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Montag den 3. Januar
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Die Geldbörse.
Eine Geschichte aus Wilhelmsbad von Else Hertel.
(Fortsetzung.)
»Ein anderes Taschentuch! Andere Handschuhe!" befahl sie.
Gleichzeitig flogen Handschuhe und Taschentuch zerknüllt zu Babettes Füße.
„Die schönen Louisdors! Wieviel waren es ooch?" sagte die Komtesse lauernd.
„Das müssen Komtesse doch besser wissen als ich", sagte Babette, nun doch aus ihrer Ruhe gebracht. Fast wären ihr die Tränen gekommen.
Die Komtesse sah es.
„Laß gut sein", sagte sie leichthin", man wird sich anders helfen müssen."
Sie nahm den Sonnenschirm, den ihr Babette reichte, und schwebte durch die geöffnete Flügcltüre hinaus. Die feinen Füßchen berührten kaum den Boden.
Sie war schön die Komtesse. Und sie war leichtlebig, vielleicht auch leichtfertig, aber das war ein Zug der Zeit, in der sie lebte. Man war froh, genußsüchtig, man liebte---
Als sie die Tränen in Babettes Augen gesehen, war ihr gerade eingefallen, daß sie die Börse gestern in dem grünseidenen Beutel getragen hatte — und daß ihr derselbe möglicherweise in der Fürstenloge vom Arm geglitten war, als der Fürst, der hinter ihr als letzter die Loge verließ — sie zurückgehalten — und ihr im Schutze des Vorhangs einen Kuß geraubt--
Die Börse, sie war ein Geschenk des Fürsten"' erst gestern früh hatte er sie ihr mit heimlichem Handkuß verehrt. Wenn sie jetzt den Fürst auf dem Wege zur Burg traf, mußte sie ihm gleich den Verlust gestehen. Er würde schon Rat wissen. Sie lächelte, sie dachte an sein feuriges Werben — gestern abend im Park --—
Die kleine Zofe war mit finsteren Augen und zusammengepreßten Lippen zurückgeblieben. Was ging sie im Grunde der Umstand an-, wenn ihre leichtfertige Herrin ihre Börse verlor? Und doch — sie, Babette, war die einzige, die Kenntnis von der Börse hatte. Sie war ihr gewissermaßen anvertraut, wie all die anderen Dinge. Sie fühlte sich verantwortlich. Sie mußte suchen und immer wieder suchen. Hier im Hause nicht mehr, aber auswärts.
Die Komtesse hatte die Geldbörse schon nach einer Stunde vergessen. Der Fürst hatte dafür gesorgt, daß ihr an dem Verlust nichts gelegen war. Sie lebte seit gestern wie in einem Rausch. Der schöne feurige Mann hatte ihr seine Liebe gestanden! Lächerlich — eine Geldbörse zu suchen! Für sie war die Sache abgetan. Nicht aber für Babette. Die suchte bekümmert überall. Aber sie fand die blau- seidene Börse mit den Goldstücken nicht. Wie sehr sie sich auch bemühte. Zuerst hatte sie den Park und die Spielsäle abgesucht, dann die Theaterlogen. Die alte Logenschlieherin hatte ihr geholfen, aber sie hatten beide nichts gefunden
, Gewwe Se sich kei Muh mehr, Bawett , hatte die alte Frau zuletzt gesagt, „den Beutel sinne mer doch nett; wer weiß, wer den schonn längst gefunne
Aber Babette meinte, sie müßte die Börse finden. Ueberall, wohin sie ging, ging sie mit suchenden Augen. Das frische, fröhliche Mädchen wurde ganz melancholisch.
Der Georg, ein reicher, junger Bäckerssohn aus der nahen Stadt, der das Babettchen innig in sein Herz geschlossen hatte und nichts sehnlichster wünschte als sie bald heimzuführen, war in heller Verzweiflung. Wenn das so fortging, wurde die Babette krank! Nun mußte Ernst gemacht werden. Er ließ sie nicht länger mehr hier draußen, sie mußte in die Stadt zu den Eltern kommen, und so bald wie möglich wurde geheiratet.
Als der Herbst kam, wurde dann die Babette und der Georg wirklich ein Ehepaar. Der junge Ehemann tat, was er konnte, seine niedliche Frau von den suchenden Gedanken abzubringen, aber vergebens. Sie konnte es nicht verwinden, daß die Komtesse sie einmal flüchtig verdächtigt hatte.
Die Jahre gingen. Es kamen die Kinder. Aus denen wollte Frau Babette gute, wohlgesittete Menschen erziehen. Sie tat es auch, und was sie noch tat — die Geldbörsengeschichte impfte sie ihnen ein, die durfte nicht vergessen gehen.
Sie setzte es auch durch, daß der älteste Sohn studierte. Neckische Zungen sagten, das sei nur wegen der Geldbörse. Der Sohn solle ein Forscher werden und ergründen, wo die Geldbörse hingekommen.
Hochbetagt ist das Bettchen gestorben. Der Sohn ist wirklich ein Forscher geworden, und er hat der Mutter zu Liebe die Geldbärsengeschichte zum Andenken an die Nachkommen ausgeschrieben, aber aufgestöbert hat er die Börse nicht.
Andere Zeiten sind gekommen, schwere Jahre für das Vaterland.
Das tändelnde Rokoko war abgetan. Es kam die Franzosenzeit, die Fremdherrschaft über Deutschland.
Das kleine Wilhelmsbad bestand weiter, doch seine eigentliche Glanzzeit war mit dem Rokoko dahin gegangen.
Es wurde noch Roulette gespielt, auch im Theater waren noch Aufführungen und nach wie vor kam man aus Hanau heraus, um sich hier in der Natur zu erfrischen.
Das hohe alte Haus, in dem Frau Babette einst gewaltet, blieb in der Familie von Generation zu Generation und von einer Generation zur anderen wurde die Geschichte der Geldbörse wach gehalten.
Die Nachkommen des studierten Sohnes waren nach einer anderen Stadt verzogen, aber sie hatten ihren Sitz in dem alten Hause am Markt behalten.
Ein Zimmer im oberen Stock gehörte ihnen, das mußte ihnen bleiben. Sie sollten, wenn sie je einmal in Not gerieten, hier einen Unterschlupf finden. So hatte cs Frau Babette in ihrem Testament angeordnet. Und niemand konnte etwas daran ändern.
Viele viele Jahre waren seit den Zeiten der. schönen Gräfin Wernsdorf vergangen. — Hundertfünfzig Jahre.
Nach glorreichen Zeiten waren über Deutschland wieder schwere Tage gekommen. Und die alte Frau hat in vorahnender Weise damals ihr Testament gemacht.
Die Witwe des letzten Nachkommen des studierten Sohnes hatte, als ihr Mann als Offizier in dem furchtbaren Weltkriege gefallen war, nichts mehr, wohin sie mit ihrem Töchterchen flüchten sollte, nichts anderes mehr, als das trauliche Zimmer in dem alten Hause am Markt, das sie nun mit ihrem Kinde bezog.
Sie hatte nicht viel Habe mit gebracht, aber u. a. war dabei eine kleine Schatulle mit vergilbten Pa
pieren, und für die kleine vorsonnene Babette, sie hieß wie ihre Urahne und sah ihr auch wunderbar ähnlich, wie man aus einem Pastell der damaligen Zeit feststellen konnte, gab es nichts Schöneres, als wenn die Mutter erlaubte, daß sie in den alten Schriften lesen durfte.
Aber Babette war auch ein fröhliches Kind und jeder schulfreie Nachmittag sand sie draußen in Wilhelmsbad bei der kleinen Schulfreundin, dem Töchterchen des Forstmeisters, der das Haus neben dem Theater, den früheren Kavalierbau, bewohnte.
Auch heute war Babette draußen und die Kinder waren bei ihrem Lieblingsspiel — Verstecken!
Dazu fanden sich hier die herrlichsten Schlupfwinkel. Der große Park mit den mächtichen alten Bäumen und dem dichten verschwiegenen Buschwerk, der weite Hof mit den vielen Ecken, und schließlich das Innere des schon seit Jahrzehnten nicht mehr benutzten alten Theaters, das einst glanzvolle Zeiten gesehen haben sollte, nun aber schon lange den Anforderungen nicht mehr genügte.
Jetzt, während der Inflationszeit, war das Paterre nur noch ein Lagerraum für allerlei Geräte. Zu diesem Zweck war es von der Verwaltung an die Bewohner der vermieteten Häuser abgegeben worden. Es war kein Geld im Land. Wer sollte da ein Interesse daran haben, diesen alten Kunsttempel ausbessern zu lassen. — Die Fensterläden waren zugenagelt. So war es nach außen gesichert. Die rote Samtpolsterung in den Logen war vom Zahn der Zeit zernagt, aber die schöne Rokokobrüstung mit echter Vergoldung war noch vorhanden. Hier also bot sich die herrlichste Gelegenheit zum Versteckspielen. Der große Bruder von Leni mußte gerade jetzt suchen. Babette stand vor dem Theater mit hochroten Wangen. Er durfte sie nicht finden. Sie mußte für ihn unauffindbar fein!
Sie sah sich hastig um, die Hand auf dem Türgriff, hoffentlich hatte es niemand gesehen, daß sie in das Theater schlüpfte,
Drinnen war es furchtbar dunkel. Sie stieg zunächst an einen kleinen Handwagen, stolperte über allerlei, stieg über Bretter und Kisten und fand dann endlich die Treppe, die nach den Logen führte. Schnell hinauf. Nun war Babette oben auf dem Korridor. O wie dunkel war es! Sämtliche Fenster durch dichte Läden geschlossen! Das Kind suchte. Es wußte, hier oben war eine offene Tür zu den Logen. Da endlich! Sie schlüpfte hindurch, zog .sorglich hinter sich zu und befand sich in einer großen Loge. Wohin verbergen? Hinter dem großen Vorhang? Nein, da konnte er sie finden!
Ein Ruf ertönte unten im Parterre, ein Poltern und Krachen schallte herauf, da war er schon! Nun kein Besinnen mehr. Lautlos glitt Babette zur Erde. Unter den alten Polstersesseln hindurch vorne nach der Brüstung. Immer mehr nach vorne rutschte sie — plötzlich tot der kleine Körper einen Fall. Babette erschrak — wo war sie?
Sie lag in einer Mulde. Ueber ihr war eine Decke. — Sie war durch einen Spalt gefallen und lag nun direkt in der bauchigen Rokokobrüstung. Soeben ward die Logentür aufgerissen. Der suchende Knabe stürmte herein — Babette hielt den Atem an.
„Verdammt nochmal, hörte sie ihn sagen", wo ist die Kröte hin gekommen?" Er hob die schwere Portiere auf. „Er verschob alle Sessel. Wenn ich Dich kriege, warte, Du mußt auf die Knie!" Noch ein Ruck über Babettes Kopf — und hinaus war er.
(Schluß folgt)
Aus MM «rett.
Charlie Chaplin will sich in Paris scheiden lassen.
Verschiedenen Nachrichten aus Los Angeles zufolge wird Charlie Chaplin nach Beendigung seines neuesten Films „Der Zirkus", das heißt im Januar, mit feiner jungen Frau nach Paris reifen, um vor den französischen Gerichten seinen Scheidungsprozeß anzustrengen. Viele amerikanische Ehepaare ziehen es vor, sich in Paris scheiden zu lassen, weil hier keine Einzelheiten über Scheidungsprozesse veröffentlicht werden, während sich in Amerika die Zeitungen gegenseitig in sensationellen Schilderungen zu überbieten suchen.
Raubtierjagd — ein vergnügen für Millionäre.
Die großen Jagdpartien, die Engländer und Amerikaner' in dem wildreichen Kenia veranstalten, sind ein Vergnügen, das sich nur Multimillionäre gestatten können. Dafür bringt ein französischer For- schungsreisender, der sich in der dortigen Gegend umgesehen hat, allerlei Belege. Der Jagdschein allein kostet danach rund 18 000 Francs, und die gleiche Summe muß auf die Treiber und Träger verwendet werden. Erst wenn der Nimrod rund 50 000 Francs einschließlich der Reisekosten ausgegeben hat, eröffnet sich ihm das Jagdparadies, das ihm Löwen, Büffel, Elefanten und Rhinozerosse vor den Laus bringt. Aber das ist nicht alles. Die Zahl der Tiere die er erlegen darf, ist beschränkt, und zu dem hat ei für jedes zur Strecke gebrachte Tier eine recht ansehnliche Steuer zu zahlen. Kurz, die Kosten eines Jagdausfluges sind mit 100 000 Francs nicht zu hoch geschätzt. Jedenfalls würde er sich die Felle der Tiere, die er als Trophäe nach Hause bringt, in Europa wesentlich billiger verschaffen können.
Rundfunk-Programme.
Frankfurt (428,6 Meter) und Cassel (272,7 Meter).
Dienstag, 4. 3anuar. 3.30—4: Die Stunde der Jugend: „Nausikaa". 4.30—5.45: Konzert des Hausorchesters: Märsche. 5.45—6.05: Die Lesestunde: Aus dem Roman „Die Buddenbrooks" von Thomas Mann. Sprecher: O. W. Studtmann. 6.15—6.45: Uebertragung von Cassel. 6.45—7.15: Funkhochschule (Anleitung zur Betrachtung von Kunstwerken): „Altdeutsche Tafelmalerei XII", Vortrag von Oswald Götz, Assistent am Städelschen Kunstinstitut. 7.15—7.45: Englischer Sprachunterricht. 7.45—8: Englische Literaturproben. 8.15: Gastspiel des Oberbayerischen Bauerntheaters. Direktion: Josef Steg- maier. „Die Zwillingsbrüder", ländliches Original- fingspiel.
Mittwoch, 5. Januar. 3.30—4: Die Stunde der Jugend: „Die Waisen aus dem Morgenlande". 4.30 bis 5.45: Konzert des Hausorchesters: Neue Tanzmusik. 5.45—6.05: Die Bücherstundc. 6.15—6.45: Uebertragung von Cassel. 6.45^-7.15: Vortrags- Zyklus des Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes: „Die Krankenversicherung der Angestellten", Vortrag vom Krankenkassengeschäftsführer Hoffmann. 7.15—7.45: Die Schachstunde. 7.45—8.15: Senckenbergviertelstunde (eine Viertelstunde Naturkunde) unter Leitung von Prof. Dr. Drevermann: „Tagesfragen und Beantwortung von Briefen". Vortrag von Prof. Dr. Drevermann. 8.15: Sympho- nie-Konzert.
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