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Samstag den 22. Januar

Jtr. 18

St Vincenz besten Gedenktag der 22. Januar ist, enwickelte sein ganzes Leben lang eine erfolg­reiche, ganz aus praktische und christliche Barm­herzigkeit eingestellte Tätigkeit. In Frankreich, in der Gascogne, 1576 geboren, wirkte Vincenz de Paul oder Monsieur BinceM, wie man ihn nannte, unermüdlich als Mahner, Prediger, Lehrer und Helfer, und vor allem die letzte werktätig geübte Täigkeit hat ihm in der christlichen Kirche ein blei­bendes Denkmal geschaffen. Er nahm sich der Fin­delkinder an und suchte helfend und tröstend das harte Los der Galeerensklaven zu mildern. Auf ihn geht die Gründung des Ordens der Lazaristen zurück, deren Name für seine Tendenz und die sei­nes Gründers bezeichnend ist. Ebenso wurde von ihm der weibliche Orden der Dincentiner barmher­ziger Schwestern, gegründet. Benedikt XIV. sprach ihn im Jahre 1729 heilig.

* Anmeldung von Schülern für die höheren Schulen. Im amtlichen Teil der vorliegenden Nummer geben die hohe Landesschule, die Ober­realschule und das Lyzeum bekannt, daß die Anmel­dungen von Schülern für kommende Ostern von jetzt ab entgegengenommen werden.

* Zu den Lohndifferenzen in der chemischen 3n- dustrie. Aufgrund der seitens des Verbandes der Fabrikarbeiter Deutschlands, Gau 13, Frankfurt am Main, und im Auftrage der übrigen an dem Tarif­vertrag der Sektion 7 der chemischen Industrie be­teiligten Gewerkschaften dem Arbeitgeberverband der chemischen Industrie gegenüber zum 31. Januar vorgenommenen Kündigung haben zwischen den Parteien heute Verhandlungen stattaefunden, die nach eingehenden Ausführungen zur Anrufung des m Tarifvertrag vorgesehenen Bezirkstarifamtes ührten. Nach mehrstündiger Beratung hat dieses Bezirkstarifamt sich zur Fortsetzung der Beratung auf Freitag, 28. Januar vertagt.

* Die Grippe hat in den letzten Tagen weiter um sich gegriffen. Bei der Ortskrankenkasse Hanau- Stadt waren heute morgen genau 400 Grippekarnke gemeldet und zwar 194 aus dem Stadt- und 206 aus dem Landkreis. Der Krankenstand im allgemeinen betrug bei der Orstkrankenkasse Hanau-Stadt heute morgen 1293

* Vorsicht in den Abendstunden. In letzter Zeit «urden hier, vor allem in stillen Straßen, in den Abendstunden Damen von Mannspersonen in un­sittlicher Weise belästigt. Der Täter nähert sich ge­wöhnlich von hinten der Frauensperson, sodaß an­genommen werden muß, er wolle die betr. Frau überholen. Bei der Frau angelangt, faßt er dieselbe in unsittlicher Weise an und entfernt sich dann schleunigst. In den meisten Fällen kann eine Per­sonalbeschreibung nicht gegeben werden. Im In­teresse der öffentlichen Sicherheit wird gebeten, Mit­teilungen, auch vertrauliche, an die Krim.-Abteilung gelangen zu lassen.

* Keine Obsireste auf die Straße werfen. Eine gefährliche Unsitte, der kaum beizukommen scheint, ist das achtlose Wegwerfen von Obstresten, wie Apfelsinen- und Bananenschalen u. dergl. mehr auf offener Straße. Viele bedauernswerte Unfälle sind schon auf diese Weise entstanden und in einem fort wird gegen diese Unsitte geredet und geschrieben. Trotzdem gibt es immer wieder verantwortungslose Eelemente, die gegen das Leben und die Gesundheit ihrer Mitmenschen sündigen, indem sie, wo sie gehen und stehen, Obstreste achtlos wegwerfen. So stürzte erst gestern nachmittag in einer Straße der hiesigen Stadt eine hochbetagte Frau über eine weggewor­fene Apfelsinenschale und blieb bewußtlos am Boden liegen. In Anbetracht solcher Fälle müßte in Zu­kunft energisch gegen alle Uebertreter des bestehen­den Verbotes betr Wegwerfen von Obstresten auf Straßen und Plätzen, die dem öffentlichen Verkehr dienen, eingeschritten werden.

* 1927 als Baujahr. Nach den vom Reichs­arbeitsministerium aufgestellten Grundzügen für das Wohnungsbauprogramm 1927 ist für dieses Jahr die Errichtung von 200 000 Wohnungen in Aussicht genommen, wovon mindestens 150 000 Wohnungen auf Preußen entfallen sollen. Von der Aufstellung eines ursprünglich geplanten, die näch­sten fünf Jahre umfassenden Wohnungsbauvro- gramms, zur endgültigen Beseitigung der Woh-

warum jetzt eine Stadthalle?

Don Oberbürgermeister Dr. Blaum.

Motto:Een scheene Kunstgedanke Verschwimmt jetzt in e Millgefees!" Soll er recht behalten? Soll wirklich die seit langen Jahrzehnten eingetretene Möglichkeit die vor einigen Tagen geschilderten Aufgaben einer Stadt­halle zu erfüllen, vertan werden? Sollen dieAus­stellung für Handwerk und Gewerbe 1925", die neuenstädtischen Konzerte" Versuche bleiben?

Noch niemand in Hanau hat einen sachlichen Grund gegen die Einrichtung einer Stadthalle ge­nannt, im Gegenteil, jeder hat ihre Notwendigkeit anerkannt, nur der Zeitpunkt will vielen nicht der richtige erscheinen; und andere möchten die 200 000 Mark Ueberschuß aus dem Elekrizitätswerk von 1925 anderen Zwecken zuführen! Nun sei aber vor allem darauf hingewiesen, daß dieser Ueberschuß es war wirklich keinLotteriegewinn" niemals wieder bei der Stadt oder einem ihrer Werke auf­treten kann, und daß er sehr viel schwerer Arbeit im Kampf um den Großeinkauf der Elektrizität für Hanau zu verdanken ist. Das Kapital, das hier für eine Stadthalle zur Verfügung steht, braucht nicht verzinst und nicht getilgt zu wer- d e n; Der Betrieb der Stadthalle erspart sonach eine jährliche Aufwendung von 20 000 Mark. Daher können die Säle zu den Selbstkosten der Unterhal­tung und Reinigung vermietet werden, daher wer­den in dieser Halle die Veranstaltungen so geringe Unkosten für den Raum verursachen, daß sie zu sehr billigen Eintrittspreisen jedermann zugänglich sein können. Gerade diese soziale Seite des kom­munalen Erfolgs der 200 000 Mk. ist einGlücks­fall", wie er kein schönerer Lohn der gehabten Sor­gen und Kämpfe sein konnte. Denn darüber muß man sich, von den fehlgeschlagenen Versuchen ganz abgesehen, klar sein, daß aus den wirtschaftlichen Organisationen und den musik- und kunstpflegenden Vereinen in Hanau das Geld für eine Stadthalle niemals aufzubringen ist; auch Sammlungen Klein­aktien, Lustbarkeitssteuern für diesen Zweck ver­sprechen keinen Erfolg.

Und nun zerbrachen sich unsere Mitbürger den Kopf:Wohin mit dem vielen Geld?" Es gab Nor­schläge, ernste und heitere, weit- und. iurz- blickende! Es ist nicht leicht, ohne Ironie auf den einen oder anderen einzugehen, und die Gründe man­cher Vorschläge verraten nur Interessen einzelner Bevöllkerungsteile usw., ohne die Ziele und Bedürf­nisse der Allgemeinheit der Bevölkerung an erste Stelle zu setzen. Viele von diesen Wünschen sind ihrer Erfüllung durch die laufenden Arbeiten der städtischen Verwaltung viel näher, manche (z. B. die Winterbeihilfe für die Erwerbslosen, die Beschaffung der Mülltonnen und anderes) sind bereits erfüllt, andere beschäftigen zur Zeit die städtischen Körper­schaften, greifen aber in dem Ausmaß ihrer Mittel und der Zeit ihrer Durchführung viel weiter hin­aus, als der verhältnismäßig nicht hohe Betrag für die Einrichtung der Stadthalle. So ist der Woh­nungsbau in ständigem starkem Fortschreiten, die Salzstraße steht auf dem diesjährigen Straßenbau­programm, eine gute Unterbringung der gewerb­lichen Fortblldungsschule wird voraussichtlich sehr bald erfolgen können, das Krematorium soll noch diesen Sommer entstehen, auch an die Kesselstädter Schule und die Kinzigregulierung kann bald heran­getreten werden usw. Diese Dinge sind aber alle Aufgaben, die bei ordentlicher Finanzwirtschaft auf

nungsnot, ist man lautBauzeitung" vorläufig etwas abgekommen, da über die Finanzierungs­möglichkeit eines derartigen, umfassenden Woh­nungsbauplanes in den beteiligten Kreisen noch be­trächtliche Meinungsverschiedenheiten herrschen. Die Schätzungen über die Fehlmenge an Wohnungen gehen noch zwischen 600 000 und 1000 000 aus­einander. Eine zuverlässige Grundlage über den tatsächlichen Wohnungsbedarf hofft man durch die

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Anleihemittel genommen werden, bezm. im ordent­lichen Haushalt der Stadt vorzusehen sind; für sie wird man bei der jetzigen Lage des Geldmarktes ohne Schwierigkeiten die Mittel ausbringen können. Aber für eine Stadthalle die Aufnahme einer An­leihe zu beantragen, könnte ich anders als in unseren Nachbarstädten, z. B. in Darmstadt in Hanau nicht Vorschlägen, da aus Anleihe- mitteln wirklich dringendere Aufgaben, insbe­sondere Wohnungs-, Schul- und Straßenbau bei uns durchzuführen sind. Denn eine Anleihe muß in den nächsten 25 Jahren des wirtschaftlichen Wieder­aufbaues verzinst und zurückgezahlt werden.

Wenn sonach der Zeitpunkt für die Schaffung der Stadthalle in finanzieller Hinsicht zweifelsohne der günstigste ist, der sich auf Jahrzehnte hinaus bieten kann und auch keinerlei dringendere Geld­ausgaben durch diese hintangehalten werden, so fragt sich noch, ob der Beginn der Umbauarbeiten etwa hinausgeschoben, das Kapital durch seine Zinsen etwas vermehrt werden sollte, falls man die Verantwortung für den Entschluß jetzt nicht au übernehmen wagt. Demgegenüber ist aber gerade darauf hizuweisen, wie dies auch von allen Instan­zen aus geschieht, daß die öffentlichen Behörden alle Bauarbeiten, die sie überhaupt unternehmen können, möglichst rasch und bald beginnen müssen. Die Erwerbslosigkeit auf der einen Seite, die ge­ringe Beschäftigung sehr vieler Gewerbezweige auf der anderen erfordern, daß solche Gewerbezweige Aufträge und Beschäftigung erhalten, die auf an­dere in starkem Maße weiter wirken. Das Bauge­werbe wird nicht mit Unrecht als Schlüsselgewerbe be­zeichnet, und wenn die Stadtverwaltung die für das Jahr 1927 geplanten Bauarbeiten möglichst frühzeitig den städtischen Körperschaften zur Be- schlußfastung vorlegt, so ist es das Gegebene, auch einen solchen großen Umbau wie den des Mar­stalls raschestens dem Hanauer Handwerk und Ge­werbe und den Erwerbslosen zukommen zu lassen. Die Arbeit wird ein gutes halbes Jahr in Anspruch nehmen und sich daher wohltätig belebend in dem Hanauer Wirtschaftsleben auswirken.

Was aber den Zeitpunkt der fachlichen Notwen­digkeit baldiger Erstellung von Ausstellungs- und Konzertsälen genügender Größe und Art in Hanau betrifft, so bedarf es keiner Begründung, wie dringend nötig die rasche Befriedigung dieses wirtschaftlichen und kulturellen Bedürfnisses ist. Namhafte Ausstellungen und Tagungen mußten auch für dieses Jahr von Hanau ferngehalten wer­den, weil die Stadt noch keine Räume zu ihrer Unterbringung besitzt, und künstlerische Ereignisse wie das Haydnkonzert der Lubka Kolessa oder das Wendling-Quartett verlangen den Raum, der unge­störten Kunstgenuß und ungehinderten Dankes­rausch ermöglicht. Vor allem aber heißt es für Hanau, nicht wieder wie so oft in vergangenen Jahrzehnten die richtige Gelegenheit zu verpassen! Wenn ringsum in allen Städten Stadt­hallen gebaut und vergrößert werden, wäre es eine Pflichtvergessenheit meinem Amte gegenüber, wenn ich nicht mit allem Nachdruck auf die Erfüllung die­ser wichtigen kommunalen Aufgabe hinwiese: Wie im menschlichen, so gilt es doppelt im kommunalen Leben, daß zögernder Bessimismus zu Stillstand und Verfall führt, daß nur der Glaube an die Sache Kraft und Mut zu vprwärtsführendem Ent­schluß gibt!

in diesem Frühjahr durchzuführende Wohnungs­zählung im Reiche zu gewinnen. Auf Grund her durch die Wohnungszählung erhaltenen Unterlagen beabsichtigt die Reichsregierung eine Rcichswoh- nungspolitik auf längere Sicht aufzubauen. Soweit sich bisher eine Vorschau auf das kommende Bau­jahr ermöglichen läßt, kann festgestellt werden, daß die Aussichten für 1927 verhältnismäßig nicht un­günstig sind. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß die l

Wohnungsbautätigkeit zumindest mcht hinter der des Vorjahres zurückbleiben wird, zumal die fin- kende Tendenz des Zinsfußes eine weitere Zu­nahme der privaten Beteiligung an der Bautätig.eit in Aussicht stellt. Dabei ist zu berücksichtigen, daß die Wohnungsbautätigkeit bereits 1926, bemessen an den Wohnungszugangsziffern der 1919 bis 1925, einen erheblichen Aufschwung bedeutet. Die nun­mehr für 1927 fast vollständig vorliegenden kom­munalen Bauprogramme lassen erkennen, daß die kommunale Bautätigkeit im neuen Jahre den Um. , fang der vorjährigen kommunalen Bautätigkeit übertreffen wird. Auch die Aussichten der indu­striellen Bautätigkeit, die für bestimmte Bezirke des Reiches von größter Bedeutung ist, find für 1927 besser als sie in den Vorjahren waren.

* Mehr Sorgfalt des Kraftwagenführersk Wie« verholt kam es zu bedauerlichen, schweren Unglücks, fällen, die darauf zurückzuführen sind, daß Kraft- Wagenführer, selbst dann, wenn sie Lastkraftwagen mit Anhänger fahren, im Vertrauen auf ihre ?e» schicklichkeit scharf an den zu überholenden Rad­fahrern vorüberfahren. Diese strafbare Gepflogen­heit birgt die große Gefahr für den Radfahrer ir ich, daß er entweder durch irgendein unbedeutendes Hindernis auf der Fahrbahn plötzlich, aus seiner Richtung abgedrängt wird bezw- aus Schreck­haftigkeit eine unwillkürliche Bewegung macht, dir zu einem Zusammenstoß und Un&.ücfsfaK führt, oder daß der Radfahrer durch das zu nahe Vorüber- B fahren des Kraftfahrzeuges an die Bordkante des Bürgersteiges gedrängt wird, er hier anstößt, fällt und schließlich unter den Rädern des Kraftsahr- zeuges endet. Zur Wahrung der öffentlichen Sicherheit sei daher nochmals an die allgemeine Sorgfaltspflicht der Krqftfahrzeuglenter erinnert, daß sie bei erkennbarer Gefährdung durch ent- < sprechendes genügendes Ausweichen und erforder­lichenfalls durch Langsamfahren oder Anhalten Unglücksfälle vermeiden. Sie setzen sich einer un- - nötigen Bestrafung aus und sind für den ent- k standenen Schaden haftbar. Die vorstehende ernste Mahnung bezieht sich auch auf die wilden Kraft- - radfahrer und Radfahrer. Auch muß bei der nassen r Witterung und dem schlechten schmutzigen Zustand eines großen Teiles der Hanauer Straßen noch­mals ân ein rücksichtsvolleres Fahren erinnert werden, damit das Bespritzen der '.Bürgersteige, Häuser und Fußgänger mit 'Straßenschmutz mög- - lichst vermieden wird. Der sich immer mehr steigernde Fährverkehr erfordert eine unbedingt« Einhaltung der polizeilichen Fahrvorschriften seitens aller Fahrzeugführer. Pflicht eines jeden Kraftfahrzeugführers ist es ferner, darauf zu achten, daß durch sein Fahrzeug keine Rauch- oder Ge- räuschbelästigung verursacht wird. Die Polizei­beamten sind erneut angewiesen, ihr besonderes Augenmerk auf unvorsichtige und lässige Fahrer zu richten. Nötigenfalls wird die Entziehung des Führerscheines veranlaßt wcrom.

* Der Verein für Homöo a'-ste, Biochemie u. Aa» kurheilkunde veranstaltet am rammenden Dienstag, 25. Januar, abends 7.30 Uhr in der Aula der Ebsr- Hardschule einen Vortragsabend. Auf vielseitigen Wunsch wird der vor 14 Tagen stattgefundene Grippe-Vortrag wiederholt, besonders für diejeni­gen, die gekommen waren, aber keinen Platz mehr fanden. Neben dem Auftreten der Grippe wird die Bevölkerung auch in diesen Tagen durch die ihnen zugegangenen Jmpfaufforderungen in Furcht und 1 Angst versetzt, weshalb der Verein es für ange- bracht hält, das Reichsimpfgesetz vom 8. 4. 74 in seiner noch heutig völlig unveränderten Form seinen Anhängern bekanntzugeben und letztere in dem Vortrag aufzukltzren.

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Rosmersholm.

Schauspiel von Henrik Ibsen.

Die hiesige Neuinszenierung vonRosmers- Holm", unbeschwert von aller Tradition, will oer- Ken, der Dichtung die Bühne zurückzugewinnen/'

: diesem Satz kündigte unsere Direktion die Auf­führung der Tragödie des Pfarrers Rosmer an. Man mag zu dieser starken schöpferischen Dichtung des Norwegers, in der nach Theodor Fontane ein idealer Gedanke reale Gestalt erhalten hat, im be­sonderen und zu Ibsen im allgemeinen, stehen wie man will, eins steht fest, sowohl das große Doppel­seelengemälde vom Streben nach einem Dollmen- schentum wie Ibsens Werke überhaupt, bergen eine überwältigende dramatische Wuchtz legen Zeugnis ab von der wunderbaren Fähigkeit Ibsens, in die geheimnisvollsten Tiefen und feinsten und leisesten Regungen des menschlichen Seelenlebens einzudrin­gen und sie auf der Bühne darzustellen. Und des­halb ist auch die Absicht, Ibsen wieder die Pforten unserer Bühne zu öffnen, zu begrüßen. Unseren Künstlern wird dadurch Gelegenheit gegeben, sich schöpferisch zu betätigen, scharf charakterisierte Ge­stalten auf die Bühne zu stellen eine Gelegenheit, die bei unsern modernen Dramen sehr selten gegeben ist und das Publikum bekommt etwas vorgesetzt, was das moderne Drama leider nicht ersetzen kann.

Die Aufführung am Mittwoch darf als ein glän- -ender Erfolg bezeichnet werden. Zunächst muß mit Freuden konstatiert werden, daß auch auf unserer Bühne ein neuer Stilwille sich endlich durchzuringen scheint. Bernd Hofmann hatte eine äußere und innere Stilisierung der Dichtung vorgenommen, die alle Anerkennung verdient. In der Ankündigung war nicht zu viel gesagt, wenn es hieß,das Wort allein soll die Rosmersche Atmosphäre schaffen". Frei vom Sichtbar-Gegenständlichen, frei von jenem mehr oder minder echten Milieu, das das Publikum in der Aufnahme der Dichtung nur ablenkt und dafür restlose Offenbarung des Dichterwerkes durch das gesprochene Wort Es wäre wünschenswert, wenn auf diesem verheißungsvollen Wege fortge­schritten und die Stilisierung auch auf andere Werke selbstverständlich eignen sich nicht alle dazu angewandt würde. Innerlich hatte eine Stilisie­rung stattgefunden, die sich vor allem in der weniger naturalistischen Ausfassuna kundtat

Eine solche Regiefassung fordert natürlich von den Darstellern große Nervenspannkraft und voll­kommene Hingabe. Beides wurde von ihnen aufge­bracht, sodaß eine einheitliche und wundervoll abge­tönte Aufführung zustande kam, die mit zu den Glanzleistungen unseres Theaters gezählt werden darf. Dev Johannes Rosmer spielte Hermann Bauermeister in eindrucksvoller Weise. Er gab diesem letzten Vertreter des alten Adelsgeschlechtes der Rosmer mit einer herrlichen Herzlichkeit und versonnener Weichheit, daß man die Wirkung der von Rebekka ausgehenden Seelenkraft spüren und die in ihm vollzogene Wandlung glauben konnte. Eine prächtige Leistung bot Marta Kaufmann als Rebekka. Nicht die unheilheischenden Anlagen dieses. Fräulein West stellte sie, wie man es früher von Vertreterinnen dieser Rolle gewohnt war, her­aus, sondern die reine übermächtige Empfindung, von der ihr Tun erfüllt ist und die ihr Handeln ver­ständlich und begreiflich macht. Jedes Wort zeugte von Beseeltheit. Erschütternd war ihr Geständnis, bei dem nicht Gleichgültigkeit, sondern innere Größe zum Ausdruck kam, innere Größe, die ihren Höhe­punkt am Schluß fand. Den Rektor Kroll, den fana- schen Parteigänger, verkörperte Erich Harzheim. Er traf das Impulsive, das dieser Gestalt innewohnt, die Rücksichtslosigkeit, mit der sie vorgeht, ganz vor­züglich. Mit erschütternder Echtheit spielte Dr. Al­bert Wiesner den durch Alter und Alkohol matt und schwach gewordenen Philosophen Ulrik Bren­del. Eine markante Leistung, die unumschränkte An­erkennung verdient. Schließlich sind noch zu erwäh­nen Willy Fuhrmann, der den Redakteur Mortensgard vortrefflich zu charakterisieren wußte und Alide Ballin als Haushälterin Helseth, die durch ihre Güte und Einfachheit wirkte.

Alles in allem eine Aufführung, die einen er­lesenen Genuß bot. Der Beifallssturm, der am Schluß einsetzte und kein Ende nehmen wollte, war wohlverdient. R. H.

o Sladtlheater. Aus dem Theaterbüro wird uns geschrieben. Heute Samstag, abends 8 Uhr Ge­schlossene Vorstellung. Morgen Sonntag, nach- mitags 3 Uhr wirdDer Garten Eden" vier Ka­pitel aus dem Leben eines unanständigen Mäd­chens von Bernauer und Oesterreicher wiederholt. Als Neuheit geht abend 7.30 Uhr zum erstenmale Die Teresinc? Operette in 3 Akten von Schanzer und Welisch, Musik von Oscar Strauß in Szene. Strauß'sche Musik ist stets ein musikalisches Ge­nießen. Noch heute läßt man sich gerne bannen von den Klängen seinesWalzertraum". Aber auch

seineTeresina" fingt und klingt in reich quellendem todjöpfertum, blüht im Melodischen und zeigt den Operetten-Strauß, gegen den die vielen heutigen Sternchen am Himmel dieser Muse verblassen. 'Sie­ber weiß der Komponist in schlankem Fluß zu schreiben, Lieder zu plazieren und seiner Partitur auch sonst Ureigenes nach Strauß'scher Art zu geben. Daß Schanzer und Welisch als Lill ettisten zeichnen, sichert im voraus schon dem gefällgen Werk seine Zugkraft. Will sich doch auch das Auge an bunten Bildern erfreuen, reizt es doch immer wieder die Netzhaut, Schleier einer glitzernden, ge­wesenen Zeit einzufangen.

GBttssAsâ«.

Haft du schon einmal eine Schneeflocke vielhun­dertfach vergrößert gesehen? Diese munderfeinen, lieben, zarten Ornamente? Gibt es wohl einen Zeichner, der ein schöneres Muster erfinden könnte? An zeichnerischer Schönheit und vollkommener Symetrie? Hast du schon einmal an bitterkalten Wintertagen die Eisblumen an den Fenstern genau beobachtet? Und hast du sonst in der Natur genaue Umschau gehalten?

Wo du hinschaust: Natur ist eine große Künstlerin. Die größte!

Sind denn nicht alle großen Fortschritte der Menschheit meist nur stümperhafte Kopien der Natur? Tausende von Jahren haben die größten Genies gebraucht, um nur die Gesetze des Vogel- fluges zu ergründen. Und hätten die Menschen nicht zahlreiche Hilfsmittel (Motor, Benzin, elektrische Zündung usw.), noch heute würden sie nur wenige Minuten hilflos in der Luft herumflattern. Und der jüngste Spatz hätte allen Grund, die Menschen ob ihrer Unbeholfenheit auszukichern. Natur ist er­habenste Lehrmeisterin modernster Tech­nik und aller Zweckmäßigkeit.

Aus einer winzigen Schneeflocke unterm Mikro­skop, aus ihren ebenmäßigen Kristallen kannst du die Gesetzmäßigkeit aller Dinge, auch des kleinsten in der Natur erkennen lernen. Besser und schneller als aus tausend Büchern. Das Blatt an Baum und Strauch, die Blumen, das Herz der Tiere und Men­schen, Gehirn und Muskeln, die Käfer und Schmet­terlinge, die Vögel und die kleinsten Insekten, Sonne, Mond und Sterne, das Werden der Frucht, ihr Wachsen und Vergehen . . . erzählt dir von den urewigen Gesetzen der Natur. Der Wasser­tropfen, die Schneeflocke, jede Muskelfaser, jeder Blutstropfen, das Protoplasma, das Ovarium unter den Vergrößerungsgläsern des Mikroskopes lehren

uns in ihrem Aufbau, in ihrer Ornamentik, daß alles in der Natur sich nach festen, unumstößlichen Gesetzen entwickelt.

Da glauben nun zahllose Menschen, Grundgesetze des Natürlichen im Menschen ersticken zu können.

Wehe den Menschen, die den Ge­setzen der Natur zuwiderhandeln! Paragraphen, von Menschen geschaffen, sind nur gut und nützlich, wenn sie nicht wider die Natur sind. Wahres Glück bietet nur die Natur. Alles andere, anormale, ist flüchtiger Rausch fiktiver Selbst- und Massensuggestion.

Das Unselige im Menschen hat feinen tiefsten Grund in der feindseligen Gegenüberstellung von Kultur und Natur.

Legst du eine Schneeflocke unter das Mikroskop, dann freut sich dein Auge an der Ebenmäßigkeit, der Kongruenz der Ornamente. Könntest du die Seele des sogenannten Kulturmenschen, des Naturfeind­lichen unter dem Mikroskop beobachten, du würdest keine Ebenmäßigkeit vorfinden. Ziellos durchein- anderlaufende Linien fändest du. Einen unendlichen Wirrwarr, ein expressionistisches Tohuwabohu. Ein wildes Auf und Nieder und Durcheinarâr, ohne Sinn und Verstand! Keinen Frieden in s i ch selbst, Feindschaft gegen sich und andere.

Und würdest du die Seelen allerKultur"-Men- schen mikroskopieren können, du fändest kaum einen Zug der Gemeinschaftlichkeit. Jeder hat sein zer­fahrenes eigenes Ich. Seinen eigenen Egoismus. Sein eigenes Ornament.

Warum ist fast eine Schneeflocke wie die andere? Eine Muskelfaser wie die andere? Und sind sie von­einander verschieden: Immer bieten sie das Bild wohlgeformter Symetrie. Die Seelen des modernen Menschen aber ist meist mikroskopisch betrachtet ein häßliches Gekritzel, da sie sich vom' Natürlichen entfernt.

Leben nach der Natur bedeutet Wohlbefinden, Gesundheit, Schönheit! I st Höch st e Lebens» k u n st!

Leben gegen die Natur macht die Welt zu dem Narrenhaus der Ungerechtigkeit, des ungesunden Egoismus der Zerfahrenheit, in dem wir leben.

Würden die Menschen sich selb st und ihre Handlungen öfter mit dem Ver­größerungsglas betrachten, sie wären bestürzt von dem unschönen Durcheinander ihrer Lebensornamentik. Und würden zur Natur, zum Natürlichen, zu edler Linie zurückkebren.