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Nr. 166

Dienstag den 19. Juli 192?

Seile 3

LsLâs.

Hanau, 19. Juli.

mibttoe WSSsemsshesovstEs!

In der letzten Zeit sind auch aus Kreisen der larkassenkundschaft verschiedentlich Befürchtungen gen einer Gefährdung der Währung laut gewor- sie haben in einzelnen Fällen zu Anträgen n Sparkassen auf Wiedereinführung der Wert- ständigkeitsklausel im Sparkassenverkehr geführt, ese Befürchtungen gehen auf irrige Anschauungen er das Wesen der Inflation bzw. auf falsche Be- teilung der wirtschaftlichen Zusammenhänge »ischen Währung und Preisgestaltung zurück. Sie tbehren jeglicher tatsächlichen Grundlage.

Die deutsche Währung ist und bleibt stabil. Eine irlegung der richtigen Zusammenhänge wird am rffamften die Aufklärung bringen, die notwendig , um eine Beunruhigung der breiteren Be- lkerungskreise über das Schicksal der Währung zu rmeiden.

Eine Inflation kann nur dann eintreten, wenn r Zahlungsmittelumlauf den Bedarf der Wirt- aft an Umlaufsgeld übersteigt, wenn mehr Geld- ichen ausgegeben werden, als der Verkehr be= 'tigt. Ursachen einer übermäßigen Notenausgabe nnen Kreditansprüche des Staates und der Wirt- >aft sein. Von beiden Seiten droht gegenwärtig r Währung keine Gefahr. Der Reichsetat ist arw- glichen, notwendige Mehrausgaben können durch ngfristige Anleihen, also ohne Beanspruchung der otenbank, bestritten werden. Ein Rückgriff auf die eichsbank ist, im Gegensatz zur früheren Bank- wfassung, nach dem neuen Bankgesetz auch nicht öglich; die Reichsbank ist ein autonomes Institut, rs der Reichsverwaltung gegenüber feine Selb- andigkeit zu wahren hat. Gegen zu starke Kredit- nsprüche der Wirtschaft kann sich die Reichsbank arch das Mittel dèr Diskontpolitik und der Kredit- ?stnktion schützen; sie hat im Bedarfsfälle beide cittel angewandt und ist, wie die Reichsbankleitung ns zu erklären ausdrücklich ermächtigt hat, fest atschlossen, nötigenfalls auch in Zukunft hiervon nnachsichtig Gebrauch zu machen. Die Währung mt unter allen Umständen stabil gehalten, wenn 5 .sein muß, auf Kosten der Wirtschaft! Ein sicheres seichen zur Beurteilung der Währungslage bildet ie Höhe der Notendeckung. Bekanntlich ist die Deck- mg bei uns mit 40 Prozent des Notenumlaufs er­heblich hoher gefetzt, als die Bestimmungen des llten Bankgesetzes vorschreiben. Auch nach den Oevisenabflüssen der letzen Monate verfügt die neichsbank über völlig ausreichende Gold- und Devisenbestände, so daß die Deckungsgrenze stets nncgehalten, ebenso aber notwendig werdende JnterDenlionen am Devisenmarkt durchgeführt wer- )en können. Sollte die Gold- und Devisendeckung ich zu starck verringern, so wird die Reichsbank jederzeit bereit sein, daraus die Konsequenzen zu stehen und den Notenumlauf einzuschränken. Die Reichsbankleitung stellt die Währung und ihre Stabilität unbedingt über die Wirtschaft und ihre Kredilbedurfnisse. Darin gehen mit ihr alle verant­wortlichen Wirtschaftskrise vollständig einig.

Jura die Devisenpolitik des Neparationsagenten kann für unsere Währung nie eine Gefahr bilden, iDcU auch für ihn die durch die Dawesgesetze fest- ^riH'Wung besteht, die Umwandlung von .Markguthaben in auslänbif^6 HBä^rung nur info- meit vorzunehmen, als es der Devisenmarkt ohne Bedrohung der Stabilität der deutschen Währung zulaßt. Der Reparationsagent selbst weist in seinem kurzem veröffentlichten Bericht ausdrücklich auf die starke Stellung der Reichsbank hin, indem er wörtlich sagt:Die Reichsbank als der Wächter der - deutschen Wahrung hat weitgehende Mittel und Er- machugungen, und die Stabilität der deutschen Wäh­rung bleibt völlig gesichert."

J , Daß bei dieser Sachlage Inflationsgerüchte über­haupt ausmuchen können, läßt sich nur aus einer be- dauer.m,en Unwissenheit der Bevölkerung in Wäh- rungsdmgen, besser aus einem ebenso gefährlichen ^lbmiffcn erftären. Als Jnflationserscheinungen tnert.ii Winschaftsvorgänge der Gegenwart anqe= ^n^. die zwar bei oberflächlicher Betrachtung qe- wisse Aehnlichkeit mit Erfahrungen aus der Geldent- mertunosperiabe aufweisen können, die aber in tprem Wesen und ihrer Auswirkung von ihnen

grundverschieden sind. So liegt es vor allem bei der Beurteilung der Preisentwicklung. Die geplante Porto- und Tariferhöhung, vereinzelte Preissteige­rungen, haben vor allem Besorgnisse wegen der Währung hervorgerufen, weil man aus der In­flationszeit die endlose Kette der Tariferhöhungen, Lohnerhöhungen und Preissteigerungen kannte und fürchtete. Man übersieht jedoch dabei, daß Pkreis- entwicklungen in normalen Zeiten von der Waren­seite und nicht von der Geldseite ihren Ausgang nehmen. Angebot und Nachfrage von Ware bestim­men den Preis. In Zeiten des Konjunkturauf­schwungs, in denen wir leben, sind Preissteigerungen durchaus nicht selten; sie sind das Ergebnis der zu­nehmenden Unternehmungslust und der Kaufkraft­erhöhung. Diese Wellenbewegung der Preise kannte auch die Vorkriegszeit, ohne daß jemand dabei im entferntesten an eine Inflation dachte. Die allge­meine Erhöhung des Preisniveaus, die wir in der Nachkriegszeit feststellen, ist keine deutsche, sondern eine internationale Angelegenheit. Bei vielen Er­zeugnissen ist zudem die Preisgestaltung von den internationalen Marktoerhältnissen direkt abhängig.

Wenn weiter darauf hingewiesen wird, daß immer noch langfristige Hypothekenkredite und An­leihen auf Goldmark und nicht auf Reichsmark ge­stellt werden, so ist daran zu erinnern, daß diese Uebung schon in der Friedenszeit bestand. Auch damals war es unbenommen, langfristige Forde­rungen und Verpflichtungen auf Goldgrundlage ab­zuschließen. Im kurzfristigen Verkehr dagegen hatte sich früher die Goldrechnung nie eingebürgert. All­gemein ist zur Wertbeständigkeitsklausel zu sagen, daß sie auch in der Zeit unmittelbar nach der Sta­bilisierung nur eine Zusatzsicherung war und als solche angesehen wurde. Sie konnte in Fortfall kommen, ohne daß irgendwie Störungen im Ein­lagenzufluß eintraten. Ihr Vorhandensein bzw. ihre Wiedereinführung im gegenwärtigen Augenblick wäre gleichbedeutend mit einer Mißtrauenskund­gebung gegen die Währung und kann schon des­wegen nicht in Frage kommen. In welchem Maße das Ausland der neuen Währung Vertrauen schenkt, zeigt der Umstand, daß die Reichsmark und das Reichsmark-akzept im internationalen Verkehr sich mehr und mehr einbürgern. Auch das deutsche Volk hat allen Grund, volles Vertrauen zur Wäh­rung zu hegen. Strenge Gesetze und eine ihrer gro­ßen Verantwortung bewußte Reichsbankleitung bie­ten die Gewähr für die unbedingte Aufrechterhal­tung der Stabilität der deutschen Währung!

tMeviel weSbUtbe Beamte gibt es im Kekthsdrenft?

Mehr weibliche Angestellte als Beamte.

Die neueste Uebersicht, die der Reichsfinanz­minister über den Stand der Reichsbeamten dem Reichstag noch kurz vor dessen Auseinandergehen übergab, gibt eine interessante Zusammenstellung der Zahl der weiblichen Beamten. Daraus geht hervor, daß sie wieder gesunken ist. Trotz aller Emanzipationsbestrebungen nimmt der Anteil der Frau an der Verwaltung des Reiches ab. Aber auch die Zahl der weiblichen Beamten bei den Neichsbetrieben finkt. Gestiegen dagegen ist der Bestand der weiblichen Angestellten bei den Hoheits­verwaltungen. Am 1. April 1927 waren bei den Neichsbehörden im ganzen 441 weibliche Beamte beschäftigt, gegen 448 am 1. Oktober 1926. Darunter waren 14 verheiratet. Die meisten weiblichen Be­amten zählt das Reichsfinanzministerium, und zwar befinden sich 379 bei den Landesfinanzämtern und 6 im Ministerium selbst. Das Reichsministe­rium des Innern zählt 11 Beamtinnen, das Reichs- arbeitsministsrium 7, und sogar das Reichswehr- ministerium beschäftigt 4 Damen. Ganz frei von Frauen ist das Büro des Reichspräsidenten und die Reichskanzlei. Bis zu den höchsten Spitzen sind also die Beamtinnen noch nicht vorgedrungen.

Bei der Reichspost und der Reichsdruckerei waren 44 989 Beamtinnen beschäftigt gegen 45 886 am 1. Oktober 1926. Im Oktober 1923 waren es noch 60 884. Die Zahl der weiblichen Angestellten hat sich dagegen, wie bereits erwähnt, vergrößert und beträgt bei den Reichsbehörden 8318 gegen 7391 am 1. Oktober 1926. Sie hat damit den Stand vom 1. Oktober 1924 bei weitem übertroffen, denn damals gab es nur 7030 weibliche Angestellte.

Ebenso ist die Zahl der Angestellten bei der Reichs­post und Reichsdruckerei gestiegen, dort gibt es jetzt 1237 gegen 802 am 1. Oktober 1926.

3tw SevzSnfsms dev èmGvundbuih seröMèe«, naehLvüsöich ars-se- wevteten ^WoShsSser.

Vom Verein der Hanauer Haus- und Grund­besitzer e. V. wird uns geschrieben: Nach den bis­herigen Bestimmungen des § 28 des Auswertungs­gesetzes hatte die Verzinsung gelöschter, kraft Rück­wirkung aufgewerteter Hypotheken mit dem Beginn des auf die Wiedereintragung im Grundbuch fol­genden Kalendervierteljahres einzusetzen. Diese Regelung führte in der Praxis zu unbestreitbaren Härten, weil die Abwicklung der Aufwertung nicht mit der vom Gesetzgeber offenbar angenommenen Schnelligkeit vor sich ging, und durch diesen Um­stand die Gläubiger solcher Hypotheken hinsichtlich des Verzinsungsbeginns von dem Tempo der ge­schäftsmäßigen Erledigung der Aufwertung und der Eintragung abhingen. Die damit verbundene unter­schiedliche Behandlung der in Frage kommenden Gläubiger wurde um so krasser, je mehr sich die Erledigung der Aufwertung in die Länge zog.

Diesem offenbaren Mißstand hat die am 10. Juli d. I. in Kraft getretene Novelle zum Aufwertungs­gesetz vom 9. Juli d. I. abhelfen wollen, die den Verzinsungsbeginn solcher Hypo­theken grundsätzlich auf den 1. April 1926 fe si legt. Bedeutet diese Maßnahme für die beteiligten Gläubiger fraglos einen Akt ausgleichen­der Gerechtigkeit, so darf aber andererseits nicht verkannt werden, daß die nunmehr notwendigen Nachzahlungen für viele der betroffenen Schuldner von nachteiliger Bedeutung sind. Gar oft handelt es sich um die Zinsen für eine Spanne von 1 bis 1% Jahren, also um erhebliche Beträge, deren so­fortige Aufbringung weiten Kreisen des notleiden­den mittelständigen Hausbesitzes, insbesondere des Kleinhausbesitzes, schweren wirtschaftlichen Schaden zufügen mühte. Bedenkt man noch die Gefahr, die den betroffenen Schuldnern aus der nach den alten Schuldurkunden im Falle des Zinsverzuges oft möglichen sofortigen Kündbarkeit der Hypothek etwa drohen könnte, so ergibt sich die Härte von selbst.

Aus diesen Gesichtspunkten erscheint es nicht am Platze, wenn einzelne Gläubiger noch vor In­krafttreten des Gesetzesumgehende" Zahlung der rückwirkend aufzubringenden Zinsen verlangt haben.

Der Gesetzgeber hat sich diesen schwerwiegenden Einwänden auch nicht verschlossen und in dem neuen Aufwertungsgesetz bestimmt, daß die nun­mehr notwendigen Nachzahlungen je zur Hälfte an den beiden nach sten auf das Inkrafttreten dieses Gesetzes folgenden Zinsterminen mit den an diesen Terminen fälligen Zinsen zu­sammen zu entrichten sind. Ist also z. B. halbjährliche nachträgliche Zinszahlung zum 1. Jan. und 1. Juli vereinbart, so ist die erste Hälfte der Nachzahlung am 1. Jan. 1928 und die zweite Hälfte am 1. Juli 1928 mit den zu diesen Terminen ohne­dies fälligen Raten zusammen zu bezahlen.

Bemerkenswert ist noch, daß die etwaigen Vor­schriften in den alten Schuldverträgen, nach denen im Falle der Nichtleistung oder nicht rechtzeitigen Leistung von Zinsbeträgen der ganze Kapitalbetrag der Hypothek fällig gemacht werden kann, nicht an­gewendet werden können, wenn es sich um den Ver­zug in der Zahlung derjenigen Zinsen handelt, die infolge der neuerdings bestimmten Nachzahlung für die Zeit vom 1. April 1926 bis 1. April 1927 zu entrichten sind.

* Daten für Mittwoch den 20. Juli. Sonnenauf­gang 4.06 Uhr, Sonnenuntergang 20.06 Uhr. Mond­aufgang 23.12 Uhr, Monduntergang 10.56 Uhr. 1304: Der italienische Dichter Francesco Petrarca in Arezzo geboren. 1487: Kaiser Maximilian be­stätigt urkundlich die Leipziger Meßprivilegien. 1866: Seesieg der Oesterreicher über die Italiener bei Lissa. 1903: Pabst Leo XIII. gestorben. 1925: Ausbruch des Drusonaufstandes in Syrien. 1927: Prof. Max Liebermann 80 Jahre alt.

* Stadlbibliothek. Wie uns die Hanauer Stadt­bibliothek zu der gestern veröffentlichten Meldung

über die Landesbibliothek Kassel mitteilt, ist die hiesige Bibliothek bereits seit 4 Jahren dem deut­schen Leihverkehr angeschlossen und dadurch in der Lage, alle in Hanau nicht vorhandenen Werke aus den Bibliotheken des ganzen Reiches gegen geringe Gebühren zu besorgen, so daß der Umweg über Kassel sich wohl von selbst erübrigt.

* verfassungsfciern in Fach- und Berufsschulen, rzür die Schulfeiern zum Verfassungstag hat der preußische Handelsminister angcordnet, daß in den Fachschulen gemeinsame verbindliche Feiern für Lehrer und Schüler mit einer der Bedeutung des Tages entsprechenden Ansprache und möglichst auch mit musikalischen und sonstigen Darbietungen, wie Sprechchören, Aufführungen usw., zu veranstalten sind. Der Unterricht füllt aus. In den Berufs­schulen sind gemeinsame Feiern ebenso zu veran­stalten. Außerdem sollen andere Veranstaltungen festlicher Art, wie Ausflüge, turnerische oder sport­liche Vorführungen und dergl. abgehalten werden. Die Feiern haben den Zweck, den Gedanken des Volksstaats der Jugend verständlich, lebendig und wertvoll zu machen. Sie dürfen nicht für partei­politische Zwecke ausgenützt werden. Es sollen der Jugend über den bürgerkundlichen Unterricht hin­aus nachhaltige Eindrücke vermittelt werden, die geeignet find, die jungen Menschen innerlich mit dem Staate zu verbinden, dessen Träger sie in Zukunft sein sollen.

* Versuchsballone. Vom 19. bis 23. Juli, sowie vom 13. bis 20. August steigen an vielen Orten Europas (auch in Deutschland) zu wissenschaftlichen Zwecken unbemannte Versuchsballone auf. Der Fin­der eines solchen wird gebeten, ihn samt dem daran befindlichen Selbstschreibgerät sorgfältig zu behan­deln und nach der am Ballon oder am Gerät be­findlichen Anleitung zu verfahren. Es wird betont, daß mit Rücksicht auf die Gegenseitigkeit auch aus­ländische Ballone gerade so behandelt werden müs­sen wie die deutschen. In der Regel zahlt die den Ballon absendende meteorologische Anstalt dem Finder eine angemessene Belohnung. Die Ballone sind mit dem leicht brennbaren Wasserstoff gefüllt, daher ist Vorsicht geboten.

* Wie lange müssen die Kinder in die Schule gehen? Der Landwirt S. aus der Gegend von Kaukehmen hatte seinen Sohn, als dieser im Sep­tember 1926 vierzehn Jahre alt wurde, nicht mehr zur Schule gesandt, weil er der Ansicht war, daß sein Sohn nach dem vollendeten 14. Lebensjahr die Volksschule nicht mehr zu besuchen brauche. Da S. trotz Ermahnungen und Verwarnungen auf sei­nem Standpunkt verharrte, wurde er in Strafe genommen. Auf seinen Anttag auf gerichtliche Ent­scheidung verurteilte ihn das Amtsgericht zu einer Geldstrafe, da die Ansicht des Angeklagten un­zutreffend sei; der Angeklagte dürfe seinen Sohn nicht nach vollendetem 14. Lebensjahr vom Schul­besuch fernhalten, sondern sei verpflichtet, den Knaben acht Jahre in die Schule zu senden. Gegen seine Verurteilung legte S. Revision beim Kammer­gericht ein und er machte u. a. geltend, die Vor­entscheidung sei rechtsirrig, er brauche seinen Sohn nur bis zum vollendeten 14. Leebnsjahr in die Schule zu senden. Der 1. Strafsenat des Kammer­gerichts wies aber die Revision des Angeklagten als unbegründet zurück und führte u a. aus, die Revision des Angeklagten könne keinen Erfolg haben. Die Regelung des Schulbesuchs gehöre zu denjenigen Gebieten, für die das Reich im Wege der Gesetzgebung Grundsätze nach der Reichsver­fassung aufstellen könne; solange und soweit daL. Reich von diesem Recht kein Gebrauch gemacht habe, behalten die Länder das Recht der Gesetzgebung. Das Reich habe bisher nur das Grundschulgesetz vom 28. April 1920 erlassen. Die Reichsverfassung selbst enthalte in Art. 142 ff. nur programmatische Erklärungen bezüglich des Schulwesens. Die recht­lich neu begründete Schulpflicht währe acht Jahre und finde ihren Strafschutz nicht in den landrecht- lichen Vorschriften, sondern in dem preußischen Schulgesetz vom 14. Juni 1924 in den Regierungs­verordnungen, welche auf Grund des Gesetzes vom 14. Juni 1924 erlassen seien.

* Motorradunfall. Sonntag abend gegen 8% Uhr wurde unweit Dettingen ein hiesiger Diplom­kaufmann auf seinem Motorrad von dem Kotflügel eines Automobils erfaßt und tam dabei so unglück­lich zu Fall, daß er den rechten Unterschenkel brach und in das hiesige Diakonissenhaus überführt wer­den mußte.

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Roman von Walter Julius Bloem.

Copyright 1926 by August Scher) G. cd b. H., Berlin

19. Fortsetzung (Nachdruck verboten.)

War sie die Erfüllung feines Traums, brachte sie ihm die Auferstehung seiner Hoffnung? Am ersten Tage war Wolf Dülkat eher bestürzt als er­hoben dann riß ihn die Sturmflut hinweg, über alle Maßen fühlte er sich beglückt und in dieser Zeit glaubte er wirklich, Claudia sei die Gestal­tung seiner Sehnsucht. Die Ehrfurcht vor dem Weibe kam aus dem Sarg seiner Hoffnung wieder hervor und entfaltete die gläsernen, blau schillernden Flügel

Als dann die Seligkeit zu einer freundlichen Ge­wohnheit wurde, fand Wolf das Grübeln zurück. Diese Leidenschaft war ein wenig tantalidenhaft, und sehr geistreich obendrein. Manchmal brachte Claudia ein Buch mitDe l'amour" von Stendhal. Daraus las sie zuerst auf französisch vor. Aber nach den ersten drei Sätzen mußte Wolf be­kennen, daß er nicht mitkommen konnte. So über­setzte sie ihm die schönen und wunderlichen Gedan­ken von derKristallisation des Empfindens" in ein auch niederen Ohren verständliches Deutsch und Wolf Dülkat mußte sich gestehen, daß sie in Sprache und Tonfall bezaubernd vortrug. Sie trieb die Liebe wissenschaftlich, für die Wunder des Herzens fand sie Worte und Begriffe. Wolf langweilte sich nicht dabei aber vor der Schärfe und Klarheit, mit welcher Claudia Bredebusch die zartesten Empfin­dungen sezierte, empfand er ein gewisses Grauen.

Wenn die Rosen welken, duften sie stärker als zuvor . . . Ein unablässiges Grübeln zerfaserte Claudiens Seele das Fühlen genügte ihr nicht: sie mußte es mitdenken. Und oft quälte sie ihn, wenn er in ihren Fragen und Selbstpeinigungen ermüdete. Nicht einmal die Beziehungen zu ihrem Manne konnte sie jetzt beiseite lassen oder wenig­stens als unabänderliche, vom Leben sinnlos ge­wollte Tatsache hinnehmen. Ihr von Wolf selbst aufgescheuchtes Gewissen zerrte fast in jeder Stunde an dem Rätsel, durch welchen Schuld sich diese Ehe jo verderblich gestaltet hatte. Weit mehr grübelte sie, als es Wolf angenehm und erträglich war. Mit Küsten lcblofi er ihren klaaenden Mund, und auch

fein von den Pupurnebeln verwirrtes Herz sprach sie nun frei von der Schuld.

Wie sollte das alles werden? Jetzt kam ihr Mann wieder, zwar nur für kurze Zeit, doch fein bloßes Herrannahen genügte, um die Schatten deut­licher zu malen.

Und wenn nur Tilly nicht gewesen wäre mit ihren abscheulich forschenden Augen! Dazu kam nun eine eigene Ungeduld, die sich nicht allein mit Küssen beschwichtigen lassen wollte. Claudiens Ehe mochte er nicht zerbrechen er selbst dachte nicht an Heirat. Wir von heut binden uns nicht so schnell. Und Claudia träumte wohl nicht von tiefpupurnen Stunden das verriet ihm die scheue Heftigkeit und Angst, mit der sie seine drängender greifenden Hände von sich abwehrte. Ein Ausweg ließ sich schwer finden, und Wolf Dülkat war nun manchmal recht nachdenklich, wenn er aus dem Paradiese heimkam.

Tilly Dülkat sah dies alles gelassen mit an. Sie ging nicht nach Heidelfingen zurück sie blieb hier und war klug genug, das Kommende schweigend zu überwachen. Der Bruder hatte nicht auf sie ge­hört gut, so sprach sie nicht. Wenn Wolf um eine bestimmte Morgenzeit seinen guten Rock anzog und auf den Schälenberg pilgerte, so ging Tilly öfters in den Bruch hinunter und leistete Ulla Gesell­schaft. Fingal war viel treuer als sein Herr er lief jetzt manchmal ganz allein in den Bruch, suchte Ulla und legte sich vor ihre Füße. Das war ihr Trost. Fingal brachte ihr im Fang sein heiligstes Besitztum, das ihm Pfote aufs Herz! noch weit höher galt als die Liebe zu seinem Herrn: ihr brachte er seinen Gummiball! Den warf er vor Ullas Füße.

Er besaß nämlich eine Menge Gummibälle, von denen ihm aber nur einer überlassen wurde. Sobald ein anderer Hund in die Nähe kam, buddelte Fingal seinen Ball irgendwo ein gewöhnlich fand er ihn dann nicht mehr wieder und mußte sich von Tilly einen neuen geben lassen. Wenn er sich mit einem ganz bestimmten, leisen und sehr hohen Wimmern vor sie hinsetzte, so wußte Tilly sofort Bescheid, was er wollte; sie gab ihm dann einen neuen Ball, nach­dem sie ihn zuvor gehörig ausgescholten hatte. Da­rauf trabte Fingal dann mit stolz erhobenen Haupte in den Bruch hinab, ließ seinen Ball vor Ulla fallen und befahl ihr auf diese Weise: Ich wünsche mit dir zu fpielenl

Anfangs hörte Tilly viel heimliche Klagen von der kleinen Malerin, es gab wilde Tränenausbrüche. Wolfs Augen flammten, wenn er vom Schälen­berge kam.

Das ging vier oder fünf Tage, dann kehrte Wolf Dülkat nicht mehr mit heißem Kopf von den Be­gegnungen mit Claudia Bredebusch heim. Sein Gang war heiter und ruhig, mit einer betonten Festigkeit doch in seinem Blick erkannten Tilly und Ulla, die Wissenden, einen feinen Nebel.

Da raste Ulla vor Jubel.Nur zu! Er muß sie jeden Tag sehen! Du mußt ihn hetzen, daß er sie ja niemals drückt!"

Tilly zauderte. Sie hatte viel mehr Furcht als Ulla, und auch jetzt traute sie dem wiederbeginnen­den Frieden nicht völlig.

Doch der Sturm ging wohl vorüber, und diesen Baum entwurzelte er nicht. Tilly war nicht so mit­leidslos triumphierend wie Ulla und noch längst, ehe Wolf es ahnen konnte, daß sich die Ketten um seine Seele zu lockern begannen, las seine Schwester schon die feinen Zeichen auf feiner Stirn.

Sie war sehr froh doch als sie einmal in einer begütigenden Regung ganz gart und leise über seine Stirne strich, sah Wolf sie erstaunt an. Aber etwas Grobes zu erwidern hatte er nicht mehr den Mut.Laß nur, Tilly--Ich weiß nicht, was richtig ist", sagte er unfroh und ging auf sein Zimmer.

*

Bredebusch kam heute Abend des von ihm be­zeichneten Tages auf dem Schälengute an. In dieser verkehrsarmen Gebirgsgegend betrieb die Eisen­bahn nur eine Einschienenstrecke in der Richtung ChemnitzEggersheim. Es war kein Luxus, wenn der Kaufmann feine Reisen am liebsten im Kraft­wagen erledigte; fein großer Reisewagen besaß eine Vorrichtung, um im Innern aus zwei Sitzen und einer Zwischenstütze ein bequemes Lager aufzu­klappen. In der Nacht fuhr der Chauffeur Karl während der Kaufmann bei Tage gern selbst am Steuer saß. Nerven hatte Bredebusch nicht, in der tollsten Geschwindigkeit schlief er langausgestreckt und vollkommen ruhig.

In den vergangenen Wochen hatte er auf der Reise und in Chemnitz ein ungewöhnlich schönes Abenteuer mit einer Schwedin erlebt und nun hin­ter sich gelassen, das ihn beglückte und dem er eine dankbare Erinnerung bewahrte, auch wenn diese

Frau jetzt wieder in Nichts zurückglitt. Darum war seine Stimme versöhnlich, und er dachte weni­ger leidenschaftlich an Claudia. Mochte sie immer­hin mit Herrn Dirksen ihre Seelenabenteuer durch­träumen! Ihr Wesen bürgte dafür, daß kein Wort und keine Gebärde bei ihr wie bei jenem die Grenze blaßblauer Freundschaft ühprschritt. Was den Kredit anbetraf, so wollte Bredebusch mit sich handeln lassen er wußte, daß Dirksen nur imstande sein werde, eine verhältnismäßig geringe Rückzahlung anzubieten. Für den großen Rest sollte ihm der Fabrikant künftig hohe Zinsen berappen damit mochte es genug sein: die persönliche Angelegenheit war zu einer rein geschäftlichen herabgesunken.

Dies neue Erlebnis hatte die Spannung zwi­schen ihm und Claudia deutlich gemildert gott­lob, es gab noch andere liebenswerte Frauen in der Welt! Im Grunde war die Festung Claudia er­obert, nur daß sie in ihrem Innern nicht die Schätze barg, die er darin vermutet hatte: dies Herz wurde von einem kühlen Silberblut getrieben, an dem sich ein Herr Dirksen, blaß und laut wie Claudia, art­gleich erfreuen mochte aus gehöriger Entfernung, versteht sich! Denn wenn Bredebusch sich nun auch deutlich von feiner Frau seelisch entfernte, wenn er die Liebegehörigkeit von sich abstreifte, die ihn einst knechtisch an sie band einem anderen gönnte er Claudia trotzdem noch lange nicht!

So sann er, während er in den linden Maientag bineinfuhr die Nachmittagssonne im Rücken. Zu seiner Linken tauchte die Egger neben der Straße auf, eingebettet in Wiesengrün, gesäumt von Büschen, gelb umrahmt von schier unbegreiflichen Mengen von Wasserlilien. Das Flüßchen war doch ganz' hübsch breit, er hatte es schmaler in der Er­innerung.

Allmählich verstärkte sich das lebhafte Heimatge- fühl, das den Kaufmann beschlich, als die Landschaft mehr und mehr schälenbergisch aussah. Dann erschien hinter einer Wegkrümmung der SchcÜendorfer Kirch­turm hallo, alter Junge! surr surr tut tut da ist die Ahornallee, hat lauter kleine drei­zackige Blätter ja, die Ahorne t biegen immer kleine, neue Blätter, aber die Bredebuschs nicht, werde jetzt mit Claudia ein energisches Wort reden müssen! und da sind wir wieder!

(Fortsetzung folgt).