Oensrsl-AmeiMv für
Donau «Stadt und Land
1928
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«SIMM im MeuSenvarlament
Um die Zwangswèvtschaft dev sewevbSècben Räume. - Das Ientvum stimmt mit dev SvvoMwn
I Berlin, 18. Febr. In der heutigen Sitzung des «feußischen Landtages werden die Entwürfe über j ! Aufwertung von Erbpachtzinsen, Erbleihen und nlichen Ansprüchen sowie über die Aufwertung n Dersicherungsansprüchen gegen öffentliche uerversicherungsanstalten ohne Aussprache der zsschußberatung überwiesen, ebenso der Antrag nllicher Parteien auf Aufnahme eines Darlehens 5 zu 30 Millionen zur Durchführung der Reichste für die östlichen Grenzgebiete. Der soziâl- mokratische Antrag, der Auskunft fordert, welchem tandpunkt das preußische Staatsministerium bei n Beratungen des neuen Strafgesetzbuches im Üchsrat zu den grundlegenden Fragen des Ent- urfes eingenomnien hat, wird ohne Aussprache M Rechtsausschuß überwiesen.
Das Haus geht über zur Beratung des Ausschuß- pichtes über die
Bildung eines neuen Ausschusses für die westlichen Grenzgebiete.
Abg. Leinert (Soz.) empfiehlt den Ausschuß- tz rtrag, der die Bildung eines besonderen Aus- )usses vorschlägt. Die Abgg. Dallmer (Dntl.) id Bachem (Dntl.) erneuern den bereits im Aus- )uß zum Ausdruck gebrachten Widerstand ihrer raktion gegen diese Neubildung. Der neue Aus- iuß soll heißen: Dreißiger-Ausschuß. Die Deotsch- itionalen beantragen nunmehr, das Wort „Drei- iger" zu streichen. Bei der Annahme dieses An- ages würde nach den Bestimmungen der Geschäfts- 'bnung bei der zurzeit bestehenden Lage das Zen- umchen Vorsitz im Ausschuß nicht erhalten. Bei ?r Abstimmung über diesen Antrag macht sich die uszählüng des Haufes erforderlich. Das Ergebnis 'ar, daß der Antrag auf Streichung- ^abgelehnt >urbe, sodaß der Vorsitz des neuen Ausschusses dem entrum und nicht den Deutschnationalen zufällt.
Das Haus geht über zur Beratuna d^s B” ’^teg es Ausschusses für Wohnungs- und Heimstätten- Noefen über die Anträge zur Verordnung des wohl- rhrlsminisiers betreffs Lockerung der Wohnnnqs- wangswirtschafl, insbesondere der gewerblichen lâume. Bekanntlich war der größte Teil der An- räge im Ausschuß abgelehnl, bezw. zurückgezogen worden. Annahme halte lediglich gefunden der eutschnationale Vorschlag aus Einrichtung amtlicher »chiedsstellen und der Antrag der Demokraten auf zerauslassung der Atelierräume wegen der Künster. Es ist eine Anzahl neuer Anträae eingegangen, mrunter der Antrag der kommunistischen Fraktion, >em Dohlfalirtsminisler das vertrauen zu ent- lehen. Der Beginn der Beratung vollzieht sich uner größter Unruhe des Hauses. Die Zuschauer- ribünen sind stark gefüllt.
In der Besprechung führt Abg. Bartels Komm.) aus, dis preußische Regierungskoalition ei, wie sich bei ihrer widerstreitenden Haltung zu dieser Verordnung herausstelle, in die Brüche gegangen. Man könne nicht zulassen, daß die Sozialdemokraten auch bei dieser Frage wieder, wie bei der hohenzollernabfindunq, ein doppelzüngiges Spiel treiben. (Lebhafter Beifall bei den Kommunisten, Händeklatschen auf den Tribünen. Vräsident Bartels droht mit der Räumung der Tribünen. Großer Lärm bei den Kommunisten und Rufe: Das . ist ein sozialdemokratischer Präsident?)
Abg. Mayer- Solingen (Soz.) bemerkt, die Sozialdemokraten hätten' keine Veranlassung, den kommunistischen Antrag auf Herbeirufung des Ministerpräsidenten zu unterstützen, weil die Verordnung allein durch den Wohlfährtsminister und ohne Billigung des Gesamtkabinetts ergangen sei. Die Sozialdemokraten hätten sofort nach Erlaß der Verordnung ihre Aufhebung beantragt.
Ein Antrag Falk (Dem.) auf Schluß der Debatte wird unter ungeheurem Lärm gegen die Kommunisten, Deutschnationale, einige Volksparteiler und Völkische angenommen. Ablehnung gegen die gleiche Minderheit findet der kommunistische Antrag auf Herbeizitierung des Ministerpräsidenten
In der Besprechung zur Sache selbst führt Abg. Lüdemann (Soz.) als Ausschußberichterstatter aus, daß als einzige die Wirtschaftspakte: sich von Anfang an für die uneingeschränkte Aufrechterhaltung der Hirtsieferverordnung eingesetzt habe. In der Beschlußfassung des Ausschusses, bie geeignete Maßnahmen zum Schutz der Gewerbetreibenden vor skrupelloser Mietbewucherung und die Einsetzung von Schiedsstellen befürworte, käme jedoch offenbar zum Ausdruck, daß nicht einmal die Bedenken der Mehrheit, die sich im Grunde für die
ch:
Verordnung ergeben habe, beseitigt seien.
Als erster Debatteredner hebt Abg. H ä s e-Wies- baden (Soz.) hervor, daß der eigentliche Anstoß zur Hirtsiefer-Derordnung von den Deut ch- nationalen ausgegangen sei, die am 7. Mai 1926 beantragten, zu prüfen, ob nicht die großen Wohnungen und Gewerberäume aus der Zwangswirtschaft herausgenommen werden könnten. Es folgte sofort die Wirtschaftspartei mit sehr viel schärferen Anträgen. (Lärmende Rufe bei den Kommunisten.) Die Sozialdemokraten seien entschiedene Gegner der Hirtsieferverordnung. Diese Verordnung bedeute volkswirtschaftlich nicht nur für Ladenmieter und Gewerbetreibende eine starke Belastung, sondern für oas gesamte werktägige Volk, denn zweifellos würden infolge der teureren Mieten auch die Lebens- >ltungstoften steigen. (Zurufe des Abg. Laden
borff.) Viele ältere, bisher selbständige Kaufleute würden das Heer der Erwerbslosen noch vermehren. (Händeklatschen auf den Tribünen. Präsident Bartels droht erneut mit der Räumung der Tribünen.) Dem kommunistischen Antrag, dem Volkswohlfahrtsminister das Vertrauen zu entziehen, würden die Sozialdemokraten ablehnen, weil sie nicht ins Schlepptau der Kommunisten geraten möchten. (Zurufe bei den Kommunisten: Sie vertrauen also hirtstefer? Abg. Riedel (Dem.): Wollen Sie lieber einen deutschnationalen Minister?)
Aba. Steinhoff (Dntl.) gab hierauf für die deutschnationale Fraktion die folgende Erklärung ab: Meine Fraktion steht geschlossen auf dem grundsätzlich unveränderten Standpunkt der Notwendigkeit einer in vollem Umfange freien Wirtschaft. Gerade im Interesse der Mieter liegt es, daß das Wohnungswesen in allmählicher planvoller Weise von den Fesseln der Zwangswirtschaft befreit wird. (Sehr richtig.) Im Sinne einer völlig objektiven Einstellung ist der Antrag gehalten, den wir mit einem heute eingebrachten Zusatz dahingehend gestellt haben, die Verordnung des Herrn Ministers für Volkswohlfahrt vom 11. 11. 26 dahin zu ergänzen, daß durch geeignete Maßnahmen die Gewerbetreibenden vor einer skrupellosen Mietbewucherung geschützt und Schiedsstellen vorgesehen werden. (Zurufe bei den Kommunisten: Schwindel.) Wir bedauern, daß in der Verordnung keinerlei Härteparagraphen eingefügt sind, und müssen deshalb den Herrn Mini st er für Volkswohlfahrt für die Unruhe und Verwi ^r.u ng verantwortlich machen, die durch diese Unterlassung entstanden ist. (Beifall rechts. Unrühe pnd Lachen bei den Sozialdemokraten und Kommunisten.)
Abg. K ö l g e s (Ztr.) erklärt: Das Zentrum habe Verhandlungen über eine anderweitige Einteilung zum Kabinett in Preußen nicht getätigt, wie die Kommunisten behauptet hätten. Ob und wann in Preußen eine Kabinettskrise eintrete, bestimmen nicht die Kommunisten, sondern die Regierungsparteien selbst. Wolle man die Zwangswirtschaft bis in alle Ewigkeit erhalten? Die Zentrumsfraktion wolle einen allmählichen Ab bau und Förderung des Wohnungsbaues. Wenn die Gesetzgebung nicht ausreicht gegen Ausbeutung, so müssen die Wucherbestimmungen verschärft werden. Das Zentrum stimmt der Verordnung unter Hinweis auf die von ihm eingebrachten Anträge gegen ungerechtfertigte Kündigungen und Mietsteigerungen zu.
Abg. Dr. Grundmann (D. Vpt.) gibt für die Deutsche Volkspartei eine Erklärung ab, in der es heißt: Die Deutsche Dolkspartei ist stets für eine allmähliche und planmäßige Lockerung der Zwangswirtschaft eingetreten. Sie hat die Tendenz der Verordnung vom 11. November begrüßt, ist aber für die Art ihrer Durchführung um so weniger verantwortlich, als sie vorher nicht gehört worden ist und dem Kabinett nicht angehört. Wir verlangen, daß jede Verordnung so aufgezogen ist, daß sie die Rechte aller Volksgenossen wahrt. Wir werden darum die Anträge auf Bekämpfung des Wuchers annehmen und haben darüber hinaus beantragt, daß bei Existenzgefähr- dung die Mieter eine Fristverlängerung unter entsprechender Mietefestsetzung fordern können.
Abg. hoff (Dem.) bedauert, daß die Vorstellungen der Demokraten bei den zuständigen Ministe- rialstellen, die Verordnung von Regierungsseite abzuändern, kein Gehör gefunden haben. Die Demokraten sind der Ansicht, daß bereits jetzt soviel Mißhelligkeiten auf Grund der Verordnung vorliegen, daß der Widerruf am Platze ist. Mit aller Entschiedenheit müssen wir den Mißtrauensantrag gegen den Wohlfahrtsminister ab lehnen. (Unruhe und Zurufe der Kommunisten. Die Kommunisten rufen plötzlich nach den Tribünen: „Seht euch vor, es sind Polizeispitzel auf den Tribünen!")
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Ich möchte anknüpfen an die Ausführungen des Abg. Hoff, der gesagt hat, daß die Verordnung auf Widerruf erlassen ist. (Rufe bei den Kommunisten: Sie wollen dies ja gar nicht widerrufen!) Ich habe das Experiment schon einmal getan und würde es wieder tun, wenn entsprechendes Material herbeigeschafft wird. (Großer Lärm links.
Kundgebungen auf den Tribünen die Tribünenbesucher halten demonstrierend Mietverträge und anderes Material hoch.) Abg. Kilian (Komm.): Herr Minister, gehen Sie auf die Tribünen.
Der Minister fortfahrend: Unter den hunderttausenden von Mietsverhältnissen, die durch die Verordnung getroffen werden, sollten Sie — zu den Kommunisten — nicht gerade auf das bißchen verweisen. Ich hebe hervor, daß mindestens 300 000 gewerbliche Mieter sich nicht beschwert haben. (Rufe bei den Kommunisten: Er verhöhnt die Mieter!) Auch der Abg. Hoff hat früher zu. gegeben, daß einmal der Anfang gemacht werden müsse. Meiner Ansicht nach war jetzt zu diesem Anfang der gegebene Zeitpunkt. Es waren sehr ernste Zweifel dafür vorhanden, ob nicht im Reichstag sich eine Mehrheit überhaupt für* die - Auf-
hebung des Reichsmietengesetzes und der Mieterschutzgesetzgebung finden würde. (Lebhafte Aha!- Rufe links.) -Aus dem Mieterschutz werden ja durch die Verordnung nur diejenigen Räume herausgenommen, die nicht mit einer Wohnung ver- bunden sind. Je länger wir die Unterbindung der freien Entwicklung aufrecht erhalten, desto größer werden die Schwierigkeiten. Es ist gesagt worden, es würden durch die Verordnung Existenzen vernichtet. (Rufe bei den Kommunisten: Ihre nicht!) Glauben Sie, daß ich, der fünf Jahre für den ungeschmälerten Mieterschutz eintrat, leichten Herzens an die Verordnung herangegangen bin9 Aber wenn Sie das nicht wollen, müssen wir ein Gesetz annehmen, daß keine Existenz in, Preußen mehr vernichtet werden darf. (Großer anhaltender Lärm bei den Kommunisten und dauernde Kundgebungen auf den Tribünen. Glocke des Präsidenten.)
Gegen eine Fristverlängerung muh ich mich mit allem Nachdruck wenden. Durch eine Hinausschiebung der Kündigungsfrist würde eine erhebliche Rechtsunsicherheil eintreten. Es muß einmal zu einem Termin für die Loslösung von der Zwangs- wirtschaft kommen, und es gibt jetzt nur einen Weg: entweder bleibt die Verordnung unverändert bestehen, oder sie wird aufgehoben. Wie das Haus auch entscheiden möge, ich werde meine Konsequenzen daraus ziehen. (Stürmische Kundgebungen bei den Kommunisten und auf den Tribünen.)
Damit schließt die Aussprache. Es folgen dann die Abstimmungen.
Der fozialdempkratische Antrag, die Verordnung vom 11. (1. 1926 betreffend Lockerung des Wissterschutzes aufzuheben, wurde mit 222 gegen 142 Stimmen der Sozialdemokraten, Völkischen und Kommunisten bei drei Enthaltungen a b g e l e h n t.
Dec demokratische Antrag, das Staaks- ministerium zu ersuchen, die Verordnung vom 11. 11. 1926 dahin abzuändern, daß sie sich nur auf die Vorschriften des Wohnungsmangelgesetzes bezieht, Kündigungen und Wielsteigerungen also ausgeschlossen bleiben, wird mit 204 gegen 163 Stimmen der Demokraten, Kommunisten, Sozialdemokraten und völkischen bei einer Stimmenthaltung abgelehnt.
Bei den Abstimmungen über die Aenderungs- anträge der Hirlsiefer-Verordnung kam es zu großen Tumullszenen. Als die Deutsch- nationalen und das Zentrum geschlossen auch gegen den letzten Aenderungsantrag der Demokraten stimmten, die Kündigungsfrist vom 1. April auf den 30. September 1927 zu verschieben, ertönten bei den Tribünenbesuchern laute Schmährufe gegen die Rechtsparteien. Präsident Bartels ordnet die Räumung der Tribünen an. Kommunistische Abgeordnete veranlassen jedoch die Tribünenbesucher, die Tribünen nicht zu verlassen. Da sich der Tumult auf den Tribünen forlsehtc und Kriminalbeamte mühsam nur einzelne Besucher entfernen konnten, verließ Präsident Bartels seinen Präsidentensitz und die Beratungen mußten auf Samstag vertagt werden.
Der erwähnte demokratische Aenderungsantrag war jedoch mit den Stimmen der Linksparteien bei Slimmenhaltung der Deutschen Volkspartei angenommen worden.
Auch nach Sitzungsschluß war die Erregung auf den Tribünen und im Hause noch groß, unb insbesondere die Deutschnationalen waren das Ziel schmähender Angriffe der Tribünenbesucher.
80 LMMoneukeedii für das Mobuuuaswsseu in OssuHeu.
Berlin, 18. Febr. Das preußische Slaals- minifferium übersandte dem Staatsrat einen Gcssh- entwurs für Bereitstellung eines 80 Willionenkredits zur verstärkten Förderung der Bautätigkeit auf dem Gebiete des Wohnungswesens mit der Bitte, eine gutachtliche Aeußerung mit Rücksicht auf die Dring- jichkeit der Vorlage möglichst bald herbeiführen zu wollen. Aus der beigefügten Begründung teilt der Amtliche Preußische Pressedienst folgendes mit: 3m Kalenderjahr 1926 wurden in Preußen gegen 130 000 Wohnungen bezugsfertig hergestellt. Damit ist es gelungen, den laufenden Jahresbedarf von etwa 120 000 Wohnungen für Preußen zu befriedigen und daneben noch einen Bruchteil des aus der Kriegs- und Nachkriegszeit vorhandenen Fehlbedarfs zu beseitigen. Da der Wohnungsbau bis auf weiteres nur unter starker Inanspruchnahme öffentlicher Hilfe durchgeführt werden kann, ist es uner- läßlich, die hierfür aus der hauszlnssteuer zu Gebote stehenden Witkel durch Sonderbewilligungen zu verstärken.
Lobnbetvesuns dev «Menbahnev
Die Eifenbahnorganifatlonen treten am kommenden Montag zu einer Be prechung zusammen, um zur Kündigung der Lohnbestimmungen des Tarifvertrages Stellung zu nehmen. Wie der „vorwärts" an- nimmt, dürfte es zur Kündigung der Lohnbestimmungen kommen, da ein Ausgleich zwischen den Löhnen und der seit den letzten Lohnabmachungen weiter gestiegenen Teuerung als eine Selbstverständlichkeit betrachtet werden muß.
Die Worbs.
Ueber den sogenannten „Fall SteubeH4 scheinen trotz der Anlehnung der Mißtrauens- anträge im Reichstag die Akten noch nicht geschlossen zu sein. Die Opposition ist weiterhin dabei, das Interesse für diesen Fall wach zu halten, denn im Laufe dieser Woche hieß es, daß man die Absicht habe, einen Untersuchungsausschuß gegen den Innenminister einzusetzen. Ob man diese Absicht verwirklichen wird, steht noch dahin. Gegen Ende der Woche war zwar von diesem Plan nichts mehr zu hören, dennoch ist es nicht unmöglich, daß er wieder auftaucht. Abgesehen davon, daß nach der einwandfreien Erklärung des Reichskanzlers Dr. Marx eigentlich ein endgültiger Strich unter diese Affäre gezogen sein sollte, scheint uns die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschußes gerade in diesem Falle so unangebracht wie irgend möglich. Er ist bekannt, daß in der Oeffentlichkeit das System dieser Ausschüsse nicht allzu große Achtung genießt. Die Durchführung der er* wähnten Absicht -würde nun zweifellos diese Achtung noch weiter verringern und der gan* zen Einrichtung nur Schaden zufügen. Wir sind der Ansicht, daß dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß ein praktischer Nutzen nicht abgesprochen werden kann. Es gibt poN» tische Skandalfälle, deren Behandlung nicht vor das Gericht gehört, sondern vor den parlamentarischen Untersuchungsausschuß. In Amerika, in Frankreich und in England hat sich der parlamentarische Ausschuß in solchen Fällen zweifellos bewährt. Man greift dort aber auch nur dann zu dieser Institution, wenn er sich urft Fälle handelt, die sich im Grunde ge< nommn der Zuständigkeit des Richters entziehen. Man sieht in dem Untersuchungsausschuß aber nicht eine Waffe, mit dem man die gegnerische Partei zu treffen versucht. Diese mißbräuchliche Benutzung hat sich in Deutschland eingebürgert und zu einer Diskreditierung und Herabwürdigung der ganzen Einrichtung geführt. Auch im „Fall Keudell" würde die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses ein Mißbrauch dieser Einrichtung bedeuten, denn für diesen Fall ist das Disziplinarverfahren der gegebene Weg, ein Verfahren, das der Reichsinnenminister seinerzeit selbst beantragt hat, aber nicht eröffnet worden ist. Trotzdem hat Reichskanzler Dr- Marx eine Untersuchung der Angelegenheit Keudell vorgenommen, die negativ verlaufen ist, womit sich auch die Opposition zufrieden geben sollte.
Im Reichstag hat die allgemeine Aussprache über den Reichshaushalt für das Jahr 1927 begonnen. Der neue Reichsfinanzminister hat in seiner Etatsrede die ganzen Finanz- probleme mitten in den Kreis der aktuellen politischen Probleme hineingestellt, um zu zeigen, welch besondere politische Bedeutung neben der wirtschaftlichen Hauptaufgabe sein Ministerium besitzt. Der neue Reichsfinanzminister hat in seiner groß angelegten Redi keine Schönfärberei getrieben, er hat so schwarz gemalt wie irgend möglich und unsere finanzielle Notlage gekennzeichnet, wie sie in Wirklichkeit ist. Mit besonderer Sorge erfüllt den Finanzminister, das konnte man aus seinen Worten wiederholt herauslesen, "die steigende Last der Reparationen, mit deren Anwachsen die langsam steigende Finanzkraft von allen Teilen unserer Wirtschaft keineswegs, schritthalten kann. Faßt man alle Leistungen zusammen, so kommt man zu einem Jahresaufwand von rund 2 Milliarden. Der Minister sprach unter lebhaften Hört!- Hörtl-Rufen, daß er im gegenwärtigen Augenblick noch keine Möglichkeit erkenne, wie wir trotz allen guten Willens diese Beträge aufbringen, sollen, zu denen ja vom Jahre 1929 ab noch die zusätzlichen Zahlungen aus dem großen Besserungsschein kommen sollen. Diese Ausführungen, die ein offenes Bekenntnis der Undurchführbarkeit des Dawes-Planes enthalten, sind gleichzeitig eine Entkräftung — falls es einer solchen überhaupt bedarf — der Ausführungen, die dieser Tage der amerikanische Finanzsachverständige Robinson gemacht hat, der der Ansicht ist Deutschland könne den vollen Betrag feiner Reparationszahlungen leisten und dabei doch wirtschaftlich gedeihen. Die Ausführungen des Reichsfinanzministers, die Slufzählung der ungeheuren Steuerlasten, die auf dem deutschen Volke ruhen, führen die Robinsonsche Auffassung ad absurdum. Dr. Köhler tat recht, )ie Undurchführbarkeit des Dawes-Planes mit in die Debatte zu werfen. Und da, wie gemeldet, Dr. Köhler seine Gesamtausführungetz