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Samstag den 21 AprN 1927
Nr. 94
Sâe 12
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Von Professor Dr. Otto Ho etzs ch, M. d. R
Die Balkanspannung erinnert in vielem an die Zeit Bismarcks und die Stellungnahme Deutschlands dazu ist wieder ganz so, hat wieder ganz so ^u sein, wie unter dem Fürsten Bismarck. Für uns ist abgesehen von den nicht unerheblichen wirtschaftlichen Interessen dort, ein Balkankonflikt eine Sorge indirekter Gefahr, daß nämlich daran sich eine große europäische Auseinandersetzung enzünde. Aber die Faktoren in diesen Spannungen haben sich doch sehr stark verändert, und darüber heißt es ganz klar zu sein, ganz besonders an den Stellen, wo noch nach alter Weise das Gebiet Südosteuropa als Einflußsphäre oder dergleichen betrachtet wird. Auf den Trümmern Oesterreich-Ungarns und der Türkei ist in Südosteuropa eine Reihe von neuen Staaten entstanden. Allmählich hat sich Europa so daran gewöhnt, daß sie mehr oder minder doch lebensfähig sind, wenn die Besiegten unter ihnen von drückenden Friedensbestimmungen und Verträgen frei werden. Frei, gesichert, unabhängig wollen diese Staaten alle sein, die ja auch alle Mitglieder des Völkerbundes sind.
Es ist nun so: auch Las primitive Albanien ist heute ein unabhängiger Staat. M t seiner Unabhängigkeit vereinigt sich nicht ein Protektoratsverhältnis, wie es Italien anstrebt. Und Frankreich stellt das Problem der Unabhängigkeit dieses Staa- res, genau so wie es der Völkerbund stellen muß. Schon hier gilt das Wort das man sich vor Augen halten muß: der Balkan dem Balkan! Die Geschichte dieser Gegenden ist die der Emanzipation von der Türkei und dann von Rußland, aber auch die Emanzipation der einzelnen Balkanstaaten von einander zu eigener Unabhängigket.
So fühll sich Jugoslawien, innerlich gesund (auch wohl im Gegensatz der drei sich bildenden Rationalitäten nicht in den Lebensgrundlagen bedroht) wohl bedroht durch die zielbewußte Ein- kreisungspolitik Italiens. Und angemerkt fei immerhin, daß im Jahre 1926 der deutsche Warenaustausch mit Jugoslawien in Aus- und Einfuhr je etwa über 80 Millionen Mark betrug, also durchaus nicht verächtlich ist.
Zurückgeworfen ist Bulgarien. Zwar ist es die Militärkontrolle los geworden, aber noch ist keine Ordnung seiner Reparationsfrage vollzogen. Die bulgarischen Kabinette haben in verschiedener Ener- S'e und Auffassung doch alle seit dem Kriege eine erständigung mit Jugoslawien angestrebt. Auch in diese recht schwierigen, aber nicht aussichtslosen Ideen stößt eine italienische Politik hinein, die auch in Sofia Bundesgenossen sucht.
Je isolierter Jugoslawien wird, umso weniger hat Griechenland ein Bündnis mit ihm nötig. Heute ist doch recht zu bedauern, daß die gerade von Athen ausgegangene Anregung eines Balkanlocarnos nicht vorwärts gekommen ist Griechenland wünscht die Unabhängigkeit und Integrität Albaniens. Mit der Türkei und Bulgarien ist es am Ende aller Auseinandersetzungen im bekannten Austausch der Be
völkerung. Das griechisch-jugoslawische Abkommen über Saloniki aber ist über den jetzigen Verwicklungen zurückgestellt.
Am wenigsten in sich konsolidiert ist Groß-Ru- inänien, dessen verschiedene mit Kriegsausgang zusammen gekommene Teile schon geographisch und ethnographisch nach allen Seiten auseinander streben und das halb zu Südosteuropa und halb zu Osteuropa gehört. Die Agrarreform hat seine wirtschaftliche Position erschüttert. Die Halbdiktatur (Averescu) vermag hier so wenig wie überall sonst, positiv vorwärts zu kommen und man fürchtet nach dem zu erwartenden Ableben des Königs einen Streit um den Thron und die Regentschaftsfrage. Darüber haben sich der gestürzte Braftanu und Averescu zusammengesunden, aber es ist fraglich, ob die Armee und die Bauernpartei, die beide am Prinzen Carol festhallen, sich ohne weiteres einer Regentschaft unter der Königin und diesen Männern fügen. Das kann wieder von dieser anderen Stelle aus die Balkanverhältnisse erschüttern und immer bleibt bei alledem die offene Wunde Bessarabien, die auch nicht durch Italiens Anerkennung einer Annexion durch Rumänien aus der Welt geschaffen ist. Das Land halb und halb rumänisch und russisch, das bekanntlich im 19. Iahrhun- dert vielfach seinen Besitzer gewechselt hat, steht unter schärfster Polizei-Herrschaft, und drüben auf der anderen Seite des Dnejster zieht wie ein Magnet die „moldavanische" Sowjetrepublik auf rusfi- ichem Boden an.
Ungarn hat durch Dölkerbundanleihe seine Fi- nanzen leidlich saniert und ist seit dem 31. März auch von der Abrüstungskontrolle frei gekommen, am 15. Mai verläßt auch hier die Ueberwachunas- kommission das Land. Aber schwer liegt auf ihm der Frieden von Trianon, die Einpressung durch die Staaten der kleinen Entente und die Verstümmelung des alten ungarischen Königreiches. Die kluge, und wenn es sein muß, rücksichtslose, aber höchst gewandte Herrschaft Gras Bethlens, die mit großem Geschick das Spiel mit der Halbdiktatur vermeidet und dabei doch außerordentlich stark herrscht, steuert durch die inneren Schwierigkeiten auch der Königsfrage geschickt hindurch, sie hat mit dem italienischungarischen Vertrag vom 5. April einen bemerkenswerten Erfolg auch nach außen erzielt. Es ist ein Freundschafts- und Schiedsvertrag bekannter Art, mit besonders warmer Einleitung und ohne Er- wähnung des Wortes Völkerbund Er wirkt natürlich wie der Anschluß «Ungarns an das italienische System. Aber das wäre eine Uebertreibung, weil Gras Bethlen durchaus nicht denkt, zwischen Jugoslawien und Italien eine für das machtlose Ungarn gefährliche und völlig 'mnütze Option zu uolltteben. Der Anschluß wirkt, als ob Unga-m ein Fenster aufrisse und wieder an die Luft tarne, und er wirkt so, als wenn Italien einen Bundesgenossen erhalten hätte, aber die Wirkung ist moralisch, dagegen machtpolitisch ohne besonderen Wert.
Oesterreich steht vor den Wahlen am 24. April. Sein Staat ist durch die bekannte Völkerbundsanleihe saniert, seine Wirtschaft nicht, weil sie niemals saniert werden kann. Das lebensfähige Staatswesen gerät immer stärker in eine Stagnation, die sich auch recht unerfreulich in einzelnen Korrupttonserscheinungen äußerte. Vom Anschluß ist es still geworden, wie auch das Land eine eigene Außenpolitik gar nicht treiben kann. Wir wollen die An chlußfrage auch gar nicht forzieren. Denn auch nach unserer Meinung hat Graf Bethlen durchaus recht, wenn er kürzlich sagte, er würde sich nicht wundern, wenn die Vereinigung Oesterreichs mit Deutschland sich in 20 Jahren automatisch vollziehen würde. Wir glauben sogar, daß es bestimmt nicht 20 Jahre dauert, bis diese Frage ganz von selbst auf Deutschland zukommt, die ohne Zustimmung Italien«- und der Tschecho-Slowakei gar nicht zu lösen ist.
Die Tschecho-Slowakei, wirtschaftlich ja gesund, industriell sogar übergesund, hat seit längerem ein bürgerliches Kabinett aus Tschechen, Deutschen und Slowaken, das sich soeben mit der Annahme der Wehrvorlagen einheitlich bewährt hat. Rationale Vorteile hat bas Deutschtum davon nennenswert oder erkennbar nicht davon getragen. Es ist bisher nur mehr ein" Atempause für die Sudetendeutschen gegenüber dec Entnationalisierungs- und Zermürbungspolitik der Tschechen. Weiter aber kamen zusammen die Locarnoverträge einerseits und die Bildung dieses ersten Nationalitätenkabinetts andererseits. Weitblickende Männer in beiden Lagern, wie der deutsche Minister Svina und der tschechische Politiker Kramarz haben die Folge aus dieser Wendung erkannt, der sich der Außenminister Benesch ohne Zweifel anschließt. Denn nun ist das gegebene für diesen Staat eine immer stärkere Verständigung mit Deutschland, eine Orientierung zu Deutschland zu finden, für die Brücke zu sein die historisch-politische Mission der Sudetendeutschen ist.
Dann aber dreht sich die Tschecho-Slowakei ge- wissermaßen aus der Kleinen Entente heraus, die zugleich durch die italienische Politik ausgehöhll wird und den Boden unter den Füßen verliert, womit sie eigentlich den Mittelpunkt verloren hat. Tritt etwa eine Donaufö deration an chre Stelle? Wir glauben nicht, weil wir glauben, daß das, was Frankreich 1919 und in den folgenden Jahren nicht
hat durchführen können, heute erst recht nicht mö lich ist, weil die Selbständigkeit dieser Staaten d gegen viel zu groß geworden ist. Werden sie nu einzeln, getrent von einander, ein paar Quadcc kilometer zusammengehalten durch die kleine E tente, weiter marschieren? Werden sie Gegensiai der Rivalität von Großmächten, also in erster Lui Frankreichs oder Italiens, sein? Das glauben m erst recht nicht!
Wie man auch zum Krr/g an dieser Stelle ui seinem Ausgang stehe, er hat diese ^Nationalität, von früherer Herrschaft entbunden. Sie haben d, Willen und auch die Fähigkeit zum eigenen Lebe Sie haben aufgehört, Gegenstand der sozusag, Kolonsation anderer Mächte zu sein. Woran kli gen diese Worte an?
An jene Botschaft Monroes und das Schla wort: Der Balkan dem Balkan, ist hier dassell was die Monroedoktrin für Nordamerika ist.
Nicht überall in den europäischen Kabinetten das ganz klar, wo man noch schwankt zwischen d
Anerknnung der Selbständigkeit bis er Staatenwc Südosteuropas, und ihrer Benutzung für die Maä gegensätze der Großmächt. Wir glauben, daß di letztere nicht gelingen wird. Auch nicht Italien, bl auf dem Balkan kein Abflußgebiet für seinen Me schenüberschuß findet. Es kann doch nur ein All marschgebiet finden, einen Krig von dort aus entzünden ist nicht so übermäßig schwer. Die E fahr durch Derhandlungn zu beschwören, ist schi schwerer. Noch schwieriger scheint zu sein, daß m« bei den Großmächten wirklich erkennt, wie man selbst diesen Staaten zur Selbständigkell verhol hat, un i oaß man ihnen hilft, über schwierige 3M einzelung und Gegensätzlichkeit hinwegzukommen einer höheren Vereinigung in Form einer Verbi dung, die dem einzelnen Staat Unabhängigkeit lä und doch di geographische und wirtschaftliche C meinsamket durchsetzt. Das wäre die Aufgabe ein Italiens, das seine Mission erkant hätte, nicht ab .in Vorstqß in alter Manier. Und dafür müßt die übrign Großmächte sorgen, statt in der Behan lung des albanischen Konfliktes die Zügel schleifen zu lassen, daß sie mit einem Male bei de Vorstoß Mussolinis vor einem großen europäisch! Konflikt überhaupt standen.
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