Nr. 78
Samstag den 2. Aprv 1927
Sette 5
Lokales.
Hanan. 2. Sprit
Luv Kufklävurrg.
Schon häufig mußten wir völlige Unkenntnis , Zweckes des vereinigten evangelischen Waisen, jfes bei unseren Mitbürgern feststellen, die sich veilen in der Frage äußerte, wohin denn die berschüsse unseres gewerblichen Betriebes ruckerei und Hanauer Anzeiger) flössen.
Ueber den Zweck unserer Anstatt sagt her § 3 serer Grundgesetzes:
Die Anstatt bezweckt die Unterhallung und Er- Ziehung armer Waisenkinder aus den Ortschaften der ehemaligen Grafschaft Hanau, insbesondere aus den Gemeinden der Streife Hanau Stadt und 6and, Gelnhausen und Schlüchtern, in den vom Vorstand ausgewähllen Pflegestellen (Außenpflege).
esem Zweck dienen unsere Einnahmen restlos. Vor n Kriege betrug die Zahl der in unserer Pflege findlichen Halb- und Ganzwaisen rund 200, wäh- rb bcs Krieges, in der Nachkriegs, und besonders der Inflationszeit sank die Zahl der Pfleglinge trâchtlich, da an Stelle der durch die Konfirmation er beendigte Lehre Ausgeschiedenen neue Auf. Hmen nicht stattfanden.
Die Inflation hat auch unser über eine Million tragendes, zum Teil durch Vermächtnisse entstande- s Vermögen vernichtet, so daß Ende 1923 der Be mb unserer Anstalt, wie unseres gewerblichen Vernehmens, in Frage stand. Die Stabilisierung r Währung hat unsere Anstatt vor dem Unter« inge bewahrt und da das gewerbliche Unternehmen t Anfang 1924 wieder Ueberschüsse abwirft, können ir sowohl daran denken, die Pflegesätze für die zur eit in unserer Fürsorge befindlichen Waisenkinder, wo 130, der Teuerung entsprechend zu erhöhen, s auch durch vermehrte Uebernahme, von Waisen- ndern in unsere Fürsorge die frühere Zahl der flegebefohlenen zu erreichen.
Wir werden uns gestatten, von Zeit zu Zeit aseren Mitbürgern den Zweck unserer Anstalt in eundliche Erinnerung zu bringen.
Der Vorstand des ver. evangel. Waisenhäuser.
bittet tsaG Sihnen r"
Herr Mayer will zeigen, daß er über gute For- ttlen verfügt. Er nötigt seinen Gast in ein anderes immer, an der Tür entsteht ein kleiner Kampf, err Mayer drängt den Geschäftsfreund mehr oder leniger sanft durch den Türrahmen hindurch und ichelt dezent: „Bitte, nach Ihnen!" Es dient ihm lr wesentlichen Beruhigung, daß er dem Gast so was zu bieten hat. Nicht in allen Häusern macht ton das; es gibt Barbaren, denen es ganz gleich- ültig ist, ob der Fremde geehrt wird oder nicht.
Und dann ein anderes Bild! Zwei Herren gehen urch die Dahnsperre am Westbahnhof. Trotzdem sie g Zeit haben, fangen sie an, sich gegenseitig zu imentieren. Jeder will, daß der andere zuerst 'chgeht. Schließlich packen sie sich bei den ern und zwängen sich beide durch. Ich habe 15 schon erlebt. In den meisten Fällen allerdings >bt der Klügere nach und bezahlt den Dorantritt lit dem Dewutßsein, daß der andere sich jetzt vor ch selber in die Brust wirft.
Höflichkeit ist eben doch eine feine Sache. Sie urd uin chrer selbst willen geliebt und es gibt Tem- eramente, die sich darin nicht genug tun können. !icht nur, daß sie mit ihren grauen Haaren immer ab überall der Jugend den Vortritt lassen wollen, mdern sie fühlen sich fast beschämt, wenn sie nicht wenigstens so tun können, als wollten sie die ihnen ngebotene Auszeichnung nicht annehmen. Man ragt sich wirklich manchmal, warum denn diese Ziererei gerade unter Männern und besonders in er Geschäftswelt ausgebildet ist. Die starre Form es Geschäftsbriefes mit feinen Floskeln und Höf- ichkeiten erinnert mich immer an die Tür, durch die ch als erster hindurchbugsiert werde. „Bitte, nach
Ihnen!" Ob sie beim reinen Geschäft dann auch so rücksichtsvoll sind und sich mit dem zweiten Platz begnügen?
Ich erinnere da an einen Scherz, der vor zehn Jahren beliebt war: ein reicher Bäckermeister kam zu einem Maler, um sich verewigen zu lassen. Nach der ersten Sitzung geleitete der Künstler den Herrn hinaus, ließ ihm natürlich den Dortritt. Der alle Meister wollte das pflichtgemäß nicht annehmen und machte Schwierigketten. Da lachte der Maler und sagte: „Das Sprichwort ist auf meiner Seite, Kunst fleht nach Brot."
Da hatte wenigstens der Brauch einen hübschen Sinn erhalten. Die meisten, die ihn anwenden, wissen nicht, warum sie es tun.
Vas LVettev Der «Schste« Mache.
Weiler frühlingshaft, aber verânderllch.
Prompt hatte sich um die Wende der Vorwoche der erwartete Kälterückfall eingestellt und in ganz Mitteleuropa die Temperaturen beträchtlich erniedrigt, nachdem zuvor bereits sommerliche Wärme ein- getreten war. In verschiedenen Landesteilen kam es zu Beginn der Woche zu Nachtfrösten, die allerdings meist ganz gelind waren. Nur Dresden hatte in Der Nacht zum Montag 5 Grad Kälte. Verschiedentlich fiel auch etwas Schnee; freilid) stiegen die Tagestemperaturen in den meisten Gegenden immerhin noch so hoch empor, daß der Charakter des Kälteeinbruchs recht gemildert erschien, zumal er schon um die Mitte der Woche durch neue Erwärmung überwunden war. In der westlichen Hälfte Norddeutschlands kam es überhaupt zu keiner stär- keren Abkühlung; das Tagesmaximum überschritt dort ständig 10 Grad Wärme; in Frankfurt a. M. wurden Montag 18, in Aachen und Hannover 16 Grad Celsius verzeichnet.
Die Zufuhr kalter Lust erfolgte im wesentlichen aus einem Hochdruckgebiet, das sich schon am Ende
W^ ir unterhielten uns, ein Geschäftsmann und ich
Ich: . ... Sie mußten aber doch wenigstens einmal im Monat Ihrer Kund» schaft durch die Anzeige im „Hanauer Anzeiger77 sagen, daß Sie Neu» heiten hereinbekommen haben.
Er: Nein, das tut gar nicht notig; ich habe einen alten, treuen Kunden» stamm, der stets wiederkommt, und der sich ganz von selbst über mein Lager orientiert*
Ich: Sie mögen recht haben, der alte, treue Kundenstamm mag dies gewohnt sein, aber wenn von diesem alten, treuen Kundenstamm so nach und nach der eine oder der andere Kunde wegfällt, was dann ? Kommt der auch wieder?
Er: Ja, was dann ? Daran habe ich eigentlich noch gar nicht gedacht. Und da fällt mir ein, daß erst neulich wieder ein alter, treuer Kunde von mir gestorben ist.
Ich: Na und haben Sie schon Ersatz dafür?
Er: Nein. Ich weiß es wenigstens nicht. Dann haben Sie doch wohl recht, daß man auch einmal ab und zu inserieren muß, trotzdem man ein altes Geschäft und einen alten, treuen Kundenstamm hat.
Ich: Selbstverständlich. Die junge Generation kennt Sie und Ihr Geschäft wenig oder gar nicht, und gerade diese Generation soll auch einmal zu Ihrem alten,treuen Kundenstamm zählen. Also sind wir uns doch einig:
ISie müssen unLeJingt von Zeit Xu Zeit im „Hanaue?» Anxeiger^ inserieren.
der Vorwoche von dem Polarkältemaxlmum abgetrennt hatte und durch Skandinavien und Finnland nach Innerrußland wanderte. Das westliche Mitteleuropa gelangte durch Ausbreitung der nordatlantischen Zyklone auf den Kontinent rasch wieder in den Bereich einer warmen Westströmung; im Osten zog eine Störung, die von dem stark erwärmten Balkan stammte, nordwärts und hatte auf chrem Wege ziemlich ausgedehnte, in Schlesien ergiebige Negenfälle zur Folge. Im Gebirge fielen die Niederschläge in Form von Schnee. Diese Störung wanderte in nördlicher Richtung über Finnland nach dem Eismeer und war Donnerstag schon in der Polarregion angelangt. Wettere vom Balkan nach Norden vorstoßende Störungen dürsten infolge einer Ausbreitung des Azorenmaximums nach Nordosten nur im ösllichen Mitteleuropa wieder zu Niederschlägen führen; der Westen wird auch weiterhin unter dem Einfluß von Randwirbeln der atlantischen Zyklone bleiben und veränderliche Witterung mit Regenfällen zu erwarten haben, wobei sich die Temperaturen unter nicht allzu großen Schwankungen ungefähr auf der Höhe der letzten Tage hallen werden.
RerckSfteuemt im AvvN.
5. April: Lohnabzug für die Zeit vom 21. bis 31. März. Keine Schonfrist. Das ist die letzte Zahlung nach dem alten Zahlungsmodus. Fortan wird nicht mehr dreimal im Monat (5., 15. und 25.), sondern nur noch zweimal im Monat, nämlich am 20. für die Zeit vom 1. bis 15. und am 5. des folgenden Monats für die Zeit vom 16. bis zum Schluß des Monats die Lohnsteuer abgeführt. Die nächste Lohnsteuerzahlung ist also erst am 20. April für die Zett vom 1. bis 15. April abzuführen.
11. April: Einkommensteuer-Vorauszahlung (ausgenommen Landwirte) für das erste Kalenderquartal 1927 in Höhe von einem Viertel der im letzten
Steuerbescheid festgesetzten Steuerschuld. Kelnr Schonfrist.*)
11. April: Körperschastssteuer-Dorauszahlung für das erste Quartal 1927 in Höhe von einem Viertel der im letzten Steuerbescheid festgesetzten Steuerschuld. Keine Schonfrist.*)
11. April: Anmeldung und Zahlung der Börsen = Umsatzsteuer. Keine Schonfrist.*)
11. (15.) April: Umsatzsteuer-Voranmeldung und Umsatzsteuer-Vorauszahlung der Monatszahlei für den Monat März 1927, der Quartalszahler für das erste Quartal 1927. Schonfrist bis zum 15. April. Fortan sind auf Grund des Verein fachungserlafses vom 19. Februar 1927 die Um satzsteuerzahlungen allgemein nur vierteljährlich zu leisten; die nächste Zahlung ist also erst am 10. (15.) Juli für das zweite Quartal fällig.*)
20. April: Lohnabzug für die Zett vom 1. bis 15. April. Keine Schonfrist.
*) Da der 10. April auf einen Sonntag fällt, ver schiebt sich der Termin auf den 1L April.
* Urrlellung der Nachtragsumlage des kurhesii fchev Bezirksverbandes. Der Kommunallandtag ha: in feiner Sitzung vom 30. März beschlossen, für bat Rechnungsjahr 1926 eine Bezirkssteuer-Nachtrage Umlage von 375 000 Mark zu erheben. Davon ent fallen auf u. a.: den Stdt kreis Hanau 24709,75 Mk., den Landkreis Hanau 29082,1 Mk., den Landkreis Fulda 19527,80 Mk., den Land kreis Gelnhausen 13369,00 Mk., den Landkreis Gersfeld 4041,80 Mk., den Landkreis Hersfeld 13221,15 Mk„, den Landkreis Marburg 21136,0) Mk., den Landkreis Schlüchtern 6700,97 Mk. Die Nachtragsbezirkssteuer wird alsbald fällig.
* Die 24-Stundenzelt bei der poff. Für die Ein führung der Zählung der Stunden von 0 bis 24 ho: die Reichspost weitere Bestimmungen getroffen. Nach ihrer Durchführung empfiehlt sie, anfänglich im schriftlichen Verkehr mit Behörden usw., die nich> zur neuen Stundenzählung übergehen, der Stunden angabe in der neuen Zählung die alte Stundenan gäbe in Klammern beiAUfügen. Sie bleibt dabei, die Zifferblätter an den Uhren nicht zu ändern. Die Angabe der Stunden auf den Stempeln bei Instand setzungen und Neubeschaffunge» kann von jetzt an geschehen, soll aber nur nach und nach oorgenow men werden. Die Leerungsscheiben der Briefkasten, Hinwei^childer, Aushänge, Abfertigungsübersichten usw. sollen rechtzettig geändert werden. Vorhandene Formblätter mit Zeitangaben werden handschriftlich berichtigt, bei Neudruck natürlich geändert. Bon bet Neuerung wird dem Publikum durch Schalteraushang Kenntnis gegeben.
* Annahme von Postschecks bei der Reichsbahn Die Deutsche Reichsbahngesellschaft hat alle ihr unterstellten öffentlichen Kasten (Hauptkasfen, Stationsraffen, Gepäckkasten, Gütertaffen) angewiesen, in Zukunft die Annahme von Postschecken an Zah lungsstatt unter denselben Voraussetzungen zuzulassen, die für unbestätigte Bankschecks gellen. Die Kreditwürdigkeit der Geschäftstreibenden, die mit Postscheck zahlen wollen, wird durch Erkundigung bei der Handelskammer, bei Wirtschaftsverbänden und anerkannten Banken festgestellt. Ist eine Firma von diesen Stellen als zuverlässig bezeichnet, so wird angenommen, daß sie bei der Hergabe von Poft schecks mit der gleichen Sorgfatt verfährt, wie bei der Hergabe von Bankschecks Für weitere Streife unserer hiesigen Geschäftswelt ist diese Zulassung bei Postschecks bei den Kasten der Reichsbahn vor größter Wichtigkeit.
* 3m Senckenberg-Museum in Frankfurt a. M ist dieser Tage ein durch seine Gestalt, wie auch durch seine Färbung auffälliger Fisch zur Auf stellung gelangt, der „Gotteslachs" oder „Königs fisch". Früher nur aus dem nördlichen Atlantischen Ozean bekannt, ist dieses Tier jetzt auch in bei warmen Teilen dieses Meeres, sowie im Stillen und im Indischen Ozean gefunden worden, wo es über all bei den Völkern durch seine auffällige Färbung Aufmerksamkett erregt, ja z. T. für göttlichen Ui sprungs gilt. Um möglichste Naturtreue bei seine Aufstellung zu erreichen, war es nötig, mit de feinsten Methoden der Technik, ja sogar mit solchen, die noch nie bei der Präparation tierischer Schau stücke angewendet worden waren, tu arbeiten.
* von bea Apotheken hat Sonntags- bezw Nachtdienst von heute abend 7 Uhr bis nächsten Samstag abend 7 Uhr die Engelapotheke.
Olßw^wMwr.
Roman von Alfred Schirokauer.
I. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Er suchte sich zu vernünftiger Kritik zu zwin- jen. Diese Stimme besaß eine edle Patina, eine auige Reinheit und seidige Schmiegsamkeit. Sie ana mit einer Leichtigkeit, die nichts von Mühe und Anstrengung und Arbeit zu wissen schien. Jeder Ton war ergreifend wie ein Schmerz und daher wch wie eine lind ersehnte Wonne. Jetzt begann !ie die Ane: „Vater, Geschwister, auf ewig seid ihr Min mir verloren!" In der Kantilene perlten die höchsten Noten mit schimmernder Klarheit und metallischem Schmelze. Die erste Koloratur riß alles hm. Sie tropfte wie der fallende Strobl eines Springbrunnens mit einer stupenden Exaktheit und Schnelligkeit, jeder einzelne Tropfen von innerem Glanze schimmernd, funkelnd und in sprühende Farben gebrochen. Jeder Triller war stark, rapide, glühend und verriet, daß hie geniale Gabe einen stählernen Bund geschlossen hatte mit eisernem Fleiße und fanatischer Energie. Veranlagung mit ber feilenden Arbeit einer gesicherten Technik.
„She is a wonder," flüsterte der Prinz Alice au. Sie nickte im Banne des Wunders. Die Hof- tarne sah ihn verächtlich von der Seite an. „So «in Getue," dachte sie.
Henry war wieder mit allem, was an ihm Musik »nd Begeisterung war, bei der Sängerin. Im Unterbewußtsein dachte er: „Sie ist eine von den ganz Großen, die der Geist des Lebens vielleicht alle fünfzig Jahre einmal schafft. Wie die Faustina, die Sonntag, die Malibran, die Patti."
Das Publikum hatte sich gewandelt. Der Alltag war von den Hörern abgefallen, die Lippen verzogen sich verzückt zu einem Lächeln. Die Seele der Bettina Sax war in das Orchester eingeströmt. Jede Flöte, jede Hoboe, jede Geige, die Celli fan» gen, als wäre auch in ihnen ein Hauch dieser gottbegnadeten Stimme. Der Dirigent wuchs noch über sich hinaus. Aus seinem Taktstock strömte Begeisterung, riß jedes Glied der Kapelle in seinen bezwingenden, ausrüttelnden Bann. Der Geist Mozarts schritt jubelnd durch das Haus.
Nun strömte von ihren Lippen der Schmerz der Einsamen, die Verzweiflung, einen Griechen, einen
Feind, zu lieben. Mit der Tragik, die aller Herzen I Endlich wurde es hell im Saal. Am Boden traf, wand sie sich in der Trostlosigkeit ihres Ge- lagen Frauen, an allen Sitzen hingen Kleiderfetzen. schickes. Denn diesem bezauberten Kinde des Glückes An den Türen staute sich die Flut des ersten Ent- hatte ein gütiges Walten zu der göttlichen Stimme setzen. Jetzt traten mehrere Herren auf die Bühne, auch die Kunst natürlichster Menschendarstellung Sie kamen zu der leblos stehenden Sängerin, in verliehen. j deren großen dunklen Augen wie eine blutige Tra-
ihren Lippen: aödie ein Funke von fassungslosem Schmerz glühte.
Als die Herren sie ansprachen und berührten, fiel sie wie ausgebrannt zusammen. Wenn sie sang, sich und ihr Leben und > Teil war. Und mitten aus I
der Tragik, die aller Herzen! Endlich wurde es hell im Saal. Am Boden der Trostlosigkeit ihres Ge- lagen Frauen, an allen Sitzen hingen Kleiderfetzen.
verwandte Frenche. Welchen Eindruck müssen sie alle von uns in die Ferne tragen!" Und plötzlich in Zorn losbrechend, rief er: „Wissen den diese Leute nicht, was sie Deutschland mit diesen Terrorakten
antun? Begreifen sie nicht, wie sie den Namen Deutschland Damit schänden und besudeln?"
Laute Zustimmung aus dem Zuschauerraun: brandete empor, aber einzelne Stimmen riefen «Recht haben sie." Irgendwo in dem Nebel klatsch . __________ ten Ohrfeigen. Tumult und. Schlägerei wirbeltc
Und mitten aus j Die Störenfriede waren bald hinausgeworfen. Da " ’ " fuhr der Intendant fort: „Diese tapferen Helden
haben sich natürlich schleunigst verzogen. Ihre Verfolgung ist sofort ausgenommen worden. Ich bitte Sie, sich jetzt ruhig nach Hause zu begeben. Eine Fortsetzung der Vorstellung ist, wie Sie sehen, leider unmöglich. Ich glaube in Ihren: Namen zu sprechen, wenn ich unserem Dirigenten und der großen Künstlerin, von derem Können rov leider nur eine kurze Probe genießen durften, Ihrc Teilnahme und Ihr Bedauern ausspreche." Heftiges „Ja" wetterte durch den Saal.
Henry schwieg. Er konnte dieses Unmöglich:' h nicht fassen. Stumm folgte er den Damen, der Dunst längst aus dem Saal getrieben hatte ^er «am fume pcy mit einem itintenöen, er«. upc. ^mmer roieoer lajrte er es, bis sich endlich In der Garderobe brachter der großherzoglich, stickenden Qualm. Dann war Panik. Es stob von die Zuckungen der Bestürzung und Uebereilung be- Lakai schon die Uebertleidung. Während Du
den Sitzen auf, Weiberstimmen gellten, man rief, fänftigten. Die Wenigen, die noch im Saale waren, Damen sie anlegten, horchte Henry umher. Di.
I man schrie, man drängte. Schmerzenslaute der Ge- ^drängten nach vorn zur Bühne. Empörung über das unflätige Attentat war fan
tvetenen. Bedrängten, Gestoßenen stöhnten. Die Sei« | „Meine Damen und Herren," sprach der Gene- allgemein. Nur einige Herrèn, jüngere und au n
tentüren flogen auf, Licht fiel herein _ und legte ralintendant Jn die langsam eintretende Stille, die ältere, und seltsamerweise auch viele Damen, ver ' ‘ ..... "" ***** *■ - ■ - - - bargen mühsam ihre Genugtuung und ihr befrie
digtes süffisantes Lächeln.
Schmerzlich flossen die Worte von ,.ID Vaterland verzeihe--"
Da geschah es. .
Im zweiten Range, unbemerkt in dem verdun- (wenn sie spielte, vergas selten Raume und bei der Traumversunkenhett des' alles, was ihr ttdisches _______ ._______________
Publikums, erhoben sich zwei junge Männer, ein dieser seelischen und fast körperlichen Entrücktheit Gegenstand fauste über das Parkett hin, schmetterte t>atte das Attentat, wie ein Keulenschlog ins Gevor' dem Orchester zu Boden und barst. Ein dumpfer Krach. Rauch wirbelte i
, was geschehen war, fAli „ _______ _
linsen Seitengang. Sekundenlang war ! im Hause. Das Orchester hatte jäh abgebrochen. Nur eine Flöte zeterte noch einige Töne nach.
Bettina Sax stand regungslos auf der Bühne.
Minen aus der Arie heraus war ihre Stimme steil r_________________ _____
, aufgestiegen, zu einem Schrei des Entsetzens. Ein ralintendant. Mit Mühe machte er sich vernehmbar.
weher, blendender, weißer Schrei. Denn selbst im I „Meine Herrschaften," schrie er mit verzwei- 1 furchtbarsten Erschrecken behielt diese Stimme ihre fetter Kraft feiner Lungen. „Meine Herrschaften, •— schmerzlich ergreifende Gewalt. j seien Sie doch vernünftig! Eine Gefahr liegt nicht die
Der Saal füllte sich mit einem stinkenden, er«. vor." Immer wieder schrie er es, bis sich endlich stickenden Qualm. Dann war Panik. Es stob von
3oben und barst. Ein dumpfer yirn, sie in die Umwell zurückgeschleudert. Sie auf. Ehe noch jemand begriff fand sich nicht zurecht. Fast bewußtlos geleitete lug eine zweite Bombe in den man sie hinaus
Totenstille Der Saal war nun von dem beizenden, übel- riechenden Qualm oenebell. Nur undeullich sah man noch die Umrisse der Menschen. Noch immer wogte der Kampf um die Türen. Da trat ein Herr vorn an die Rampe der Bühne. Es war der Gene-
Schreckensszenen des übereinander Hinstürzens, letzt nur noch von dem keuchenden Husten unter- Hinwälzens, Niederkämpfens, nackt und brutal bloß, brachen ward, den der Rauch erzeugte, „ein ruch- Henry war in der Loge aufgesprungen und loser Terrorakt ist geschehen/
starrte auf die Bühne. Dort stand noch immer allein i Da riefen stürmisch Stimmen: „Gegen wen?!" Bettina, grauengelähmt ;nur die Knie hämmerten! Der Intendant fuhr fort: „Ich schäme mich fast, wie automatisch vorn gegen den langen Rock des es Ihnen zu sagen. Es ist eine Schmach für Mün- Gewandes. Die Innenseite der Finger beider Hände chen, für die Kunst. Eine Klique hat sich gegen hielt sie zitternd gegen die Schläfen gepreßt. Er Unseren bewährten Ersten Kapellmeister verschwo- hatte das Gefühl, er müsse herunterspringen, auf die ren. Gegen seine Musikauffassung, gegen sein Buhne stürzen, der verängstigten Frau beistehen, künstlerisches Bekenntnis. Sie wollen ihm München dieses kostbare Menschenjuwel retten. i verleiden.
Immer qualmiger wurde es tm Hause, immer' Ein Braufen der Empörung brach hervor aus I erstickender, immer unerträglicher der als Brechreiz dem Nebel. Der Intendant hob bejchwichllaenü die
digtes süffisantes Lächeln.
Noch immer innerlich bebend über das nieder schmetternde Erlebnis, geleitet der Prinz die Damen zu dem Auto, das ihrer harrte. Endlich, als bei Wagen langsam durch den Schwarm der Gefährtc über den Platz vor dem Nationaltheater glitt, foul' er Worte.
„Man kann dieses Unmögliche kaum glauben," sagte er mit heiserer Stimme.
„®iefo?" fragte Gräfin Hochdorf spitz.
„Wieso?!" Er starrte sie an, als habe er nicht
; . '—' .......-- -----..»n..u,^. ... w. ^...-t— u ----—'——— — ^w v^iu/wLuju^«1» richtig gehört. „Ja, mein Gott, Gräfin, sehen Sie
wirkmde Geruch. Aus den Parkettreihen_ächzte JianD. s nicht das Scyandmal, das diese Bombenwerfer heute
— -— -_-o_..D, -„u —is..— —--I "2a, meine Damen und Herren, so weit ist es abend Deutschland aufgedrückt haben?! Fühlen Sie von Frauen, dunkles Fluchen der Männer, angst- gekommen in München, dieser sogenannten Kunst- nicht diesen Vandalismus?"
" ' " “ ~4 „Wenn Ihnen diese Art Musik nicht gefäBiT
Viele Ausländer waren heute im Hause, bemerkte die Gräfin und zog die Lippen «ä.
der Kampf um den Ausgang, verzweifeltes Weinen
erwürgtes Kreischen der Hysteriker. Dazwischen und Fremdenstadt. Schmerzgebeügt stehe ich vor verhallten die mahnenden Stimmen derjenigen, die Ihnen.
vergeblich rangen, dem Chaos zu wehren- 134 weiß es. Unser genialer Gast ist selbst eine
(Fortlegung folgt.)