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Ar. 151

Freitag den L Zuk 1927

Serre 3

Esksles.

Hanau. 1. Juli.

Sutt.

Der süße Duft hochsommerlichen^ Blühens Lutet durch den schönsten Schmuck der Siebte, die Lindenalleen, und Tausende von Bienen schwärmen am die ehrwürdige Dorflinde. Kein Wunder, daß dieser deutsche Lieblingsbaum dem Juli den Namen Lmdenmonat" gegeben hat. Gerade imHeu­monat" von Karl dem Großen so genannt, im alten DeutschHewimanoth" geheißen - der den Banbleuten mit der Heuernte noch viel strenge Ar­beit auferlegt, gewährt die abendliche Ruhestunde unter dem alten Ting-Baum besondere Erquickung. Auch der älteste germanische Namen des Juli, das schon im 8. Jahrhunder gebräuchliche Wortäftera Uba, b. h.nach der Linde", deutet aus die Blüte- zeit der Linde hin. Wegen des Erntejegens, denn auch die Kornernte fällt gewöhnlich in die Juli­wochen, wird der Juli auch bisweilenSchnitt­monat" genannt. Mit unserer heutigen Bezeich­nung Juli aber bewegen wir uns noch immer in der Antike; denn die Römer hatten den vorher als Qintilius" bezeichneten fünften Monat ihres mit dem März beginnenden Jahres zu Ehren Julius Eüsars, dessen Geburtstag in diesen Monat fiel, Iulius genannt.

Der wegen derHundstage" auchHunds- pionat gescholtene Erntemonat, der sich durch reichliche Sonnenglut hervortun sollte, läßt doch oft dem Regen den Vorrang. Nameiitlich ist der Tag Mariä Heimsuchung (2.) für die Lolkswetter- vorhersagen ein gefürchteter Tag, denn wenn es an diesem Tag, an demMaria über den Berg geht" regnet, so regnet es sechs Wochen lang, bis eben Maria wieder über den Berg zurückkomnu". Auch die alte Bauernregel:Fangt im Juli das Tröpfeln an, so wird man lange Regen ha'n", spricht er­fahren von häufiger Regenlâune. Für Bergsteiger und Schwimmer gilt der Maria-Magdalenentag 122.) als böses Omen, weil es heißt, daß er alljähr­lich sein Opfer fordere. Für den Juli hat man sich auch einen Patron gegen ^ Gewitter ausersehen: Cyrillus, den Apostel der Slaven, der, einslavi­scher Luther", als der erste gilt, der Oie slavische Sprache auf eine literaturfähige Höhe brachte. Der Annentag (26.) spielt nicht nur in katholischen Län­dern eine Rolle, auch in protestantischen Gegenden wird dieMutter Anna", die Helliggejprochene Mutter der Himmelskönigin, von den Bergleuten, ihren Schützlingen, durch Festlichkeiten geehrt.

Eine der schönsten Jagdfreuden beginnt im Suli, eine Jagdart jedoch, die viel Erfahrung und Kunstfertigkeit fordert: dasBlatten" deheim­lichen" Böcke, die in der zweiten Hälfte des Mo­nats in die Brunft treten. Früher ist es aber auch schon derrote Bock", der dem Jäger, wenn er über die nötige Ausdauer eines richtigen Weid­mannes verfügt, viele Freuden bietet. Das Hoch­wild tritt erst am nächsten Monat in Die Feistzeit. Hingegen geht nun auch die Jagd auf di« Enten; nach dem Urteile ernster Naturkenner eigentlich noch zu früh, weil jetzt die jungen Enten doch noch nicht genug entwickelt sind. Jedenfalls fällten sie, wie auch die führenden Mutterenten, geschont wer­den. Auch Bekassinen, die ihre Brut bereits hoch- F gebracht haben, dürfen besagt werden. Nur aus dem Rohr tönt noch Vogelsang, die übr.gen Sän­ger verstummen allmählich ganz. Umso dankbarer ist der Naturfreund, wenn noch irgendwo Pirol, Nachtigall oder Grasmücke dem Frühling ein letz­tes Abschiedslied nachschicken.

Der Sternhimmel im Juli.

Wenn die Nacht ihre Fittiche über das Land zu senden beginnt, so leuchtet am Westhimmel Venus auf, die am 22. ihre größte östliche Sonnenent­fernung erreicht und sich dann dem Tugesgestirn rasch nähert, so daß sie zu Monatsende bereits ungefähr um 21 Uhr untergeht. Von den Fixsternen steigen im Osten Adler und Schwan empor, darun­ter stehen Pegasus, Andromeda und Perseus. Die Milchstraße zieht durch Adler und Schwan östlich am Polarstern vorbei durch Cepheus zu der im Nordosten stehenden Cassiopeia. Den Südhimmel beherrschen Hercules, Krone und Bootes, fast im Schsidepunkt steht die Leier mit der Hellen Wega.

Südlich vom Hercules finden wir den Schlangen­träger mit der Schlange, den Schützen und im Südwesten dem Skorpion mit seinem roten Haupt­stern Antares. Am Westhimmel stehen der Löwe, die Jungfrau und der Wagen (westlich vom Polar­stern). Von den Planeten ist Merkur wegen Son­nennähe unsichtbar, am 20. ist Konjunktion. Venus ist, wie eingangs erwähnt, Abendstern, Mars steht im Löwen und geht anfangs um etwa 22 Uhr, zu Monatsende schon um 21 Uhr unter. Jupiter geht Mitte des Monats um 23 Uhr auf. Saturn ist zu Monatsanfang etwa bis zwei Uhr morgens, gegen Monatsende etwa bis Mitternacht am Himmel. Der Mond zeigt am 7. Juli das erste Viertel, am 14. ist Vollmond, am 21. letztes Viertel und am 28. Neumond. Die Sonne wandert wieder südwärts, und dementsprechend werden die Tage auch wie­der kürzer. Die Tagesdauer beträgt am 1. Juli 18 Stunden, am Monatsende nur noch 16% Stunden.

Schönes Meiiev in Aussicht?

Es soll mitte Juli bis Ulisse September warm fein!

Wie wir von einem hervorragenden Meteoro­logen hören, dürft« das schlechte Wetter, das im Gegensatz zu Süddeutschland in Norddeutschland jetzt schon seit zwei Monaten anhält, voraussichtlich bald ein Ende finden. Eine längere Wärmeperiode steht bevor. Die Wissenschaft bietet zwar noch keine zuverlässige Handhabe, Wetterprognosen auf längere Zeit zu stellen, aber der Wahrscheinlichkeit nach dürfte, ähnlich wie es früher öfter beobachtet wurde, auf einen falten und regnerischen Vorsommer ein warmer Hochsommer folgen. Etwas weiter in seinen Voraussagungen geht der in den Kreisen der Wissenschaft angesehene Leningrader Meteorologe Prof. Multanewski, der auf Grund besonderer, von ihm angestellter Berechnungen Wetterprognosen auf lange «Ächt stellt. Nach der Meinung dieses Forschers soll am 15. Juli eine Wärmeperiode beginnen, die sich bis zum 15. September erstrecken wird. Da in der letzten Zeit in Nußland eine ähnliche Witterung wie in Deutschland herrschte, dürften diese Berech-

nungen einen gewissen Anhalt für die Witterungs- ..... *...... ' "' trifft

Verhältnisse in Deutschland geben. Hoffentlich die Voraussage nun zu, daß wir nicht wieder gebens auf besseres Wetter warten.

ver-

Äus dem GevrchtSsaal.

Der Kräulerdoktor aus Amerika.

In Amerika, da hat man es besser, da kann

man

oder konnte man zumindest wenigstens früher nach Herzenslust an der leidenden Menschheit herum- doktern, Getränklein brauen, Mixturen mischen und

heilkräftige Tees en mässe Herstellen und vertreiben, ohne mit dem Gesetze in Konflikt zu geraten. Anders in Deutschland, eine betrübliche Tatsache, die ein durch allerlei Schicksalsschläge nach Hanau ver­schlagener Heilkundiger am eigenen LeÜre verspü­ren muhte. Aus allerhand Kindern der Feld-, Wiesen- und Waldflora hatte dieser verkannte Wohl­täter der leidenden Menschheit ein Tee gemischt, der je nach Zusammensetzung gegen alle möglichen und unmöglichen Krankheiten heilkräftig wirken fällte. Damit nicht genug, hatte er an der Tür seines Do­mizils auch noch ein Schild mit der vielleicht doch etwas kühnen BehauptungErfolgreiche Behand­lung chronischer Krankheiten" befestigen lassen. Ueber die Art der Behandlung herrschte Schweigen, der Glauben allein kann ja auch schon selig machen. Weniger schön allerdings erscheint die eigene Mei­nung, die derHeilkundige" von seinen Tees be­sitzt, denn wenn er selbst an deren Heilwirkung zwei­felt, so erscheint das doch ein reichlich starkes Stück und dürfte ihn in bedrohliche Nähe eines gewissen Paragraphen des St. G. B. bringen. Als er seiner­zeit nach Hanau kam, hatte es der Amerikafahrer natürlich nur aus Unkenntnis der in Deutschland gültigen Bestimmungen unterlassen, sein Gewerbe als Heilkundiger bei dem dafür zuständigen Kreis­arzt anzumelden und auch den Bestimmungen über Herstellung und Verkauf von sogenannten Misch­teen zuwidergehandelt, die besagen, daß solche Tees außerhalb der Apotheken nicht verkauft und als Heilmittel zum Verkauf an sich überhaupt nicht her­gestellt werden dürfen. Da Unkenntnis bekanntlich in unseren Landen nicht vor Strafe schützt, war er wegen dieser drei Verstöße in eine polizeiliche Strafe von insgesamt 30 Mark genommen worden, gegen die er gerichtliche Entscheidung beantragte.

Lang und breit erzählte er gestern aus seiner Praxis und gab verschiedene ganz interessante De­tails wieder, ohne allerdings einen anderen Erfolg zu erzielen, als daß das Gericht auf die gleiche Strafe erkannte.

Kleine Ursache große Wirkung.

Die leider nur allzu verbreitete Unsitte vieler Radfahrer, nach Eintritt der Dunkelheit die Orts- und Landstraßen durch Befahren ohne Licht un­sicher zu machen, sollte in ihrer Auswirkung einem jungen Manne aus Großauheim teuer zu stehen kommen. Am 8. April fuhr fraglicher junge Mann mit feinem Bruder um die Mitternachtsstunde durch die Hauptstraße in Großauheim, ohne im Gegensatz zu seinem hinter ihm herfahrenden Bruder sein Rad beleuchtet zu haben, als er zweier Nachtwächter an­sichtig wurde und daraufhin das Tempo verschärfte, um ungeschoren an diesem unverhofften Hindernis vorbeizukommen. Die beiden Beamten hatten den Uebeltäter aber bereits bemerkt und ihm ein Halt geboten, bei welcher Gelegenheit der eine eine Ta­schenlaterne spielen ließ, um sich vorsorgendenfalls der Person des Uebeltreters zu versichern. Die Auf­forderung der Beamten verpuffte im Winde, im vollen Tempo versuchte der bereits erkannte Radler das Weite zu suchen, hatte dabei aber das Macheur, gegen den einen Beamten anzufahren und zu stür­zen. Im Augenblick war der Gestürzte aber wieder auf den Beinen und versetzte dem Beamten einen Stoß gegen die Brust, daß er zu Boden stürzte. Durch die Besonnenheit des Beamten und den Bru­der des rabiaten Burschen kam es zu keiner weiteren Szene, die aber dennoch nicht ausbleiben sollte, als beide nach einer Stunde in einer Wirtschaft, in der die beiden Brüder eingekehrt waren, Feierabend boten. Bei dieser Gelegenheit folgte der Bursche den Beamten auf die Straße und stieß allerhand stark an Drohungen grenzende Beleidigungen gegen sie aus. Wegen dieser Vorkommnisse wurde gestern der rabiate Bursche zu insgesamt 1 Monat Gefäng­nis und 55 Mark Geldstrafe wegen Widerstandes, öffentliche Beleidigung und Uebertretung in zwei Fällen verurteilt und den beleidigten Beamten die einmalige Publikationsbefugnis des Urteils im Hanauer Anzeiger" zugesprochen. Auf eine Frei­heitsstrafe wurde gegen den Angeklagten dessent­wegen erkannt, weil er bereits früher wegen Wider­standes und im vergangenen Jahre dazu noch mit bedingter Strafaussetzung wegen Einüruchsdiob- stahls vorbestraft ist.

Ein unvorsichtiger Motorradfahrer.

Kurven zu nehmen will verstanden sein und man muß sich wirklich wundern, daß bei dem schnellen Tempo, bei dem viele Motorradfahrer in oft völlig unübersichtliche Kurven einbiegen, sich nicht noch mehr Unfälle ereignen. Zu dieser Kategorie von Motorradfahrern zählt scheinbar auch ein junger Student der Rechte aus Groß-Steinheim, der am 23. März gelegentlich der Sperrung des Kleinen Viaduktes an der Steinheimer Landstraße auf dem durch das vordere Hafengelände führenden Um­gehungsweg an der Ecke Westerburg- und Kanthal- strahe einen Unfall dadurch herbeifuhrte, daß er in allzu scharfem Tempo von der Steinheimer Brücke her kommend in di« unübersichtliche Kurve einbog, rechter Hand plötzlich einen beladenen Wagen am Rande der Straße vor sich sah und daraufhin so scharf nach links abbog, daß er infolge des starken Tempos nicht mehr rechtzeitig zu bremsen vermochte und mit einem dort haltenden, auf die Freigabe der Strecke wartenden Motorradfahrer zusammenstieß. Bei dem Zusammenprall wurde der fremde Motor­radfahrer, ein junger Kaufmann aus Ravolzhausen, zu Boden geschleudert und trug Verletzungen an beiden Armen davon, die eine kurze 'Krankenhaus­und längere anderweitige ärztliche Behandlung er­forderten. Die unvorsichtige Fahrweise trug bem sehr selbstbewußt auftretenden Studenten, obwohl er eine große Beredsamkeit aufwandte und jegliche Schuld von sich abzuwälzen versuchte, gestern 50 Mark Geldstrafe ein.

Seine zweite Heimat.

Zur zweiten Heimat ist einem 50jährigen aus Frankfurt gebürtigtenArbeiter" die Landstraße ge­worden, auf der er sich seit etlichen zwanzig Jahren bettelnd und vagabundierend durch die deutschen Gaue zieht. Dauernd kommt er mit dem Gesetze da­bei in Konflikt, keine Maßnahme erweist sich gegen ihn auf die Dauer von Erfolg. So hat er auch unBQBBBBanMmBnMuiiMKaBnBai

Hanau gelegentlich des Lamboyfestes mit seinem Besuche beehrt und sich bettelnd auf der Feststätte berumgetrieben. Drei Wochen Haft und Ueberwei- fung an bie Landespolizeibehörde lautete das Urteil gegen den Unverbesserlichen.

Der handel der Zigeunerin.

In Mittelbuchen wurde eine Zigeunerin, berek gegenwärtiger Aufenthalt unbekannt ist und gegen die in Abwesenheit verhandelt wurde, dabei be­troffen, wie sie mit Kurzwaren von Haus zu Haus ging, ohne den erforderlichen Wandergewerbefchein zu besitzen. 20 Mark Geldstrafe lautete das Urteil, dessen Vollzug mancherlei Schwierigkeiten bereiten dürfte.

Die schlecht gereinigte Straße.

Ein in der Jahnstraße wohnhafter Hausbesitzer hatte einen polizeilichen Strafbefehl über 4 Mark erhalten, weil er nach einem am Tage vorher einge-. tretenem Schneefalle mit unmittelbar darauf ein­setzendem Tauwetter am 22. Februar gegen 2 Uhr nachmittags den Bürgersteig seines Hauses nicht ordnungsgemäß gereinigt haben sollte. Gegen die­sen Strafbefehl hatte der Hausbesitzer Einspruch mit dem Erfolge erhoben, daß die Strafe auf 3 Mk. herabgesetzt wurde. Die Ansicht des Angeklagten, eine restlos gründliche Reinigung sei auf dem chauffierten Bürgersteig eine technische Unmöglich­keit, drang bei Gericht nicht durch, da der als Zeuge vernommene Polizeiwachtmeister bekundete, daß auf dem Bürgersteig lediglich eine Gasse gekehrt worden war, bei dem eingetretenen Tauwetter die Entfer­nung der zu beiden Seiten lagernden Schnee-massen aber zweifellos ohne allzugroße Müheaufwendung hätte erfolgen können.

* Daten für Samstag, 2. Juli. Sonnenaufgang 3.48, Sonnenuntergang 8.19, Mondaufgang 6.54, Monduntergang 22.44 Uhr. 1644: der Kanzelredner Abraham a Santa Clara in Kreenheinstetten geb. (gest. 1709); 1714: der Komponist Christoph Milibald Ritter v. Gluck auf Weidenzwang geb. (gest. 1787); 1724: der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock in Quedlinburg geb. (gest 1803); 1778: der Philosoph Jean Jacques Rousseau in Ermenonville gest. (geb. 1712); 1877: der Dichter Hermann Hesse in Claw geboren.

* Ferienbeginn. Ein Freuden tag ist heute für alle die kleinen und großen Schulmädels und Jungens, beginnt doch die langersehnte, wohlver­diente Ferienzeit. Es schließen sich für lange Wochen die Pforten der Schulen, Ranzen und Düchermappeu fliegen, von einem Jubelschrei begleitet, in die Ecke, ein tiefes Atemholen noch und dann geht es ohne Pflichten und Sorgen hinaus zum fröhlichen Trei­ben in Gottes freie und herrliche Natur. Das graue Kleid des Alltags wird im Geiste abgestreift, in bunte Festgewänder gehüllt ein Vorstoß in das Land all der großen und steinen kindlichen Wünsche unter­nommen. Und jeder feiert auf seine Art seine Ferien, Sport und Spiel, bei Wandern und Reffen, bei süßem Nichtstun und behaglicher Besonnenheit, je­der nach seinem oder seiner Erzeuger Geschmack. Allen aber ist das selige Gefühl zu eigen, wir sind frei, gemeßen nach allen unseren Plagen auch die junge und jüngste Generation kennt bereits, wenigstens nach ihrer kindlichen Anschauung, diese« Begriff tüchtig die goldene Freiheit, die nur all­zubald wieder ein Ende erreicht haben wird.

* Geltendmachung von Altbesihrechken im An­leiheablösung-verfahren. Nach einer Erklärung, die der Vertreter des Reichsfinanzministeriums gelegent­lich der Aufwertungsberatungen im Rechtsausschutz des Reichstags abgegeben hat, wird den Altbesitz- gläubigern von Markanleihen des Reichs noch bis spätestens 31. August die nachträgliche Beantragung von Auslosungsrechten gestattet, wenn der Anleihe­gläubiger nachweist, daß er ohn« sein Verschuld«! die rechtzeitige Anmeldung unterlassen hat. Anträge auf Bewilligung der Nachfrist sind an den Reichs­kommissar für Ablösung der Reichsanleihen alten Besitzes, Berlin, Alte Jakobstraße 117/120, zu richten.

* Mieterjubiläum. Heute sind es 25 Jahre, daß Familie Fr. Meyer im Hause Ph. Kaiser Wwe, Hauptstraße 1 wohnt. Gleichzeitig ist genannte Fa­milie auch 25 Jahre Abonnent desHanauer An­zeiger".

* Freibank-verkauf. Samstag, 2. Juli von vor­mittags 7%10 Uhr Rindfleisch pro Pfund 50 Pfg. Höchstgewicht 6 Pfund.

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Roman von Walter Julius Bloem.

Copyright 1926 by August Scherl G. m. b. H.. Berlin

4. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Das freut ihn, daß Ulla Hammerschlag feine Arbeit kennen lernen will. Ein Mann ist nichts ohne sein Werk! Und wie reizend gefällt ihm dieser pichende Kobold, den er heute erst zum drittenmal iehtl Denn erst am vergangenen Sonntag haben >ie Geschwister Dülkat ihren förmlichen Antritts­besuch auf dem Schälengut gemacht nachdem Herr Dirksen vierzehn Tage zuvor anläßlich einer Säulensprengung, zu welcher er eingeladen wor­den war, in Frau Claudiens Gesellschaft bei den Dülkats erschienen war. So sind die Präliminarien nachbarlicher Freundschaft eröffnet worben. Und inzwischen war Wolf einmal auf Anruf des Herrn Bredebusch zum Schälengut gefahren, weil dort die Zufahrtsstraße, eine sehr steile Ahornallee, neu be­schottert werden sollte. Mit Herrn Bredebusch mußte jeber Mensch mal hier und mal dort geschäftlich zu tun haben es war nur ein Freundschaftsdienst, denn die sechs Lastwagen Schotter mußten um­ständlich im Werk selbst aufgeladen werden. Im übrigen aber gefiel der Kaufmann dem Ingenieur ausnehmend gut wahrscheinlich darum, weil Wolf Dülkat, rheinischen Blutes, ein lustiges Ge­sicht lieber mochte als ein vornehmes . . . Diese Wertschätzung entsprach, wie stets unter starken und gesunden Menschen, durchaus der Gegenseitigkeit.

Mit hämmerndem Motor pustet Ullas Wägel- ^en den Schälenberg hinauf. Das ist ein tannen­bewachsener Basaltregel, der einst aus dem bro-

. en Erdreich gewaltig hervorgestoßen ward. «Seine Ränder und 21 bhänge fallen steil in die Tiefe, nur Tannen, dürres Gras und Schlehdorn wurzeln in dem steinigen Grund. Und endlich, von der Dergwirtschaft aus, wandern die beiden zu Fuß den Schälenberg hinauf auf einem Wald­pfad, der sich sachte hinanschlängelt. Der Nadel­teppich unter den Füßen fängt jeden Schritt. Dort oben sieht Ulla staunend um sich:Ich bin wirklich noch nie hier gewesen, Herr Dülkat! Sie müssen nämlich wissen, bis vor zwei Monaten war ich in einer Pension in der Schweiz und um unser Gut herum liegen so viele Herrlichkeiten, daß ich einst­weilen noch nicht in die Ferne gekommen bin. Jetzt

werde ich wie der Wind hier sein, aber zu Fuß läuft man ja eine halbe Stunde"

Nach Süden hin schon vom Abendhauch über­weht dehnen sich die Berghöhen der böhmischen Grenze, auch dort zerschneiden zwei kegelförmige Basaltberge den weichen Zug der Gebirge. Aber hier, auf dem flachen Gipfel, ist vielleicht das Mär­chen geboren worden: Stamm steht an Stamm, nadeldicht schließt sich das Tannendach über den Häupten und mit glänzenden, von abgestorbenen Aesten bestachelten Rinden träumen die riesigen Fichten des Erzgebirges ins Dunkel hinein. So überwältigend ist dieser Anblick, daß Ulla meint,

gleich werde das Einhorn mit der Fee zwischen den Tannen hervortreten, sachten Schrittes vor­überziehen und verschwinden ' . .

Lassen Sie uns weitergehen!" flüstert Ulla. Ich danke Ihnen, daß Sie mich hierher führten." Das alles wird sie malen und zeichnen müssen.

Und freundlich weichen die Tannen zurück, geben die toid)t frei nach Norden. Dort schmiegt das Schälendorf sich in die Taltiefe: Herdrauch steigt abendlich aus dep Schornsteinen der niedrigen Fachwerkhäuser, und aus den Dächern hebt sich der vierkantige Zwiebelkirchturm der unechten Barock­kirche. Dann gleitet das Land noch tiefer sanft hin­ein in den Talbogen, drunten durchschnitten von einem kleinen, weidenbuschumsäumten Strom. Das ist die Egger. Neben ihr her laufen die blinkenden Schienenstränge der Eisenbahn. Und über dem Erd- gewoge der Felder träufelt sich weit in der Ferne ein Hügelhorizont, der wie ein Rahmen das Schä­lental umfaßt. Dort liegt Chemnitz weit hinter den Sergen der Rauch von tausend Schlöten weht in den Himmel, eine graubraune Fahne.

Ulla Hammerschlag schaut zu den Gebirgen hin­über, die unwirklich klar dem Himmelsgewölbe zu Trägern dienen: das ruht auf blassem Rande, das hebt sich über den beiden Wanderern zu einem tiefen, flimmernden Farbenjubel. Weiße, zerrissene Schwammwölkchen segeln droben eilig dahin in den Westen hinein, damit sie noch rechtzeitig in den Pupur der untergehenden Sonne hineintauchen.

Und wie der Ingenieur mit seiner kleinen Ge­fährtin einherschreitet, brausen hunderfftimmige Arbeitsgeräusche in der Luft. Auf diesen Augen­blick hat Wolf Dülkat gewartet! Den gleichen Weg führte er jüngst Herrn Dirksen, doch der Fabrikant ,..,~.. ...... ,...,......^,^, WUH|eil __

merkte nicht viel von dem Schauspiel, das ihm dar-1 Schotterwerk ganz am Ende der Säulenwand, geboten wurde. Nun lauert Wolf Dülkat darauf, wie 1Das gibt es?" flüsterte Ulla Hcunmerschlag und

Ulla Hammerschlag das Bild seiner herrlichen Arbeit erfassen wird.

Plötzlich, als sei der Vorhang einer großartigen Szenerie hinweggezogen worben, stehen sie vor der auf fast einen Kilometer Breue aufgerissenen Basaltflanke des Schälenbergs: unter dem tannen­gezackten Gipfel läuft die Wand Les ungeheuren Steinbruches in gerader Linie dahin: in der Sonne leuchtet der Stein in einem stumpfen Braun und in einem brennenden Rostrot.

Wolf Dülkat erklärt dem Mädchen, daß ber Basalt ein Lavagestein ist, ein gewaltiges Kristall­iebilde, das aus dem flüssigen Zustand in sechs- antiger, kerzengrader Säulenform erstarrte.Dort ehen Sie Stamm um Stamm, wie Orgelpfeifen. Das steht hier nun fugendicht im Bergschöß, Säule an Säule, durch die Millionen Jahre. Kein Licht, kein Ton nur Tropfen für Tropfen das Rieseln ber Bergnässe vom Gipfel in den Grund. Darum ist der Stein außen so verrostet."

Ulla Hanimerschlag steht fassungslos ergriffen, rundum gleitet ihr Blick.

Unter dem Säulenfuß läuft ein steiler Schutt- hang dahin, mit den Trümmern des zersprengten Berges regellos bedeckt. Alles wächst hier ins Rie­sige, Natur und Technik vereinigen sich, Schönheit und Gewalt klingen zusammen. Dec oberste Rand des Hanges besteht aus dunkelrotem Ton. darunter zieht sich eine lange, auf- und mederwogende Schicht aus schneeweißem Ton. Silbergrau und tiefschwarz, mit verrosteten Rändern, starrt das Gewirr ge­sprengter Blöcke und zerborstener Basaltsäulen. Und wo der Schutthang auf der geebneten Abraum­sohle aufsitzt, blitzt eine hohe, gelbe Kiesschicht ganz rein und gelb im Sonnenschein.

Ich träume" murmelt Ulla.

Und das ist alles nur für das Auge! Arbeiter mit wetterzerfressenen Gesichtern, harte Geiellen, klettern wie Zwerge auf den Blöcken herum, die dreimal so hoch und zehnmal so lang sind wie die Menschen. Dort, da und hier frißt sich eine Bohr­maschine in den spröden Stein, das gläserne, klin­gende Surren der Bohrer läuft an der hohen Säu­lenwand entlang, verfängt sich in den Winkeln und Kanten der Orgelpfeifen und mischt sich ins trockene Geklapper der Hämmer, die, von Menschenhand ge­führt, die gesprengten Blöcke zerkleinern. Dazwi­schen tönt fernher ein dumpfes Brausen vom

hängt sich ein wenig an Wolfs Arm, betäuot und verschüchtert von dem Lärm und von den tausend Farben, die ihr geschultes Auge wie einen stummen Choral empfindet.Nun erst kann ich verstehen, warum Sie hier aushalten können."

Der Ingenieur streicht sich die breite, heutige Stirn, über der das blonde Haar in ü'chtem Ansatz beginnt.Ich bin nicht hier, um das da zu ver­walten da setz' ich mir denn doch größere Auf­gaben! Seit Februar bringe ich diesen Betrieb, der in Kriegs- und Nachkriegszeiten heruntergewirt- schaftet worden ist, wieder technisch auf die Höhe. Mein Vater erwarb ihn vor 25 Jahren, wie er viele Steinbrüche und Schwertspatgruben kaufte und ausbaute; daran ist er reich geworden und hat seinem Herzen folgen können, das ihn zur Ma­schinenindustrie wies. Er ist jetzt Mitbesitzer »iner riesigen Turbinenfabrik in Württemberg. Die mei­sten Bergwerke, die er besaß, hat er verkauft. Auch dieses hier dient ihm als Sicherheit die er aus den Händen geben kann, wenn er Geld braucht. Ich habe neue Maschinen angeschafft, der Betrieb mechanisiert sich, Elektrizität wirb hergeleitet; größere Schotteranlagen werden erbaut. Und ehe ein Monat vorüber ist, wird das Busaltwerk mit dreifacher Leistung arbeiten, ohne daß idj die Zahl der Arbeiter erhöht habe. Dann ist meine Aufgabe hier im wesentlichen beendet."

Oh so bald schon?" stößt Ulla hervor, mit einem kleinen Erschrecken und errötet.

Das beglückt ihn diese ungewollte Huldigung, die ihr lieblich und verräterisch in die Wangen steigt, sie tut wohl.Ich sagte im wesentlichen! Bis bet neue Betrieb sich eingespielt hat, weiden viele Monate vergehen. Und unter uns: hier sind mir noch allerlei Verbesserungen an den Maschinen ein­gefallen, und in meinem Schreibtisch liegen viele Entwürfe, die durchdacht, ausgeführl und auspro­biert werden müssen. Meine neuen Bajaltbrecher und Schotterstampfen hab' ich von Herrn Dirksen daher stammt ja unsere Bekanntschaft und vielleicht wird sich eine fernere Zusammenarbeit mit ihm ermöglichen. Jedenfalls werde ich nicht vor dem Winter hier fertig sein."

Das ist schön! Denn erst im Herbst geh' ich noch München auf die Akademie."

«Fortsetzung folgt).

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