Leite 4
Mittwoch den 8. August 1926
Nr. 188
stützungsempfänger betrug bei der Arbeitslosenversicherung 666 993, der Krisenunterstützung 145 933, die Zahl der Familienzuschlagsempfänger bei beiden 807 180, zusammen 1620 106.'
* Ein Opfer seines Berufes. Gestern nachmittag um 4.52 Uhr wurde der 52jährige Lokomotivführer Friedrich Schutzbach von Frankfurt am Main im hiesigen Hauptbahnhof, als er von seiner Lokomotive absteigen und eine Unregel- mäßigkeit an dieser untersuchen wollte, von einem einfahrenden Zuge ersaßt und sofort getötet.
* Müllerverein. Sonntag, 5. August, morgens 149 Uhr, versammelten sich die Mütter des Müttervereins, Frankfurterstratze 22, am Bahnhof Stord zu einem gemeinsamen Tagesausflug. Reiseziel war das herrlich gelegene Jugend- und Erholungsheim Enzheim, das die Johannesgemeinde seit kurzem erworben hat. Der Tags zuvor einsetzende Ge- witteregen hatte ja viele der Mütter M- rückgehalten, und es waren nicht alle, die sich angemeldet hatten, erschienen, doch über fünfzig hatten sich eingefunden. Die Fahrt ging bis Lindheim. Bon hier ginge durch Wiesen und Felder nach Enzheim. Dort war schon alles zum Empfang bereit, die Tische in den Zimmern waren festlich ge- deckt. Nach Einnahme des Kaffees erschallten Lieder zur Ehre Gottes, und ein kurzer Spaziergang durch Wald und Feld zeigte den Teilnehmern die Schönheit dieses füllen Fleckchens. Wie manche müde Mutter konnte hier in der Sülle, bei geringen Kosten, für kurze Zeit mal ausspannen, um dann wieder mit neuer Kraft ihren Lieben dienen zu können. Am Nachmittag hielt Herr Pfarrer Kranepuhl auf Wunsch der Enzheimer, in dem Kirchlein einen Gottesdienst. Abends ging es wieder heim, war dankbar für den schönen Tag, den man in dem kleinen, stillen Dörfchen Enzheim erleben durfte.
* Ein interessanter Versuch zum Sommer- urlaub. Wan schreibt uns: Bei vielen Firmen bildet die Einteilung des Sommerurlaubs unter den Angestellten ein Problem, das nicht wenig Kopfzerbrechen macht. Besonders wenn die leitenden Angestellten des ganzen Unternehmens oder wichtiger Ressorts in Ferien gehen, ist es zweifelhaft, ob die Arbeit auch in ihrer Abwesenheit normal weiterlaufen wird. Aber auch bei den unteren Angestellten merkt man manchmal sehr das Fehlen ein- zelnor Arbeitskräfte und zwar gerade bei den am rationellsten arbeitenden Unternehmungen ganz besonders, da ja hier keine unnötigen Arbeitskräfte im Betrieb vorhanden sind. Die Beschaffung von Aushilfskräften ist bei einem größeren Bedarf von Ferienaushilfen auch nicht gut möglich. Um diesen Schwierigkeiten auszuweichen, hat eine Hanauer Firm a , die Ouarzlampengefellschaft m. b. H., für ihren hiesigen und chren Linzer Betrieb eine inte- ressante Neugregelung getroffen: Sie erteilte ihrer gesamten Belegschaft einen vierzehntätigen Urlaub vom 16. bis zum 28. Juli und schloß für diese Zeit ihren ganzen Bettieb, sowohl die Fabrikation als auch die kaufmännischen Abteilungen, Korrespon- denz und Versand. Nur für die während dieser Zeit ankommenden Mat^ialsendungen wurde eine Äb- nahmestelle während der Ferien unterhalten. Eine Mitteilung über diese neue Regelung ist natürlich an die gesamte Kundschaft verschickt worden, so daß diese sich mit ihrer Korrespondenz darnach richten konnte. Mit dieser neuen Urlaubsregelung wird aber nicht nur den Jnteresien der Firma gedient, denen der Angestellten. Es wird da- f durch erreicht, daß nicht einzelne Angestellte gezwungen sind, ihre Ferien in einer dazu ganz ungeeigneten Zeit zu nehmen, da manche Firmen, um nicht durch die gleichzeitige Abwesenheit zu vieler Angestellten den Betrieb zu sehr zu stören, den Urlaub auf die Zeit von Februar bis in den Oktober Hinern verteilen müssen, wobei es dann meistens ganz unmöglich ist, alle Angestellten ganz gleichmäßig zu behandeln. Dieser Versuch wird wahrscheinlich bald bei vielen Firmen, deren Betrieb nicht dem täglichen Lebensbedarf dient, Nachahmung finden; insbesondere ist diese Urlaubsrege« lung für manche kleinere Firmen sehr geeignet, wo heute der Chef, wenn er sich selbst Urlaub erteilt, doch gezwungen ist, sich auch in den Sommeraufenthalt Korrespondenz und Berichte nachsenden M lassen. Vielleicht geben diese Zeilen einer anderen Hanauer Firma die Anregung zum Versuch.
Bad und Leben
Man sollte einmal die Menschen daraufhin beobachten, wie sie sich im Wasser verhalten, vielleicht brächte das manchen richtigen Aufschluß über die verschiedenen Temperamente. Denn da ist der Mensch ungeschminkt er selbst, da zeigt er sich . . . mutig, feig, beherrscht, zerfahren, je nachdem. Die Maske läßt er fallen, er ist sowieso im Badekostüm und nicht ganz ernst zu nehmen, bar feiner Würden und Ansprüche.
Da gibt es jenen, der am Ufer steht uni) zu keinem Entschluß kommen kann. Ihm graut vor der Tat, in dem Falle norm kalten Wasser. Er glaubt, daß er niemals fertig bringen wird, hineinzutauchen bis zum Halse. Allenfalls stippt er die große Zehe hinein und stellt fest, daß das Wasser verteufät naß ist und kalt dazu. Inzwischen beginnt er zu frieren oder kommt sich albern und bedauernswert vor, der Zauderer, der Unentschlossene, der Pessimist. Er denkt an Rheumatismus oder Herzschlag. Er glaubt beides fei ihm gewiß. Schließlich geht er davon und zieht sich wieder an. Trübseliger Zeitgenosse.
Dann gibt es den Bramarbas, den Lärm- schläger. Der springt ins Seichte und bleibt darin. Er schlägt wild um sich, schreit und quietscht in gekünsteltem Uebermute. Er bespritzt andere mit Wasser ohne Sinn urÄ ohne Witz, und sucht auf jede Art die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Das seichte Gewässer ist sein Element, es fällt ihm gar nicht ein, den geringsten Schwimmversuch zu machen, er ist selbstzufrieden, laut und störend, lästiger Bursche.
Im tiefen Wasser trifft man den soliden, ernsten Schwimmer, der mit ruhigen Stößen mehrere Male das Bassin durchmißt. Er ist sparsam und bedächtig mit seinen Kräften, jeder Maß bringt ihn ein gut Stück vorwärts, jede Bewegung fördert ihn. Bisweilen hat er ernsten sportlichen Ehrgeiz, sei es, daß er als „crawler" dahinschießt, sei es, daß er als Brustschwimmer zäh seinem Ziele zustrebt. Immer aber ist er vertrauenerweckend/ ein sympathischer Mitmensch.
Hoch oben auf dem Sprungbrett steht er, der Beherrscher des (Elements und seiner selbst, der Mann, der den Kopfsprung wagt. Schnell uiÄ federnd läuft er auf dem Brett oder er verharrt eine Sekunde Ml nt gesammelter Energie, ganz Sehne, Schwung, Willen. Dann eine unerÄlich letzte, elegante Bewegung, Mut und überlegenes Können. Und hinein in die Flut, den Kopf zuerst, schmal wie, eine Schwalbe im Aetherblau. ' Bald taucht er wieder auf, kindlich vergnügt, schüttelt sich die Tropfen vom Gesicht, als wäre nichts Leschehen. Dieser Mensch hat etwas Befreiendes, er ist der geborene Lebenssieger. So sollte man leben, so wie der Mann auf dem Sprungbrett. Federnden Anlauf sollte man nehmen oder sich still sammeln. Dann sollte man kopfüber ins Lehen hineinsprin- gen, nicht in kindlichem Uebermut oder verzweifeltem Aberwitz. Nein, feine Tiefe wohl kennend und klug ermessend, ohne Gefcchr zu laufen, sich den Schädel blutig zu schlagen. Und austmrchen sollte man aus der Flut, kindlich vergnügt, ein paar Tropfen aus den Augen rechend.
Oder ist da jemand, der behauptet, man könne sich irren? Der Mann mit der großen Fußzehe könne dennoch ein Weltbezwinger sein, der Plât- scherer ein Pflichiemnensch, der Brustschwimmer ein LulMus, der Mann sf
Melancholiker? Nein. . . die klare Wasserfläche ist ein Spiegel, der die Wahrheit sagt. Es würde sich lohnen, an fernen Mitmenschen ein paar Proben aufs Exempel zu machen. Man lade den Geschäfts- fremG, den Heiratskandidaten frühmorgens zu einem kühlen Bade.
* Die Arbeitslosenversicherung hat im Mai 60 Millionen ausgegeben und 57 Mlllionen Mark eingenommen. Die Arbeitsnachweise kosteten 6,4 Millionen, die Arbeitslosenversicherung 50,6, die Maßnahmen Mr Verhütung und Beendigung der Arbeitslosigkeit 3 MMonen. An Beiträgen Mr Reichsanftalt gingen 65,7 Millionen ein, sonst 1,8 MMonen. Der Bestand der Mittel der Reichsanstalt stieg von 49,4 auf 56,7 Millionen. Der Notstock der Hauptftelle belief sich Ende Mai auf 21,2 Millionen Mark. Die durchschnittliche Zahl der Hauptunter
Landkreis &««««.
Niederrodenbach, 7. Aug. Brief tau b e n f l u g.
In dem unter dieser Ueberschrift am gestrigen Tage an dieser Stelle erschienenen Artikel ist ein Fehler unterlaufen. Herr Kaufhold ist nicht, wie es in diesem Artikel heißt, Letter des Brieftauben- Clubs Hanau, sondern Geschäftsführer der Reise- vereinigung der Brieftaubenzüchtervereine von Hanau a. M. und Umgebung.
Hüttengesötz, 7. Aug. S a a I e i n w e i h u n g. Am vergangenen Sonntag sand die Einweihung des neu erbauten Saales des Gastwirtes Joh. Erdt unter zahlreicher Beteiligung einheimischer und auswärtiger Gaste statt. Trotz der großen Raumverhältnisse war der Saal bis zum letzten Platz besetzt und eine große Anzahl der Erschienenen mutzte in den allen Räumen mit einem Plätzchen vorlieb nehmen. Durch diesen Neubau ist zunächst den Bedürfnissen des Ortes Rechnung getragen, und auch Vereine, die iroe Ronneburg als Ziel ihres Ausfluges nehmen) werden in demselben ein trautes Ruheplätzchen finden. Der Entwurf zum Neubau, sowie die Bauleitung sind von Herrn Architekten Ludwig Haas in Rückingen aufs beste durchgeführt worden. Trotzdem der Neubau in den vorhandenen alten Bauteil eingefügt werden mußte, sind Akustik und Stilform gewahrt. Auch für den Erweiterungsbau der unteren Wirtschaftsräume liegen die genehmigten Pläne vor, die im Laufe des kommenden Jahres zur Ausführung gelangen, so daß der Ort Hüttengesäß mit dieser modernen Gaststätte anderen Orten unseres Kreises in dieser Beziehung in keiner Weise mehr nachstehen wird.
LVeitevbevrM.
Das über Mitteleuropa lagernde Hochdruckgebiet erfährt eine vorübergehende leichte Abflachung, so daß die Randstörungen des westlichen Tiefdruckgebiets einen kurz andauernden Einfluß auf die Witterung unseres Gebietes erlangen wird.
Vorhersage bis Mittwoch abend: Vorübergehend stärkere Bewölkungszunahme, besonders int niedlichen Teil mit kurzen leichten Regenfällen. Temperatur zunächst wenig geändert, später etwas zu- rückgehend, südliche bis südwestliche, später westliche Winde.
Wittermrgsausfichten für Donnerstag: Bewölkt bis aufheiternd, mäßig warm, westliche bis südwestliche Winde.
Attil Gelnvauie«.
X Gelnhausen, 7. August. Die Allgemeine Ortskrankenkasse für den Kreis Gelnhausen hat soeben den Jahresbericht über das Geschäftsjahr 1927 erscheinen lassen, der eine gute Entwickelung des Institutes ausweist.. Mitglieder waren zum Jahresschlüsse insgesamt 4100 vorhanden. Der Voranschlag der Kasse für das Rechnungsjahr 1928 wurde in der letzten Ausschußsitzung mit Mk. 329.000.— in Einnahme und Ausgabe gutgeheißen. Die gesamten Ausgaben des letzten Jahres bezifferten sich auf 267.114.— RM; das Vermögen des Institutes beträgt z. Zt. 72 595 RM. Neufassung und Drucklegung der Satzungen sind beschlossen worden.
)( Altenmittlau, 7. August. Herr Kaplan Sauer- Hanau versetzt worden. Der von hier Scheidende war fünf Jahre hier tätig und erwarb sich bei der hiesigen Einwohnerschaft größte Achtung.
)( Somborn, 7. August. Auch in unserem Orte spielten sich am verfloßenen Samstag wieder mehrere folgenschwere Unglücksfälle ab. Die Tochter des einheimischen Zigarrenfabrikanten Röll fuhr auf der Hanauer Landstraße über einen Stein, als sich die Lenkstange des Fahrrades herumbog und gegen den Unterleib drückte. Das Fräulein fiel vom Rad und als sie wieder aufsitzen wollte, brach sie ohnmächtig zusammen. Der herbei gerufene Arzt stellte sehr schwere innere Verletzungen fest und ordnete die sofortige Ueberführung in das Hanauer Landkrankenhaus an, wo eine Operation vorgenommen wurde. Der Zustand des Mädchens ist nach wie vor bedenklich. — In scharfem Tempo
fuhr eine hiesige junge Frau die Kreuzung Fr^ geeichter Bahnhofstraße und streifte einen lOjai) Jungen, der dabei zu Fall kam und einige nicht gi ringe Verletzungen davontrug. Die Fahrerin j0 nicht genügend die rechte Straßenseite gesahre haben. — Von einem weiteren recht bedauerliche Unfall wurde der Maschinenführer Herr Fr^ Glock von hier betroffen. Bei seiner Mafchj, stehend zersprang plötzlich das Wasserstandglas n» ein Spitter flog Herrn G. in das rechte Auge. Zj sofortig angestrengte ärztliche Untersuchung sich den vollständigen Verlust des Auges fest. Noch «, gleichen Tage wurde er in ein Hanauer Krankn Haus verbracht.
Ä
f (Blauberg, 5. Aug. Sonntag, 29. Juli, wuti hier das Gedächtnismal für die gefallenen Krieg, eingeweiht. Die Anlage des Denkmals geht üti den Rahmen eines Gedenksteines hinaus und fM in ihrer Form als Ehrerlfriedhaf ein würdige Kunstwerk dar. Die Weihe gestaltete sich unter Mj Wirkung des hiesigen Posaunenchors, Gesangverch und der übrigen Vereine zu einer erhebend, Feier. Herr Baurat Götz, Büdingen, übergab h, Denkmal der Gemeinde. Herr Bürgermeister S» hielt die Begrüßungsrede und dankte gleichzeit allen, unter deren Mitwirkung der Bau des Den mals zustande kam. Hierauf fmgte die Weiherei seitens des Herrn Pfarrer Jäger, der Sinn ui Bedeutung des Denkmals würdigte. Er sprach noch Herr Rabbiner Dr. Hirschstld, Gießen, w Herr Benner als Vertreter des Reichsbundes d Kriegshinterbliebenen. Alles in allem: Eine Fei, die der Bedeutung des Tages in wirklich schön und vollkommener Weste gerecht wurde.
AuS SvauVkmrt a. M
Beleidigung durch die Presse.
: Gelegentlich der Einweihung des Krcegerüe, mals auf dem Sachsenhäuser Friedhof sprach neb evangelischen und katholischen Geistlichen auch i Rabbiner Dr. Salzberger. Er war, wie die Gei lichen anderer Konfessionen, von der Kriegerkan radschaft eingeladen und aufgefordert worden, sprechen. Nach Schluß der Feier trat ein Schw, kriegsbeschädigter an Dr. Salzberger heran unb I zeichnete es als eine Schmach, daß zu derartig Feierlichkeiten Juden redeten. Der verantwottln Redakteur des „Frankfurter Beobachters" muj sich nun vor dem Erweiterten Schöffengericht n gen Beleidigung und Vergehens gegen das Rex blikschutzgesetz verantworten, weil er, anknuxfe an den Zusammenstoß Dr. Salzbergers mit bi Kriegsbeschädigten, schwere Beleidigungen in etni Artikel gegen Dr. Salzberger erhob. In diesem 2 titel wurde inbezug auf die Reichsfarben „Schwa schild-Rothschild-Goldschmidt" gesagt. Auch in 1 Verhandlung bezeichnete es der Angeklagte als ei Frechheit, daß ein Jude an einem Kriegerdentt spreche. Der Angeklagte erwähnte noch, daß ihn i Jude Dr. Salzberger nicht beleidigen könne. 21 der Vernehmung des Zeugen Dr. Salzberger gi hervor, daß er sich zu Beginn des Krieges freiwii als Feldgeistlicher gemeldet habe und im Fe stand. „Ich habe mir nicht eine solche Intoleranz eigen gemacht wie der AuMklagtL„ HMD- ich h< nicht nur lubtjaje, förioernaW‘ä?wffie beerdigt. Draußen galt eben KriegStameradsâM Der Staatsanwalt wies in seinem Plädoyer u. darauf hin, daß es nicht für die Erziehung des geklagten spreche, wenn dieser Sechsundzwgnz jährige einem reifen Mann gegenüber sagt: „t Jude Dr. S. kann mich nicht beleidigen". Der 21 geklagte berufe sich auf feine christliche Erzieym Aber wird nicht dort gerade gelehrt, daß man > Religion und die Gesinnung Andersdenkend achten soll? Mit dem Artikel wollte der Angeklaj nur Leser fischen. Auch die schweren Befchimpfu gen gegnüber den Reichsfarben lasten es notwen! erscheinen, den Angeklagten zu einer strafe zu verurteilen. Er beantragte drei Mom Gefängnis. Das Gericht verurteilte den Angeklagt wegen übler Nachrede und Vergehens gegen § Absatz 2 des Gesetzes zum Schutze der Repub
Ma« eines deutschen âolonke ^rren-Dentschiand^ »des ^anauksch-Sndien^ in «Sd-Ämevi8a 1660
Von Dr. Hermann Böhme.
(Schluß.)
Nachdem Becher die Vorzüge Indiens ausführ- kich besprochen hat, gibt er in Kapitel 4 feines Berichtes 9 Siegeln für die Kolonisten: 1. Die Inder und ihre Weiber (!) zufrieden zu lassen. (Es wären hübsche Leute, aber bös müsse man sie nicht machen). Sich landeinwärts mit einer Forteresse (Festung) zu versehen; 3. Die Holzfällung in rechter Zeit in Obacht zu nehmen, nämlich in den 9 Regenmonaten, damit es in den 3 folgenden Monaten trocknen könne. Dazu lassen sich die Wilden gebrauchens die hieben für wenige Glas-Korallen und anderes Puppenwerk einen ganzen Wald um (!); 4. Genügend Viktualien zu pflanzen; 5. Keine Sklaven kommen lassen, als bis sie Viktualien genug für sie gebaut hätten; 6. Den Zuckerbau und andere Früchte durch Neger verrichten lasten; 7. Das Fundament zunächst auf den Feldbau gründen; 8. Frei Anfahrt und freien Handel allda zuzulasten; 9. In allem gut Ordre und Regiment M bestellen. Es soll eine deutsche Kolonie werden, also müssen vor allem Deutsche hingehen, und „zwar ist es gut, wenn diese Weiber mitnehmen; denn in Indien sei es schwer, ohne Weibsbilder zu leben und aus Mangel derer gäbe es hernach disorder und confusion mit den indisihen Frauâ. Es ist auch eine böse Meinung, daß etliche dafür halten, man solle jedermann ohne Unterschied, in specie all erlaub Dirnen und Buben, leichtfertiges Lumpengesindel oder Menschen, die nicht gut tun wollen oder die aus Desperation dahin gehen, mitnehmen, nein, es ist weit gefehlt. Es müssen freiwillige, ehrliche, tapfere Leute sein, die einen ehrlichen Profit zu gewinnen und mit Ehren wieder in ihr Vaterland zu kommen suchen. Denn wenn das ernste Fundament einer Kolonie falsch und auf Dirnen und Buben fundiert ist, was kann Gutes daraus erfolgen, M- mal, da in allen Dingen der Anfang am schwersten ist." Es sollen zunächst 500 Mann, Geistliche, Doktoren, Barbiere, Handwerker, Soldaten, Bauern
und Bergleute hinfahren; sie segeln in 3 Schöffen ab und gelangen nach 3 Monaten an ihr Ziel. Auf ein Jahr müßten sie verproviantiert sein, und solch ein Transport muß sechs Jahre hintereinander abgehen.
Aber man muß dem ganzen Plane dieser Ko- loniegründung sehr skeptisch gegenübergestanden haben; denn Becher fiihrt 15 Einwendungen an, die er teils mit witzigen vernünftigen Darlegungen, teils mit groben Schimpfereien zu entkräften sucht; z. B. Einwand 5: Die Andauung des Landes wird lange Zeit erfordern. Antwort: Das kann wohl sein, wann man das Werk schläfrig angreist. Aber Vieh und Früchte wachsen weit schneller dort als in Deutschland. Einwand 6: Hanauisch-Jndien liegt zu weit von Hause: da wird es mit den Rechnungen nicht so richtig gehen! Antwort: Die das fürchten, kennen nicht die Ordnung der Duchhalterei. Em- wand 7: Es ist weit über Meer, es kann leicht ein Unglück geschehen. Antwort: Dies ist das einzige, was die deutsche Nation ekelt, nämlich der große Bach. Es ist ein Wunder, daß sich die Deutschen so vor dem Versaufen fürchten, da sie doch so gerne saufen (!) und der Deutschen ihr Leben lang mehr im Wein als in der See ersoffen sind. (!) Drese Objektion liegt den Kunkelstuben-Junkern am meisten im Gemüt. Einwand 10: Deutschland wird menschenarm durch indische Kolonien. Antwort: Das fürchten nur einige Naseweise, die das Gras wachsen hörende (!) hochdeutsche Maulpatrioten. Spanien ist nicht durch Indien, sondern durch Intoleranz und Gelddurst entvölkert worden. Deutschlands Fruchtbarkeit seiner Bevölkerung sei bekannt und nur aus Mangel an Mitteln, das Gezeugte zu ernährep, enthalten sich die Deutschen öfters ihrer ehelichen Pflicht. Nur der Geldmangel mache Deutschland menschenarm; aus Mangel an Nahrung laufen unsere Deutschen in andere Länder. Wenn sie nun in die Kolonie gingen, die jetzt außerhalb ihres Vaterlandes wohnen oder die darin in Mangel und Armut ihren Freunden zum Spott und Schänd herumgehen, in Diebstahl oder andere Verzweiflung geraten oder aus Desperation in den Krieg gehen, sich um ein paar Taler den Hals brechen lassen, ebenso denjenigen, die durch Unglück um das Ihrige kommen, die nichts als ein Haus voll Kinbey haben, die auf alle Mittel und Wege, sie feien ehrlich oder unehrlich, sich zu ernähren und reich zu werden denken müssen: allen
diesen sage ich: Wenn sie nach Indien gingen und nur etliche Jahre dort blieben, würden sie nicht allein Deutschland sublevieren, indem sie solchem als onera vor dem Hals kamen, sondern, aus Indien wieder kommend, würden sie Deutschland zieren und vermehren, als solche, die reich geworden sind und Nahrung mit nach Deutschland bringen.
Aber unsere Deutschen haben jetzt viel Ausreden: der eine sagt, wann ich kein Weib hüte, so wollte ich wohl hin gehen, der andere, wenn ich keine Kinder hätte, der dritte, wenn ich Kinder hätte, der vierte, wenn ich noch zehn Jahre jünger wäre, der fünfte, wann ich könnte die See vertragen, der sechste, wann ich keine Güter und Freunde in Deutschland hätte, der siebente, wann ich sehen werde, wie die Sache angeht. Alle haben andere Entschuldigumg, aber solche alle sind nicht wert, daß sie von Indien hören, geschweige hinein kommen, sondern sind genug gestraft, daß sie in ihrem armen niedrigen Winkel in Deutschland, übereinander hocken und in der höchsten servttut verderben. (!) Man wird nicht acht Tage die Trommel in Amsterdam rühren, so wird man mehr tapfere Holländer finden, die nach diesem Indien zu gehen bereit sind, als wenn man ganz Deutschland umschlüge. . . . Sollte sich einmal eine Unruhe oder ein Krieg im Römischen Reiche erheben, der den Weinfässern den Boden ausstieße und die Defen einschmisse, dürften vielleicht solche Zapfen- und Stu- ben-Lunter, die lieben Muttersöhnchen, auch noch einmal nach Indien fragen."
Einwand 11: König David sagt: Bleibe im Lande und nähre dich redlich. Antwort:' Er sagt aber nicht: Bleibt in der Wetterau und warte, bis die Pomeranzen auf den Holzapfelbäumsn wachsen. (!) Ein Pfarrer in der Wetterau sagte einst in einer Bußpredigt: Was macht es, daß bei uns in der Wette rau keine Zittonen, Limonen, Pomeranzen, Rosinen, Oliven, Zucker und spanischer Wein wachsen? Unsere schweren Sünden machen es. (!) Nicht doch, fährt Becher fort: Die große Narrheit und Verzagtheit macht's, daß wir an einem Ort unter der höchsten Pressur Not und Elend, Armut und Dürftigkeit, dazu in einem bösen rauhen Klima wohnen und einander auf dem Halse hocken, hingegen viel tausend Meilen wegs des edelsten besten Landes in Indien leer stehen lassen und dennnoch über Gott klagen wollen, er schaffe uns nicht genug!
Einwand 12: Nur ungeratene Leute sollt hingehen, die nicht gut tun wollen. Antwort: D Fundament der Koloftie muß aus den besten W ten bestehen. Ungeratene Leutt mögen in o Krieg gehen und sich totschlagen lassen. (!) Es weibische Furcht, solche Reise nicht ^u tun, N Deutschen disreputierlich.
Einwand 13: Wir haben Wein und Brot Deutschland. Antwort: Aber doch nicht an Orten. Sollen wir deswegen nicht nach eine höheren trachten, sondern wie der Hase, wo er S heckt ist, bleiben? Wir müssen in Deutschland v allem Geld haben.
Einwand 14: In Indien kommt man um Eh und Leben, um Seele und Seligkeit, man wird e Heide, ein Wilder. Antwort: Wer seine Ehre Briefen, Wappen, Degen. Besoldungen und M fern sucht, wer das Christentum im Munde 0< wer die Zivilität in Zeremonien zu machen !U° wer sich mit einer servilischen Besoldung P™! der bleibe hier. Denn dort wird die Ehre besteh in Redlichkeit und Mäßigkeit, das Christentum Werk, die Konversation nicht in Lügen und W abschneiden, sondern in Rat und Tat.
Einwand 15: Diese Indischen Lande find e!. Chimäre, ein Schlaraffenland, ein Ruch Monde, ein Königreich auf dem Papier. Antwo die so sprechen, sind lose Spottvögel, wenns a gleich Doktoren wären. Auf dem Papier mm man dies Land nach Hanau tragen; denn in nam hätte es in ganz Deutschland nicht Raum. ungläubigen Thomas mögen selbst Hinreisen “ die' Finger in die Erde stecken, dann werden sehen, daß jenseits des großen Baches die nicht sei mit Brettern zugeschlagen, sondern nw viel Land vorhanden, daß sich ganz Deutzchl. salvieren könnte. (!) Aber was soll der Kuh taten? Es dient ihr wohl Haberstroh. (!)
Wer solches alles nun nicht begreifen kann, muß gewaltsam dünn an dem Verstand st'N und sich besser in das Tollhaus nach Amsiero als nach Westindien schicken. Und die wider besseres Wissen und ihr eigenes Gewissere. , Neid und Mißgunst gegen diese westindische solche verachten, um andere Liebhaber zu D' tieren, und die selber nichts Gutes zu tun begey dennoch das Gute hindern: die gehören eher Raspelhaus (Arbeitshaus) nach Amsterdam als n Westindien.