Seife 6
Mittwoch den 11 März 1928
Nr. 63
Aus aller wett.
Merkwürdige Zigcitnerfitten. i
Unter dem dringenden Verdacht des Mädchenhandels bezw. der schweren Kuppelei wurden, wie die .Rhn.» Wcslf. Ztg." meldet, in Essen der Pferdehändler Mathias Bock und ein umherzichender Zige ner (Kesselflicker) verhaftet und dem Amtsgericht in Essen angeführt. Bock wird beschuldigt, seine Tochter Saga für einen bestimmten Betrag an den Zigeuner Surka, der in Wirklichkeit Michael Bicrla heißt, verkauft zu baben. Bock erklärte zwar, daß eS bei deu Zigeunern Sitte sei, ihre Frauen zu kaufen, und daß man ihm für seine Tochter 450 Mk. geboten dâtte, daß er von dem Bräutigam aber nur de Hälfte seiner Auslagen für die Hochzeitsfeier verlangt habe. Die Hochzeit war ohne standesamtliche oder kirchliche Trauung im Herbst in einer Kneipe begangen worden. Bald darauf war die betreffende Zigcunersippe mit dem Mädchen nach Oesterreich abgewandert und vor einigen Tagen wieder m der Essener Gegend aufgetaucht. Die Frau des Bock ist auf diese Nachricht nach Kray gefahren und hat ihre Tochter zurückgeholt, die sich darüber beklagte, daß ste von Surka fortgesetzt mißhandelt worden sei Man habe versucht, sie in Oesterreich an andere Zigeuner oder an ein öffentliches Haus weiter zu verkaufen, und nur durch die vorzeitige Ausweisung der Sippe hätten sich diese Kaufverhandlungen zerschlagen. Das verhältnismäßig hübsche Zigeunermädchen war, obwohl erst sieb- zehnjähria, mit Papieren versehen, die ihr Alter auf 22 Jahre feststellten, Angaben, die sie auf Veranlassung der Surka gemacht habe. Sie sagte aus, daß Surka sogar 1200 Mk. für sie habe bezahlen wollen, will aber im übrigen nicht wissen, ob und welchen Betrag ihr Vater erhalten hat. Auf ihren eignen Wunsch wird das Hübsche Mädchen wahrscheinlich in einem Heim untergebracht werden. Michael Bierla erklärte im Gegensatz zu Bock, dieser habe ihm seine Tochter für 300 Mk. angeboten; außerdem hätte Bierla die Hochzeit zahlen sollen. Später habe Koch weitere 150 Mk. für seine Tochter verlangt. Zm übrigen erklärte „Surka* daß es recht und billig sei, daß der Vater der Braut die Auslagen für die Erziehung und Anlernung seiner Tochter von dem Bräutigam zurückerhalte! Er bestritt die Verhandlungen in Wien, gab aber zu, die Saga nachher viel geschlaaen zu haben, „ganz totmachen habt er sie aber nicht wollen, el fei auch sein sehr guter Recht, seine Frau zu schlagen." Die Angelegenheft war der Kriminaipolizer durch einen Streit zwischen der Sivpe deS Bock uns der des Bierla über die Abschlagszahlung zur Anzeige gekommen.
Line Clefanlenherde ausgebrochen.
. Berlin, 13. März. Im Babelsberger Wäldchen, dicht am Bahnhof, brach heute vormittag eine Elefantenherde, bie sich auf dem Transport zu den
dortigen Filmatelier» bsfand, los und versetzte die spärlichen Fußgänger in nicht geringe Aufregung. Erst nach mehrstündiger Arbeit gelang es den Wärtern, die Tiere wieder einzufangen, bie in dem Wald bestand eine ziemliche Verheerung angerichtet hatten.
Levine und die „Diamantkönigin".
Charles Levine, der dieser Tage ganz unerwartet in New Park zu einem non stop-Flug nach Havanna aufstieg, ist wie schon gemeldet, mit der „Miß Columbia" glücklich am Zielort gelandet. Er befand sich in Begleitung eines zweiten Piloten und eines weiblichen Passagiers, der wegen ihrer Iuwelenpracht als „Diamantenkönigin" bekannten Miß Mabel Boll.
25 000 Hochzeitsgäste in Indore.
Nicht weniger als 25 000 Personen haben Einladungen zur Hochzeit des ehemaligen Maharadscha von Indore mit der Amerikanerin Miß Miller erhalten. Die Trauung wird am 18. März, unmittelbar nachdem die Braut zum Hinduglauben übergetreten ist, in Barwaha vollzogen werden, das zu diesem Zweck in eine Märchenstadt verwandelt worden ist An dem prunkvollen Hochzeitszug werden mindestens zwölf Elefanten beteiligt sein. Auch hat man nicht versäumt, FNmowerateure zu verpflichten, die die Hochzeit wie den Brautzug im Bilde festhalten gßen, damit die amerikanischen Verwandten der raut eine Erinnerung an das ungewöhnliche Ereignis haben. Der Pmast, den Miß Mller nach ihrer Verheiratung beziehen wird, ist von dem Harem, der die derzeitigen Frauen des Maharadschas beherbergt, räumlich weit entfernt und in luxuriösester Weise ausgestattet. Der Sekretär des Exmaharadscha wird bereits seit geraumer Zeit aus allen Tellen Indiens mit Anerbieten von Tänzerinnen überschwemmt, die bei dieser Gelegenheit auf eine goibene Ernte rechnen. Für das Feuerwerk und die Illumination der Stadt sind große Summen ausgeworfsn. Die Gerüchte, daß die britische Regierung Schritte unternehmen werde, um Miß Miller den Eintritt nach Indore zu verwehren, beruhen nicht auf Wahrheit. Auch dem Exmaharadscha werden bei.seiner Anwesenheit in Indore seitens der britischen Regierung keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden.
Jährlich sterben 6 Millionen Chinesen zuviel. Nach den Mitteilungen des Nationalverbandes der chinesischen Aerzte ist der Stand des ärztlichen Hilfsdienstes in China vierzigmal schlechter als in den. Ländern des Westens. Alljährlich sterben 12 Millionen Chinesen, von denen die Hälfte wahrscheinlich durch rechtzeitiges Einschreiten des Arztes gerettet werden könnte. In China entfällt auf je 100 000 Einwohner nur ein einziger Arzt, der auf diese Bezeichnung Anspruch machen kann. Unter diesen Umständen kann es nicht Wunder nehmen, daß sich der Prozentsatz der Todesfälle auf ^etwa 30 vom Tausend der Bevölkerung stellt.
«Spverhfaai.
(Unter Verantwortung des Einsenders.)
Die Hanauer Post-Briefmarken-Auiomalen.
Den Zweck den die Briefmarkenautomaten er« füllen sollen, erfüllen sie in Hanau keinesfalls, nein gerade das Gegenteil wird damit erzielt. Der Einender dieser Zeilen beobachtet seit geraumer Zeit chon, daß abends und besonders an Sonntagen ehr selten mal ein Automat funktioniert. Man denkt beim Einwurf eines Zehners eine Briefmarke zu erhalten, weit gefehlt. Der Automat gibt den eingeworfenen Zehner einfach zurück. Bei vielen kommt es ja nicht darauf an, ob der einzuwerfende Brief noch nm Sonntag dem Briefkasten zwecks Beförderung übergeben wird, aber man denke an bie Hanauer Vertreter, die Sonntags ihre Post erledigen, damit diese Montags früh am Bestimmungsort ist. Es wäre wirklich nett, wenn die Postbehörde beim Versagen der Automaten einmal zuhören würde, denn da könnte sie kräftig Worte vernehmen. Wenn die Automaten andauernd versagen, so müßte seitens der Post für ein richtiges Funktionieren gesorgt werden. Leiden die Automaten aber an Altersschwäche, so gibt es immerhin noch Schrott und niemand ärgert sich darüber. CL
Tanzmusik. 5.45—6.05: Die Bücherftundc. 6.15 bi^ 6.30: Vereinsnachrichten und andere Mitteilung 6.30—7: „Die Religion bei Homer und Aischylos', Vortrag. 7—7.30: „Zur Verminderung der Auto. Unfälle, Vortrag. 7.30—8: Französischer Sprach, unterricht. 8—8.15: Senckenberg-Viertelstunde: „Den Boden des Tiefsee", Vortrag. 8.15: Von der Lieder-, Halle Stuttgart: Sinfoniekonzert. Anschließend: Schallplattenkonzert.
Seveitss. LSsViammLunsen.
Verein ehem. Regt. Nr. SO. Die Kamerade, werden get eien, sich an der am 14. März, abends 8'1, Uhr, im Restaurant „zur Sonne" (Nebensaal) statt, findenden Versammlung recht zahlreich zu beteiligen etmchlietzend kameradschaftliches Beisammensein uni Aufnahme neuer Mitglieder. 5208t i Hai
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Astoria-Lichtspiele. Zum letzten Male läuft heute der interessante Film „Rummelplatz Wild-West" mit dem beliebten Cowboy-Darstellre Hoot Gibson. Als zweiter Film läuft: „Der Benzinteufel" mit Reginald Denny in der Hauptrolle, lustige Akte von Autos und Liebe. Die interessante Woche und ein Lehrfilm beschließen das gute Programm.
Lenkral-Theocker. „Lolott das Modellmädel" heißt der in Künstlerkreifen spielende verfilmte Roman, von einem treuen Mädel, die Rot und Elend mit chrem Kameraden, einem talentierten Maler teilt. Als dieser anerkannt wird, verliert sie ihn zwar für kurze Zeit, aber ihre Liebe und Standhaftigkeit werden belohnt. Ein rechtes Publikumsstück, das gefällt. Ein zweiter Großfilm „Lieb mich, und die Welt ist mein", die Geschichte eines Offiziers, nicht weniger spannend als der
erste Film rundet das Programm, das nur noch heute zur Aufführung kommt ab.
Rundfunk-Programme.
Frankfurt (428.6 Meter) und Cassel (272.? Meter)
Mittwoch, 14. März:
1.30—2.30: Von Kassel: Mittagsständchen. 3.30 bis 4: Die Stunde der Jugend: „Andere kurzweilige Geschichten von den Landsknechten", Vortrag. 4.30 bis 5.45: Konzert des Rundfunkorchesters: Alte
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Hanau den 12. März 1928.
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