MMslsee Mv Svende.
Von Reinhold Broun.
Wahre Liebe will allein andern Lebenshelfer sein.
Der alte Söderblom sprach auf seinem Sterbebette seinem Sohne, dem jetzigen Erzbischof von Schweden, als Mahnung das Wort des Paulus ins Herz: „Nicht daß wir Herren wären über euren Glauben; wlr sind nur Mithelfer eurer Freunde!"
Und wie ist sein bedeutender Sohn dieser Mahnung treu geblieben, und wie sucht er sie zu erfül- I len durch fein großes Well-Einheitswerk auf dem Gebiete der christlichen Kirche!
Aber nicht nur in solchem Zusammenhangs ist das Wort voller Bedeutung, sondern auch dann, wenn wir es mitten in unseren Alltag, mitten in die Welt und das persönliche Leben hineinstellen!
Wollen nicht viele Herren sein über unsere Mei- nung, wollen sie uns nicht die ihrige aufzwingen als Die nach ihrer Ansicht einzig richtige und beglückende? Ertappen wir uns selber vielleicht nicht hier und da, wenn wir es ehrlich meinen, daß wir auch auf dem besten Wege sind, Zwang auf andere auszuüben!
Es gibt Menschen, die die anderen nur als Menschen ansehen, wenn sie restlos der gleichen Ansicht sind! Jeder andere, der es wagt, offen und tapfer sein Inneres zu bekennen, wird von chnen öffentlich oder geheim um etliche Stufen in der Be- iii Wertung herunter gesetzt! Es wird immer schwerer, mit Menschen sachlich, ehrfürchtig zu reden! Es ist, alq ob sie immer enger würden. Die Meinung hat sie ganz und gar, ist ihre Tyrannin geworden, hat sie unduldsam gemacht, raubt ihnen die Schönheit der Ruhe, die letzte feine, menschliche Adligkeit, den weiten Horizont, und der Grund echter Gesinnung liegt verdorrt und wesenlos. Dazu kommt, daß viele dieser Art eigentlich nur Pächternaturen sind. Das, was sie ihre Meinung nennen, ist nicht Ehrlich und heiß Erkämpftes, nicht wirkliches Eigentum, nicht vom eigenen Wesen durchblutetes; ës ist Nachgeplappertss, Angef.ogenes, äußeres Ornament, ein" umgelegter Mantel und sonst nichts. Zuweilen ist es nur umkleidete Vorteilssucht.
Das Niedermenschlicke zeigt sich gar zu bald dort, wo die Meinung alles bedeutet! Wieviel Leid, Mih- I verstehen, Undank, Häßlichkeit, Verblendung kommen durch diese Meinungs-Besessenen in die Welt! Wie- viel Blüte welkt unter einem Gifthauche! Wieviel Gemeinschaft ist zerklüftet! O, soviel Tragik! Und nun dagegen das feine Wort: Mithelfer zur Freude sein! Kann eines Lebeys Inhalt und Sinn besser ausgedrückt fein als mit diesem Worte! 21ller Sinn unserer Liebe, der Ehe, der Familie, der religiösen Gemeinschaft, aller Sinn völkischen Lebens, kann nicht herrlicher aufleuchten als in diesem Worte!
Und welch feine Demut offenbart es zugleich! Midis geifer sondern nur Mithelfer fein! Das heißt: ; sich schaffend in den Ring der anderen Helfer hinem- s stellen, mit ihnen zum gleichen Ziele wirken! Ein Glied in der Kelle sein! Sich einfügen, nicht Kerrschen, sondern im Ringe nur dienen wollen! Es heißt auch, die anderen Helfer zur Tat, zum Mithelfen aufrufen, oder fein klug und ehrfürchtig fein, ihre Eigenart zu erkennen und sie nutzbar machen, Und es sind der Helfer oft mehr da, als wir vermeinen. Da ist vielleicht ein ganz schlichter, aber wundervoller Mensch, der uns helfen, der uns Kamerad fein könnte, einem Dritten zu helfen. Da bietet sich uns eine Bume an, ein Sonnenstrahl, ein Worr aus einem Buche, da tönt Musik, da ist ein Bildvoll gna- öenber Köstlichkeit! Nur schauen, lauschen, geschickt werden in der Auswahl der Mithelfer und dann mit ihnen dienend herz-einig sein!
Mithelfer zur Freude! Ist das nicht hoher, blauer Himmel, Licht im Dunkel, Weite, edles Verstehen, reine Menfchlchkeit, ganze, schöne Freiheit im eignen Handeln und Ehrung der freien Seele des andern?
Zur Freude mithelfen im Leben anderer Menschen und damit sie ins wahre Leben mit hinaufheben! O du herrlich erschlossener Sinn unseres Daseins! Und die Mithelferschaft segnet wunderbar zu- rück ins eigene Herz!
Die Barüstclre.
Skizze von Grete Masse.
Leine klopfte an die Tür des Zimmers.
Siebert, der am Tische gesessen und geschrieben, stand auf, ihr zu öffnen. Er wußte, Lene sah trotz der großen Brille, die sie jetzt trug, immer noch schlecht, und wenn er iyr jetzt nicht behilflich war, Sabs leicht ein Unglück, da sie das Tablett mit dem Jaffee in den Händen hielt.
Er öffnete. Lene say zu ihm empor. Durch die runden Gläser der Brille blickte er in das Blau ihrer Augen, das von solcher Stärke und Reinheit war, wie man es sonst eigentlich nur bei Kindern findet. So viel Vertrauen lag in ihrem Blick. Jetzt erschien noch, vor Freude darüber, ihm nahe zu sein, ein sonniger Glanz, der selbst die Brillengläser auffunkeln ließ.
„Nun, kleine Bachstelze, kommst Du, den müden Mann in der Wüste mit einem Trank zu erquicken?" Lene kicherte. Und errötete dann. Auch wieder vor Freude. Sie mochte es gern, wenn er „Bachstelze" zu ihr sagte. Diesen hübschen Vergleich verdankte sie chren schlanken, langen Beinen. Um ihretwillen trug das Mädchen die Röckchen so kurz wie möglich. Nur ein wenig bis übers Knie.
Ja, Lene hatte das zierlichste und hübscheste Beinpaar, das man sich denken konnte Es war ein hübscher Anblick, wenn sie still stand. Aber wenn sie ging, dann schlug man traurig die Augen nieder. Denn sie hinkte und zog den Fuß ein wenig nach, während sich die kranke, unnormale Hüfte in den Gelenken zu drehen und zu bewegen schien.
Lene begann, die Blätter, auf denen Siebert geschrieben, zusammenzulegen und in das Schreibtischfach zu ordnen. Dann breitete sie eine weiße Decke über den Tisch und stellte die Kaffeekanne zurecht, die große Tasse, den Kuchen, die Brotschnitten.
Siebert stand unterdessen am Fenster, hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt, sah in den ©arten hinab und pfiff.
„Ja, mußt Du denn nicht lernen, Lene?" fragte er. „Wo ist denn Mutter, daß Du das Näschen aus den Büchern hebst und ihr Amt versiehst?"
„3um Bahnhof, Herr Siebert. Meine Kusine Minnie kommt die Ferien über zu uns. Mutter hat dem Onkel versprochen, Minnie direkt am Zug in Empfang zu nehmen ..." ,
„Na, das ist nett. Besuch ist immer nett, schenk ein den Trank! Prost, das Kusinchen soll leben!
Er hob die volle Tasse gegen sie, trank und lachte sie an.
Und die blauen Augen hinter den Brillengläsern sahen selig leuchtend in sein Gesicht, das jung war und braun, mager, schmal, rassig und leuchtend von Jugend und Leben. — .
Es war im Hause immer laut, seit Mimne da war.
Lene, die auch in den Ferien für das Examen lernte, weil sie durch Kränklichkeit viel versäumt, was nachgeholt werden mußte, wurde dadurch sehr gestört. Sie stopfte die Finger in die Ohren und ver- üchte, die Sätze auswendig zu lernen. Sie sprach ie vor sich hin und wurde heiß ukld rot dabei. Da-
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Ich bin verstreut, mein Vater, sammle mich! Sammlung ist Wille nicht, Sammlung ist Gnade. Mich lockt ein feind verräterisch vom Pfade.
Vor diesem feinde, Herr, verrammle mich!
weh, seine Rrähenvögel sendet er.
Sie fahren kreuz und quer vor meinen Sticken. Und will ich mich zu deinem Dienste schicken, Mein Ohr mit fMsterstimmen blendet er.
Und aus mir selber surrt sein Votenschwarm Der Wahnbegierden und der flbgedanken. Sammlung ist Gnade! Leben, ach, nur Schwanken Mit einem augenlosen Totenschwarm.
Ich bin bereit, mein Vater, rufst du mich!
Ich sehe deine Räume, deine Hage.
Die Welt ist, die sie grün mir rauscht, die frage.
Und um der Antwort willen schufst du mich.
Ich will ste geben, Herr! Versenke du Mich in die Vrandung deiner tiefsten Stillen ! saß nicht des feindes (Duellen aus mir quiUeu, Und wenn i ch denke, Vater, denke du!!
ä Mit besonderer Genehmigung des
Ix „Jahrbuch 1927“ entnommen. zwischen aber geschah es, daß sie den Kopf wandte und durchs Fenster in den Garten hinabsah. Da hüpfte und tänzelte Minnie um Siebert Herm.:. Ihr blonder Haarknoten hing schon so lose, daß es nicht lange mehr dauern konnte, bis die Nadeln heraus- rutschten und der Zopf herabfiel. Manchmal verschwand Minnies blaues Kleid hinter den Büschen. Dann tauchte es wieder auf, flatternd und verwirrend.
Was sie nur immer im Garten zu tun hallen, de beiden?
Minnie, als Landkind, war gewohnt, im Freien zu fein. Aber Siebert hatte sich in den Jahren, in denen er hier der Mietsherr war, nie etwas aus dem Garten gemacht. Immer Halle er in seinem Zimmer gesessen. Seit jedoch Minnie da war, entwickelte er auf einmal Sinn für Obstkulrur und Blumenzucht, und alle Dinge, mit denen sich Minnie, das Landkind, gern beschäftigte.
Lene nahm die Finger aus den Ohren. Auch wenn sie Minnies Lachen und Plaudern nicht hätte, hatte sie keine Lust zu arbeiten. Unruhe lag in ihrem Blut, in ihrem Sinn. Sie blckte auf den Kalender und ertappte sich beim Zählen der Tage, die Minnie noch hier blieb.
„Ach", dachte sie, „hätte Mutter sie doch nicht eingeladen. Jetzt hat er nur noch Augen für sie."
Sie nahm ihren Bleistift und merkte es gar nicht, daß sie in das Heft vor ihr Namen schrieb. Immer denselben. Siebert. Oder: Erwin Siebert. Bis die Seite zu Ende war und der Bleistift vom Heft auf die Tischplatte glitt.--
Es war Sonntag abend. Sie sahen im Garten. Selbst die Mutter hatte ihre Arbeit liegen lassen; die seidenen Fächer, auf die sie Blumen malte. Denn ihre kleine Witwenpension und die Miete, die Sie- bert zahlte, reichten nicht aus, um Lene über die Jahre der Vorberellung zum Lehrerinnenexamen hinweg zu helfen.
Sie sahen also zu vieren um den Gartentisch, auf dem die rotgewürfelte Decke lag. Muller, Minnie, Siebert und Lene. Lene hatte ein neues Kleid an, das sie sich von ihrem Geburtstagsgeld gekauft, ganz allein, ohne wie sonst Mutter mitzunehmen und ihren Rat einzuholen. Es war aus einem leichten Stoff mit einem lilafarbenen Punktmuster und noch kürzer als die anderen Kleider.
Siebert erzählte. Aber Lene sah es, daß er, während er fein Elternhaus schilderte und das Leben, das er und feine sechs Brüder darin geführt, immer den Blick auf Minnies gesenktem, blondem Haupt ruhen ließ. Minnie stichelle an einem Tuch oder einem Streifen, von dem niemand, vielleicht sie selbst nicht einmal hätte erklären können, was es vorstellen sollte.
Es dunkelte bereits, doch beschloß man, noch ein Weilchen im Garten zu bleiben, weil es so mild hier war, so sonntäglich und friedlich. Siebert wollte etwas vorlesen. Ein paar Szenen aus dem Drama, an dem er schrieb. Lene ging, die Lampe zu holen. Man hörte auf dem Kies ihre ungleichmäßigen, hinkenden Schrllte knirschen. Sie kam an dem Resedabeet vorüber. Da beschleunigte sie ihren Schritt so, als wäre sie auf der Flucht. Hier — hier hatte vor einigen Abenden — sie batte es deutlich von ihrem
Fenster aus gesehen — Siebert die blonde Minnie geküßt.
Als Lene zurückkam, trug sie in den Händen eine kleine brennende Lampe. Am gemeinsamen Tisch hatte sich inzwischen die Szene verändert. Minnie war aufgestanden. Sie schien Siebert und der Mutter einen Tanz vorzuführen. Wenigstens drehte sie sich, bald langsamer, bald schneller um sich selbst, daß ihr Rocksaum um sie herumflog.
Siebert sah ihr zu und lachte.
„Hübsch tanzen Siel Wunderhübsch, kleine Bachstelze!"
In Lenes Händen zitterte die Lampe. Ihr sanftes Herz füllte sich plötzlich mit einem großen Zorn.
Alles hatte sie ertragen. Das Geplänkel der beiden, ihr Lachen, ihr Schwatzen, chr Beieinanderweilen. Auch den Kuß am Resedenbeet. Aber nun, da Sie- jert die Kusine mit dem Namen nannte, mit dem er ie genannt, da er sagte: Bachstelze! Kleine Bach- telze!" verwirrte sich ihr aas Gemüt. Sie hob die
Frajtz Werfe!
Paul Zfolnay-Verlages, Berlin, dem
Lampe und wußte nicht, sollte sie die brennende Lampe auf Siebert werfen oder auf Minnie. Aber bevor sie sich noch entscheiden konnte, glitt sie ihr aus den zitternden Händen und setzte ihr eigenes, neues Kleid in Brand.--
An Lenes Krankenlager saß die Mutter.
Das Mädchen phantasierte. Und aus den zer- quälten, abgerissenen Worten erkannte die Frau, wie sehr das junge Gemüt geliebt und wie tief es gelitten, das durch sein Gebrechen ausgestoßen war âus dem fröhlichen Kreis der anderen, die lieben. Nur langsam gesundete Lene. Als sie, ein wenig matt und schwächlich, endlich wieder durch die Wohnung humpelte, da war das Mietszimmer leer.
Die Mutter sagte, sie hätte Herrn Siebert gekündigt. Lene fragte nicht weller und forsche nicht. Sie nickte nur. Das hieß: „Schön, es ist gut so, Mutter. Du hast mich verstanden. Um neuen Schmerz zu tragen, wäre ich noch zu wund gewesen."
Sie ging am Spiegel vorbei. Da sah sie, daß sie älter geworden war, größer, ernster, bleicher, etwas vergrämt, sogar schon etwas verblüht.
Und sie nickte wieder. Nickte ihrem SpiegelbUde zu, als wollte sie sagen: „Auch das ist gut. Nun bin ich wissend geworden. Nun kommt der Ernst des Lebens und der Alltag."
Dann nahm sie von Mutters Nähtischchen ihre Brille, rieb die Gläser blank, klemmte die schmalen Goldbänder über die Ohren und griff zu ihren Büchern.
Des Aövv Gvas.
Humorstische Skizze.
Als Hans Dippold aus dem Gefängnis kam, konnte er sich in Berlin kaum zurecht finden — kein Wunder, wenn man zwei Jahre in Waldheim gesessen hat!
Zunächst versuchte er vergebens auf eigene Faust irgend welche Geschäfte zu machen, aber es fand sich nichts. Zuletzt versuchte er Zeitungen zu verkaufen, um wengstens für ein paar Tage, was man so einen anständigen Menschen nennt, zu spielen. Wöim auch Kriegsberichte, Tagesblätter und Sonderausgaben begehrt waren, setzte er doch wenig ab, weil er als Anfänger keine Stammkundschaft hatte. Bald war sein letzter Groschen drausgegangen.
Er überlegte, ob es nicht besser wäre, sich wieder auf ein paar Monate einsperren zu lassen. Wenn das Essen nur ein wenig besser gewesen wäre, aber die ewige Mehlsuppe. Dippold schauderte, nenn er an die entsetzlichen Bohnen dachte, die man dort dreimal in der Woche bekam. Wenn er nur einmal vorher irgendwo gut und reichlich zu essen bekäme, einen Nachgeschmack davon mit nach Waldheim, in das graue Elendsleben mit hinübernehmen könnte! Aber darauf war taum zu hoffen. Auf Treu und Glauben, auf fein Gesicht gab ihm, der mehr als schäbig und zerrissen aussah, kein Mensch einen Bissen ohne Geld. Umsonst grübelte er, es fiel ihm nichts ein.
Er bummelte durch den Tiergarten bis an den großen Stern und setzte sich auf eine Bank. Offen- bar werde ich alt backte er. Wie leicht kam er sonst |
auf etwas Gescheites, und ihm fiel nichts ein, was irgend ein oemünftiges Gesicht hatte. Lange brütete er in sich hinein, sein Ausdruck veränderte sich, er nickte ein paarmal, trommelte mit den Fingern auf die Banklehne, stand auf und war entschloßen, sein Glück zu versuchen. Er wartete die nächste freie Automobildroschke ab.
Als der Wagen hieü, blinzelle er dem Fahrer verständnissuchend zu und frug: „Wollen Sie 100 Mark verdienen?"
Der überflog mit einem Blick die merkwürdige Gestalt und überlegte. Ein Mensch, der solch fürstliche Trinkgelder geben kann, läuft nicht in zerrissenen Schuhen und ausgefransten Hosen; das kragenlose Hemd, die schmudoliche Weste, der schäbige Hut — der Kerl war sicher nicht klar im Kopf.
Dippold sah wohl, daß der Mann verblüfft war, und setzte seinen letzten Trumpf. Er reckte sich und sagte mit größter Ruhe: „Erholen Sie sich von Ihrem Schreck. Ich bin Graf Heimburg. Habe gewettet. Es dreht sich darum, ob es mir gelingt, so wie ich dastehe und ohne roten Heller in der Tasche, in einem guten Speisehaus ein feines Frühstück zu bekommen. Geht das, so sollen Sie hundert Mark haben. Der Wirt soll seinen Nutzen haben. Das verlorene Geld wird bei ihm verzehrt. Fahren Sie los."
Der Führer nickte.
„Gewiß, Herr Graf, ich verstehe! Das ist et« glänzender, urberlinischer Witz! Wohin darf ich Sie fahren?"
„Wohin Sie wollen, aber ein vornehmes Speise- haus muß es fein, das ist Bedingung!"
„Paßt Ihnen das neueröffnete Bdrsenrestcmraot, Herr Graf?"
„Schön, fahren Sie!"
Dippold stieg mit großem Anstand in die Antomobildroschke.
Der Lenker fuhr, was die Maschine gab. Als er hielt, sagte er:
„Lassen Sie mich mal vorausgehen, Herr Gras. Ich will erst dem Wirt, Herrn Petrenz, die Geschichte klarmachen, damit alles glatt geht."
Der Wirt fand den Scherz vortrefflich und steckte dem Fahrer ein gutes Trinkgeld zu, um ihn zu ermuntern, ihm noch öfter so feine Herren zu bringen. Dann rannte er zur Tür, um den vornehmen Gast geziemend zu begrüßen und ihm beim Aussteigen za helfen. *
Das Speisehaus war an diesem Tage glücklicherweise voll eleganter Gäste. In der Nähe des Tisches, an oem Hans Dippold Platz genommen hatte, saßen zwei Automobilgrößen, eine bekannte Schauspielerin, ein Luftschiffer, der große Unternehmer und Spekulant Welzmann und Fürst Belgern. Geschäftig eilte der Oberkellner von einem zum andern und flüsterte jeden die spaßhafte Neuigkeit zu.
„Glänzende Maske!" sagte die SchauspiÄerin.
„Und doch Kavalier vom Scheitel bis zur Sohle" näselte der Fürst und lächelte diskret.
Nur der Luftschiffer sah nicht auf, er berechnete eben auf der Speisekarte seinen nächsten Flug. Der Börsianer Welzmann hatte einen reichen Geschäftsfreund aus der Provinz zu Gaste; es lag ihm nid daran, ihn mit seinen Beziehungen zur feinen Wett zu verblüffen.
„Kennen Sie dies Original?" fragte der Provinzler.
„Gewiß, wir sind sogar befreundet."
Er grüßte vertraulich zu Dippold hinüber, d« vom Nebentisch aus lächelnd dankte.
Herr Welzmann unterhielt seinen Geschäftsfreund über die Verhältnisse des Grafen und seine Verwandten und Freunde und ließ so ein bedeutsames Licht auf feine eigenen Beziehungen fallen.
Ganz wohl und geheuer war es Dippold doch nicht in feiner Haut. Der Oberkellner und der Wirt standen schweigend neben seinem Tisch und wartete« auf die Bestellung, und der brave Hans bemühte sich umsonst, die Speisekarte zu entziffern. Nicht wenige Namen der Gerichte waren für ihn mehr als böy- msche Dörfer. Als ihm nichts Besseres einfiel, verlangte er Eisbein mit Sauerkohl. Wer davon erfüll fand, daß der sonderbare Gast feine angenommen« Rolle glänzend durchführte und Herr Petrenz schmunzelte über den spaßhaften Grafen.
Dippold sah wohl, daß man überall heiter war, und freute sich seines Erfolges. Mutiger geworden, bestellte er die ganze Speisekarte von obenan, aß und trank was Zeug hielt, ohne nach rechts oder links zu schauen.
Alles bewunderte seine Eßlust und lachte über die schlechten Gewohnheiten, die er — wie man glaubte, seiner Rolle getreu — beim Essen zeigte.
Dippold war satt, trank noch eine Schale schwarzen Kaffee, kostete eine Auswahl feiner Liköre und füllte sich zuletzt noch auf höchst komische Weise die Taschen mit Importen.
„Die Rechnung", rief er dem^Oberkellner zu und paffte ihm ins Gesicht.
Man brachte die Rechnung auf einem silbernen Teller.
Dippold sah sie lässig durch. Ganze einhundertfünfundvierzig Mark. Das war der Mühe wert.
Er ließ dèn Wirt kommen.
„Bester Herr, jetzt will ich Ihnen reinen Wein einschenken. Ich bin" kein Graf, und die Geschichte mit der Wette war Schwindel. Ich heiße Dippold und bin vor ein paar Tagen aus dem Gefängnis entlassen worden. Bezahlen is nich. Ick habe keinen Pfennig. Lassen Sie auf meine Rechnung einen Schutzmann holen, damit er mich auf die Wache führt?
Der Wirt fand dies als den Höhepunkt des Scherzes und mußte sich alle Mühe geben, Haltung zu bewahren.
„Herr Graf machen das vorzüglich. Ihre Wette ist mit Glanz gewonnen. Ganz fabelhaft!" versicherte er seinem Gast wieder und wieder unter höflichen Verbeugungen.
Da aber Dippold ernst blieb, nicht wankte und wich und keine Miene machte, den Beutel zu ziehen, wurde die Lage doch schwül.
*
Da trat Herr Welzmann, der sich vor seinem schmunzelnden Geschäftsfreund keine Blöße gebe« wollte, dazwischen.
„Machen Sie sich nicht lächerlich, Herr Wirt, sagte er. „Ich selbst habe mit dem Grafen gewettet. Geben Sie die Rechnung- ich bezahle ab