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Freitag den 20. Januar 1928
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E-öOlsS.
Hanau, 20. Januar.
GläubrsevvLvkammlrms dev in KSNkuvs sevaterre« Gewerbe- bank
Gestern vormittag fand im Schwurgerichtsfaal unter Vorsitz des Herrn Amtsgerichtsrats Dr. Kleinmann die erste Gläubigerversammlung der in Konkurs geratenen Hanauer Gewerbebank statt. Nach Feststellung Ler erschienenen Konkursgläubiger erstattete der Konkursverwalter, Herr Rechtsanwalt Dr. Klemm seinen ersten Bericht über die Entwicklung der Gewerbebank bis zum Konkurs und Der die Maßnahmen, die nach dem Konkurs getroffen worden sind. Nach diesem Bericht ist Lie Gewerbebank im Jahre 1915 gegründet worden. Sie entwickelte sich in der ersten Zeit verhältnismäßig günstig. Aber schon seit Jahren vor der Konkurseröffnung ergab die Geschäftsführung für die Revi- sionSbehorde der jeder Prüfung Anlaß zu den ernstesten Bedenken, die auch in jedem Prüfungsbericht ausführlich wiedergegeben sind. Die Bedenken wurden aber nicht nur schriftlich niedergelegt, andern wurden auch dem Aufsichtsrat münd- ich erläutert. Hauptsächtlich gab das leicht- ertige Einräumen von Krediten ohne genügende Sicherheit Anlaß zu Beanstandungen. Trotz aller, Beanstandungen wurde keine Abhilfe geschaffen. Hinzu kam noch, daß die Mittel der Bank keineswegs ausreichten, um die vorliegenden Bedürfnisse zu befriedigen, sodaß die Bank gezwungen war, mit teurem Bankkredit zu arbeiten. Dabei machte die Bank noch den weiteren Fehler, daß sie selbst an ihre Schuldner, die aus Kredit gegebenen Gelder zu einem billigeren Zinsfuß auslieh, als die Bank selbst das Geld bekam. Des weiteren wurden von den beiden Vorstandsmitgliedern Simon und Schnitzer Wechselfälschungen in beträchtlicher Höhe vorgenommen, wodurch die Kontis der Genannten eine recht erhebliche Höhe erreichten und heute in dieser Höhe als voll dubios bezeichnet werden müssen. Auch seitens des Auffichtsrates sind Kredite in Anspruch genommen worden, die keineswegs in einem angemessenen Verhältnis standen zu der der Bank gegebenen Sicherheit. Weiter muß noch die fehlgeschlagene Börsenspekulation, die seitens des Vorstandes verbotswidrig vorgenommen wurde, hervorgehoben werden. Diese geschah in der Absicht, durch einen größeren Gewinn evtl, die Bank wieder flott zu machen. Trotzdem die Bank infolge dieser Geschäftsführung an sich schon seit Jahren eine erhebliche Unterbilanz hätte aufweifen müssen, verstand es der Vorstand diese Entdeckung bis November 1927 hinauszuziehen und zwar dadurch, daß er einmal die Dubio- senforiderungen als vollwertig ht die Bilanz einsetzte, daß er fingierte Wechselbestände und Kontis ein- vichtete^ falsche Bürgschaften anfertigen ließ und die ihm liberlassenen Sicherheiten in erheblichem Maße höher bewertete.
Der Konkursverwalter gab sodann die unver- bindliche Wertbilanz per 31. Dezember 1927 bekannt, die mit einem Verluftvortrag von 297 000.— Mk. abschließt. Die Außenstände in Hanau bezifferten sich I »us 439 907 Mk., i n Somborn auf 40 600.60 L Wart „in Klein-Steinheim auf 4970 Mark und i i u Großauheim auf 4389 Mark. An Du- twiosen sind von diesen Beträgen rund 171 000 Mk. IMgeschrisben worden, eine .Summe. die allerdings lyna HAnsicht des Konkursverwalters zu niedrig be- ' messen sein dürfte. Die Passivseite sieht an Spareinlagen vor: aus Hanau 115,532.— Mk., aus Somborn 27 694.— Mk., aus Großauheim 863.— und aus Klein-Steinheim 5479 Mark, zusammen rund 150 000 Mk. Die Bankschulden betragen insgesamt 233 000 Mk., daran ist die Genossenschaftsbank Wiesbaden mit 194 000 Mk. beteiligt.
Aus den Ausführungen des Konkursverwalters war weiter zu entnehmen, daß die Bank ca. 580 Genossen hat, von denen jedoch vielleicht nur 350 für die Haftsumme als zahlungsfähig in Frage kommen dürften. Die kreditgebenden Banken sind mit Ausnahme der Genossenschaftsbank in Wiesbaden reichlich durch Sicherheiten gedeckt, sodaß zu hoffen steht, daß aus den Sicherheiten noch ein gewisser
Vorteil für die Gemeinschuldnerin herausgeholt werden kann. Schließlich erwähnte der Konkursverwalter noch den Verkauf des dem bisherigen Vorstandsmitglied Simon gehörigen Hauses, an Herrn Dr. Frank Limbert den Vorbesitzer dieses Hauses. Außer der Verhaftung der beiden Bankdirektoren ist noch das Untersuchungsoerfahren gegen zwei Angestellte der Dank eröffnet worden.
Der Konkursverwalter kam dann aus die in der Presse bereits erwähnte, noch im Gange befindliche Stützungsaktion seitens des Verbandes der Erwerbs- und Wirtschaftsgenosienschaflen am Mittelrhein zu sprechen. Von toem genannten Verband ist ein Vorschlag gemacht morben, nach dem sich eine Reihe dem Verband angeschiossener Genossenschaften verpflichten wollen, von den rd. 230 000 Mk. betragenden Spareinlagen und Konto-Korrent-Ein- lagen 40 Prozent sofort zu bevorschussen gegen Abtretung der Forderung dieser Gläubiger der Gewerbebank Hanau. Falls aus der Masse mehr als 40 Prozent gelöst werden, so kommt die Mehrquote in Form einer Nachzahlung den Gläubigern zu Gute. Der hierfür erforderliche Betrag von zirka 100 000 Mark soll derart aufgebracht werden, daß jeder der Genossenschaften im prozentualen Ver- hâltnis chre Bilanzsumme vom 31. Dezember 1927 der Zentralstelle gegenüber eine selbstschuldnerische Bürgschaft übernimmt. Werden aus der Konkursmasse weniger als 40 Prozent gelöst, so verteilt sich der Verlust auf die Genosseulchaflen entsprechend den übernommenen Dürgschafts- oder Barbeträgen. Auf diese Verpflichtungen gehen die Genossenschaften des genannten Verbandes jedoch nur unter der Voraussetzung ein, daß der Status der Gmnrbebank, Verbandsrundschreiben vom 4. Januar 1928 vorgelegten Zahlen nach Anhören des Konkursverwalters heute noch entspricht. Da jedoch nach Aus- sage des Konkursverwalters diese Voraussetzungen vorläufig noch ausstehen, kann man nur sagen, daß die erwähnte Stützungsaktion noch nicht spruchreif ist
Der Konkursverwalter, Rechtsanwalt Dr Klemm, wurde einstimmig wiedergewählt. In den Gläubigerausschuß wurden gewählt die Herren Justizrat Dr. Heilbrunn, Rechtsanwalt Dr. Moritz, Rechtsanwalt Dr. Schröder, Dr. Graf- Groß-Steinheim, Glasermeister Steube. Direktor Straßburger und Direktor Tiefenbacher. Falls die Stützungsaktion gelingt, so kommen in den Gläubigersauschuß noch zwei Herren dieser Genossen- schaften hinzu.
Das Gelingen dieser Stützungsaktion wäre wünschenswert, damit die Spargläubiger möglichst rasch zu einem Teil ihrer Spargroschen kommen. Gelingt sie nicht, dann haben die Gläubiger auf ab- sehbare Zeit nichts zu erwarten, denn dieser Konkurs liegt außerordentlich kompliziert und die Ab- wicklung wird lange Zoi^ in Anspruch nehmen.
Vom ehemaligen Aufsichtsrat wird uns folgendes mitgeteilt:
Wie wir hören, soll in der gestrigen Gläubiger- versammlung Herr Dr. Klemm in seinem Bericht erwähnt haben, daß von Seiten des Aufsichtsrats Kredite in Anspruch genommen worden wären, die in keinem Verhältnis zu den gegebenen Sicherheiten ständen. Hierzu bemerken wir, daß von den vier Herren des Aufsichtsrats, die Kredite in Anspruch genommen haben, nur ein Herr geringer gedeckt hat, während für die anderen Autsichisrarsnmgltetzex genügende Sicherheiten vorhanden sind.
3«m NeMluß des Mobsiungs- atWdmffed des KeiEsSaqS
Der Beschluß des Wohnungsausschusses des Reichstags über Aufhebung der Vorschriften des Reichsmietengesetzes für Wohnungen mit mehr als e Wohnräumen ist teilweise mißverstanden wor-
Reichsmietengesetz und Mieterschutzgesetz bleiben nach wie vor für die bereits vermieteten Wohnung» jeder Art in Geltung. Der Vermieter ist also berechtigt, eine Erhöhung der Miete zu fördern. Nur falls nach dem 1. April 1928 eine Wohnung mit mehr als fünf Wohnräumen frei- geworden ist und neu vermietet wird, fall der neue Mieter an die von ihm vereinbarte Miete gebunden sein und sich nicht mehr auf die gesetzliche Miete berufen dürfen. Die Strafbestimmungen gegen den
Vermieter sollen auch hier gelten. Je mehr der-, • Daten für Samstag, 21. Januar. Sonnen- artige Versuche einer Lockerung des Mieterschutzes I auf gang 7.45, Sonnenuntergang 16.29; Mond- âu nicht gerechtfertigten Mietsteigerungen ausgenutzt' aufgang 7.14, Monduntergang 14.44. 1793: Hin- werden, um so weniger ist mit weiteren Lockerungs-! richtung des Königs Ludwig III. von Frankreich (geb. 1745). 1804: der Maler Ludwig v. Schwind in Wien geb. (gest. 1871). 1851: der Komponist Albert Lortzing in Berlin gest. (geb. 1801). 1867: der Schriftsteller Ludwig Thoma in Oberammergau geb. (gest. 1921). 1872: der Dichter Franz Grill- parzer in Wien gest. (geb. 1791). 1924: der Erste Volkskommissar der russischen Sowjetunion Wladimir Jljitsch Lenin in Gorki bei Moskau gest (geb 1870).
Die Abstempelung der Kennzeichen der Kraftfahrzeuge. Im November 1926 wurden die Befugnisse zur Aushändigung der Zulossungsbescheini- aunaen und zur Abstempelung der Kennzeichen der Kraftfahrzeuge in Landkreisen den Landräten übertragen. In letzter Zeit sind jedoch Klagen darüber laut geworden, daß die Vorführung des Fahrzeuges in der Kreisstadt in solchen Fällen unbequem empfunden wird, in denen der Wohnsitz des Fahrzeughalters oder der Standort des Fahrzeuges sich in größerer Entfernung van der Kreisstadt befindet. Um mehrfachen in dieser Hinsicht hervorgetretenen Wünschen zu entsprechen, haben daher der Handelsminister und der preußische Innenminister in einem
versuchen zu rechnen. — Der Beschluß des Woß nungsausschusses bedarf im Uebrigen noch der Zu- stimmung des Reichstags.
Oie Abgabe dev Ämsatzfteuev- evkèSvuns
Die Umsatzsteuererklärung ist bis zum 15. Febr. 1928 abzugeben. Steuerabjchnilt ist — wie bei der Einkommensteuer und Korverjchaftssteuer — für Betriebe mit einem Wirtschaftsjahr das Wirtschaftsjahr, für die übrigen Betriebe das Kalenderjahr. Für Gewerbetreibende und Berufstätige ist, soweit sie Bücher nach den Vorschriften des Handelsgesetzbuches führen, das Wirtschaftsjahr der Zeitraum, für den regelmäßige Abschlüsse gemacht werden.
Zur Entlastung der Finanzämter hat, wir der Hansa-Bund erfährt, der Reichsfinanzminister tn einem besonderen Erlaß an die Präside ten der Landesfinanzämler gemäß Paragraph 12, Absatz 2, USt. AB- die nichtbuchführenden Umsatzsteuerpflichtigen, deren Geiamtumsatz einschließlich der etwa steuerfreien Umsätze im Kalenderjahr 1927 den Betrag von 10 000 RM nicht überschreite!, sowie die Umsatzsteuerpslichtigen, die im Jahre 1927
Vorauszahlungen in gleicher Höhe wie für 1926 entrichtet haben, von der Abgabe der Umsatzsteuererklärung befreit. Durch diese Bestimmung dürste also praktisch in erster Linie die Mehrzahl der kleinen Gewerbetreibenden von der Abgabe der Um= iatzsteuererklärung befreit sein.
Diesen Pflichtigen ist jedoch ein Umfaßji.ut.er« klarungsvorüruck mit Fragebogen für Em mmsn- steuerzwecke zuzusenden, wenn dieses zur Ermitt- 1 lung des Einkommens erforderlich erscheint, »de' > wenn die geleisteten Vorauszahlungen für 1927 dem tatsächlichen Umsatz offenbar nicht entsprechen. Durch diese Anordnung dürfen einerseits größer« Steuer-
betröge nicht ausiallen, andererseits ist bei der An- Wendung dieser Bestimmung von jeder kleinlichen Handhabung abzusehen. Soweit hiernach Umjatz- steuererklärungsvordrucke mit Fragebogen nicht zuzusenden sind, hat auch die Umsatzsteueroeranlagung für 1927 zu unterbleiben In den Fällen dagegen, in denen ein Steuerbescheid tu erteilen ist, ist üon der Anforderung geringfügiger Abfchiußzahlungen stets abzu sehen.
Für 1927 hatte der Reichsfinonzminister angeordnet, daß bei Steuerpflichtigen, deren Gesamtumsatz 10 000 RM im Kalenderjahr 1926 nicht überstiegen hat, von weiterer Nachprüfung der Vorauszahlungen abzusohen ist, falls die Pflichtigen im Jahre 1927 Vorauszahlungen in gleicher Höhe wie für die entsprechenden Vierteljahre des Jahres 1926 entrichten, und daß in solchen Fällen von der Abgabe von Voranmeldungen abgesehen werden kann. Dieses Verfahren sollte versuchsweise für das Jahr 1927 gelten. Di« Auflassung über die Beibehaltung des Verfahrens ist innerhalb der Verwaltung geteilt. Da die Auswirkung derzeit noch nicht übersehen werden kann, soll, wie der Hanfa-Dund weiter erfährt, das Verfahren versuchsweise auch für die Umsatzsteueroorauszahlungen im Jahre 1928 beibehalten werden. Es gilt auch für die Steuerpflichtigen, deren Gesamtumsatz im Kalenderjahr 1927 10 000 RM nicht überstiegen hat. Der Reichs- sinanzminister ermächtigt jedoch die Landesfinanz, ämter, für ihren Bezirk von der Ausdehnung des Versghrens auf das Jahr 1928 abzusehen. Auch in diesem Falle hat aber eine Umsatz-steuerveranlagung dieser Pflichtigen für 1927 nur im Rahmen der obigen Anordnung zu erfolgen.
* Mem gehört das Fahrrad? Gefunden wurde ein Herrenfahrrad, Marke Fahrrad- und Metall- werke L. Bauer u. Co., Klein-Auheim, Nr 59 728, schwarzer Rahmen und schwarze Felgen, engl. Lenkstange, älterer Sattel (Hammeck), Luftpumpe. Der Eigentümer kann sich auf Zimmer 190 der Krim.- Polizei melden.
* Arbeitsjubiläum. Heute kann Herr Heinrich Baumann von hier auf eine 25jährige Tätigkeit bei der Eisengießerei Wilhelma G. m. b. H. zurückblicken.
* Freibank-Verkauf. Samstag, 21. Januar, von vorm. 8 Uhr: Verkauf von Rindfleisch. Preis 60 Pfg. Höchstgewicht 6 Pfund.
gemeinsamen Runderlasse die Regierungspräsidenten ermächtigt, dort, wo es die örtlichen Verhältniff» angezcigt erscheinen lassen, nach Anhörung der Londräte die in Betracht kommenden Ortspolizei- verwaltunaen mit der Aushändigung der Au- lasiungsbelcheinigungnn und der Abstempelung der Kennzeichen zu betrauen.
* Sebaskianstag. Am 20. Januar gedenkt die katho'ische Kirche des Märtyrers Fabian Sebastian, der nach der Ueberlieferung unter Kaiser Diokletian
Hauptmann in der Prätorianergarde war. Er starb ! seines christlichen Glaubens wegen den Märtyrertod. Die Kunst stellt ihn mit Vorliebe an einen
Baumstamm gebunden dar und mit vielen Pfeilen durchbohrt. Er gilt als der Schutzpatron gegen die Pest. Auch wählen ihn die Schützengilden gerne zu ihrem Schutzpatron.
* Briefjenbungen nach Berlin. Briefsendungen nach Berlin, die in der Aufschrift die Angab« des Zustellungspostamts tragen (z. B. Berlin W 8, Berlin N 58, Berlin-Wilmersdorf usw.), werden schon während der Fahrt in den Bahnposten einzelner Nachtzüge nach den Berliner Zustellämtern verteilt und diesen von den Bahnhösen aus unmittelbar zugeführt. Hierdurch wird erreicht, daß diese Sendungen in eine frühere Zustellung kommen, was für die Empfänger von wesentlichem Vorteil ist. Diese Sonderbchondlung kann auf Bri«fsen- dungen, die in der Aufschrift die Angabe des Zu- steUamts nicht tragen, aus betriebstechnischen Gründen nicht ausgedehnt werden. Diese Sendungen müssen daher noch wie vor dem Briefpoftamt (Berlin C 2) zugeführt und dort bearbeitet werden. Sie erleiden dadurch gegenüber den mit Zustellamtsangabe versehenen Sendungen eine Verzögerung hp der Zustellung. Auch sonst werden die letzteren allgemein mit Vorzug behandelt. Es liegt mithin in der Hand des Absenders, durch Angabe des Zustellpostamts in der Aufschrift der nach Berlin gerichteten Briefsendungen zur Beschleunigung in der Ueberfendung beizutragen.
* Schulvorlräge über die französische Fremdenlegion. In einem Erlaß des Preußischen Kultusministers Dr. Becker an die Provinzialschulkollegien und die Regierungen heißt es u. a.: So wichtig die Aufklärung der Schüler über die französische Fremdenlegion "ist, so unzweckmäßig erscheint es, diese Aufklärung von Männern geben zu lassen, deren Eignung die Schulen ausreichend zu prüfen meist nicht in der Lage sind. Auch ist zu besorgen, daß derartige Vorträge durch Anregung der Abenteurer- lust mancher Schüler das Gegenteil vom Erstrebten bewirken. Der Minister hat deshalb angeordnet, daß Vorträge außerhalb der Schule stehender Personen in der Schule nicht zu gestatten seien.
* 10 Mark Belohnung. In den Mittagsstunden des vergangenen Mittwochs wurde von unbekannten Tätern die im Schloßgarten befindliche Futterglocke entwendet. Für die Ermittlung des Täters hat der hiesige Kanarienzucht- und Vogelschutzoerein von 1886 zehn Mark Belohnung ausgesetzt. Sachdienliche auch vertrauliche Mitteilungen, die zur Ermittlung des Täters führen können, erbittet das hiesige Krim.-Kommissariat.
Ürheberrechtsschutz durch Verlag Osh. Meister. Werdau.
33. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Helbing ging nach dem Haus und traf Billmann mit Elisabech, die sich in Desuchstoilette geworfen hatte.
„Willst du nicht mitgehen zu Petersen?" frug der Doktor. . . .
„Der Kommerzienrat hat mich vor zirka drei Wochen besucht!" erklärte ihm Billmann. „Da kann ich also nicht gut darüber hinweg, nachdem ich einmal hier bin. Ich muß erwidern! Es wurde miet) freuen, wenn Sie mitkämen, lieber Direktor!
„Du hast ja ohnedies versprochen, dort dieser Tage vorzusprechen," warf Elisabeth ein.
In Helbings Gesicht zuckte keine Muskel.
„Wenn Sie es wünschen, Herr Billmann, dann komme ich selbstverständlich mit!" sagte er höflich.
„Nein, nein, lieber Direktor. Ich will durchaus keinen Zwang aus Sie ausüben, wenn Sie nicht Serne hingehen, dann bleiben Sie bei Rolf. Wir werden ochnodies bald zurück fein!"
Und Helbing blieb.
Für den Nachmittag hatte Elisabeth Petersen und Lona zu sich geladen. „Wenn ich Hans nur helfen könnte," sagte sie zu ihrem Manne. „Ich wollte es ja so gerne tun!"
„Ich rühre keinen Finger!" sagte Karsten. »Mir bliebe nichts als eine Kugel, wenn sie Unglücklich machte. Hans ist ein Mensch, der vollständig abweicht von der Masie. Jedes Experimen- steren bei ihm ist ein Wagestück. Ich glaube, es Aibt gar keine Frau, die ihn verdient — du aus- genommen, Liebste'"
Sie sah ihn bittend an.
„Soll ich ihm sagen, daß ich Petersen und seine Tochter eingeladen habe?" fragte sie.
Er überlegte und zuckte die Achseln. „Besser, du ™8ft es ihm! Er wird sich nicht drücken. Dazu ist Ek zu taktvoll! — Aber ich bitte dich. Kind, laß "«ine Hände aus dem Spiel! Hans hat schon genug fn der einen Schmmme. Eine zweite würde tödlich sein!"
Lene deckte den großen Tisch unter der Linde
hinter dem Haus. Die Sonne machte den Glimmer auf dem Kies glitzern und zitterte in tanzenden Pünktchen über dem weißen Damast, mit dem ein« gewebten Chinesenmuster und spiegelte sich eitel in dem Silber der Dosen und Nickeltassen.
Helbing hatte mit keiner Miene gezuckt, als Elisabech ihm von der Einladung gesprochen hatte. Als er Lene mit einem großen Tablett, auf dem Teller, Löffelchen, Kuche'nfchauseln und Zuckerzangen lagen, aus dem Hause treten sah, sprang er auf sie zu und nahm ihr die Last ab. Er faßte sie mit der einen Hand unter und schwenkte sie wie im Uebermut.
„Hans!" schrie Elisabeth entsetzt.
„Hat es Dich erschreckt?" lachte er. „Sieh' mal, es schaukelt oft etwas und fällt nicht!"
Er trug das Tablett manierlich an den Tisch und half ihr beim Verteilen.
„Meine erste große Einladung!" sagte sie lächelnd. „Nur der Diener fehlt!"
„Soll ich weiße Handschuhe anziehen und einen Frack, Elisabeth?"
„Du würdest es tun!" sagte sie ganz ernst.
„Warum niht? Es würde mir sogar einen Riesenspaß machen!"
Er hatte sich niedergekniet und ihr die Schuhbänder der weißen Halbstiefel geknüpft, die sich gelockert hatten. Karsten, der mit seinem Schwiegervater aus dem Hause trat, sah es und drohte ihm lachend!"
„Hans nimm dich in Acht! Ich bin ein furcht- bar eifersüchtiger Ehemann!"
„Ich habe noch nichts davon gemerkt!" gab er zurück.
„Frage meine Frau!"
Elisabeth warf ihm einen erschrockenen, warnenden Blick zu. Karsten rückte seinem Schwiegervcüer einen bequemen Stuhl neben den seiner Tochter und ließ sih dann ebenfalls in einem anderen nieder. Es ging erst gegen ein halb drei Uhr und für drei Uhr hatte Elifâbech gebeten.
„Wie lange hast du noch Urlaub, Hans?" fragte der Doktor.
„Vier Tage noch!"
„Sie sind doch noch nicht sechs Wochen hier?" warf Billmann ein.
„Ich habe nur die Hälfte für jetzt genommen," erklärt Helbing. „Den zw-iten Teil möchte ich gerne im Dezember einbringen, wenn es geht!"
„Schenke Hans noch acht Tage dazu für jetzt, Baterr bat die junge Frau.
Helbing war sichtbar verlegen. Lächelnd sah chn der Chef an.
„Wir könnten ihn so notwendig brauchen!" sprach Karsten. „Jh werde ihn überhaupt verpflichten, in Zukunft jeben Urlaub bei uns zu verbringen. Wer sollte denn meinen Jungen spazieren tragen? Für Elisabeth ist er zu schwer!"
„Ihr seid gut!" lachte Billmann. Wißt chr euch kein anderes Kinderfräulein, als meinen ersten Direktor? Wehren Sie sich doch, Herr Helbing! Sie werden hier ja förmlich ausgebeutet!"
Ueber Helbings Gesicht ging ein glückliches Lächeln. In Karstens Augen aber blitzte es auf. „Worte mein Lieber, jetzt helf' ich dir!" dachte er übermütig.
„Das Neueste weißt du noch gar nicht!" sagte er und nahm eine Kuchenschnitte vom Tortenteller — mitten heraus
Elisabeth wehrte erschrocken. „Rolf, du großer Junge! Kannst du nicht warten!"
„Hm — ja —. Für wen hast du eigentlich das gute Zeug alles hergestellt, du böse Frau? Doch in erster Linie für midjr
„Das denke ich auch!" pflichtete ihm Billmann bei. „Iß nur, Rolf!"
Vergnügt nahm er ein zweites Stück. „Tadellos!" sagte er. „Sag' einmal, Vater, gibst du einem ersten Direktor die Erlaubnis, ausguroanbern?"
Billmann war maßlos verblüfft. Rarsten weidete sich an Helbings Verlegenheit, wie ein Gasienjunge. der einen Schabernack ausgeübt hat
„Nun sieh', wie du dich aus der Klemme ziehst!" lachten feine Augen.
„Das ist natürlich ausgeschlossen!" erklärte Dillmann.
„Ich hoffe auch nicht, daß es im Ernst ge» meint ist!"
„Und wie!" warf Karsten ein.
Der Chef wandte sich mit ernstem Blick an ieinen Direktor.
„Herr Helbing, nun muß ich mich schon direkt mit Ihnen ins Benehmen setzen! Stimmt da, was mein Schwiegersohn soeben sagte?"
Helbing saß schweigend mit zusammengezogenen Brauen. B'llmann» Bütf, der nicht von ihm wich,! zwang ihn zum Sprechen.
„In gewissem Sinne stimmt es. Herr Billmann!"! sagte er fest. ^Jch wollte sie demnächst bitten, micbj
frei zu geben, falls Sic einen passenden Ersatz haben. Ich hätte in Brasilien etwas Geeignetes in Aussi cht."
Der Chef schüttelte ganz energisch den Kopf. — Sie haben sich unserer Firma fünf volle Jahre verpflichtet und wenn Sie auch die Strafe bezahlen wollten, die bei Vertragsbruch ausgesetzt ist, so werden Sie sich erinnern, daß Sie mir vor ungefähr sieben Wochen ehrenwörtlich versprachen, in meinem Betriebe zu bleiben, solange ich Sie benötige. Ihr Ehrenwort, denke ich, werden Sie doch nicht brechen wollen!"
„Nein!" spmh Helbing rauh. „Ich bleibe selbstverständlich!^ — Sein Blick traf Rarsten, so vorwurfsvoll, so voll innerer Dual und Zerifsenheit. daß dieser sich schweigend abwandte. Aber es reute den Doktor nicht.
Petersen kam mit seiner Tochter über den Kiesweg. Rarsten sprang auf und eilte chnen entgegen. Auch Elisabeth erhob sich mit ihrem Vater, die Gäste zu begrüßen. Helbing bat den Kommerzienrat um Entschuldigung, daß er noch nicht in der Villa gewesen. Petersen sah ihm mit einem großen, wissenden Blick in die Augen, als wollte er sagen: „Du hast noch nicht verwunden, ums wir dir getan haben! Ich verdenke es dir nicht!"
Karstens sprudelnde Laune half rasch öfter die gefährlichste Klippe hinroeg. Lona saß zu Elisabeths Rechten. Ihr zur Linken saß der Kommerzienrat Links von ihm hatte der Doktor Platz genommen. Billmann und Helbing saßen ihnen gegenüber.
„Dars ih Sie bitten, gnädiges Fräulein, Herrn Direktor Helbing ein Butterbrot zu streichen?" bat Elisabeth, toährenb sie die anderen Herren bediente.
Ein feines Rot zog über Sonas Gesicht. Ihre Harck» zitterte etwas, als sie eine große Scheibe Butter auf ein halbiertes Weißbrot legte und es sorgsam strich. Helbing sah ihr zu.
„Nicht so dick streichen, gnädiges Fräulein," mahnte er lächelnd, „sonst zankt mein Freund!"
Lona sah errötend zu Rarsten hinüber.
„Wirklich, Herr Doktor? — Zanken Sie?"
„Natürlich!" gab er zurück. „Hans ist Junggeselle! Der kann sich die dicksten Butterbrote leisten! Aber ich mit Weib und Kind muß schauen, wie ich nuch durchs Leben schlage!"
(Fortsetzung folgt).