Aava» Stadt und Land
1922
Montag
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Schritt zur Aesatzunss- fragc.
le Verminderung der Vesatzuu-SKiwe« »»« SvanSvei» sesordert.
) a r i s, 7. Mai. Die der „Temps“ heute meldet, gestern eine weitere Besprechung zwischen dem ßenminisler B fi and und dem deutschen Ge- ifirlräger Dr. Rieth über die deutsch-franzö- ,en Beziehungen stattgefunden.
Paris, 8. Mai. Die am Freitag abend erfolgte üte Demarche des deutschen Geschäftsträgers Dr. th bet Außenminister Briand wurde am Quai rsay über 24 Stunden lang verheimlicht, so daß hiesigen Blätter erst heute zu dem Ereignis Stel- g nehmen konnten. Ueber die Gründe, die das ßenamt zu der gewöhnlichen Zurückhaltung ver- aßt haben, ist man auf Vermutungen angewie- . Es scheint, daß dem innerhalb zweier Tage derholten diplomatischen Schritt der deutschen zierung viel größere Bedeutung zu- rmt, als man an hiesigen zuständigen Stellen agestehen wolle. Der deutsche Geschäftsger hat das deutsche Ersuchen um Herabsetzung Besatzungstruppen im Rheinland offiziell gelt, und zwar hatte der Geschäftsträger eine
rminderun tände um ein
g der gegenwärtigen Effektiv- Drittel verlangt. Das deutsche
suchen soll mit dem Hinweis auf die in voller rchführung begriffene Zerstörung der von der tschafterkonferenz als unzulässig bezeichneten itschen Befestigungen im Osten.begründet wor- t sein.
In den am Quai d'Orsay informierten Kreisen d erklärt, man könne dieser zweiten Unterredung st den Charakter einer neuen Demarche beissen. Dr. Rieth habe lediglich einige Punkte, die Verlauf der Mittwoch-Besprechung berührt wur- t, näher präzisieren wollen, ohne aus dem Räh- n einer allgemeinen Diskussion herauszutreten. Her am Mittwoch, noch am Freitag habe die ttsche Regierung eine Note mit einer bestimmten rberung hinsichtlich der Verminderung der Trup- t im Rheinland überreichen laßen.
Trotz der diskreten Haltung der amtlichen Stel- I gibt der Besuch des deutschen Geschäftsträgers allen Kreisen Anlaß zu lebhaften Kommentaren, e Richtlinien, die die gesamte Presse bei der Er- erung der Angelegenheit verfolgt, sind streng ein- tlich. Man kann daraus schließen, daß sie von chster Stelle vorgezeichnet wurden. Die Tendenz er Kommentar« geht dahin, die nationale èfahr in Deutschland in den schwär- sten Farben zu malen und die Demarche c deutschen Regierung im Hinblick auf die Herab- ;ung der Truppenstärke im Rheinland als eine czweifelte Anstrengung Stresemanns für die cherung seiner Locarno-Politik hinzustellen. So reibt der „Temps":
«Die Campagne der Deutschnationalen ist nicht eignet, eine günstige Atmosphäre für die Behand- ng der Fragen zu schaffen, die die deutsche Regung aufzubringen vermöchte, und die Aufgabe cresemanns wird durch sie sicherlich nicht erleich- -t werden. Man muß feststellen, daß alle von den liierten bisher eingeräumten Erleichterungen die oralische Entwaffnung Deutschlands nicht be- -leunigt haben. Es muß gesagt werden, daß die stionalistische Agitation und die Schwäche der èichsregierung gegenüber den reaktionären Bernden mit militärischem Charakter, «die noch kei- swegs aufgelöst worden sind, auch den besten Zillen auf alliierter Seite schließlich obschwächen erben."
Briand selbst stellte sich in der Unterredung ü Dr. Riech auf den Standpunkt, diese Mam- stationen und die Aeußerungen der rutschnationalen Minister würden egen den Locarnogei st verstoßen, und syalb könnten die deutschen Forderungen nur it Vorbehalt ausgenommen werden. Man cht in Paris auch die Meinungsäußerung Cham- -rlains, die Alliierten müßten vor jedem Beschluß der Besatzungsfrage den Bericht der in Berlin eilenden alliierten Militärsachverständigen prüfen, s den Ausfluß einer starken Beunruhigung es Londoner Foreign Office hinzustel- n und als Argument zur Rechtfertigung der ab- hnenden Haltung Frankreichs zu benutzen. Aus en Aeußerungen der hiesigen Politiker läßt sich der Schluß ziehen, daß die Behandlung der deutschen orderungen bis nach dem 15. 3uni, das heißt bis ach Ablauf der Frist für die Zerstörung der eslungsanlagen in Ostdeutschland hinausgezögert »erden soll.
Der „Petit P a r i s i e n" schreibt, Dr. Rieth âtte erklärt, daß eine Herabsetzung der Besatzungs- - uppen tm Rheinland um 25 000 den in Locarno «machten Zusagen entsprechen würde. Wenn die lauerten von sich aus diese Herabsetzung vornehmen würden, wäre das ein Beweis, daß sie dem ^W der damals abgeschlossenen Verträge treu luden. Französischerseits wende man ein, daß man 3 Breits eine sehr bedeutende Herabsetzung rorge« -onunen hätte und daß bte Umgruppierung der Einheiten in den großen Zentren die alliierte Be- 'kung für die Bevölkerung der Koblenzer und Mainzer Zone bereits erleichtert hat. Richtsdests-
weniger besteht die deutsche Regierung darauf und hierauf ist der neue Besuch Dr. Rieths der Beweis, daß die von ihr gewünschte Herabsetzung du"-1,geführt werde. Die deutsche Regierung verhel.bliche jedoch nicht, daß sie ihre Forderungen nicht immer darauf beschränken werde und daß die Forderung nach vollkommener Räumung des Rheinlandes gestellt werden würde, sobald Deutschland nach Ausführung der letzten Eirtwaffnungsklausel sich für berechtigt halten werde, sich auf Artikel 431 des Versailler Vertrages zu berufen.
Im „P o p uls i r e" spricht der sozialistische Abgeordnete sich mißbilligend über die Art und Weise aus, mit der die französische Presse die Unterredung des Botschaftsrates Dr. Rieth mit Briand behandelt. Es sei sicher, daß von der progressiven Räumung der Rheinlande unb dem Augenblick, in dem diese beginnen könne, gesprochen worden sei. Zwei Punkte seien es, die bei der Rheinlandräu- mung in Erörterung gezogen werden müßten. Der erste sei, daß, nachdem man Deutschland in den Völkerbund ausgenommen habe und es als feine Pflichten erfüllt habend betrachtet, es zu rechtfertigen sei, die Rheinlandräumung' ins Sluge zu fassen, wenn man nicht die Annäherung zwischen dem deutschen und französischen Volke kompromittieren wolle. Der zweite Punkt sei, daß es als absurd zu bezeichnen sei, wenn man fortfahre, sich Locarno und Thoiry zu rühmen, ohne die notwendigen Schlußfolgerungen daraus zu ziehen.
Dv. GLvesemann Sve« die «rstze«- VsMrMe Lass.
Bab Oeynhausen, 8. Mai. Anläßlich der Tagung des Wahlkreisverhandes Westfalen der Deutschen Volkspartei am Sonntag in Bad Oeynhausen sprach nach Referaten des Reichsministers a. D. Scholz, der Landtagsabgeordn. Frau K u l e s z a und des Reichstagsabgeordneten Dr. Hugo der Reichsaußenminister Dr. Stresemann in einer Diskussionsrede über die außenpolitische Lage und führte dabei aus:
Der „Temps" hat vor wenigen Tagen erklärt, daß der Außenminister ebenso wie die Deutsche Dolkspartei im Reichskabinett in Bezug auf ihre Anschauungen isoliert seien. Die Behauptung des «Temps« entspricht nicht den Tatsachen. In den Richtlinien, die zur Bildung der gegenwärtigen Re- gietung führten, haben die Parteien, die heute die Regierung bilden, sich zur Fortführung der bisherigen Außenpolitik entschloßen. In dieser Fortführung sind mir vonseiten des Reichskabinetts keine Hindernisse bereitet worden. Wenn Kundgebungen in Deutschland, die insbesondere an die Tradition der alten Armee anknüpfen, mit einem Abweichen von dieser Außenpolitik in Verbindung gebracht werden, so ist dieses eine völlig falsche Darstellung. Die in Deutschland bestehenden Organisationen dieser Art sind an sich doch nur ein Reflex der einseitigen deutschen Abrüstung. Sie würden ihre Bedeutung, vielleicht ihre Existenz in dem Augenblick verlieren, in dem der deutschen W- rüstung die Abrüstung anderer Länder folgen würde. Wenn man die anderen ansieht, wenn man davon spricht, daß neben der Reichswehr in Deutschland gewißermaßen noch ein geheimes schlagfertiges Heer bestünde, das in einem Augenblick erwachen und sich auf seinen Nachbarn stürzen könnte, wo sich irgend jemand widersetze, so sind das Märchen, würdig eines Jules Verne, aber nicht würdig ernsthafter Betrachtungen. Ich darf doch auch da- rauf Hinweisen, daß es die Regierungserklärung des Kabinetts war, die offen davon gesprochen hat, daß die Reichsregierung diese Politik der Revanche ablehnt. Schließlich ist mein Name eine Gewähr dafür, daß sich die Einstellung zur Außenpolitik nicht geändert hat. Was dann die Verträge von Locarno anlangt, so bemerke ich, daß unsere Verhältnisse zu unserem östlichen Nachbarn Polen durch diejenigen Abmachungen, die in Locarno getroffen wurden, geregelt sind. Diese Abmachungen werden vielfach auf unser Verhältnis zu Frankreich und zu Belgien bezogen. Polen ist jedenfalls durch die mit ihm abgeschlossenen Schiedsverträge gesichert, die eine fwsdliche Auseinandersetzung über etwaige Differenzen gewährleisten. Diese Situation hat das neue Kabinett bei seiner Begründung vorgefunden und sie durch nochmalige Anerkennung der bestehenden Vertrag besonders unterstrichen. Die Frage unseres Verhältnisses zu Polen ergibt sich daher aus den geschaffenen Grundlagen.
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Oldenburg, 7. Mai. Reichspräsident v. Hindenburg wurde um 9 Uhr auf dem Bahnhof vom olden- buraischen Staatspräsident Dr. Finck und von Oberbürgermeister Dr. Görlitz sowie den Chefs der Reichsbehorden begrüßt und nach dem Platz vor dem Bahnhof geleitet, wo eme Ehrenkomvaame Aufstellung genommen hatte, die der Reichspräsident abschrrtt, Alsdann trat der Rechspräsident tm Diererrus dis Sabri nach bem Staatsmimfterum
an. Auf den Straßen bildeten Vereine und Schulen Spalier.
Im Staatsministerium erfolgte die Vorstellung der leitenden Beamten. Dor dem Gebäude hatten Schulkinder Aufstellung genommen, die Lieder zum Vortrag brachten. Der Reichspräsident dankte in kurzen Worten, indem er die Jugend im Anschluß an das Lied „34 hab mich ergeben" zum Dienste am Vaterland ermahnte. Alsdann unternahm der Reichspräsident eine Rundfahrt durch die Stadt und die nähere Umgebung. Mittags erfolgte die Begrü- ßung des Reichspräsidenten im Rathause durch den Oberbürgermeister, Magistrat' und Stadtrat. Der Oberbürgermeiste gab in einer Ansprache der Hoff- nung Ausdruck, daß es dem Reichspräsidenten noch oergont sein möge, den Wiederaufstieg des deutschen Vaterlandes mit eigenen Augen zu schauen. Der Reichspräsident betonte in seiner Erwiderungsan- prache, daß er sich als Ehrenbürger Oldenburgs tets mit der Stadt verbunden gefüllt habe. An- chließend fand in der Wohnung des Ministerpräsi- )eitten o. Finck ein Frühstück statt.
Nachmittags unternahm der Reichspräsident eine Fahrt nach dem Spielplatz Haarenensch, wo turne- rische und sportliche Veranstaltungen geboten wurden. Dabei gelangte das sogenannte Kloutschießen auf eigene friesische Nationalart zur Vorführung. Einer Einladung des Heimatvereins folgend fuhr der Reichspräsident dann nach Bad Zwischenahr weiter. Nach dem Empfang durch den Stadthauptmann und den Gemeindevorstand schritt der Reichs- präfibent die Front der vaterländischen Verbände ab, die im Strandpark Aufstellung genommen hatten, und begab sich nach dem Bauernhaus, an dessen Herdfeuer nach einer Begrüßung durch den Heimatverein das Festspiel „de Straaf aufgeführt wurde. Anschließend wurde ein Imbiß nach ammerländischer Art eingenommen. Nachdem der. Reichspräsident dann der Vorführung einiger Tänze durch Kinder in Tracht und plattdeutschen Gesangsvorträgen bei- gewohnt hatte, fuhr er nach der Stadt zurück.
Gegen 8 Uhr abends begann im Zkvilkäsino der Empfang des Lraatsminifteriums, zu dem etwa 300 Einladungen ergangen waren. Der Reichspräsident ließ sich eine größere Anzahl Herren vorstellen. Bei einem anschließenden Essen begrüßte Ministerprä- dent v. Finck den Reichspräsidenten in einer Ansprache, in der er die große Freude betonte, die der Besuch des verehrten Feldherrn und jetzigen Führers des deutschen Volkes allen Oldenburgern bereite. Oldenburg verbinde ein besonderes Band mit dem Reichspräsidenten, der der frühere Kommandeur des Oldenburger 91er Regiments gewesen und jetzt Ehrenbürger der Stadt sei und länger als drei Jahre in Oldenburg gewohnt habe. Es -erfülle dis Oldenburger mit großer Genugtuung, daß der Reichspräsident in den Erinnerungen aus seinem Leben sage, daß er sich in der freundlichen Gartenstadt wohlgefühlt habe und dankbar an seine Oldenburger Zeit zurückdenke.
Der jetzige Besuch rufe aber nicht nur bloße Gefühle dankbarer und freudiger Art bei den Oldenburgern wach. Der Reichspräsident sei den Oldenburgern ein Vorbild dafür, daß sie den Willen und die Kraft haben sollten, zum Wohle des Ganzen dis eigenen Wünsche hintanzustellen. Die Oldenburger gelobten, daß sie treu dem Vorbilds des Reichs- präfibenten mit allen Kräften an dem. Wiederaufbau des geliebten Vaterlandes arbeiten wollten. Der Ministerpräsident schloß seine Ausführungen mit dem Wunsche, daß Gott den Reichspräsidenten schützen und seine Arbeit segnen möge und brachte ein Hoch auf den Reichspräsidenten aus, in das die Anwesenden begeistert einftimmten.
In seiner Erwiderungsansprache des Ministerpräsidenten dankte der Reichspräsident für den Empfang und die freundlichen Begrüßungen in Stadt und Land Oldenburg und für den Willkommengruß des Ministerpräsidenten. Es sei ihm eine besondere Freude, alte Erinnerungen neu zu beleben und mit den jetzigen führenden Persönlichkeiten des Landes in persönlichen Meinungsaustausch zu treten. Mit aroßer Genugtuung habe er aus den Worten des Ärinisterpräsioenten entnommen, daß dieser und mit chm weste Kreise des oldenburgischen Volkes von dem Streben beseelt seien, mit bester Kraft dem Ganzen au dienen. Nur dieser Geist, der unser Volk im Weltkrieg zu gewaltigen Leistungen befähigt habe könne uns zur Erstarkung und zu einer freien Zukunft führen. Deshalb, so erklärte der Reichspräsident, pfleaen Sie und stärken Sie den Gedanken der Volksgemeinschaft, wo sie nur können. Gern nehme ich ihr Gelöbnis treuer Mitarbest im Reicke entgegen. Niemand, dem die ruhige Entwicklung des Reiches am Herzen liege, werde das historisch entstandene Eigenleben, antasten oder erdrücken. Wir alle, die wir unser Vaterland in seiner Vielgestaltigkeit kennen und würdigen lernten, sehen in der Mannigfaltigkeit des deutschen Volkstums eine Kraftquelle ganz besonderer Art. Wir wissen, daß die Verbindung mit den engen Heimat der Grundstein ist für die Liebe zum großen Vaterlande und daß gerade aus dem Boden der Heimatliebe die tatkräftige und opferfreudige Hingabe an Deutschland und an das deutsche Volk erwächst. So geht das eine im anderen auf. So mündet die Quelle des Heimatgefühles im großen Strom der Vaterlandsliebe. So sind Land und Reich eins. In diesem Bewußtsein unzerstörbarer und un- erschüsterlicher Einheit, werden wir uns nach außen und innen am sichersten behaupten und in der Zukunft am besten organisch entwickeln. Mit dem Wunsche, daß das Land Oldenburg sich im Rahmen des gemeinsamen großen Vaterlandes mit seinen lebendigen Kräften tn allen seinen Wirtschaftszweigen machtvoll entfalten möge, leerte der Reichspräsident sein Glas auf das Wohl Oldenburgs und auf das Gc-
Sowretvtttzllattd in Genf.
Genf, 7. Mai. Die heutige DormittagsMung der Weltwirtschaftskonferenz brachte an dritter Stelle wieder einen Deutschen auf das Rednerpult, den früheren Reichsfinonzminister Dr. He r m e s, und er brachte als erster auf dieser Konferenz die Sorgen der Landwirtschaft ausführlich zu Gehör. Wie sehr die Landwirtschaft in den Weltwirtschaftskreis gehört, ergibt sich aus den paar Ziffern. Der jährtiche Erzeugungswert des Weltweizens ist größer als der der Kohlenförderung und mehr als dreimal so groß als der des Petroleums. Die Agrarerzeugnisse insgesamt liefern ein Drittel des gesamten Wellhandels und die Menschheit gibt heute 60—70 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel und landwirtschaftliche Erzeugnisse aus. Daß der „Kampf um das Dei" ein Weltproblem ist weiß heute jeder — an bett Weizenhandel aber den kl fast keiner.
Dr. Hermes zeigte die Gründe der neuen Welt, agrarkrise, die nach dem Kriege entstanden ist. Vor dem Kriege eilten die Agrarpreise den Industriepreisen voraus, heute können sie sie nicht einholen Der Tauschwert der Agrarerzeugnisse genügt nicht mehr zur Anschaffung der sehr vielen teueren Produktionsmittel der Landwirtschaft, der Maschinen, des Düngers und so weiter. Die Landwirtschaft deckt also nicht ihre Produktionskosten. Dazu kommt bis Verarmung und die Konsumeinschränkung der In- dustriebevölkerung in Europa. Es ist ein starker Interesse der Landwirtschaft, daß die Löhne der Arbeiter wieder steigen. Ein ebensolches Interesse hat sie daran, daß die Arbeitslosen und ihre Familien' zusammen 20 Millionen Menschen in Eurova, wieder zu Verdienst und Kaufkraft kommen, statt durch offene Unterstützung nur die unprobuftioen Staats, ausgaben und damit die erdrückenden Steuern noch zu vermehren. Endlich verteuern die Schuldverpflich tungen fo vielen Ländern das Geld und damit auch die Kredite für die Landwirtschaft.
Darauf sprach der russische Delegierte Solkolniko«
Sokolmkow begann seine Darlegungen mit einer höhnischen Anspielung auf die Konferenzen non Genua und im Haag. Rings um Rußland entstand ein Zirkel des Mißtrauens und der Animosität. Die Umwelt behauptete, der Bolschewismus sei am Zusammenbruch Rußlands Schuld. Doch in Wahrheit müsse der Weltkrieg dafür verantworllich genmcht merben. Man sollte nicht vergessen, daß die russische Industrie am Ende des Krieges 18 Prozent des Dorkriegszustgndes aufwies, während der Ackerbau um mehr als die Hälfte reduziert war.
Sokolnikow kam sodann aluf die kapitalistische Zivilisation zu sprechen. Er schilderte die Erneu- erung, die in seinem Lande vor sich gehe. Besonders betonte er die Entwicklung wisienschaftlicher Tätigteit, namentlich die Fortschritte auf dem Ge- biet der Chemie. Alle herrschenden Schwierigkeiten wie Arbeitslosigkeit auf dem offenen Land und Hemmungen im industriellen Wiederaufbmi Rußlands schreibt er der Feindseligkeit gewisser westlicher Mächte zu..
Nach seinen Angaben hatte die Sowjetregiernug in der letzten Zeft erhebliche Erfolge, um die landwirtschaftliche Produktion zu erhöhen und die Ge- treideaussuhr für den nächsten Herbst vorzubereiten Den Nachdruck legte Sokolnikow darauf, daß die Veskmächte mit Ausnahme Deutschlands Rußland als ein isoliertes Wirtschaftsgebiet brachten.
Diese Einstellung zum russischen Problem bezeichnet er als einen schweren Irrtum.
Im Exportmonopol erblickt Sokolnikow das ein» zig richtige Regulativ, um die russische Ausfuhr zu fordern. Sokolnikow teilte mit, daß Rußland seine Wirtschaft mit Hllfe der Industriestaaten aufzubauen entschlossen sei. Der Export nach Rußland bewege sich in aufsteigender Linie und habe 1925/26 50 Millionen Rubel betragen. Rußland benötige technische Erzeugnisse, da es seine industrielle Aus- rüstung vervollkommne. Es benötige alle für die Landwirtschaft bestimmten Maschinen und Einrichtungen, kurz, der russische Markt bietet den zivilisierten Staaten mit hochwertigen Industrien ein ungeheures Gebiet wirtschafllicher Betätigung.
Diese allgemein erwartete Aufforderung, west- ländisches Kapital in Rußland arbeiten zu lassen, gab dem Schluß der Rede Sokolnikows ihre aktuelle Bedeutung. Von vielen Bänken kam starker Applaus. Die Journalisten stürzten sich unmittelbar noch Schluß der Sitzung auf den amerikanischen Haupt- delegierten Robinson, um dessen Meinung zu hören. Robinson sagte in seiner kurzen Art: „Neues erzählte mir Sokolnikow nicht. Wieder sich die Sache prakttsch vorstellt, werden wir ja noch von ihm hören."
Zu Vizepräsidenten der Weltwirtschaftskonferenz wurden in der Nachmittagssitzung durch Zuruf folgende elf Mitglieder gewählt: Bonin-Üongare-Jta- fien, Rio Branco-Brasilien, Balfour-England, Frau Freundlich-Oesterreich, Oudegeest-Holland, Gliwiftch- Polen, Sonne-Dänemark, Robinson-Vereinigte Staaten, Siemens-Deutschland, Shidachi-Iapan und Obolenski-Sowjetrußland. — Dann nahm
der russische Delegierte Obolenski das Wort. Im Hauptteil seiner Rede stellte er eine Reihe von Widersprüchen des kapitalistischen Systems zusammen, von denen er als das einfachst? und allgemeinste den scharfen M>stand zwischen Produktionskraft der Industrie und Aufnahmefähigkeit der Märkte hirftellt^ Die Gründe du-yr Lage seien besonders zu suchen in der Verlängerung der Raufstuft ocr Arbrtertlrfe und der Bauern, dem Ruin ga r;er Staaten sowie in ter Boykott- und Gewaltpolitik gegenüber Ländern wie Sowjetrußland und China. Auch dieser Redner iorach von ben Möglichkeiten des NebenelnandeN