Nr. 200
Samstag den 27. August 1927
Sette L
- ; Lokales.
Hanau. 27. August.
ÄhsnÄMSttschen.
Als ich Student war und meine kleinen Ein- Lufe selbst machte, taufte ich in einem Laden, wo »Dornröschen" bediente. Ich kaufte nicht „Dornröschens" wegen. Die ^Vare war gut. Schließlich war aber Dornröschen doch ein Anziehungspunkt. Wir nannten sie so, weil sie so träumerisch ausschaute, und weil einige böse Zungen behaupteten, sie müßte aus ihrem Schlaf immer durch einen Kuß igemetft werden.
Sobald es nämlich Wend wurde, begannen sich ihre Lebensgeister zu regen. Sie wurde lebendiger und machte wohl auch einmal einen Scherz. Wenn der Laden geschlossen war, promenierte sie sehr aufgeweckt durch die Anlagen in der Nähe des Hauses, öhre Augen sprühten Feuer. Sie war nicht wieder- zuerkennen.
Seit der Zeit weiß ich,_daß es Abendmenschen aibt. Man könnte sie auch Schwärmer nennen. Sie lammen zur Zeit, wenn die Abendfalter ausfliegen. Sie lieben nicht das" Sonnenlicht, höchstens den Mond. Für Sterne haben sie keinen Sinn, dafür aber umsomehr für recht starke Glühbirnen in den Cafës. Im Freien sieht man sie nicht allzu häufig. Aber wenn ein Frühlingsfest mit Papierblumen oder ein Sommerfest in einem Tanzlokal mit grünen Zweigen gefeiert wird, dann sind sie zur Stelle. Sie haben eine ungeheure Ausdauer beim Tanzen. Die langweiligste Gesellschaft macht ihnen Spaß, wenn es eine Abendgesellschaft ist. Bis in die Morgenstunden hinein steigert sich ihre Lebens- ! froude.
Ich nenne sie Abendmenschen; vielleicht sollten sie Nachtmenschen heißen. Ich sehe sie jeden Abend. Nachts schlafe ich. Ich kann mir nicht helfen, sie Sm etwas Unheimliches für mich. In ihren en sprühen Lichter, die sehr interessant, aber l auch gefährlich sind.
„Dornröschen", ist längst in Amerika, aber wo dort, weiß ich nicht.
LVsmsr die GommesfviMe . daUesttbesT Evforg hGA>§rz §söZ.
Nun haben mir unsere sommerliche Erholung gehabt und nun kann es mit frischen Kräften an die Arbeit gehen. Dies ist die Stimmung, in der viele und vor allem viele Hausfrauen von ihrer Reise heimkommen. Vielleicht geschah es seit mehreren Jahren gum ersten Mal wieder, daß sie sich eine Reise gönnen konnten, an Entsagung und an Verzicht gewöhnt, hat man dies besonders dankbar hingenommen und fühlt nun gleichsam die moralische Verpflichtung, den Pflichten des Alltags mit vermehrtem Eifer und noch größerer Sorgfalt nachzugehen. So geht es denn gleich nach der Rückkehr tüchtig an die Arbeit, die Wohnung, die der hausfraulichen Obhut so lange entbehrt hat und ein wenig verwahrlost ist, wird ordentlich vorgenommen und mit Scheuerhader und Besen der Staub in allen Winkeln unsicher gemacht, alle Arbeiten, die inzwischen liegen geblieben sind, nachgeholt, der Einmachtopf hervor- gehoU.
Äver, liebe Hausfrauen, ihr solltet bedenken, daß auch die neuen Kräfte, die ihr mit heimgebracht habt, nicht unbegrenzt sind, daß auch sie, wenn man unvernünftig mit ihnen umgeht, einmal erschöpft sein können, so daß von den Wirkungen der sommerlichen Erholung nichts mehr zu merken sein wird, noch lange ehe das Jahr zu Ende geht und ein neuer So mm* die Möglichkeit einer neuen Ausspannung mit sich bringt.
Die Sommerfrische soll, dies ist ja wohl aller Wunsch, recht dauerhaften Erfolg haben. Dazu ist aber erforderlich, daß man gerade in der ersten Zeit nach der Rückkehr in das Arbeitsleben sich noch ein wenig schont. Der Organismus muß sich erst wieder an die vermehrten Forderungen, die an ihn gestellt werden, allmählich gewöhnen. Vor allem gilt dies natürlich für solche Fälle, in denen eine Kur gebraucht, Bäder genommen, Brunnen getrunken wurde. Dies hat für den Organismus immer sehr eingreifende Folgen, bedeutet zunächst nicht Erholung, sondern Anstrengung. Deswegen wird ja auch von den Aerzten großer Wert auf die sog. Nachkur
gelegt, sie bezeichnen es als wünschenswert, ja eigentlich notwendig, wenn die Kur wirklich vollen Erfolg haben soll, daß man von dem Bade, in dem man die Kur gebraucht hat, wenigstens für kurze Zeit noch an einen stillen Ort geht, wo man ganz der Ruhe und Erholung sich hingibt, ehe man wieder an die Arbeit des Alltags zurückkehrt.
Nun sind freilich diese Forderungen heutzutage nur allzu oft leider reine Utopie. Die meisten müssen ja schon froh sein, wenn sie so viel Geld erspart haben und sich für so lange frei machen können, um die Kurzeit in einem Badeort üurchzuhalten. An eine besondere Nachkur ist nicht zu denken. Alle diese sollten aber wenigstens den Versuch machen, sich zu Hause einen Ersatz dafür zu verschaffen. Bei wirklich gutem Willen wird dies meist gehen. Man muß sich nur klar machen, daß es keineswegs zutrifft, daß man nun gleich so besonders viel überschüssige Kräfte hätte, die man nach Belieben verschwenden könnte, sondern daß man vielmehr nach der anstrengenden Kur gleichsam als Rekonvaleszent nach Hause zurückkehrt und noch der Schonung bedarf. Es ging ja so lange ohne die Hausfrau, es wird schon auch noch etwas länger gehen, daß sie sich von den häuslichen Arbeiten noch zurückhält und sich wie während der Abwesenheit vertreten läßt. Wenn sie einen Teil der Arbeiten und vor allem die Oberaufsicht wieder übernimmt, so ist damit schon viel geholfen und di< Hauptsache ist, daß die von der Kur zurückgekehrte Hausfrau noch so viel Zeit für sich behält, um jeden Tag für einige Stunden an die Luft zu gehen, bei gutem Wetter draußen liegen, sonst sich wenigstens eine ausgiebige Mittagsruhe gönnen zu können. Man muß freilich, dies ist dabei die Hauptsache, die nötige innere Ruhe haben; denn dies ist ja bekanntlich so ungefähr das schwerste, was einer Hausfrau zugemutet werden kann, daß sie un= tätig zu sieht, wie andere in ihrem Haushalt „Dummheiten" machen und alles nicht so am Schnürchen geht, wie sie es haben möchte und auch haben könnte, wenn sie selbst zugriffe. Die Vernunft aber sollte ihr hierbei helfen, und die Erkenntnis, nur so einen wirklichen Erfolg von der vielleicht nur schwer erkämpften Sommerfrische und Kur zu haben. Wenn dann die ersten schweren 10—14 Tage der_ Selbstbeherrschung vorüber sind, dann kann es dafür wirklich mit Volldampf an die Arbeit gehen und man wird mit Freuden den Erfolg der sommerlichen Erholung an der vermehrten Leistungsfähigkeit merken. _________
GSrZe DvachenssMiGie.
Wenn der Sommer den Höhepunkt überschritten hat, die ersten Marienfäden ab den Sträuchern hängen und die großen, wogenden Kornfelder eins nach dem andern leer werden, wenn die Tage von einer unerhörten Durchsichtigkeit und Klarheit find und die Winde ungehinderter wehen durch eine geweitete Welt — dann ist die „Drachenzeit".
Aber das „Drachen ziehen" ist- durchaus keine alltägliche oder gar einfache Sache! Jedes Objekt hat seine Tücke. Vis der oben ist und dort wie verrückt ins Runde saust — so weit sind wir noch lange nicht! x
Erst ist er zu schwer. Dann fehlt der Wind. Dann bleibt man hängen und tritt ihm den Schwanz ab. Und gerade dann geht er hoch, haut wie besessen in den Acker hinein und die Leiste ist futsch. Wenn man ein Optimist ist, fängt man geduldig von vorne an... Wir sind Optimisten!
Endlich kommt der erhabene Augenblick . . . Die kleine Ange jubelt (wie es manchem geht, wenn der Geldbviefträger kommt): „Laß mich einmal halten, bitte, bitte!" Na, sie hätt den Bindfaden wie ein rohes Ei und fängt langsam an, abzurollen ...
Jetzt kommt die Geschichte einer Pfütze. So ein Ding drängt sich oft förmlich unter die Füße. Diese aber war, wie meist, unsichtbar — bis zu dem bekannten Zeitpunkt! Da stolperte klein Ange hinein und — ließ los!
O, unser schöner Drachen! Eine Zierde in der leeren Herbstluft. Da segelte er ab, langsam sinkend. Ausgerechnet in einen Garten mit Mauer und Draht. Wir haben ihn ja wieder geholt. Eine Mauer und eine zerrissene Hose war die Quittung; aber was macht das .. .1
Nur sein schönes Gesicht war ganz verunstaltet. Rote Augen hat er gehabt und eine weiße Nase auf grünem Grund. Wir haben die Trümmer nach Hause getragen. Die kleine Ange hat ihn noch ein wenig gestreichelt.
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* Daten für Sonntag, 28. August. Sonnenaufgang: 5.05, Sonnenuntergang 18.67 Uhr. Mondaufgang 5.45, Monduntergang 19.52 Uhr. 1645: der holländische Gelehrte und Staatsmann Hugo Grotius (eig. de Groot) gest. 1749: Johann Wolfgang von Goethe in Frankfurt a. M. geb. 1802: der Dichter und Germanist Karl Somroch in Bonn geb. 1914: Hindenburgs Sieg bei Tannenberg. — Daten für Montag, 29. August. 1808: der Begründer der Genossenschaften Hermann Schultze-Delitzsch geb. 1866: der Dichter Hermann Löns in Kulm geb. 1915: Hindenburg wird Chef des deutschen Generalstabs, Ludendorff Erster Generalquartiermeister.
* Bekanntmachung für die Blainschiffahrt. Die Rheinstrombauverwaltung gibt bekannt: Die Durchschleusungszeiten bei den Mainschleusen werden dadurch unnötig verlängert, daß ein großer Teil der Schleppzugführer ihre Anhängeschiffe.an zu langen Schleppleinen führen, so daß den Schiffen die erforderliche Kraft zum vollständigen Einfahren in die Schleusenkammern fehlt. Da außerdem bei vielen Schleppern mechanische Vorrichtungen zum schnellen Aufholen der Schleppleinen fehlen, ist ein sehr mühsames und langsames Einholen der Anhongschiffe in die Schleusenkammern nicht zu vermeiden. Hierdurch wird der Schleusengang unnötig verzögert und die nachkommenden Fahrzeuge werden stark benachteiligt. Die Schiffahrttreibenden werden daher in ihrem eigenen Interesse ersucht, soweit es sich irgendwie ermöglichen läßt, die Schleppleinen vor der Einfahrt in die Schleuse soweit aufzuholen, daß gemäß Paragraph 41 Ziffer 2 der Schiffohrtspolizeiordnung für den kan. Main vom 3. April 1925 die Schleppzüge in gestreckter Linie geordnet einfahren können. Das Aufholen der Schleppleinen ist besonders in der Zeit vorzunehmen, in der die Schleppzüge bei nicht freigegebener Einfahrt an den Haltzeichen anlegen müssen.
* von der Reichsbahndireklion. Der für Sonntag, 28. August vorgesehene Sonderzug von Wetzlar über Gießen und Hanau nach Heidelberg wird wegen schlechter Beteiligung, laut Mitteilung der Reichsbahndirektion, nicht gefahren. Etwa gelöste Fahrkarten werden an den Fahrkartenschaltern wieder zurückgenommen.
* Belohnungen, die die Gerichts- oder Regierungsbehörden für die Aufklärung von Verbrechen aussehen, sind nur für die Mitarbeit von Personen aus der Bevölkerung bestimmt. Beamte, zu deren Berufspflichten die Verfolgung von Verbrechen gehört, sind deshalb nach einer Verfügung an die Polizeibehörden bei der Verteilung ausgelobter Belohnungen nicht zu berücksichtigen. Zur Vermeidung von Zweifeln soll hierauf bei jeder öffentlichen Auslobung einer Belohnung besonders hingewiesen werden. Wenn Beamte bei der Aufklärung eines Verbrechens eine außerordentliche Tätigkeit entfalten, die über die Erfüllung der geforderten Berufspflich- ten hinausgehen, und sich außergewöhnlichen Anstrengungen unterzogen haben, so kann ihnen nach Anhörung des Gerichts vom Minister des Innern eine besondere Belohnung bewilligt werden.
* Die landwirtschaftliche Diplomprüfung. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst einem gemeinsamen Runderlaß des Landwirtschaftsministers und des Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung entnimmt, dürfen immature Bewerber, die sich vor dem 1. Oktobers. I. zur landwirtschaftlichen Diplomprüfung gemeldet haben, noch zum ersten Prüfungstermin des Wintersemesters 1927/28 ausnahmsweise zugelassen werden, wenn sie bei der Meldung alle Bedingungen der Prüfungsordnung erfüllen, also insbesondere ein sechssemestriges Studium der Landwirtschaft und eine dreijährige Praxis nachweisen können. Diese Bestimmung, wonach zu den landwirtschaftlichen Diplomprüfungen auch nicht immatrikulierte Bewerber zugelassen werden können, gilt für die Zulassung zu den Vor- und Hauptprüsungen wie auch für die Fälle, in denen sich die Bewerber einer Wiederholung oder Nachholung der Prüfung, sei es im ganzen oder in einem einzelnen Fache unterziehen oder sich in einem Wahlfach prüfen lassen wollen. Wohl aber ist von Bewerbern, die die Prüfung ohne Erfolg abgelegt haben, und sich zu ihrem Bestehen bestimmungsgemäß einer Wiederholung oder Nachholung der Prüfung im ganzen oder in einem einzelnen Fache unterziehen müssen, der Nachweis zu führen, daß sie in der Zeit zwischen der erfolgten Ablegung der Prüfung und der Wiederholung oder Nachholung ein weiteres Semester immatrikuliert gewesen sind.
* Der Aufenthalt in den Feldern und auf den Feldwegen ist im Monat September 1927, von abends 8 Uhr bis morgens 6 Uhr für Jedermann verboten.
* Fahrplanänderung. Von Samstag, 27. 2luguj|t, ab wird der jetzt zwischen Hanau-Hptb. und Schlüchtern verkehrende Pz. 833 (W.) an Werktagen vor Sonn- und Feiertagen von Frankfurt-Süd aus durchgeführt. Er verkehrt somit, zwischen Frankfurt- Süd und Hanau-Hptb. nur an Wochentagen vor Sonn- und Feiertagen, zwischen Hanau-Hptb. und Schlüchtern jeden Werktag. Sein Fahrplan wird vom 27. August ab wie folgt festgesetzt: Frankfurt- Süd ab 14.12 Uhr, Hanau-Hptb. an 14.46 Uhr, ab Hanau-Hptb. 14.49 Uhr.
* Ein neuer Weg zur Lebensverlängerung. Wie dem Amtlichen Preußischen Pressedienst mitgeteilt wird, hat eine Reihe deutscher Lebensversicherungsgesellschaften einen neuen Weg beschritten, um aus die Lebensdauer der bei ihnen Versicherten nach Möglichkeit Einfluß zu gewinnen und damit der Allgemeinheit im Sinne der Gesunderhaltung des deutschen Volkes gleichzeitig einen wichtigen Dienst zu leisten. Alle mehr als drei Jahre lang Versicherten erhalten in Zwischenräumen von drei Jahren von den betreffenden Lebensversicherungsgesellschaften einen Gutschein, mit dem sie zwecks Feststellung ihres Gesundheitszustandes einen beliebigen Arzt ihres Vertrauens auffuchen können. Zweck dieser ärztlichen Untersuchung ist die Fesfftellung etwa im Entstehen begriffener Krankheiten und die sachgemäße Beratung betreffend ihre Verhütung. Don Bedeutung ist dabei, daß die Gesellschaften von dem Befunde des Arztes nichts erfahren und die Honorierung für die ärztliche Untersuchung nach Ausfüllung des Gutscheines für die betreffende Konsultation durch die Lebensverficherungsgesellschaften direkt erfolgt. Der Gutschein hat, um einen Anreiz für die nicht zwangsweise geforderte Untersuchung darzustellen, eine auf drei Monate beschränkte Gültigkeit. Es wird auf diese Weise ein Gesündheits- dienst am deutschen Volke aus geübt werden können, der sich sowohl für die Lebensversicherungsgesell- schaften wie für den Staat nutzbringend ausmirEev dürfte und als ein neuer Weg zur Lebensverlänge- rung bezeichnet werden kann.
* Schloßgarlen-Sonzeert. Der Hanauer Orchester- verein spielt Sontag im Schloßgarten nachstehende Musikstücke: 1. „Im Sturm treu", Marsch von Machetanz; 2. Ouv. z. Oper „Der Wildschütz" von Lortzing; 3. „Morgenblätter", Walzer von Joh. Strauß; 4. Ung. Rhapsodie" o. Reindel; 5. Fantasie a. d. Op. „Der Trompeter von Säckingen" von Netz- ler; 6. „Zamona", Marsch von Hoffmann.
* Das Fest der silbernen Hochzeit feiern morgen die Eheleute Gustav Neigenfind, Gastwirt „Zur Mainlust", Kesselstadt.
* heute Bellachini! Auf die heute Samstap, 8 Uhr, in der „Centralhalle" stattfindende große Experimental-Vorstellung wird nochmals hingewiesen. Es wird so vieles des Interessanten und Sehenswerten zur Vorführung gelangen, daß sich der Besuch des Abends lohnen dürste.
* Hanauer Geschichtsverein. Der Ausflug findet am 4. September bei jedem Wetter statt. Die Teilnehmer versammeln sich um 5.40 Uhr am Haupt- bahnhof. Abfahrt 5.59 Uhr. Der Preis für die Sonntagsrückfahrkarte 4. Klaffe (Teilstrecke Hanau —Bad Neuheim, Bad Nauheim —Marburg) beträgt 4.30 Mark. Ankunft und Beginn des Rundganges in Marburg (Hauptbahnhof) 9.05 Uhr. Für gemeinsamen Mittagstisch ist gesorgt. Wiederankunft in Hanau (Nord) 22.35 oder (Hauptbahnhof) 22.42 Uhr. Um rege Beteiligung wird nochmals gebeten.
* Neue Grotztiertransporte für den Frankfurter Zoo. Während der vergangenen Wochen wurde die Sammlung größerer Säugetiere durch die Neuerwerbung einiger bedeutender Typen erweitert. In dem der Vollendung entgegengehenden Umbau des Raubtierhauses ist zur Vervollständigung der Zuchtpaare ein stattlicher männlicher Puma oder Silber- löwe aus Südamerika eingetroffen. Seit langem können jetzt wieder die größten Tigerpferde, Grevy- Zebras aus Ostafrika, die sich von den anderen Zebra-Arten neben der Größe vor allem durch di« viel dichtere Schwarz-Weiß-Streifung ihres Felles auszeichnen, gezeigt werden. Da in den früheren Jahren regelmäßig von dieser Art in unserem Zoo gezüchtet wurde, steht zu hoffen, daß dieses Der- heisungsvolle junge Zuchtpaar in den nächsten Jahren Nachzucht bringen wird.
CÖ-M ^iwiWM- SdiMW
Roman von Walter Iulius Bloem.
Copyright 1926 Oy August tScberl U. m o. H . Berlin
53. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Sie sprechen nicht, dreifach zugeriegelt sind ihre Herzen. Wenn sie reden würden, wenn sich ihre Herzen nur einen Spalt breit öffnen würden — dann stürmten die Hände, Stirnen, Lippen und Seelen zusammen ... In ihren Ohren raunt ein Warten zu jeder Stunde, und die Herzschläge pochen mit langsam unablässigen Fäusten gegen die verriegelten Tore. So arbeitet ein Jedes stumm und verbissen an seiner Zukunft. Und wie sie so ihre zuckenden Seelen mit einem festen Turm ummauern — immer höher, je höher die Flut des Herzens drinnen steigt und die Turmränder überlecken will --da begreifen Ulla und Wolf in einem unermeßlichen Stolz: Die höchste Sünde auf der Welt ist die Untreue gegen sich selbst . . .
Doch jetzt, an Bredebuschs Seite, spürt Ulla in einem aufflatternden Entsetzen: sie ist am Rande ihrer Kraft! Heute nachmittag wollte sie hinübergehen und das Werk ihrer Fingerspitzen beendigen. Sie kann nicht! Wenn sie noch ein einziges Mal vor Wolf stehen wird, ihn sehen und fassen — so wird sie umsinken und versinken.
Sie kann nicht mehr. Wird ein Boten zu ihm schicken und wird ihm mit den keilförmigen, starren Buchstaben ihrer jetzigen Schrift schreiben: Gib mir den Tonkopf — ich werde zwei Bronzeabgüsse davon machen lassen — einen für dich, einen für mich. Und Dank — Dank---
*
In den Dorstadthausern von Chemnitz verlangsamte Bredebsuch die rasende Geschwindigkeit. Beunruhigt fiel sein Blick auf Ulla, die zusammengekrümmt in ihrem Sitze hockte. „Ist dir nicht wohl, Kindchen?"
„Oh — doch", murmelte sie, richtete sich sofort auf und nahm die Brille vom Gesicht — lächelte /«n Schwager an, so gut sie konnte. Er spürte was Verzerrte und grübelte hinter diesem Lächeln her —
Erst vor dem Hause des Augenarztes hielt Bredebusch den Wagen an. Dor der Tür wartete seit einer Stunde ein Lehrling aus seiner Fabrik, der den Wagen bewachen sollte.
Oben wurde Ulla genau mit der Spiegellampe untersucht, sie muhte auf zwei Schritte Entfernung Buchstaben von einer Tafel ablesen. Die fettgedruckten Lettern bis hinab zur Größe eines Daumennagels konnte sie deutlich erkennen — was kleiner war, das verschwamm vor ihrem Blick . . .
Der alte Arzt legte ihr dann leicht die Hände aus die Schultern: „Fräulein Hammerschlag! Nehmen sie jetzt ihr tapferes Herz in beide Hände. Sie haben stets volle Wahrheit verlangt — und Ihnen sehe ich an, daß Sie nur die volle Wahrheit ertragen werden! Ihre Behandlung ist beendet; was Menschen tun konnten, geschah. Auf Ihrem linken Auge ist eine verhältnißmäßig leichte Glaskörpertrübung in toto und ein sogenanntes Pupillarmembran an der vorderen Linsenkapsel zurückgeblieben. Beides kann weder durch Operation noch durch sonstige Mittel beseitigt werden. Mit der Augenkraft, die Ihnen verblieben ist, werden Sie sich abfinden müssen."
„Ich werde es", sagte Ulla.
„Sie haben noch ziemlich viel Glück gehabt, Fräulein Hammerschlag! Die „sympathische Augenentzündung", die sich bei Ihnen entwickelte, führt in sehr vielen Fällen zu völliger Erblindung. Aber Sie sehen noch genug, um sich an der Welt und an allen Menschen zu erfreuen — und Ihr linkes Auge wirkt völlig klar, niemand .kann Ihnen etwas an= merken. Und nicht jedes Menschenauge strahlt so
Ulla lächelte.
„Es ist jetzt nicht mehr nötig, Fräulein Hammerschlag, daß Sie die Blendbrille tragen — und auch die Narbe des rechten Auges braucht keinen Schutz mehr.",
Als Ulla an Bredebuschs Arm die Treppe hinabstieg, klangen in ihr die leisen Harfentöne eines gebändigter Leides: besser wird es nun nicht mehr werden . . . „Sei so gut, Heinrich — fahr mich mal zu dem Optikerladen. Ich will mir etwas kaufen."
„Was denn?"
„Das wirft du ja sehen!" lachte sie. Beim Optiker erstand Ulla dann ein kohlschwarzes, funkelndes ---Monokel, das sie über die Narbe des rechten Auges einklemmte. Sie ließ sich einen Handspiegel geben, trat unter eine starke Lampe und betrachtete ihr Spiegelbild. Das Monokel blitzte, darüber züngelte sich das kleine, rote Flämm chen der
Basaltnarbe in die Stirn hinein. Hoho, Ulla! lachte Bredebusch in sich hinein — nun ist es mir doch ge
lungen, dick) wieder aufzuerwecken —
„So —" sagte er im Wagen und griff vergnügt in die Schaltung, „und nun fahren wir zur Feier des glorreichen Tages auf den Kaßberg. Unser Heim ist fertig — sieh es dir an." Doch statt der erwarteten Freude sah er in Ullas Gesicht ein totenblasses Erschrecken herauffrieren — und die Aus-
blasses Erschrecken herauffrieren — und die Ausgelassenheit der vorigen Mi '
„Bitte jetzt nicht —", flüsterte sie, „— nicht heute
inute war weggewischt.
— lieber in vierzehn--in einem Monat. — Fahren wir heim aus das Schälengut — wir werden sonst zum Essen zu spät---Ach, Lieber — glaube mir: ich will es dir schön machen — hier — hier — bei — uns."
Das war ihm ganz rätselhaft, und vergeblich bynü^te sich sein Herz um eine Entwirrung. Nur daß sich unsichtbare und unerkennbare Kräfte gegen ihn erhoben, das empfand er dumpf. Stumm warf er das Rad herum, ließ dann auf der freien Landstraße seinen Wagen in einem Tempo rennen, wie es dem Motor behagte.
Bredebusch fürchtete sich nicht vor einem offenen Kampf — er scheute nur den Gegner aus dem Hinterhalt. Mitten auf der Strecke fuhr er langsam. „Sag' mal, liebes Kind — du bist heute so eigentümlich still — und dann wieder so lustig. Ich hab' mich doch immer in dir zurechtgefunden. Was geht nun in dir vor?"
Ulla zögerte. „Es wird wohl daher kommen, daß ich jetzt wieder arbeite."
„Du? wie denn —?"
Sie erzählte es ihm. Dazwischen hetzte sich ihre Stimme immerfort und überstürzte einzelne Sätze — hub zu einem Bericht an — verschwieg etwas — schwieg endlich. Einmal hatte Bredebusch einen jungen Flieger abstürzen gesehen, der vergeblich versucht hatte, sein Flugzeug zum Looping aufzubäumen: es blieb bei einem unsicheren Auftaumeln, dann war der Fliegermut dahin — endlich schoß der schöne blaue Doppeldecker zu Boden und zerschellte. Genau so wirkte es, als Ulla sprach . . .
Wieder fuhr Bredebusch einen langen, rasenden Weg — lieh den Wagen abermals »langsam rollen. Er fand keine Ruhe. „Sage mal — Ulla: das klingt fast unglaublich, was du mir da erzählst. Wie bist du eigentlich auf diesen Gedanken gtiomiuUu - Nun, bekomm' ich keine Antwort?"
â^ ^wU,
ist der Titel unseres am Dienstag be. ginnenden neuen Romans. Der Berfasser des Werkes ist der bekannte Schriftsteller Possendorf (Verfasser des Klettermaxe) der hier besonders spannende und interessante Probleme aufwirft.
„Jemand — hat es mir — vorgemacht."
Sie lügt! knirschte es in Bredebuschs Seele — es ist alles, alles erlogen! „Ich würde mich ja riesig für dich freuen, wenn du wieder künstlerisch arbeiten könntest. Köpfe — sagst du? Hast du nach Modell gearbeitet?"
Ihr preßte eine würgende Angst die Kehle zusammen. „Gewiß — ich habe einen Tonkopf vom dummen Eischen gemacht — und einen von Fin- gal---"
„Und — ?"
Sie seufzte tief auf, und er sah, daß ihre Linke sich auf das wie toll schlagende Herz legte. „Und — — Ulla?"
„Nun ^ab ich in den letztem zwei Wochen . . . Wolf Dülkats Gesicht und Kopf modelliert."
Es war gesagt. Der Wagen stand. Bredebusch fragte:
„Hast du es gemacht wie deine Schwester Claudia?"
Ulla wandte ihm das flammende Gesicht zu und schob die Autobrille in die Stirn: „Ich bin Nicht meine Schwester Claudia."
»Hast du ihn geküßt?" fragte Bredebusch be- harrlich, um ein weniges erleichtert.
„Nie —!"
„Wenn du von mir fortwillst, Ulla — es kostet dich nur ein einziges Wort."
(Schluß folgt.)
Humor.
Mißtrauen. „Würden Sie auf meine Rege» urmer einen Augenblick auf paffen, alter Herr?* . »^ehr gern, Kleiner." „Aber. . . ich hab' sie ae-