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SKDVSMSS

Kanau Stadt und Land

W. 285

Djeustas de«

1928

H. Dszemde«-

Erfüllungsort und Gerichtsstand für beide Teile ist Hanau. ' Sei unverschuldetem Ausfall der Lieferung infolge höherer Gewalt, Streik usw. hat der Bezieher keinen Anspruch auf Lieferung oder Nachlieferung oder auf Rückzahlung des Bezugspreises. / Für platzvorschrist u. Erscheinungstage der Anzeige wird keine Gewähr geleistet.>Geschäftsstelle: Hammerstr.S / Fernspr. 3956, 3957,3938

|Tfd?eint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. , Bezugspreis: Für den halben tonai RM. 1.-, für den ganzen Monat RM. 2.- ohne Trägerlohn / Einzelnummer 10, Freitag 1L, mmStag 12 R.pfg. / Anzeigenpreise- Für 1 mm Höhe im Anzeigenteil von 28 mm Äreite Jt-Psg., im ReNaineteil von 68 mm Lreite 23 R-Pfg. , Osfertengebühr 50 R.pzg.

Das Keneßte.

Der Reichstag behandelte gestern in einer ^ erpellationsdebatte die Wirtschafts- und Verkehrs­gen in den Grenzgebieten des Ostens und stens.

- In der Besoldungsreform haben sich die gierungsparteien den Weg zu einem Kompromiß I bnet.

Bei der heutigen Abstimmung über das fozial- rokratische Mißtrauensvotum gegen die Reichs- ierung werden die Demokraten mit für das Miß- uensvotum stimmen. .

Zwischen Chamberlain und Litwinow hat tern eine Besprechung stattgefunden, es war je= h nicht möglich eine Basis für eine Verständigung finden.'

In dem polnisch-litauischen Konflikt steht eine ligung bevor.

Jusammsttsvttt des V^Lksv- ^AnVSvateS.

Gens. 5. Dez. Der Völkerbundsrat ist heute vor- itng klirz nach 11 Uhr unter dem Vorsitz des nesischen Botschafters in Paris, Tfcheng-Loh, zu- chst, wie üblich in einer nichtöffentlichen Sitzung seiner 48 Tagung zusammengetreten. Nach der 'gelang einer Reihe administrativer Angelegen- iten bildete die polnisch-litauische Streitfrage, über > übrigens der litauische Minsterpräsident Wolde- rras am gestrigen Spätabend noch eine zweistlln- ]e Unterredung mit Litwinow hatt^ den Gegen- !Nd der weiteren Aussprache. Ueber die nicht- sentliche Sitzung verlautet, daß auf Chamberlains urag beschlossen wurde, die Behandlung des unga- ch-rumanschen Optantcnkonflikts zu vertagen. Der

Vertreter Graf Apponyi habe seine Zu- ßlKm-mg zur Vertagung erklärt. Im weiteren Der- OLaf der nichtöffentlichen Sitzung wurde der bisherige reLor der Minderheitenabteilung des Völker- n^es, der Norweger Colban, zum neuen Direktor r Abrüstungcabteilung des Völkerbundes ernannt. Gegen 12^2 Uhr trat der Rat zu einer

öffent ichen Sitzung

sammen. In dieser hat der Rat dem Wunsch der iliugiefifchen Regierung, die durch ihren Finanz- inister am Ratstisch Deuteten war, auf Einleitung ner finanziellen Sanierungsaktion durch den öllerbund stattgegeben und den Finanzausschuß mit r Prüfung der Möglichkeiten und Grundlagen für e finanzielle Sanierung und wir.schaftliche Eni- icflung Portugals beauftragst. Ferner wurde ein iericht des italienischen Ratsmitolieds Scialoja über e gegenseitige Rechtshilfe für Mit ellose angenom- ien. Die weitere Behandlung zwecks internationaler Regelung dieser Rechtshilfe wurde auf Vorschlag des aUenischen Ratsmitglieds der von der holländischen tegisrüng einberufenen internationalen Konferenz ir Privatrecht übertragen. Als letzter Punkt der r^agesordnüng wurde ein ausführlicher Bericht des Sonderausschusses zur Untersuchung des Frauen- nd Kinderhandels, der Untersuchungen aus etwa 0 europäischen und außeneuropäischen Ländern, da­unter auch Deutschland, enthält, zur Deröffent- chung genehmigt. Auf Wunsch des rumänischen slatsmilglieds sollen gleichzeitig die Antworten der iegierungen der entsprechenden Länder oeröffent- icht werden.

Dsv âssrMZt itt dsv (Oett- indttfivLs.

Rach Dlälkermeldungen beginnen die Werke der eutschen Eisenindustrie bereits mit der praktischen Vorbereitung der für den 1. Januar angekündigten Stillegung. Schon in den nächsten Tagen dürste die Einstellung der Bauten sich durch Abstoppen der Hochofenbezüge an Kalk und feuerfesten Stoffen und rurch Anhalten der Schrottbelieferung bemerkbar machen. In den Kreisen der Eisenindustrie wird da­mit gerechnet, daß die für den 7. ds. Mts. angeses­sen Verhandlungen sich über 14 Tage hinziehen dürf­ten, so daß die offizielle Kündigung seitens der Ar- t beilgeber am 15. bzw. 17. d. Atts, ausgesprochen r werden dürfte.

Dev Gvistttche MeiMaVbsriev- vevband suv dvshenden Vetvèebs-

Mtteguns.

Duisburg, 5. Dez. Der Christliche Metallarbeiter- verband hat 'im Hinblick auf die drohende Betriebs­stillegung an den Reichsarbeitsminister ein Schreiben gerichtet, in dem es u. a. heißt: Wir halten uns ver­pflichtet, Ihnen mitzuteilen, daß die Forderungen des Christlichen Metallarbeiterverbandes klar er­kennen lassen, daß es falsch ist, wenn die Jndustrre behauptet, die Gewerkschaften verlangten die Durch­führung des schematischen Achtstundentages für die gesamte eisenschaffende und eisenverarbeitende In­dustrie, vollen Lohnausgleich usw. Wir müssen Ein­spruch erheben gegen die Darstellung, deren sich die deutsche Großeisenindustrie in ihrer Zuschrift vom 2. Dezember bedient. Die Androhung der Betriebs­stillegung ist erfolgt, bevor die eigentlichen Verhand­lungen begonnen und bevor namentlich Die Auswir­kungen unserer Vorschläge ausreichend geprüft wor- r den sind. Wir bitten Sie daher, das Letztere veran­lassen zu wollen.

Die run-rngl. Auswrache cvaevniSios.

Genf, 5. Dez. Nun ist also die Unterredung zwi­schen Chamberlain und Litwin off doch Eroignis geworden. Noch kurz vor 11 Uhr, als dis gesamte Delegation am Bahnhof eingetroffen war, leugnete sie die Tatsache. Als dann av^r Litwinoff nicht mit der übrigen Delegation den Zug bestieg, da war es jedermann klar, was dies zu bedeuten hatte. Die englische Delegation aber gab etwas vor­her schon bekannt, daß

von dem russischen Delegakionsführer in aller Form eine Unterredung mit Chamberlain aach- gesucht

worden sei, die auch für %3 Uhr nachmittags be­willigt worden wäre. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich natürlich die Neuigkeit durch die eben in der Halle des Sekretariats zur Eröffnung der Sitzung des Völkerbundsrates oerslaanmelton Journalisten.

Die Unterredung L i t w i n o s f ^C h a m b e r- la in im Hotel Beau Rivage dauerte eine Stunde Unmittelbar danach wurde den Pressevertretern, die ohne Erfolg den mit guter Miene ab ziehenden Lit- winoff um eine Erklärung angingen, von der eng­lischen Abordnung ein Schriftsatz übermittelt, dessen wichtigster Toll besagt:

Die beiden Staatsmänner haben Anlaß genom­men zu einem offenen Meinungsaustausch über die Beziehungen zwischen den Regierungen Großbritanniens und Rälerußlands Aber es war n i ch t m ö g l i ch, im Lauf der Un-cr- redung die Grundlage für eine Verein- barung (agreement) herzustellen.

Um diesen Schriftsatz geht nun ein Rätsel­raten. Ist damit die Tür offen für spätere britisch russische Regierungsverhandlungen oder nicht? Es ist auffällig, wie ungewöhnlich behutsam die russische Abordnung alles behandelt, was England angeht. Sicher ist, daß der Unterredung Litwinaff-Chamber- lain eine bemerkenswerte politische Bedeutung zu­kommt. Die Russen haben gezeigt, daß sie, soweit Äußerlichkeiten in Frage kommen, zu Genug­tuungen an die englische Adresse durchaus bereit sind. Sie legen Wert darauf, die Meinung zu ver­breiten, daß es ihnen nicht, wie England' ihnen vor- wiist, auf kommunistische Propag.-n>a, sondern auf russische Außenpolitik ankomme. Es :Q Mich klar, daß der große Derech der zwi'chen den beiden Staaten spielenden Fragen in einer einstündigen Unterredung unmöglich behandel werden kann. Immerhin muß man den Versuch der Russen, ihre Fäden mit England zu benutzen, als doi 'aasig fehl- geschlagen anschen.

Ueber die Ausführungen des englischen Außen­ministers bei der Unterredung mit Litwinow wird von sehr gut informierter englischer Seite folgende Darstellung gegeben:

Chamberlain skizzierte kurz die Ursachen, die zu dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwi­schen London und Moskau führten und betonte, daß sich seither die bolschewistische Propaganda in den anglo-asiatischen Gebieten und auch in Holländisch- Westindien, also auf breiter internationaler Grund­lage, weiter entwickelt habe. Chamberlain ließ auch durchblicken, daß die englische Regierung, bzw. ver­schiedene Ueberwachungsstellen in Britisch-Jndien und anderen englischen Kolonien Beweise gewonnen haben, aus denen hervorgehen soll, daß Sorojef- Rußland gewaltige Geldmittel aufbringe, um die bolschewistische Propaganda zu unterhalten. Solange ein solcher Zustand fortdauere, wäre jede Derhand- lungsmöglichkeit ausgeschlossen, so betonte Chamber­lain. Es müßten deshalb nach der Ueberzeugung des englischen Außenministers bindende Verpflichtungen von Ruhland eingegangen werden, um jede Propa­ganda der kommunistischen Internationale in Eng- iand selbst und in britischen Kolonien einzustellen.

Die Tür für welkere Verhandlungen ist keines­wegs geschlossen", sagte Chamberlain,und es ist auch möglich, dah für den Fall einer günsti­gen Beendigung der Verhandlungen englische Kredite an Sowjet-Ruhland bewilligt werden könnten."

Am Schluß der Besprechungen wurde noch über die Lage in Osteuropa und zwar im Zusammen­hang mit dem litauisch-polnischen Konflikt gespro­chen, wobei Litwinow hervorhob, daß Moskau durchaus friedliche Absichten verfolge. Zu den Wün­schen Chamberlains hinsichtlich der Propaganda der Dritten Internationale konnte sich Litwinow logi­scherweise nicht äußery. Er behielt sich vor, in Mos­kau über das von Chamberlain gelieferte Exposé und die daraus gezogenen Konsequenzen Bericht zu erstatten.

Der Eindruck auf die russische Delegation, die momentan eigentlich nur von Litwinow und zwei Attaches repräsentiert ist, ist ein sehr gemischter. So­weit man hört, sind die heute abend nach Moskau abgesanidten Pressetelegramme pessimistisch gefärbt.

Die sraSswE -AMve bekse?esS.

Genf, 5. Dez. Der hiesige Vertreter der sowjet. russischen Telegraphenagentur hat über die Be­sprechungen Litwinows mit Briand und Chamber­

lain folgendes Telegramm noch Moskau gesandt: Briand versicherte Litwinow, daß das M i ß v er­st ä n d n i s, das durch die Rakowski-Angelegenheit entstanden war, als endgültig beigelegt betrachtet werden und daß von einer Unterbrechung der Be­ziehungen zwischen Frankreich und Ruhland keine Rede sein kann. Nach der Ankunft des neuen Bot­schafters in Paris werden die Verhandlungen über die Schulden- und über die Kreditfrage wieder aus­genommen, ebenso auch die Verhandlungen über einen Nichtangriffspakt. Die beiden Staatsmänner haben auch den polnisch-litauischen Konflikt be­sprochen, wobei beide die Notwendigkeit der sofor­tigen Aufhebung des Kriegszustandes zwischen Litauen und Polen anerkannt haben. Auch andere Probleme internationaler Art wurden besprochen.

Ms Bâvechlms Lriwitsows mM SSvefemann. t

hat sich ebenfalls hauptsächlich um die polnisch­litauische Frage gedreht und um die Notwendigkeit der Aufhebung des Kriegszustandes zwischen Polen und Litauen. Die Unter­redung verlief sehr herzlich und freundschaftlich, wobei Litwinow den Standpunkt der Sowjet­regierung zum Ausdruck brachte, wie er in ihren beiden Noten an Warschau und Kowno bereits niedergelogt worden ist. In der Besprechung wurde auch festgestellt, daß über diese Fragen keine prin­zipielle Meinungsverschiedenheit bestehe.

Dem Genfer Vertreter des W. T. B. wurde von deutscher Seite diese Darstellung von dem freund­schaftlichen Charakter der deutsch-russischen Aus­sprache bestätigt.

NsttSS««s des sollt. - Manischen GiveitsÄlles.

Genf, 5. Dez. Gutem vernehmen nach haben sich die Ratsmâchle einschließlich Polen bereits auf eine Regelung des polnisch-litauischen Streitfalles geeinigt, wobei polen bei Aufhebung des gegen­wärtig noch bestehenden Kriegszustandes zwischen polen und Litauen weitgehendes Entgegenkommen zeigt, auf die sofortige vollständige Herstellung nor­maler diplomatischer Beziehungen verzichtet und sich mit besonderen polnisch-litauischen Verhandlun­gen zwecks endgültiger Regelung der polnisch-litaui­schen Beziehungen einverstanden erklärt. Ulan hofft, daß Litauen sich mit einer Rechksverwahrung in- bezug auf das Wilnagebiet begnügt. Die vom Rat geplante Regelung, die auch die grundsätzliche Zu­stimmung Sowjctrußlands hat, dürfte gegen Ende der Ratstagung auch von pilfudfki angenommen werden. Das vom Rat geplante Verfahren sieht vor, daß nach Annahme dieses Verfahrens zwischen Polen und Litauen direkte Verhandlungen ausge­nommen und dem Rat bei seiner nächsten Tagung über die inzwischen erzielten Ergebnisse Bericht er­stattet wird.

Genf, 5. Dez. (Dom Sonderberichterstatter des VDZ-Büros.) In hiesigen politischen Kreisen ver­lautet mit Bestimmtheit, daß Pilsudski am nächsten Freitag in Genf eintrifft, um an den Schlußverhandlungen über den polnisch-litauischen Streitfall teilzunehmen. Zwischen den Ratsmächten besteht, gutem Vernehmen nach, bereits voll­kommene Einmütigkeit über die prak­tische Regelung des Falles, wobei, wie versichert wird, Polen eine äußerst verständige Hal­tung einnimmt und sich mit einer schrittweisen Wie­deraufnahme der diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern begnü­gen wird.

Die juristische Regelung des Falles sieht zunächst die Aufhebung des Kriegszustandes vor und man glaubt, daß dadurch verhältnismäßig rasch normale diplomatische und wirtschaftliche Be­ziehungen zwischen den beiden Ländern sich ent­wickeln können. Eine Verwahrung Litauens inbe= zug auf den jetzigen Status quo und das Wilna- gobiet wird als selbstverständlich angesehen. Man befürchtet aber, daß Litauen darüber hinaus weitere Forderungen geltend machen und sich mit dem unter den Ratsmitgliedern virtuell bereits ver­einbarten Verfahren nicht zufrieden geben wird. Sollte jedoch Litauen unter den gemeinsamen Be­mühungen der Großmächte, einschließlich Sowjet- rulzlands, sich dem jetzt vom Rat geplanten Ver- ahren anschließen, so wird damit gerechnet, daß am Mittwoch in einer ersten Lesung der Vorschlag der Ratsmächte angenommen und in einer zweiten Lesung gegen Ende der Woche von Pilsudski genehmigt werden wird. Die geplante Lösung würde be­deuten, daß beide Mächte vom Rat aufgefordert werden, durch direkte Verhandlungen wieder zu normalen diplomatischen und wirtschaftlichen Be­ziehung zu gelangen und bis zur nächsten Früh­jahrstagung über das Ergebnis dieser direkten Ver­handlungen zu berichten. Unter dem moralischen Druck der Aufforderung des Völkerbundsrates hofft man, eine endgültige Regelung des gesamten pol­nisch-litauischen Fragenkomplex erfolgreich einlei­ten zu tonnen.

Die Selden lateinstsben

Italien ist durch den Weltkrieg, allerdings ohne wesentliches eigenes Verdienst, in die Reihe der Großmächte eingerückt und hat auch einige Gebietsteile erworben, nach denen es schon lange sehnsüchtig ausgeschaut hatte. Doch sind diese durch ihre Lage und ihre Boden­beschaffenheit nicht geeignet, den gewaltigen Ueberschuß an Menschen aufzunehmen, über den Italien von Jahr zu Jahr mehr verfügt. Auch die beiden in greifbarer Nähe gelegenen Kolonien Tripolis und Erythräa sind zu un­fruchtbar, als daß sie umfangreiches Siedlungs­gebiet abgeben und außer ihrer heimischen Be­völkerung noch eine größere Anzahl von Ita­lienern ernähren könnten. Tausende und Aber­tausende von römischen Staatsbürgern sind da­her zur Auswanderung besonders nach Süd­amerika gezwungen und gehen auf diese Weise der Heimat völlig verloren.

Sehr stark war schon vor dem Weltkriege auch die Abwanderung der Italiener nach dem gegenüberliegenden Tunis. Immer wieder hat die römische Regierung versucht, ihren dort wohnenden Landsleuten besondere Rechte von der französischen Regierung zu erwirken, beson- bers- da diese für Tunis nicht allzuviel übrig hat und weite Strecken des' Landes geradezu vernachlässigt. Es schwebte den Italienern wohl als letztes Ziel vor, dieses Gebiet, das seine gute wirtschaftliche Lage in erster Linie den fleißi­gen und anspruchslosen Italienern verdankt, letzten Endes zur eigenen Kolonie zu machen und unter Umständen gegen andere Schutz­gebiete einzutauschen. Mehrfach haben sich die Augen der Italiener auch auf die weiten Ge­filde von Marokko gewandt, die noch der Be­bauung harren und Tausenden von geübten Arbeitern Brot gewähren könnten. Aber Frankreich will von derartigen Plänen nichts wissen, da gerade Tunis und Marokko die Brücken zu seinen zentralafrikanischen Kolo­nien sind und sie außerdem sehr viele brauch­bare farbige Soldaten liefern. Niemals hat man dem alten Bundesgenossen des Weltkrieges in den Kolonialfragen besonderes Entgegenkom­men geschenkt, vielmehr hat man die Freude darüber des öfteren nicht verhehlt, daß so viele Volkskraft durch die Auswanderung nach Süd­amerika dem aufstrebenden Nebenbuhler am Mittelmeer verloren gehe.

Doch Mussolini ist nicht der Mann, der einen einmal geplanten Vorstoß so leicht aufgibt. Die Folge davon war, daß es in den letzten Jahren mit der lateinischen Schwester mehrfach zu ernstlichen Zusammenstößen kam. Italien hatte sich, und nicht mit Unrecht, darüber geärgert, daß es zu den Beratungen in Paris im Jahre 1923 über das Tangerstatut nicht hinzugezogen wurde und hatte diese Zurücksetzung damit be­antwortet, daß es eine starke Wache von Kara- bineri in das Konsulat zu Tanger legte, gleich­sam um zu zeigen, daß Italien an diesem Wetterwinkel des Mittelmeeres ein Wort mit­zureden habe. Frankreich merkte diesen Wink wohl, doch war man damals allzusehr mit dem Rifkriege beschäftigt, um etwas ernstliches unternehmen zu können.

Im Sommer 1927 wiederholten sich die auf­regenden Grenzvorfälle in Savoyen, die schon im Jahre vorher große Erregung in Paris hervorgerufen und stellenweise sogar das Leben französischer Reisender gefährdet hatten. Mehr­fach erlaubten sich italienische Soldaten bei den Manövern Grenzüberschreitungen; italienische Gebirgsartillerie beschoß mehrfach die Hütten französischer Einwohner und störte deren Erntearbeiten; in ostentativer Weise drangen mehrere italienische Offiziere auf fran­zösisches Gebiet vor und hielten dort Reden, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen. Doch gelang es, dem diplomatischen Geschick der beiderseitigen Geschäftsträger in Rom und Pa­ris, diese unliebsamen Vorfälle aus der Welt zu schaffen.

Dann spitzten sich Ende Oktober 1927 die Verhältnisse in einer bisher nie dagewesenen Weise zu. Nach etwa 1 ^jährigen Verhand­lungen sollte im November 1927 endlich die neue Tangerkonferenz in Paris beginnen, bei der zunächst Spanien und Frankreich die Lage besprechen und dann Vorschläge machen sollten, zu denen England Stellung zu nehmen beab­sichtigte. Wiederum war also Italien ausge­schaltet, seine mehrfachen Hinweise, an der Kon­ferenz teilnehmen zu können, waren nicht be­achtet. Da ließ Mussolini am Feiertage der Faszisten in Dumer ein Geschwader landen.