JCT. Z54
Montag den 3. Dezember 1927
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Hanau, 5. Dezember.
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3um 6. Dezember.
Zum Nikolaus betteln die Kinder schon tage* vor dem 6. Dezember, an dessen Vorabend der chge die Klornen besucht, sie prüft, ermahnt und : Naschereien be,chenkt; und kommt er nicht selbst füllt er die vors Fenster gestellten Schuhe mit ren guten Gaben. Daß bei diesen Aepfel und sie, die altgermanischen Fruchtbarkeitssymbole, > HauMestandteil bilden, läßt den Krau* auf WW Zeiten zurückführen. Wahrscheinlich chenkte man schon damals die Kinder im Ge- »en. daran, daß Wotan mit seiner Gemahlin m die en frühen Wintertagen segenspendend 'ch die Felder und menschlichen Siebungen zoa nur in Deutschland, auch in Oesterreich' 'hmen und der Schweiz, m Hc and und B-eloien' lautet der „Nrkolaustag" oder auch bloß „Klaus- ; eine Freude für die Kinderwett. Ob sie sich ter dem Gabenspender den sanften Bischof oder t freundlichen Knecht Ruprecht, oder den sich mit nai tigern ßärm ankündigenden „Krampus" vor» — die Hauptsache bleiben ja doch immer die schenke, dl« jeder trotz Keltengerassel und Ruten chert. Vielenorts gibt es auch eigene Nikolaus- ,acke: Nikolauskuchen, Nikolauspferdchen Prin- imännle (St. Nikolaus) und Printenwetble (St. irbara). Ganz verschieden wird der große Kiwder- und auch benannt: Klaus, Aschsnklaus, Vuller- us; in Niedersachsen: Böklas und Busseklas, in tbayern: Klaubauf, aber überall gilt er als Vor- te des Weihnachtsfestes, wenn nicht gar auch als eihnachtsmann selöst. Wie dieser Heilige — einer ru^tfjeiligen der griechischen, namentlich der ffischen Kirche — gerade in Basiern verehrt wird, ht daraus hervor, daß es, um nur eine einzige chi anzuführen, allein im Bistum Augsburg über )tzi>g «t. Nikolai-Kirchen gibt. Kürzlich hat ein Etlicher Oberarchivrat scherzhafte Gedichte aus m Beginn des 17. Jahrhunderts aufgespürt, mit nen die als „Seminaristae Benedicto Burani" lterzeichneten Seminaristen des Klosters Bene- euren alljährlich mit neuen Versen um die unst des Hei-ligen baten. In einem dieser Gedichte ißt es: „Ob Er schon kein Thonist, Noch minder n Scotist, Sonder ein Alchymist, Mit Gold ver- hen ist — Weil Du, so Reifes lieft, Selbst der nct Niclas bist!"
St. Nicolaus von Bari, so genannt, weil seine eliquien in Bari verehrt werden, der spätere ischof von Myra in Meinasien, stammte aus geien. In der vatikanischen Gemäldegalerie befin- sich ein Bild von Fiesole, das eines seiner guten ierke darstellt: Ein armer Vater will, in höchster ieübnot, die Ehre seiner drei Töchter verlaufen — J wirst ihm St. Nikolaus nacheinander drei Beu- l Gold durchs Fenster, was nickst nur die Ehre der 'tädchen rettet,sondern es mich noch ermöglicht, sie usguftatten. Hierauf gründet sich ursprünglich der lus des Heiligen, Kindern durch Geschenke beistshen a wollen. Ganz eigenartig ist ein alter Nikolaus- rauch, der wohl auch mit St. 'Nikolaus' Geldbeutel } Verbindung stehen konnte; in Friedrichstadt in ui Schleswig dürfen die Geschäftsleute — allerdings ur mit behördlicher Erlaubnis — einen Tag vor !wd einen X®g nach Nicolaus in ihren Geschäften -r Roulette spielen. Das „Derdrehcn", wie dieses 621 von der bärtigen holländischen Siedlung ein» cführte Spiel genannt wird, war viele Jahre uer« oten gewesen, ist aber nun doch wieder aus Pietät ür diese altheimatliche Gepflogenheit gestattet oorden.
Bunte ^NÄsSn und L^meSia.
Von Richard Germershaufen.
Als Symbol der deutschen Weihnacht gilt uns er lichtüberstrahlte, geschmückte Tannenbaum. Erst
er üchtuberstrahlte, geschmückte Tannenbaum. Erst Liner Fabriken erhält er die letzte äußere Vollen- w silbernen oder bunten Glaskugeln, die goldenen dung. Da sitzen Mädchen an langen Tischen und rterne, die gitzernde Lametta geben ihm das rechte befpinnen die Kugeln mit Blumendraht. Außer estlich-trauliche Gepräge. Die Eiszapfen, die Kugeln aber schicken die Heimarbeiter die verschie- Sterne, der ganz schillernde Glastand mit dem her densten Glatsachen, wie Früchte, Vögel, Fische, tannenbaum behängt ist, spiegeln das Licht der Pilze, Rehe, Glöckchen und Weihnachtsmänner, aber Veihnachtskerzen vielfach wieder — ein Anblick, nur die Rohformen, und erst in Berlin erhalten die rer Jung und Alt erfreut. Aber wieviele denken im Vögel Schwänze und Flügel aus gesponnenem Zauber einer Stunde unter dem Christbaum daran,; Glas, auch die Weihnachtsmänner erhalten erst dann
wie schwer es ist, diesen Schmuck des Tannenbaums ihre Bärte.
zu verfertigen!
Die Heimat des Christbaumschmucks, der fast nur von Heimarbeitern hergestellt wird, ist das Thüringer Land, das Dorf Lauscha einer der Hauptproduktionsorte. In ihren engen und heißen Stuben arbeiten ganze Familien während des ganzen Jahres, hauptsächlich aber in der „Saison", das heißt von Juni bis Anfang November, an der Herstellung der Glassachen. Mehr als fünftausend Menschen verdienen ihren kärglichen Lebensunterhalt mit dieser Beschäftigung, die nicht gerade zu den gesündesten gehört. Das Ursprungsland der Baumschmuckinüustrie ist Bohmen, das ja auch zugleich eine ausgedehnte Glasindustrie besitzt. Vor mehr als 300 Jahren wanderte ein Mann namens Christian Müller aus der böhmischen Stadt Gablonz aus, ließ sich in Thüringen nieder und errichtete an der Stelle, wo heute das Dorf Lauscha liegt, eine Glasfabrik, die nur kleine Glaskugen herstellte. Einige Zeit darauf gesellte sich sein Landsmann Böhm zu ihm, und diesen beiden Männern verdankt das Dorf Lauscha seine Entstehung. Heute gibt es in Lauscha viele Familien, die Müller oder Böhm heißen, und die in den Glasfabriken arbeiten. Da ach unter allen diesen Müllers und Böhms sonst niemand sich auskennen würde, hat man ihnen Nummern gegeben, und wer einen Brief an den Inhaber eines so verbreiteten Namens in Lauscha richtet, muß aufpassen, daß er nicht versehentlich an Böhm 15 anstatt an Böhm 12 schreibt.
Jeder einzelne Arbeiter, der Baumschmuck an= fertigt, ist ein Künstler in seiner Art, denn die Fertigkeit bei der Herstellung, aller dieser kunstvollen Dinge hat sich durch Generationen vererbt und ist heute bis zur Vollkommenheit gediehen. Eine besonders schwierige Kunst ist die des Glasblasens, die glühend und rotflüffig ist. Der Glasbläser taucht ein Metallrohr so in diese Masse, daß nur die Rohrspitze mit ihr in Berührung kommt. An der Spitze des Rohres bleibt dann ein kleines Glasklümpchen hängen. Der Bläser richtet das Rohr mit rascher Bewegung senkrecht in die Höhe und bläßt mit ganzer Kraft hinein. Man darf sich dieses Blasen nicht so einfach vorstellen, denn wenn der Arbeiter nicht schnell genug ist, so fließt die Masse ja in das Rohr, wenn er dagegen zu heftig oder zu lange bläst, so platzt die Kugel, zu der sein Mem das' Glasklümpchen geformt hat. Dieses Glasblasen ist nicht nur eine sehr schwierige, sondern auch eine (sicherst ungesunde Tätigkeit. Der Glasbläser muß wegen der furchtbaren Hitze, die die glühenden Glasmassen ausströmen, mit nacktem Oberkörper bei offenem Fenster arbeiten. Man kann sich vorstellen, daß dieses Zusammenwirken von Hitze und Luftzug äußerst gesundheitsschädigend wirken muß, und allgemein wird behauptet, daß diese Glasbläser kein höheres Alter als dreißig Jahre erreichen. Ganz besondere Kunstfertigkeit im Glasblasen besitzen die „Künstler von Lauscha", wie sie sich gerne nennen hören. Sie blasen das Glas nicht zu großen Kugeln, sondern zu langen Röhren, denen sie durch stoßweises Blasen das Aussehen von aneinandergereihten Kugeln geben. Erst diese Röhren werden dann in einzelne Teile zerlegt. Besondere Sorgfalt erfordert die Herstellung von kleinen Kügelchen, aus denen die Ketten für den Christbaum hergestellt werden. Alle
diese dann
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Kugeln haben noch eine Oeffnung, durch die eine Gold- oder Silbermasse eingefüllt und wieder ausgegossen wird. Auf diese Weise — Verspiegelung, wie man es t — erhält man dann Gold- oder
Silberkugeln. Dieses Verspiegelungsverfahren ist noch nicht alt; erst im Jahre 1857 führte es ein Arzt, Dr. Weißkopf, im Gablonzer Bezirk ein, und einige Jahre darauf brachten zwei Männer, ein Apotheker Engelhardt und ein gewisser Geiner, dieses
Verfahren nach Thüringen.
Mit der Verspiegelung ist die Arbeit der Heimarbeiter am Christbaumschmuck beendet, erst in Ber-
arb eiter am
Besonders beliebt als Christbaumschmuck ist die Lametta, die in verschiedenen Qualitäten hergestellt wird. Die feinsten Sorten werden aus Glas gesponnen, die billigeren Sorten bestehen aus Aluminium oder Staniol. Noch nicht allzulange — erst seit etwa 40 Jahren — kennt man die Lamettaherstellung. Der glückliche Erfinder verkaufte sein Patent an eine große Breslauer Aktiengesellschaft, setzte sich bald als reicher Mann zur Ruhe und erbaute sich in der Nähe von Breslau eine prächtige Villa, die er „Villa Lametta" nannte. Seit einigen Jahren stellt man auch buntes Lametta für Dekorationszwecke her, doch erfreut sich das Silberlametta weit größerer Beliebtheit. Auch das Ausland kauft dieses deutsche Erzeugnis in großen Mengen. Hauptabnehmer der deutschen Lametta ist Indien. Auch Nordamerika war früher für die deutsche Lametta ein großes Absatzgebiet, doch haben die Vereinigten Staaten jetzt eigene Fabriken, so daß sie auf die deutsche Produktion nicht mehr angewiesen sind.
* Daten für Dienstag, 6. Dezember. Sonnenaufgang 7,48, Sonnenuntergang 15,53, Mondaufgang 14,45, Monduntergang 4,21. 1742: der Chemiker Nicolas Leblanc in Nvoy-le-Prs geb. (gest. 1806); 1778: der Chemiker und Physiker Louis Jos. Gay-Lussac in St. Leonard geb. (gest. 1850); 1834: Adolf Freiherr von Lützow, Führer der Freischar, in Berlin gest. (geb. 1782); 1849: Generalfeldmarschall August von Mackensen in Hausleipnitz geb.; 1864: der Schriftsteller Rudolf Stratz in Heidelberg geb.; 1869: der Südpolarforscher Otto Nordemsskjöld in Hesselby geb.; der Dichter und Romanschriftsteller Rudolf Herzog in Barmen geb.; 1918: die Engländer besetzen Köln.
* Der kupferne Sonntag. Mit Volldampf geht es dem Weihnachtsfest entgegen, die erste Station im Weihnachtsgeschäft, der kupferne Sonntag, liegst schon hinter uns. Er wurde gestern zum Grotzver- verkehrstag für Hanau. Alle Hanauer waren auf den Beinen und auch aus dsx Umgegend waren viele Interessenten gekommen. Dor "allem wurden die Schaufenster beachtet, denn der gestrige Tag galt ja in erster Linie der Orientierung. Das trockene Wetter eignete sich ganz besonders zu einem Bummel durch die Geschäftsstraßen. Die Auslagefenster waren mit besonderer Sorgfalt dekoriert und durch ausgiebige Beleuchtung auffällig gemacht. Für den heutigen Nikolaustag wurde schon tüchtig eingekauft, doch dürften die Hauptverbaufstage der noch bevorstehende silberne und golden. Sonntag sein
* Begründete Ratschläge für die Ernährung im Winter. Es genügt im Winter nicht, das Zimmer zu heizen und sich wärmer zu kleiden, auch die Ernährungsweise muß zur Erwärmung des Körpers wesentlich mit beitragen. Hinsichtlich des Heizwertes im Körper stehen die Fette obenan. Man wird im Winter genügend Butter, Fett, Speck, Margarine, Oel usw. zu sich nehmen, jedenfalls mehr als im Sommer. Der Reichsausschuß für hygienische Volksbelehrung macht aber auch noch aus folgendes aufmerksam. Im Winter schien uns frisches Gemüse und frische Milch. Beide sind für die Ernährung nicht nur wegen ihres Nährgehaltes wichtig, sondern vor allem auch wegen der Ergänzungsnährstoffe, die man Vitamine nennt, und wegen der Salze, die sie enthalten. Im Winter müssen wir sehen, daß wir uns
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diese Bestandteile des Gemüses und der frischen Milch auf andere Weise beschaffen. Hierfür eig sich besonders frisches Obst, z. B. Aepfel, Apfelsir Mandarinen, Bananen, Nüsse usw., ferner Fruchtsäfte, die auf kaltem Wege hergestellt sind. Ferner gilt auch die Hefe als besostders vitaminreich. Weiterhin ist wichtig zu wissen, daß beim Kochen des Gemüses die Brühe die Vitamine und Salze ent-
hält und daher nicht abgegossen werden sollte. Kartoffelabkochwasser muß natürlich ab gegossen werden. Aber man koche die Kartoffeln stets tn der Schale, weil durch das Kochen geschälter Kartoffeln die darin reichlich enthaltenen lebenswichtigen Salze verloren gehen. Der Milch, die für Säuglinge und kleine Kinder bestimmt ist, kann durch Zusatz von Obst-, Zitronen-, Karotten- oder Gemüse-sast wieder vitaminreicher gemacht werden. In neuester Zeit ist es der wissenschaftlichen Forschung gelungen, durch Bestrahlung der Milch oder der milchspendenten Tiere mit künstlicher Höhensonne eine Vita- minanreicherung zu erzielen. Die englische Krankheit wird in erster Linie durch Vitaminmangel hervorgerufen.
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* Die Mindestlehrzeit für Friseure und Kürschner. Im preußischen Landtag ist folgende kleine Anfrage der Kommunistischen Partei eingegangen: Die 37. Vollversammlung der Handwerkskammer vom 19. Mai d. I. hat die Erhöhung der Mindest- lshrzeit für Friseure und Kürschner von 3 auf 3% Jahre beschlossen. Der Regierungspräsident in Wiesbaden hat am 20. August d. I. seine Zustimmung für diesen Beschluß erteilt und die Handwerkskammer für den Regierungsbezirk Wiesbaden hat diesen Beschluß mit Wirkung vom 1. September ab in Kraft treten lassen. Diese Verlängerung der Lehrzeit für die Friseure und Kürschner ist nicht verständlich, da die dreijährige Lehrzeit bei weitem zur Erlernung des genannten Handwerks ausreicht. Zudem bedeutet die Verlängerung eine weitere materielle Verschlechterung der Lehrlinge. Wir fragen daher: Ist das Staatsministerium bereit, dahin zu wirken, daß dieser Beschluß wieder aufgehoben wird?
* Statistisches über die Todesstrafe in Preußen. Eine Uebersicht über die Verhängung und Vollstreckung von Todesstrafen in Preußen ergibt nach einer Mitteilung des Reichsjustizmi-nisterums folgende Zahlen: In den Jahren 1878 bis 1887 wurden 529 Todesstrafen verhängt und 38 Hinrichtungen vollzogen, d. h. nur 7,17 Prozent der Todesstrafen wurden vollstreckt. In den Jahren 1888 bis 1913 wiarden 930 Todesstrafen verhängt und 431, d. h. 60,4 Prozent der Verurteilten hingerichtet. In den Jahren 1919 bis 1926 wurden 556 Todesstrafen verhängt und 42 Todesstrafen, d. h. 7,5 Prozent vollstreckt. In dem Jahre 1926 wurden 58 Todesstrafen verhängt und vier Hinrichtungen vollzogen.
* Genaue Erhebungen über den Stand der Ee- schlechlskrankenziffer in Deutschland Genaue Er- bebungen über den Stand der Geschlechtskrankenziffer in Deutschland finden augenblicklich im ganzen Reiche statt. Diese statistischen Feststellungen, die der gesamten Aerzteschaft obliegen, sollen dem Zwecke dienen, ein einwandfreies, klares Bild über bw Art und Zahl der Krankheitsfälle, die in diesem Zeitraum erstmalig in Behandlung treten, zu geben und damit den Rückschluß auf die jährliche Zunahme der Geschlechtsleiden durch Neuansteckung ermöglichen. Selbstverständlich ist das ärztliche Berufsgeheimnis auch bei dieser Zählung vollkommen gewahrt worden; die Angaben erstrecken sich in keiner Weise auf irgend welche Personalien der Erkrankten. Im Interesse der großen sozialpolitischen Bedeutung, die die Geschlechtskrankheiten für unser ganzes Volk haben, wird sich das auf solche Weise gewonene Material zum Segen der Allgemeinheit auswirken müssen. Die letzte Statistik geht auf das Jahr 1919 zurück.
* Marburger llniversitätsbund. Im Rahmen der von der Ortsgruppe Hanau des Marburger Um- verfitätsbundes regelmäßig veranstalteten Vortragsabende sprach am Freitag cm überfüllten Saale der Logs (Stadtfchloß) Herr Universitätsprofessor D. Bultmann über das mit bemerkenswertem Interesse verfolgte Thema „Das Christentum des Neuen Testamentes und die griechische Philosophie". Ausgehend von der bis ins 19. Jahrhundert hinein vielfach auftretenden Adsinung, es beständen mehr oder weniger innige Zusammenhänge zwischen dem Stoicismus und dem Chriften- tume, legte Redner ausführlich und tiefschürfend die Wssensunterschlöde beider Lehren dar, indem er die altgriechische Philosophie (Plato, Sokrates usw.) und die philosophische Richtung des Zeitalters des Hellennismus in ihrem ganzen Wesen vor dem geistigen Auge der Zuhörerschaft entstehen ließ und demgegenüber die Lehre des Christentums stellte. Ausführliche ins Deutsche übertragene Text- proben griechischer Philosophie oo ranschaulichten die wesentlichsten Unterschiede beider sich bei oberflächlicher Betrachtung scheinbar im gewissen Sinne ähnelnder Lehren. Der zweistündige, hochinteressante Vortrag des Redners erntete reichen Beifall. Ein weiterer Dortrag über ein religionsphilosophisches Thema wird sich in Bälde anschließen.
* Ein Herrenfahrrad vertauscht. Auf dem hiesigen Wochenmarkt wurde am vergangenen Samstag èin auterhaltenes Herrenfahrrad, Marke „Edelweiß^, Fabriknummer 494 695, mitgenommen und dafür ein altes Herenrad, Marke „Mercedes", Fabriknummer 3056, zurückgelassen. Die Person, die das Fahrrad vertauscht hat, wihd ersucht, dieses unverzüglich bei der hiesigen Kriminalpolizei abzugeben.
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Der Roman einer Opernsängerin.
Von Cisbetti DHL
Copyrigth by M. Feuchtwanger, Halle a. d. S.
36. Forttetzung (Nachdruck verboten.)
Das Ursulinerinnenhaus vergrößerte sich jedes .Jahr. Im Garten entstanden neue Pavillons, nicht mit Luxus, sondern einfach, hell, weiß, reinlich ausgestattet, ohne kahl zu sein, machten alle Räume einen freundlichen, geordneten Eindruck. Wenn Hasse in seinem weißen Kittel durch die Säle und Gänge scyritt, überlegte er Verbesserungen. Er begann sich zu fragen, ob ein Mann, der so arbeitet, das Weib überhaupt nötig hat? — Von seiner Familie aus und in Freundeskreisen hatte man versucht, ihn zu verheiraten, aber wenn die Frage der Ehe auf» Tapet kam, wich er aus, denn ihm als Arzt vertrauten sich so viel junge Frauen an. Er kannte die Ehe und bie Frauen.
Er war in der wissenschaftlichen und medizinischen Welt anerkannt. Jedes Kind in Sonnenberg konnte einem Fremden seine Wohnung zeigen, seine Erfolge verbreiteten seinen Namen im Ausland. Patienten und Assistenten verehrten ihn. Seine Herrenessen waren berühmt. Mäßig in allen Genüssen, achtete er darauf, sein Herz nicht zu ermüden. Er fühlte es immer nach einer seelischen Erregung, daß sein ganzes Nervensystem in Vibration geriet, und das durfte nicht sein bei dem Chef eines großen Krankenhauses.
Seine Welt war abgeschlossen. Tagsüber gehörte er der Allgemeinheit an. Er war gern mit feinen Lehrern allein, seinen Büchern, der Wissenschaft. Nur über eins kam er nicht hinweg, über den süddeutschen Frühling. Jedes Jahr, wenn er wieder blühte, fühlte er einen fast körperlichen Schmerz. Er berauschte sich an dem Fliederduft, den heiteren weiß und rosa Blütengärten, der Pracht der auf- brechenden Rosen, aber er genoß ihn nur mehr wie ein Schauspiel, das man für ihn gab. Er fühlte, daß irgendetwas für ihn auf immer vergangen, verblaßt, seine Kraft verloren hatte, und jedesmal, wenn der April kam mit seinen aufbrechenden Flie- derbüschen, die über den Mauern des Schloßparks hingen, ging er fort, ins Ausland oder ans Meer, wo es noch keinen Früblina aab.
da man ansängt, über Vergangenes nachzudenken, das weit hinter uns liegt, von undurchdringlichem Nebel verdeckt. Doch sie kamen wieder und zauberten ihm Bilder vor aus einer fernen Zeit, ohne daß er sie abwehren konnte.
An derselben Stelle, einer sumpfigen Wiese mit einem schiefstehenden Wegweiser, kehrte er um, ohne es zu wissen, wie jeden Tag um dieselbe Stunde, und ging zurück durch den Schloßpark, wo er die Straßenbahn nahm.
Als er das ehemals von Worth bewohnte große graue Haus betrat, schlug ihm ein warmer, würziger Duft nach Pasteten aus der unterirdischen Küche entgegen. Der Gärtner war eben damit be= chäftigt, den hohen, kahlen Hausflur mit grünen Pflanzen zu schmücken. Diese schweren Lorbeerbäume, die düsteren Zypressen erweckten in ihm die Vorstellung einer Feierlichkeit, der gerade der Arzt gern fernbleibt. Wie ein Begräbnis erster Klasse, dachte Hasse, und er wies mit dem Stock alle große Bäume fort. Oben sah er seine Wirtschafterin mit einer Pfanne voll glühender Kohlen in den Salon eilen, eine Art, den Ofen einzuheizen, die er ihr streng untersagt Ijatte, des weißen Persers wegen, der mit dieser Wohnung in seinen Besitz übergegangen war. Im Flur empfing ihn der Koch, um fein Anliegen vorzubringen. Der Fasan hatte ! Hautgout, die Wirtschafterin hatte ihn, nach seiner Weisung, acht Tage am Schwanz an das Küchen- i fenster gehängt, da es aber geregnet hatte, roch er, und er hatte ihn weglassen müssen.
In Hasses Haus gab es zwischen Fisch und Braten stets einen warmen Pudding. Alle Köche hatten sich erst dagegen gesträubt, jetzt war es Mode ge» । worden, ihn zu geben.
„Und zuletzt kleine Toasts mit Camembert gefüllt, paniert und in Butter gebacken", meinte der dicke Koch, dessen rotes Gesicht unter einer tadellosen weißen Mütze dunkel glänzte wie das eines Mohren.
„Das wäre wohl alles", sagte Hasse. „Den Mokka macht meine Wirtschafterin." Niemand bereitete ihm den Kaffee nach seinem Geschmack. Sie hatten alle Sorten durchgeprobt, zuletzt war die verzweifelte Wirtschafterin darauf gekommen, ihn durch einen verfilzten Strumpf zu gießen, er wurde gelbrot, und es blieb bei der Methode.
Absagen waren keine gekommen. Bei einem Herrenessen sagte niemand ab.
1 Im Eßsaal stellte der Lohndiener eben bie
Es war einer jener melancholischen herbstlichen Nachmittage, da die Bäume in bunten, prangenden Farben leuchten und die Wälder auf den entfernten Höhen in Flammen zu stehen scheinen, aber an den man schon den Moder gnb die Vergänglichkeit in der Luft spürt, der uns ahnen läßt, daß die so üppig vollbelaubten gelben Bäume, die Büsche am Ufer, der wilde Wein, der über die Gartenmauer hängt, nur auf einen kräftigen Windstoß warten, um die flammende Last abzuschütteln.
Der Himmel war von dem zarten rosa Ton über* haucbt, den die scheidende Sonne hinterlassen hatte, die Luft war mild, weich und still, man spürte sie nicht in diesem sanften lila Licht, das alles einhüllte, die farbigen Bäume, die roten Weiden, den weißen Nebel, der von dem Flusse aufstieg. Langsam zog das klare, ruhige Wasser dahin, in dem sich die flammenden Bäume spiegelten und auf dessen Flut große, breite, gelbe Platanenblätter trieben.
Hasse machte seinen Spaziergang zwischen den Nachmittagsbesuchen und einem Herrenessen, das Sie abend in seinem Hause stattfand. Seit zehn rm ging er jeden Tag um dieselbe Stunde auf demselben einsamen Weg, am Botanischen Garten vorbei durch die Anlagen bis zu den Wiesen am Fluß, auf dem ihm höchstens ein Bahnarbeiter mit seiner Harke oder der Laterne begegnete. Hier überlegte er gewöhnlich seine wissenschaftlichen Arbeiten, und seine Aufmerksamkeit wurde durch die flache, ruhige Landschaft nicht abgelenkt; er hatte sich an sie gewöhnt wie an die regelmäßig wiederkehrenden Arbeitsstunden. Er schritt an dem schmalen Fluß dahin in Gedanken.
Am Himmel stand schon der Mond, groß, voll und rund, eine gelbe Scheibe, die kein Licht warf, sondern dort oben am Himmel hing wie ein Ballon! den Kinder fliegen ließen. In den Anlagen wurden bereits die Lichter angezündet, ein Laternenanzünder ging auf dem anderen Ufer von einem La- ternenpfahl zum anderen und hinterließ überall ein rotes Licht, das wie ein trübes Auge durch die feuchte lila Dämmerung blinkte, ohne zu leuchten, wie der Mond, der zu früh aufgestiegen war.
Die bunte, sterbende Natur, in solch neblig linder Luft, in der er dahirsichritt, kündigte den Herbst an. Es wird Herbst werden, dachte er, auch für dich.
Vor solchen Gedanken muß man sich hüten wenn man einsam geworden ist, und es ist anae- ^nchm, fröhliche Gäste bei sich zu sehen an Tagen,
Glasschlüsseln mit den großen kalifornischen Früchten auf. Wie Stilleben sahen die schweren silbernen, mit großen Trauben, glänzenden Datteln und Muskatellerfeigen gefüllten Körbe aus, in kleinen silbernen Körben prangten die Salzmandeln, die kandierten Früchte, die kleinen Fondants und Desserts. Alles schien in Erwartung der Gäste und eines gut vorbereiteten Diners. In großen, flachen Porzellanschalen blühte niedrig eingepflanzter Goldlack und Reseda, die einen angenehmen und unaufdringlichen Duft verbreiten, ohne den Geschmack zu beeinflussen. „Der Rotwein kommt in Karaffen, der Sekt ordentlich frappiert, Mosel darf nicht die Flasche wechseln," prägte er dem Lohndiener ein.
Das Licht des Kronleuchters war durch leichte rosa Schleier auf ein mildes, gedämpftes herabgestimmt. Hasse erwartete heute nur Klubmitglieder, man würde davor sicher sein, keinem politischen Gegner gegenüberzusitzen, der bei dem dritten Gang auf Napoleon, Marx oder Bismarck kam, medizinische Fachgespräche kosteten unter Klubmitgliedern Strafgelder. . . es war heute alles auf das ruhige Genießen gestimmt.
Währenddessen war sein kleiner Diener immer neben chm hergelaufen, einen Zettel in der Hand, endlich wandte sich Hosse an ihn. Die Zettel kannte er, es waren meist eilige Bestellungen, die ihn in letzter Minute noch fortriefen. Er las ihn flüchtig.
„Eine Dame im Hotel Europa, schwer erkrankt, erwartet Herrn Professor möglichst sofort." Das kommt recht ungelegen, dachte er, die Uhr ziehend, es war halb fünf Uhr, um acht war geladen . . Immerhin, er* mußte wieder fort.
Eine Viertelstunde später fuhr das Auto vor dem Hotel Europa vor. Im Vestibül meldete ihm der Portier, die Dame auf Nummer acht erwarte ihn seit vier Uhr, sie sei, auf der Durchreise, gestern abend angekommen, eine Sängerin! Der Kellner führte ihn die Treppe hinauf zum ersten Stock und öffnete ihm das Zimmer, das im Entresol nach dem Halteplatz der Kutscher hinauslag.
Als er eintrat, erhob sich eine ältliche Person aus einem Sessel am Fenster. Eine rosigbeschirmte kleine Lampe stand neben dem Bett, in deren Lichtkreis er eine Hand bemerkte, die sich aus den Kissen ihm entgegenstreckte. Geblendet vom Licht trat er näher.
(Fortsetzung folgt).