MGeusval Anzeiger für
Gmsau Gindt und Land
33
1922
4. Oktober
Oamstas den
Ur. 236
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Das MesLettreiben gegen Stakowski
Leitte -vnnzöMGen Sehnwenverhandlungen mit Rußland bis zur Abberufung Raskowskis.
Paris, 30. Sept. In dem heutigen Ministerrat, in Rambouillet abgehalten wurde, berichtete and über die Arbeiten der letzten Völkerbunds- ung. Der Ministerrat beglückwünschte iand zu seinen Erfolgen. DerMinister- 91 legte ferner die Antwort auf die letzte Note der g der Vereinigten Staaten in der Frage Zolltarife fest. Der Wiederzusammen- lii ttder Kammern wurde für den 18. Oktober chlossen. Falls die Kammer sich dafür aussprechen 'd, soll der Kommunist Cachin freigelassen rben.
Im weiteren Verlauf hat sich der Ministerrat : dem Fall Rakowski und dem drohen- n französisch-amerikanischen Zoll- ieg beschäftigt. In dem Communique wird •rbings dieser Diskussion keinerlei Erwähnung ge- . Wie wir aber von gut informierter Seite er- ren, hat der Ministerrat beschlossen, mit Ruß- ii lin b nicht in neue Schuldenverhand- ngen zu treten, solange Rakowski > tschafter in Paris i st. Was die zweite >gage anlangt, so hat der Ministcrrat beschlossen, i J ett der französischen Vorschläge und der ame- rnischen Antwort darauf nicht zu veröffentlichen, lange Amerika das nicht für nötig hält. Er hat ichzeitig die französische Antwort auf die letzte erikanische Note ausgearbeitet. Sie wird morgen r übermorgen dem amerikanischen Botschafter Paris überreicht werden. In dieser Antwort ' igert sich die französische Regie- ng, Wirkschaftsverhandlungen auf derer Basis als auf derjenigen der soluten Gegenseitigkeit einzulei- n. Sie lehnt es außerdem ab, Amerika das Meist- künstigungsrecht ohne Kompensationen einzu- imen.
Der amerikanische Geschäftsträger in Paris ist ite abend von Dem Handelsmimft(r Bokanowski pfangen worden. Wie verlautet, hat sich der Ge- iftsträger nach den Beschlüssen erkundigt, zu ten der Ministerrat in der Frage der französisch- 7 erikanischen Handelsbeziehungen gelangt ist. Der nzösische Handelsminister soll keinen Zweifel da- fwer gelassen haben, daß die französische natwort aus die letzte amerikanische 31e in höf^ichem, aber durchaus ab = hnendem Sinne gehalten fein wird. Wie der offiziöse „Petit Parisien" zu berichten 'S, wurde der französische Botschafter in Mos- i Herbette vor zwei Tagen beauftragt, seine te Demarche über die Abberufung des russischen tschasters in Paris Rakowski in einer bestimmen Form zu wiederholen, und diesmal dem fischen Kommissar für auswärtige Angelegen- len klar zu verstehen zu geben, daß das weitere rbleiben Rakowskis in Par's nur ein Hindernis die im Gange befindlichen Verhandlungen bil- i könnte, nachdem sich ein Teil der französischen sfentlichkèit gegen Rakowski gewandt habe. Die iwort der Somjets auf diesen neuerlichen Schritt ' französischen Regierung liege noch nicht vor, nertt das Blatt. Aber es sei nicht ausgeschlossen, 3 sich bte Regierung von Moskau, nachdem sich Stellung Rakowscis immer schwieriger gellet und andererseits eine Verschlechterung der mzösisch-russischen Beziehungen vermeiden >chtc, sich schließlich doch für die Ersetzung Ra- Dskis entscheidet. Der „Matin" führt seine ge- lüber einem diplomatischen Vertreter eines mben Staates vereinzelt dastehende Sprache .ch. Es ist ganz nebensächlich, schreibt das Blatt, Rakowski begreifen will ober nicht, es kümmert ) auch niemand um die Meinung Rakowskis, ichdem über ihn die Quarantäne verhängt wor- n ist, wird er schließlich von selbst gehen oder der .'walt weichen müssen.
De Men ?e fite NevfiSndksnng mit AuMcmd.
Paris, 30. Sept. Der Vorsitzende der französi- en Abordnung bei den französisch-russischen Fi- nzverhandlungen, der Senator d e Monzie, I sich in einer Unterredung mit einem Vertreter s großen französischen Vrovinzblattes La Petite ronde über die russisch-französischen Beziehun- n geäußert. De Monzie war stets gegen das sscltreiben gegen Rakowski, vor allem' deshalb, Hl ein Nachfolger, der besser sei, kaum zu finden n werde. Er hat auch schon angekündigt, daß, 1s Rakowski zur Niederlegung seines Postens zwungen werden sollte, er sich feine „politische ciheit" wieder sichern, d. h. daß er seinen Auf- lg, im Namen Frankreichs zu verhandeln, nieder- zen und sich dann, unbehindert durch amtliche geiijd)aften, kritisch äußern werde.
De Monzie äußerte, daß man das russische Anbot nicht so einfach von der Hand weisen dürfe. ie Räteregierung erkenne jetzt, was sie bisher ver- ügcrt habe, durch die Verpflichtung, 62 Iahres- H'ungen zu 60 Millionen Goldfranken zu leisten, lsöchUch die Schulden an. Die russische Denkschrift m 23. Septmber weise zwei wichtige Ergebnisse ist bi; Anerkennung der Meistbegünstigung für -ankreich, und zwar in dem Sinne, daß Frankich, wenn es sich auf die Zahlung von 60 Millio- n Goldfranlen jährlich einlassen wollte, nickt
schlechter behandelt werden würde als beispielsweise Holland oder die Schweiz. Sollten diesen beiden Staaten günstigere Bedingungen eingeräumt werden, so würde den französischen Inhabern russischer Papiere eine verhältnismäßige Erhöhung zugestanden werden; zweitens hätten die Russen die Staffelung aufgegeben Er, de Monzie, habe es von Anfang an als unzulässig betrachtet, daß die stärkeren -Jahresleistungen auf eine fernere Zukunft verschoben würden Tatsächlich interessiere die Inhaber russischer Papiere vor allen Dingen die unmittelbare Gegenwart. Sie warteten jetzt schon sieben Jahre auf Zahlungen und seien zurzeit die einzigen Kriegsgeschädigten, die man noch nicht entschädigt habe. Auf jeden Fall würden bte verlangten Kredite nur die Summe der ersten Jahresleistungen übersteigen; aber die französische Abordnung habe bis jetzt noch keines- w e gs dieses Mehr an Krediten oder Weniger an Jahresleistungen anerkannt. Die Art und der Wert der von Rußland angebotenen Sicherheiten
sei bereits genauer bargelegt worden. Der Rätebund führe Naphtha aus, das von Frankreich verbraucht werde. Das von Rußland in den Jahren 1925 und 1926 ausgeführte Petroleum sei zu 32 ' inb, zu 25.8 v. H. von Italien, Deutschland und nur zu 12 d. H.
o. H. von Englands
zu 15 v. H. von Deutschland und nur zu 12 v. H. von Frankreich erworben worden. Frankreich könne aber mehr kaufen. Man brauche nur die Statürik der französischen Einfuhr durchzusehen, um nicht allein das Jnjeresse zu erkennen, das ein solcher Liefermarkt von Petroleum für Frankreich darstelle.
sondern auch die Leichtigkeit, mit der die Banken zur Stützung von Handelskrediten diesen Markl ausnützen könnten. Befragt, ob er Vorschüsse nir zu liefernde Ware ins Wege fasse, antwortete de Monzie, daß er allein in dieser Beziehung überhaupt nicht zu bestimmen habe. Er nehme, mehr die Stellung eines Sachverständigen als eines Unterhändlers ein. Lediglich die Regierung fei dafür zuständig, ob dieser oder jener Vorschlag der Räteregierung angenommen oder abgelehnt werden solle. Er für seine Person empfinde "ein dringendes Bedürfnis, möglichst bald wieder ein vollständig freier Mann zu werden. Was ihn noch zögern lasse, sei der Munich, zu einem Ziel zu gelangen.
Unterdessen geht der Streit um Rakowski und um die Aufrechterhaltung der diplomatischen Beziehungen zu Rußland in der Presse weiter. Die räterussische Nachrichtenagentur Taß erklärt, daß Rakowski nicht daran denke, Paris zu verlassen und in Moskau sei die Frage seiner Abberufung überhaupt noch nicht aufgeworfen worden. Die Presse der Rechten speit deshalb Gift und Galle. Der Jn- transigeant will wissen, es scheine jetzt ausgemacht zu sein, daß gewisse finanzielle Fragen nicht mehr in Paris, sondern in Moskau verhandelt werden sollten. Daß mit einer solchen Ortsverschkèbung mehr Aussicht auf Erfolg sich eröffne, sei aber kaum anzunehmen.
Auf der anderen Seite setzt die Dresse der radikalen Linken ihren Feldzug gegen Die angeblichen oder tatsächlichen Machenschaften des Generaldirektors der Royal Dutch Shell, Sir Henri Deterdings, fort. Dieser gedenke, nächsten Sonntag in Paris einzutreffen, um mit einer neuen Offensive den Abbruch der französischen Beziehungen zu Rußland zu betreiben. Er habe zu verstehen gegeben, daß er sein möglichstes tun werde, um auf die französische Regierung einzuwirken, sie möge ihre Käufe von ruf ischem Naphtha durch t........ ~
einstellen. Außerdem wol'
ruf ischem Naphtha durch die französische Marine einstellen. Außerdem wolle er auf die französische Gesellschaft Petrofina wirken, damit diese die Verträge breche, die ihr die Lieferung von russischem Petroleum für Belgien und Frankreich zusicherten Deterding rechne dabei auf die Unterstützung der Banque de Union Parisienne einerseits, die unmittelbar an der Gesellschaft Petrofina interessiert sei, und auf den früheren Finanzminister Francois Marsal anderseits, der an den Geschäften der Royal Dutch Shell „sich beteiligt fühle". Infolgedessen müsse man sich darauf gefaßt machen, daß nunmehr wieder die Hetze, die auf den Abbruch der Beziehungen zu Rußland hinziele, mit neuer Stärke einsetze.
Am Vorabend von Hindenburgs 86. Geburtstag.
Berlin, 30. Sept. In Berlin wurden umfangreiche Vorkehrungen für den Hindenburgtag, namentlich für den großen HulLigungsakt im Stadion getroffen. Von den 40 bis 50 000 an dieser Veranstaltung teil- nehmenden Schulkindern werden ungefähr 20 000 durch Hoch- und Untergrundbahnen in 32 Sonderzügen innerhalb zweier Stunden befördert werden. > Für die Zeit des Rücktransportes bleiben die Bahnhöfe für die in Frage kommenden Strecken für das übrige Publikum geschloßen. Außerordentlich umfangreich wird die Organisation des Rettungsdienstes fein. Im Stadion allein wird ein großer Stab von Aerzten, 40 Schwestern, 100 Sanitätern und verschiedene fliegende Rettungsstationen zur Verfügung stehen. Außerdem werden etwa 200 Lagerstätten aufgestellt. Auf der Straße vom Reichspräsidentenpalais bis zum Stadion sind gleichfalls einige hundert Rote Kreuz-Mannschaften verteilt.
Die Reichshauptstadt beginnt auch bereits Festschmuck anzulegen. In zahlreichen Geschäften sieht man das bekränzte Bild des 80jährigen Reichspräsidenten. Der Straßenhandel mit Hindenburg- Postkarten blüht und nach den verhältnismäßig wenig vorhandenen Fensterplätzen auf der zum großen Teil durch den Tiergarten führenden Straße ist rege Nachfrage. Der Berliner Magistrat hat sich entschließen müssen, seine Vorlage zur Hindenburg- Spende zurückzuziehen. Es bestand keinerlei Aussicht auf Annahme, da außer den Kommunisten die Sozialdemokraten nach wie vor die Beteiligung ablehnen, obwohl es sich um die Errichtung eines Stiftes für Bedürftige handelt.
Der am heutigen Samstag vor dem Palais des Reichspräsidenten stattfindende Zapfen st reich wird von insgesamt 10 Musikkorps ausgeführt werden, und zwar vier vom Infanterie-Regiment 9 und je eines vom Artillerie-Regiment 3, Reiter-Regiment 4, Pionier-Bataillon 3, Nachrichtenabteilung 3, Fahrabteilung 3 und der Wachtruppe. Die Wachtruppe stellt außerdem die Spielleute, die Fahnenträger und die Fahnenkompagnie, nämlich die 3. Kompagnie des Infanterie-Regiments 5 unter Befehl des Hauptmanns Krech. Die Fahnenkompagnie mit den Fahnen der drei Hindenburg-Regimenter (3. Garderegiment zu Fuß, Infanterie-Regiment 91 und Infanterie-Regiment 147) wird in der Wilhelmstraße mit der Front nach dem Reichspräsidentenpalais aufmarschieren, während die Musik im Vorhof Aufstellung nimmt. Der Zapfenstreich, dem der Reichspräsident von dem im ersten Stock gelegenen Balkon aus beiwohnen wird, steht unter Leitung des Majors Retzel vom Wehrkreis 3.
Ehrengabe der Liga für Wohlfahrtspflege zum Geburtstag Hindenburgs.
Berlin, 30. Sept. Die in der Deutschen Liga der freien Wohlfahrtspflege zusammengeschlossenen Wohlfahrtsverbände überreichen dem Reichspräsidenten zu feinem 80. Geburtstag eine besondere ihre Eigenart entsprechende Ehrengabe. Naturgemäß kann die Wohlfahrtspflege, die selbst von freiwilligen Beiträgen lebt, nicht mit einer Geldspende aufwarten. Die Anstalten der freien Wohlfahrtspflege stellen daher dem Reichspräsidenten 500 Freiplätze in Erholungsheimen für Erwachsene und jugendliche Kinder für die Zeit von sechs bis zwölf Wochen zur Verfügung. Die Freiplätze sollen im Laufe des nächsten Jahres Kriegsbeschädigten und ihren Angehörigen sowie Kriegshinterbliebenen und anderen Hilfsbedürftigen zugute kommen. Die Gabe der freien Wohlfahrtspflege stellt eine sehr wertvolle Ergänzung der Hindenburg-Spende dar.
Thüringens Geburtstagsgeschenk.
Berlin, 30. Sept. Wie das Wolffbüro erfährt,
wird das Land Thüringen dem Reichspräsid zum Geburtstage eine kunstvolle Vase zum Ges machen, die in der staatlichen Porzellanma " dem Sitz der ältesten thüringischen Porzellanindustrie, für den Reichspräsidenten angefordert worden
identen
schenk Porzellanmanufaktur,
ist. Das Geschenk dürfte mit einer Reihe anderer Geschenke der übrigen Länder im Palais des Reichspräsidenten zur Aufstellung kommen. Die Geschenke der Länder sollen, wie es heißt, die deutsche Volkskunst repräsentieren und auch später im Reichspräsidentenpalais ausgestellt bleiben.
Eine rheinische hindenburgspende.
Düsseldorf, 30. Sept. In der gestrigen Vorstandsund Ausschußsitzung des Vereins zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftliches Interessen im Rheinland und Westfalen (Langnam Verein), die unter dem Vorsitz von Paul Reusch im Stahlhof zu Düsseldorf stattfand, konnte der Erste Geschäftsführer Dr. Schlenker mitteilen, daß es gelungen sei, auf dem vom Langnam-Derein errichteten Sammelkonto der rheinisch-westfälischen Spende einschließlich der Spende des rheinisch-westfälischen Kohlenbergbaus, vertreten durch den Verein für die bergbau
lichen Interessen und das rheinisch-westfälische Kohlensyndikat in Essen, insgesamt 509 000 RM. einzusammeln. Es wurde beschlossen, von diesem Betrage 200 000 RM. dem Konto des Hindenburg-Dank
überweisen und 309 000 RM. an das Konto Hindenburg-Spende abzuführen.
Hindenburg-Amnestie in Bayern.
zu der
München, 30. Sept. Aus Anlaß des 80. Geburtstages des Reichspräsidenten hat die bayerische Staatsregierung in Uebereinstimmung mit dem Reiche und den Ländern eine größere Zahl von Strafen, die von bayerischen Gerichten erkannt wurden, km Wege der Gnade erlassen oder gemildert.
Die „Voss. Ztg." erfährt aus München, daß die bayerische Amnestie sämtliche Rate-Republikaner, außer dem Metzger Lindner, umfaßt, der im Landtag das Attentat auf den Abg. Auer verübt hat. Graf Arco, der Eisner erschossen und nur Strafaufschub erhalten hatte, wird endgültig begnadigt.
In Württemberg sind 67 Strafgefangene entlassen und 229 weitere Verurteilte mit einem Gnadenerweis bedacht worden.
Die Wocke.
Die achte Völkerbundsversammlung hat Mitte dieser Woche ihr Ende gefunden. Die Vertreter von nahezu 50 Staaten, die sich drei Wochen lang über Schiedsgericht, Abrüstung, Sicherheitsfragen, über den Danzig-polnischen Streit, über die rumänisch-ungarische Frage unterhalten haben, haben Genf verlassen und sind in ihre Heimat zurückgekehrt und werden in den nächsten Tagen ihren Regierungen Bericht erstatten über das Genfer Ergebnis. Dieser Berichterstattung wird dann mehr oder weniger heftige Kritik seitens der Parteien und der Oeffentlichkeit folgen. Stoff zu einer gerechtfertigten Kritik ist reichlich vorhanden, denn das Ergebnis der diesjährigen Septembertagung ist mehr als mager zu nennen. Sogar in der großen Frage des Weltfriedens und der Abrüstung, die ja den eigentlichen Lebenszweck des Völkerbundes darstellt, ist man auch diesmal in Genf über schöne Worte nicht hinausgekommen. In der Frage der Abrüstung hat der deutsche Außenminister die Forderungen Deutschlands dargelegt. Man könnte insofern von einem deutschen Erfolge sprechen, als in der einstimmig angenommenen Entschließung der dritten Kommission die von deutscher Seite eingebrachte Resolution zum großen Teil Aufnahme gefunden hat. Aber es wäre falsch, von noch so einmütig gefaßten Entschließungen eine praktische Wirkung auf die Herabminderung der Rüstungen zu erwarten. Der Zusammentritt der großen Abrüstungskonferenz ist nach der diesjährigen Völkerbundstagung genau so problematisch wie vorher. Es steht nicht einmal mit Sicherheit fest, ob die vorbereitende Konferenz ihre Tätigkeit in diesem Jahre wieder aufnehmen wird. Kurz will man die Tätigkeit des Völkerbundes in einem Satze erschöpfen und charakterisieren, so kann dieser Satz folgendermaßen formuliert werden: Der Völkerbund orientiert sich nicht nach der Gegenwart, sondern er gibt Zukunftsmusik. Das will heißen, man vertröstet sich damit, daß die Früchte der Arbeit des Völkerbundes sich erst später zeigen werden. Was die Gegenwart betrifft, so werden alle großen Streitfragen sorgfältig umgangen. Der Völkerbund will nicht merken, daß es überall in der Welt gärt; daß überall Konfliktstoffe in der Luft liegen, daß es jeden Augenblick zur Explosion kommen kann. Dagegen ist der Völkerbund völlig ungeschützt. Sollte es aber zu einer Explosion kommen, so wird die ganze Zukunftsarbeit des Völkerbundes zunichte gemacht. Die größte Schwie- rigkeit der Völkerbundspolitik besteht eben darin, daß man sich stets nur um faule Kompromisse bemühte, daß man sich nie zu einer Tat entscheidet, um das Mißtrauen zu beheben, das in allen Kreisen sich gegen den Völkerbund richtet. Es gehört wirklich viel dazu, die Arbeit des Völkerbundes heute noch ganz ernst zu nehmen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß jede Tagung des Völkerbundes nichts anderes ist, als ein nicht einmal gut inszeniertes Schauspiel, das nur schlecht den Komödiencharakter verbergen kann. Das Mißtrauen des Publikums wächst und darin liegt die größte Gefahr für den Völkerbund. Die Unzufriedenheit wächst und die Ermüikung auch. Will der Völkerbund sich lebensfähig erweisen, so muß er gegen diese Stimmung durch entscheidende Taten einschreiten.
Aufsehen hat in den letzten Tagen die Meldung von der Möglichkeit des Abschlusses eines Mittelmeer-Locarnos hervorgerufen. Den Anlaß dazu hat die Reise Chamberlains nach Barcelona gegeben und die Unterhaltungen, die er mit Primo de Rivera gehabt hat. Drei Staaten werden im Zusammenhang mit einem Mittelmeerpakt genannt: Spanien, Italien und England. Daß die ersten beiden Staaten recht warme Gefühle in der letzten Zeit für einander hatten, ist altbekannt. Italien und Spanien sind nicht nur blutsverwandt, sondern auch durch die gleiche Staatsform einander genähert, auch ist es kein Geheimnis, daß England, Das Gibraltar und Malta in feinen Händen hält, und hiermit den Weg nach Indien über den Suezkanal völlig beherrscht, am Mittelmeer stark interessiert ist. Auch weiß man, daß Italien außenpolitisch in engster Fühlung mit England steht und daß auch Spanien dem Beispiel Italiens zu folgen geneigt ist. Was aber auf' fällt und was einen Anlaß zu ernsten Beunruhigungen geben muß, falls ein Mittelmeer- Locarno Wirklichkeit werden soll, ist das Fehlen Frankreichs in dieser Konstellation. Frankreich ist ein ausgesprochener Mittelmeerstaat. Seine Verbindungen mit der Afrikakükte sowie der