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ID. 159

DomterStas

1923

de« SO. Sttui

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Dr. Stresemanns -robelmrets-Aede.

Dev deutsGe Meg vom Gbaos zuv DoSSssemeruLchaft, dev Mes dev Dölkev

Oslo. 29. Juni. Heute vormittag erschien König Haakon ohne vorherige Anmeldung im Grand- Hotel in Begleitung seines Hofmarschalls, um dem Reichsaußenminister einen persönlichen Besuch ab- auftatten. Der König verweilte längere Zeit im Besprach mit Stresemann.

Kurz vor 2 Uhr begab sich Reichsaußenmimster Dr. Str eseman mit Gattin und Gefolge zur Universität, warm begrüßt vom zahlreichen Publi­kum. In der Aula der Universität, wo Dr. Strese­mann seine Nobelpreâsrode hielt, hatte sich zahl­reiches Auditorium mit dem König an der Spitze eingefunden.

Der Reichsaußenminister gab zunächst seinem Dank für die Verleihung des Nobelpreises Aus­druck und sprach dann in etwa einstündiger Rede über folgende Gedankengänge:

Diese Auszeichnung g\lt nicht theoretischer For­schung, sondern praktischer Politik. Sie bildet eine Einheit in Bezug auf die Politik anderer Länder, die denselben Weg gegangen sind. Somit gilt sie auch für Deutschland' nicht einer einzelnen Persön­lichkeit. Allerdings möchte ich das Wirken einer ein­zelnen Persönlichkeit nicht unterschätzen. Wenn es sich um große Ideen handelt, braucht der einzelne die Unterstützung feister Nation. Gerade in Deutsch­land ist teilweise ein harter Kampf um die deutsche Außenpolitik geführt worden. Deshalb bin ich viel­leicht am ehesten in der Lage,

die Frage der geistigen Verfassung des heutigen Deutschland

I zu beantworten. Das alte Deutschland ist vielfach ,. nach Äußerlichkeiten beurteilt worden. Altes unb Neues rang in ihm nach Gestaltung. Wie das Kind feinen Vater ehrt, auch wenn es Schwächen und Fehler an ihm wahrnimmt, so wird ein Deutscher, der das alte Deutschland miterlebt hat, das Land, das ihm ein Sinnbild der Größe war, nicht gering achten. Ebenso wie von denjenigen, die im alten Deutschland lebten und webten, die Anerkennung für das große und Verehrungswürdige des neuen Deutschland verlangt wird. Der Gedanke des Stif­ters des Nobelpreises war, den von ihm mit geni­alem Erfinderblick entfesselten Naturkräften die bän­digende Macht des Menschengeistes entgegen zu setzen. Daß die heutige Entwicklung des deutschen Volkes sich in dieser Richtung bewegt, ergibt sich daraus, daß die deutsche Verftändigungs- und Frie­denspolitik nicht möglich gewesen wäre, wenn sie nicht einem tiefen Sehnen der deutschen Volks­seele entsprochen hätte. Dabei kreuzen sich die Ideen des nationalen und internationalen Zu- , sammenwirksns. Wer das Höchste in sich entwickelt, vas die Blutströme des eigenen Volkes ihm geben, »er wird über das feinem Volke Eigene die große Linie des allgemeinen Empfindens so fühlen, daß ruf dem erdgewachsenen Boden seiner Anschauung das große Menschliche die Wölbung über dem Dom des vaterländischen Empfindens steht. Man muß, wie Herriot kürzlich in Frankfurt a. M. aus­führte, national empfinden, um national wirken zu können.

Dem deutschen Volke ist es nach dem militärischen Zusammenbruch nicht leicht gemacht worden, die nationale Idee in diesem Sinne zu verstehen und auf dem Lege zum Frieden mit führend zu sein. Der schwerste Verlust zlag nicht in den ver­lorenen Gebieten. Kolonien und Vermögen, sondern darin, daß die Mittelschicht, die früher die beste Trägerin des Sfaatsgebantens ge- mefen war, völlig verarmte und proletarisierl wurde.

Getreten und gebemütigt wandte sich die geistige Bewegung dieser Schicht in scharfer Kritik gegen ungerechtfertigte Angriffe von außen und betonte um so mehr die Erhaltung des Traditionellen im Innern.

Die Nachkriegszeit brachte für Deutschland wei- hf n Ruhrkriege. Noch einmal brauste das Gesicht auf. Aber es begann zu differenzieren zwischen denen, die den Kampf wollten und denen die eine rechtliche Basis schon âmals nicht für ae- geben hielten. Dann kam die Konferenz in London über den Dawesplan. Dos verwunderte Volk sah zum ersten Male seine Vertreter nicht als Objekt, sondern an einem Tische mit den Der- tretern einst feindlicher Nationen. Es vernahm aus Herriots Munde die Zusicherung der Ruhrräu- mung. Es war Briand, der dieses Wort Herriots mnlöste. Es kam mit der deutschen Initiative des Memorandums vom 9. Februar 1925.

die Eröffnung der Politik von Locarno.

Es wäre eine Unwahrheit zu sagen, daß diese Poli­tik freudiger und herzlicher Zustimmung begegnete. Sie begegnete Mißtrauen auf der Gegenseite, Miß­deutung im Innerrt. Dann kam nach einem Wech­sel zwischen Mißtrauen und Ver­trauen die Verständigung über die Verträge. Dann kamen falsche Taktik und falsche Empfindlich­keit, die noch einmal im Jahre 1926 Deutschlands Eintritt in* den Völkerbund unmöglich machten. Schließlich kam im Dezember 1926 jener Eintritt Deutschlands in den Völkerbund bei dem Herr Briand in ein»» Rede davon loraâ. daß die Zeit

vom MeiLövies «ach Loeavno.

der Kanonen und Mitrailleusen vorbei sein müsse, und in der er die Worte sprach, die über diesem Jahrhundert stehen sollten, daß die beiden großen Völker, Deutsche und Franzosen, die so viel Lor­beeren auf dem Schlachtfelde in gegenseitigem Kampfe errungen hätten, daß sie in Zukunft ge. sehen werden möchten im Wettbewerb um die großen idealen Ziele der Menschheit. Wer diese Stunde in Genf erlebt hat, der wird sie niemals vergessen.

Die Zeiten, die seitdem gekommen sind, waren ein auf und ab, sie zeigten Wellenberg und tiefe Täler, sie zeigten keimendes vertrauen. Sie zeigten gegenwärtig mehr eine Krise des Vertrauens in die ganze Entwickelung des Friedens als eine einmütige Bejahung von allen Völkern der Erde, und so kann heute gesagt werden, und die letzten Reichstagsoer­handlungen haben es bewiesen, daß in dem Sehnen nach der Verständigung die überwäl­tigende Mehrheit des deutschen Volkes sich einig ist.

Wenn ein Volk, dessen Umschichtung so gewaltig war wie die des unfrigen, des Bolschewismus nach rechts und links Herr geworden ist, so zeigt dies zunächst den Sieg des Realpolitischen über das Imaginäre und über den Jllufsiomsmus. Im neuen Deutschland hat die Arbeiterklasse, gleichgültig welche politische Vertretung sie sich gab, sich fest an das Reich und an den Staat gebunden. Keine Aen- derung der Parteikonstellation kann an dem Ge­samtwillen, keine Schicht auszuschließen von der Mitarbeit und Verantwortung an dem Staat, irgendetwas ändern. Das schuf die Grundlage eben­so zur Kosolidierung wie zur Erhaltung der Reichs- einhsit und die Heranziehung derjenigen, die einst in alten Zeiten den Staat regierten. Es folgte die Heranziehung der Schichten, die da glaubten, den neuen Staat, die neue Staatsreform ab- lehnen zu müssen. Tagesereignisse und Tagespolitik ändern nichts an der geschichtlichen Tatsache, daß alle Parteien heute im neuen Deutschland mitar­beiten. Schließlich siegte über alle Verschiedenheiten der Anschauung doch der Gedanke, daß alle Hände notwendig waren zum Aufbau, und daß die Söhne und Enkel, die einst zurückblicken werden auf diese Zeit, die Palme der Anerkennung denen reichen, die in dieser schweren Zeit nicht beiseite standen, sondern Hand mit anlegten, um das zusammen­gestürzte Haus wieder aufzubauen.

Gegenüber der Idee: alles oder neues Deutsch­land scheint sich die Synthese der Verbindung des Alten mit dem Neuen durchzusetzen, diese Synthese, die das deutsche Volk verkörpert in der Persönlichkeit seines Reichspräsidenten.

Er war dem Manne gefolgt,' der, hervorgegangen aus den Kreisen der alten grundsätzlichen Oppo­sition, als erster Präsident des Deutschen Reiches mit großem Takt, mit politischer Weisheit und mit starker Vaterlandsliebe den Weg vom drohenden Chaos zur Konstitution, von der Konstitution zum Wiederaufbau geebnet hat. In dem vom Volk ge­wählten Reichspräsidenten v. Hindenburg sieht das deutsche Volk die Persönlichkeit, die, auf- gewachsen in den Traditionen des alten Kaiser- reichs, die Pflichten gegenüber der jungen Republik in schwerster und das Herz am meisten angreifen­der Zeit erfüllte. In seiner Persönlichkeit und in seinem Wirken ist die Idee, der Volksgemeinschaft verkörpert.

Mit dem Deutschland, das heute ist, hat nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft zu rechnen.

Man hält diesem Deutschland vor, daß sich in ihm Hunderttausenoe zusammenfinden in Organisationen, die von Frontsoldatentum sprechen, von Frontgeist und ähnlichen Dingen. Aber sollte das psychologisch anders sein? Ist es nicht eine Freude für Herrn Briand, wenn die ancien combattant ihn zu sich rufen? In einer Rede vor den ancien combattant aus dem Orient hat Herr Briand gesagt, daß einer der glücklichsten Momente seines Lebens der war, wo er die Nachricht erhielt, daß Verdun von den

»en nicht erobert würde. Warum will man es rutschen verdenken, daß er ebenso zu dem glücklichsten Augenblick seines Lebens die Stunde zählt, in der ihm Kunde ward von der Schlacht bei Tannenberg, von der Bewahrung deutschen Bodens vor dem Ansturm der Gegner? Ich wende mich an Herrn Briand selbst, der von der Erinnerung sprach an die großen Taten beider Völker im Ringen gegeneinander, in mächtigen Zeiten der Vergangen­heit. Ich bin so sicher wie er, daß gerade diejenigen, die an der Front den Weltkrieg erlebt haben in all seiner Größe und all seinem Grauen, die Träger einer neuen Zukunft des Friedens fein werden. Europa wurde zerstampft durch den Krieg wie kaum ein anderer Erdteil. Warum sollte nicht bei uns, die wir von allen Mächten am meisten unter dem Krieg gelitten haben, der Drang nach Frieden am größten sein. Die Einleitung der Politik von Locarno war ein Wendepunkt in der Entwicklung

der europäischen Nachkriegszeit. Es ist irrig zu glau­ben, dich die deutsche Oeffentlichkeit das Problem

nur unter dem Gesichtspunkt der Auswirkung für*

Dertschland allein anficht. Locarno bedeutet viel mehr. Es ist einmal der Zustand des dauernden Friedens am Rhein gewährleistet durch den feierlichen Der- zicht der beiden großen Nachbarnationen auf An- wendung von Gewalt, gewährleistet durch die Ver­pflichtung anderer Mächte, demjenigen Hilfe zu leisten- der entgegen dieser feierlichen Vereinbarung das Opfer der Gewalt wird. Das ist die Treugadei, der Gottesfrieden, der dort herrschen soll. Er kann und soll weiter die Unterlage sein für ein Zu- sammenwirken dieser Mächte, um Frieden zu Der­breiten, wohin immer ihre moralische und materielle Macht und ihr Einfluß reicht. Für diesen Gedanken steht heute die gewaltige Mehrheit des deutschen Volkes ein.

Aber mit diesem Gedanken wäre es nicht ver­einbar, wenn auf dem Boden eines Landes, das als unterlegenes Land der Revanche ab­schwört und dein Frieden sich widmet auf Jahre hinaus fremde Bajonette stehen sollen. Die Poli­tik von Locarno ist unvereinbar mit der Politik der Gewalt, mit der Politik der Unterdrückung. Sie ist die Politik der Verstän­digung, die Politik des freien Willens, sie ist die Politik des Glaubens an eine neue Aera, an eine neue Zukunft.

Verstehe ich Sie recht, bann war es Ihr Volk, das in mehr als hundertjährigem Frieden lebend, diese Idee bekräftigen wollte durch die Entscheidung des Nobelkomitees, das den Männern von Locarno den Preis zuerkannt für ihr Streben. Ich freue mich, in der Hauptstadt Ihres Landes heute den Dank aussprechen zu dürfen für diese Ehrung. Ich ver­binde mit diesem Dank die Hoffnung, daß die Idee, die Ihrer Ehrung zugrunde lag, Gemeingut werden möchte der ringenden Nationen der Gegen­wart, auf daß, wenn dieses Ziel erreicht wird, das Wort wahr werden möge, das der große Deutsche, der am meisten über das Volk hinauswirkte, einst aussprach: Wir bekennen uns zu dem Geschlecht, das qus dem Dunkel ins Helle strebt.

Nachdem Reichsminister Dr. Stresemann seine Rede beendet hatte, wurde ihm lebhafter Beifall gespendet, der sich immer wiederholte und kaum ein Ende nehmen mollte. Prof. Stang sprach dem Redner nochmals den Dank der Versammlung aus, und der König beglückwünschte Dr. Stresemann. Die zahlreichen Zuschauer, die vor der Universität versammelt waren, brachten Dr. Stresemann, als er in sein Auto stieg, um zum Hotel zurückzukehren, warme Kundgebungen dar.

SovlSuKse Grrrksuns mH SvanSveksd.

Neues vorläufiges Abkommen noch vor dem 15. Juli

Paris, 29. Juni. Die deutschen und die französi­schen Handelsvertragsdelegierten geben gemeinsam folgendes Communiquè heraus:Die vorläufigen Abkommen über den Warenverkehr zwischen Deutschland und Frankreich und zwischen dem Saar, gebiet und dem deutschen Zollgebiet laufen am 30. Juni 1927 mitternachts ab. Trotz wiederholter Vor­stellungen der französischen Regierung hat die deutsche Regierung dieser zu ihrem Bedauern mit- teilen müssen, daß sie sich aus technischen Gründen außerstande gesehen hätte, der unveränderten Ver­längerung dieser Abkommen zuzustimmen. Die bei­den Delegationen haben aber in den heutigen Ver­handlungen mit Befriedigung ihr gegenseitiges Ein- Verständnis übet die Verhandlungen über ein neues auf breiterer Grundlage als bisher abzuschließendes vorläufiges Handelsabkommen festgestellt, das sie vor dem 15. Juli 1927 abzuschließen und ihren beiderseitigen Parlamenten vorzulegen hoffen. In dem Wunsch, in dem Warenaustausch zwischen dem Saargebiet und dem deutschen Zollgebiet keine Störung eintreten zu lassen, haben sie sich entschlossen, sobald wie irgend möglich eine Verlängerung der Saarabkommen vom 5. August und 6. November 1926 vorzunehmen. Für den Fall., daß das in Der- Handlung befindliche Handelsabkommen nicht zum 31. Juli abgeschlossen sein sollte, wird Frankreich die Möglichkeit erhalten, zu diesem oder zu jenem spä­teren Tage diese Abkommen zu kündigen, die dann am Ende des folgenden Monats außer Kraft treten sollen.*

Das Seeliwee Zentrum für . Dr. Wirth.

Berlin, 29. Juni. Eine gestern abend abgehal­tene Versammlung her Delegierten der Berliner Zentrumspartei nahm nach einem Aortrag von Dr. Wirth folgende Entschließung an:

Die am 29. Juni in den Kammersälen zahlreich versammelten Delegierten und Vertrauensleute des Provinzialverbandes Berlin drücken Herrn Reichs­kanzler a. D. Dr. Wirth ihr Vertrauen aus. Sie bitten Herrn Dr. Wirth, sein mutiges Wirken für die soziale Republik unbeirrt fortzusetzen. Die Berliner Zentrumsfreunde versprechen Herrn Dr. Wirth in seinem Kampf für die soziale ReMblik ihre Unterstützung.

MekmmssvovschiedeuhM in dev Süvstenfvage.

Zu den unerledigten aber dirngenden Proble« men der gegenwärtigen Reichstagstagung ge­hört die Streitfrage, ob das heute ablaufende Sperrgefetz gegen Fürftenorozeffe verlängert werden soll oder nicht. tim Rechtsausschuß des Reichstages ist diese Frage am Mittwoch von einer Mehrheit bejaht worden und es ist dabei innerhalb der Regierungskoalition eine Meinungsdifferenz zutage getreten, die immer- hin zu denken gibt, wenn sie auch zu weiteren Folgen kaum führen wird.

Das Sperrgefetz verbietet die Beschreitung des Prozeßweges zu dem Zwecke von E« mögensrechtlichen Auseinandersetzungen zwi­schen den Ländern und den Fürstenhäusern. Es ist seinerzeit beschlossen worden, weil man die Vermögensstreitigkeiten zwischen Ländern und Fürstenhäusern durch Vergleiche aus der Welt schaffen und die Vergleichsoerhandlungen nicht durch Prozesse stören wollte. In den meisten Ländern, namentlich in dem wichtigsten Lande Preußen, ist es inzwischen zu einem Vergleich gekommen. Wie Staatssekret« Zweigert gestern im Rechtsausschuß mitgeteill hat, ist die Abfindungsangelegenheit nur noch in vier ehemaligen thüringischen Staaten (Altenburg, Coburg, Schwarzburg und Gotha), in Lippe-Detmold und in den beiden Mecklen­burg, Schwerin und Strelitz unerledigt. Es sind aber überall durch Vermittlung des Reichsinnenministeriums Vergleichsverh lungen angebahnt und es liegen Angebote â denen gegenüber die Länder sich mcht ableh­nend verhalten. Da zudem die Fürstenhauler sich bindend verpflichtet haben, bis zum 1.

zember dieses Jahres keine Prozesie zu führen« so ist die Regierung der Ansicht, daß man auf eine Verlängerung des Sperrgesetzes verzichten kann. Was die Entschädigung der Standes­herren betrifft, so kommt nach chrer Ansicht hier nur eine schiedsgerichtliche Erledigung A Frage- Als Schiedsgericht soll nach einem Vorschlag der Regierung ein Senat des Reichs« gerichtes eingesetzt werden, der nicht nur nach Rechtsgrundsätzen, sondern auch nach Billig­keitsgründen und wirtschaftlichen Rücksichten seine Entscheidungen treffen kann.

Eine Mehrheit des Rechtsausschufses hat sich gestern gegendisAuffassungder Regierung entschieden. Sie hat be­schlossen, das Sperrgesetz bis zum 31. Dezember dieses Jahres zu verlängern. Soweit die noch schwebenden Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Län­dern mit den Fürstenhäusern in Frage kom­men, hat der Beschluß praktisch keine wesent­lichen Folgen, da die Fürstenhäuser sich sowieso verpflichtet haben, bis zum 1. Dezember keine Prozeße zu führen. Etwas anders verhütt es sich schon mit den Standesherren. Hier ist bei einer Verlängerung des Sperrgesetzes natür- lich auch das schiedsgerichtliche Verfahren aus­geschlossen. An seine Stelle soll nach Ansicht der preußischen Regierung eine reichsgesetzliche Regelung treten, die die Ansprüche der Stan­desherren wegen ihrer teilweise recht ehrwür­digen Vergangenheit für erledigt erklärt oder doch nur durch eine recht mäßige Entschädigung abfindet. Auch hier wird die praktische Aus­wirkung des Beschlusses nicht sehr bedeutend sein, denn man wird schließlich doch zu einem schiedsgerichtlichen Verfahren kommen müssen. Politisch ist es aber doch nicht ganz ohne Be- denken, wenn das Zentrum sich in dieser Frage von der Koalition trennt und mit den Par­teien der Linken gemeinsame Sache macht. Es kehrt sich damit gegen seine eigenen Minister, denn das Reichskabinett ist einmütig der An­sicht, daß man das Sperrgesetz nicht verlängern soll. In der Koalition vertreten die Deutsch­nationalen, die Deutsche Volkspartei und die Bayrische Volkspartei dieselbe Auffassung. Das Sperrgesetz ist ein Eingriff in das geordnete Rechtsverfahren und deshalb nicht mehr exi­stenzberechtigt, sobald es entbehrt werden kann. Entbehrlich aber ist es, da in den noch aus­stehenden Fällen erfolgversprechende Verhand­lungen schweben und die Neigung zu einem Vergleich durch Zwangsmaßnahmen eher ge- schwächt als gestärkt wird. Der Standesherren wegen braucht man es auch nicht aufrecht zu erhalten, wenn man eine Enteignung der standesherrlichen Ansprüche ablehnt und eine schiedsgerichtliche Regelung für das Beste hält. In dieser Auffassung waren sich die Koalitions- Parteien bis auf das Zentrum mit der Regie­rung einig. Noch am Dienstag abend glaubte man bie Zentrumsfraktiou gewinnen M ÖD*