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Samstag Veu 2. ZuN 1927

Jlr. 152

diese gegenüber Europa durch. Aber er läßt durch seinen Staatssekretär Kollogg in Mittel­und Südamerika eine zielbewußte imperiali­stische Polittk machen. Die manchmal hart an die Grenze des Krieges strerst. während zu- gleich die Chinapolitkk Nordamerikas eigentlich ohne rechte Orientierung ist

So verbindet sich auch hier Außenpolitik und Innenpolitik, das heißt Wahlpolitik. Im ganzen ergibt sich darüber für die anderen, das heißt für das übrige Europa, und in ihm Deutschland, daß die außenpolitischen Berech­nungen sich auch nach diesen Wahlgesichtspunk­ten in Frankreich, England und Nordamerika richten müssen. Nur ist die Frage, ob die Weltpolitik, die überall in Gärung ist, bis da­hin so ruhig verlaufen wird, daß die wahl­politischen Gesichtspunkte drüben, auf der Seite der großen Polittk, bei der naturgemäß die Möglichkeiten der Aktivität am stärksten sind, so im Vordergrund stehen können.

Inzwischen begann die Seeabrüstungskon­ferenz in Genf, von Amerika berufen mit Eng­land und Japan zusammen, während Frank­reich und Italien nur als Beobachter anwesend sind. Es ist ein Glied in der Kette der Ab­rüstungsarbeiten, die ja bisher nicht besonders viel oorangebracht haben. Die Auseinander­setzung zwischen den drei Großmächten, zwi­schen denen auch die Probleme des Stillen Ozeans vor allem zur Entscheidung stehen, ist an sich hochwichtig, in den Wirkungen auf die Abrüstungsfrage noch wichtiger, in den Wir­kungen auf Europa desgleichen.

Mit einem vollen Fiasko kann Amerika aus diesen Genfer Verhandlungen nicht heraus­gehen. Natürlich kann Coolidge einen Miß­erfolg darauf schieben, daß Europa nicht fähig sei, diese Frage weiter zu bringen. Aber darin liegt der Haken, daß ja seine Partner in Genf eine nichteuropäische und eine nur halbeuro­päische Großmacht sind. Eine völlige Blamage wird er nicht wünschen. Denn das würde auf jene Wahlvorbereitungen zurückschlagen, die im ersten Gang sind und deren Ausgang für Europa von größter Bedeutung sein wird. Man braucht nur an die Schuldenfrage, die Reparationsfrage, an die Handelspolitik und eben an die Abrüstungsfrage selbst zu denken, sowie an die Völkerbundsfragen. Alles ist doch entscheidend mit davon abhängig, welche Richtung der amerikanische Präsident in seiner Außenpolitik einschlägt.

In diesen Rahmen haben nun wir unsere nächste Arbeit einzuspannen. Das bedeuett immer und immer wieder, was das jetzige Er­gebnis aus Genf so herausgearbeitet hat, daß Deutschland in seinen Sonderfragen keine ak­tive Hilfe von irgendwoher zu erwarten hat und daß alles sich auf die direkte Auseinander­setzung mit Frankreich zugespitzt hat. Das wird, in dieser Fassung des Problems und in dieser Zuspitzung, die Hauptfrage sein, die uns im Juli und August lebhaft beschäftigt. Welche Antwort darauf wird der September bringen, wenn die Außenminister sich abermals in Genf treffen?

Sie NestENsutts dev zevssövien 4;ntevftânde.

Auf die von General v. Pawelsz an die Re- S erungen der Westmächte ergangene Einladung, ettreter für die Besichtigung der zerstörten Unter­stände zu ernennen, ist nunmehr laut D. A. Z. die Mitteilung erfolgt, daß der belgische und fran­zösische militärische Sachverständige bei der diplo­matischen Vertretung dieser Länder in Berlin allein an der Besichtigung teilnehmen werden, die für Anfang nächster Woche in Aussicht genommen ist.

Ittftrmmuus des AerGSsabittetLS r«v AandwevkevuoveAe.

Las Wahlrecht zu den Handwerkskammern. Errichtung einer Handwerksrolle. Eintragung großer Handwerksbetriebe in das Handelsregister.

Berlin, 1. Juli. Das Reichskabinett stimmte in seiner heutigen Sitzung einem vom Reichswirtschafts­minister und vom Reichsjustizminister vorgelegten Entwurf eines Gesetzes zur Aenderung der Ge­werkschaftsordnung und des Handelsgesetzbuches (Handwerkernooelle) zu. Die Novelle sieht vor allem die Einführung des allgemeinen, gleichen und ge­heimen Wahlrechts zu den Handwerkskammern und die Errichtung einer Handwerksrolle vor, in die alle selbständigen Handwerksbetriebe eingetragen sind. Die Handwerksrolle wird die Grundlage für die Wahlen zur Handwerkskammer bilden um die Möglichkeit statistischer Ermittlungen über das Hand­werk zu schaffen.

Die Novelle bringt ferner eine Aenderung des Handelsgesetzbuches dahingehend, daß künftig großen Handwerksbetrieben die Eintragung in das Han­delsregister ermöglicht und damit diesen das Firnen- und Prokurarecht gewähtt wird.

L-ebttfchevr« übev die ensttieb- vurMebe« Beziehungen.

London, 2. Juli. Tschitscherin erklärte dem Moskauer Sonderberichterstatter desDaily Ex­preß": Jedesmal wenn die russische Regierung oer- ucht die Beziehungen mit England zu verbessern, ordern die Engländer die Einstellung der Sowjet- iropaganda. Die Sowjetregierung unternimmt eine Propaganda. Ihre diplomatischen Kuriere be- ärdern keine kommunistische Parteipropaganda. Seit dem Bruch mit Großbritannien hat Rußland seinen vormaligen Handel mit England zwischen Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien und den Bereinigten Staaten verteilt. Ttitscherin befürchtet, daß die englischen Diehardts Polen gegen Sowjet­rußland Hetzen. Frankreich sei friedlich, aber es be­sitze nicht die Macht wie vormals. Es bestehe eine gewisse Spannung zwischen Polen und Sowjet- rußland, die jedoch nicht ernst sei. Ttitscherin be­tonte. Wir haben keine kriegerischen Absichten. Tschitscherin schloß: Als ich vor kurzem Zeit in Paris und Berlin war, teilten mir gewisse Engländer mit, die konservative Regierung habe er­klärt, daß keine Aenderung ihres Entschlusses in Betracht komme. Ich sehe nun keinen Weg, auf den man treten kann.

Vyrds Lrrflug über Frankreich

Sie Notlandung BvvdS.

Paris, 1. Juli. Die von uns heute morgen ge­gebene Nachricht, daß das FlugzeugAmerica" bei Ber für Mer an der Normannischen Küste zwischen Cherbourg und Le Havre gelandet sei, hat sich be. stätigt. Die Flieget, die, wie berichtet, gegen 1 Uhr nachts über Paris waren, wegen des Unwetters aber weder den Flughasen Le Bourget noch irgend eine andere Landungsstelle finden konnten, verirrten sich dann in westlicher Richtung von Paris. An der Küste gewannen sie die Orientierung wieder und versuchten die Seinemündung zu erreichen, mußten aber, als ihnen Benzin und Oel bis auf den letzten Tropfen ausgegangen waren, um 2.32 Uhr 1800 Meter von Der für Mer entfernt aufs Wasser niedergehen. Der Sturz auf die Meeresfläche war ziemlich heftig. Der Avparat stieß mit dem Vorder­teil zuerst auf und zwar mit solcher Gewalt, daß zwei von den drei Propellern sich in den Sand bohrten und das Fahrgestell zerbrach. Der dritte Motor funktionierte bei der Landung nicht mehr. Trotz der Finsternis gelang es Byrd und seinen drei Genossen, die beiden Gummifaltboote, die sie an Bord hatten, flott zu machen und die Küste zu er­reichen. Byrd und einer seiner Genossen waren so erschöpft, daß sie sich sogleich auf den Sand aus­streckten und einschliefen, während die beiden an­deren Flieger den Leuchtturmwächter benachrich­tigten. Zwei Fischer, welche den Fliegern bei der Landung geholfen hatten, weckten den Bürgermeister des Ortes, welcher die Besatzung bei sich unter- brochte und die Rettungsarbeiten für den Apparat anordnete. Um 11 Uhr gelang es, das Flugzeug auf­zufischen und mit Hilfe einiger Boote 60 Meter vom Ufer entfernt zu verankern. Erst bei Eintreten der Ebbe wird der Apparat völlig an Land ge­zogen werden können. Die du^ch den Sturz verur­sachten Schäden sind zwar beträchtlich, jedoch sind alle Präzisionsapparate wie auch der Kompaß und die Funkstation unversehrt.

Sie lebten Stunde« dev Sahet.

Paris, 2. Juli. Ueber die angstvollen Stunden, die der Landung derAmerica" vorausglngen, be­richtet der Begleiter Noville imPetit Parisien" wie folgt: Die Stunden, in der wir nach Erreichung Frankreichs Paris suchten, waren die kritischsten. In diesem Augenblick dachte keiner von uns daran, daß wir Le Bourget erreichen würden, sondern nur an einen verhängnisvollen Ausgang. Ucberall herrschte dunkle Nacht, überall dichter Nebel. Zwei­mal glaubten wir in der Nähe von Paris zu fein, das erste Mal gegen 10 Uhr. Gegen Mitternacht hatten wir den Eindruck, daß wir uns im Kreis bewegten, aber nicht das geringste Licht konnten wir auf der Erde feststellen. Landen würde ge­heißen haben: Zerschmettert werden. Um 2 Uhr hatten wir keinen Betriebsstoff mehr. Jetzt hieß es landen. 41 Stunden waren wir bereits in der Luft. Um 2.30 Uhr gab Byrd das Landungsziel an: Ins Unbekannte. Auf diese Weise gerieten wir ins Wasser. Zu sehen war überhaupt nichts. Im Augen­blick des Niedergehens hatten wir das Gefühl in einen Abgruüd zu stürzen. Es war stockdunkle Nacht. Byrd warf einen Blick auf den Brennstoffmesser und näherte sich mir um etwas zu sagen. Aber das Geräusch der Motoren, machte jede Verständigung unmöglich. Er schrieb daher mit einem Bleistist auf ein Stück Papier folgende Worte:Wir gehen ans Land". Das hieß also aufschmettern. In die­sem Augenblick schlugen wir auf. Kein Wunder, daß bei dem Schwergewicht des Apparates, der 450 000 Kg. wiegt, das Flugzeug unter die Wasser­oberfläche gezogen wurde. Der Rumpf des Flug­zeuges war zertrümmert. Wasser sprudelte überall hervor und es blieb nichts anders übrig als über Bord zu springen. Glücklicherweise waren wir vom Land nicht weit entfernt.

Dev Reichsvat gegen den SoWaeit

Berlin, 1. Juli. Die Reichsregierung hat am Freitag im Relchsrat eine überraschende und sehr peinliche Niederlage erlitten. Es ist ihr nicht gelungen, für ihren Zolltarisentwurs eine Mehrheit zu finden. Die Erhöhung des Schweinefleischzolles wurde zwar vom ^^ichsrat gebilligt, dagegen wur­den sowohl der Kaktosfel. wie auch der Zuckerzoll abgelehnt, mit einer Mehrheit, die beim Kartoffel- zoll 37:21 betrug, bei dem Zuckerzoll sogar 41:22. Beim Zuckerzoll hadelte es sich im wesentlichen wohl um einen taktischen Versuch Bayerns. noch eine Pression gegen die Reichsregierung wegen der Be­amtengehälter auszuüben, hier wäre also, wenn die zehn bayerischen Stimmen sich auf die andere Seite schlagen, immerhin noch eine Verschiebung möglich, dagegen ist beim Kartoffelzoll kaum etwas mehr zu machen. Die Reichsregierung hat zwar die Möglich­keit, gegenüber dem Beschluß des Reichsrats mit einer Doppelvorlage an den Reichstag heranzutreten und wird auch, da die Regierungsparteien hinter ihr stehen, im Reichstag eine Mehrheit finden, aber das hilft ihr nicht viel, da nur eine Zwei-Driltel-Mehr- Heit stark genug wäre, um sich gegen den Beschluß des Reichsrates durchzusetzen. Daran ist aber kaum zu denken, da die Sozialdemokraten die Ablehnung des Kartoffelzolls im Reichsrat als ihren persön­lichen E^olg buchen werden. Gegen ihre Stimmen, die noch durch die Kommunisten verstärkt werden, kommt eine Zwei-Drittel-Mehrheit nicht zustande.

Für den preußischen Antrag auf Beibehaltung des Kattoffelzolls von 50 Pfennig stimmten das preußische Staatsministerium, der Vertreter der Stadt Berlin, der Vertreter der Provinz Sachsen, der Vertreter der Provinz Hessen-Nassau, ferner die Staaten Sachsen, Baden, Hessen, Hamburg, Mecklenburg-Schwerin, Anhalt, Lippe, Lübeck, Waldeck und Schaumburg Lippe. Gegen den preußi­schen Antrag also für die Erhöhung des Kattoffel­zolls, stimmten die Vertreter der preußischen Pro­vinzen Ostpreußen, Brandenburg, Pommern, Posen- Westpreußen, Niederschlesien, Oberschlesien, Schles­wig-Holstein, Hannover, Westfalen, Hessen-Nassau und der Rheinprovinz, sowie die Staaten Bayern, Württemberg, Thüringen, Oldenburg, Braun­schweig, Bremen, Mecklenburg-Strelitr.

In einem imMatin" wiedergegebenen Bericht heißt es: Unser Funkapparat war für uns außer­ordentlich wertvoll. Er hat bewiesen, daß es mög­lich ist, in ziemlich befriedigender Weise mit Schiffen auf See in Fühlung zu gelangen und daß man so einem Flugzeug helfen kann, die eingeschlagene Rich­tung beizubehallen. Vielleicht ist unser Wunsch, die kalten Gegenden zu vermeiden, etwas schuld daran, daß mir so weit südwärts abtrieben. Byrd erklärte: Nichts was er auf seinem Nordpolflug und sonstigen Unternehmuygendurch- gemacht habe, komme annähernd dem gleich, was die Flieger während des Umherkreisens überFrankreichdurch- gemacht hätten. Als sie niedergegangen seien, hätten sie höchstens für 50 Kilometer Betriebsstoff gehabt: Byrd erflärte weiter: Unser Funkapparat ist durch atmosphärische Bedingungen und durch den Uebereifer einiger Funker, die uns unbedingt er­reichen wollten, lahmgelegt worden. So war es unmöglich Nachrichten zu senden. Von den 40 Stun­den, die wir in der Luft verbrachten, haben wir 19 Stunden lang weder Himmel noch Wasser gesehen.

Der für INer, 1. Juli. Im Bett einer kleinen Fischerhütte liegend, in der Byrd und Neville Auf- nähme gefunden haben, erklätte der Atlantikflieger heute nachmittag in einem Interview mit dem Ver- treter der United Preß, daß trotz der Irrfahrt über das nächtliche Frankreich der Flug als gelungen bezeichnet werden müsse. Wenn er auch statt in Le Bourget im Meere geendet hat, war er doch ein Erfolg, denn die wissenschaftliche Ausbeute ent­spricht allen unseren Erwartungen. Wir haben wich­tiges Matenal über Nebelbildung und auch über die Wetterverhältnisse gesammelt. 19 Stunden lang haben wir weder Land noch See gesehen. Ständig flogen wir durch dichte Nebel und während dieser endlosen Stunden haben wir uns oft gefragt, ob uns unser Rettungsboot wohl tragen würde, und dann konnten wir die Probe aufs Exempel machen, und es hat uns getragen. Wir sind kaum naß ge­worden, außer einem leichten Choc und ein paar Beulen sind wir gut daoongekommen. Auch unser Material haben wir alles gerettet, obwohl die Kabine sich sofort mit Wasser füllte. Zuerst bargen wir die amerikanische Flagge, dann die Postbeutel und endlich unsere Aufzeichnungen. Morgen werden wir versuchen, die drei Motoren an Land zu brin­gen. Sie haben sich bewährt, aber sie hatten zuletzt auch nicht einen einzigen Tropfen Benzin mehr. Die America" wird wieder auferstehen, wenn es irgend möglich ist. Wann wirgelandet" sind? Ich weiß es nicht, genau, meine Uhr ist stehen geblieben, aber es muß um drei Uhr herum gewesen sein.

Gin MütkwunM des Vvüfwenten Soolidse.

Washington, 1. Juli. Präsident Coolidge und die Minister seines Kabinetts haben Byrd und seinen Begleitern die folgende Botschaft geschickt:

Ich sende die allerherzlichsten Glückwünsche. Ich habe Ihre kühne und mutige Laufbahn stets mit allergrößtem Interesse verfolgt. Ihr Flug zum Nord­pol hat den Wett des Flugzeugs für wissenschaftliche Zwecke bewiesen, und ich bin davon überzeugt, daß Ihr Flug über den Ozean für den transatlantischen Flugverkehr bahnbrechend wirken werde.

Neben dieser Drahtung gehen den Fliegern aus allen Bevölkerungskreisen Glückwünsche zu.

VvvdS Reise nach VaviS.

Paris, 2. Juli. Byrd und seine Begleiter reisen heute früh von Caen ab und treffen heute nach­mittag in Paris ein. Byrd beabsichtigt, mehrere Wochen in Frankreich zu verbringen.

Zu dem Gesetzentwurf über Erhöhung des Zuckerzolls, der für den Dovpelzentner im Interesse der deutschen Landwirtschaft auf 15 Mark erhöht werden sollte, beantragte Bayern zunächst Absetzung von der Tagesordnung, da noch keine Klarheit da­rüber herrsche, wie die Kosten der in Aussicht stehenden Erhöhung der Beamtenbesoldung be­stritten werden sollten. Da der bayerische Ver­tagungsantrag jedoch nur von Hamburg unterstützt wurde, galt er als abgelehnt. Gegen die Erhöhung des Zuckerzolls stimmten das preußische Staats­ministerium, die Vertreter von Berlin, der Provinz Sachsen und der Provinz Hessen-Nassau, ferner die Staaten Bayern, Sachsen, Hamburg, Mecklenburg- Schwerin, Anhalt, Lippe, Lübeck, Waldeck; für die Erhöhung des Zuckerzolls stimmten die Vertreter der Provinzen Ostpreußen, Brandenburg, Pom­mern, Posen-Westpreußen, Niederschlesien, Ober­schlesien, Schleswig-Holstein, Hannover, Westfalen und der Rheinprovinz sowie die Staaten Württem, berg, Thüringen, Hessen, Oldenburg, Braunschweig, Bremen, Mecklenburg-Strelitz und' Schaumburg- Lippe. Baden enthielt sich der Stimme. Von baye­rischer Seite wurde erklärt, daß die Abstimmung Bayerns bezüglich des Zuckerzolls keine Ablehnung der Vorlage bedeute, sondern nur eine Folge der Ablehnung des Dertagungsantrags sei.

Der Gesetzentwurf über Ermäßigung der inlän­dischen Zuckersteuer auf 10.50 Mark für den Doppel­zentner, der am 1. August in Kraft treten soll, wurde unverändert angenommen.

Berlin, 2. Juli. Nachdem der Reichsrat bei der Beratung über das Zolltarifgesetz die Erhöhung des Kartoffel-olles und des Zucker Zolles abgelehnt hat, wird die Reichsregierung, d":nD. T." zufolge, nun­mehr dem Reichstag eine Doppelvorlage zugehen lasten müssen, die die ursprünglichen Vorschläge des Entwurfes und die Aenderungen des Neichsrates enthalten muh. Wenn der Reichstag die Regie­rungsvorlage annimmt, ist zu erwarten, daß der Reichsrat von dem Rechte des Einspruches Gebrauch machen wird. Die Vorlage muß dann nochmals dem Reichstag vorgelegt werden und kann nur Gesetz werden, wenn der Reichstag Oe mit Zwei-Dnttel-

Mehrheit annimmt. DasBerl. Tageblatt" will wissen, daß sich das Reichskabinett bereits heute vormittag mit den ablehnenden Beschlüssen des Reichsrates belästigen werde.DerLokal­anzeiger" hält es noch für zweifelhaft daß der Reichsrat auch bei einer zweiten Abftimung die gestrige Beschlußfassung aufrechterhalten werde. Nach dem Blatt bestehe die Möglichkeit, daß einige Län­der, so z. B. Sachsen und die beiden Lippe, ihren Vertretern im Reichsrat neue Instruktionen geben werden. DieTägl. Rundschau" erinnert daran, daß die Erhöhung des- Kartoffelzolles vom Reichs­kabinett beschlossen worden ist, nachdem die Re­gierungsparteien in langwierigen Verhandlungen zu einer Einigung nicht hatten kommen können. Man könne jedoch annehmen, daß alle Regierungs­parteien dem Beschluß des Kabinetts zustimmen werden. Eine solche Losung sei als ein Kompromiß zu betrachten, was wesentliche Aenderungen nicht mehr vertrage. Die Ablehnung der Kattoffelzoll- und Zuckerzollerhöhung durch den Reichsrat bedeute aus diesem Grunde eine Erschwerung der gesamten parlamentarischen Situation.

Aus alles bett.

Oee LuNmovdvroreS SSttthev.

Berlin, 1. Juli. Der Mörder der Gräfin Lambsdorff und der kleinen Senta Eckert kämpft verzweifelt um seinen Kopf. Bei semen ersten polizeilichen Vernehmungen hat er erklärt, daß er die Gräfin nicht habe töten wollen. Je weiter aber die Zeugenvernehmung fortschrertet, desto erdruckem der wird der Schuldbeweis daß es sich tatsächlich um Morde gehandelt hat. Die vierzigjährige Gräfin wird als eine Frau von außergewöhnlicher ^ schlossenheit und großer körperlicher und sportlicher Gewandtheit geschildert, so daß Böttcher sich der Gräfin nicht hätte bemächtigen können, wenn er nicht gleich geschossen hätte. Böttcher bleibt dabei, daß er in Abwehr gehandelt und nicht lofott ge­schossen habe, daß der Schuß vielmehr losg^angen ei als die Gräfin ihm den Revolver habe entwen den wollen. Verschiedene Zeugen widersprechen die­ser Aussage. *

Berlin, 1. Juli. Heute begann unter großem Andrang des Publikums die Schwurgerichtsverhand- lunq vor dem Landgericht 3 gegen den Arbeiter Karl Böttcher, der von den Sachverständigen als eineSerualbeftie" bezeichnet wird. Zwei Kapital- verbrechen: der Raub- und Lustmord an der Gräfin Lambsdorff und der Lustmord an der zehnjährigen Schülerin Senta Eckert, sowie neun Raububersalle auf Frauen und Mädchen, ferner einè Reihe von Vergewaltigungen und Bestialitäten werden diesem erst 27 Jahre alten Massenverbrecher zur Last ge­legt. Das Scheusal Böttcher bildet ein Seltenstuck zu den Gestalten eines Großmann, Gerth und Haarmann. Alle Straftaten fallen in den kurzen Zeitraum von etwas über einem Jahre. Die Um­gebung von Berlin wurde durch die Raubübersalle auf alleingehende Frauen und Mädchen lange Zeit beunruhigt, bis man endlich des Unholdes habhaft wurde. ., . . , .

Böttcher gestand mit zynischer Offenheit alle seine Straftaten ein. Seit Anfang 1926 war Böttcher ohne Arbeit Und führte ein Räuberleben. In einem Gebüsch lag er auf der Lauer und stürzte sich mit dem Revolver in der Hand auf die daherkommenden Frauen. Ver­folger schreckte er durch Schüsse zurück. In derselben Weise überfiel er am 7. Mai v. Js. bei Strausberg die Gräfin Lambsdorff, die er niederschoß, schan- dtte und beraubte. Am 9. Juni des Jahres vorher ermordete er die 10jährige Lyzeumsschülerin Senta Eckert. Böttcher ist frühzeitig verwahrlost, schon mit zwölf Jahren kam er in Fürsorgeerziehung. Wegen zahlreicher Diebstähle wurde er zu längeren Gefäng­nisstrafen verurteilt.

Einen wesentlichen Teil der Schwurgerrchtsver- Handlung wird die Begutachtung des Geisteszustan­des des Angeklagten einnehmen. Zu diesem Zweck ist ein kleiner medizinischer Kongreß von neun Sach­verständigen im Schwurgerichtssaal versammelt. Aus den ersten Blick glaubt man es kaum, daß dieser blonde, schlanke 27jährige Mann mit dem schmalen Gesicht und den blauen Augen eine derartige Bestie in Menschengestalt sein kann. Bei näherer Betrach­tung fällt aber der stechende, lauernde Blick seiner Augen auf. Ohne jede Rührung und Reue schildert er den Hergang bei den beiden Bluttaten, zunächst den Fall der Senta Eckert, wobei nach dem Wunsche des Vorsitzenden Landgerichtsdirektor Boinbe die sexuellen Momente zunächst ausgeschaltet werden. Die Tat geschah in der Nähe von Karow, wo Böttcher in einer Straßenkolonne arbeitete. Er be­hauptet, vor der Tat getrunken zu haben. Auf die Gräfin Lambsdorff will er mit dem Revolver los­gegangen fein, weil er ihr Geld haben wollte. Der Schuß fei losgegangen, als die Gräfin ihm die Waffe entwinden wollte, was die Sachverständigen für unmöglich erklären. Bei dem Verbrecher ist, wie der Vorsitzende feststellt, ein Notizbuch gefunden worden, in das eingetragen ist:Freitag, 7. Juni Mord." Böttcher hat sich das später ausgeschrieben, um zu wissen,wann es gewesen ist". Vei Der Be­sprechung der anderen Raubfälle ergab sich, daß der Angeklagte meist mit der Wajfe in der Hand auf seine Opfer losgegangen ist, aber nur geschossen hat, wenn er auf die Hilferufe der Frauen verfolgt wurde; verletzt hat er Dabei niemand. Böttcher wurde gefaßt bei seinem letzten Raubüberfall auf eine Krankenpflegerin. Als das Verhältnis des Ange­klagten zu seinem Stiefvater erörtert wird, fängt derAngeklagte, der bisher völlige Ruhe an den Tag gelegt, an, plötzlich zu weinen. Er sei von dem Stiefvater zuweilen bis aufs Blut geschlagen wor­den, auch die Mutter. Die Mutter sei gut gewesen; wenn sie am Leben geblieben wäre, wäre er nichi so geworden.

Hierauf wurde auf Antrag des Staatsanwalts die Oeffentlichkeit ausgeschlossen, die Presse durfte im Saal bleiben. Auf die Frage, was ihn ver­anlaßt habe, die kleine Senta Eckert beim Vorbei­gehen an dem Kornfelde an sich zu ziehen, erklärte Böttcher:Es waren die nackten Beine". Beherr­schen konnte er sich nicht. Eine andere Kleine, die barfuß gewesen sei, habe er, als sie schrie, wieder laufen lassen. Meist habe er sich Frauen ausgesucht, die groß und dick waren. Professor Strauch teilte dem Gericht mit, der Angeklagte habe ihm die merkwürdige Angabe gemacht, daß das Wegreißen der Taschen bei den Frauen ihn in einen Rausch­zustand versetzt habe.

Das Gericht ging dann näher auf den Fall Lambsdorff ein.