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Lamstag den 20. August 192?

Seife 3

. LEsS.

Hanau. 20. AuMst.

GommevS Ende.

Vor einem mitten und schönen herbst.

Ist der Sommer wirklich schon vorbei? Werden leine warmen Tage mehr kommen, wird die Sonne durch ihre strahlende Kraft uns nicht mehr er­stellen? Nach der anfänglichen Entwicklung des Sommers, als es ununterbrochen regnete, hat sich das Wetter noch besser entwickelt, als man anneh- men durfte. Allgemein war man der Ansicht daß der ganze Sommer verpfnsckt sein werde und daß es an jedem Tage zahlreiche Niederschläge geben würde. Tatsächlich sind wir aber angenehm ent­täuscht worden; wir hatten viele schöne Tage, sehr warme Temperaturen und manchmal eine Woche hinterâader gutes Wetter.

Der Witterungsuimschlag setzte dagegen verhält­nismäßig früh ein, und zwar schon am 6. August. Damals glaubte man, daß es sich um leichte Som- mergewitter handele, die bald wieder zu einer Auf­klärung führen würden. In Wirklichkeit aber be­deuteten sie das Ende des Sommers, denn nach den ersten sehr heftigen Niederschlägen und zahlreichen Gewittern setzte eine allgemeine Depression ein, die uns Stürme, viel Regen und tagsüber bedeckten Himmel brachte. Heroorgerufen wurde dieser Ueber­gänz zum Herbst durch die dauernd herrschende maritime Westströmung und auf eine sofortige gün­stigere Entwicklung der Wetterlage ist damit wenig Aussicht vorhanden. Vielmehr läßt die ausgedehnte Tiefdruckzone, die sich vom Kanal durch die Nordsee und Skandinavien bis nach Nordrußland erstreckt und der vom Atlantik weitere Wirbel in ununter­

die dauernd herrschende

brochener Reihe nachfolgen, keine hochsommerliche Erwärmung mehr erwarten. Die augenblicklich ver­änderliche Regenwetterlage ist auf den Westwetter­charakter zurückzuführen. Ueber deren Dauer kann man mit Bestimmtheit nichts voraussagen; es ist möglich, daß sie längere Zeit anhält, aber ebensogut kann ihre Herrschaft auch schon in einer Woche beendet jeirf.

Durch das frühe Ende des Sommers hat nament­lich die Landwirtschaft gelitten, da es vieler Orts infolge der Herausschiebung der Ernte nicht mehr möglich war, alles hereinzubringen. Infolge der vielen Regenfälle ist das Getreide zum Teil stockig geworden. Dadurch wird der Ernteertrag teilweise erheblich gemindert.

Auch unsere Ozeanflieger sind durch den frühen Hereinbruch der kühlen Temperaturen, vor allem aber wegen des stürmischen Wetters, beeinträchtigt worden. Bekanntlich hat die gesamte ungünstige Witterungslage zu einer Aufschiebung des Trans­ozeanfluges geführt. Dadurch haben wir die günstige Situation, den Konkurrenten anderer Länder zuvor­kommen zu können, weil die deutschen ÄRschinen startfertig und erprobt waren, leider ohne Erfolg vorbeigehen lassen müssen. Obwohl von den Junkers-Werken noch keine endgültigen Bekannt­machungen über den Termin eines neuen Startes ausgegeben worden sind und teilweise auch mit der Möglichkeit gerechnet wird, daß man erst im nächsten Jahre startet, darf nunmehr doch mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden, daß man eine evtl, einsetzende Besserung der Wetterlage nicht ungenützt vorübergehen lassen wird. Dies schon deshalb, weil die anderen Bewerber weiter fieberhaft an den Vor­bereitungen zu einem diesjährigen Start arbeiten, und vor allem Könnecke nunmehr auch die gesicherte ^nanzielle Grundlage seine Unternehmens gefunden

Eine alte Erfahrung lehrt, daß im allgemeinen der Herbst schön zu werden pflegt, wenn die kühle Witterung frühzeitig einsetzt. Die Meteorologen sind der Ansicht, daß wir mit einem sehr schönen war­men und trockenen Herbst rechnen können. Schon allein die in der letzten Zeit niedetgegangenen ver­hältnismäßig starken Niederschläge lassen die 8«è mutung zu, daß eine längere trockene Periode ein­setzen wird. Denn die Niederschlagsmenge ist sta­tistisch berechnet jedes Jahr ziemlich beständig gleich groß, und wenn in einem Monat besonders viel Regen herniedergegangen ist, so wird dies in spä­terer Zeit durch eine Trockenheitsperiode wieder ausgeglichen. Diese Nachricht dürfte für all die sehr angenehm sein, die noch ihren Urlaub vor sich

haben. Wenn sie auch nicht die Vorteile der langen l Sache ans Tageslicht. Gestern wurde der unrecht- gemeßen man kann direkt von Tag zu Tag mäßige Bezieher dessentwegen wegen schwerer Ur- beobachten, nne die Sonne immer früher unter- kundenfälschung in Tateinheit mit Betrug zu einem so haben sie dafür den Vorteil eines an- Monat Gefängnis verurteilt, wobei das Gericht genehmen mitten Herbstes; zugleich können sie sich feine wirtschaftliche Notlage mildernd in Betrackt

genehmen mitten Herbstes; zugleich können sie sich an den wundervollen Schönheiten der Natur, die diese in der absterbenden Buntheit des Herbstes zeigt, erfreuen.

Nach dem Gesagten können wir also alles in allem mit der Wetterbildung dieses Jahres zufrieden sein. Während der Hauptreisezeit waren wir durch gutes Wetter begünstigt, was sich in dem vorzüg­lichen Besuch aller deutschen Bäder wiederspiegelte, die eine seit vielen Jahren nicht mehr erreichte Fre­quenz aufimosen. Das Wichtigste ist und bleibt, daß die Hauptsaison gut ist. Sollte nun noch, wie es den Anschein hat, sich auch die Nachsaison günstig ge­stalten, so wird man in allen Bädern die schweren Verluste früherer Jahre zum Teil wieder ausglei­chen können.

Er« ueuev GNsvtvlÄtz ist A^msm.

Zu den bisherigen Sportplätzen an derSchönen Aussicht", der Freigerichtstraße und der Blücher­straße gesellt sich ein neuer an der Aschaffenburger Straße. Bereits seit einem Jahre steht dort neben der großen Feldscheuer ein Schild mit der Auf­schriftSportplatzneubau des 1. H. F. C. 1893". Heute ist anstelle dieser primitiven Aufschrift ein Sportplatz getreten, der verdient, in den weitesten Kreisen Hanaus bekannt zu werden, zumal es Hanau infolge seiner wirtschaftlichen Lage nicht ver­gönnt ist, ein Stadion, wenn auch in kleinem Aus­maße, zu bauen. Was den offiziellen Organen nicht zu schaffen vergönnt war, /hat die zielbewußte Energie einer privaten Sportorganisation zu Wege gebracht. Der 1. H. F. C. 93, wohl mit der größte sporttreibende Verein Hanaus und seiner näheren Umgebung, hat mit einem beispiellosen Opfersinn und Eifer an der Aschaffenburger Straße eine Kampf­stätte geschaffen, die kaum zu übertreffen ist. An dieser Stelle sei nicht unerwähnt, daß auch die Stadtbehörde dem neuen Sportplatz das nötige In­teresse entgegenbrachte und wohl auch in Zukunft entgeg-nbrnyen wird Tu gccbnia fucllt Um­zäunung mit ihren dr-i T--.n läßt fämn rrn außen, her den Platz in bestem Dichte erscheinen. B?'m Eintritt fällt dem Besucher sofort die Hauptkampf­stätte ins Auge, ein Platz in dem größten zulässigen Ausmaße, von einer ovalen Laufbahn umgeben. Nach der Bahnseite hin ist eine schöne überdachte Tribüne mit 400 Sitzplätzen geschaffen, flankiert von je zwei erhöhten Stehtribünen. Vor diesen erstrecken sich längs des Platzes noch weitere Sitzplätze. Die Tribüne birgt in ihrem unteren Geschoß Umkleide-, Wasch- und Schiedsrichterräumlichkeiten. Hinter der Tribüne erstreckt sich ein weiterer Spielplatz. Neben­an liegt noch ein Trainingsfrld, neben dem noch die Schaffung einer Tennisanlage geplant ist. Außer­dem sollen weitere Gelegenheiten für leichtathletische Betätigung geschaffen werden. Diese ideale Kampf­stätte ist in herrlicher gesunder Lage geschaffen und wird mit der Zeit noch völlig ausgebaut werden, Die Einweihung findet bestimmt Sonntag, 2 8. August, statt. Dieser Tag muß für alle Hanauer Sportler und Sportanhänger ein Festtag erster Ordnung werden. Die Feierlichkeiten sind im streng sportlichen Rahmen festgelegt und bieten als Hauptpunkt den Beirksligakampf zwischen dem Platzverein 1. HFC. 1893 und dem mehrfachen Mainmeister FSpv. Frankfurt, zwei alten Rivalen des Mainbezirks. Hoffen wir, daß dem Erbauer des Platzes zu feinem Festtage ein voller Erfolg beschieden sein möge.

Aus dem Oevichtssaal.

Ein verhängnisvoller Einfall.

Auf einen verhängnisvollen Einfall kam eines Tages ein 23jähriger, schon längere Zeit erwerbs­loser Hilfsarbeiter von hier, als ihm seitens eines Freundes der Auftrag zuteil wurde, dessen Erwerbs­losenkarte abzuliesern, da ihr Besitzer eine Arbeits­stelle gefunden hatte. Anstatt nun den ihm zuteil gewordenen Auftrag auszuführen, verfiel der junge Mensch auf den unseligen Gedanken, auf den Namen des Karteninhabers die Erwerbslosenunterstützung für sich selbst weiterzubeziehen und für die emp­fangenen Beträge mit dem Namen seines Freundes zu quittieren. Fünfmal glückte es ihm, dann kam die

seine wirtschaftliche Notlage mildernd in Betracht

zog und erheblich unter dem beantragten Strafmaß von 4 Monaten blieb.

Unter falscher Flagge.

Zumindest grob fahrlässig gehandell hatte trotz eines gestern vom hiesigen Schöffengericht erzielten Freispruchs ein selbständiger Elektro - Jnstal- laienr von hier, als er im Mai dieses Jahres auf den Namen eines Kollegen in Frankfurt zwei elektrische Stirnlämpchen kaufte, ohne daß dieser selbst etwas davon wußte und erst durch die ihm übermittelte Rechnung davon Kennt­nis erhielt. Der Angeklagte wollte im Glauben ge­wesen sein, fragliche Firma liefere nur an Aerzte und Krankenhäuser, weshalb er auf den Gedanken gekommen sei, seinen ihm gut bekannten Berufs­kollegen, der für ein hiesiges Krankenhaus arbeite und mit dem zusammen er schon größere Kom- pagniegeschäfte getätigt hatte, mit dessen stillschwei­gender Voraussetzung vorschieben zu können. Im Drange des Alltags habe er später vergessen, dem Kollegen Mitteilung zu machen und die Lämpchen, die 4.80 Mark gekostet hätten, zunächst zu bezahlen, so daß die Rechnung an das gleichfalls vorgeschobene Krankenhaus geschickt wurde. Obwohl der Verkäufer etwas ungünstiger für den Angeklagten aussagte, hielt das Gericht einen beabsichtigten Betrug der Lage der Dinge nach nicht für erwiesen und sprach den Angeklagten frei. Der Anklagevertreter hatte 1 Woche Gefängnis beantragt, dem Angeklagten allerdings gegen Zahlung einer Buhe von 50 Mark Strafaussetzung unter Zubilligung einer drei­jährigen Bewährungsfrist zugestanden.

Das Märlein vom großen Unbekannten.

Kaum eine gerichtsbekanntere Persönlichkeit gibt es in allen Landen, als den großenUnbekannten",

mit dem die kleinen und großen Sünder wider die Gesetze allenthalben zu operieren belieben, ohne daß es jemals gelungen wäre dieses Phantasiegebilde ausfindig zu machen. Auch ein biederes Schneider­lein aus Ostpreußen, der nach feinen Schilderungen schon ein schönes Stückchen Welt gesehen hat, ver­suchte sein Heil mit jener sagenhaften Persönlichkeit, als er sich gestern wegen eines in der Nacht zum 25. Juli in einer Gastwirtschaft zu Wächtersbach be­gangenen Fahrraddiebstahls zu verantworten hatte. In der fraglichen Nacht wurde aus der Waschküche des Gasthofes einem fremden Gaste das Fahrrad gestohlen und nach Bekanntweren des Diebstahles lenkte sich sofort der Verdacht auf den Angeklagten, der sich in der Gastwirtschaft am Nachmittag etwas auffällig benommen und scheinbar etwas herum­spioniert hatte. Inzwischen war von einem Auf­seher der Drahtseilban eines Steinbruchunter­nehmens aus luftiger Höhe herab von einem För­derwagen aus

in einem Haferfeld ein Fahrrad und ist diesbezügliche Meldung ge- Der Bestohlene legte sich sofort auf es währte nur kurze Zeit, bis der

liegen gesehen macht worden, die Lauer und Dieb kam, um

feine Beute abzuholen. Nach seiner erfolgten Festnahme glaubte dieser die alte Mär

vom großen Unbekannten auftischen zu müssen, dem er es für fünf (!!) Mark bereits am vergangenen Nachmittag abgekauft habe. Gestern vor Gericht er­zählte er gar, er habe mit seinem unbekannten Weg­gefährten im fraglichen Haferfeld genächtigt und als er morgens erwacht sei, sei sein Genosse verschwun­den gewesen und lediglich das Fahrrad habe noch neben dem leeren Lager gelegen. Es half dem Ange­klagten aber wenig fein schönes Geschichtlsin und 6 Monate lang kann er nun im Gefängnis neue Mär­lein ersinnen.

Vas bei Wirlfchaftsfreundschaflen herauskommen kann.

Im Wirtshaus hatten sie sich kennnengelernt, ein wegen seines unsoliden Lebenswandels abge­bauter Mjähriger Lehrer aus Eckardroth (Kreis Schlüchtern) und ein aus dem Rheinland stammen­der 27jähriger Elektrotechniker, der vor zwei Jahren ein eigenes Geschäft in Romsthal betrieb. Bald knüpften sich enge Freundschaftsbande um die Bei­den, die sich noch verstärkten, als der Geschäftsmann dem ständig vom Gerichtsvollzieher bedrängten ehe­maligen Volkserzieher, dessen Familienverhältnisse arg zerrüttet waren und der sich dem Trunke völlig

verschrieben hatte, wieder und wieder unter die Arme griff. Aber schließlich geht der Krug nur so lange zum Brunnen bis er bricht und auch ein noch so gut gehendes kleines Landgeschäft hält auf die Dauer derartige Belastungen nicht aus, zumal wenn sein Besitzer auch in anderer Beziehung nicht allzu bescheiden zu leben gewohnt ist. So kam es, wie es kommen mußte, man wurde schließlich zum An­hänger einer der nach dem Kriege so stark in den Vordergrund getretenen und fast von allen Bevöl­kerungsschichten gepflogenen Sportarten der Wechsel­reiterei, deren Gefahren leider nur allzubekannt sind. Wieder behielt denn auch bald das alte Sprich­wort recht:Wer sich in Gefahr begibt, kommt da­rin um", denn eines Tages war es geschehen, zwei Wechsel mit gefälschten Unterschriften der beiden Schwäger des Lehrers a. D. versehen ausgestellt und einer davon in Umlauf gefetzt. Der spiritus rec- tor soll der wegen einer ganz gleichgelagerten Sache kürzlich in Aachen zu 7 Monaten Gefängnis ver­urteilte Elektrotechniker gewesen sein, der denn auch 6 Monate Gefängnis erhielt, während sein ehema­liger Freund mit 3 Monaten davonkam.

Anschließend an diesen ersten Fall hatte sich der erstgenannte Angeklagte in Gemeinschaft mit seiner 28jährigen aus Romstal gebürtigen und inzwischen von ihrem Manne verlassenen Gattin zu verant­worten. Die angeklagte Ehefrau hatte sichtlich unter dem Einfluß ihres Mannes handelnd, wenn auch nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme nicht direkt von ihm beauftragt oder veranlaßt, als eines Tages Not am Mann war, drei Wechsel im Beisein ihres Mannes mit dem Namen ihres Vaters unter« schrieben, die denn auch in Umlauf gesetzt worden waren. Für diese Urkundenfälschung in Tateinheit mit Betrug erhielt der angeklagte Ehemann weitere 5 Monate Gefängnis, die mit der vorhe,. erkannten Strafe auf insgesamt 8 Monate zusammengezogen würden, während gegen die Ehefrau auf drei Wochen Gefängnis erkannt wurde.

* Daten für Samstag, 20. August: Heute sind es 125 Jahre her, daß der letzte Kurfürst von Hessen zu Schloß Philippsruhe bei Hanau ge­boren wurde. Er regierte von November 1847 bis zur Uebernahme Kurhessens in preußische Ver­waltung 1866. Sonntag, 21. August: Sonnen­aufgang 4,54, Sonnenuntergang 19,12; Mond­aufgang 23,31 Uhr, Monduntergang 3,25 Uhr. 1838: der Dichter Adalbert o. Chamisso in Berlin gest; 1858: Kronprinz Rudolf von Oesterreich in Wien geboren. Montag, 22. August: Sonnen­aufgang 4,55 Uhr, Sonnenuntergang 19,10 Uhr; Mondaufgang, Monduntergang 16,32 Uhr. 1789: der Maler Johann Heinrich Tischbein d. Ae. in Kassel gest. ; 1818: der Rechtslehrer Rudolf v. Thering in Aurich geb.; 1850: der Dichter Nikolaus Lenau (Niembsch v. Strehlenau) in Oberdöbling gest; 1921: der Maler Anders Zorn zu Mora in Schweden gest.

* Ekartè ist verboten! In einem Runderlaß über die Bekämpfung der unerlaubten Spielbetriebe weist der preußische Minister des Innern darauf hin, daß nach der Entscheidung des Reichsgerichts vom 30. Mai 1927 auch das Ekartè-Spiel gleich­gültig ob es mit oder ohne Beratung (Ponte) ge­spielt wird, als Glücksspiel anzusehen ist. Das Reichsgericht hat in dem genannten Revisionsurteil festgestellt, daß die Annahme, daß derAusgang" des Spieles unter Zugrundelegung der hier be­obachteten Spielregeln hauptsächlich vom Zufall an« hänge, ausdrücklich und rechtsirrtumsfrei getroffeft fei. Wenn in öffentlicher Veranstaltung gespielt wird, was auch dann der Fall ist, wenn Glücksspiele m Vereinen oder geschlossenen Gesellschaften, in denen Glücksspiele gewohnheitsmäßig veranstaltet werden, stattfinden, ist gegen die Spieluniernehmer vorzu­gehen.

* Schloßgarlen konerk. Der Hanauer Orchester- Verein (Städt. Orchester) spielt am kommenden Sonntag im Schloßgarten nachstehened Musikstücke: 1.Gruß an Halbèfttadt", Marsch von Hecker. 2. Ouvertüre z. Dp.Mignon" von Thomas. 3. Walzer a. d. OperetteDer Zigeunerbaron" von Joh. Strauß. 4.Hochzeitstag auf TroDhaugen" von Grieg. 5. Fantasie a. d. Op.Margarethe" von Gounod. 6.El Kapitän", Marsch von Sousa.

* Das Männerquarlett 1925 veranstaltet morgen Sonntag abend in seinem Vereinslokal Zu den drei Hasen" einen Familenabend.

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Roman von Walter Julius Bloem.

Copyright 1926 Oy August Scherl G. m b. ti.. Berlin

47. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Wolf Dülkat läuft stundenlang, seinen arm­seligen Schatz in der Hand verkrampft, quer über die schneebedeckten Felder. Nun führt ihn keine Menscyenspur mehr heim. Dort ist Feierruhe über dje Festtage. Er findet eine schneeverwehte Straße, die ins Gebirg und zur tschechischen Grenze hinauf­führt. Da oben ist es einsam: Schneetannen riefen« hoch zu beiden Seiten, mit tief herabhängenüen lastknarrenden Aesten Wildspuren quer über den Weg.

In einer Grenzschenke sitzt er dann, ein Glas Wein vor sich, in Dumpfen Gedanken hinter dem rohen Holztisch. Seine Hand gleitet in die Mantel­tasche zaudernd hält er das Haarknäuel in der Hand. Ach es sind Ullas Haare: hell wie die Sonne, falb wie die Mähne eines Sachsenpferdes.

Wolfs Hände zupfen an den Fäden und wollen das,Knäuel entwirren. Dabei hat er nie die Absicht, seinen wunderlichen Fund zu behalten irgendwo wird er ihn wegwerfen müssen. Dann zieht er Faden um Faden hervor, legt sie vor sich auf feine Brieftasche--sie sind alle so lang wie eine MÄinerhand. Endlich hält er eine Locke, mit einem einzelnen Haar verschnürt in den Fingern. Die Locke ist sauber und seidig wenn Ulla sie ihm liebend geschenkt hätte, genau so hätte die Locke ausgesehen; nichts verrät die unwürdige Herkunft.

Wegwerfen? Wolf Dülkat ist schon ge= demütigt, daß es auf eine Demütigung mehr oder minder nicht mehr ankommt. Darum birgt er die Locke aus Wirrhaar in feiner Uhrkapsel.

Später lange später! wird er sich daran erinnern, daß diese Stunde der tiefste Punkt war, zu dem sein Ich sich jemals neigte. Das Schiff saß auf Grund.

und wieder schwillt ein knirschendes Weh in seiner Brust, nach innen hinein stöhnt er wie ein verwundeter Stier, der den ersten Axthieb gegen den Schädel bekommen hat. Und er rennt in die Däm­merung hinein zurück, eine endlose Straße. Früh sinkt die Dezembernacht fahl blinkt der Schnee schwarze Tannenstämme drohen zu allen Seiten. Da kommt ein Besinnen: wo bin ich denn?

Tief tief im Wald . . ? Jetzt sich niederlegen, dieser süßen Müdigkeit die Glieder überlassen aufwachen nach Millionen Jahren auf einem andern Stern---

Wolf zündete ein Streichholz an und sah nach der Uhr sie fühlte sich nun, seit Ullas Locke unter der Kapsel lag, an wie ein lebendig schlagen­des Menschenherz. Es war genau sechs Uhr. Jetzt steckte Tilly in Heidelfingen den Tannenbaum an jetzt wurde Ulla auf dem Schälengut ins Weih­nachtszimmer hineingeführt sie ging an Brede- buschs Arm, hatte die schwarze Brille vor dem toten und vor dem kranken Auge und blinzelte viel­leicht ein wenig ins Glitzern der Wachslichter hinein.

Ein wütendes Heimverlangen krallte sich in Wosfs Nacken. Wieder lief er vorwärts mit dem untrüglichen Ortssinn des Feldsoldaten, quer lief er durch den Wald. Er wollte ins Basaltwerk feinen Koffer packen noch heute abend mit dem letzten Zug nach Heidelfingen abfahren. Lieber mochten sie ihn dort unverdient verwöhnen, als d^ß er sich hier von der Einsamkeit abwürgen ließ. Wolf Dülkat war krank, die lange Haft hatte seine Seele zerbrochen.

Nach einem stundenlangen Wandern erklomm er mit gleitenden Sohlen den schwarzen Schälenberg. Gespenster irrlichterten auf der Kuppe, süße und bittere Erinnerungen stürmten um den winterver­zauberten Berg. Hier, unter dieser Tanne, hatte Claudia Bredebusch ihn geküßt wo sie wohl war? Weg weg mit solcher ErinnerungI! Diesen Weg hier war er mit Ulla gegangen, den -Weg ins Märchen hinein an dem ersten Tage, als er sie ins Basaltwerk führte ein Märchen nun: es war einmal. . . Hier, an der Wegkreuzung, war Fingal ihm im Frühling entgegengesprungen und hatte im Fang ein halbtotes Karnickel zu seinem Herrn geschleppt. Und dort, wo der Basaltbruch senkrecht in die Tiefe hinabfiel, war alles ge­schehen: das Süße sind das Bitterste feines Lebens.

Er rannte am Geländer auf der Bruchhöhle entlang. Dieser Ort, von zerfetzten Träumen flat« ternd, würde ihn bald wahnsinnig machen! Selbst der Schnee schien zu brennen. Also heim den Koffer packen mit dem nächsten.Zuge fliehen!

Seltsamerweise fiel zwischen den geschlossenen Fensterläden des Tannenhäuschens aus mehreren Zimmern Licht in den Schnee hinaus. Da er den Schlüssel in der Tasche trug und nur Br'obohaty

noch einen Ersatzschlüssel verwahrte, so mochte der Alte wohl in der Stube sitzen und auf Wolfs Heimkehr warten. Das tat ein wenig gut daß wenigstens irgend 'jemand wartete. Dank, Br'obohaty! Willst mich wohl noch ins traute Heim zu deiner Weihnachtsfeier holen? Kann nich sein--ich fliehe!

Wolf Dülkat trat über die Schwelle und schlug die schneebenäßten Schuhe am Estrich aus. Eine Tür ward aufgerissen und einen Augenblic darauf warf Tilly, seine Schwester, die Arme um seinen Hals.

*

Wolf Dülkat versank in einen bodenlosen tiefen Schlaf. Seine Seele, die bis zum zerreißen ge= spannt, löste sich: sein Gesicht, in das sich der Grif­fel der Erlebnisse hineingegraben hatte, ward das Antlitz eines müden Kindes. Als er einschlief, sah er aus, als ob er stürbe. An seinem Bett saß Tilly und wartete geduldig, bis der verkrampfte Druck feiner Hand milder wurde und endlich ganz'ver­schwand

Am Nachmittag vor dem Heiligen Abend war Tilly hier angetommen. Sie hatte Wol fim Novem­ber in Chemnitz besucht; bei dieser Gelegenheit bat ie den sehr freundlichen Gefängnisdirektor, ihr ogleich nach Heidelfingen Nachricht zu geben, falls )em Bruder ein Strafrest erlassen werden sollte. Ihre Absicht, Wolf in die Freiheit zu begleiten, ließ sich nicht ausführen infolge der überraschenden Weihnachtsbegnadigung, die vielen Sträflingen zu­teil geworden war. Tilly wußte, daß Wolf ent« weder nach Heidelfingen oder zum Schälenberg fahren werde. Kam er nach Heidelfingen, so war er dort in guter Hut. Fuhr er aber auf den Schälenberg, so sollte er unter keinen Umständen am Heiligen Abend allein sein. Und Tilly wunderte sich nicht, daß es ihn hierher zog . . .

Nun war sie da und bis zur Dämmerung war Wolf immer noch nicht vom Schälengut heim­gekehrt. Beunruhigt rief sie drüben an und erfuhr zu ihrem Schrecken, der Bruder sei spätestens um die Mittagszeit dort schon wieder fortgegangen. Wunderlich vertraut und fremd klang Bredebuschs Stimme an ihr Ohr. Gegen sechs erkundigte sich der Kaufmann nochmals Wolf war immer noch nicht zurück.

Ein Tannenbäumchen stand in Wolfs Zimmer, mit Lametta behangen, mit vielen Lichtern be­steckt. Tilly wartete in tausend Aengsten glaubte

an ein neues Unglück. Plötzlich war Wolf da völlig verstört mit irren Augen.

Sie sprachen nur wenige Worte. Wolf mußte sofort zu Bett sie kochte ihm Tee, gab ihm zu essen stellte das Bäumchen zu ihm herein. Nichts vom Gestern oder vom Morgen. Wie geht es dem Vater den Brüdern? Wo ist Fingal?"

Wieder kam eine Nachricht, die ihm am Herzen zerrte. Tilly hatte eine Eigenmächtigkeit begangen. Seinerzeit beim Strafprozeß in Chemnitz war sie anwesend und auch Bredebusch. Damals hatte der Kaufmann berichtet, daß Ulla in ihren Fieber­phantasien immer von Fingal gesprochen habe und auch später, als sie wieder dem Leben entgegen- dämmerte, fragte sie oft nach dem Hund. Da hatte Tilly entschlossen gesagt:Fingal soll ihr gehören. Sie wird einen Blindenhund brauchen wenig­stens für lange Monate. Ich werde den Hund aus­bilden lassen, in vier Wochen kann Ulla ihn haben."

Das war ein tröstlicher und quälender Gedanke, daß Fingal nun auf allen Wegen mit der blinden Ulla ging. Wolf war selbstverständlich einverstanden so weh es ihm tat: denn jetzt war ihm die Lieb« eines Tieres zu einer unersetzlichen Kostbarkeit.

Fingal war der Sohn des Kriegs-Fingal, den Wölf Dülkat in Flandern in einem schottischen Schützengraben fand und dem er den Namen jenes keltischen, sagenhaften Helden gab. Fingal der Vater hatte dann seinen neuen Herrn durch Krieg, Niederlage und Frieden begleitet, mußte aber wegen eines Kehlkopfleidens vor zwei Jahren getötet werden, nachdem er die Schäferhündin von Wolfs Bruder gedeckt hatte. Aus diesem Wurf stammte Fingal der Sohn Wolf hatte ihn selbst gezüchtet.

Dann ging Fingal im Älter von vier Monaten mit seinem Herrn nach Berlin, zerknabberte dort die Teppiche in den möblierten Zimmern, riß Sofa­troddeln ab und machte Mühe wie ein kleiner, un­gebärdiger Mensch. Er wuchs, ward erst ein grober Hundelümmel dann ein großer, stämmiger Kerl, der an der Leine zog wie ein kleiner Stier und der sich für seinen Herrn in Fetzen hätte hauen lassen. Fingal liebte und haßte mit Wolf. Er haßte Maul- korb und Kette und liebte die Freiheit. Er war dreimal im Häusermeer Berlins ausgerissen, kam ireimal nächtens nach vielen Tagen abgezehrt und reiheits[roh wieder zurück einmal sogar mit einem Stteifschuß am Hals, den ihm vermutlich ein Kunstschütze von der Berliner Polizei ausge­brannt hatte. (Fortsetzung folgt.)