern. Er kam nun wieder auf' unser Gebiet zu sprechen und sagte, daß in unserer Diözese und davon besonders sein geliebtes Freigericht in den letzten Jahrzehnten, auch schon manche Opferfreudigkeit an den Tag zelegt worden. — Die Gemeinde Horbach, habe erst m vergangenen Jahre ein prächtiges Gotteshaus erbaut. Um nicht von seinem eigentlichen Thema abzukommen, erwähnte Redner, daß in dem Lande der Sehnsucht jährlich 4 Millionen Erwerbslose ind, und diese keinerlei Unterstützung bekommen, andern gegenseitig helfe man sich hier. Auch dieses ei noch eine Großtat von Nächstenliebe, die auch )ei uns der Nachahmung verdiene. Bezüglich der dortigen katholischen Schulen, wäre zu sagen/ daß Wr? oste unter Leittmff non Ordensschwestern stehen. Aber auch bei diesen sei für eine gute Ausbildung Sorge getragen. Zum Schlüsse seiner bedeutsamen Ausführungen kam er nochmals auf das Freigericht zu sprechen und forderte auf, die derzeitig beschrittene Bahn auch für die Zukunft die Treue zu halten. — Allen Erschienenen aber dürfte der Vortrag des H. H. Bischofs aufs höchste interessiert und gefallen haben.
Kreis Vüdinsen.
f Büdingen, 16. Aug. Ein schwerer Unfall trug sich am Dienstag mittag in Salzhâifen zu. Ein Fuhrmann der Himmelsbachwerke Nidda fuhr Holz, als sein Pferd vor einem Tanzbären scheute und durchging. Der Wagentenker wollte und konnte auch das Pferd beruhigen, als dassellre plötzlich nach
hinten ausschlug und ihn so schwer in die Seite traf, daß er bewußtlos zusammenbrach und nach Nidda ins Krankenhaus verbracht werden mußte.
t Büdingen, 15. Aug. Der 14 Jahre alte Ludwig Willmann von Gelnhausen, Sohn eines dortigen Landwirts, ist feit dem 7. August spurlos verschwunden. Seit mehreren Tagen sind umfangreiche Nachforschungen im Gange, jedoch ist es bisher noch nicht gelungen, eine Spur von dem Knaben zu finden.
t Donhausen, 16. Aug. Sonntag den 19. und Montag den 20. August, findet das Kirchweihfest statt.
t Langenbergheim, 13. Aug. Der Gesangverein „Edelweiß" Langenbergheim errang auf dem Wer^ tungssingen in Niederissigheim unter Leitung von Chormoister Georg Rheinfurth-Hanau unter sehr starker Konkurrenz von sechs Vereinen mit 46 Punkten den 3. Preis. Möge dem jungen Verein ein Ansporn zu neuen Erfolgen fein, da er in Niederdorfelden auf dem Gesangswettstreit dieses Jahres schon den zweiten Preis erzielte.
Aus Frankfurt a. M.
vom Starkstrom getötet.
: Heute nachmitag kurz nach 14 Uhr wurde ein 28jähriger Elekttomonteur des städtischen Elektrizitätswerkes Frankfurt bei Arbeiten in einem unter« irdischen Schacht Ecke Karlsstraße-Bahnhofsplatz von der! Starkstromleitung von 3000 Volt, mit der er bei Umschaltungsarbeiten in Berührung gekommen war, getötet. Die stark verkohlte Leiche konnte erst kurz nach %15 Uhr durch die Feuerwehr, die mit Rauchhelm und Sauerstoffapparaten in den Schacht eindrang, ans Tageslicht gebracht werden. Der Arbeiter war erst 14 Tage verheiratet.
Vorsicht bei Umbauten.
: Vor dem Amtsgericht wurde ein Fall fahrlässiger Körperverletzung verhandelt, der zeigt, wie weit die Verantwortlichkeit des Architekten für Un« fälle, die bei Umbauten passieren, gehen kann. Mitte Mai wurden Umbauten an dem Haus Kaiserstraße 10 vorgenommen, wo sich bekanntlich die Gaspassage befindet. Ein 27jähriges Fräulein, das per Rad kam und Gasmarken holen wollte, wurde verwehrt, das Rad in die Passage zu stellen. Die junge Dame stellte ihr Vehikel an die Hausfront, und als sie dabei auf ein Glaslichtfenster trat, sank sie mit beiden Beinen ein und erlitt Schnittwunden. Durch den Unfall kam die Verletzte auch hinsichtlich ihrer Stellung im Geschäft, sie war Verkäuferin und kann nun längere Zeit hintereinander nicht mehr stehen, pekunär sehr zu Schaden. Nach den Behauptungen des Angeklagten Martin Simon war eine Beschädigung des Glases von außen nicht sichtbar. Simon will die Leute, die dort arbeiteten angewiesen haben, alles nachzusehen: er selbst hat aber keine Untersuchung angestellt, ob ein Defekt vorlag. Das Gericht erkannte auf eine Geldstrafe von fünfzig Mark und vertrat den Standpunkt, daß derartige Flächen auf ihre Tragfähigkeit untersucht werden müssen. Im vorliegenden Fall war das Glas wahrscheinlich nicht defekt und es wurde erst durch die Umbauarbeiten verletzt. Da war Vorsorge zu treffen, ,daß eine solche Flache nicht dem hWeMMsi ' Verkehr 'WW wurde und" es hätte ein Zaun davor errichtet werden müssen.
Aus Siad und Femr.
. Tragödie des Lebens.
— Heidelberg, 15. Aug. Am Samstag vormittag lief zwischen Zunzenhausen und Hoffenheim in dem Augenblick, als der beschleunigte Personenzug von Heilbronn die Stelle passierte, das Kind des Arbeiters Schölch auf das Gleis. Der Vater sah die droherSe Gefahr und versuchte das Kind zu retten. Leider war es jedoch zu spät. Das Kind wurde vom vorüberbrau senden Zug zermalmt und der Vater wurde vom Zuge zur Seite geschleudert, wo er schwerverletzt liegen blieb. Im Heidelberger Krankenhaus ist er gestorben.
Eine gebundene Leiche gelandet.
— Lohr a. D1., 15. Aug. Geländet wurde Cg einem Fischer aus dem Main die Leiche eines gen Mannes, dem die Hände aufammengebu^j waren.
Ein IZjähriger Abenteurer.
— Worms, 15. Aug. Im Hafengebiet t«, nachts ein 13jähriger Volksschüler aus Bad bürg aufgegriffen. Das Bürchfchen war be® Stiefvater unter Mitnahme von 20 Mk. auso», kniffen und hatte sich wahrscheinlich große M schlosser von dem „freien Leben" gebaut, die nilt jäh zusammenstürzten.
Aus Anvorsichtigkeit vergiftet.
— Lampertheim, 15. Aug. Eine alte Frau w hielt von einem Arzt Tabletten zum Einnehm«- Sie nahm hiervon aber eine ganze Anzahl aus ti» mal und starb kurz darauf an Vergiftung.
Der Tod am Steuerstuhl.
— Dom ZNittelrhein, 15. Aug. Der beja^ Kapitän des auf der Rheinfahrt befindlich» großen Radschleppdampfers „Johannes Ketzle' sank am Steuer, vom Schlaganfall getroffen, toi um. Der Dampfer mußte sofort vor Anker geh»
verschüttet.
— Butzbach, 15. Aug. Gestern ereignete st auf dem zu dem Meguin-Werk gehörigen ZieM betrieb ein schwerer Unfall. Der Arbeiter Wilhtie Lechens wurde von nachrutschender Erde verM tet. Es gelang rasch, ihn aus seiner gefährlich» Lage zu befreien, seine Ausnahme ins Krankens« erwies sich indessen als notwendig. Dort ist er« den schweren inneren Verletzungen, die er bei bet Unfall davongetragen hat, gestorben.
Tödlicher Ausgang eines Akolorra-unsalk.
— Gießen, 15. Aug. Dor einigen Tagen w unglückte auf einer Motorradfahrt der 21 Jahr« ob Kaufmann Th. Braun aus Reutlingen, der in bn Papierfabrik in Ober-Schmitten (Kreis Schotts eingestellt war, in dem Dorfe Rainrod bei Schett» durch Absturz schwer. Der junge Mann tourte b fort der chirurgischen Klinik in Gießen zugesühh wo er nach dreitägigem Schmerzenslager, ohne mit. der zum Bewußtsein zu kommen, verstorben ist
Tragischer Tod eines Schwerkriegsbeschädigte
— Gießen, 15. Aug. Gestern morgen mck auf dem Bahnkörper der Main-Weser-Bahn zA schen Gießen und Lollar die Leiche eines Mam« aufgefunden. Der Kopf des Toten war furchti« zugerichtet. Im Laufe des gestrigen Tages gel«n es nun, den Toten als den 33 Jahre alten, dH Kopfschuß im Weltkrieg schwer kriegsbeschädtzni Karl Launspach aus Beltershain bei ®rü*|l (Kreis Gießen) festzustellen. Der bedauernsMl Mann war am Tage vorher in einer Gießener Kl nit zur Untersuchung gewesen. Offenbar hat «I dann im Laufe der Nacht seinem Leben selbst et] Ende auf dem Bahnkörper bereitet.
540 000 Alk. für ein gemaltes Glasfensler. I
— Steinfeld (Eifel), 15. Aug. Dieser M wurde von London ein überaus wertvolles QM fenster, dessen Malerei der Kölner Schule ml stammt, und das seit Beginn des 16. Jahrhuntwl bis zum Jahre 1803 die Abtei Steinfeld iâ Eifel zierte, zum Preise von 27 000 engl. W (540 000 MH) versteigert. Vor einigen Lahm wurden diese ehemaligen Glasfenster des SW ganges von Steinfeld in England entdeckt, wo ft
Ad^-&mmewtslfe
uvcJtiU^TeM&ostiivcuM^
SeMÈwäematwv, Mauren' L W»
ikomevt Gesangverein „Germania"
Das Konzert des Gesangvereins „Germania" ton Dienstag abend in der .Centralhalle" brachte für die meisten Besucher eine große Ueberraschung. Wer auf eine musikalisch gediegene Vortragssolge eingestellt war, kam kaum auf seine Kosten. Denn nur die vier Chöre der „Germania", darunter be« sonders di» stimmungsvolle „Sternennacht" von Hugo Kaun, können als Konzertleistungen gewertet werden, während die vielfach mit großer Spannung erwarteten Darbietungen des mitwirkenden Manhattan-Quartetts aus Newyork fast ausschließlich lustige Lieblein nach bayrischer Art waren. Das Wenige, was konzertmäßig ernst zu nehmen war, Hugo Kauns „Hütte", litt sehr an fehlender Gliederung, Lyrik und Ueberlegenheit im Vortrag. An sich besitzen die vier Herren schönes Material, sind gut aufeinander eingestellt und singen ihre Lieder recht flüssig und ansprechend. Doch an der unglücklichen Auswahl der Gesänge (Verzicht auf alle musikalischen Qualitäten) scheiterte der ernst zu nehmende Erfolg.
Die gut durchgeführten Chöre der „Germania" unter ihrem tüchtigen Leiter" Georg Wagner waren He Lichtpunkte in dem süßlichen bayrischen Hochlandszauber der vier Newyorker Herren.
Der reiche Beifall war ein herzlicher Gruß an unsere Landsleute, aber kein Einverständnis mit dem von ihnen Gebotenen. Dr. E. H.
o Neues Operetten-Theaker Frankfurt a. M. Da das Münchener Gastspiel des Kammersängers Rich. Lauber am 23. August beginnen muß, so ist es der Direktion leider nur möglich gewesen, eine Prolongation von nur einem Gastspiel zu erzielen. Der gefeierte Sänger wird sich demnach am Montag abend in der Operette „ZigeunerLebe" vom hiesigen Publikum verabschieden, so daß am Dienstag abend bereits die Erstaufführung der Operette „Die Dollar- prinzessin" von Leo Fall stattfindet. Die enthusiastische Aufnahme, die am letzten Sonntag nachmittag der Fremdenvorstellung „Der fidele Bauer" be« schieden war, mußte der Direktion Veranlassung geben, am kommenden Sontag nachmittag eine Wiederholung dieser wundervollen Operette bei kleinen Preisen zu veranstalten.
Dev „talentlose" Tolstoi
Me „Krieg und Frieden" und „Anna Karenina" entstanden. Erinnerungen zum TolstoijubilSum.
— Der Dichters glücklichste Zeit.
o Tolstois große Romane „Krieg und Frieden" und „Anna Karenina" bedeuten zweifellos einen Höhepunkt in seinem literarischen Schaffen. Die Jahre 1862 bis 1877, in denen der Dichter triefe beiden Meisterwerke schrieb, waren die glücklichste Zeit seiner Ehe. „Daß Tolstoi damals vollständig Kücklich war, während er an „Krieg und Frieden" arbeitete", sagt der Tolstotbiograph Gussew, „braucht man garnicht zu beweisen; ein Dichter, der in seinem Familienleben schweren Stürmen ausgesetzt ist, kann niemals ein Werk so gigantisch wie dieser Roman zustandöbringen, das von einer friedlichen Gesinnung durckchrungen ist. Tolstoi selbst füllte, daß er sich damals in der Blütezeit seines Schaffens befand. Am 30. Dezember 1862 vermerkte er in seinem Tagebuch: „Ich habe eine unendliche FMe von Gedanken. Es treibt mich zum Schreiben, ich bin sehr gewachsen". Dabei waren diese großen geistigen Kräfte auf einen Punkt gerichtet. „Ich bin jetzt Dichter mit allen Kräften meiner Seele", notiert Tolstoi weiter, „ich schreibe und denke nach, wie ich noch nie geschrieben und nachgedacht habe. „SBrieg und Frieden" ist das Resultat einer fünf- jährigen, von unaufhörlicher Spannung erfüllten Arbeit. Während Tolstoi seinen Moman vorbereftete, trieb er unermüMic^ Studien über die Geschichte der napoleonischen Zeit. In der Bibliothek von Iasnaja Poljana befinden sich mehrere hundert Bände historischer Werke über die napoleonischen Kriege. Tolstoi war aber von dieser Lektüre keineswegs befriedigt; er suchte nach den Quellen und ließ 1863 in der „Moskauer Zeitung" folgendes Jnse- rat erscheinen: „Vollständiger Band der Moskauer Zeitung mit allen Beilagen für den Preis von 2 000 Rubel zu kaufen gesucht". Es ist unbekannt, ob Tol- stoi das Gewünschte erhalten hat. Der Dichter charakterisiert sein historisches Werk mit folgenden Worten: „Was ist Krieg und Frieden? Es ist weder ein Roman, noch eine Dichtung, noch weniger eine historische Chronik. Krieg und Frieden ist das, was der Verfasser ausmdrücken gewünscht und vermocht. hat, in der Form, in der sich seine Gedanken festigten ließen".
Das gewaltiae Werk wurde jedoch von der lite
rarischen Kritik schlecht ausgenommen. Turgenjew schrieb: „Der Roman enthält wundervolle Seiten. Alle Milieuschilderungen und alle Beschreibungen sind gut. Die historischen Kommentare dagegen sind nichts weiter als Komödie und Marktfchreierei. Tolstoi versetzt den Leser durch die Beschreibung des Stiefels des Zaren Alexander und durch die lebensvolle Darstellung des lachenden Ministers Speranski in Staunen und Bewunderung. Alle Welt glaubt, er kenne das aus persönlicher Anschauung. Man traut ihm, der mit solchen Kleinigkeiten vertraut ist, zu, daß er in allem Bescheid weiß. Er kennt aber nur diese Kleinigkeiten. Ein Kunststück und weiter nichts; das Publikum fällt aber auf diesen Trick herein". Bei der nationalen Kritik stieß der Roman gleichfalls auf starken Wü>er- spruch. Ein gewisser Mexander Norow, der als junger Kadett an der Völkerschlacht von Borodino teilgenommen hatte, schrieb: „Ich konnte den Roman nicht zu Ende lesen, da er mein patriotisches Gefühl aufs tiefste verletzt hat. Das glorreiche Jahr 1812 ist dort^. wie eine Seifenblase behandelt". Fürst Wiasemski, «in' Zeitgenosse Puschkins, erklärte, „Krieg und frieden“ sei ein Protest gegen die große Zeit von 1812, und eine Revision des Urteils, das sich im Volke über diese heroische Zeit der russischen Geschichte gebildet habe. Der Sohn des Generalgouverneurs Rostopfchin, der beim Eindringen der Franzosen Moskau hatte anzünden las« fen, war über die „Verunglimpfung seines Vaters" empört und protestierte gegen „die unverschämte Rückstchtloftgkeit Tosstois." Aber auch die linksstehende Krstik war mit dem Roman keineswegs zufrieden. Der ftrititer der liberalen Zeitschrift ^Delo", W. Berwi, erklärte: „Der Roman ist eine Reihe von empörenden und schmutzigen Szenen, deren tiefster Sinn und Bedeutung dem Verfasser garnicht klar geworden sind. Liest man die mili- tärifcheu Beschreibungen des Romans, so scheint es, das ein beschränkter, aber redegewandter Unter» Offizier einem naiven und gutgläubigen Publikum von seinen militärischen Eindrücken erzählt." Der bekannte Kritiker N. Schelgunow ging noch weiter und behauptete, es sei ein Glück, daß Tolstoi kein Talent besitze. „Er beschreibt", so heißt es weiter, „das Soldatenlkben und militärische Operationen". Hätte Tolstoi das Talent eines Shakespeare oder nur das eines Byron, so gäbe es auf der Erde keinen Fluch, der stark genug wäre, um diesen
Schriftsteller mit ihm zu zerschmettern." die Meinungen der Kritik, die man heute nicht V Verwunderung, lesen kann, abfällig, so „Krieg und Frieden" in den Leserkreisen einen®
so durchschlagenderen Erfolg.
Die Zeit zwischen der Beendigung von und Frieden" und den Anfangsarbeiten an Karenina" war durch soziale Tätigkeit Tolstoi«^ gefüllt. Der Dichter begeisterte sich für das wesen und war mit Zusammenstellung eines A für die Volksschule" vollauf beschäftigt. A" März 1873 konnte aber Frau Tolstoi W Schwester mitteilen: „Gestern hat Leochen angefangen, einen Roman aus dem modernin * ben zu schreiben. Das Thema ist eine ung^ Ehefrau und die ganze Tragödie, die daraus stand." So wurde Anna Karenina begonnen.^ Arbeit ging sprungweise voran; im Sommers Tolstoi nicht schreiben, da er sich ausschließlich, ländlichen Arbeiten und mit sportlichen UebB. beschäftigte. Erst , im Herbst wandte er sich derum seinem Werk zu, um den ganzen hindurch bei der Arbeit zu bleiben, die aber" weitem nicht so gatt vonstatten ging wie du derschrift von „Krieg und Frieden". meine Anna", so schreibt Tolstoi im Märâ „über wie einen bitteren Rettich, ich WLm ihr soviel Arbeit, daß sie mir wie eine W ssiknmfior iinr Frommt*. >
mit schlechtem Charakter dorkommt"
mu icycecyiem u-yararier vorromno • ~ Freund Strato w war um das Schicksal des , ernstlich besorgt. „Ich beachte Sie", „und sehe, mit wAchem Unwillen Sie, der Meister, diese Arbeit ausführen". Es war o« ' fang der schweren Glaubenkrise, die im Drama Lewins ihren Ausdruck findet^ Der
A 41 s 1T’
^ruinu «ceunii» lyien -ausuiuu pupcu. ~ — von „Anna Karenina" war bei PubllkufN ^ Press« viel startet als der Erfolg von Frieden". Die wenigen mißbilligenden kamen gegen die begeisterte Zustimmung n^ Bereits im Jahre 1876, als der Roman , der Zeitschrift „Dèr Russische Bote" erschiene»^ wurde er in ganz Rußland gelesen. ,"^et^' ist so groß", schrieb Strakow, „daß ich einen derartigen Siegeszug eines literarMu^ kes nicht erinnern kann. Sogar der foni> ^ friedene Dostojewski faltet die Hände ur» ; Sie für einen Gott der Kunst". /‘.l‘r ^ Vertreter der ganz radikalen Kreise rechts waren mit dem Roman unzufrieden