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Zum Volkstrauertag 1928

Die Toten sprechen

Don Reinhold Braun.

^ ; Folgt uns so treu ergeben wie wir dem Vaterlands, ein Volk, ein Sinn, ein Leben, ? 7 ein Herz und eine Hand!

Hans Zuchheld.

Immer ferner rückt uns die blutig gigantische Seit. Ihre grausige Atomhaftigkeit schmilzt allmäh­lich in ein großes Gewaltiges zusammen und alles - Einzelopfertum glüht ein in die Gesamtwucht einer ungeheuren, tapfervollen Einigkeit.

Das Unmeßbare und Unwägbare wird zum ettes überragenden Denkmal für alle Zeiten.

Die Würde und innere Größe eines Volkes offen­bart sich darin, ob es jene Größe gleichsam zu Stein erstarren lasten will, oder ob es ihm ein Lebendiges bleibt, das unvergänglich mit magischer Gewalt in seine Geschlechter durch alle Zeiten sich einwirkt. Nicht als Episode darf ein Großes im Leben des Einzelnen und der Gesamtheit darstellen, inselhaft abgeschnürt, sondern als ein wunderbar Trächtiges, als das Leben selbst. So ist solch ein erhabener Ge­denktag einem Spiegel gleich, in dem ein Volk sich untrüglich wiedersieht.

Volkstrauertag!

Jede Silbe muß mit heilig markigem Ernst Hin- gesetzt werden! Jede Silbe ist ein RufAn das das deutsche Volk!", Ruf an den Einzelnen.

Nicht ernste, vielleicht hier und da verdämmernde Stimmung soll ihn zu dem Tage machen, der er sein soll, sondern innerster Aufbruch, heiliger Wille soll

kinswerdung im Dienste am Geiste, Quellen suchen geht und das deutsche

er sein!

Aufschwungs- und Verlebendigungstag, Tag, da die Meinung schweigt und die Gesinnung alles ist!

Tag der Einswerduna im Dienste am Geiste, r Tag, ba man Quellen suchen geht und das deutsche Herz!

Wallfahrtstag,, da e i n Rhythmus schwingt, eine gielstrebigkeit herrscht, da der Marktlärm des ebens verstummt und der letzte Winkel des Da­seins etwas von den Schauern einer Andacht spürt. Tag der Rückschau, der wahren, seelenvollen, die zugleich eine kernhaste Vorwärtsschau bedeutet, Tag, derdie Fäden wieder anknüpft" an Heiliges, Liebes, Großes und Echtes. Tag, der uns zuruft: Seht, aus dem Kerne lebten sie, stürmten sie vor­wärts, hielten sie Unsagbares durch Jahre hindurch i aus, aus dem Kerne starben sie, vollbrachten sie das Opfer, auf daß Ihr und Eure Kinder leben könnt! f Ach, wie leicht ist das doch alles vergessen!

; Schaut euch in dem gewaltigen Spiegel! Klar und rein ist sein Glanz und doch gibt er manches Zerrbild wieder, das ihr bietet! Wie marktet ihr um die kleinen und kleinsten Dinge! Wie stellt ihr sogar gute Altäre mitten auf den Markt zwischen die Nüchternheiten! An Altären treibt ihr Handel, unb' eure Seele ist eine Unwürdige geworden! Wie ^ schreien die vielen Klüfte im Volk gen Himmel, wie seid ihr kalt gegeneinander und haßt den, der etter Bruder ist!

L Treibt heiliges, inwendiges Werk, daß der heilige Spiegel euer schönes Bild euch zeigt und damit eine freie und sonnige Zukunft!"

Laßt wieder den Kern alles fein und nicht die Schale triumphieren! Gleicht euer Leben dem der gefallenen Helden an, auf daß ihr ähnlich werdet s ihrem Ernste, ihrer Unbestechlichkeit und herrlich wandelnden Schönheit!

^ Du aber, der du ein Liebstes opfertest, wisse, er bleibt ein schaffendes Teil des Denkmals erhabenen Lebens; er bleibt ein heiliger Funken aus dem dunklen Glanze, der da webt um das Wunder des deutschen Opfers!

Sie sagten Ja zum Tode, zu. Not und Gefahr! z Sage du Ja! in ihrer Weise zum Leben!

- Dein Leben sei das Amen auf ihren Tod!

Sie starben für uns

Von Georg Wagener.

Vor dem Dorfeingang steht das Denkmal. Vier- ? «ndachtzig Namen sind mit goldenen Buchstaben in 4 den Sandstein gegraben; vierundachtzig, die ihre Pflicht dem Vaterland gegenüber mit dem Tode besiegelt haben; junges Blut, das sich nicht halten SylieB und hinausstürmte, um im flandrischen Sumpf H sein kaum begonnenes Leben hinzugeben, gereifte V Jugend, die dem Ruf zur Fahne freudig folgte, . gesetzte Männer, die sich nur schweren Herzens von I Frau und Kind trennten. Vierundachtzia in einem L kleinen Dorf!

I Achtlos brandet der Verkehr der großen Land- , straße am Denkmal vorüber; achtlos wendet der äy Dauer hinter dem Stein den Pflug und beginnt eine neue Furche: der Alltag gehört ja dem Leben, das A in wenigen Wochen hier wieder aus dem Boden D sprießen soll. Wer denkt da noch an die Toten, die K irgendwo drüben im Westen, weit hinten im Osten, überall in der ganzen Welt modern und vergeßen .. sind?

L Da plötzlich leuchtet die matte Sonne des Vor- W.Frühlingstages über einem veränderten Bild. Frische 8 Kränze türmen sich am Fuß des Denkmals, seidene K Schleifen glänzen- helle Blumen prangen, und vor der steinernen Pyramide staut sich das ganze Dorf und lauscht den Worten des Redners. Der spricht . von ihnen, den Vierundachtzig, die aus ihrer Mitte gerißen wurden, von den zwei Millionen, die das Mganze Vaterland hergeben mußte, und von der MDankespflicht den Toten gegenüber.

D Dolkstrauertag. Der Tag, da sich alle der Gefallenen erinnern, und den so viele bald lieber vergessen, bis auf die Mütter und Frauen, - Oie nie vergessen können.

£ Tragen wir allein die Schuld daran, daß wir so selten unserer Toten aus dem Weltkriege ge­denken? Ist es das nie rastende Jagen modernen Alltags, das uns während des ganzen Jahres keine Zeit läßt, um der Erinnerung an di« Gefallenen eine stille Stunde zu-weihen? Ist es der verlorene v Krieg, der uns mahnt: nur nicht von dennutzlosen" Opfern sprechen und immer aufs neue Wunden auf- 'è reißen,, welche die Zeit schon verheilen ließ?

Nein, Ihr Kopfhänger! Das Leben selbst ist es, U unsere eigenste Natur, uni . Wesen, das sich allen Schicksalsschlägen zum Trotz immer wieder zur 1 Lebensfreude ourchringt und das Schwere vergange- L ner Tage vergeßen läßt, im natürlichen Bestreben, ; das kurze Leben zu genießen! Wer außer den 'Toten kann uns der Undankbarkeit zeihen, mene

gefallen!" rufen sie uns zu,was wäret Ihr Leben- den ohn« uns, ohne die zwei Millionen Toten? Wo wäre das Reich, das Vaterland, wenn wir nicht dafür gestorben wären? Was wäre aus Deutschland geworden,. hätten wir Euch nicht geschützt, hätten wir nicht die Uebermacht der Feinde länger als vier Jahre aufgehalten, bis sie selbst dem Erniatten nahe wir im Getriebe des Alltags ihrer uneingedenk wer­den und immer wieder eines Tages im Jahre be­dürfen, um uns ihrer zu erinnern. Die Gefallenen selbst aber wollen es nicht, daß wir uns durch die stete Erinnerung an ihren Verlust das Leben ver­bittern und zu Kopfhängern werden.

Sie wollen es aber auch nicht, daß wir, wie so viele unter uns, immer wieder fragen: Warum mußtet Ihr nutzlos sterben, warum hat Euer Opfer den Krieg nicht zu unseren Gunsten beendet, warum seid Ihr umsonst in den Tod gegangen, der eine freudig mit einem Lied auf den Lippen, der andere pflichtgetreu, das Entsetzen in den starren Augen, als eine Mine ihn zerriß?Wir sind nicht nutzlos waren und sich auch nach Eurem Zusammenbruch nicht stark genug fühlten, um ein Volk, für das zwei Millionen starben, völlig auseinander zu reißen?

Ein unbekanntes deutsches Heldenmal im Ausland

Das schlichte Totendenkmal für die Gefallenen des KreuzersDresden das auf dem Friedhof in Concepcion (Südchile) steht und von den dortigen Ausländsdeutschen in Ehren gehalten wird

War es nicht der Geist, der uns zum Opfertode führte, der auch nach der Revolution das Reich er­hielt, der so mächtig war, daß die neuen Machthaber ihn rufen mußten, sollte das Vaterland nicht unter den Folgen ihres leichtsinnigen Umsturzes zerfallen? Für Deutschland sind wir gestorben, und seine Ret­tung vor dem Untergang war unser Werk! Seht, so starben wir nicht nutzlos!

Laßt die Köpfe nicht hängen über unseren Ver­lust; doch vergeßt uns auch nicht und weiht den einen Tag im Jahr unserem Gedenken allein!

Schmückt heute unsere Gräber und spielt uns Lied vom guten Kameraden!"

das

Die letzte Zigarre

Skizze von Hannes M. Waller-Orb,

Gedeckt stand die fünfte Kompagnie im Hohlweg. Am Mittag hatte sie gestürmt und war abgeschlagen das erste Mal seit Monaten. Die neueWelle" war da. In ihren Reihen stürmte auch die siebente Kom­pagnie mit. Noch ein Fanal aus Feuer, Blut und Tod; dann stand man wieder mit zitternder Flanke im Engpaß. Davor aber breitete sich das weiße Linnen des Schnees um Sterbende und Tote, färbte sich rot in vielen Tröpfchen und Lachen von Blut. Stöhnen bebte auf und geisterte weh herüber, bis die Nacht blaudunkle Schleier über das Leichentuch des Schlachtfeldes hängte. Aber das Dunkel war friedlos, voll grauer und zerrißener Furcht. Leben schrie seine verzweifelte Qual in rasendem Schmerz hinaus, Herzen vergaßen das Klopfen, wurden still, verlöschten. Lauter hämmerten die Maschinen­gewehre, bläfften die Gewehrläufe, bellten wie viele Hunde die Feldgeschütze! Auf heulenden Granaten ritt der fliegende Tod, krachte mit höllischem Ge­brüll und fraß johlend schwarze Wunden in die schneeweiße Haut der Mutter Erde. Die Feuer der Einschläge setzten sich wie tausend Totenlampen in die Nacht.

Nicht mehr planlos wie in den ersten Wochen streute der Rumäne seinen Geschoßhagel im Ge­lände umher. Die Stellungen, aus denen der Feind jetzt geworfen ward, hatten ein anderes Gesicht als früher. Sie waren für den Krieg gebaut. Deutlich iah und spürte man das Wirken kriegsgewohnter Instrukteure aus Frankreich und Rußland. Die brachten nun Ordnung in die kopflose rumänische Armee.

Immer noch duckte sich die fünfte Kompagnie in den Hohlweg. Todesmüdigkeit lähmte alle Mus­keln, Hunger durchwühlte die Eingeweide wie eine knurrende Bestie, vor Frost klirrten die Glieder in ihren Gelenken. Müde Rücken lehnten schwer und schwerer werdenden Tornister stützend auf die Steil­wand der Schneewehe. Flüstern wisperte in der Mannschaft, Parolen gingen um; man wußte und raunte, es stand nicht gut pent. Die deutschen

Schützen lagen in Linie dicht vor der feindlichen Stellung. Liegend boten ihre graudunklen Körper auf dem Weiß des Schnees gutes Ziel, selbst im Dämmerlicht der Dezembernacht. Wieder Stürmen! Aber das höllische Feuer brachte auch diesen Sturm zum Stillstand, schmiß die einstige Garde wieder zurück hinter das Bollwerk des Engpaßes. Rück­zug? Unmöglich! Im Hohlwege flüsterten sie: Wir müßen noch einmal hinein in die Hölle! Wir müssen die dünnen Linien dort vorantragen an den Feind!" Wir müssen ach, müssen! Wenn der hungrige Magen wie ein reißendes Tier im Leib liegt, wenn die Finger Eiszapfen sind aus gefrore­nem Blut, wenn die Beine beim Laufen in den Hüften knarren wie eingerostete Scharniere; wer hat es je erlebt und gefühlt in eisiger Hoffnungs­losigkeit, mit brennendem Herzen, auf verlorenem Posten! Und doch! Pflicht nagte in der Brust, mahnte eifern und stetig: Kameraden in Not! Hilf ihnen da vorn aus der Hölle! Die Augenlieder flackerten vor Müdigkeit. Bangigkeit bangte fra- gend: Krallt sich dann nicht auch dir heut' nacht noch die Knochenhand um die Kehle? Dann fiel un­wirklich und seltsam ein Traum zwischen die

Reihen. Da und dort der lichte Traum von Mutter und Schwester, von Braut und Weib, und ein Kind reckte von fern rosige Händchen in den Hohlweg Dunkel raunte befreiungssuchendes Ermatten: Heut' ist ja doch alles vergebens. Muß das sein?"

All diese Bilder erfüllten in wirrer Folge die Luft des Hohlwegs. Nicht nur diese! Wär's hell gewesen, hätte ein Scheinwerfer die klein« Schar ins Licht gezerrt, hätte man auch andere Gesichter geschaut, zum Aeußersten bereit. Ein wenig zur Seite stand der Leutnant. Knapp umschloß die Uni­form die schlanke Figur seines Körpers. Unter dem Stahlhelm dämmerte ein ehernes Gesicht, das in seiner kalten Unbewegtheit an einen Centurio cäsa- rischer Legionen gemahnte. Bei dem Leutnant stand sein Bursche, ein bärtiger Landsturmmann, nahe den Fünfzig. Der junge Offizier wartete ungeduldig auf Befehle, der Alte dachte bang an daheim. Er war wie ein Fremder im Kreis der anbern. In dieser einen Nacht, hoffnungslos wie die am Oel- berg. Alles ist so fern und doch wieder so nah. Was für ein Laut war das? Drang's nicht wie Stöhnen aus gepreßter Kehle:Herr, wenn es möglich, laß' diesen Kelch . .

Dann kam endlich Befehl:Bataillon rückwärts sammeln im Grund. Sturm abgebrochen." Die Kompagnie fomierte sich schweigend. Stiller Rück­zug war des langen Tages kurzes Ende. Schwer und müde wurde der Marsch wie ein leises, trau­riges Lied . . . Das Bataillon war endlich gesam­melt; der Leutnant stürzte hinüber zu der sieben­ten Kompagnie. Das galt einer alten Liebe feit Kriegsausbruch gehörte er ununterbrochen zu ihr. Erst vor einer Woche war er in die Fünfte versetzt worden, abey fein Herz blieb bei den alten Kame­raden und seinem besten Freund, dem blonden Hayden. Als Kriegsfreiwillige waren die beiden zu­sammen ausgebildet, hatten Schulter an Schulter den ersten Kugelregen durchstürmt, wurden im gleichen Kursus zu Offiziersaspiranten ernannt. Dann kamen gemeinsame Gefahren; sie kämpften auf denselben Schlachtfeldern, wurden zugleich aus­gezeichnet und befördert. Es war ein Ideal männ­licher Kameradschaft und Freundschaft, was sich in diesen beiden Jungen verkörperte. Miteinander teil­ten sie ihr letztes Brot, den letzten Tabak und redlich auch das einzige Bett, wenn's not tat. Sie hatten sich immer die Seite gehalten; jeder wußte, was er am andern hatte. Noch heute morgen waren sie einan­der nahe gekommen. Aber nur kurze Zeit hatten sich die Freunde sprechen können. Schließlich fragte Hayden:Hast du nichts zu rauchen?" Er war ein leidenschaftlicher Raucher, und das geliebte Kraut fehlte ihm schon seit zwei Tagen. Der andere griff in die Tasche, zog eine Zigarre hervor:Es ist die letzte, aber dir gebe ich sie gern."

Ist das die ganze Siebeute?" fragte bet Leutnant der fünften Kompagnie einen alten Uutev» offizer, in dessen ernstem Gesicht noch. immer ein»

Feuerschein aus der grauenvollen Hölle dieses Abends geisterte. Der Mann schien die Frage nicht zu hören. Er hob nicht einmal seinen Blick von den Händen, die sich auf die Gewehrmündung stützten. Hinter schmalen Lippen des Leutnants formten sich noch einmal fragende Worte, quollen tonlos hervor und rollten schwarzen Kugeln gleich zury Ohr der Unteroffiziers:Die andern blieben alle da vorn?" Da sah ihn dieser blicklos an. Schwieg. Dann nickte er langsam und schwer.Und der Führer Leutnant Hayden?"Der auch . , / flüsterte der Mann erstickt; wie ein Ball stieg es ihm dabei in der Kehle empor, zerpreßte chm die Worte im Hals, daß sie zum Stöhnen wurden. Hastig, noch einmal und drängend fragte der Junge und krampfte dabei wild die Hand in die Schuster des andern,-daß der erschreckt zusammerrfuhr;Er ist doch nicht?" Schweigen. Atmen. Ge­fallen . . ." sagte die gepreßte Stimme des Unter- offiziers, dumpf und ohne Ton. Wie ein Ham­merschlag fiel das Wort dem Leutnant auf di« Stirn. Sein Gesicht wurde ganz leer, das Denken zerflatterte Die Zeit stürzte ein, das Gehirn war auf einmal ein wüster Haufen ohne Ordnung und Zweck. Dann fielen heiße Brände in alle Adern! Aus der Brust sprang der rote Duett von Liebe und Schmerz um den verlorenen Freund, rauschte wild und weh auf in abgrundtiefer Trauer, daß sein Herz sich jäh zusammenkrampfte. Und stockend sagte jeder Pulsschlag nur ein Wort: tot . - .

Da stürzten dem Leutnant die hellen Tropfen aus den Augen, zitterten wie Tau an den langen Wim­pern und rollten brennend auf die Hände und den Boden hinunter. Dort empfing sie die rumänische Erde mit kühlem Schnee und trank sie wie vorher das rote warme Blut des toten Hayden. Tränen, die ein Held dem Helden opferte. Der Leutnant schämte sich ihrer nicht. Eine Welle noch stand er starr bei dem alten Unteroffizier. Dann fuhr er sich mit der Hand langsam über die Lider, hinter denen seltsam Farben, Klänge, Worte und Bilder wogten. Sie flossen ineinander, lösten sich, stiegen auf und versanken in schwarzen Wolken. Alles war Qual. Dann ging der Leutnant langsam zu seinen Leuten zurück; tief und dunkel waren seine Augen in die Höhlen gesunken.

Viel später erst fiel ihm ein, daß er es war, der dem Gefallenen die letzte Freude gab: Eine Zi- garre, eine armselige Kriegszgarre, ein paar Mund- voll Rauch, der verweht war wie die Seele des Toten in das weite All. Die letzte Freude: Eine winzige Kleinigkeit, fast wertlos, und jetzt doch un- schätzbar! Sinnblld einer Freundschaft, die nicht mehr sterben sonnte, wenn auch der andere Der ging . . .

Unsere Kriegergräber

Einmal im Jahr, am Dolkstrauertag, kehren die Gedanken des ganzen deutschen Volkes zu den zwei Millionen zurück, die draußen im Feindesland ihr« Pflichttreue mit dem Tode besiegelt haben. Nur dem kleineren Teil der Angehörigen ist es möglich, an diesem Tags am Grabe der Gefallenen einen Kranz niederzulegen, denn die meisten unserer Toten ruhen draußen im fremden Land. Zwar sind internationale Vereinbarungen getroffen worden, die den Schutz der Friedhöfe dem Lande zur Pflicht machen, in dessen Gebiet die Gräber liegen, aber wir Deutsche haben mit Bedauern feststellen müssen, daß die ehemaligen feindlichen Regierungen nicht die Sorgfalt auf die Pflege der Ruhestätten ver­wenden. die man wünschen möchte. Deshalb war es außerordentlich zu begrüßen, daß bald nach dem Kriege derVolksbund Deutsche Kriegergräber-Für- sorge" gegründet wurde, der, wie schon sein Nam« sagt, sich die Pflege der deutschen Heldenfriedhöfe zur Aufgabe machte.' Der Bolfsbunb verfügt heute über ein ausgedehntes Netz von Vertrauensleuten im ehemaligen Feindesland, die ehrenamtlich die Pflege der bekannten Gräber übernommen haben und auch an besonderen Tagen, wie am Volkstrauer- tag, den Schmuck der Friedhöfe vornehmen. Außer- dem läßt der Volksbund die einzelnen Länder durch Vorstandsmitglieder bereifen und den Zustand der Gräber prüfen.

Ich hatt einen Kameraden

Fahnen wehen auf Halbmast. Dumpf klagen die Glocken in den frühlingsnahen Tag. Es ist, als ob gedämpfter Trommelklang durch die Gaßen wuchtet. Als ob das Lied vom guten Kameraden von fernen Gräbern herwehte.

Ich hatt' einen Kameraden". Er ging an deiner Seite. Am Toten Mann vor Lodz in tropischer Sonnenglut und auf stürmenden Meeren. einen besseren fandst du nit."

Und denkst du noch daran? eine Kugel kam geflogen". Sie galt nicht dir. Aber ihn hat sie weggerißen. Mehr als einen guten Kame­raden. Irgendwo.

Es mag ein schmerzliches Erinnern dem Geden- ken eines Vaters, eines Sohnes, eines Bruders brennen. Es mögen tiefgeschlagene Wunden nie vernarben. Es starben ihrer ja so viele! Manch Bester ging. Wenn es ehrenvoll war, für das Vaterland zu sterben", braucht es dann noch ein Wofür?"

Sie wollten feinein einig Volk von Brüdern und trennten sich in keiner Not. Selbst nicht im Tod für uns! Ein wehes Gefühl mag die Kehle schnüren. Doch nie soll es den Blick trüben für das, was sie als unser Teil hinterließen: ihrer wert zu sein. Denn sie starben nicht umsonst. Sie waren Saat, gleich der, die jetzt aus dunkler Ackerkrume bricht.

Darum ist der Dolkstrauertag als ein besinn­liches ritardando zwischen das Stirb und Werdet in der Natur gesetzt, das aus dem furioso des Ge­wesenen es war ein Sturm, der alles aus den Angeln riß zu einem andante con moto über­leiten soll. Und in diesem Lebenslied klingt da« Leitmotiv auf: Sei, der du sein sollst! Wie sie waren, was sie sein mußten. Für uns!

Denn kommen wird ein Tag, an dem Erfüllung wird, wofür sie fielen: Für uns alle. Darum sollen jene uns Führer sein zu uns selbst. Sannt wir einst sagen können: ich habe einen guten Kampf gekämpft, für die anderen, die nach uns fein werden,