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irr. 115

Mittwoch den 16. Mai 1928

Sette 11

GevsvSSevutts dev landwwi- ithaftUrhen Svoni

Von Reichsminister a. D. Graf K a n i tz.

Anläßlich meiner Reichstags- und Landtagskan­didatur für die Deutsche Volkspartei hört man in deutschnationalen landwirtschaftlichen Kreisen gele- qcntlich die Ansicht vertreten, es sei bedauerlich, daß ich als Landwirt bei der Deutschen Volkspartei kan­didierte, die doch mehr industrielle und städtische Interessen verträte als ländliche. Es ist an der Zeit, dieser gänzlich abwegigen Auffassung entgegenzu- treten. Die Deutsche Volkspartei, die auf dem rech­ten Flügel der bürgerlichen Mitte steht, ist eine Partei, in der seit ihrer Gründung das ruhige und sachliche wirtschaftliche Denken im allgemeinen mehr zu finden ist, als in anderen Parteien. Im übrigen ha tjetzt auch die krasse Wirklichkeit dafür gesorgt, daß großen Teilen derjenigen Bevölkerungskreise, die bisher darin erzogen wurden, auf irgendwelche Wunder zu hoffen, mit grausamer Hand die Binde von den Augen gerissen wurde, und so haben jetzt auch weite Schichten der ländlichen Bevölkerung eingesessen, daß die Wirtschaft in einem besiegten Lande, mitten in einer Welt von Feinden, nicht mit dem Kopf durch die Wand kommt, und daß uns leider ein recht langwieriger, mühevoller und etap» penweiser Aufstieg beschieden bleibt. Wenn die Deutsche Volkspartei in richtiger.Erkentnis dieser Zwangslage unbeirrt und zielbewußt am Wieder­aufbau der deutschen Wirtschaft energisch arbeitet, so hat in folgerichtiger Auswirkung dieser Erkenntnis ihre Stellungnahme in den politischen Parlamenten den Beweis erbracht, daß sie sich keineswegs in­dustriellen Interessen verschrieben hat, sondern ganz im Gegenteil, immer wenn es galt, berechtigte land­wirtschaftliche Interessen zu vertreten, wertvolle und

'bewußte Arbeit leistete. Gerade während der re in denen ich das Amt des Reichsernährungs­und Landwirtschaftsministers bekleidete, ist mir die stets sachliche und energische Mitarbeit der Deut­schen Volkspartei bei allen Gelegenheiten, wenn es galt, landwirtschaftliche Belange zu fördern, von großem Wert und Nutzen gewesen. Es gehört aller­dings im allgemeinen nicht zu den Gepflogenheiten dieser Partei, jedenDienst am Vaterlande" und so bezeichne ich die Arbeit am Wiederaufbau der Landwirtschaft als enorme Leistung und unge­heures Verdienst der Partei mit großer Aufmachung zu plakatieren, und deshalb könnte beim Nichteinge- veihten der Eindruck entstehen, als ob die Deutsche 'Boltspartei sich nicht derart intensiv mit der Land­wirtschaft beschäftigte, wie gewisse Parteien, die glauben, allein befähigt und vom Schicksal auser- sehen zu sein, die Landwirtschaft sachgemäß zu ver­treten.

Ich darf auch daran erinnern, daß gerade bei dem schweren Kampfe um die erste Agrarzoll-Vor­lage nach dem Kriege, im Jahre 1925, die Deutsche Bolkspartei mir als zuständigem Ressortminister je­derzeit treu zur Seite gestanden hat und sich, was die nachdrückliche Vertretung des Agrarschutzes be­traf, von keiner anderen Partei hat in den Schat­ten stellen lassen. Auch kürzlich war es wieder ein -freulicherweise zur Annahme gebrachter Antrag der stachen Volkspartei im Landtag, der jede Mftgsvollstreckung bei Eintreibung der Preußi-

Grundvermögenssteuer auf dem Lande bis

$crn innerhalb einer Fraktion an, sondern auf MTüchtigkeit des einzelnen Berufsvertreters und M die Gesamteinstellung der Partei.

»Meinen Berufsgenossen auf dem Lande möchte B aber nun doch verraten, daß es für mich als Mdwirt einfach völlig ausgeschlossen gewesen Ere, einer Partei beizutreten, bei der ich nicht die ichs Gewißheit hätte, daß ich meine landwirtschafts- Mndliche Politik genau so weiter treiben könnte, es für mich nun einmal unerläßlich ist. Ich Riß sogar, daß mir in dieser Partei des ruhigen nüchternen Denkens und Handelns vielleicht mehr praktische Gelegenheit geboten ist, mein wirtschafts- Mitisches Denken zu betätigen, als bei irgend einer onieren Partei. Es liegt mir ganz fern, hiermit an» »«e Parteien und ihr Wirken irgendwie herab- f^en zu wollen.

Unb nun einmal ein ernstes Wort, das für jeden

Landwirt angesichts der katastrophalen Notlage sei­nes Berufsstandes gewiß der Ueberlegung wert ist. Wie ist der Landwirtschaft mehr gedient: wenn das Gros ihrer Vertreter in einer einzigen Partei fitzt oder wenn sie möglichst viele ihrer Vertreter in allen bürgerlichen Parteien hat? Ich glaube die Antwort auf diese Frage ist nicht allzu schwer. Von den ca. 50 Abgeordneten z. B., die in der deutsch­nationalen Reichstagsfraktion als Landwirtschafts­vertreter gelten, sind es naturgemäß höchstens zehn Abgeordnete, die in die landwirtschaftlichen Aus­schüsse gehen und sich überhaupt landwirtschafts- politisch betätigen können, weil einige wenige große Kanonen" alles machen, da sie die parla- mentarische Routine und Erfahrung hoben. Das ist kein Vorwurf gegen diese Fraktion, sondern nur die Feststellung eines Tatbestandes. Für die Land­wirtschaft als für die Nation lebenswichtigen Be­rufsstand würde jedenfalls in den Parlamenten viel mehr erreicht, wenn sich ihre Vertreter mehr auf die Gesamtheit der bürgerlichen Fraktionen verteilen würden. So wird es z. B. von der stets ihre In­teressen richtig erkennenden Industrie immer durch­gesetzt, daß ihre Vertreter in den verschiedensten bür­gerlichen Fraktionen sitzen und somit eine inter- fraktionelle industrielle Front bilden, die bei jeder passenden Gelegenheit die industriellen Interessen zielbewußt, wohlvorbereitet und was die Haupt­sache ist einig vertritt. Wie sieht es nun mit der Vertretung der landwirtschaftlichen Interessen in den Parlamenten aus? Die Deutschnationalen, die unbestritten neben anderen Parteien landwirt­schaftsfreundliche Politik treiben, stellen die Vertre- tung landwirtschaftlicher Interessen als ihr ureigen­stes Monopol hin. Wenn das wirklich so wäre, und es nicht noch in anderen Parteien verständige und zielbewußte Landwirte gäbe, würde ja die Land­wirtschaft überhaupt nicht mehr vertreten sein, wenn die Deutschnationalen gelegentlich wieder einmal nicht in der Regierung sein sollten, was doch immer» hin leicht passieren kann. Es ist jedenfalls ein Trug- schloß, zu glauben, der Landwirtschaft werde nur ge= helfen, wenn man durch den Wahlzettel möglichst viel deutschnationale Landwirte in die Parlamente schickt. In der deutschnatioanalen Reichstagsfraktion treten sich die Landwirte und die Abgeordneten, die als Landwirtschaftsvertreter gelten, sowieso schon gegenseitig auf die Füße, und anderenOrtes könnten sie zahlreicher vertreten sein. Eine ihrer Aufgabe und Verantwortung bewußte landwirtschaftliche Be­rufsvertretung sollte es deshalb anerkennen, und unterstützen, wenn auch andere bürgerliche Parteien in die Parlamente Landwirte schicken, die willens sind, den Weg zu beschreiten, der der Landwirtschaft allein helfen kann. Dieser Weg heißt:Bildung einer landwirtschaftlichen Einheitsfront durch sämt­liche bürgerlichen Parteien hindurch!"

A«s av« WM.

Ein Vatev dev Aettame

Heute, wo die Reklame längst eine hochent- Wickelte Kunst, eine Wissenschaft für sich ist, wird es schwer fallen, den Mann oder die Männer aus- finbig zu machen, die als erste den Einfall gehabt haben, daß die Werbung, die (Erregung des Inter­esses, die Anlockung des Käufers eine Kunst sei, die einmal einem Jahrhundert fein Gesicht geben der Prrv _____ . _______ .... _ ________ Original, das nor' etwa 100 Jahren geradezu Berühmtheit genoß. Wie der ewige Jude, so irrte Kyselak von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, von Flecken zu Flecken; nirgends hielt er sich länger als 24 Stunden auf. Es gibt kein Dörfchen im ehe­maligen Oesterreich-Ungarn, wo er nicht gewesen wäre, und wo man ihn nicht gut gekannt hätte; so groß war feine Popularität. Noch heute erzählt man sich dort die kuriosesten Geschichten. Als Sohn eines Hofbeamten wurde Kyselak im Jahr 1795 in Wien geboren. Zunächst studierte er Philosophie, aber bald langweilte ihn sein Studium, und er gab es auf, um Hofbeamter zu werden wie sein Vater. Aber aud) auf diesem Posten blieb er nicht lange, denn ihn lockte das Abenteuer. Es wurde freilich ein Abenteuerleben sonderbarer Art. Kyselak hatte nämlich die krankhafte Sucht, seinen Namen über­all hinzuschreiben, wo er dies nur konnte. Er schrieb sein schönesKyselak" an Felswände, an Häuser­

vertraut wird und

mauern, an öffentliche Gebäude, an Denkmäler, überall hin. Eine Anekdote will wissen, daß er einst geschworen habe, die ungetreue Geliebte, deren Ver­rat ihm die Unrast ins Blut gesenkt habe, solle seinen Namen überall lesen, wohin sie käme und darin ihre Strafe finden. Aber das ist wohl eine allzu poetische Lesart; Tatsache ist jedenfalls, daß Kyselak eine Wette abgeschlossen hatte, er werde im Laufe dreier Jahre im ganzen Kaiserstaat be­kannt und berühmt sein und zwar ohne ein Ver­brechen, einen aufsehenerregenden Diebstahl be­gangen oder eine edle Tat vollbracht zu haben, mit deren Hilfe man gemeinhin zum Ruhm und'An­sehen gelangt. Kyselak gewann die Wette. Bereits tn der halben Zeit hatte er die Bedingungen völlig erfüllt. Er war in Prag ebenso bekannt wie in Triest, und in Salzburg war sein Name nicht we­niger populär als in den entlegensten Dörfern der Pußta. Er hatte nichts weiter zu tun brauchen, als feinen Namen überall hinzuschreiben, wo d:es nur technisch möglich war; und tausend Konflikte mit der Polizei sorgten für die Propagierung des Namens Kyselak. Mehrmals wurde er wegen Be­schädigung von Denkmälern verurteilt. Als eine neue Brücke ! r di- Dmau » o^wk di werde.i sollte, muhte er versprechen, das Bauwerk zu ver­schonen. Kurz darauf entdeckte man an einem Brückenbogen den vertrauten Namen, und alle Welt zerbrach sich den Kopf, wie der verteufelte Mensch dieses halsbrecherische Kunststück wohl voll­bracht haben mochte. Einmal wurde er zum Kaiser Franz befohlen, der ihm Vorhaltungen machte, daß er sogar die Hofburg bemalt habe. Kyselak stand in der Nähe des Schreibtisches, während der Mo­narch im Zimmer auf- und abging. Plötzlich hörte der Kaiser ein Kritzeln; er drehte sich auf der Stelle um und fragte den ehrerbietig dastehenden Kyse­lak:Was machens denn da?"Oh, nix, Maje­stät, ich bin schon fertig!" Der Kaiser, der nicht wußte was er damit meinte, beendete die Audienz und stellte, als Kyselak längst über alle Berge war, fest, daß er seinen Namèn auf die Platte des Schreibtisches graviert hatte.

Jm Volk erzählt man sich folgende Legende vom Tode Kyselaks. In einem außerordentlich trockenen Sommer sei die Donau sehr niedrig gewesen und habe in der Mitte des Flusses einen Felsen frei- gegeben. Als Kyselak dies gesehen habe, fei er ent­schlossen gewesen, sich auch auf diesem Stein zu ver­ewigen. Er habe versucht, ihn zu erreichen; da es ihm aber nicht gelungen sei, habe er verzweifelt den Entschluß gefaßt, diesen ersten Mißerfolg nicht zu überleben, und er habe sich ins Wasser gestürzt. In Wirklichkeit ist dieser seltsame Mann, dessen Wirken auch in der Literatur verschiedentlich Aus­druck gefunden hat, 1831 an der Cholera gestorben.

Ein Flug Paris Rewyork?

Paris, 16. Mai. Nach demOeuvre" hat der Flieger Coste ein Flugzeug erworben, in dem er den Flug ParisNewyork versuchen will. Er hofft, Mitte Juni starten zu können. Sein Weg wird über die Azoren führen.

Was so auf einer Weltreise von Postkarten verschrieben wird.

Ein Berliner Journalist, der mit dem Hapag- dampferResolute" eine Weltreise machte, hat sich

rgebnis einer Unter, suchung der Oeffentlichkeit unterbreitet. Der Stati­stiker beteuert, nicht zu hoch gerechnet zu haben. Unter Berücksichtigung der stets vorhandenen Viel­schreiberes gibt Leute, deren Postkartenpakete Ziegelsteinen ähneln"! kommt er zu einem Durchschnitt von zwei Karten pro Seefahrtstag; macht 84 000. An den Landtagen werden die Passa­giere von Hotels, Reisebüros usw. geradezu von Postkarten überschwemmt, die Folge ist durch­schnittlich 4 Karten pro Tag; das macht für die Reise 96 000, zusammen 180 000! Bliebe die Be­satzung, auch rund 400 Köpfe stark. Die älteren Jahrgänge schreiben vielleicht nur zweimal unter­wegs, die jüngeren haben auch ganz stattliche Pa­kete. Für die Seefahrt ergibt das rund 21 000, für bie Landtage rund 9000 Karten, zusammen rund 30 000 Karten. 30 000 plus 180 000 210 000. Als Durchschnittsporto kann man 15 Pfennige rechnen,

Der russische Oberstaatsanwalt Krylenko.

Krylenko, der Stellvertreter des Volkskom­missars für das Justizwesen und Oberstaatsanwalt der russischen Räteföderation, wird im Donez- Prozeß selbst die Anklage vertreten. Das beweist, daß die russische Regierung diesem Prozeß die allergrößte Bedeutung beilegt und bestätigt die deutscherseits bereits geäußerte Befürchtung, daß man auf Nachsicht oder gar außenpolitische Rück­sichten nicht zu rechnen braucht, so daß die deut­schen Angeklagten einem höchst ungewissen Schicksal entgegengehen.

Krylenko war bei Ausbruch der russischen Re­volution von 1918 Führer derRoten Garde" und leitete die militärischen Operationen der Revo­lution. Der Name desFähnrichs Krylenko", der nach der Durchführung der Revolution das Ober­kommando der russischen Armee übernahm, war damals in aller Munde. Als Oberstaatsanwalt fun­gierte Krylenko in allen großen politischen Pro­zessen der letzten Jahre als öffentlicher Ankläger, jo auch in dem Prozeß gegen die drei Deutschen Stu­denten. der mit einem Todesurteil endete, das spä­ter in eine längere Freiheitsstrafe umgewandelt wurde.

manchmal ist es billiger, manchmal ist es teuerer.

Die Karten-Portosumme beträgt demnach 31500 Mark. Ungerechnet die unbezahlten darf als Durch' schnittspreis für die Karte 20 Pfennige gerechnet werden; macht an Ausgaben für den Kauf 42 000 Mark. Durch das Postkartengebirge des Dampfer- Refolute" auf einer Weltreise von 140 Tagen würden also etwa RM 73 500 umgesetzt.

Gedopte Rennpferde.

Berlin, 12. Mai. Unter der Beschuldigung, Renn­pferde gedopt zu haben, ist auf Anzeige des Ver­bandes der konzessionierten Buchmacher Deutsch­lands gegen den früheren Rennstallbesitzer Fritz Friedländer-Berlin ein Strafverfahren eingeleitet worden. Friedländer ist wegen betrügerischer Machenschaften schon seit langer Zeit von den deut, schen Rennbahnen verwiesen worden. Friedländer

schäften gefunden, die ihn belasten. Außerdem er« mittelte die Polizei zwei Futtermeister, die wieder^ holt von Friedländer Doping-Miftel erhalten haben, die den Pferden eine Stunde 40 Minuten vor dem Start in einer ausgehöhlten Mohrrübe eingegeben werden sollten. Die Futtermeister bestreiten aber, jemals einem Pferde die Mittel verabreicht zu haben. Die Kriminalpolizei hat das von ihr ge­sammelte Material der Staatsanwaltschaft über« geben. Von einer Festnahme Friedländers ist Ab­stand genommen worden, weil er krank ist.

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Jm Austr. KotHe