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.Geb' aus, mein Sen..."

Don Reinhold Brass.

O ihr Sommertnorgen. von euch will ich lernen das rechte Gebe«.

3m schöne« Lichte der Freude kommt chr daher und mit der leisen Art der Mittenden Liebe. , ,

So will ich gebe« wie ihr: lieb-leise mit dem Leuchte« der Freude!

Seh aus, mein Herz, und suche Freud!"

Dieses Sommerliches schlichtes, herzlich-liebes tonen schwingt um uns wie ein Grüßen der Ju- jenh; es ist, als ob uns die alte Heimat wieder u^üchje. .

Die reine, volle Einfalt des deutschen Gemütes spricht aus dem Liede. Und wie viele gibt^es, die es ils veraltet, überholt, sentimental abtun. Sie finden »icP mehr den Weg zu ihm. Sie haben nur ein iniÜeidiges Lächeln über die Menschen, die noch ein inneres Verhältnis zu dem Liede haben.

Und wie glücklich kann man sein, wenn es unser herz noch anzusprechen vermag. Es ist doch ein Zeichen, daß uns der Ungeist der Zeit noch nicht be­sitzt, daß wir noch nicht Sklaven seiner Süchte sind, tH seiner untermenschlichen Erscheinungen!

Ja, wenn wir zu dem Liede, und sei es auch nur in seinen bekanntesten Strophen, in innerlicher Beziehung stehen, dann ist es ein Beweis dafür, daß wir noch den heiligen Quellen nahe sind, daß in uns noch das Gemüt etwas zu sagen hat!

Geh aus, mein Herz!" Warum spricht der Dich- iter nicht zu seinem Verstände!Geh aus Verstand, und suche Freud!" Dersuchts doch einmal, ihr Der- ständsmenschen! Ach, nein,, was wir, die Menschen des Herzens, empfinden, wenn die Sommerwelt ihren Glanz und ihre Wunder um uns breitet, das vermögt ihr nie zu fühlen! Was wißt ihr von der Seligkeit des ergriffenen Herzens! Don seiner wun­dersamen, tiefen Aufgeschlossenheit, von der herr­lichen Lebens-Erfülltheit, von den Stömen inwen­diger Quellen, voll dem jubelnden Ausbruch der letz- iten Tiefen der Serie!

Könnt ihr so wie wir, die wir doch im Alltag oft so nüchtern sein müssen, die da wissen, im Leben mit beiden Füßen auf der Erde zu stehen, die wir auch zum großen Teile schon zu den sogenannten Alten" gerechnet werden, könnt ihr so wie wir der hinter den Wäldern empor steigenden Sommer­morgensonne so selig die Arme entgegenbreiten, könnt ihr so wie wir euch dem Rhythmus der Na­tur beseligt einschwingen wie in einen reinen, kraft- spendenden Strom! Fühlt ihr so die Verjüngungs­macht einer echten Wanderschaft wie wir!

Könnt ihr mit uns sprechen voll Ergriffenheit Mrd freudiger Kraft: v

Es kommt mit reinem Prangen das liebe Licht herfür;

nun tut sich voll Verlangen auf meines Herzens Tür! Und Welle fließt auf Welle bis in den tiefen Grund, und all mein Sinn wird helle, und fröhlich fingt mein Mund! Nun will ich emsig schaffen mit Lust, was ich vermag.

Ich trag mein Gott-Gewaffen und grüß dich, schöner Tag!

Solche Freuden des Herzens, solche Kraft und Gesundheit des inwendigen Menschen 'führt von selbst zur Liebe!

Sommerwelt und Freude und Liebe! Das ist der Dreiklang, der das wahre Leben schenkt!

Das Seesvvecken.

, Skizze von Kurl Hugo, Hamburg.

, Nooemberwind pfiff durch Straßen und Gassen der kleinen Stadt. Der Tag war trüb und grau ge­wesen, nun kam die Dämmerung noch zeitiger als sonst herauf. In dem Krämerladen an der Ecke der krummen Gasse brannte schon Licht. Die Anwohne­rinnen der Gasse machten jetzt in der Abenddämme­rung ihre Besorgungen, und schrill bimmelte die alle Ladenglocke einmal ums andere. Heute gab es noch etwas Außergewöhnliches im Laden. Jede Frau fragte mit bedeutungsvollen Blicken und halb­lauter Stimme den Krämer, der dabei seelenruhig weiter bediente:Wie steht es denn oben? Was macht der alte Jürgens?" Der Krämer erzählte den Frauen, daß soeben der Pastor mit dem Abend­mahl dagewesen sei, und der Doktor Fiedler hätte bereits heute mittag erklärt, zum Abend würde es wohl zu Ende gehen.

Ja, es ging zu Ende mit dem alten Jürgens. Oben im Dachgeschoß des Krämerhauses, wo er, der alle Briefbote, seit langen Jahren mit seiner Frau wohnte, lag er in der Schlafkammer der kleinen Wohnung ermattet und abgezehrt in den buntge- würfelten Kissen. Auch hier brannte bereits das Licht. Die Petroleumlampe mit dem Milchglas- fchirm, die auf dem kleinen Tisch ins der Ecke stand, warf nur einen matten Schein auf den Kranken, feem schneeweißes, dünnes Haar und der weiße Bart standen in einem seltsamen Gegensatz zu dem braunen, verwitterten Gesicht, dessen Falten und Runzeln in dieser Beleuchtung scharf hervortraten.

Ehren weiß geworden", hatte der Pfarrer vorylv zu dem Todgeweihten gesagt. In Ehren weiß geworden, das war auch die allgemeine Mei­nung im Städtchen. Fast 50 Jahre war er der alt­bekannte Driefbote des Städtchens gewesen. Erst vor einigen Jahren hatte er seinen Posten auf- gegeben, weck die allen Beine nicht mehr mit wollten. Seitdem lebte er mit seiner Frau beschau- llch im Ruhestand. Als die alten Jürgens im vori­gen Jahre ihre goldene Hochzeit feierten, war er­neut die Achtung zum Ausdruck gekommen, die man ihnen im Städtchen stets erwiesen hatte.

In Ehren alt geworden", hatte der Pfarrer gesagt, dann hatte er dem Kranken das letzte Abend­mahl gereicht. Mutter Jürgens, die Feiertagsschürze umgetan, hatte mit bewegtem Herzen dabei gestan­den und mit ihrem alten Lebensgefährten das

Abendmahl genommen. Den Kranken mutzte die Anwesenheit des Pfarrers sehr aufgeregt haben, denn als dieser die Beichte abnahm, hatte er sich aufrichten und etwas sagen wollen, aber, ob vor Aufregung oder ob vor Erschöpfung, er war wie­der in seine Kissen zurückgefallen. Mutter Jürgens hatte unter Tränen wehmütig lächeln müssen; was hätte er auch noch besonderes zu beichten gehabt. Sie wußte, chr Mann hatte nie etwas Böses getan. So hatte die Abendmahlsfeier ihren Fortgang ge­nommen. Am Schluß hatte die alte Frau den Pfarrer hinausbegleitet und war draußen geblieben,, damit der Kranke noch etwas Ruhe haben sollte.

Er war aber nicht ruhig, der todkranke Vater Jürgens. Sein Atem ging schwer, und die alten, steifen Finger tasteten unaufhörlich auf der groben Bettdecke hin und her. Die Augen waren nur halb geschlossen, und stöhnend wandte er den Kopf von der einen nach der anderen Seite.

Mv«^ WAV

nimm doch dem Dasein nicht so schwer Und grüble nicht in stetem fronn.

Vald kennst du keine -freude mehr Und machst dich selber krank und arm.

Und wenn dich grüßt ein Sonnenstrahl, Dir froh ein Lied entgegen schwingt, Dann stimmt in dir vor lauter Dual Kein Ton mit ein, der freudig klingt.

wenn dann die Nacht dich überrauscht, Dann weißt du nicht, was werden soll. Dein Herz nur dunkler Ahnung lauscht, Uud alles ist dir schreckensvoll.

Daß dir ein Leid nicht allzusehr Die bange Seele stets bedrückt, Vlick' aus zum gold'ueu Steruenmeer, Vas immer neu die Welt beglückt.

Franz Cingia.

Endlich kam Mutter Jürgens wieder herein. Als sie sich sorgend iiber den Kranken beugen wollte, versuchte er sich aufzurichten und bemühte sich zu reden. Die alle Frau wollte ihn beruhigen, doch es gelang ihr nicht. Als sie ihn aufgerichtet hatte und er, ein Kissen in den Rücken gestopft, inTyette saß, begann er mit fliegendem Atem zu sprechen.

Gleich die ersten Worte erfüllten die Frau mit einem lähmenden Entsetzen. Sie sank wie von einem schweren Schlag getroffen auf den Stuhl nieder, der am Bett stand, und schlug die Hände vor das Gesicht. Ihre Sinne konnten es nicht fassen, was da soeben ihr Mann gesagt hatte, von innerer Unruhe und Todesangst gepeinigt. Ihr Mann, ein Mörder? Die alte Frau ließ ganz fassungslos die Hände wieder sinken, und ohne den Sinn seiner Worte richtig zu begreifen, hörte sie weiter zu. Der Sterbende, den Blick starr ins Weite gerichtet, be­richtete, wie unter dem Banne einer höheren Macht, beichtete. Auf dem Sterbebett erleichterte sich der alte Jürgens von einer Last, die er über 57 Jahre mit sich getragen hatte. Als junger Bursche hatte er hier in dieser GeDnd gewildert und eines Nachts draußen im großen Forst den Förster erschossen. Unter der großen Buche im Bruch hatte er den Er­schossenen verscharrt, und niemand hatte je etwas von der Tat erfahren.

Die alte Frau war aufgestanden. Sie hatte iminer noch nicht das Gehörte fassen können. Als nun der Kranke mit dem letzten Rest seiner Kraft nach ihren Händen griff, sich an sie klammerte'und mit schon röchelnder Stimme von ihr das Versprechen for­derte, feine Tot dem Gericht zu melden, da konnte sie nur mechanisch ein leeresJa" stammeln. Ihre Gedanken waren wie gelähmt. Der Kranke fiel in feine Kissen zurück. Die Erregung in seinem Gesicht löste sich. Ein letztes Röcheln, und der alte Jürgens war tot.

Voll Schreck starrte die alte Frau den Toten an. Sie war wieder auf ihren Stuhl niedergefunfen, und vor Grauen konnte sie sich nicht aufraffen, dem Toten die Augen zuzudrücken. Regungslos blieb sie sitzen. Stunde um Stunde verran. Ihre Gedanken kreisten immer wieder um einen Punkt: ihr Mann, der hochgeachtete alle Jürgens, war ein Mörder.

Drei Tage später trug man ihn zu Grabe. Es war ein großes Leichenbegängnis. Die Schulkinder eröffneten unter der Führung ihres Lehrers den Zug. Mit ihren hellen unbekümmerten Stimmen sangen sie in den feuchten Novembertag hineinWo findet die Seele die Heimat, die Ruh". Der Krieger- verein war mit seiner Fahne im Zuge. Hinter dem Sarge ging Mutter Jürgens tränenlos und mit einem seltsamen, steinernen Gesichtsausdruck an der Seite des Pfarrers, und die Anwohner und An­wohnerinnen der krummen Gasse folgten in großer Zahl.

Am Grabe hielt der Pfarrer eine feierliche Rede und wies auf die Vorzüge des Toten hin, der in treuer Pflichterfüllung den Bewohnern der Stadt das Vorbild eines Ehrenmannes gewesen sei. Die grauen aus der krummen Gasse hatten während der Grabrede fortwährend etwas zu tuscheln, wenn sie auch dabei, der guten Sitte getreu, ihren Tränen freien Lauf ließen und die weißen Taschentücher eifrig benutzten. Sie fanden es geradezu empörend, wie sich Mutter Jürgens während der Beerdigung

verhielt. Nicht eine Träne kam ans ihren heißen, übernächtigen Augen. Sie schien überhaupt nicht auf die Rede des Pfarrers zu achten, trotzdem er sich jetzt persönlich an sie wandte. Sie starrte unent­wegt vor sich hin. Tränenlos blieb sie auch, als nach der Beerdigung die Frauen aus der krummen Gasse bei Mutter Jürgens in der Stube sahen und unter Inanspruchnahme der dampfenden Kaffeekanne die Vorzüge und Verdienste des Toten priesen. Die alte Frau saß schweigend mit verschloßenen Lippen da­bei, als ginge sie das alles nichts an. Ordentlich un­heimlich kam sie den Frauen vor, und viel früher als es sonst üblich, machten sich diese auf den Heim­weg.

Wie die alle Frau allein in ihrem Stübchen war, nahm sie die Lampe, ging in das Schlaf­zimmer hinüber und setzte sich an das Bett ihres Mannes. So hatte sie auch in den Tagen vor der Beerdigung gesessen, und dabei hatten die wider-

strebendsten Gefühle in ihr gekämpft. Aus dem Grunde ihres müden, zerquälten Herzens heraus kam ein tiefes Seufzen. Wenn doch ihr Mann ge­schwiegen hätte! Warum hatte er nicht sein Geheim­nis mit ins Grab genommen? So war nun nicht nur in der Sterbestunde das Herz der alten Frau gebrochen, nein, sie hatte auch außerdem ver. sprachen, den letzten Wunsch zu erfüllen und die späte Selbstanklage dem Gericht zu melden. Das ging aber nicht. Die alte Frau kniff die Lippen fest zusammen, als wolle sie sich hüten, daß ein unbe­dachtes Wort über chre Lippen käme. Jetzt war sie noch geachtet und angesehen im Städtchen. Wenn sie nun zum Gericht gehen und ihren Mann an­zeigen würde, was dann? Man würde im ganzen Städtchen mit Fingern nach ihr zeigen. Ihr schau­derte es. Und ihr Mann, der jetzt so ehrenvoll be­graben worden war? Sollte sein Ansehen noch im Grabe zerstört werden, sollte man ihn im Städtchen einen Mörder nennen? Nein, niemand durfte etwas erfahren!

Und doch war etwas in der alten Frau, was sich gegen ihren Entschluß zum Schweigen sträubte, wenn sie sich auch immer wieder einredete, ein Ge­ständnis hätte obendrein keinen Zweck. An der Richtigkeit selbst zweifelte sie keinen Augenblick. Sie war ein Kind ihres Ortes. Gewildert wurde in der Gegend viel, denn die großen Staatsforsten began­nen in unmittelbarer Nähe der Stadt. Schon als Kind hatte sie des Abends gruselige Wildererge­schichten erzählen hören. Als sie herangewachsen war, hielt das plötzliche, spurlose Verschwinden des Stadtförsters monatelang das Städtchen in Auf­regung. Nie war eine Spur von ihm gefunden wor­den. Einen Landstreicher, den man zuerst festge­nommen hatte, ließ man wieder laufen. Die Zeit machte alles vergessen. Wenige Jahre nach dem plötzlichen Verschwinden des Stadtförsters, kam der junge Jürgens wieder in seine Heimat zurück. Sie lernten sich näher kennen, und als er bei der Post angestellt wurde, heirateten sie sich. In den langen Jahren ihrer beschaulichen Ehe, hatte sich der Mann nie etwas merken lassen. Freilich, ein wenig still und sonderbar war er schon immer gewesen. Aber daß ein Mord ihn bedrückt hatte, erschien ihr immer grauenhafter. Und nun sollte sie sogar An­zeige erstatten! Nein, das türmte sie nicht, niemals.

Die alle Frau stand auf, verließ die Schlaf­kammer und begann, sich in der Stube ein Nacht­lager herzurichten. Sie konnte es nicht über sich ge­winnen, ihr Bett neben dem Sterbelager ihres Mannes zu benutzen. Obwohl sie vollsHndig seelisch und körperlich erschöpft war, fand sie auch jetzt keine Ruhe. Mutter Jürgens hatte ein einfaches Leben gelebt und sich nie über höhere Dinge Gedanken ge­macht. Hiep fühlte sie aber: ihr Mann hatte nicht ruhig sterben können, ohne sein Herz zu entlasten. Das verstand sie, und starkes Mitgefühl kam in ihr auf. Und dann kam ihr weiter die unklare Vor­stellung, ihr Mann würde nicht im Grabe ruhen können, wenn sie nicht ihr Versprechen erfüllte. Die Ehrfurcht, die im einfachen Volke vor dem letzten Willen eines Toten lebte, mahnte sie erneut, zum Gericht zu gehen. Dann kamen aber wieder andere Gefühle und die Furcht vor den Folgen des Ge­ständnisses. Die langen Nachtstunden quälte sich die alte Frau mit ihren Aenasten und Gedanken. Bis

in die Wurzeln ihrer Seele aufgewühtt, fotzte N dann ihren Entschluß.

Als der graue Wintermorgen dämmerte, erhob sich die alte Frau und kleidete sich sorgfältig an. Dann verließ sie ihre Wohnung. Auf der Straße sahen die Leute die Mutter Jürgens verwundert an, wie sie mit vergrämtem und eingefallenem Ge­sicht ihres Weges ging, ohne auf Vorübergehende zu achten. Der Gerichtsschreiber vom Amtsgericht des Städtchens war erstaunt, a s er die ihm be­kannte alte Frau eintreten sah. Sie verlangte den Amtsrichter zu sprechen und gab auf alle Fragen keine Antwort. Der Amtsrichter war noch nicht an­wesend. Still setzte sich die alte Frau auf btt Bank und wartete regungslos.

Einige Zeit später ließ der Amtsrichter Frau Jürgens zu sich kommen und fragte nach ihrem An­liegen. In schlichten Worten berichtete die alle Frau mit fast tonloser Stimme von dem Geständnis ihres Mannes. Der" betagte Beamte hatte in feinem Dienst schon so manches Seltsame erlebt, hier aber verließ ihn fast seine gewohnte Sachlichkeit. Eine alte Frau beschuldigt ihren Mann, vor 57 Jahren einen Mord begangen zu haben. Er ahnte, was dieser Gang für die Sprecherin gekostet hatte. Die Folgen dieses Geständnisses gerade in der Kleinstadt waren ihm wohl bevâußt. Mit Teilnahme, ja fast mit einem Gefühl der Bewunderung hörte er den Bericht zu Ende. Er fühlte, was für eine Qual diese Sterbenacht für beide Eheleute gewesen war.

Der Richter machte den Versuch, der alten Frau zu helfen. Er wies darauf hin, daß die Tat längst verjährt und das Gericht nicht mehr zuständig sei. Sie solle nur ruhig wieder nach Hause gehen. Sie Alte ließ sich aber so nicht abfertigen. Auf alle Gegenreden hin schüttelte sie nur ablehnend den grauen Kopf. Erst als der Richter mit Hilfe des Schreibers ein Protokoll aufnahm, und die wettere Verfolgung versprach, gab sich die eigensinnige alle Frau zufrieden. Mit zitternden Fingern setzte sie in ungelenkigen Zügen ihren Namen unter das Protokoll.

Einige Tage später begaben sich unter Führung des Amtsrichters, des Streisargtes und des Stadt­försters einige Waldarbeiter mit Geräten an dis von Frau Jürgens näher bezeichnete Stelle. Nach einigen vergeblichen Versuchen fand man unter der Großen Buche ein verwittertes Skelett. Einige Hirschhornknöpfe und Reste eines verrosteten und vermorschten Gewehres ließen keinen Zweifel. Eis Mord hatte nach 57 Jahren seine Aufklärung gefun­den. Die Kommission nahm ein Protokoll auf. Wäh­rend langsam die ersten Schneeflocken vom grauen Winterhimmel fielen, schritten die Männer mit ern­stem Sinnen durch den Wald nach Hause.

Inzwischen war das kleine Städtchen in groß* Aufregung geraten. Mit Windeseile haß e sich die unerhörte Begebenheit verbreitet. Alle tugendhaften Gemüter der Stadt orakelten etwas von der Macht eines bösen Gewissens und schüttelten sich im Voll­gefühl ihrer eigenen Unfehlbarkeit mit behaglichem Gruseln. Die es aber am meisten anging, blieb still und ruhig. Sie merkte es kaum, daß sie von den Frauen der krummen Gasse wie eine Aussätzige ge­mieden wurde. Zur gleichen Zeit, wo draußen im Walde die Spaten ihr Werk verrichteten, ging die alte Frau hinaus zum Friedhof. Wie sie nun am Grabe stano, während die ersten Schneeflocken eine weiße Decke darüber legten, begann sich die Starr­heit in ihrem Innern zu lösen. Zum ersten Maie seit der Sterbestunde kamen ihr Tränen. Unaufhalt­sam rollten sie über das eingefallene, runzelige Ge­sicht, und mit einem wilden Schluchzen brach die Alte über dem schneebedeckten Grabhügel zusammen.

Dev Lamb».

Skizze von Hans Walther Kuppler.

Das kleine Städtchen San Sartos in Mexiko be­fand sich seit einigen Stunden in großer Aufregung. Fast sämtliche Einwohner umstanden lärmend und gestikulierend eine halbverfallene, am äußersten Rande des Dorfes gelegene Hütte. Der Bewohner war scheinbar nicht anwesend. Eine junge, schöne Mexikanerin hielt in ihren Händen ein etwa vier Jahre altes Kind, dessen Fuß mit Bandagen um- wickelt war; dennoch konnte man unschwer erfen» nen, daß der vordere Teil des Fußes fehlte; tpie der blutgetränkte Verband bestätigte, war die Am­putation des Fußes erst vor wenigen Stunden ge­schehen. *

Donna Beggio, die Mutter des Kindes, hatte es nach langem Suchen in der Hütte des Zambo ge­funden und mit Entsetzen die Verunstaltung ihres Kindes wahrgenommen. Auf ihr Geschrei hin waren bald die Dorfbewohner um sie versammelt, und all» stießen fürchterliche Drohungen und Der- wünschungen gegen den verschwundenen Zambo aus, den einzigen Mischling von San Sartos. Einige Besonnene hatten nach dem Arzt und der Polizei geschickt, die sich denn auch bald einen Weg durch die erregte Menge bahnten. Der Arzt wickelte vorsichtig die Binden von des Kindes Fuß ab, nach­dem er die Mutter und zahlreiche Neugierige gebeten hatte, die Hütte zu verlassen. Er stellte fest, daß der Fuß mit einem scharfen Gegenstand, anscheinend einem Beil, glatt abgeschlagen worden war, be­wunderte indes den kunstgerechten Verband und war sich nicht klar über den Zweck der auf den Wunden liegenden ihm vollkommen unbekannten Kräuter. Er konnte nichts mehr tun, als die Wund» nochmals auswaschen und neu verbinden. In­zwischen hatte der Ortspolizist das Innere der Hütt» untersucht und ein scharfes Beil gefunden, das noch geringe Spuren von Blut aufwies. -Diablosl" meinte er zum Arzt,ich möchte nur missen, zu was dieser elende Zambo den Fuß des Kindes gebraucht hat. Sicher doch wieder zu einem feiner Götzen- dienste! Man sollte derartige Mischlinge des Landes verweisen."

Ich stehe auch vor einem Rätsel, hingegen ver- tehe ich nicht, warum dieser Zambo im Orte allge- nein gehaßt und gemieden wird, obwohl er doch bisher keines Menschen Haar gekrümmt hat."

Bisher! Sennor Doktor!" erwiderte der Po­lizist, der außer den beiden anderen ©enbartneit,