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Arettag den 8. April 1927

Seite 3

Nr. 83

Lokales.

Hanau, 8. April.

^ei (Strafe verboten^.

I Früher pflegten Fremde, die nach Deutschland kamen, immer und immer wieder den Scherz za machen: man wisse erst, daß man in Deutschland sei. wenn man die Warnungstafeln sähe. Uebsrall waren diese Tafeln zu finden, sind sie auch heute noch zu finden. Der Fremde bemerkte sie nur leich­ter, west er sie bei sich nicht kannte. Wir wuchsen mit chnen auf, höchstens störten sie bei schönen photographischen Aufnahmen. Man dachte, dieser Pfahl mit seinem beschriebenen Brett brauchte auch ückt gerade vor der bunten Blumenwiese zu stehen. Schließlich photographieren aber nicht alle Leute, unb die Gewohnheit der Warnungstafeln war uns zur zweiten Natur geworden.

. Ich muß offen gestehen, daß ich niemals ge­lesen habe, was auf den Warnungstafeln stand. Ich hatte wohl eine Ahnung davon oder einen Instinkt dafür, daß ich die Anlagen nicht betreten dürfte, wenn ich die Tafeln sah. Außerdem stand ein Po­lizist unmißverständlich in der Nähe. Daß man an bestimmten Stellen eines Flusses nicht baden sollte, wurde einem auch plausibel, wenn man solch wei­ßes Schild erblickte. Manchmal mag auch nur daran gestanden haben, daß man nicht in die benachbar­ten Erdbeerfelder gehen dürfe, weil Fußangeln ge­legt seinen. Wie gesagt, ich habe die Tafeln nie ge­lesen, auch wenn ich als Publikum angeredet und mir der Schutz der Anlagen ans Herz gelegt wurde.

Aber es geht jetzt eine Veränderung damit vor sich. Wieder haben die Fremden es zuerst bemerkt. An den Warnungstafeln, die nach wie vor da sind, beginnt zu stehen, daß nicht dieses oder jenesver­daten" ist, sondern daß manbittet", einen Platz, eine Schonung oder ein Gebäude nicht zu betreten. Mit anderen Warten: wir werden höflicher. Die deutsche Oeffentlichkeit gebraucht nicht mehr die grellen scharfen Ausdrücke und den Wink zum Poli­zisten hin. Sie ist dezenter geworden. Das Publi­kum scheint die Warnungen' doch nicht gelesen zu haben, und nun versucht man es andersherum.

Man atmet auf. Hier ist einer der Fälle, wo tatsächlichweniger mehr" ist. E. S.

Das große Lew.

In einem Rhönstädtchen war es an einem Sonn­tag nachmittag. Der Himmel von dunklen, schweren Wolken verhangen. Der schmale Raum vor dem Bahnhof mit Menschen dicht gefüllt. Männer mit bunten Bändern am Hut, Frauen in halb städtischer, halb ländlicher Tracht. Schwermütiger, feierlicher Ernst ruht auf den Gesichtern, gilt es doch Abschied zu nehmen, vielleicht für immer. Junges, hoffnungs­frohes Volk verläßt die heimatliche Scholle, nicht aus Abenteurerlust oder gelockt und verführt von erträumten Schätzen einer fremden Welt, sondern die Not, die große deutsche Not, treibt es aus dem Land seiner Jugend, aus dem Elternhaus, von dem Fleckchen Erde, in dem es mit seinem urwüchsigen Wesen wurzelt, an dem es mit jeder Faser seines Herzens hängt, obwohl der Boden nur widerwillig das Notwendigste zum Leben hergab.

In Gruppen stehen sie zusammen, die Familie, die Sippe, Freunde und Bekannte. Es gilt die weni- aen Minuten noch auszukosten; ein ganzes reiches Leben, Vergangenheit und Zukunft, drängt sich in Augenblicken zusammen und schasst sich Ausdruck in unbeholfenen Worten voll ursprünglicher Tiefe. Als wenn der Zugführer sich scheut, dieses letzte traute Geben und Nehmen durch schrillen Pfiff zu stö- ren, läßt er den Zug über die Abfahrtszeit hinaus hasten. Schließlich aber muß geschieden sein. Ein Gesangverein singt ein schlichtes, ergreifendes Lied von Heimat, Fremde und Wiedersehen. Dann ein letzter herzlicher Händedruck, ein letzter weher Blick aus tränenumflorten Augen, und langsam setzt sich der Zug in Bewegung. Betagte Eltern sehen ihre Kinder, ihren Stolz und die Hoffnung ihres Alters hinausfahren, einer dunklen ungewissen Zukunft ent­gegen. Diese Stunde schlägt ihrem Herzen eine Wunde, die vielleicht niee mehr verheilt. Eine feine, klingende Saite ist in ihnen zerrissen. Ein ergrauter Vater kann sich nicht losreißen, er fährt noch hun­dert Meter mit und springt dann schnell ab.

Wehende Tücher tragen noch einmal Scheldegruße hin und her, weit lehnt sich ein junges Mädchen ZUrn Fenster hinaus unb winkt so lange, bis eine -Biegung den Bahnhof ihren Blicken entzieht. Dann drückt sie den blonden Kopf in die Ecke und ein bitterliches Schluchzen durchschüttert ihren schlanken Körper. Burschen starren mit zusammengepreßten Lippen vor sich hin, andere suchen durch überlautes Reden die Stimme des Herzens, des Blutes, zum Schweigen zu bringen. Junge Eheleute schmiegen sich fest und innig aneinander. Sie wissen, der Kampf wird schwer, aber in treuer Liebe hoffen sie mit vereinter Kraft aller Hindernisse und Schwiengkei- ten Herr zu werden. . , m _

Diesem namenlosen Leid, diesem Verlust wert­vollster deutscher Bolkskraft müssen wir in ohnmäch­tiger Erbitterung zusehen. Wem fällt da nicht das höhnische Wort Clemenceaus ein von den zwanzig Millionen Deutschen, die es zuviel gibt! Wieviel Dual und Sorge springt auf in deutschen Herzen, die ihr Liebstes und Bestes hergeben müssen, weil ein unersättlicher Feind unserm Volk den Lebensnerv durchschneiden will.

Wir lesen und hören so viel von Auswanderern, daß wir fast abgestumpft sind gegen den ganzen Jammer, der sich dahinter verbirg!. In fremdem Volkstum gehen diese Enterbten und Entrechteten unter, manche finden, zerrüttet an Leib und Seele, den Weg in die Heimat zurück, die sie dann mit lee­ren Augen anschaut.

Das große Leid überwinden wir nur dadurch, daß wir Siedlungsland schaffen und die Rückgabe unserer Kolonien durchsetzen, die die überschüssige Kraft wurzelechten Bauerntums aufnehmen können, daß es sich hier auswirke im Dienste und zum Se­gen unseres Vaterlandes. Ig.

Gieissn des SSMs.

Die anhaltenden Regenfälle in den letzten Ta­gen haben die Flüsse und Bäche schon wieder ganz erheblich anschwellen lassen. Die Kinzig ist beträcht- ich gestiegen, ohne jedoch bis jetzt eine Gefahr zu nlden. Sie führt lehmig gelbes Wasser. Der Krebs- rad) ist aus den Ufern getreten und hat einige Wie- en überschwemmt. Der Höhepunkt des Steigens cheint jedoch schon überwunden zu sein. So werden aus Wirtheim folgende Wasserstände gemeldet: 6. April abends 2,40 Meter; 7. April früh 2.97 Meter (Höchststand); 7. April abends 2.89 Meter; 8. April früh 2.76 Meter.

Der Main ist vom 6. zum 7. ganz rapib ge­stiegen und steigt noch auf der ganzen Lime. Es wurden gemessen in Schweinfurt gestern 2,54 Meter, heute 3,28 Meter, Würzburg gestern 1.95 Meter, heute 2,96 Meter; Lohr gestern 2.52 Meter, heute 3,08 Meter; Miltenberg gestern 2,36 Meter, heute 2,67 Meter; Aschaffenburg gestern 2,73 Meter, heute 3,00 Meter. Hochwasser­gefahr besteht jedoch weder bei Kinzig noch Main.

Auch Rhein und Mosel steigen. Die Lahn ist bei Limburg in den sogenannten Auwiesen schon etwas über die Ufer getreten. Die Schiffahrt ist überall noch im Gange. Die Stauwehre sind zum besseren Durchlaß der Wassermengen etwas gelichtet, aber noch nicht vollständig niedergelegt worden. Ein grö­ßeres Ausufern des Mains ist in den nächsten Tagen nicht zu erwarten. Der Hochwasser-War­nungsdienst ist noch nicht ausgenommen worden.

rrrwtsrnre« mv LAuftSuntevvkwt in VolksfEttSeè».

Am 26. März 1927, dem hundertjährigen Todes­tage Beethovens, hat der preußische Kultusminister Dr. Becker die neuenRichtlinien für den Musik­unterricht in Volksschulen herausgegeben. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst erfährt, steht dieser Erlaß in engster Berbindung mit den in den letzten Jahren erschienenen Richtlinien für die höheren Lehranstalten und für Mittelschulen, zu denen er die Ergänzung und gleichzeitig die notwendige Voraus­setzung bildet. In der Grund- und Volksschule muß das Fundament der musikerzieherischen Arbeit ge­legt werden, wenn die Anforderungen der höheren Schule erfüllt werden sollen und die Musik über­haupt als lebenserfüllte Macht zur Geltung gelan­gen soll. Nachdrücklich betont daher der erste Ab­schnitt des Erlasses, daß der Musikunterricht (diese umfassendere Bezeichnung tritt an Stelle von Ge­sangunterricht) in wechselseitige Beziehung zum ge­samten Unterricht treten muß.

Als Ziel des Musikunterrichts bezeichnet der Er­

laß,das Leben der Schüler mit Freude und Froh­sinn zu erfüllen, Lust und Liebe zur Musik zu er­wecken und auf diese Weise den Kindern den Weg in die Welt des deutschen Liedes und der deutschen Musik zu bahnen." Nicht das äußerlich vollkommene Resultat, die korrekte Leistung darf in der Gestal­tung des Musikunterrichts maßgebend sein, sondern die Erschließung der musikalischen Kräfte und An­lagen unter dem Gesichtspunkt einer harmonischen Bildung der Jugend.

Ein dritter Abschnitt, der sich mit den Metho­dischen Bemerkungen befaßt, geht von den psycho­logischen Grundtatsachen des Musiklebens aus, dem Beobachten und Aufnehmen musikalischer Eindrücke, dem Nachbilden und eigenen Finden. Don der Stufe des naiven Hörens und Gestaltens muß in ununter­brochener Entwicklung der Weg zum lebendigen Er­fassen musikalischer Vorgänge und ihrem anschau­lichen Verständnis weitergeführt werden. Nach wie vor findet der Musikunterricht seine stärkste und sicherste Stütze im Gesang, dem von technischer und seelischer Seite her die größte Aufmerksamkeit zuzu­wenden ist, wobei die wissenschaftlichen Erfahrungen der Stimmpsychologie wichtige Hilfsdienste leisten werden (Stimmgrenze, Stimmprüfungen, Atmungs-, Ton- und Lautbildungsübungen).

Das eigene Singen ist zugleich auch die sicherste Gewähr für eine Gehörbildungslehre, die danach strebt, die musikalischen Eindrücke bewußt erfassen zu lernen. Sie findet ihre notwendige Ergänzung in der rhythmischen Erziehung, die berufen ist, Musik auch körperlich in Gestalt umzusetzen und die Freude am Volkstanz zu erwecken. All diese verschiedenen Gebiete der Musikerziehung sind aber nicht als iso­lierte Bestandteile, als Element im Sinne Pesta­lozzis aufzufassen, sondern als untrennbare, stets vereinte Glieder eines Ganzen. Selbstverständlich herrscht auch in den Volksschulmusikrichtlinien Me­thodenfreiheit, doch wird darauf hingewiesen, daß wenigstens an derselben Anstalt eine einheitliche Regelung erstrebt werden muß. Auch wird empfoh­len, den Uebergang zur Notenschrift ohne Starrheit etwa im zweiten öder dritten Schuljahr vorzuneh­men. Die Noten sollen dem Schüler nicht rätselhafte Runen bleiben, sondern Zeichen, mit denen er selb­ständig umgehen kann. Ihre Verwendung wird na- mentlkch bei den Erfindungsübungen, die die An­regung der kindlichen Phantasie zu eigenen musika­lischen Formen geben, in Frage kommen.

Das selbständig erworbene Sigengut wird das Verständnis für das fremde am sichersten erwecken. Das Liedgut der Schule nimmt von Kinderliedern und Kinderspielen, Reigen und Tanzliedern feinen Ausgang und führt in logischer Folge zum neueren deutschen Volks- und volkstümlichen Lied, wobei dem Heimatlied besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird. Nur in günstigen Fällen ist das alte deutsche Volkslied und das Kunstlied heranzuziehen, ebenso soweit etwa Erwachsene hinzugezogen werden können das Singen mit Instrumentalbegleitung. Neben einstimmigem Gesang ist mehrstimmiges Singen (homophon, polyphon, Kanon!) zu pflegen.

Neben der spontanen Freude am Musizieren darf aber auch die ernste, gewissenhafte Arbeit nicht zu kurz kommen. Es gilt, ein tieferes Musikverständ­nis an^ubahnen und die Schüler zum Begreifen und bewußten Ausnehmen der musikalischen Auedrucks- mittel zu führen. Vertieft kann dieses Musikvcrständ- nis werden durch gelegentliche Einführungen musik- geschichtlicher Art, durch gemeinsamen Konzertbesuch und Anregungen für den Lesestoff.

Die Beschäftigung mit musikalischen Fragen kann durch die Instrumentalmusik fruchtbare Anregungen erhalten, wenn es gelingt, die Schüler, die sich im Privatmusikunterricht eine gewisse Fertigkeit ange- eignet haben, zu gemeinsamem Musizieren zu ver­einigen. Aus diesen Gruppen kann dann auch eine engere Verbindung zwischen Schule und Elternhaus in musikalischer Beziehung entstehen. Wertvolle Ge­sichtspunkte hierfür vermittelt der Schluß der metho­dischen Bemerkungen des Erlasses. Es ist selbver- ständlich, daß die Durchführung der Richtlinien zu Anfang noch auf manche Schwierigkesten stoßen wird. Eine Erleichterung ist insofern vorgesehen, als der Minister für jede Provinz einen hauptamt­lichen Fachberater für den Musikunterricht zu er­nennen beabsichtigt. Es wird von der verständnis­vollen Arbeit dieser Fachberater sowie von der gleichfalls vorgesehenen Einführung musikalischer Fortbildungslehrgänge abhängen, wie weit die Durchführung der Richtlinien schon in nächster Zeit möglich wird.

* Johanneskirche. Heute abend 8 Uhr findet der letzte Passionsgottesdienst durch Herrn Kreispfarrer B ä r statt. Text: Mark. 15, V. 4247.

* Niederländische und Wallonische Gemeinde. Am kommenden Sonntag, 10. April, findet die Wahl der Aeltesten und Diakonen der Niederländi­schen Gemeinde statt und zwar nach dem gemein­samen Gottesdienst bis 11% Uhr. Wegen der Wahl fällt der gemeinsame Kindergottesdienst der kleinen Kinder aus.

* Schwurgericht. Die nächste Schwurgerichts­periode am Landgericht Hanau beginnt am 2. Mai. Den Vorsitz wird Herr Landgerichtsdirektor Becker führen. Bis jetzt sind 3 Meineidsfälle zur Aburtei­lung angesetzt.

* Die Lohnverhandlungen in der Edelmetall­industrie. Gestern nachmittag fanden unter dem Vorsitz des Schlichters Gewerberat Schilling Ver­handlungen zwischen der Ortsverwaltung des Me tallarbeiterverbandes und dem Arbeitgeberverband über den Tarif der Gold- und Silberarbeiter statt. Eine Einigung wurde noch nicht erzielt. Der Metall arbeiterverband schlug vor, den Stundenlohn um 7 Pfg. zu erhöhen und den Urlaub wie vor zwei Jahren zu gewähren. (Im Vorjahr war nur die Hälfte gewährt worden.) Diese Vorschläge werden einer am Montag stattfindenden Versammlung der Arbeitgeber vorgelegt. Die Entscheidung dieser Ver­sammlung soll am Dienstag morgen dem Metall arbeiterverband mitgeteilt werden.

* S chülermonatskarlen für Lehrlinge. Bekannt lich werden Schülermonatskarten zur Fahrt zwischen dem Wohn- und Schulort an die Studierenden der Universitäten und Handelshochschulen, an die Schü­ler der höheren Lehranstalten, Kunstgewerbeschulen, Handelsschulen usw. ohne jede Altersbegrenzung ausgegeben. Es war daher ein unbillige Härte, wenn gewerbliche und kaufmännische Lehrlinge diese Vergünstigung mit Vollendung des 18. Lebensjahres verloren. Die Zahl derjenigen, die ihre Lehrzeit erst mit 19 oder 20 Jahren und noch später beenden, ist durchaus nicht klein und noch dazu im Wachsen begriffen. Der Reichsausschuß der deutschen Jugend­verbände versuchte daher auf Anregung der Jugend- abteilung des Deutschnationalen Handlungsgehilfen. Verbandes schon vor zwei bis drei Jahren, allen Lehrlingen den Genuß der Schülermonatskarte für die Dauer ihrer Berufsausbildung zu verschaffen. Leider hat die Deutsche Reichsbahngesellschaft diesen Wünschen bisher nicht entsprochen; immerhin wird es aber als ein Fortschritt begrüßt werden, daß die Altersgrenze jetzt auf 20 Jahre erhöht wurde. Schülermonatskarten werden also nunmehr an alle Lehrlinge unter 20 Jahren ausgegeben, die nach einem 'schriftlichen Lehrvertrag in der Berufsaus­bildung stehen.

Die Hanauer Kleinbahn läßt am kommenden Palmsonntag auf der Strecke HanauHüttengesäß sechs Züge verkehren und zwar vormittags ab Hüttengesäß 7.10 Uhr, ab Hanau 8.25 Uhr; mittags ab Hüttengesäß 12 Uhr, ab Hanau 1.15 Uhr; abends ab Hüttengesäß 6.30 Uhr und ab Hanau 7.30 Uhr.

* Das Kalken der Obstbäume. Das Kalken der älteren Obstbäume ist sehr nützlich und sollte mehr und mehr durchgeführt werden. Es hat allerdings nur dann volle Wirkung, wenn die Rinde vorher mit einer scharfen Baumscheere von Flechten, Moo­sen und loser Barke gründlich gereingt wurde. Ser Kalk tötet dann die noch etwa übriggebliebenea Schädlinge vollständig ab. Er reizt aber auch die Rinde zu neuem Leben an, die Rinde behandelte? Bäume ist im nächsten Jahre wieder schön glatt unt gesund.

* Schuh den Feldern und Wiesen. Mit dem Be­ginn der wärmeren Jahreszeit werden häufig Aecker und Wiesen von Unbefugten betreten, um Blumen zu pflücken oder den Weg abzukürzen. Der dadurch den Besitzern entstehende Schaden ist oft sehr er heblich. Die Feldpolizei weist deshalb darauf hin daß das unbefugte Betreten von Wiesen, bestellten oder mit Warnüngszeichen (Strohwischen) versehe nen Aeckern strafbar ist. An die Eltern wird die drin gende Mahnung gerichtet, ihre Kinder von solchen llebettretungen' abzuhalten.

* 25jähriges Arbeilsjubiläum. Morgen, Samstal feiert Herr Wilhelm Stürmer fein 25jährigcc> Arbeitsjubiläum als Etuismacher bei der Firma Zeh & Schien.

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Roman von Alfred Schirokauer.

8. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Weil es unheimlich märe"; entgegnete sie plötz­lich ernst. Dann wären Sie doch mein Doppel­gänger mein geistiger. Daß Sie Mozart so in­brünstig lieben wie ich, habe ich heute früh gesehen. Und jetzt dies mit Händel! Seitdem ich angefangen habe, Musik zu studieren, habe ich Händels Opern geliebt wie seine Oratorien. Und seitdem ich in Wien an der Oper bin, habe ich Weingartner immer wieder gedrängt, eines dieser unsterblichen Werke, die uns leider doch gestorben sind, aufzuführen. Und Sie haben es nun in London durchgesetzt" Sie unterbrach sich und sah ihn scharf und prüfend an. Ja, wieso denn, wer sind Sie eigentlich, Sie un­heimlicher Mann?"

Da gestand er leichtbin:Ich bin Prinz Henry Maurice von Hardnow."

Erst jetzt gedachte sie der schönen, liebenswür- bigen Prinzessin, die ihn zur Bahn beglestet hatte. Sre sah ihn einen Augenblick atemlos an, nickte vor sich hin, als begreife sie nun alles, und sagte: Ach so, Königliche Hoheit!^

Den Kopf schüttelnd, wehrte Henry: "Lassen Sie bitte die Königliche Hohest beiseite. Sehen Sie in mir nur einen ergebenen Bewunderer Ihres Genies."

Da entgegnete sie in der aufrichtigen Beschei- denheit, die ein Teil ihres Wesens war:Meine Stimme ist kein Verdienst, sie ist eine Gabe der All­macht, die mir anoertraut ist, die Menschen zu be­glücken."

Aber was haben Sie mit eisernem Fleiß aus dieser Gabe gemacht!"

Hat man nicht die heilige Pflicht, einen Ede^ stein, den ein gütiges Geschick uns in den Schoß legt, zum Brillanten zu schleifen?!"

Daß Sie das fühlen, macht Sie zu dem großen Menschen, der Sie sind."

Sie hob dämpfend beide Hände.

Sie schwiegen. Der Kellner brachte einen neuen Gang, dann knüpfte sie wieder den abgerissenen Faden des Gespräches an.

Sie haben also die Aufführung derOttone bewirkt!"

Ich habe lange Jahre in Buckingham Palace und im Fitzwilliam-Museum in Cambridge Händels Manuskripte studiert und erkannte genau das, was Sie vorbin sagten, daß hier ein unerschöpfter Quell von Schönheit sprudelt. Mein Liebling wurde dieserOltone", der eines feiner melodiösesten und an köstlichen Einfällen reichsten Werke ist, und zu Händels Zeiten seine volkstümlichste Oper war. Da habe ich einmal, was ich sonst nicht gerne tue, aus musikalischen Gründen den Einfluß meiner Stellung in die Wagschale geworfen. Am 12. Januar 1723 ist derOttone" zum ersten Male im Hay-Market- Theatre in London aufgeführt worden. Ich bear­beite Rich, ihn zur zweihundertjährigen Feier wieder hervor zu holen. Ich versprach ihm, die ganze Lon­doner Gesellschaft dafür zu begeistern. Ich erklärte ihm, es würde die Sensation der Saison werden, endlich willigte er ein, den Versuch zu wagen. Dann reiste ich nach Deutschland. Und nun höre ich zu meiner freudigsten Ueberraschung, daß Sie die Rolle fingen, bié vor zweihundert Jahren die große Francesca Cuzzoni gesungen hat.

Sie nickte, in Sinnen verloren.Seltsam ist das Leben", sprach sie leise vor sich hin.Aber alles an meinem Leben ist so wundersam. Wie ich plötzlich über Nacht berühmt wurde, eigentlich aus dem Wchts heraus, aus den kleinsten Verhältnissen mit emem Male eine der gefeiertsten Sängerinnen. Manchmal begreife ich selbst nicht recht. Und jetzt das mit Ihnen, wie wir uns hier begegnen, und im Grunde sind Sie der Urheber dieser Erfüllung emer seiner innigsten Sehnsüchte, in der Händel- fcben Oper zu fingen. Und in London, wo Händel gelebt, und in dem Theater, in dem er selbst diese Oper dirigiert hat"

Das Abendessen war zu Ende. Sie gingen zu- ruck in ihren Wagen, standen im Korridor und sprachen noch lange. Er erzählte Händelanekdoten, die sie nicht kannte, berichtete von der ersten Probe besOttone".Die Cuzzoni war gerade nach Lon- gekommen. Sie galt neben der Faustina als erste Sängerin der Zeit. Bei dieser Probe kam es Zu einem heftigen Auftritt zwischen ihren Prima­donnenlaunen und dem cholerischen Komponisten. Sre weigerte sich, die bezaubernde ArieFalsa maglne, die Händel ausdrücklich für sie kompo­niert hatte, zu singen. Weigerte sich aus irgend­einem albernen, hochmütigen Grunde. Da packte ihn eme irrsinnige Wut. Er mar ein großer, starker Mann. Er packte die fleine, freche Person, hob

sie empor, trug sie zum Fenster und hätte sie hinaus geworfen, wenn sich das Orchesterpersonal nicht da­zwischen geworfen hätte. Zornfunkelnd schüttelte er ihr beide Fäuste ins Gesicht und schrie:Ich weiß, Signora, daß Sie ein Teufel sind. Aber ich werde Ihnen zeigen, daß ich Belzebub, der Fürst der Hölle bin/'

Sie lachte fröhlich, und in ihrem Lachen wor­ein Hauch vom Zauber ihrer Stimme:Hoffentlich geht es mir nicht ebenso mit Rith", sagte sie schalk­haft.

Haben Sie auch Primadonnalaunen?" Bielleicht."

Sie standen dicht beeinanber am Fenster des Korridors. Der Zug brauste und donnerte durch die Nacht. Bisweilen flitzte er schleudernd über Wei­chen. Dann wurden sie gegeneinander geworfen, suchten aneinander Halt und lachten. Und wenn sie wieder lange, ebene Strecken dahinratterten, standen in dem erleuchteten Viereck des Fensters, das auf dem dunklen Hintergründe der Nacht und des schwarzen Landes vor ihnen dahinflog, dicht neben­einander die scharfen Schattenrisse ihrer Köpfe.

Sie sprachen über Musik und fanden mit der Freude geistiger Verwandschaft die gleichen Lieb­linge unter den Komponisten unb ihren Werken. Schon in dieser ersten Nacht schlugen sich Brücken zwischen ihren Gemütern, weil sie sich begegneten in dem, was ihnen das Teuerste und Wertvollste ihres Lebens war.

Später lag er in der Koje feines Abteils und dachte an die blonde, schöne, deutsche Prinzessin, deren vertrautester Freund er in dem Augenblick geworden war, als er sie für immer verlor. Und dachte Ian das dunkle, geniale Mädchen, das durch eine dünne Holzwand von ihm getrennt im Schlum­mer lag. Er sah wieder ihr durchgeistigtes, wech­selvolles Gesicht, die Trauer in den Augen, die plötzlich einem kindlichen Lächeln wich, hörte ihre klingende, vibrierende Stimme und verdämmerte in guten, wohligen Gedanken an sie. Er erwachte erst, als der Schlafwagenschaffner gegen die Tür klopfte und rief:

Luckenwalde, eine Stunde bis Berlin!"

Ws er aus der Kabine in den Gang trat, stand Bettina am Fenster und blickte hinaus in die aufdämmernde, märkische Landschaft. Sie war frisch und rosig.

Ich habe herrlich geschlafen!" rief sie.In

solchem Schlafwagenbett liegt man wie in einer Wiege, die treue Mutterhände schaukeln.

Sie frühstückten vergnügt am Ofen, auf dem der Schaffner ihnen den Tisch deckte. Dann fragte er, wann sie nach London weiter fahre.

Morgen früh, weil ich heute abend in bk Oper gehen will."

Was wird gegeben?"

Sie zuckle die Schultern.Ich weiß nicht. Aber ich muß doch mal die Berliner Oper hören."

Waren Sie noch nie in Berlin?" forschte ei erstaunt.

Da ward ihr Gesicht wieder ganz jung und mädchenhaft. Sie beugte sich zu ihm und gestand ganz flüsternd:Ich war überhaupt noch nirgends Aber das dürfen Sie keinem sagen! Wenn die Leute erführen, daß die große Sängerin" sie sagte bas große" mit spielerischer Ironiebis vor zwc^ Jahren ein ganz armes, kleines Hascher! war, wäre ihr ganzer Nimbus futsch. Die Menschen sind dock so sonderbar. Nein, ich bin nur einmal aus Oester­reich herausgekommen. Wenn es gerade ging, abc; es ging nicht sehr oft, waren mir im Sommer im Salzkammergut, in einem kleinen Nest am Mond see. Nur einmal bin ich von dort aus, weil es gerade ein sehr gutes Jahr für Papa war, nad Salzburg und München gefahren. Sonst fenm ich nichts von der weiten, schönen Welt."

Da entfuhr es ihm wider Willen:Müßte bas beglückend . sein, Ihnen mit Ihrer empfänglichen Seele diese weite, schöne Welt zu zeigen!"

Sie stellte sacht die Tasse hin und schwieg. Nack einer Pause sagte sie:Deswegen freue ich mick auch so auf Berlin und London und auf Neuyork."

Er wollte etwas erwidern, fand aber nicht den Mut. Endlich wagte er es dennoch.

Sie werden doch aber jedenfalls viele Be kannte in Berlin haben, frühere Kolleginnen und so?"

Sie schüttelhte den Kopf.Das schon, aber id will den Tag ganz für mich haben und für Berlin/

Da bedauerte er mit seiner knabenhaften Offen­heit:Schade, ich hätte Ihnen Berlin so gerne ge zeigt. Denn" fügte er scherzhaft hinzuich bin ein großer Berliner geworden, als ich vor vier Wochen dort war."

(Fortsetzung folgt.)