Nr. 165
Monkag den 16. Juli 1928
Seife 3
LoSaleS.
Hanau, 16. Juli.
Kaerau im Seichen dev wassev- wovts
Höher und höher stieg gestern das Thermometer, ging es über 20 Grad und dann, als die Sonne 4 ihrem Hochstand näherte, wurden auch die 30 üb überschritten und zwar recht beträchtlich kerschritten. Kein Wunder also, daß die Hanauer ch daran erinnerten, daß ihre Vaterstadt am Main egt und alles was Beine hatte, hinauszog zur küh- tiben Flut.
Doch gestern lag noch ein ganz besonderer An- ch zum Pilgern an den Main vor, das war die Ruderregatta, die mit dem Strandfe st er Moslerschen Badeanstalt verbunden war. Der rahlende Sonnenschein war so recht das Wetter h die Ruderer. Es verlief alles tadellos und die ^nauer Vereine hatten auch Glück bei dem Rennen nb konnten gut abschneiden.
Bunt und lebhaft war das Treiben im Strand« ad. Schon vom frühen Nachmittag an war Hoch- éftieb. Eine Kabine war bald nicht mehr zu haben, ) voll war es. Man badete und beobachtete leichzeitig die Regatta; als diese vorüber war be« annen die eigentlichen Veranstaltungen des standfestes. Da war es das Fischerstechen, das id Vergnügen bereitete, es wurde ausgeführt von Jlitgliebern des Hanauer Schwimmklubs 1928, roch mehr Erfolg hatte allerdings Herr Ochs als Belknmeifter. Trotz großer Anstrengung des Mo- orbootes, ihn abzuschütteln, hielt er sich tadellos, leümigsübungen wurden ausgeführt von Mitglie- ern der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft, die lusführenden gehören alle der hiesigen Schutz- wlizei an. Nach der Ruderregatta starteten zwei Kotorboote zum Rennen. Als erstes ging das Boot les Frankfurter Rudervereins durchs Ziel. Es folgte das Boot Mosler u. als drittes das Boot der Mnbacher Rudergesellschaft Undine. Beim Kunst- pringen vom hohen Turm zeigte der junge schwimmklub 1928 und die Mitglieder der Schutz- pölijei vorzügliche Leistungen.
Der Massenverkehr am Main begann aber erst mch dem Einsetzen der Dunkelheit. Ein Stufgebot non Tausenden bevölkerte beide Seiten des Mains unb als die Scheinwerfer die Ufer ableuchteten, eh man die Menge die gekommen war, das Licht- chauspiel zu sehen. Es war aber auch ein schönes W, die Lichte des Bootshauses und der Bade- anffatt zu sehen, wie sie im Wasser sich spiegelten W die Boote mit den Lampions über die Wasserfläche glitten, umspielt von den bunten Farben der Echeinwerfer. Und als dann noch ein Wasserballett geboten wurde, getanzt mitten im Main vom Sais« Spiest (Wien) gab es viel Beifall. Die Feuerwehrkapelle, unter Leitung von Herrn Lohrey, gab sich viel Mühe um Stimmung zu schaffen, die auch halb ausgezeichnet war. Nicht zum mindesten trug der Tanz auf einem Freilichttanzboden dazu bei. Sie ganze Veranstaltung verlief ausgezeichnet und >5 ist besonders erfreulich, daß die Hanuer wieder mehr und mehr ihren Main schätzen lernen.
' Daten für Dienstag den 17. Juli. Sonnen- äyâgng -4.0, Sonnenuntergang 20.8 Uhr. Mond- ^Ma 3.45, Monduntergang 20.55 Uhr. — 1787: ^r Industrielle Friedr. Krupp in Essen geb.; 1847: è« Historiker Th. Schiemann in Grobin geb.; 1854: fyr Admiral August Ludwig v. Schröder in Hinzen- famp geb.; 1858: der Schriftsteller Hermann v. Men in Kusna in Estland geb.; 1860 die Schrift- Merin Klara Biebig in Trier geb.; 1861: der Ma- lkr Ludwig Zumbusch in Wien geb.; 1917: Unab- Wigkeitserklärung Finnlands; 1924: der italie- ^che Politiker Ricciotti Garibaldi in Rom gest.
; * Milch, die nicht säuern soll, muß man mit Mr Zuckerzugabe ablochen. Auf einen Liter Milch M gestrichener Eßlöst- Zucker. So bleibt die Milch Tage gebrauchsfähig, auch im Sommer.
* Ueberkragbare Krankheiten wurden in der âche vom 8.—14. Juli dem Kreisarzt amtlich ge- ineLet in fünf Fällen. Es handelt sich um Schar- lacherkrankungen, von denen 4 Fälle aus Hanau ^ 1 Fall aus Enkheim angezeigt wurden.
Evt-^«- ^M^^
Roman von 3. Schneider-Foerstl.
Urbebe rrechtscbutz d. Verlag Oskar Meister, Werdau L Sa Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
, Während Diebow an den Apparat lief, der in innern Zimmer stand, hatte Feßmann sich wieder angekleidet. Er knöpfte eben noch seinen Lichen Kragen fest, als Kurt wieder eintrat.
„Fräulein Richthosen ist seit drei Tagen weg. Koffer stehen noch im Hotel. Sie hat Bescheid Zegeben, sie ihr nach Wien nachzusenden, komischer- .aber vergessen, ihre nähere Adresse anzu-
. ®w Doktor war kaum mehr fähig, seine Nerven w Zaum zu halten. Ein Angstgefühl ohnegleichen M ^E ihm die Kehle zusammen. „Ich gehe zu ans Telegraphenamt, um Richthosen zu 'otoubigen, daß seine Schwester hier war. Alles müssen wir abwarten bis morgen früh." , hn ^L wurde eine entsetzlich lange Nacht bis sich M Morgengrauen rot über die Höhen hob und tat öuf den Straßen erwachendes Leben kund ,i^^atsanwalt Brand stand in seinem Arbeits- und öffnete eben eine Hülle aus dunkel- mvenem Bütten. Die Adresse trug Hettingens aber der Anwalt hatte, auf der Post den gestellt, alle Korrespondenz, die für den iri/°n einlief, zuerst in seine Hände gelangen zu 9[ 1% Möglicherweise, daß sich hier ein wichtiger Hupfungspunkt finden ließ.
sj.i^^argert ließ er den gefransten Bogen mit den ni^A schnörkellosen Buchstaben sinken. Wieder da« M âas diese Isabella Jeska schrieb, war für ^ von völliger Belanglosigkeit. Merk- n.- 'S- wie viele Menschen es noch gab, die an die dtM b Hettingens glaubten, sogar die Arbeiter Tät-„ " Jm Stollenhau hielten ihn nicht für den an »^ stellten auf eigene Faust Nachforschungen A8^5, er- Nein! Für ihn war der Baron der erl gr und sonst keiner!
UlnMwann hatte die Erlaubnis erhalten, bereits m* .ststr bei Joachim vorsprechen zu dürfen. ^. c tiefliegenden Augen, die schlaflos verbrachte widerspiegelten, sah Hettingen ihm ent
M dem KailsOmümeepeoretz Lau-ev
3m Falschmünzerprozetz Laufer und Gen. wurde am Samstag mittag gegen ^2 Uhr nach insgesamt 12stündiger verhandlungsdauec folgendes Urteil gefällt: Der Angeklagte Heinrich Laufer wird wegen Münzverbrechens zu 4 Jahre Zuchthaus verurteilt. Die bürgerlichen Ehrenrechte werden ihm auf die Dauer von 5 Jahren aberkannt und die Zulässigkeit der Stellung unter Polizeiaufsicht ausgesprochen. Die Ehefrau Valentine Laufer wird wegen Mittäterschaft am Münz, verbrechen zu 1 Jahr Gefängnis, Nikolaus Laufer wegen Beihilfe zum Münzverbrechen und Hans Rippert wegen Münzverbrechen gleichfalls zu je 1 Jahr Gefängnis verurteilt. Den drei letztgenannten Angeklagten wurden mildernde Umstände zugebilligt. Die Untersuchungshaft wurde sämtlichen Angeklagten voll an- gerechnet, der Haftbefehl gegen Rippert aufgehoben.
Mit obigem nach zirka istündiger Beratung gefällten Urteilsspruch hat ein interessanter Falschmünzerprozeß vorläufig feinen Abschluß gefunden, ohne daß aller Voraussicht nach das letzte W o r t in dieser Angelegenheit schon gesprochen wäre. Trotzdem das Geständnis Ripperts in ganz erheblichem Maße Licht in das geheimnisvolle Dunkel der Falschmünzeraffäre gebracht hat, ist es aber dennoch
nicht gelungen, das eigentliche Falschmünzernest als solches auszuheben.
Ob und wann dies geschieht, ist eine Frage, auf die zurzeit keine Antwort gefunden werden sollte.
Nach Ablauf des Prozesses verlohnt es sich, noch einmal kurz die Geschehnisse in großen Zügen abrollen zu lassen und die beteiligten Akteure etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.
Da ist zunächst der Angeklagte Rippert, dessen umfassendem Geständnis man die Aufdeckung des ganzen Falschmünzerapparates verdankte. An und für sich gewißlich eine höchst üble Persönlichkeit, ausgesprochener Talmikavalier mit Hochstaplerallüren, recht erheblich wegen Betrügereien und Eigentumsvergehen vorbestraft, müßte man ihm von vornherein die Glaubwürdigkeit absprechen, hätte er nicht in einer ganzen Reihe von an und für sich belanglosen Kleinigkeiten Angaben gemacht, deren Richtigkeit sich im Laufe der Verhandlung herausstellte.
Schonungslos hat er feine ehemaligen Kumpanen preisgegeben, in der berechtigten Hoffnung auf eine mitebrne Strafe sich erboten, noch nachträglich Spitzeldienste für die Polizei zu leisten und alles zu tun, um die Affäre restlos aufzuklären. Schonung hat er bis zur Hauptverhandlung nur gegenüber der angsklag- ten Ehefrau Laufer gekannt, doch zuletzt lieferte er auch sie noch der strafenden Gerechtigkeit aus.
So steht die Persönlichkeit des Angeklagten Rippert da, der nach längeren Tastversuchen" und zur Zufriedenheit ausgefallenen Prüfung von den Se« frühern Laufer ejggeweM^uM. uM-WÄ â nach Geschmack an der Sache fand. Man kann es in gewissem Sinne bei ihm verstehen. Häufig vorbestraft, eine schwankende und leicht beeinflußbare Persönlichkeit, hat sich Rippert zuletzt als Bücherprovisionsreisender schlecht und recht durchs Leben geschlagen.
Mit katholischen Volksbibeln einerseits und übler Sittenliteratur anderseits reifte er umher, als er eines Tages in Höchst Nikolaus Laufer traf, einem alten Bekannten von der Strafanstalt Freiendiez. Man kam auf dies und das zu sprechen, Nikolaus, der fast erblindete und ebenfalls mehrfach wegen Hehlerei vorbestrafte Lumpenhändler, begann feine Fühler auszustrecken, fing richtig auch Rippert ohne allzugroße Mühe ein und vermittelte dessen Bekanntschaft mit seinem
Bruder Heinrich, dem geistigen Mittelpunkt der Falschmünzerzentrale Laufer.
gegen. „Fährst du schon wieder, Hans?" Fetzmann hörte die Angst in den Worten mitschwingen und fühlte ein grenzenloses Erbarmen in sich aufsteigen.
„Hast du noch irgendwelche Wünsche, die du mir anvertrauen möchtest?"
Ein hastiges „Ja. Kannst du mir Opium verschaffen, Hans?"
„Opium!" Der Doktor maß ihn mit einem ruhigen Blick. „Fühlst du irgendwo Schmerzen im Leibe? Ich werde nachsehen!"
„Laß!" Hettingen schob seine Hand erregt von sich. „Das weißt du doch ganz gut, wozu ich's brauche."
„! — Aber eben deshalb kann ich dir keines bringen. Außer die normale Dosis."
„Damit ist mir nichts gedient."
„Dann müssen wir's eben sein lasten, mein Lieber. — Aber jetzt noch eine Frage, wann ist denn Maria Richthofen, als Sie damals bei dir war, von dir weggegangen?"
Hettingens Gesicht tauchte erst in glutfarbene her hast du Kenntnis, daß sie bei mir war?" her hast dur Kenntnis, daß sie bei mir war?"
„Das ist Nebensache!"
den ab« und
„Hans!" Hettingen packte ihn vorne an Enden seines Rockes, daß die Knöpfe davon sprangen. „Hansl Es geht um mein Leben —
— um ihre Ehre! — Du — wirst schweigen!"
„Nein, mein Lieber! Ich werde nicht schweigen! Verlaß dich darauf, daß ich reden werde." Er hielt Joachim mit aller Kraft an den Schultern zurück
und drückte ihn, ohne irgendwelchen Widerstand zu dulden, auf das fchyiale Eisenbett. „Kennst du das?" Er hielt ihm ein kleines, vergoldetes Medaillon entgegen, an dem die Oese abgerissen war. Mit einem Druck seines Zeigefingers ließ er es auf« springen. In matter Farbentönung, auf Hauchdünnes Email gemalt, zeigte es Joachims Bild.
Als Hettingen danach greifen wollte, zog er es eilig zurück und steckte es wieder in die Westentasche.
„Wo hast du es gefunden?" preßte der Baron hervor.
„In der Baracke!"
Zwei starr geweitete Augen hingen an dem Arzte. „Hans, du hast---"
„Sa, mein Lieber--ich habe mir selbst ge-
Als „Bergmann" oder „Bergelmann" trat Bruder Heinrich in Erscheinung, später erschien auch der übelbeleumundete Bruder Philipp unter einem Decknamen auf der Bildfläche. Doch noch waren die Laufers vorsichtig, prüften den Neuling auf Herz und Nieren, bis sie ihn als geeignet für ihre dunklen Zwecke befunden hatten. Nikolaus, der Vermittler, trat von dem Schauplatz ab, die erste Falfchgeldübergabe erfolgte. Die Ehefrau Laufer kramte das Geld aus der Tasche, 25 der. Falschstücke gingen erstmalig für 15 Mark in den Besitz Ripperts über, sofort mit dem Falschgeld aus Frankfurt zu verschwinden, war die ihm gegebene Losung. Aber noch hatte Rippert zunächst Angst das Falschgeld auszugeben, bis ihm Nikolaus diese ausreüete und andeutete er müsse noch mehr Falschgeld haben., solle sich die Sache überhaupt rentieren. Telephonisch bestellte hierauf Nikolaus bei fei« em Bruder Heinrich, dem Schnellhefterfabrikanten und Erfinder chemisch-technischer Erzeugnisse „200 Schnellhefter" zur sofortigen Ablieferung. Heinrich kam und brachte, wenn auch keine Schnellhefter, so doch 40 weitere Falschstücke. Mit diesen fuhr Rippert in den Kreis Limburg und brachte sie dort an den Mann. Anfängerhaft stellte er sich dabei an, wie er im gewissen Sinne in der Verbreitung des Geldes überhaupt ein Anfänger blieb. Bei einer dritten Begegnung erhielt er dann wettere 70 Stück, mit denen er nach Mainz fuhr. 10—15 Stück hatte er bereits ausgegeben, als er plötzlich einen ihm von früher her in unangenehmer Erinnerung stehenden Polizeibeamten bemerkte.
Die Angst packte ihn und im kühnen Bogen flogen die restlichen Falschslücke in den Rhein.
Kurze Zeit darauf fuhr er mit Heinrich nach Langenselbold in dessen Wohnung im Nebengebäude des dortigen Schlosses, um neues Falschgeld zu holen. Nach erfolgter Bewirtung begab man sich in den Garten und förderte dort eine Konservenbüchse mit 75 Falschstücken ans Tageslicht.
3m Banne des Alkohols begann Heinrich Laufer unvorsichtigerweise aus der Schule zu plaudern.
„Im Hause kann man die Dinger nicht behalten, im Garten denkt niemand daran. Meistens nach Millernacht wird mit der Herstellung des Geldes begonnen, die Frau muß mithelfen, es muß Hand in Hand gehen. Hie und da setzt es auch Brandblasen bei der Arbeit". Nähere Einzelheiten soll ihm dann Heinrich über die Herstellung der Falschstücke noch mitgeteilt haben. Wie es sich damit verhält, konnte nicht einwandfrei festgestellt werden. Jedenfalls förderte die Haussuchung nichts zutage, was auf eine Herstellung des Falschgeldes in Langenselbold schließen ließ. Auch ein andeutungsweise erwähntes angebliches Versteck im Walds nahe dem Bahnhof Langenselbold konnte nicht gefunden werden. Von dem Münzkontroller war jedenfalls erst später die Rede, als Rippert bereits Falschgeld empfangen hatte.
Wenig später erfolgte die Festnahme Ripperts nach einem Zechgelage am Bahnhof Fulda. Der Falschmünzerzentrale dank dessen umfassenden Geständnisses auf dem Fuß. Bereits am ersten Feiertag nachmittag erschienen vier Polizeibeamte vor der Wohnung Heinrich Laufers und heischten gebieterisch Einlaß. Auf ihr energisches Klopfen hin erschien der 15jährige Sohn Laufers am Fenster, um beim Anblick der tBeamTen sofort wieder zu verschwinden. Geraume Zeit dauerte es dann bis die Beamten Einlaß fanden. Heinrich Laufer hakle sich in der Zwischenzeit durch ein Fenster an der Hinterfront des Hauses geschwungen und war in den Keller geeilt, wo er festgeyommen wurde. Die Haussuchung aber verlies ergebnislos. Zwei Tage später wurde dann die Ehefrau Laufer gleichfalls verhaftet, der Stein war ins Rollen gekommen.
Ueber die zwei Mitangeklagten Ehefrau und Nikolaus Laufer braucht man nicht viel Worte zu verlieren, sie waren Wachs in den Händen Heinrichs und in gewissem Sinne lediglich Neben
holfen, weil aus dir doch ewig nichts herauszu- kriegen gewesen wäre. Diebow und ich sind seit zwei Uhr nachts auf den Knien herumgerutscht, ob nicht irgend etwas zu finden ist, das uns auf die «spur hilft — na — und da habe ich eben dies hier entdeckt!" —
„Wo"---"
„Wo, möchtetst du wissen? Am Boden, über dem das Strohbett steht. Also muß sie doch bei dir gewesen sein!"
Soo? Das beweist noch nichts? Das wird dir dann der Staatsanwalt schon sagen."
„Du hast ihm bereits Mitteilung gemacht?
„Aber selbstverständlich!"
Hettingen brach auf dem Bett hinter sich zusammen. „Alles umsonst gewesen," stöhnte er. „Alles umsonst!" Mit beiden Fäusten hielt er die hämmernden Schläfen zusammen.
Feßmann, selbst aufs tiefste erschüttert, legte ihin bittend die Hand auf die Schulter. „Um einen solchen Preis ist die Ehre eines Weibes zu teuer bezahlt, Achim!"
„Nein!" schrie Hettingen auf. „Ich hätte meinen letzten Tropfen Blutes dafür gegeben."
„Armer Mensch! So groß ist deine Liebe-- noch immer!"
„Ich bitte dich, geh jetzt, Hans! Geh!--Aber komm wieder!" setzte er hastig hinzu.
„Ja, mein Lieber! In einer Stunde bin ich wieder da!"
„Und sorge, Hans, daß sie geschont wird — ich nehme alle Schuld auf mich. Sage — ich hätte sie gebeten, zu mir zu kommen und —"
Feßmann nickte. „Ich werde schon das Rechte sagen, Achim. Sei ganz beruhigt."
„Und — Hans —"
Der Doktor hörte ihn nicht mehr. Die Türe klappte bereits hinter ihm ins Schloß. Beide Arme über den kleinen Tisch werfend, wühlte Hettingen sein Gesicht darein. Alles umsonst gewesen! Alles umsonst! Und sie? — Das Weib um dessetwillen er
dieses Namenlose gelitten hatte? Sie —
Nichts als ein trockenes würgendes Schluchzen, ging durch den Raum.
Der Schnellzug Mailand —Chiasso donnert« dur-'- die Nacht der schweizerisch-italienischen Gkenz: entgegen. In den Gängen der Schlaswagen j herrschte tiefste Stille, nur die beiden Schaffner 1
figuren, ohne daß sie aber jeweils den eigentlichen Zweck ihres Handelns aus dem Auge verloren hätten.
Dagegen dürfte es sich verlohnen, nochmals auf die Persönlichkeit Heinrich La u f e r s einzugehen. Ein Autodidakt von hohen Geistesgaben und be« trächlichen Kenntnissen in chemischen und technischen Dingen, war er die Seele der Falschmünzerzentrale. Von seltener Energie und Geistesgegenwart, von äußerst scharfer Beobachtungsgabe und großer Zielbewußtheit, weiß er stets worauf es ankommt, hat er bei jeder ihm gefährlich zu werdenden drohenden Situation eine Ausrede bei der Hand. Frei von Hemmungen jeder Art, ist er von einem seltenen hartnäckigen, verbrecherischen Willen beseelt, hat er
in seiner ersten Falschmünzerangelegenheil im vergangenen Jahre sein eigenes Kind geopfert.
Sich stets geschickt im Hintergrund haltend, suchte er sich den Schein eines Ehrenmannes zu wahren. Nachdem er am 1. November 1925 aus dem Dienste der Stadt Höchst freiwillig ausgeschieden war und als ehemaliger Oberstadtsekretär 5000 Mark Abfindung für fein Ausscheiden erhalten hatte, ließ er sich in Langenselbold nieder, um dort eine Schnell- hefterfabrikation und den „Vertrieb chemisch-technischer Erzeugnisie" (eigene Erfindungen!) zu betreiben. Ueber seinen Fabrikationsbetrieb war wenig oder nichts in Erfahrung zu bringen, man war in Langenselbold ziemlich mißtrauisch der zugezogenen Familie gegenüber. Man sollte recht mit dieser Einstellung behalten, die vorjährige Falschmünzerangelegenheit bewies es mit erschreckender Deutlichkeit. Aber noch einmal hatte Heinrich Laufer Glück, rutschte knapp am Zuchthaus vorbei. Das Märchen von der geheimnisvollen Frankfurter Un= bekannten, der er ahnungslos das Falschgeld in Papiergeld umgewechselt hatte, wurde zwar vom Gericht nicht recht geglaubt, aber völlig aus« reichende Beweise zu einer Verurteilung wegen Münzverbrechens fehlten und so kam Laufer damals lediglich mit 5 Monaten 2 Wochen Gefängnis wegen Münzvergehens davon. Der Erfolg dieses milden Urteils war, daß er sofort wieder anfing, Falschgeld in den Verkehr zu bringen und möglicherweise gar selbst herzustellen. Das Märchen von der geheimnisvollen Unbekannten wurde diesmal von der bereits bekannten
Mär von dem „Münzkonkroller" und der „Müko" A.-G.
abgelöst, über die bereits in der letzten Ausgabe unseres Blattes das Stetige gesagt war. Als Lieferant trat der unlängst wegen Münzverbrechens in Frankfurt zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilte übelbeleumdete Bruder Philipp in Erscheinung, der nach eigenen versteckten Andeutungen auch als Hersteller in Frage kommen könnte? Diesmal nützten aber Heinrich Laufer alle noch so schön erdachten Märchen nichts, er mußte auf vier Jahr« ins Zuchthaus wandern. Damit sind vorerst dü Akten im Fälfchmünzerprozeß Laufer geschloffen
* Warnung vor angeblichen Kolonialwerbern.
Die Deutsche Kolonialgesellschaft schreibt: In letzter Zeit mehren sich aus verschiedenen Teilen des Reiches die Nachrichten, daß Schwindler als angeblich Beauftragte der Kolonialen Reichsarbeits- gemeinfchaft oder der Deutschen Kolonialgesellschaft Gelüsammlungen für die koloniale Sache veranstal- fen^^^Üto^^^_roert)enprtbifft^ fam, daß weder die Koloniale Reichsarbeitsgemein schäft noch die Deutsche Kolonialgesellschaft solche Werber entsendet. Alle etwa vorgebrachten Ausweise und Berufungen sind als FälschunKn und Schwindeleien anzusehen."
* Welche Arlen Polizei gibt es? Die Sicherheitspolizei für den Schutz von Personen und Eigentum, Paß- und Meldcwesen, Veranstaltungen und Pressewesen. Die Landjäger, namentlich für die Gebiete außerhalb der Städte, besonders auch für Straßen- und Wegekontrolle, die Baupolizei für die Baukontrolle, die Feuerpolizei, die Forstpolizei gegen Wild- und Holzdiebe (von den Forstbeamten ausgeführt), die Feldpolizei (Flurschutz), die Armenpolizei im Kampf gegen Bettler und Landstreicher, die Gesundheitspolizei als Vorsorge für die Volksgesundheit, Leichenbestattungskontrolle, Impfzwang.
liefen auf lautlosen Füßen hin und zurück, gähnten verschlafen und lehnten ab und zu den Kopf an du kühlen Scheiben.
In Chiasso kam die Ablösung. Das bedeutet« Ruhepause bis zum nächsten Mittag.
Schienenstränge ließen die Wagen in ein etwas holperndes Tempo fallen, langsamer drehten sich die hastenden Räderpaare um die Achsen.
Die Grenze!
Verschlafene Gesichter! Ein Emporfahren in den Betten — Zollkontrolle!
„Gnädigste habe keinerlei Gepäck?" fragte der Schaffner und sah nach der jungen Dame hinüber, die lang ousgestreckt ruhig in den Kissen liegen blieb. Sie schüttelte den Kopf und drehte das Gesicht verärgert nach der anderen Seite.
„Wenn ich um ihren Paß bitten dürfte. Gnädigste! Sie werden dann weiter nicht mehr belästigt
feint"
Mit der Rechten nach dem kleinen Handtäschchen greifend, nahm sie ein dunkelgrünes schmales Büchlein heraus und reichte es dem Beamten.
Zehn Minuten später überbrachte er es ihr mte« her Gnädiges Fräulein haben noch zwei Stunden Ruhezeit bis Bellinzona! Wenn Sie wünschen, werde ich Sie wecken." „
Völlig verblüfft sah sie in das glattrasierte Man- nergefid)t. Woher wußte der Beamte, daß sie nach Bellinzona wollte? . r ,
Er sah ihr Erstaunen. „Ich dachte nur, sagte er entschuldigend, „Gnädigste hätten den Aufruf in den Blättern gelesen!"
„Welchen Aufruf?" Sie saß schon in den rechten Ellenbogen gestützt und suchte in seinen Augen. „Welchen Aufruf? Reden Sie doch!"
„Ich werde Ihnen einige Zeitungen aus dem Speisewagen bringen." Er war schon davongelau- fett, ehe 'sie noch etwas weiteres. zu, sagen ver- mochte. Wenige Minuten kam er mit einigen Blättern in der Hand zurück „Hierl"
Er hatte eines derselben bereits aufgeschlagev und zeigte nach ein paar Zeilen in dicken, große» weitspaltigen Lettern:
- Maria Richthofen! Sofortiges Eintreffen in Bellinzona dringend erbeten.
Dr. Hans Feßmann.
(Fortsetzung folgt.) •