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irscheint täglich mit Ausnahme der Sonn» und Feiertage. / Lezugspreis: Für den halben ilonat 0.1- /für den ganzen Monat RM. 2.- ohne Trägerlohn / Einzelnummer ckO, Freitag iS, ramstag 12 R-Pfg. / Anzeigenpreise: Für 1 mm Höhe im Anzeigenteil von 28 mm Breite R-Pfg.» im Reklameteil von 68 mm Breite 25 R-Pfg. / Osfertengebühr 50 R«pfg.

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Briand plötzlich adgereift

Die AsèStasuus »bue iedss Gvsebuis in de« »deiukaudseaae

Genf, 16. Juni. Auf der deutschen Delegation if die überraschende Mitteilung ein, daß Briand hl in der Lage sei, mit dem Reichsaußenminister . Stresemann die in Aussicht genommene Be- :echung abzuhalten. Briand liest dem Reichsaußen- nister mitteilen, daß er sich genötigt sehe. ) on heule mittag Gens zu verlassen, ltsächlich reiste Briand mit seinem Kabinettschef Ute mittag ab. Auf dem Bahnhof befand sich emand, denn der französische Außenminister hatte rum ersucht, dast seine Abreise so diskret wie aglich von statten gehen könne.

Vor der Abreise Briands teilte sein Arzt Dr. nery mit, daß Briand an einer ernsten Erkran- ng leide. Briands linkes Auge ist ent­lud e 1, und es scheint, daß sich die Entzündung if die Gehirnhaut ausgedehnt hat. Der Außen- inifter wird wohl auf längere Zeit absoluter Ruhe dürfen, und unmittelbar nach seiner Ankunft in

aris von einem Augenspezialisten behandelt wer- m. Es ist noch zu bemerken, daß heute vormittag cf der deutschen Delegation mitgeteilt wurde, riand wünsche nachmittags Dr. Stresemann bei H zu sehen. In der deutschen Delegation war man cher sehr überrascht, da man die plötzliche breife Briänds mit seiner vorherigen Anfrage um m Besuch Stresemanns nicht in Einklang zu brin- m vermochte. Wahrscheinlich ist auf dringendes nraten des Arztes die Nachmittagsbesprechung ;viand-Stresemann abgesagt niorben. Daß heute üne Konferep xinpaktmächte

rdeutet.

nden

Paris, 16. Juni. Außenminister Briand ist heute bend aus Genf kommend hier eingetroffen.

*

Herr Briand ist Hals über Kopf u s Genf abgereist, ohne vorher noch ^eit zu finden, sich von den übrigen Außen- ninistern zu verabschieden. Nach Schilderun­sen, die uns aus Genf zugegangen sind, haben vir Grund, anzunehmen, daß es sich bei ihm atsächlich um eine ziemlich ernste Krankheit handelt und daß er nur einer bringenden War- mng seines Arztes gefolgt ist, weil die Gefahr bestand, daß die Entzündung über dem Auge, die er sich geholt hatte, auf die Hirnhaut über­schlägt. Es handelt sich also nicht um eine diplomatische Krankheit. Auf der anderen Seite ist aber doch wohl kein Zweifel, daß diese Krankheit Herrn Briand sehr gelegen gekom­men ist, um sich einer kaum mehr zu verschie­benden Entscheidung zu entziehen. Seine Ab­reise, die eine verteufelte Aehnlichkeit mit einer Flucht hat, ist der klägliche Ausgang einer auch von Deutschland nur mit sehr geringen Hoff­nungen begleiteten Tagung. Daß aber das Ergebnis ein so mageres sein würde, hat doch bei uns niemand geglaubt; und eben, daß auch diese Besprechung wieder so gut wie negativ verlaufen ist, zwingt doch jetzt Deutschland da­zu, sich einmal die Fra ge vorzulegen, o b wir auf dem Wege, der von Lo- carno über Thoiry nach Genf führte, überhaupt noch weiter­kommen können, oder ob wir jetzt nicht am Scheidewege stehen, der eine vollkommene Umorientie­rung nötig macht. Darüber wird End­gültiges vermutlich erst zu sagen sein, wenn der Außenminister nach Berlin zurückgekehrt ist und in mündlichen Auseinandersetzungen sich die Meinungen geklärt haben. Es mag ja sein, daß er noch etwas in der Tasche hat. Die Wahrscheinlichkeit ist aber doch sehr gering, und gerade jetzt, nachdem durch die Ab reise Briands die Besprechung der Be­satzungsverminderung hinausge - schoben worden ist. Was haben wir schließ­lich davon, wenn Herr Chamberlain die Berech­tigung der deutschen Forderung anerkennt, bei der Tatsache, daß die Erfüllung der in Locarno gegebenen Versprechen nicht gehalten wird? Damit ist uns wenig gedient, so lange die Botschafterkonferenz sich nicht beeilt, jetzt endlich in umfassendem Maße die im November 1925 gegebenen Ver­sprechungen zu erfüllen und damit den Beweis erbringt, daß es auch der anderen Seite mit der Locarnopolitik ernst ist.

GMsfeMgsmgssr undSrhernSand- ßBÄ^e.

Genf, 16. Juni. Von gut informierter alliierter Seite verlautet, daß über die Kontrolle der zerstörten Ostbefestigungen eine Einigung zwischen den Außen­ministern Englands, Frankreichs und Deutschlands dabin erzielt worden ist, daß diese Kontrolle einem

in des MandassSommiMo«.

neutralen Offizier übertragen werden soll. Die Per­sönlichkeit dieses militärischen Sachverständigen stehe noch nicht endgültig fest, dock soll eine Einic-ung hier­über kurz bevorstehen. In der Frage der Beschrän­kung der Rheiulandtruppen sollen die Verhand­lungen auf diplomatischem Wege nach der Rückkehr der deutschen Delegation von Berlin aus forlgeführl werden. Es handelt fick) lediglich noch um die Zahl der Truppen, um die dre Besatzung herabgesetzt wer­den solle, während über das Prinzip der Verminde­rung der Rheinlandtruppen grundsätzlich völlige Einigung bestehe. Auf deutscher Seile äußert man sich über den Stand der beiden deutschen Haupt­punkteOstbefesiigung und Rheinlandtruppen" vor­erst noch völlig zurückhaltend.

Die Abreise Briands hat das Programm des heu­tigen Nachmittags plötzlich über den Haufen ge­worfen, denn für den Nachmittag war in Fort­setzung der gestrigen Sechsmächtekonferenz eine Besprechung der Außenminister der Besatzungs­mächte, also Englands, Frankreichs und Belgiens, angesetzt, die sich in der Hauptsache mit der Frage der Truppènoerminderung im Rheinland befassen sollte. Diese Konferenz kommt nun nicht zustande, und die schon heute morgen in richtiger Voraussicht des Kommenden in alliierten Kreisen verbreitete Version, daß die Verhandlungen über die aus dem Rheinland zurückzuziehenden Truppen auf den diplomatischen Weg verwiesen werden würde, dürfte sich bestätigen. Dem gegenüber spielt die aus dem gleichen Lager stammende Information, daß man sich über das

an- Prinzip bzw. die Rechtmäßigkeit des-deutschen An- spruchK auf Herabsetzung der Rheinlandbesatzung

völlig einig sei, praktisch gar keine Rolle. Denn das Bekenntnis zu früher gegebenen Versprechungen ist.

obwohl leider nach bisherigen Erfahrungen durchaus keine Selbstverständlichkeit, dennoch nichts, auf das man sich etwas zugute tun könnte. Man tut aber dem erkrankten französischen Außenminister gewiß kein Unrecht, wenn man behauptet, daß er über den Verlauf der Dinge heilfroh ist. Briand hat ganz ge­wiß nicht nur eine Augenkrankheit, sondern auch poincaristischen Rheumatismus", der ihn hindert, sich so zu bewegen, wie er dies in Konsequenz der von ihm persönlich angestrebten Verständigungs­politik tun mussten. Die Taktik des französischen Außenministers in Genf war gekennzeichnet durch eine nahezu völlige Passivität.

In der Frage der Nachprüfung der deutschen Ostfestungen Hal man zwar, wie es heißt, ein Kompromiß gefunden, aber dieses Kompromiß geht doch nur auf ein Zugeständnis von Deutsch­land zurück, während in allen übrigen, Deutsch­land berührenden Fragen, die Genfer Ratstagung ohne jedes Ergebnis gewesen ist.

Briand hat es offenbar nicht über sich gewinnen können, ohne den Willen Poincarès und seines An­hangs positive Zusagen zur Erfüllung der Locarno­versprechungen hinsichtlich der Erleichterung des Be­satzungsregimes im Rheinland zu machen.'

Auch die gestrige Sechsmächtekonferenz, in deren Mittelpunkt das Rußlandproblem stand, ist, wie schon das nichtssagende unter allerhand schwierigen Geburtswehen zustande gekommene Kommunique anzeigt, so gut wie ergebnislos verlaufen. Die franzö­sische Taktik lief darauf hinaus, selbst hinsichtlich der allgemeinen Verurteilung der Methoden der kom­munistischen Internationale keine Bindungen einzu­gehen, und in dem Kommunique ist das Wort Sowjet-Rußland" tatsächlich auch mit keiner Silbe erwähnt. Maßgebend war für Briand neben ande­rem die Rücksicht aus das Kabinett Poincarè und die Furcht, auch hier wieder die Betonung der euro­päischen Solidarität mit Zugeständnissen an Deutsch­land in der Rheinlandfrage erkaufen zu müssen.

4$M^ätttt£ Bevèrhi übev dèe MsStwiVLMEsèorrfeSStZz»

Gens, 16. Juni. Die Ratssitzung beschäftigte sich heute vormittag nach der Behandlung der Vor­schläge Nansens mit dem Bericht des Reichs- außenministers über die Weltwirt­schaftskonseren z. Es wurde beschlossen, die von Dr. Stresemann abgegebene Erklärung, deren Inhalt aus dem Kabinettsbeschluß der Berliner Reichsregierung bekannt ist, heute nachmittag in einer englischen und französischen Uebersetzung zur Verlesung zu bringen.

Im einzelnen stellte Stresemann in bezug auf den Handel fest, daß die Weltwirtschaftskon­ferenz das Prinzip proklamiert habe, der inter­nationale Handel müsse von allen künstlichen Schranken und Hindernissen, besonders von zu hohen Zöllen befreit werden. Sie fordert Verein­fachung und Vereinheitlichung der Tarife, größere Stabilität der Zollsätze und Einführung einer ver­besserten Methode für den Abschluß von Handels­verträgen, sowie schließlich den Stufenweisen Ab­bau der Zollasten.Drei Wege führen zu diesem Ziel", so erklärte Dr. Stresemann,das indi­viduelle Vorgehen der Staaten bezüglich ihrer Tarife, das zweiseitige Vorgehen durch Beschluß vernünftiger Handelsverträge und schließlich ge­meinsame internationale Aktionen."

Aus dem Aufgabengebiet der Industrie bob der Minister die Bedeutung internationaler

hob der Minister die

Deutschland eebäH eine« Sch

Itidustrieabkommen hervor. Ebenso stellte er fest, daß für die Erfordernisse der Landwirtschaft wich­tige Empfehlungen gemacht worden sind. Der Völkerbund habe zahlreiche und verschiedenartige Aufgaben durch die Konferenz neu auserlegt be­kommen.Der Rat wird daher zu gegebener Zeit die Frage zu erörtern haben, wie seine Wirt­schaftsorganisation geändert oder ergänzt werden muß, um sich diesen neuen Aufgaben anzupassen."

Dr. Stresemann schlug vor, die Diskus­sion über diese Frage bis zum Sep­tember zu vertagen.Die Empfehlungen der Konferenz", so sagte Dr. Stresemann,sind der Anfang und nicht das Ende der wirklichen Aufgaben."

Reichsaußenminister Dr. Stresemann brachte schließlich folgende Resolution ein:

Der Rat nimmt Kenntnis von dem Bericht der Weltwirtschaftskonferenz.

1. Er spricht herzlichen Dank aus dem Präsi­denten T h e u n i s, den Mitgliedern und Sachver­ständigen, die an der Konferenz teilgenommen haben, wie allen Organisationen und Persönlich­keiten, die an ihrer Vorbereitung gearbeitet haben.

2. Der Rat ist der Ansicht, daß die Konfe­renz ihre Aufgabe vollkommen durch­geführt Hal, die in der Aufstellung von Grund­sätzen und Empfehlungen bestand, die am besten zu einer Verbesserung der Wirtschaftslage der Welt, besonders derjenigen Europas beitragen werden kann, womit zugleich die friedlichen Beziehungen rwischcn den Rationen gestärkt werden.

3. Der Rat lädt daher all« Länder und Regie­rungen ein, diesen Grundsätzen und Empfehlungen ihre größte Aufmerksamkeit und aktive Unter­stützung zu gewähren, die zur Erleichterung ihrer Annahme und Durchführung erforderlich sind.

4. Der Rat behält sich zur Prüfung in seiner nächsten Tagung die Frage der Aenderungen vor, die in Bezug auf die Wirtschaftsorganisation des Völkerbundes im Hinblick auf die Ergebnisse der Konferenz wünschenswert erscheinen könnten, und lädt den Wirtschaftsausschuß ein, in der Zwischenzeit sich in außerordentlicher Tagung zu vereinen, um baldmöglichst in eine vorbereitende Prüfung der Maßnahmen einzutreten, die auf Grund der Ent­schließungen der Wellwirtschaftskonferenz mit bezug auf Zolltarife und besonders auf die verelnheit- lichung der Zollnomenklatur ergriffen werden sollen."

Fritjof Nansens Vortrag über die Lei - dendesarmenischenVolkes füllte fast eine Stunde der heutigen Ratssitzung aus. Nansen ver­langte Siedlungsgebiet für die armenischen Flücht­linge und stellte die Anfrage, ob Geldmittel bewilligt werden könnten. Er erinnerte an seine wiederholte Mahnung, frü das unglückliche Volk endlich eine Aktion ins Werk zu setzen. Dr. Stresemann sprach sich in anerkennenden Worten für Nansens Wirken aus und versprach, bei seiner Rückkehr nach Berlin die Möglichkeit eines Hilfswerks, an dem sich Deutschland beteiligen würde, zu prüfen. Cham­berlain mußte zu seinem Bedauern eine sofortige Unterstützung seitens der britischen Regierung ab­lehnen. Nansens heutige Bemühungen scheiterten hauptsächlich deshalb, weil Chamberlain rund her­aus erklärte, daß keine Geldmittel für die bean­tragte Hilfsaktion aufgebracht werden könnten.

Am WeutsMands SSÄ in dev MandatstzommèMon.

Genf, 16. Juni. Der Rat hat in einer gehei­men Sitzung heute abend beschlossen, die Frage der Ernennung eines deutschen Mitgliedes in der Man­datskommission dieser Kommission, die am 20. Juni Zusammentritt, zur Berücksichtigung zu überweisen. Damit erklärt sich der Rat also selbst mit der Er­nennung eines deutschen Mitgliedes einverstanden, und es ist zu hoffen, daß die Mandatskommission für die Schaffung dieses Postens, der bereits im Budget für 1927 vorgesehen war, eintreten wird.

Paris, 17. Juni. Der Sonderberichterstatter des Petit Parisien" glaubt erklären zu können, daß trotz der Ueberweisung die Zulassung eines deut­schen Vertreters als angenommen angesehen wer­den könne. England, das sich der Zulassung ent­gegengestellt habe, habe seinen Widerstand auf­gegeben. Str es mann kehre also nicht mit leeren Händen nach Berlin zu­rück.

(Das eigentliche Ziel Deutschlands ist darauf ge­richtet, wieder in den Besitz der früheren Kolonien zu gelangen. Der Sitz in der Mandatskommission bedeutet keine Erfüllung dieser Forderung. Wir er­halten dadurch nur das Recht, uns an der Kontrolle zu beteiligen, die der Völkerbund über die Man­datsverwaltung Der früheren deutschen Kolonien ausübt. Aber wir sind unseren Zielen doch um einen Schritt näher gekommen. Wir gewinnen mit unseren früheren Kolonien wieder Fühlung und wir haben bei unserem Kampfe um die Wiedergewin­nung unseres früheren Kolonialbesitzes zunächst ein­mal festen Fuß gefaßt.)

Sn Genf während der Natsiasnns.

In Genf am Quai du Mont-Blanc steht dicht am Landungssteg ein kleines Holzh arischen, in Dem, auf einem großen Tisch ausgebreitet, eine Riesen- karte Europas zu sehen ist. Sie zeigt tn anschau­licher Weise die Zollschranken Europas, die in der Tat wie regelrechte Mauern an Stelle der Grenz­striche um jedes Land ausgeführt sind. Die russische Mauer'ist die höchste und ist mit lauter Frage­zeichen bemalt Das Holzhäuschen mit der Zoll- schranken-Kaste steht hier seit der Weltwirtschafts- Konferenz, und am Eingang ist in drei Sprachen zu lesen:Eintritt frei!"

Nun muß gesagt wrden, daß die Genfer ane wahre Vorliebe für alles haben, was kostenlos ver­abfolgt wird. Daher erfreut sich das Zollfchranken- Panoptikum eines überaus regen Verkehrs. In Massen strömen die Leute hinein. Wenn ihnen auch sonst dieZollschranken Europas" gänzlich schnuppe sind, drängen sie sich doch täglich zu Hunderten vor dieser Schaubude und erzählen dann mit Grauen, wie's doch schlimm in der Welt wegen dieser hohen Zölle wäre, und daß alles Uebel nur daher käme.

Die guten Genfer brauchen aber nur ihren lieben Quai entlang einige Schritte weiter zu gehen und sie kämen bald an einer anderenSchaubude an, die sie leicht belehren würde, daß es im bösen Europa nicht nur finstre Zollschranken und andere Schattenseiten, sondern auch so manche Lichtung der friedlichen Verständigung gibt: In dieser Schaubude am anderen Ende des Quais gibt es ebenfalls aller­hand zu sehen. Wobei diese Sehensmöglichkeit noch durch den Umstand sehr erleichtert wird, daß dieser Bau nicht, wie das Zollschranken-Häuschen, aus genagelten, grauen Hölzern, sondern aus lauter leichtem, durchsichtigem Glas hergestellt ist.

Wer kennt es nicht das Glashaus am Genfer See? Da ist heute wieder großer Rummel los. Das Volk staut sich am Eingang, am Quai, und hebt sich auf die Zehenspitzen, um zu erspähen, was in der Glasveranda eigentlich vor sich geht. Ach, nichts Besonderes: nur von 10 europäischen Staaten sind die Außenminister zusammengekommen trotz Zoll- und anderen Schranken und sind so neben­bei damit beschäftigt, den Frieden in Europa zu festigen!

Mitten im Glashause steht ebenfalls ein großer Tisch. Nur, daß aus diesem Tische keine Karte Europas ausgebreitet ist und man keineSchran­ken" sieht. Dafür legen sich aber von Zeit zu Zeit eine gewichtige rechte und linke Hände auf das grüne Tuch der Konferenztafel, und jede dieser Hände stellt ein Stück Europa dar mit Städten, Flüssen und Menschen und allen Zollmauern gar.

Da liegt zum Beispiel eine schmale, feinknochige Hand, die nervös eine dünne, französische Regieziga­rette zerdrückt und dann wieder müde vom Tische gleitet. Sie hebt sich langsam, streicht über einen stark ergrauten, unordentlichen Haarschopf und nun wird man das Gesicht gewahr es gehört dem Monsieur Aristide Briand, dem Außenminister der französischen Republik, dessen nervöse Hand den­noch genau weiß, was sie will. Eine andere Rechte, nicht minder fein, spielt gelassen mit einem goldum­ränderten Monokel, ordnet allerhand Papiere, er­greift dann eine Brille und setzt sie auf, auf die edle Nase des Sehr Ehrenwerten Sir Austen Chamberlain, Seiner Britischen Majestät ersten Sekretärs für auswärtige Angelegenheiten. Eine dritte Hand zeigt etwas festere Formen, hat einen bedächtigeren Griff, hält bald eine gute Zigarre, bald einen dicken Rotstift umklammert, und wenn sie gelegentlich einen Aktendeckel nach rückwärts einem jungen, wohlbeleibten Manne zuschiebt und man diesen ansieht, so wird man gewahr, daß der Wohlbeleibte der Sekretär des Herrn Dr. Gustav Stresemann ist.

Des Herrn Benesch kleine, schmächtige Finger trommeln und zappeln unruhig auf dem grünen Tuch herum. Des Herrn Vandervelde gelenkige Hände, diè sonst auch gefüllte Poularden und ge= trüffelte Hummern geschickt zu tranchieren wissen, hantieren heute an einem monströsen Höhrrohr her­um. Und des Herrn polnischen Außenministers Linke macht sich durch einen prächtigen Siegelring mit neunzackiger Krone bemerkbar, da doch die meisten Polen Grafen sind und es auch am Völker­bundstische nicht anders anginge.

So sind die Hände der europäischen Außen­minister! Feingegliederte Hände, fest zugreifende Hände. Ach, wenn sie sich ineinander schließen und sich lange tn Frieden festhalten wollten!

Ja, richtig. Eine habe ich noch vergessen: die­jenige des Diktators von Litauen, Woldemaras. Es ist eine sehr kleine, aber energische Diktatorenhand. Ich habe Gelegenheit, ihren mannhaften Zugriff zu spüren, denn sie wird mir freundschaftlich ent- aegengestreckt und gemeinsam mit demlitauischen Mussolini" (der selbst, ebenso wie seine Rechte, eine Vereinigung von Energie, Festigkeit und Ent­schlossenheit in einem winzig kleinen Körper zeigt) verlassen mir für Augenblicke das geschäftliche Glas­haus und gehen im Park des Völkerbund Palastes auf und nieder in russischer Sprache über dies und jenes Zwiegespräche führend.

Es ist heute schön im Park desPalais des Nations". Wochenlang hat's hier ebenso wie in ganz Europa geregnet. Doch ausgerechnet am Eröffnungstage der Völkerbundskonferenz ist der blaue Himmel wieder zum Durchbruch gekommen und eine lachende Iunifonne leuchtet auf die hier Versammelten herab. Während die Gewitterwolken langsam nach Osten hin abziehen . , . Hieran arv