Nr. 11
Freitag den 14. Jannar
SeNe S
Losäßes.
Hanau, 14. Januar.
Dev ^kleine Watin* sm Kevu- lvvechev.
Wenn heute Bahn oder Post eine Preiserhöhung bringen, so geschieht es immer unter Hervorhebung der „Vorteile", die der Verkehr davon haben soll. So wird bei dem Entwurf der neuen Fernsprechordnung davon geredet, wie es schön sein wird, wenn es keine Pflichtgespräche mehr gibt, wenn die Gebühren herabgesetzt werden, um den Pferdefuß des I Entwurfs zu verhüllen. Die Mehrzahl der Fernsprechteilnehmer gehört nämlich zu den sogenannten „Wenigsprechern", d. h. denen, die unter 50 Gespräche im Monat führen. Diese sollen nun daran Schuld tragen, daß die Post nicht auf ihre Kosten kommen kann. Nun wäre es gewiß das einfachste, bei der Post den Verkehr nach großen Mustern zu verbilligen und dadurch zu heben — so erfand vor fast 100 Jahren der englische Postmeister Rowland Hill das Groschenporto und hob den Verkehr! — Dann würden aller Wahrscheinlichkeitsrechnung und Erfahrung nach diese bösen Wenigsprecher-Schädlinge zu Mehrsprechern werden und der Telephonverkehr würde allgemein zunehmen. So aber macht es der neue Entwurf nicht. Er führt vielmehr für die „unartigen Kinder" des Fernsprechonkels, die nicht genug telephonieren, eine Strafe in Gestalt einer Grundgebühr ein. Beispiele zeigen, wie sie wirkt. In einem Netz von 51—1000 Hauptanschlüssen waren bisher mindestens 30 Gespräche zu je 15 Pfennigen nötig. Dafür gab es noch einen Monatsabzug von 3 Prozent. Künftighin kennt man nach dem Entwurf keine Mindestgesprächzahl mehr, sondern eine Grundgebühr bis zu 500 Anschlüssen von 6 Mark, dazu den Gesprächspreis von „nur" 10 Pfennigen.
1. 32 Gespräche kosten zurzeit laufende Gebühr
gesetzt) = 5.80 Mk., künftig aber Grundgebühr 6.00 und 3.20 Mk. (vielleicht sogar dazu noch eine weitere bisher nicht ersichtbare „laufende Gebühr" wie bisher???), jedenfalls schon nach dem vorliegenden Entwurf 9.20 Mk. Das gibt statt 14,53 Pfennige für das Gespräch künftig 28,75 Pfennige!
2. Monat mit 43 Gesprächen: jetzt 1.25 und 6.15 Mark = 7.40 Mk., künftig 6.00 und 4.30 Mk. gleich 10.30 Mk. oder jetzt das Gespräch 17 Pfennige, künftig 23,9 Pfennige.
3. Monat mit 56 Gesprächen: jetzt 1.25 und Mark = 9.35 Mk., künftig 6 00 Mk. und 5.60 gleich 11.60 Mk. oder Gesprächspreissteigerung 16,7 Pfennige auf 20,7 Pfennige.
4. Monat mit 65 Gesprächen: jetzt 1.25 9.45 Mk. — 10 70 Mark, künftig 6.00 und Mark, — 12.50 Mk., das ist Gesprächserhöhung 16,46 auf 19 Pfennige.
8.10
von
und 6.50 von
Berechnungen für andere Netze und Zahlen ergeben dasselbe Bild.
Der neue Entwurf geht dem kleinen Mann am Telephon zu Leibe. Dabei vergißt er aber, wie es cheint, folgendes: Diese „Wenigsprecher" existieren ür die Rechnung der Post doch auch insofern, als ic nicht nur rufen, sondern auch angerufen werden. Sie bezahlen diese Gespräche zwar nicht, so daß sie in der Aufstellung einer rechnenden Behörde in ihren Konten nicht erscheinen, wohl aber bezahlen die Anrufenden, und die Reichspost als kluger Rechner sollte doch bedenken, daß sie beim Abschwenken ihrer „Wenigsprecher" auch jene Anrufgespräche von der Rechnung der Vielsprecher absetzen muß! Das heißt, sie verliert sie glatt. Es kann der Post gleichgültig sein, ob sie ein „Wenigsprecher" oder ein anderer Teilnehmer bezahlt, daß sie aber mit den abgedrosselten „Wenigsprechern" ganz verschwinden, kann ihr nicht gleichgültig sein. Hier liegt im Entwurf augenscheinlich ein Druck- und Rechenfehler vor, den die Kritik besonders auch der zuständigen Gutachter nicht übersetzen darf.
Nach dem Entwurf wird tatsächlich das Telephon für den „Wenigsprecher" zum Luxus, den man sich
überschuß betrug 9046 (1913: 11931 und 1925: 10389). Auf je 1000 Einwohner kamen 11,84 Todesfälle (1913: 13,37 und 1925: 11,62). Der Geburten- nicht mehr leisten kann. Man kann beim Fern- Uberschuß betrug auf je 1000 Einwohner: 7,53 (1913: sprecher nicht wie bei der Bahn in die vierte Klasse : 10,39 und 1925 :8,70). Don den lebend "geborenen abwandern, sondern der kleine Mann hängt einfach Kindern starben im ersten Lebensjahr 7,8. (1913: 9,3 ab! Ob das das Ziel des Entwurfs fein soll? | unb 1925 7,9).
aW C^M^tw&HHiy.
Roman von 3. Schneider JoerffL
Urheberschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau.
89. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Eine weiche, säuselnde Brise strich über Deck. Es war leer. Nur einige wachhabende Offiziere promenierten und ließen den Zauber der Mondnacht an sich vorüberfluten. Die Passagiere saßen im Speisesaal. Nur Miß Siddi und der Geigerkönig gehörten zu den Säumigen.
Wenige Minuten später kam Radanyi die Treppe herauf. Er war im Frack und Weste und hatte die Geige leicht unter den Arm geklemmt.
Siddi hatte ihm aufgelauert. Wie ein Kätzchen schmiegte sie sich an ihn und streichelte sein Rechte. „Darf ich es unten sagen, daß Sie spielen, Herr Radanyi?"
Er fuhr liebkosend über die erhitzten Wangen. „Nein. Verderben Sie mir die Freude nicht, kleine Siddi. Ich will ausprobieren, ob ich für den Rattenfänger von Hameln tauge!"
Sie schob zutraulich ihre Hand in seine freie Linke. „Darf ich mitkommen?"
„Natürlich, Kindchen. —Wir sind doch Freunde!"
„Hier — hier!" Sie zog ihn am Aermel vorwärts. „Da müssen Sie sich herstellen."
Sie schob ihn kräftig vor sich her, gegen die Wand einer Blattwerkgruppe.
Er gehorchte ohne Widerrede. Sie postierte ihn ganz in den Schatten. Nur seine weiße Hemdbrust und der Streifen der Manschetten leuchteten verschwommen auf.
„Was soll ich denn spielen?" sagte er, hielt ihre Hand fest und sah sie lächelnd an.
Sie zog die Stirne glatt. „Ach, das ist gleich. — Von Ihnen ist alles schön!"
Er nickte und setzte den Bogen an.
Kaum kamen die ersten Töne über Deck gezogen, umstanden ihn schon ein halbes Dutzend Offiziere. Die Stewards, die keinen Dienst zu versehen hatten, schlichen über die Treppe und lauschten. Siddi aber nahm sechs bis sieben Stufen in einem Satz und riß die Türen des Speisesaales auf.
„Der Geigerkönig spielt an Bord!"
Mitten in das Schwatzen. Lacken. Gläserklingen
Die Säuglingssterblichkeit die im ersten Halbjahr
^. . . . ... 1913 in ganz Preußen im Durchschnitt 14,0 Proz.
Erhaltung des Grenz- und Auslandsdeutsch- betrug, ist im ersten Halbjahr 1926 auf 10,2 Proz. tums ist eine Schicksalsfrage des deutschen Volkes Zurückgegangen Doch ist sie in den einzelnen Landesund des Deutschen Reiches. Das Deutsche Reich ist teilen sehr verschieden. Von je 100 lebend gebornenen heute nicht mehr in der Lage, den Schutz des Außen- Kindern starben im ersten Halbjahr 1926 im ersten deutschtums von sich aus wirksam durchzufllhren. Lebensjahr in Oberschlesien 13,4; in Niederschlesien Das Grenz- und Auslandsdeutschtum ist daher mehr t3#0; in Ostpreußen 11,7. in Pommern 11,5: denn je auf die freiwillige Unterstützung des ein- m—^—*----- mn. ;„ sin^^n»™ ins- in
zelnen deutschen Volksgenossen im Reiche angewiesen. Von der Anteilnahme, die das Reichs- dcutschtum an der Grenz- und auslandsdeutschen Abwehrarbeit nimmt, hängt es also im wesentlichen ab, daß das unterdrückte Deutschtum als deutsches Volkstum durchhält und sich behauptet.
Der Deutsche Schutzbund, der seine diesjährige Tagung in der Pfingstwoche unter Teilnahme der hervorragendsten Führer des Grenz- und Auslandsdeutschtums in Schlesien abgehalten hat, wurde im Jahre 1919 gegründet und vereinigt heute 122 Verbände in sich. Die von ihm durchgeführten Volksabstimmungen, welche die Friedensdiktate in Schleswig, Ost- und Westpreußen, in Oberschlesien und Karnten vorschnellen, machten ihn weitesten Kreisen bekannt. Er dient dem gesamten deutschen Volke ohne Rücksicht auf Staatsgrenzen; seine Aufgabe ist der Schutz gefährdeten deutschen Volkstums im Grenz- und Auslands, Erhaltung des deutschen Menschen und des deutschen Volksbodens, Pflege des Gemeinschaftsgefühls zwischen ollen Deutschen ohne Unterschied der Religion und der parteipolitischen Gegensätze; sein Ziel ist die gesamtdeutsche Kulturaemeinlchaft und das Großdeutsche Reich. In der Schutzbundarbeit finden sich alle Parteien, wird Volksgemeinschaft praktisch verwirklicht.
Dem Deutschen Schutzbund ist vom preußischen Staatskommissar für die Regelung der Wohlfahrtspflege durch Verfügung vom 19. Mai 1926 K. W.
SMswsM des Schutzbundes.
501/26 die Genehmigung zur Geldsammlung für Grenz- und auslandsdeutsche Schutzarbeit erteilt. An alle ergeht die Bitte, bei der Durchführung der Sammlung, die für die Erhaltung des deutschen Volksbodens und des deutschen Volkstums in und jenseits der augenblicklichen Staatsgrenzen von außerordentlicher Bedeutung sein wird, behilflich zu fein, beziehungsweise selbst die grenz- und auslandsdeutsche Arbeit durch Zeichnung eines Betrages zu unterstützen.
Die Sammlung für den Stadt- und Landkreis Hanau ist der Ortsgruppe Wilhelmsbad vertr. Elsaß-Lothringer des Hilfsbundes, der u. a. die Sammlung für ganz Hessen-Nassau durchzuführen hat, übertragen worden. Der Einkassierer ist mit beglaubigten Ausweisen, damit kein Betrug verübt werden kann, versehen. Er hat unaufgefordert diese Bescheinigung vorzuweisen.
Für die hier in Hanau bestehenden Verbände des Schutzbundes: 1. Verein für das Deutschtum im Ausland (V. D. A.); 2. Hilfsbund der Elsaß-Lothringer, Ortsgruppe Wilhelmsbad; 3. Schlesierverein; 4. Ostbund.
Eheschließungen- Gebnvien, Todessâe n Gebuvienübevschnß
Wenn man die Zahlen der Eheschließungen, der Geburten, Todesfälle und des Geburtenüberschusses der ersten sechs Monate der Jahre 1913, 1925 und 1926 mit einander vergleicht, so wird man finden, daß die Hochflut der Eheschließungen, die nach dem Kriege einsetzte, allmählich abflutet, daß die Zahl der Geburten sehr stark zurückgegangen ist und daß der Geburtenüberschuß dementsprechend auch eine Abnahme erfahren hat. Diese ist aber nicht so stark, wie der Geburtenrückgang. Das hat darin seinen Grund, daß sich auch die Todesfälle und namentlich die Säuglingssterblichkeit erheblich vermindert haben In den ersten sechs Monaten des Jahres 1926 wurden in der Provinz Hessen-Nassau 8822 Ehen geschlossen (1913: 9109 und 1925: 8651). Es tourten 23267 lebende Kinder geboren (1913: 27654 und 1925: 24271). An Todesfällen waren zu verzeichnen: 14221 (1913: 15723 und 1925: 13882). Der Geburten
klang die Botschaft. Man war erst verblüfft, dann ungläubig überrascht, ob die kleine Rotschild nicht irgendeine Ente zum besten gab. Siddi war schon wieder verschwunden.
„Es stimmt, meine Herrschaften!" sagte der Kapitän, unter die Türe tretend, und sich sofort wieder entfernend.
Ein allgemeines, hastiges Erheben war die Folge. .Wenn der Geigerkönig spielte, konnte man auch ruhig einmal das Abendessen im Stiche lassen.
Alt und jung strömte über die Kajütentreppe hinauf an Bord. Keine Stimme klang auf. Nicht' einmal ein Flüstern wurde hörbar. Nur Radanyis Geige sang, jauchzte, schrie in Tränen auf und hielt Zwiesprache mit allen, die ihr lauschten.
Die Damen strichen insgeheim die Tränen aus den Augen, junge Paare klammerten verstohlen die Hände ineinander. Siddi Rotschild kauerte dicht hinter der Blattwand und drückte ihr nasses Gesichtchen gegen die Stelle, wo sie drüben seinen Kopf vermutete.
Der Vater trat auf den Zehenspitzen zu ihr und zog sie behutsam an sich. Schluchzend preßte sie sich enge gegen ihn.
„Ruhig, ruhig, mein Liebling!" mahnte er. Er war ratlos.
Sein Kind war verliebt und wußte es nicht. Und das war gut. Wenn er ihr auch alles Glück der Erde gönnte, mit Geld ließ es sich nicht erkaufen. Und der Geigerkönig, der liebte wohl schon längst ein Weib, oder mehrere. Mit Künstlern konnte man nicht rechnen und nicht rechten.
Siddi hatte den Kapitän eingeweiht. Er kam nun an der Seite des Zwischendecklers, der durch den Diebstahl so schwer geschädigt worden war. Ein paar Worte der Aufklärung von Seite des Kapitäns und die Herren öffneten ohne Zögern ihre gespickten Brieftaschen.
Siddi griff in die Brustfalten ihres Kleides, zog kurz entschlossen Radanyis Bild mit seiner Unterschrift heraus und reichte es ihm.
Scheine raschelten und wuchsen in der Hand des unbekannten Mannes zu einem Bündel an. Er konnte nicht danken. Die Tränen stürzten ihm über die Wangen.
Der Mann blickte darauf. — Ein unartikulierter Laut! — Dann stürzte er nach vorwärts, wo eben die letzten Geigentöne verklangen.
„Herr Radanyil"
in
Brandenburg 10,9; in Hohenzollern 10,8; in der Grenzmark Posen-Westpreußen 10,5; in der Provinz Sachsen 10,2; in Schleswig-Holstein 10,1; in Westfalen 9,5; in der Rheinprovinz 9,3; in der Provinz Hannover 8,4 und in der Provinz Hessen
Nassau nur 7,8.
Mo kommt mw all* des Kess« bev?
Denn der Regen der regnet jeglichen Tag — das Shakespeare-Zitat, so oft angewandt, scheint in diesen Tagen seine besondere Bedeutung zu bekommen. Es ist, als ob der Himmel seine Schleusen überhaupt nicht mehr schließen wolle; farbloses Grau kennzeichnet nun schon seit Wochen das Firmament, und an die Tage, da einmal die Sonne vom blauen Himmel strahlt, denkt man wie an ferne Zeiten zurück. In der Tat hat seit dem Beginn des Jahres 1927 die Sonne von weiten Teilen des Landes überhaupt noch nicht Notiz genommen; das gleichmäßig trifte Regenwetter entzieht sie unseren Blicken, und die tiefziehenden Regenwolken lassen überdies die Tage zur Mtitagszeit kaum recht hell werden.
Das ist unsere so unerfreuliche, aber die Regel bildende Winterregenzeit. So mancher wird sich angesichts der unablässig einander folgenden Regentage vielleicht die Frage vorlegen, woher denn nun eigentlich das ergiebige himmlische Naß stamme, und nicht wenige werden diese Frage auch selbst mit der Antwort abtun können, daß eben der Atlantische Ozean uns von seinem Wasserüberflusse reichlich ab= gebe. Diese Antwort ist an sich durchaus richtig; doch die Dinge liegen nicht ganz so einfach, wie sie scheinen und wie sie auch bis noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit den Meteorologen erschienen sind. Wer Art und zeitliche Verteilung der Niederschläge in den verschiedenen Jahreszeiten eingehender beobachtet, wird allmählich dahinter kommen, daß nicht ein Regenfall dem andern gleicht, daß insbesondere die Regenfälle der warmen Jahreszeit von denen in den HeÄst- und Wintermonaten wesentlich verschieden sind. Tatsächlich kommt denn auch keineswegs jeder Regen auf die gleiche Art zustande. Während der kalten Jahreszeit wird das Festland im allgemeinen von trägen, unbewegten, durch Ausstrahlungen stark abgekühlten atmosphärischen Schichten bedeckt, die namentlich bei heiterem Hochdruckwetter wie ein riesiges Kaltluftkissen über dem Boden lagern. Je kälter diese Luftschicht, umso träger und unbewegter lagert sie dem Boden auf. Pflanzen sich nun, meist vom Atlantik her, um bei dem Beispiel Mitteleuropas zu bleiben, in sehr aktionskräftigen Wirbeln warme Luftmassen in der Richtung nach dem Festland fort, wobei sie gemäß den Drehungsgesetzen der Luftzirkulation auf der nördlichen Halbkugel von Winden aus südwestlicher bis westlicher Richtung fortbewegt werden, so gleiten diese warmen Luftschichten infolge ihrer größeren Leichtigkeit schräg auf das Kaltluftkissen über dem Festland auf, wobei sich die Berührung der kalten mit der warmen Luftschicht zuerst in Gestalt von einförmig grauer Bewölkung und Nebel zu erkennen gibt' Sobald die Abkühlung in der wärmeren Aufgleitschicht zur Kondensation des in ihr enthaltenen Wasserdampfs führt, beginnt es zu regnen; ist die Abkühlung der wärmeren Schicht in der Höhe aber so stark, daß in ihr die Temperaturen alsbald unter den Gefrierpunkt sinken, was stets dann der Fall zu fein pflegt, wenn die warme Schicht sehr rasch auf eine kalte Bodenschicht aufgleitet, so beginnt der Niederschlag in Gestalt von Schnee, um alsbald in Regen überzugehen, eine Erscheinung, die allgemein bekannt ist und häufig nach kaltem Hochdruckwetter den Beginn einer Tauwetterperiode einleitet. So haben in den letzten Wochen die Niederschläge in den kälteren örtlichen Teilen Mitteleuropas denn auch mehrfach mit Schnee begonnen, wogegen sie weiter westlich sofort in Regenform eingesetzt hatten. Dieser erste, eine sich nähernde Zyklone begleitende Niederschlag wird Kursregen genannt.
Die Passagiere standen wie eine Mauer um ihn. Er drängte sich durch.
„Herr Radanyi!"
Beide Hände streckte er Elemer entgegen. — Einen Augenblick war dieser überrascht, dann kam das Erinnern.
„Lieber Rinker! — Das heiß ich wirklich einen Zufall!"
Er griff nach dessen Händen, aber der hatte schon nach den seinen gefaßt und drückte seine Lippen darauf, immer und immer wieder.
„Herr Radanyi, ich — ich —" Er schluckte und brachte kein verständliches Wort hervor. „Das ist jetzt schon das zweitemal, daß Sie mir Hilfe bringen. — Aber diesmal hab ich es nicht aus Leichtsinn verschuldet. Es war ein Unglück!"
„Ich weiß es, lieber Rinker. —r Miß Siddi! —" Er hatte sie erspäht und zog sie an seine Seite und ihren Arm durch den seinen. „Die kleine Miß hat mindestens das gleiche Verdienst wie ich. Die hat mir von Ihrem Unglück erzählt."
Rinker wagte kaum, die weiche Hand in die seine zu nehmen.
„Sie bringen wohl Frau und Kinder zurück in die Heimat?" frug Elemer.
„Ja, Herr Radanyi. — Meine Frau hat ein kleines Häuschen geerbt in der Nähe Wiens. Da wollten wir jetzt einziehen. Die Möbel wollte ich von dem Geld kaufen, das mir der Halunke gestohlen hat!"
„Aber jetzt reicht es wieder?" sagte Radanyi lächelnd.
Verlegen sah Rinker auf das Bündel von Dollarscheinen, das er noch immer in der ^Hand hielt.
„Ja, ja! Herr Radanyi!" stieß er hervor. „Mein Gott, ich soll ja eigentlich einen Teil davon zurückgeben, denn es ist gewiß zehnmal soviel, als ich zuerst gehabt habe. Ich bin in meinem ganzen Leben noch nicht so reich gewesen. Und ich wollt — ach, Herr Radanyi — ich wollt, es käme auch einmal ein Tag, daß ich Ihnen heimzahlen könnte, was Sie für mich getan haben!"
„Vielleicht!" sagte Elemer mit einem Lächeln. „Ich werde mit dem Kapitän vereinbaren, daß Sie von morgen ab das Essen aus der 1. Klasse erhalten. Ihrer Frau und ihren Kindern wird es gewiß gut tun. — Und da wir das gleiche Reiseziel haben, treffen wir uns vielleicht einmal in Wien. — Auf Wiedersehen, lieber Rinker!"
Nicht so schematisch ist der Vorgang bei länger anhaltenden Tauwetterperioden von der Art, wie wir sie augenblicklich haben. Zurzeit folgt in ununterbrochener Reihe eine Zyklone der anderen, sodaß die höheren atmosphärischen Schichten auf weite Gebiete hin aus warmer und feuchter Seeluft bestehen. In solchen Fällen kommt es nur sehr selten zu vorübergehender Aufheiterung, weil die rasche Aufeinanderfolge der Tiefdruckwirbel nicht den Einbruch kälterer, trockener Polarluft von der Rückseite eines abziehenden Wirbels ermöglicht. Der sofort wieder einsetzende Weststrom der neuen Zyklone riegelt vielmehr die trockene Kaltluft von unserem Gebiet ab, und der Regen beginnt immer wieder rasch von neuem. Dabei sind im allgemeinen die Niederschläge ihrer Menge nach keineswegs besonders ergiebig; sie erscheinen nur wegen ihrer langen Dauer beträchtlich, und sie sind sogar in der Mehrzahl der Fälle ihrer Menge nach ganz gering. Tagesmengen von 3 bis 5 Millimetern waren in dieser Woche z. B. an vielen Orten das Ergebnis fast ununterbrochenen Regens. Aber es genügt uns und wir wären dankbar, wenn Petrus nun bald cü mal wieder ein freundlicheres Gesicht über u s Hanau machen würde. Wir haben genug io Regen. ___
* Zu Iustizobersekretären ernannt. Justizfekretm Fricke in Hanau ist zum Justizobersekretär in Battenberg uhb Justizsekretär Böttger ist zum Justizobersekretär in Langenselbold ernannt moruc.i.
* Bahnhofswirtschaften und Bahnhofsverkaufsstellen. Der Reichsrat hat kürzlich Richtlinien fm die Behandlung der Bahnhofswirtschaften und der Bahnhofsverkaufsstellen aufgestellt, und den Lan desregierungen zum Vollzug empfohlen. Wir einnehmen diesen Richtlinien: Bahnhofswirtschaften und selbstständige Erfrischungshallen im Sinne dieser Richtlinien sind nur solche, die sich auf einem Personenbahnhof innerhalb oder außerhalb der Bahnsteigsperre befinden. Für die Einrichtung neuer Bahnhofswirtschaften und selbstständiger Erfrischungshallen ist das Bedürfnis des Reifever- kehrs maßgebend. Hinsichtlich der Polizeistunde werden derartige Einrichtungen innerhalb und außerhalb der Sperre gleichmäßig behandelt. Nach Eintritt der örtlichen Polizeistunde ist der Ausschank alkoholischer Getränke grundsätzlich verboten. Ausnahmen kann die Reichsbahndirektion im Einvernehmen mit der höheren Verwaltungsbehörde zulassen. Der Wirtschaftsbetrieb darf frühestens eine Stunde vor dem Abgang des ersten Personenzuges geöffnet und nicht später als eine halbe Stunde nach Abgang oder Ankunft des letzten derartigen Zuges geschlossen werden. Die Bahnhofsverkaufsstellen haben grundsätzlich die ört- sichen Ladenschlußstellen einzuhalten. Ausnahmen können im Einvernehmen mit der höheren Verwal- tungsbehörde auch hier zugelassen werden. Für die Regelung soll das Bedürfnis des Reiseverkehrs insbesondere die Zuglage maßgebend sein. Dabei sind folgende Gesichtspunkte zu beachten: Bei den Bahnhofsverkaufsstellen innerhalb der Sperre kann in der Regel angenommen werden, daß sie aus- schließlich dem Bedürfnis des Reiseverkehrs dienen. Für diejenigen außerhalb der Sperre dürfen Ausnahmen nur für den Verkauf von Reisebedarf zugelassen werden. (Insbesondere Zeitungen und Reiselektüre, Tabakwaren, Lebens- und Genuß, mittel und Blumen). Die außerhalb des Personenbahnhofs, wenn auch auf bahneigenem Gelände, gelegenen Verkaufsstellen sind ausnahmslos den für offene Verkaufsstellen geltenden Bestimmungen unterworfen. Die Geschäftsstunden der Friseurstuben werden nach den Bedürfnissen des Reiseverkehrs nach den gleichen Grundsätzen wie bei den Bahnhofsverkaufsstellen geregelt. Bei der Beschäf- igung ihres Personals sind die Pächter der Wirt- chaften usw. gehalten, die Arbeitsnchmerschutzbe- stimmungen zu beachten.
* Auf den Photo-Maskenball am kommenden Samstag im Parkrestaurant, veranstaltet vom Hanauer Bandonion-Quartett fei noch an dieser Stelle verwiesen. Mitten im Festtrubel wervèn einige Blitzlicht-Aufnahmen gemacht, eine Anzahl Photos sollen dann gratis verlost werden. Anfang 8 Uhr. (Näheres siehe Inserat.)
* Freibank-Verkauf. Samstag, 15. Januar 1927, 8—10 Uhr. Rindfleisch pro Pfund 50 Pfg. Höchstgewicht 5 Pfund.
Rinker küßte ihm nochmals die Hand, so viÄ er auch wehrte, und Miß Siddi auch.
„Unser Herrgott wirds recht machen, Herr Radanyi, ich kanns nicht!" —
Und dann war Radanyi endlich an einem Vor- mittag in Wien.
Er fuhr mit dem Kraftwagen zuerst in das Palasthotel, wo er Zimmer für sich bestellt hatte. Er freute sich wie ein Kind, als er die Ringstraße hinunterfuhr. — Nun war er erst so eigentlich wieder zu Haus. Wie wonnig das war! Gar nicht zu beschreiben. Alles, alles war anders als drüben, beinahe gemütlich großväterlich, obwohl wahrhaftig der Verkehr nichts an Lebhaftigkeit zu wünschen übrig ließ. Und hier in Wien war auch alles, was er siebte. Haller, Ballins, der alte Stefan und — sie, feine Eve Maria.
Fatal war es nur, daß solch ein blöder Anfall von Kopfgrippe ihn beinahe eine ganze Woche in Hamburg aufgehalten hatte. Rinker saß wohl längst mit den Seinen in dem ererbten Häuschen draußen vor dem Burgfrieden Wiens und freute sich der langentbehrten Heimat.
Der Wagen hielt. Mit elastischen Schritten be» trat Radanyi das Hotel.
Der Name Radanyi schien ein Magnet zu fein. Der Direktor und die Chefs der Rezeption waren zu feiner Begrüßung erschienen. In feine Zimmer geleitet, war er sofort heimisch. Keine öde Hoteleleganz! Die Wohnlichkeit stand über dem Prunk. Der Luxus sprach nur aus der Qualität der Teppiche, der Vorhänge und des Wandschmuckes. Geräuschlos wurden seine Koffer in das Ankleide, zimmer gestellt. Er begann sich wenige Minuten später umzukleiden. Obwohl er die ganze Nacht von Hamburg her durchgefahren war, verspürte er keine Müdigkeit.
Der Etagenkellner kam nach feinen Wünschen zu fragen und versicherte, ein Auto sei zu jeder Minute für Herrn Radanyi zur Verfügung.
Einer der allwissenden Portiers gab, ohne mir der Wimper zu zucken, die Auskunft, daß die Baronin Gellern das Landhaus ihres verstorbenen Mannes bewohne. „Cottage 16."
(Fortsetzung folgt.)