Einzelbild herunterladen
 
  

Ar. 77

Areltag den 1. April 1927

Seite 3

E-ißHlsA«

Hanau. 1. April.

ÄVvN.

Der Avril ist launisch wie kein anderer von fei« I elf Brüdern. Treibt heute ein tatter Wind Meslocken durch die Luft, so trocknet morgen rnier Sonnenschein alle Nässe, während am nmel wieder graue Regenwolken auftauchen, er soll ein schöner Mai folgen, soll die Saat ftig grünen und die Baumblüte zu guten Früch- führen, so muß der Aprilwie ein Löwe" kom- n und zuerst noch Regen und Schnee bringen, ienn der April Spektakel macht, gibts Heu und rn n voller Pracht", sagt die Wetterregel, denn pril chnee nährt die Saat" undAprilregen ;gt dem Mai die Blumen". Nähert sich dagegen April seinem Ende, so soll erwie ein Lamm" ien und Sonnenschein und wolkenlose, warme ie bringen; nur um die Zeit des Vollmondes soll Himmel bedeckt sein, weil so behauptet ein ilter Volksglaube der Dollmondschein im ril der Baumblüte schaden soll.

Seinen Kalendernamen hat der April von den rn Römern erhalten, die das Wortaprilis" >aperire", d. i. öffnen, hergeleitet hatten, weil im April der Schoß der Erde zu neuem Ge- hen öffnet. Aus dem Wort -"^-ilis wurde dann 5 mittelhochdeutsche WortabereCe" oder mlle", das sich in der Formabrille", ja selbst nulle" in Süddeutschland bis ins 15. Iahrhun- t erhalten hat. Seine anderen deutschen Bezeich- ngen: Gras- oder Wiesenmonat Knospenmonat ir auch Ostermonat haben dagegen immer nur e gewisse örtliche Verbreitung gefunden, ebenso è die BezeichnungWandelmonat",'die ein deut- :r Literat zu Beginn des vorigen Jahrhunderts den April einführen wollte.

Dem Naturfreund beschert der April eine Fülle zvoller Naturbeobachtungen. Fast alle Zugvögel iren nun nach und nach zurück und lassen sich auch ht zurückhalten, wenn dann und wann noch che schneekalte Witterung herrscht: gleichzeitig i auch die Obstbaumblüte ein, beginnend mit der irsich- und Aprikosenblüte, die sich oft bis in den ai hineinzieht. Gegen Ende April beginnt auch Dirne ihre großen schneeweißen Blüten aufzu- ließen. Auch im Wald regt sich auf Schritt und itt junges Leben, aber alles Schalen, und Haar­tzwild genießt einstweilen noch Schonzeit und da- i brechen nun für den Jäger stille Wochen an. er Auer- und Birkhahn im Revier hegt, ist frei- ) vollauf entschädigt, denn die Hähne haben jetzt e Minnezeit: sie treten in die Balz und können litt abgeschossen werden, ebenso wie auch die ynee- und Steinhühner und Fasanen. Die Wild- len, deren Zug jetzt zu End«^, geht, und die Feld- hner beginnen bereits ihre Gelege; Grund genug r Sorge, daß alles vierbeinige Raubzeug, beson- rs der Fuchs, in der Jungbrut des Federwildes i)i allzuviel Schaden anrichtet. Auch das Raub- ig hat fegt seine Jungen zu ernähren und sucht f alle Weise zu gutem Futter zu kommen. In die- 1 Wochen ist auch der Schnepfenstrich noch im ing; doch soll der Jäger seinen Jagdeifer auf den mgsck nabel mit Rücksicht auf frühe Gelege jetzt lmählich zügeln.

Dev Gvar?evsans.

Mn lindes Frühlingslüftchen streift mich, als ich s dem Hause trete. Warmer, goldener Sonnen­ein durchflutet die Straßen.

Wie farbig, wie belebt gleich alles wirkt: die ichtenden Berge der Apfelsinen aus den Der- ufswagen, die Bilder und Plakate an den Zsi- agsständen, der grüne Hut des unternehmungs- stigen Jünglings hier, und die lilafarbene Strick- cke des zierlich einhertrippelnden Backfischchens rt!

Malerisch-farbig ist auch der Blick die scheinbar 5 Unendliche sich verirrende Straße entlang: er springt ein Giebel vor und dort ein Erker, nkelrot leuchtet dieses D<â und silbergrau schim- ert jenes, und Türgriffe, Ladenschilder und Fen- ,-rscheiben blitzen in der Hellen Sonne. Alles sieht vergnüglich aus, meine ich, wett alles den Früh- 'g spürt.

Die Büsche strecken winzige grüne Blättchen cs, wie tastende Fingerlein, und sieh nur, dort:

Ist es nicht, als ob auf den alten Buchen, die das hochgelegene Rund umgeben, auch schon ein grüner Schimmer haftet? Vielleicht ist das nur eine Täu-

wie so Vieles im Leben, und Frühlings- cht und Hoffnung gaukeln uns eine er- wünschte Wirklichkeit vor--

Der Schwarzdrossel, die in der Spitze des Höch, sten Baumes sitzt und ihr Liedchen pfeift, der ist das ganz gleichgültig, oo Wahrheit oder Schein: Ihre Zeit ist gekommen, und sie kennt keine Zwei­fell Selig verkündet sie ihre Frühlingsgewißheit, und mag morgen auch Schnee liegen sie fischt es nicht an!

Ich weiß eine Stelle im Walde, gleich hinter der grauen, Wilhelmsbader Parkmauer, wo man im welken Dorwintergrase und zwischen raschelnden Blättern Schneeglöckchen findet, Leberblumen und Krokus. Wollen wir nicht einmal suchen gehen?

Und wie ich den geliebten Winkel durchstreife, sieh, da stockt mein Fuß. Süßester Duft umschmei- chelt mich, und mit Entzücken beuge ich mich nieder zu der lieblichen Ueberraschung.

Eine ganze Deilchenkolonie hat sich aufgetan, und rührend und schelmisch grüßen mich alle die dunkelblauen Köpfchen--

Nein, ich pflücke euch nicht, so sehr mich danach verlangt und so sehr es mich lockt, mein stilles Zimmer mit eurem Hauche zu füllen!

Ihr seid eine Hoffnung, und Hoffnungen soll man nicht stören. Mag die Wirklichkeit auch rauh sein morgen vielleicht schon läßt ein eisiger Wind euch schauern ich verrate euer Frühlingsglück nicht! Denn seht: Ohne Grund zu hoffen, und ohne Gewißheit zu oertrauen und doch Recht zu behal­ten, das ist Blumen wie Frauenart!

Die Ävvrlmiete.

Wie bekannt, ist vom 1. April ab die Mindest­höhe der gesetzlichen Miete auf 110 Prozent der Friedensmiete festgesetzt. Für die Errechnung der gesetzlichen Miete im Monat April bringen wir

folgendes Beispiel:

Friedensmiete ......... 40. Mk. dazu 7 Prozent für ortsübliche Neben­

leistungen (Wassergeld und Kanalge- bühren) ..........2.80

reine ( berichtigte) Friedensmiete . 42.80 Mk. davon 110 Prozent ....... 47.08 Mk.

Hierzu treten die bisherigen Sonderumlagen an städtischen Abgaben, nämlich 150 Prozent städt. Zuschlag zur staatlichen Grundvermögenssteuer umgelegt auf die Bewohner des Anwesen- im Ver­hältnis zur reinen (= berichtigten) Friedensmiete, die im Einverständnis der Parteien mit 6 Prozent der reinen ( berichtigten) Friedensmiete gerech­net werden können.

Andacht vov rttnotve«.

Laßt mir doch einmal so viel Zett, daß ich diese Knospen betrachten kann! Stört mich nicht; das Telephon mag klingeln, man mag mich rufen; ich will mich dem Anblick der Knospen hingeben, die sich eben in der Frühlingssonne entfalten. Sie öff­nen sich und zeigen das Wunder des Frühlings, das sich zart lüftet. In Andacht stehe ich vor den Knospen.

Was kann eine Knospe uns alles sagen! Wir glauben mit unserer Technik heute vieles, ja alles erreichen zu können. Mächtige Elsenbrücken spannen sich über die Flüsse. Die Schienenwege durchziehen Das Land wie ein Netz. Die Elektrizität dient auf dem fernsten Dorfe gehorsam dem Willen des Men­schen. Auf den Feldern findet man den schweren Dampf- oder Motorpflug, der die zehnfache Arbeit leistet wie ein Gesvann. Wir haben gelernt, uns der großen Form zu bedienen uno die Erde zu verklei- nern; wir sind ein wenig respektlos geworden vor den sieben Naturwundern und halten das für selbstverständlich, was doch in ein tiefes Geheimnis einaekleidet ist

Ich stehe vor diesen Knospen, ich muß sagen, ratlos. Sie brauchen mich nicht, um sich zu entfal­ten. Jeder Eingriff von mir würde stören und zer­stören. Mann kann sie nicht zwingen, schneller zu wachsen, ohne daß sie ihr Bestes verlieren; sie brauchen ihre Zeit und kümmern sich wenig um meine Wünsche. Man mag die Natur überlisten sie kehrt doch in ihre allen Gleise zurück und läßt uns nur da Einblick gewinnen, wo sie es will. Trotz Maschinen, Nägeln und Schrauben, die der moderne

3SSK!S2SS33s55S3Ei5S82ES3i3^^

Forscher hat, kann er doch nicht mehr aus ihnen herauspressen, als sie freiwillig herschenkt.

Knospenfrühling rührt sich. Er kommt jedes Jahr. Hauch der Gnade weht aus trächtiger Frucht- backeit, schwingt sich über Vernunft und Grübelei hinaus, ist einfach da. Die Knospe führt ihr Leben, weiß nichts von diesem Leben, muß leben. Was sie willenlos ist. kann ich Mensch wollend sein. Das ist der ganze Unterschied. Auch wir Menschen sind in die Natur hineingebunden, ragen nur mit unseren freien Gedanken aus ihr heraus, können sie mit unserm Geist niederwerfen und zur Dienerin machen, die uns beherrschen will.

Laßt mir doch einmal soviel Zeit, daß ich diese Knospen in Ruhe betrachten kann! Andacht vor dem Ewigen, das in Schöpferkraft um mich und in mir wirkt.

AvbeiiSmaertlag« und SewerbS- lo«»eeit

in Hessen, Hessen-Nassau und Waldeck im Monat März 1927.

Das Landesamt für Arbeitsvermittlung in Frankfurt a. M. teilt mit: Im Verlaufe des Mo­nats hat sich die Arbeitsmarktlage im Landesamts, bezirk merklich gebessert. Infolgedessen ist die Zahl der Hauptunterstützungsempfänger in der Erwerbs- lofenfürforge am 13. März um 18 907 auf 101531 (am 15. Februar 120 438), d. i. um 15,7 v. H. ge­sunken. Auch die Zunahme der aus Mitteln der Krisenfürsorge unterstützten Erwerbslosen ist ge. ringer geworden. Die Zahl der Hauptunter­stützungsempfänger in diesem Unterstützungszweig stieg von 16 776 am 15. Februar auf 19 659 am 15. März, also um 2883 oder 17,2 v. H. (gegenüber einer Zunahme von 4942 oder 41,8 v. H. in der Zeit vom 15. Januar bis 15. Februar). Don den insgesamt 121190 Hauptunterstlltzungsempfängern in der Erwerbslosen- und Krisenfürsorge am 15. März entfallen auf 1000 Einwohner im Regi e- rungsdezirk Kassel 31,0, im Reg.-Bez. Wiesbaden 29,6, im Freistaat Hessen 36,2, im Kreis Wetzlar 21,2 und im Freistaat Waldeck 4,8. Don den Außenberufen ist besonders die Landwirtschaft und das Baugewerbe in den letzten Märzwochen verstärkt aufnahmefähig gewesen. In fast allen an­deren Gewerbezweigen ist gleichfalls eine Belebung des Arbeitsmarktes zu verzeichnen; die Zahl der Arbeitsuchenden in der Steinindustrie, im Metall­gewerbe (Auto- und Fahrradindustrie), im Holz- und Bekleidungsgewerbe geht von Woche zu Woche ständig zurück. Ungelernten Arbettskräften ist be­sonders als Bauhilfsarbeiter und als Zeitarbeiter bei der Reichsbahn vermehrte Arbeitsgelegenheit geboten. Die Zahl der bei Notstandsarbeiten be­schäftigten Personen ist gleichfalls beträchtlich, und zwar von 14114 am 15. Februar auf 17 936 am 15. März gestiegen.

* Dor einem Konflikt in der Hanauer Edelmetall- industrie. Unter dieser Ueberschrift wird uns vom Metallarbeiterverband, Verwaltungsstelle Hanau, u. a. geschrieben: Die Hanauer Gold- und Silber- arbeiter haben die beiden Schiedssprüche über die Lohnerhöhung und den Mantelvertrag einstimmig abgelehnt. Die Arbeitgeber und der Vorsitzende des Schlichtungsausschusses haben den Arbeitern 6 Pfg. Erhöhung zugebilligt, die aber nur auf die Tarif- löhne gezahlt werden sollen. Das bedeutet für viele Arbeitnehmer, im Augenblick einer ganz bedeuten­den Steigerung der Wohnungsmieten, einen direk­ten Lohnabzug. Mit welcher Begründung glaubt der Vorsitzende des Schlichtungsausschusses, der den Etuisarbeitern einen Stundenlohn von 80 Pfg. zu- billigte wir wollen keineswegs bamit sagen, daß das befriedigend fei es rechtfertigen zu können, daß er den Arbeitern der Edelmetallmdustrie 4 Pfg. pro Stunde weniger, nur 76 Pfg. zuerkannte? Mit welcher Begründung kann es der Herr Vorsitzende rechtfertigen, daß für die Saisongewerbe Stunden- löhne bis zu 1.20 Mk. festgesetzt werden, während er den Gold- und Silberarbeitern, die doch auch nur noch als Saisonarbeiter in Betracht kommen, einen Tariflohn von 76 Pfg. zumutet? Wir haben in ver- schiedenen Betrieben die Jahresverdienste der Gold- und Silberarbeiter festgestellt, dabei haben wir Jahreseinkommen von 770 bis 990 festgestellt, also bedeutet weniger, als die Arbeiter an Erwerbs­losenunterstützung erhalten hätten. Wenn dies auch durch die verkürzte Arbeitszeit begründet ist, so muß aber doch festgestellt werden, daß trotz rück­sichtsloser Einschränkung der Arbeitszeit die Pro­

duktion dieselbe ist, wie früher bei normaler 48ftün« diger Arbeitszeit. Ebenso verhält es sich mit der Urlaubsfrage. Trotzdem heute die Anforderungen an den Einzelnen viel höher sind, bringt man es fertig, den, wenn man die Befckäftigungsjahre in Betracht zieht, so wie so schon sehr bedürftigen Ur­laub von einer Arbeitsstundenzahl von 2200 Stun­den im Jahr abhängig zu machen. Das bedeutet, daß die weitaus größte Mehrzahl der Arbeiter viel­leicht nur 1)4 oder gar keinen Urlaub erhalten würden. Mit größter Empörung wurde dieses An­innen von der Versammlung zurückgewiesen. Ein- timmig erklärten die Gold- und Silberarbeiter das Inannehmbar. Die Verbandsleitung wurde beauftragt, alle Vorbereitungen zu treffen mit den schärfsten gewerkschaftlichen Mitteln, die Interessen der Arbeiter zu wahren. Am Montag, 4. April, nachmittags 5 Uhr, findet im großen Saale des Gewerkschaftshauses eine Versammlung der Gold- und Silberarbeiter statt, wo die Maßnahmen be­schlossen werden, die die Arbetterschaft für notwen dig erachtet.

* Zur Eingemeindungsfrage der an Hanau gren zenden Ortschaften wird uns geschrieben: Wie man hört, beabsichtigt die Stadtverwaltung, für die nächste Zeit abgesehen von dem Projekt der Ein­gemeindung Großauheims auch die Eingemein dung der noch näher an das Stadtgebiet grenzenden Gemeinden Klein- und Groß-Steinheim. Um alle Weiterungen in Bezug auf Grenzberichtigung, bie vielleicht dem Projekt der Eingemeindung entgegen­stehen, zwischen Hessen und Preußen abzuschneiden, soll beabsichtigt sein, den Main von der Grenze Groß-Steinheim ab hinter Groß- und Klein-Stein- heim durchzuführen und bei den Klein-Steinheimer Steinbrüchen wieder in sein ursprüngliches Bett 311 leiten. Dadurch würde die Grenze, die dem Lauf des Flusses folgt, ohne weiteres hinter Groß- und Klein- Steinheim verlegt werden und der Eingemeindung der beiden Orte stände nichts im Wege. Das Projekt hätte auch den Vorzug, daß große Flächen für die Stadt zur Erbauung des Schwimmbades, der Stadt- Halle und den Neubau der Zeichenakademie an gün­stiger Stelle geschaffen würden. Dafür, daß Schwie­rigkeiten in dieser Hinsicht sich nicht ergeben werden, spricht schon der Umstand, daß auch der alte Main­kanal in nächster Zeit zugeworfen werden soll. Außerdem hätte das Projekt den Vorzug, daß der neue Mainhafen, der jährlich Rm. 300.000. Zu­schuß erfordert, wieder zugeworfen werden könnt« und dadurch der jährliche Zuschuß von 300.000. Reichsmark erspart wird.

* Feriensonderzüge im Sommer 1927. Die Reichs - bahndirektion Frankfurtmain gibt nunmehr auch die ür diesen Sommer in Aussicht genommenen Ferien- onderzüge bekannt. Die Bekantgabe erfolgt unter jem ausdrücklichen Hinweis, daß die endgültige Fest- etzung der Züge, Tage und Fahrpläne erst Anfang Mai bei der Feriensonderzugkonferenz in Baden- Baden erfolgt. Die bisher von anderen Reichsbahn direktionen veröffentlichten Programme gelten des halb unter dem gleichen Vorbehalte. Von der Reichs bahndirektion Frankfurtmain sind geplant: in Rich­tung München am 1. Juli abends, ferner am 2., 9., 16., 30. Juli abends unb am 20. August, nach Basel Konstanz am 2. und 16. Juli, nach Hamburg-Bremen am 1. Juli abends und am 16. Juli abends, nach Norddeich am 2. Juli abends, nach Carlshagen Trassenheide am 2. Juli abends, nach Berlin am 2. Juli abends und nach Oberschlesien am 6. Juli abends und ein weiterer Zug Anfang August Näheres über die Feriensonderzüge wird nach bei endgültigen Festlegung der Züge, etwa Mitte Mai veröffentlicht.

* Gesangswettstreil-Delegierlentag. Der Delegier tentag zu dem vom Brodtschen Männergesangvereii anläßlich seines 25jährigen Bestehens am 30., 31 Juli und 1. August ds. Js. veranstalteten nationaler Gesangswettstreit findet nicht Samstag fonbern Sonntag, 3. April im RestaurantEentral halle", Hanau, Rosenstraße statt.

* Freibankverkauf. Samstag den 2. April 1927, 810 Uhr Rindfleisch pro Pfund 50 Pfg. Höchst gewicht 6 Pfund.

OUiw^immmw,

Roman von Alfred Schlrokauer.

. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Bisher hatte Henry aus angeborener Liebens­würdigkeit und aus Dankbarkeit für die gastliche Aufnahme in diesem Hause die musikalische Tortur eldenyaft erduldet. Jetzt aber in der Kenntnis .on dem Briefe der Mutter und den großherzog- chen Erwartungen erschien ihm die musikalische Verschlossenheit der Prinzessin in einem neuen lichte.

Aber sie nahm ihn nicht gegen das Mädchen in. Während er den ersten Satz des Diolinkon- erts von Mozart, seinem Lieblinge, heruntergeigte, 0. gut es bei dieser Begleitung ging, dachte er: Armes Mädel, wie schrecklich muß es ihr sein! Musikbegabung ist nun einmal eine Gnade Boltes."

Und da Mitleid in seinem Gemüte sehr stark «ar, hatte er sie eigentlich zum ersten Male lieb. Berabe jetzt, da sie dachte: »Wie töricht Mutter st, uns immer wieder zum Spielen zu drängen! 3d) verspiele alle Chancen, wenn ich jemals welche 4atte."

Das Allegro aperto des Konzertes neigte sich wem Ende zu. In der Kadenz, dem Solo der Vio- inftimme, sang die herrliche Geige unter seiner Meisterhand. Die eintretende Pause vor dem Adagio nutzte Georg Eberhard. Er eilte flugs auf Henry zu und streckte ihm die Hand entgegen. Sine Sekunde lang dachte der Prinz an Rache. Doch ieine gute Kinderstube siegte. Er nahm den Bogen in die linke Hand und schüttelt« einigermaßen er- staunt die bargebotene Hand des Generals.

»Ich habe mich vorhin, na, sagen wir: unhöf­lich gegen Sie benommen, Königliche Hoheit. Das ist ja wohl der Titel, der Ihnen zukommt" er versuchte ein bemäntelndes Lächeln. »Ich erinnere mich, daß Ihr Herr Großvater bei seiner Ehe- schließung eineRoyal Highneß" wurde."

Henry machte eine wegwerfend« Bemerkung.

Mühsam fuhr der General fort, dem nicht leicht wurde, pater peccayi zu sagen: »Also, nichts für ungut, nicht wahr alter Soldat rauher Kriegs- mann Sie verstehen. Habe da vier Jahre in Flandern gestanden bißchen verwildert." Und

dann ritt ihn der Teufel, er konnte es nicht unter- drücken.Fragen Sie Ihren General Craig, der kennt mich, Höhe hundertneunzehn, am neunten Juli anno sechzehn. Da sind ihre werten Herren Landsleute gelaufen wie die Hasen."

Der Großherzog hörte mich bleichem Erschrecken die neue Entgleisung. Auch Karoline blickte mit ver- legener Entrüstung drein.

Lieber Georg Eberhard", hemmte sie weitere unliebsame Kriegserinnerungen,wir sind mitten in dem Konzert von Mozart. Prinz Henry brennt sicherlich darauf, mit Alice fortzufahren."

Oh, Verzeihung", rief der General und merkte voll Scham seinen neuen Lapsus.

Gleich darauf quälte die Prinzessin sich durch das Gestrüpp des Adagio.

Der Großherzog faßte den Bruder gelinde am Arm und zog ihn so geräuschlos als möglich aus dem Zimmer. '

Lange sprachen die Brüder noch hin und her in grünsprießenden Hoffnungen und Erwartungen. Jnzwiscben beendeten Henry und Alice unter wil­den Gefahren Mozarts herrliches Violinkonzert in A-Dur.

Der Abend fand Henry mit Alice und ihrer Hofdame, Gräfin Hochdorf, im Refidenztheater. Es war das Ereignis der Saison, eine Galavorstellung des Genies. Bettina Sax gab ihr Gastspiel in München.

Sie war die neue Sensation der Oper. Doch im Grunde war sie viel mehr als eine Sensation. Das Entzücken von Wien, wo sie, kaum zweiundzwan­zig, die erste Stelle errungen hatte. Sie war eine erfüllte Hoffnung der Staatsoper ihrer Vaterstadt. Ihr Name begann Weltgettung zu erlangen. Jetzt, auf dem Wege nach Neuyork, eine halbjährige Verpflichtung an der Metropolitan-Oper zu erfüllen, benutzte sie ihre Reiseroute zu einer kurzen Gast- spieltournee. Von Salzburg aus, wo sie die Wohn- stätte Mozarts, dessen Opern ihr die höchsten Tri- umphe gebracht hatte, erschütterten und dankbaren Herzens besuchte, bot sie der Münchener Intendan­tur ein einmaliges Auftreten an. Vor dem Hause Mozarts war eine Erinnerung über sie gekommen.

Als Siebzehnjährige, im Anfang ihres Gesang­studiums, hatte sie bei einem Ausflug in die baye­rischen Berge ein Schauspiel im Residenztheater in München besucht. Damals war in dem jungen, ehrgeizigen Mädchen, fern wie ein unerreichbarer Traum, die Sehnsucht erstanden, einmal in diesem

köstlichen Rokokobau, in diesem bezaubernd zeitge­mäßen Rahmen für Mozarts Lieblichkeit, in einer seiner Opern aufzu treten. Lange hatte dieser Wunsch vergessen in ihr geschlummert. Jetzt, auf dem Platze vor des Meisters Hause in Salzburg, erwachte er wieder zum Leben. Sofort handelte sie.

Die Intendantur nahm ihr Angebot voll Freude an. Sie war stolz, ihr Münchener mit der gefeiert­sten Sängerin Großdeutschlands zu beglücken.

Durch einige inhaltsvolle Händedrücke bei Hotel­angestellten war es Henrn gelungen, sich in dem all­gemeinen Ansturm eine Loge zu sichern. Als kleine Aufmerksamkeit für die ihm gebotene Gastfreund­schaft wollte er der großherzoglichen Familie diesen seltenen Genuß bereiten. Doch Seine Königliche Hohett und Karoline mußten an diesem Abend einer Wohltätigkeitsveranstaltung präsidieren. Trotz der geringen Mittel, über die bas Paar verfügte der Großherzog hatte in seiner vornehmen Geldscheu­heit ohne jede Einwendung die nicht allzu große Abfindung angenommen, die ihm die Dolksoer- tretung seines Landes bewilligte übte es eine großzügige Hilfstätigkeit an den unglücklichen Opfern des Krieges.

So besuchte Henry die Vorstellung allein mit Alice und ihrer Hofdame. «Es ist viel besser so", meinte Karoline befriedigt,sie sind beide unbefan- gen er, wenn wir nicht dabei sind."

Das Haus siedete. Die Atmosphäre eines großen Abends lagerte über dem kleinen grazilen Rokoko­raume. Man war in großer Toilette, eine Selten­heit im Münchener Theaterleben. Das weiche Licht des Lüsters glänzte auf nackte sanfte Schultern, brach in sprühendem Geschmeide, gleißte auf den Hemdenbrüsten der Herrn. Eine erregt erwartungs­volle Stimmung fieberte .

In seiner Loge des ersten Ranges saß Henry zwischen den beiden Damen unb gab sachkundig [einer Begeisterung über dieses tl>ine Theater Worte, einem der schönsten in Europa, mit der be­rückenden Einfassung der Bühne, der herrlichen Decke und der beglückenden Gliederung des Raumes. Er sprach enthusiastisch. Kunstverständig stimmte. Alice ihm zu. Gräfin Hochdorf schwieg mit ein­gekniffenen Lippen. Sie war eine junge Kriegers- witwe, nicht häßlich, gut gewachsen, verbittert und! bis zur Nasenspitze erfüllt von einem aristokratischen Dünkel, der von wahrem menschlichem Adel nie einen Hauch verspürt hatte. Der Prinz war ihr im höchsten Maße unsympathisch. Mtt unbeirr­

barem Fraueninstinkt hatte sie in ihm sofort einen Ehekanüidaten erspürt. Emer Heirat ihrer Prin­zessin aber war sie durchaus abgeneigt, durchaus. Denn sie bangte um ihre Stellung. Und dann ein Engländer?! Das war denn doch der Gipfel.

Jetzt verdunkelte sich allmählich der Saal, die Ouvertüre des Idomeneo fetzte ein. Sofort ver­änderte sich das liebenswürdige, burschikos jugend­hafte Wesen des Prinzen. Seine hübschen sanften Züge wurden straff, gespannt, vergeistigt. Der Musiker in ihm reckte sich. Er lehnte sich witternd über die Samtbrüstung der Loge vor, ganz Gehör, ganz Krttik und lächelte. Sofort e-'k-'-"^ e- s;- geniale Lenkerhand des ersten Kapellmeisters, eines Mannes von internationalem Ruyme

Wunderbar belebt war das Vorspiel, zart ge leitet die Holzbläser, frisch und blutvoll das Tempo das der Dirigent nahm. Die Musik war voller Seele, voller Feingefühl und Durchnervtheit. Den Kenner packte der Schwung der Orchesterführung und die Kongenialität des Leiters mit dem Werke

Dann stieg der Vorhang. Ein Rauschen ging durch das Haus. Alles beugte sich vor, hielt den Atem an. Auf der Bühne stand in herabfließendeni griechischen Gewände eine hinreißende Erscheinung mittelgroß, mit feinen zarten Gliedern, unwahr scheinllch kleinen Füßen, einer schlanken Figur mi- wunderbar graziösen Bewegungen und einem lieb lichen, beseelten Gesicht. Dunkles lockiges Haar, große schmerzliche Augen, eine sacht gebogene Nase ein tragischer Mund mit weißleuchtenden kleinen Zähnen und einem entschiedenen Kinn. Sie spielte die Rolle der Ilia, der Tochter des Priamus, de. gefangenen Trojanerin in Kydonia auf Kreta. Und dann fang sie:Wann werden je, ihr Götter, fiel meine Leiden enden? Zu herbes Schicksal! Aus dem schrecklichen Sturm ich nur gerettet, beraubt des Vaters und der teuren Brüder."

Wie ein Schauer des Glücks riefelte es durch das Haus. Henrys Herz erbebte in einer ungeahn ten, seltsam unpersönlichen Seligkeit. Er hatte große Sängerinnen gehört, niemals aber eine Stimme, vor deren Süße man vergaß, daß man ir­discher Mensch war, daß man hier auf Erden wan­delte, der Anziehungskmft der Scholle erdgebunden unterworfen. Er empfand zum ersten Male das unnennbare Frohgefühl des Emporgehobenwerdens, des gewichtlosen Schwebens in Höhen, die d«r Menich sonst nur ahnt in seltenen Träumen.

(Sortierung folgt.)