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WG^Ke«ev«l Anzeiger è^>E>^V Sindt und Land

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1922

Die LNasfenhineichtungen in Maid

jwanzig Erschießungen in Moskau! Mit Ent- 1 wendet sich Europa von dieser Greuelszene Die Räteregierung hat durch diese Erschießun- die Sympathien, die sie sich in den letzten Mo­tt infolge ihrer ruhigen Haltung bei den ihr fügten Herausforderungen in Peking und Lon­erworben hatte, stark erschüttert, wenn nicht z verloren Heute klingt auch in Deutschland Chor der Zeitungsstimmen von rechts und links 't lich und scharf. Die deutsche öffentliche Meinung t von einer Regierung, die auf zwei, drei gewiß igenswerte, aber doch ihren Bestand und ihren 3t nicht gefährdende Mordanschläge mit einer I scharfen Maßnahme antwortet, schroff ab. Die ichtigte Tscheka, das blutige Henkerbeil der kom- üstischen Revolution, war vor einigen Jahren die sogenannte G. P. U. (Staatliche politische waltung) umgewandelt worden und war dann ir und mehr in den Hintergrund getreten, so daß i außerhalb Rußlands schon den Eindruck ge­rn. die Räteregierung habe darauf verzichtet, J, . Instrument anzuwenden. Dieser Eindruck war ch. Die G. P. U. trat wieder einmal in Tätig- und zwar mit einer Tat, so schrecklich, wie sie )er nur wenige vollführt haben dürfte. Was bei

20^Erschießungen so besonders empörend ist, fer offenbar nichts

20 Erschießungen so beso

Die Tatsache, daß die O p f

t den letzten Ereignissen zu tun b en, durch welche die Räteregierung so aus

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- 1 .Bombenanschlag im Petersburger Kommu- enklub, noch mit dem Ueberfall auf den Chef der ßrussischen G. P. U. in Minsk, noch mjt der Er- rdung des Warschauer Gesandten Woskow, denn I die Opfer saßen schon längere Zeit, zum.Teil m seit Jahren, im Gefängnis der Tscheka. Sie rey Geiseln, dazu bestimmt, bei irgend einer legènheit mit ihrem Tode die Taten anderer zu nett und das Ansehen der Räteregierung zu festr- i. Aber Moskau irrt sich, wenn es glaubt, durch Hs Handlungen anAnsehen" zu gewinnen. Es te sich sagen müssen, daß nach solcher Tat auch re letzten Freunde an ihm zu zweifeln beginnen issen und daß es dadurch die Stellung seines dfeindes England in einer Weife stärken würde, s es Churchill und Joynson-Hicks niemals zustande

issen und da

dfeindes En

,rächt hätten.

Die v-Uftverkten LodeStwieNe.

Moskau, 10. Juni. Das von dem Kollegium

| r Vereinigten staatlichen politischen Verwaltung st 9. Juni gefällte und sofort vollstreckte Todes- teil bezieht sich auf folgende 20 Personen.

Paul Dolgorukow, früherer Fürst, der nes der führenden Mitglieder ausländischer anarchistischer Organisationen war und auf un- setzlichem Wege aus Rumänien in dos Gebiet 's Rätebundes eindrang.

Elwengren, früherer Stabsrittmeister, der , sammen mit dem dem englischen Geheimdienst ange= wenden englischen Offizier Riley an der Organi­rrung eines Anschlags teilnahm, der auf die von schitscherin geführte Abordnung zur Konferenz in ienua während ihrer Durchreise durch Berlin nternommen werden sollte; Elwengren drang 1926 uf ungesetzmäßigem Wege in das Gebiet des lätebundes ein.

Malewitsch Malewski, früherer Garde- I fsizier, Agent des englischen Geheimdienstes in Persien, der 1927 zur Späherei nach Rußland ent- indt wurde.

Jewremaw, früherer zaristischer Konsul und lngestellter der Staatsbank des Rötebundes, der an )odgson (bei der englischen Mission in Moskau) 6 Ipäherauskünfte lieferte.

Skalski, früherer Adliger, der dem englischen Späher in Finnland, Bunakow, Auskünfte über die irieasindustrie des Rätebundes gab.

Popow, früherer Offizier, der aus Frankreich urückgekehrt war, um im Auftrage des früheren pristifchen Botschafters Maklakow im gegen­revolutionären Sinn tätig zu sein.

Schtfcheglowitow, Sohn eines Generals, ter Späherarbeit für ausländische Stäbe führte.

Wischnjakow, früherer Verteidiger und Rechtsanwalt, Teilnehmer an der monarchistischen * Organisation, der mit den Emigranten in Verbin­dung stand.

Sussalin, früherer Oberst der Wrangel­armee, Organisator des mißlungenen Anschlags auf Krassin im Jahre 1926.

Murakow, Kaufmann, der die Tätigkeit monarchistischer Organisationen in Rußland finan­zierte.

Pawlowitsch, früherer Chef der Kiewer Kampfwehr Zweiköpfiger Adler.

Naryschkin, früherer Offizier, der einer ganzen Reihe ausländischer Vertreter in Moskau Späherdienste leistete.

Popow Karatow, früherer Kapitän, der mit dem Agenten des rumänischen Geheimdienstes, Urenjuk, in die Ukraine eindrang, um Banden zu organisieren.

M i k u l i n, früherer Kammerherr und früheres Mitglied des Reichsrats, der Inhaber einer Woh­nung, worin sich die aus dem Ausland eintreffen­den Terroristen zu verbergen pflegten.

L y t f ch e w, früherer Offizer, der dem Mitglied der englischen Mission, Charnock, Späherauskünfte lieferte.

Koropenko, ehemaliger Hauptmann im Heere Koltschaks, der an Hodgson militärische Aus­künfte lieferte.

Salomon G u r e w i t s ch , der einen Anschlag auf Bucharin, Rykow und Stalin zu verüben ver­suchte.

M a s u r e n k o , früherer Offizier der Koltschak- armee, der Hodgson Auskünfte über Militärtrans- porte lieferte.

Annenkow alias Machrow Arfenew, früherer Offizier der Judenitsch-Armee, der 1927 mit einem Auftrag russischer Monarchisten aus Paris eintraf.

Me f ch t s ch e r f k i, früherer Fürst und Guts­besitzer. der tätige Arbeit zugunsten des früheren Großfürsten Nikolai Nikolaijewitsch betrieb.

Die BevUnsv treffe Zu den LodesuvtsiZen.

Die gesamte Berliner Presse findet sich aus einer Lime der Ablehnung der Moskauer Todesurteile zusammen. Fast durchweg finden sich Überschriften wieBlutgericht in Moskau",Die Schreckensherr­schaft beginnt",Terrorjustiz in Moskau",Massen­hinrichtungen in Moskau". Dabei ist in den Kom­mentaren bemerkenswert, daß nicht nur die Todes­urteile als solche behandelt werden, sondern ebenso die außenpolitischen Folgen beleuchtet werden, die Rußland hierbei erwachsen müssen. In derK r eu z- zeitung" wird gesagt,wenn die Sowejtregie- rung mit solchen Mitteln gegen die ihr unbe­quemen Elemente vorgeht, so beweist sie nur, auf wie schwachen Füßen das ganze Sow­jetregime steht. Darüber sollte man in Mos­kau nicht im Zweifel sein,.daß man sich durch solche Gewaltmittel sicherlich keine Freunde erwirbt. Die neuen unerhörten Bluttaten können nur dazu bei tragen, die Reihen der Gegner üe s 23k&J44^m.i^juu^ ^u ziehen und die Äntifowjet front u verstärken." Aehnlich äußert sich derBert. Lokal-An z.", in dem es heißt:Eine Regierung, die sich unter Verzicht auf jedes Gebot der Mensch­lichkeit und Gerechtigkeit nur mit solchen barba­rischen Mitteln am Ruder halten kann, ist ein für allemal gerichtet und die Sympathien der Welt werden jedenfalls in dem Machtkampf zwischen England und Rbßland nach diesen neuesten Massen- Hinrichtungen selbstverständlich sich mehr und mehr der englischen Regierung zu­wenden. Ebenso läßt sich dieDeutsche Ta­geszeitung" aus:Fahren die Moskauer Ge­walthaber-auf diesem blutigen Weg fort, dann ar­beiten sie gleichwohl England und all denen in die Hände, die eine gemeinsame Antisowjetfront zustande bringen wollen." In derVoss. Z t g." wird auf das politisch Unkluge dieser Handlungsweise hinge­wiesen. Ein Moskauer Bericht desBerl. Tag­blatt" spricht die Vermutung aus, daß diese Tak­tik eine für Rußland sehr ungünstige Wirkung auf die übrige bürgerliche Welt ausüben müsse, denn eine innere Erschütterung Englands oder auch nur eine Bedrohung seiner inneren Freiheit, die Lon­don als Geldmarkt treffe, würde die übrige Welt auf die Seite Londons treiben und auf die Dauer der Sowjetunion alle die Hilfe entziehen, die sie besonders aus Amerika erwartet. Im übrigen wird durchweg auf die innerpolittsche Konstellation der Sowjet-Union hingewiesen und darauf aufmerksam gemacht, daß sich der Terror gegen alle die richte, die nicht auf das orthodoxe kommunistische Glau­bensbekenntnis eingeschworen seien. DieGer­mania", das Parteiorgan des Zentrums schreibt: Wir sehen nicht, wieso die neuesten Bluttaten der polnischen Polizei gegen wehrlose Gefangene, zum großen Teil gegen arme Teufel, die seit Monaten in Haft sind und die deshalb unmöglich eine Mit­schuld an den jüngsten Attentaten in Petersburg und anderswo treffen kann, die Stellung der Sow­jetregierung stärken könnten. Wir erblicken darin im Gegenteil ein Zeichen der Nervosität der Moskauer Machthaber, ein unfreiwilliges Schwäche­bekenntnis."

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Conbon,10. Juni. (Reuler.) Die zuständigen Londoner kreise bezeichnen die Meldung als höchst erstaunlich, daß gewisse in Moskau hingericktele Russen von den Sowjelbehörden der Spionage britischen diploma­tischen Misslon beschuldigt worden sind. Es wird energisch bestritten, daß die britischen Behörden derartige Beziehungen zu den fraglichen Personen gehabt haben. Es wird in diesem Zusam­menhang darauf hingewiesen, daß die von der Sowjetregierung verdächtigten Mitglieder der briti­schen Mission 'N Moskau keine Beziehungen zu Russen außerhalb des Steifes ihrer amtlichen Ver­pflichtungen haben konnten, und daß sie sogar sorg­sam vermieden, sich in Gesellschaft von Russen zu zeigen, um Verdächtigungen zu vermeiden Diese Zurückhaltung bildet einen großen Gegen- satz zu der Freiheit, der sich Rosengolz und die Sowjetmission in London erfreuten, wo sie unge­hindert und ohne Kontrolle überall hingehen konn­ten. Es wird gesagt, daß eine der Spionageanklagen in Verbindung mit einem Brief des brit scheu Kon­suls in Leningrad an ein Mitglied der vritischen Mission in Moskau steht. Dieser Brief war die Ant­wort auf eine Anfrage der britischen Mission, ob der Konsul Ramen von russischen Firmen angeben könnte, die feine chemische Produkte von enulifchen

Firmen zu kaufen wünschen. Jn der Antwort sagte der Konsul, er werde sich bemühen, sich die notwen­digen Informationen zu verschaffen. D'eser Brief wurde von den Sowjetbehörden bei der Post be- schlagnahmt, die erklärten, er bezwecke, ungesetzliche Informationen zu erlangen. Ein Faksimile des Briefes wurde zugleich mit der Anklage der Spio­nage auf der ersten Seite derJswesiiju" veröffent­licht. Noch einmal wird von den britischen Kreisen energisch erklärt, daß bei dem Abbruch der Be­ziehungen mit der Sowjetregierung sich die britische Regierung von keinen geheimen Gründen habe tei­len lassen, wie es jetzt angedeutet wird. Wie schon gesagt worden ist, hatte die britische Regierung nicht die Absicht, den Kriegszustand herbeizuführen. Sie hoffte vielmehr, daß unabhängig von den diploma­tische Beziehungen die Handelsbeziehungen fortge- setzt werden würden.

London, 11. Juni. In einemSowjetpanik" über­schriebenen Leitartikel führtTimes" aus: Dieser Akt der Rache gegen unglückliche Männer, die seit Monaten ohne Verfahren im Gefängnis saßen, kann natürlich nur die Verurteilung aller zivilisierten Länder Hervorrufen.Morningpost" meint, die Hinrichtung sei erfolgt, weil der Bruch mit Groß­britannien' dem Prestige der Sowjetregierung einen größeren Schlag versetzt hat, als irgend ein Ereig­nis der letzten Jahre.Daily "Expreß" betont, die öffentliche Meinung verabscheue derartige Grau­samkeiten. Trotzdem würde es jedoch weniger ehr­lich sein, wenn wir nicht zugeben wollten, daß die Ereignisse in Großbritannien zu dieser neuen Tragödie beigetragen haben.Daily Chronicle" ist ebenfalls der Ansicht, daß der törichte Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Rußland Großbritannien den ^anal genommen habe, durch den es seinen Einfluß ausüben könnte.

Ruland 7

Riga, 10. Juni. Wie aus Moskau gemeldet wird, werden aus Charkow, Rikola;ew und Odessa zahlreiche weitere Verhaftungen, darunter von Aus­ländern gemeldet. Die Oppositionsführer erheben lebhaften Protest gegen die Schreckensherrschaft. Das Obessie Kriegs- und Revolutionslribunai hat wegen der Erregung der Oeffentlichkest die Akten der Verurteilten eingefordert. Weiter wird gemeldet, daß die Sowjetregierung beabsichtige, alle britischen Staatsangehörigen aus der Sowjetunion auszuwei­sen. Als Gegenmaßnahme gegenüber den englischen Truppenzusammenziehungen in Indien werden Truppenteile der Roten Armee in Turkestan, Buchara und der Mongolei zusammengezogen. In der Provinz sind neue Demonstrationen gegen Eng­land erfolgt. Die Kommunistische Internationale hât ihre Propaganda in den asiatischen Ländern ver­stärkt.

Meine Äusiiefevttns von Woikows MSvdev.

Paris, 11. Juni. Rach demMalin" hat der polnische Minister des Aeußern den Journalisten erklärt, daß der Mörder des Sowjetgesaudken in Warschau Wojkow nicht ausgeliefert werde.

Aeiet «Lâitt des »otslbattevs Graf Veoadovff-Stanpau.

Berlin, 10. Juni. Die in einzelnen Blättern roiârg eg ebene Mitteilung üvec einen bevorstehen­den Rücktritt des deutichen Bol'R.cktcrs in Moskau entbehrt jeder Grundlage. Maf Brockdorff-Rantzau, der sich zur Zeit aus dienstlichen Gründen in Deutschland aufhält, genießt das volle Vertrauen aller zuständigen Regierungsstellen.

Tiwansiorisrs Sviedensansebot abselebnt.

Berlin, 10. Juni. Die Abendblätter geben eine Meldung der Chinesischen Rachrichten-Agenlur aus Kanton wieder, nach der die Südarmee ein Frie­densangebot des Marschalls Tschanglsolins mit der Begründung abgelehnt hat, daß es nur ein un­ehrliches Manöver darstelle, um in einer Kampf­pause die geschwächte Armee Tschangtsolins zu reor­ganisieren. Inzwischen haben die Truppen Tschangkaischeks nach 36ftünbiger Schlacht die Stadt hantschwanä an der Kreuzung des Großen Kanals und der RankingTientsiner Eisenbahn einge­nommen und die 60 000 Mann starke Schantung- Armee völlig geschlagen. Die Mehrzahl dieser Armee ging darauf zu Tschangkaischek über. Dieser dringt am Gelben Fluß entlang vor. Man nimmt jedoch an, daß es vor Peking noch zu schweren Kämpfen kommen wird, denn Tschongtsolin erklärte in einer Unterredung mit dem Sonderberichterstatter des Daily Expreß" in Peking, die Flagge des Kuomin­tang werde niemals über Peking wehen. Er beab­sichtige, in Peking zu bleiben.

Nach einer Reutermeldung aus Hankau kom­men dort weiterhin zahlreiche Verwundetenzüge an. Sie bieten einen fürchterlichen Anblick. Die Ver­wundeten werden in Viehwagen geladen, sie liegen in Schmutz, die meisten ohne Verband. Die aus­ländischen Krankenhäuser sind überfüllt, die Säle der Spitäler der Eingeborenenstadt pestverseucht. Es herrscht ein entsetzlicher Mangel an Aerzten und an Arzeneimitteln, da die meisten englischen und amerikanischen Aerzte von dem Pöbel verjagt worden sind.

SWSM-e aE Senk.

Reichsaußenminister Dr. Stresemann, der die deutsche Delegation aus der Ratstagung des Völkerbundes in Genf führen wird, hat gestern abend die Reise nach dem Sitz des Völkerbundes angetreten. Er geht schwierig:n Verhandlungen entgegen. Sowohl innerhalb wie außerhalb der Tagesordnung bietet die Genfer Tagung manche Klippe und es ist des­halb kein Wunder, daß die derttsche Oeffentlich- keit diesmal mit b'f-''b?w Spannung und Sorge nach Genf bb i . Die nfer Aussprache wird im wesentlichen in bra große Gruppen zerfallen. Sie wird sich zunächst einmal um die allgemeine europäische Politik drehen, wie über den Konfliktsstoff zwischen Warschau und Mos­kau, Albanien usw. Es wird sich dabei sehr rasch zeigen, daß die Politik durch den Henker, wie sie in Moskau betrieben worden ist, die Bolschewisten nur England in die Hand ge­spielt hat, das bisher ziemlich allein stand, jetzt aber mit moralischen Gründen Bundesgenossen gegen Rußland zu werben suchen wird. Der albanische Konflikt wird innerhalb der europäi­schen Kabinette auch jetzt noch ruhig beurteilt, zumal ja auch Italien betont, daß es zusam­men mit England und Frankreich sich für eine gütliche Beilegung einsetzen wird. Für Deutsch­land ist in allen diesen Fragen die Politik vor- gezeichnet. Was den russisch-englischen Kon­flikt anlangt, so wird Chamberlain in Genf dasselbe hören, was Tschitscherin in Baden- Baden versichert worden ist: Wir ergreifen nach keiner Seite hin Partei und lassen uns weder von England noch von Rußland als Spielfigur benutzen. Dabei können wir in Genf darauf hinweisen, daß die geräuschlose Art, wie sich der Besuch Tschitscherins tn Ber­lin vollzogen hat, mit aller Deutlichkeit unseren Willen beweist, der russischen Propaganda- politik in Deutschland keine Plattform zu ge­währen. Mit demselben Rechte werden wir es ablehnen, der weniger hörbaren, aber umso intensiveren englischen Politik Vorspanndienste gegen Rußland zu leisten. Auf die Entwicklung des Balkankonfliktes haben wir wenig Einfluß. Wir werden uns darauf verlassen müssen, daß England und Frankreich, wie bisher, gemein­sam in Rom und in Belgrad mit allem Nach­druck eine Ausbreitung des örtlichen Konfliktes entgegentreten werden. Wir werden selbst­verständlich in Genf alles unterstützen, was zur Aufrechterhaltung des Friedens beitragen kann.

Die zweite Gruppe von Thematas, die in Genf zur Verhandlung stehen, ist das eigent­liche Völkerbundsprogramm. Das ist zunächst einmal die Beschwerde der Memelländer gegen die litauische Herrschaft. Auch die Danziger Frage kommt wieder aufs Tapet. Einen weiten Raum wird auch der Bericht über die Wirtschaftskommission einnehmen, den Dr Stresemann erstattet. Ebenso ein Bericht, den Herr Chamberlain als Vorsitzender eines iw Frühjahr eingesetzten Ausschusses über Rumä­nien und Ungarn zu erstatten hat. Es hat den Anschein, als ob eine Kompromißlösung ver­sucht werden soll. Die dritte Gruppe endlich umfaßt die Fragen, die zwischen Deutschland und den Besatzungs­mächten unmittelbar spielen. Das ist für den Augenblick die Verminderung der Besatzung und die Zerstörung der deutschen Ostbefestigungen. Der letzte Termin, der uns für die Zerstörungen gestellt war, war der 15. Juni. Deutschland hat von sich aus keine Veranlassung gehabt, obwohl die Zerstörungen längst erfolgt sind, vorzeitig seinen Bericht der Botschafterkonferenz zugehen zu lassen. Er wird aber in den nächsten Tagen in Form einer Note erfolgen. Strittig bleibt dabei die Etikett­frage, ob und in welcher Form die Entente sich von der erfolgten Zerstörung überzeugen kann. Darüber ist im Kabinett vollkommene Eini­gung erzielt worden, wahrscheinlich in einer Formulierung, wie sie dieKreuzzeitung" zum Ausdruck bringt, daß eine erneute Nachprüfung durch die Militärattaches nur dann erfolgen kann, wenn wir dafür die schriftliche Zusiche­rung erhalten, daß diese Kontrolle auch end­gültig die letzte ist, und daß gleichzeitig alle anderen noch schwebenden Entwaffnungsfragen als erledigt anzusehen sind. Was die Verab­schiedung des Kriegsgerätegesetzes betrifft, st ist seine Erledigung durch den Reichstag nur noch eine Formsache. Es würde dann das ganze Kapitel der Entwaffnung endgültig ge­regelt fein, und damit wäre für Deutschland die Voraussetzung gegeben, um auf Grund de- Artikels 431 zu einem ausgemachten Zeitpunk! die Zurückziehung der gesamten Besatzung zu verlangen. Inzwischen wird man in Genf da-