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1928
— Nachdem sich gestern vormittag die Aussichten für die Große Koalition sehr verschlechtert hatten, ivvrde gegen Abend die Situation wieder günstiger beurteilt. Heute soll die Entscheidung fallen.
— Die .Bremen“-Jlleger wurden gestern vom Reichspräsidenten und von der Stadl Berlin empfangen.
— poincar« verteidigte gestern vor der Kammer feine Finanzpolitik.
— Von Amundsen liegt noch keine Nachricht vor.
— Der Tod Tschangtsolius ist den General- koasulu in Wukden gestern offiziell bekanntgegeben worden.
Stone Hoffnung fite die Geotze -Koalition
Berlin, 21. Juni Nach Informationen aus parlamentarischen Kreisen ist die Entwicklung der Regierungsbildung heule abend dahin zu kennzeichnen, daß die scharfe Zuspitzung von heule vormittag nicht mehr besteht. Heute vormittag hatte Hermann Müller die Absicht, dem Reichspräsidenten Bericht zu erstatten und ihm zu sagen, daß die Verhandlungen über die große Koalition kaum noch Aussichten auf Erfolg bieten dürften. Dieser Besuch beim Reichspräsidenten ist nicht erfolgt. Dafür hat Staatssekretär Meißner mit Hermann Müller eine längere Besprechung gehabt, die dazu führte, daß Hermann Müller die Frak- tionsführer zu sich bat, um mit ihnen noch einmal die Möglichkeiten einer Verständigung über die Große Koalition zu erörtern. Die Lage wird heute abend günstiger beurteilt.
In Bukarest tagt fest Mittwoch die Kleine Entente. Sie trat just in dem Augenblick zusammen, als im Parlament des größten der Klein-Entente-Genossen in echt balkanischer Weise Politik wieder einmal mit R e • volverschüssen korrigiert wurde. Die
zwar nichts mit der jetzigen Tagung zu tun, die trotzdem fortgesetzt wird, sind aber doch zumindest kein freundlicher Auftakt der Konferenz, zu der sich, im Gegensatz $u der vorjährigen, wenig bedeutungsvollen Begegnung in der Erzgebirgsstadt Joachimsthal, die Toil- mit ziemlich sorgenvoller
nehmer Miene '
Oke Besetzung des Mem- Sandes
wne beachtenswerte englische Stimme: »Genug der Garantien! — kein Oftlocarno’“
London, 21. Juni. Der „Manchester Guardian" schreibt in einem „Eine extravagante Forderung" überschriebenen Leitartikel: „Die Besetzung des Rheinlanües ist wie der Ring um den Fuß eines Gefangenen. Seine Feinde haben ihn angekettet, um sicher zu sein, daß er bezahlen würde. Er hat alles bezahlt, was sie ihn insgesamt zu zahlen aufgefordert haben, aber einige von ihnen- nutzen seine.Gefangenschaft aus, verlangen mehr und ziehen demgemäß "an der Kette. Der letzte Ruck ist pomgchen Äußennnnister Zaleski gegeben vorüen. Er hat mit Zustimmung der fränzöjijcheu Regierung gehandelt; tatsächlich ist es höchst wahrscheinlich, daß sein Ziehen an der Kette in Paris engestiftet wurde, denn es fällt mit seinem Besuch in dieser Hauptstadt zusammen. Er fordert jetzt für Frankreich wie auch für sein eigenes Land eine spezielle Form von Sicherheit. Das Rheinland ist entmilitarisiert. Keine deutschen bewaffneten Kräfte, keine deutschen Festungen können auf rheinischem Boden sein. Die ganze Autorität nicht nur der Vertragsmächte allein, sondern auch die des Völkerbundes garantiert die Beobachtung dieser Entmilitarisierung in einer Weise, die in der Geschichte keine Parallele hat. Aber für Frankreich »ar dies nicht genug. Es hat Deutschland mit einem Ring schwer bewaffneter Staaten umgeben, die durch militärische Allianzen an Frankreich gebunden sind. Das Gleichgewicht der Macht, ein Prinzip, das dem Kriege dient und das längst von England aufgegeben worden ist, ist von Frankreich angenommen worden, und es besteht jetzt ein furchtbar belastetes Gegengewicht bewaffneter Mächte gegen ein unbewaffnetes Deutschland. Aber sogar dies war nicht genug. Deutschlalw hat in der Hoffnung, daß [eine früheren Feinde schließlich befrie» “igt sein würden, aus freiem Willen seinen dauern- den Verzicht auf Elsaß-Lothringen wieder bestätigt und der Annahme seiner gegenwärtigen westlichen Grenzen und der Entmilitarisierung des Rheinlandes für alle Ewigkeit zugestimmt. Dieses Ueber- einkommen wurde von England garantiert, welches unternahm, seine bewaffneten Kräfte gegen jede Echt zu stellen, die versuchen sollte, es zu verletzen.
Man gab Deutschland Grund zu erwarten, daß dies genug sein würde und daß Kette und Ring entfernt werden würde. Aber es war nicht genug; Rar die britische Garantie machte es nicht genug. El anderen Worten: Polen als eine alliierte âcht — eine Würde, die es mit Euba, Ecuador, Guatemala usw. teilt — fordert das Recht, britische, l^uzösrsche und belgische Truppen über das Jahr °35 hinaus im Rheinlands zu halten. Was es mit "l'cheren Garantien" meint, wegen deren es dieses °cht geltend macht, geht aus den mannigfachen “mmentaren in der französischen und polnischen -presse hervor. Sie laufen auf das sogenannte Ost- ocarno hinaus. Dieses Ost-Locarno ist eine bare •muribrigteit. Das Wesentliche von Locarno — 5 'st nicht nötig, es „West-Locarno" zu nennen, es nur ein Locarno gibt und geben kann — ist ^ ^"Esche Verzicht auf Elsaß-Lothringen und die w ■ e "nlitävuische und Seegarantie. Elsaß- chringen ist nicht einfach Frankreich ausgeliefert, l Frankreich zurückgegeben worden. Keines ^ dsbiete, die Deutschland an Polen verloren hat, kein Charakter. Die deutsche Ostgrenze ist nur i9Ut.e‘ ^re Revision ist wünschenswert nicht m .Qls eine Frage von Recht oder Unrecht, sondern Dir^ "lb eine Frage der Zweckmäßigkeit. Eine Re- bedeutet nicht die Wiedernahme, sondern die
Herstellung im Interesse beider Länder, b«.
Berlin, 21. 3uni. Bereits um 10 Uhr versammelten sich am Donnerstag die Verhandlungs- kommissionen der fünf Parteien bei dem Abgeordneten Wüller-Franken im Reichstage zur Fortsetzung der Verhandlungen über das Programm der künftigen Regierungskoâlilion im Reiche. Nach etwa zweistündiger Besprechung stellten sich jedoch die
Handlungen avzubrechen, am Ttachmllkaq Den Reichsp räsidenlen aufzusuchen und ihm zu erklären, daß er feinen Ausweg zur Beseitigung dieser Schwierigkeiten sehe. Wie das Vdz.- Büro erfährt, hatte die Deutsche Volksvarlei eine Reihe neuer Forderungen vorgebrachl. die die Sozialdemokraten für unannehmbar erklärten. Die Volkspartei forderte u. a. die Steuerveranlagung nach einem dreijährigen Durchschnitt und die Beseitigung der Sllpitalertragsteuer. Auch in militärpolitischen Fragen, namentlich in der Frage des Panzerkreuzers, konnte man sich nicht näher kommen. Den Ausschlag gab aber vor allem das
noch von keiner Seite anfgegeben worden ist, er» klärt, daß in der Umbildung der Regierung in Preußen nach wie vor der Kernpunkt des ganzen Problems liege. Bleiben Regierung und Koalition in Preußen auf dem bisherigen ablehnenden Standpunkt bestehen, so werden auch die fachlichen Verhandlungen im Reich nicht zu einem guten Ende geführt werden können, selbst wenn man sachlich einander näher kommen sollte. — Der „V o r* wärts" ist heute gleichfalls auf einen ganz anderen Ton gestimmt als gestern. Wenn er auch erklärt, daß sich die Gegensätze der Masseninteressen, die in den Verhandlungen so scharf zum Ausdruck gekommen sind, nicht beseitigen lassen, so hält er doch die Möglichkeit für gegeben, daß eine Verständigung über die Zusammenarbeit auf umgrenzten Gebieten zu erreichen sei, und zwar im Sinne des Wahlergebnisses vom 20. Mai, das die eindeutige Mahnung bedeute, den Regierungskurs nach links zu drehen. Das Blatt wiederholt schließlich, daß di« Sozialdemokratie die Führung behalten wolle, und daß der Versuch mit der Großen Koalition nicht der
Di« Kleine Entente hat in dan acht Jahren, die sie jetzt besteht, beträchtliche Wandlungen durchgemacht. Ursprünglich als Union zwischen Tschechoslowakei, Südslarvien, Rumänen und Oesterreich gedacht, sollte sie als geschloffene Phalanx sich einem etwaigen Vorstoß der „roten Armee" nach Mitteleuropa entgeaen- stellen und zugleich Ungarn niederhalten, falls dieses etwa mit bewaffneter Hand die im Trianon-Vertraa errichteten Grenzen abzuändern suche. Dann suchte Frankreich, immer bestrebt, den Kreis seiner Bundesgenoffen und Vasallen zu erweitern, den neuen Bund in seine Kreise einzuziehen. Damals erklärte Take Ionescu, Rumäniens Außenminister, nach einer Unterredung mit Millerand: sämtliche „Siegerstaaten" von der Ostsee bis zum Aegäi- schen Meer, nämlich Polen, Tschechoslowakei, Rumänien, Südslawien und Griechenland,
müßten sich zu einem großen Block von 80 Mil-
lsche ierung i
die große Koalition umgebtldek würde. Bei dieser Forderung der gleichzeitigen Umbildung blieb die Deutsche Volkspartei während von den übrigen Parteien erklärt wurde, diese Bebingutta sei nicht zu erfüllen, da die Landtagsfraktionen nicht vor dem 10.
Juli zusllnimenlräten.
Nach einer Besprechung mit dem Zentrumsführer v. Gnëracd entschloß sich indessen aer Abo Riüllcr- Franken trotz des bisher ergebnislosen Verlaufes der interfraktionellen Verhandlungen nachmittags noch einmal mit den Fraktionsführern darüberzn sprechen, ob diese noch einen weg 3ur Beseitigung der Schwierigkeiten sähen. Er schob seinen Besuch beim Reichspräsidenten zunächst auf und berief auf nachmittags 14% Uhr erneut die
Konferenz der Frakkionsführer
'iat Hermann Müller in dieser Be- I bereits Andeutungen in der Rich-
Offenbar h< sprechung auch fung der Weimarer Koalition als Ausweg nach dem Scheitern der Verhandlungen über die große Koalition gemacht. Herr von Guèrard Hal aber et- klärt, daß das Zentrum die Weimarer Koalition nicht mitmachen würde. Es wird behauptet, daß auch der Vorsitzende der demokratischen Fraktion, Dr. Koch, sich diesem Standpunkt angefchlossen habe. Diese Ereignisse haben nun in parlamentarischen Kreisen doch wieder zu einer günstigeren Beurteilung der Versländigungsmöglichkeiten über die Große Koalition geführt. Me weit diese Auffassung berechtigt ist, wird nicht zuletzt von dem Ergebnis der morgigen Fräktionssitzung der Deutschen volks- partei abhängen. Als ein Symptom der Entspan- nung gegenüber der Lage vom Vormittag wird aber im Reichstag die Tatsache gewertet, daß Reichsminister Dr. Stresemann heute abend seinen Urlaub antritt, den er auf etwa acht Wochen berechnet hat. Dr. Stresemann wird zunächst in ein Sanatorium in der Nähe von Baden-Baden gehen, um dann die zweite Hälfte seines Urlaubs in Karlsbad zu bringen.
M wie vovr Gvoße -KoaUffo«
hervorhebt, daß der Gedanke der Großen
ver-
anders der Lokabbevölkerun^ denen die gegenwärtige östliche Grenze Belästigungen und Härten zu» ügt, die keine Parallele an Deutschlands westlicher grenze haben. Was die britische Garantie anbe. trifft, so ist bereits vielleicht zu viel, daß England versprochen hat, den Krieg gegen den Uebertreter des Locarno-Dertrags zu Mren. Aber daß es in ähnlicher -aeife Deutschlands polnische Grenze garantieren soll, ist einfach nicht in Betracht zu ziehen. Die Vorstellung, daß Engländer sterben alten, um Polens Grenzen von einer sehr benötigen Abänderung zu retten, ist widersinmg. Jede Macht, die versucht, die Räumung des Rheinlands hinauszuzögern, um eine besondere Garantie für ich unter dem falschen Beweisgrund zu erlangen, >aß die Garantien noch nicht genug sind, sollte nicht nn Zweifel gelassen werden, was die Haltung un
sres Sandes anbetrifft
[tanbi fition,
Ein
mn sei ihr gegebener Platz' in der Öppo-
9$OttUlM0»VVnwl«9
Die „Boff. Zkg." berichtet über einen dem Zeu- trumsabgeordneeten v. Guèrard zugefchriebeae« Vermittlungsvorschlag zur Regelung der Frage der Regierungsumbildung in Preußen. Danach sollen die Reichstagssraktionen der Weimarer Koalitionen zufagen, bei den entsprechenden preußische« Fraktionen dahin zu wirken, daß die Verhau-lunge« über die Umbildung des preußischen Kabinkts im Herbst ausgenommen werden.
Dieser Verumittlungsvorschlag bedarf noch der Iustimung der Fraktionen. Erfolgt sie überall, so ist die größte Schwierigkeeit aus dem Wege geräumt.
______ _________ ______________i» wendigkeit für jene „S f egcrstaate n“ wie für Frankreich, dadurch würde ein etwaiges Bündnis zwischen Deutschland und I Rußland ausgewogen. Aus diesem schönen Projekt wurde leider, Gott sei Dank, nichts. Oesterreich und Ungarn, denen man großmütig, sofern sie friedliebend bleiben wollten, den Beitritt zum Bund freigab, dankten für das zweifelhafte Vergnügen. Auch Griechenland besann I sich eines Besseren. Polen erklärte seinen Austritt. Die Kleine Entente, auf Ru m ä n i e n, Jugoslawien und die Tschechoslow-a- k e i beschränkt, verlor immer mehr an Bedeutung, bis zwei große mitteleuropäische Probleme ihr erneuten Antrieb gaben: Ungarns Streben nach Revision des Vertrages von Trianon und der italienisch-jugoslawische Gegensatz. Was Ungarn betrifft, so eint die drei Staaten das aroße Interesse, den Raub, der
Nie HaUung dee Oemokvaien demokratische Reichstagsfraktion
hielt am Donnerstag nachmittag eine Fräktionssitzung ab, in der die Abg. Koch-Weser und Dietrich-Baden über
Die
die bisherigen Verhandlungen zur Regierungsbildung berichteten. Es herrschte die Auffassung vor, daß die Verhandlungen über die Bildung der Großen Koalition noch nicht gescheitert sind, sondern daß bei gegenseitigen Entgegenkommen eine Lösung, durchaus möglich sei.
An der Frciktivncsitzlinc! nahmen auch Vertreter der demokratischen preußischen Landtagsfraktion, u. a. die Minister Höpker-Aschoff und Dr. Schreiber, teil. Seitens der Vertreter der preußischen Landtagsfraktion wurde auf die gemeinsame Erklärung der preußischen Regierungsparteien zur Regierungsumbildung verwiesen und betont, daß die demokratische Pvsußenfraktian einer Erweiterung der preußischen RegierungskoaMon keinerlei Schwierigkeiten entgegensetzen werde.
Neivveckungon Dv. Cunos mit Koovev und Mellon
Washington, 21. Juni. Der ehemalige deutsche Reichskanzler Dr. Euno, der von der Tagung des Rotary-Clubs zurückkehrte, unterbrach hier auf Einladung des ihm feit mehreren Jahren gut befreundeten Handelsfekretär Hoover feine Reife für einen halben Tag. Er hatte eine fast einstündige Unterhaltung mit Hoover, in der dieser sich u. a. über die Entwicklung der deutschen Schiffahrt und Industrie berichten ließ. Dr. Cuno konferierte sodann im Shipping-Board mit den Direktoren der United States Linie über Hafen- und andere geschäftliche Fragen. Dr. Cuno besuchte schließlich den Schatz- j sekretär Mellon, mit dem er ebenfalls eine längere freundschaftliche Unterhaltung hatte, und fuhr dann mittags nach Newyork weiter.
chnen aus der Beute des Weltkrieges über Ge-
bühr und Verdienst zugeteilt wurde, zu behaupten. Jugoslawien aber hegt die stille Hoffnung auf die Unterstützung der Kleinen Entente, falls es sich zu einem W " Italien gezwungen sehen sollte.
nein Waffengang mit
Das Thema für die Bukarester Konferenz ist also gegeben. Die Herren Benesch, der seit Gründung der tschechoslowakischen Republik deren Außenpolitik leitet, Dr. Marin- k o v i c, seit April vorigen Jahres Außenminister Jugoslawiens, und Nikolaus Titu- l e s c u, der übrigens auf den Tag — 21. Juni — vor einem Jahr rumänischer Außenminister wurde, haben überreichen Unterhaltungsstoff. Hat doch Unaarn in seinem Kamps gegen Trianon wertvolle Bundesgenossen bekommen. LorD Rothemere, der englische Zeitungskönig, führt als Vorkämpfer für die Revision von Trianon das Wort, und Mussolini, dem Un=
garn bei der Abrechnung mit willkommener Bundesgenosse
garn bei der Abrechnung mit Jugoslawien ein willkommener Bundesgenosse sein würde, hat erneut wieder in seiner großen außenpolitischen Rede die Magyaren seines Beistandes versichert. Was man auf der Bukarester Konferenz zu diesen bedenklichen Ereignissen sagen wird, glauben die Bukarester Blätter schon jetzt verkünden zu können. Die Kleine Entente
werde über die bisher beobachtete Form, eine offizielle Kundgebung bezüglich der Ergebnisse der Konferenz zu verlautbaren, hinausgehen. Durch ihre diplomatischen Vertreter in R o m würde sie einen gemeinsamen Schritt bei der italienischen Regierung unternehmen'lassen, in dem. die Stellung der Kleinen Entente zur ungarischen Kampagne klar kundgetan werde. Man hat dabei die wohl nicht ganz gerechtfertigte Hoffnung, daß auch O e st e r r e i ch sich freundlich diesem
Die heutige Kummer umfaSt