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Montag den 3. Januar

Selle 3

Lokales.

Hanau, 3. Januar.

Vom Silvester.

Nun ist es da, das neue Jahr Feucht fing es an. Pom Himmel her fiel feiner Regen und auf der Erde soll es auch an Flüssigkeit nicht gefehlt haben, so erschien es wenigstens dem Chronisten, der einen kurzen Bummel durch die Lokale unternahm. In den Kaffeehäusern herrschte erdrückende Fülle, kein Platz war mehr zu haben und eine Stimmung herrschte, als sei schon Karneval. Papierschlangen sausten durch die Luft und Scherz und Lustigkeit flog oon Tisch zu ^isch. Aber nicht nur in den Kaffees herrschte Hochbetrieb. Die kleinsten Wirtschaften hotten vom frühen Abend des Silvester an zu tun, bis spät in den ersten Tag des neuen Jahres hinein. Der größte Teil der Bevölkerung feierte Silvester, im Kreise der Familie. Kleine aber lustige Feiern waren es meist. Man 'goß sein Blei, erriet daraus allerlei für das neue Jahr und auch sonst gab es ge­nug Silvesterscherze. Auf der Straße war bis kurz Dor 12 alles ruhig, nur hier und da explodierte ein Feuerwerkskörper, der zu früh angezündet war, oder ein rotes Licht erleuchtete phantastisch eine Hausfassade.

Kurz vor 12 aber öffneten sich die Fenster und jlles schaute oder hörte nach der Uhr, um das neu­geborene Jahr zu begrüßen. Noch eine Minute, konstatierte der Familienvater und goß die Gläser mit Sllvesterpunsch voll und noch ehe er damit fertig war hallte der erste Schlag über die Dächer. Das neue Jahr war geboren. Von den 60 Millionen Deutschen riefen in dieser Stunde alle, die noch rufen konnten, ihrProsit Neujahr!" einander zu und wünschten sich Glück für den neuen Lebensab­schnitt. Jetzt krachte und zischte es an allen Ecken der Stadt. Kanonenschläge donnerten und Raketen sausten in kühnem Bogen zum Himmel. Es war ein Radau, als sei bie' Hölle los. Ein Feuerwerk, das in feiner Unregelmäßigkeit von besonderer Wirksamkeit war. Lärm war noch die ganze Nacht und ans Jnsbettgehen dachte niemand, konnte man sich doch in diesem Jahr gleich ordentlich ausruhen. Zwei Festtage blieben dafür . . .

Im Stckdtheater fand am Silvester ein Bunter Abend statt, der eine Reihe netter Dar­bietungen brachte, aber den einen großen Nachteil hatte, daß er zu ausgedehnt war. Als man aus dem Theater heraustrat, hatte man nur noch 10 Minuten Zeit dann begann dasProsit Neujahr!". Neben einem vortrefflich zusammengesetzten Jazz-Sinfonie- Orchester" unter Leitung des Herrn Kapellmeister Campell, das eine Anzahl neue und neueste Schlager zu Gehör brachte, trat so ziemlich das gesamte Künstlerpersonal mit Bert Gutten als Ansager auf und brachte gesangliche, rezitatorische, humoristische und Tanzdarbietungen. Den Schluß bildete ein SketschDie' badende Nymphe". Wie wir hören, soll dieser Bunte Abend demnächst eine Wiederholung erfahren.

Dev Sternhimmel im Zsrmav 1922.

Bei Eintritt der Nacht finden mir^über dem Ost­horizont den Orion, darüber den Stier mit den beiden Plejaden und den Zwillingen, von denen die Milchstraßen durch Fuhrmann, Perseus, Cassio- Seia (im Zenith), Cepheus, Schwan, Leier und idler zum Westhorizont führt. Die Milchstraße zeigt nun ihre herrlichste Pracht, schon ein Opernglas enthüllt herrlische Sternansammlungen und -Haufen. Im Süden finden wir die Andromeda, den Widder, in welchem der rote Mars bis gegen drei Uhr mor­gens glänzt, die Fische und ganz am Südhorizont den Walfisch. Am Süstwesthimmel stehen Pegasus und Wassermann; im letzgenannten Sternbild steht Jupiter, der gegen Monatsende schon etwa gegen 7 Uhr abends untergeht. In späterer Abendstunde gehen im Osten Procyon im Kleinen Hund und der Große Hund mit Sirius, dem hellsten Fixstern des Himmels, auf. Später folgen der Krebs mit dem Sternhaufen Praesepe und der Löwe mit dem Hauptstern Regulus. Von den anderen noch nichi I wähnten Planeten ist Merkur den ganzen Mi

it er- onat

über wegen Sonnennähe nicht zu sehen. Venus kann Mitte des Monats in der Abenddämmerung

wieder gefunden werden. Saturn dagegen steht am Morgenhimmel im Skorpion und geht etwa gegen 4 Uhr auf. Der Mond ist am 3. Januar als Neu­mond nicht sichtbar. Hierbei tritt er vor die Sonne, wobei eine ringförmige Sonnenfinsternis entsteht, die aber nur auf der südlichen Erdhalbkugel gesehen werden kann. Der 10. Januar bringt das erste Viertel, der 17. den Vollmond, während das letzte Viertel am 26. eintritt. Die Sonne steigt langsam in größere Mittagshöhen empor, dis Tagesdauer nimmt deshalb mit Einschluß der Morgen- und Abenddämmerung von zehn auf elf Stunden zu. Am 31. Januar um deri Uhr morgens befindet sich die Erde auf ihrer elliptischen Bahn um die Sonne in der größten Sonnennähe.

' Nie srerchsfteuesm im -Bantsav

1922.

5. Januar: Lohn st euer (letzte Dezemberdekade)

10. Januar: Umsatzsteuer- Voranmeldung und Vorauszahlung der Monatszahler für D e z e m - b e r, der Vierteljahrszahler für Okto­ber bis Dezember 1926. Steuersatz 0,75 v. H. des Umsatzes.

10. Januar: Einkommeysteuer- Vorauszah­lung (ausgenommen die Landwirtschaft) für das letzte Kalendernierteljahr 1926 in Höhe von einem Viertel der im letzten Steuerbescheid festgesetzten Steuerschuld.

10. Januar: Körperschafts st euer- Voraus­zahlung für das letzte Kalendervierteljahr 1926 in Höhe von einem Viertel der im letzten Steuerbescheid festgesetzten Steuerschuld.

15. Januar: Lohn st euer (erste Januardekade)

25. Januar: Lohn st euer (zweite Januardekade). 31. Januar Einreichung der Lohnsteuerbelege 1926 durch die Arbeitgeber.

Zu beachten bleibt, daß die S ch o n f r i st e n für die Steuerzahlung seit 1. Dezember 1926 fortge­fallen sind, verspätete Zahlung zwar nicht mehr die bis dahin in Geltung gewesenen Verzugszu­schläge, wohl aber die Anrechnung von Verzugs­zinsen (10 Prozent p. a.) zur Folge hat.

o Das Befinden Wilhelm von Bodes. Die Besse­rung im Befinden des 81jährigen Wilhelm von Bode macht erfreuliche Fortschritte. Man hofft, daß Bode bald wiederhergestellt sein und seine Arbeit wird wieder aufnehmen können.

Gormtassvtthe und LadensMM.

Was sieht im Entwurf des Arbeilsschuhgesetzes?

Das kommende Arbeitsschutzgesetz sieht auch die Regelung der Arbeitszeit vor. Die politischen Kämpfe um die Frage, besonders über die Notwen­digkeit, die Arbeitszeit durch ein Notgesetz bereits vor der Verabschiedung des Arbeitsfchutzgefetzes zu regeln, interessieren hier nicht. Interessant sind, kom­munal betrachtet, vor allem die Bestimmungen über die Sonntagsruhe.und den Ladenschluß. Ueber die Sonntagsruhe enthält der Gesetzentwurf Bestim­mungen, wonach eine Beschäftigung von Angestell­ten in offenen Verkaufsstellen in folgendem Umfange zusässig sein soll:

1. Allsonntäglich bis zu zwei Stunden für die sogenannten Bedürfnisgewerbe;

2. in Gemeinden bis zu 5000 Einwohnern an 26 Sonntagen bis zu zwei Stunden, wenn der Verkauf infolge weitläufiger Siedlungen oder schwieriger Verkehrsverhältnisse zur Versorgung der Landbej völkerung notwendig ist;

3. an höchstens sechs Sonntagen bis zu sechs Stunden, wenn besondere wirtschaftliche Verhältnisse einen erweiterten Geschäftsverkehr notwendig machen.

Die Beschäftigung soll in der Regel nicht nach 6 Uhr abends zulässig sein, doch soll sie an höchstens drei Ausnahmesonntagen bis zu 7 Uhr verlängert werden können. Arbeitnehmer mit mehr als drei­stündiger Sonntagsbeschäftigung sind in der Regel am nächsten Sonntage von der Arbeit frei zu lassen.

Es soll grundsätzlich beim 7 Uhr-Ladenschluß verbleiben, doch sollen die beim Ladenschluß noch anwesenden Kunden während der nächsten 20 Minu­ten bedient werden können. Als Ausnahmen sind vorgesehen:

1 . In Gemeinden bis zu 2000 Einwohnern sol­len Verkaufsstellen bis zu 100 Tagen im Jahre bis abends 8 Uhr geöffnet fein dürfen.

" -...... " W" ' ...... Iyi.n im......' .............i n »

2. Im Lebensmittelhandel soll die Ladenöffnung ärztlichen 335, forstlichen 283, der medizinischen bereits vor 7 Uhr morgens, aber nicht vor 5 Uhr Akademie Düsseldorf 50. Reichsausländer befan­den sich barunter 7924 oder 9 Prozent, Frauen

morgens zulässig sein. . . ,

3. Falls die Landesbehörden entsprechende An- 7551, darunter an Universitäten allein 6773, den

ordnungen treffen, sollen die Verkaufsstellen bereits gesamten technischen Hochschulen 398, für Handel vor 7 Uhr abends, jedoch nicht vor 6 Uhr geschlossen. 334, Landwirtschaft 33^ usw. Donjen Vätern der sein. Solche Anordnungen sind aber nur zu treffen, " ' * *

wenn mindestens zwei Drittel der beteilgten Ge­werbetreibenden ihre Zustimmung erteilen oder der frühere Ladenschluß durch einen allgemeinverbind­lichen Tarifvertrag vorgesehen ist.

Inwieweit diese Bestimmungen Gesetz werden, ist im Augenblick noch nicht zu übersetzen. Die An­gestelltenverbünde üben daran bereits jetzt erheb­liche Kritik, sodaß wohl noch mit Aendeningen zu rechnen ist.

* Ein Inserat der Firma Sichel Söhne, das für die heutige Nummer vorgesehen war, und den In­venturausverkauf der genannten Firma anzeigt, kann augtechnischen Gründe nnicht erscheinen und wird morgen folgen.

* Bauernregeln für den Januar. Am neuen Jahrestage wächst der Tag, soweit der Haushahn schreien mag. Morgenrot am 1. Tag Unwetter bringt und große Plag' Bei Donner und Winter ist Kälte dahinter. Wie das Wetter am Maka­rius (2.) war, so wirds im September, trüb oder klar. Mprgens Morgenwind, Mittags Mittags­wind, auf Tage schön Wetter wir sicher sind. Gut Wetter kündet Abendrot, doch Morgenrot bringt Wind und Not. Auf gut Wette" vertrau, beginnt der Tag nebelgrau. Frühregc atweicht, eh die Uhr auf Zwölf zeigt. Wenn kleiner Regen will, macht großen Regen er still. Januar ohne Reif und Schnee, tut Weinstock, Bäum und allem weh. Tanzen im Januar die Mucken, muß der Bauer nach dem Futter gucken. Ist der Jänner naß, bleibt leer das Faß. Januar hart und rauh, nützet dem Getreidebau. Ist der Januar hell und weiß, ist der Sommer sicher heiß. Wenn Gras wächst im Januar, wächst es schlecht das ganze Jahr. Auf trockenen kalten Januar, folgt viel Schnee im Februar.

* keine vierteljährlichen Gehaltszahlungen. Auf die zahlreichen Eingaben der Beamtenverbände und Ortsorganisationen an den Reichsfinanzminister nach Wiederaufnahme der vierteljährlichen Gehaltszahlun­gen ist eine abschlägige Antwort erteilt worden. Die Reichskasse ist vorläufig zur Erfüllung dieses Wunsches nicht in der Lage.

* Der Wielerschutz für Behörden. Die Locker­ung der Zwangswirtschaft für vermietete Räume, die nicht Wohnungen sind, hat Befürchtungen bei den Behörden hervorgerufen, die in gemieteten Räumen unergebracht sind. In einem Rundschreiben an die Reichs- und Staatsminister weist der Wohl­fahrtsminister darauf hin, daß dem Mieter, der eine Räumungsklage befürchtet, die Möglichkeit ge­blieben ist, eine Gütev'erhandlung beim Amtsgericht zu beantragen. Dann kann in einem Räumungs­prozeß wegen Nichtwohnräumen das Gericht noch die Zwangsvollstreckung von einem ausreichenden Ersatzraum abhängig machen, wenn sonst dringende öffentliche Interessen gefährdet würden. Dann dür­fen Urteile, die eine Räumung aussprechen, nur für vorläufig vollstreckbar erklärt werden, wenn die Aussetzung der Vollstreckung dem Vermieter einen nicht zu ersetzenden Nachteil bringen würde. Auch kann gegen alle Räumungsurteile Berufung und wegen des Ersatzraums sofortige Beschwerde ein­gelegt werden.

* Aus der Metallindustrie. Für die in der süd­westdeutschen Metallindustrie (Frantturt, Offen­bach, Mainz, Darmstadt, Höchst und Hanau) be­schäftigten Arbeiter fällte der Schlichtungsausschuß in seiner gestrigen Sitzung einen Schiedsspruch, nach dem das bisherige Urlaubsabkommen mit einigen unwesentlichen Aenderungen bestehen bleibt. Das bestehende Abkommen bleibt bis 31. März 1927 in Kraft.

* 88 000 Studenten in Deutschland, wissenschaftlichen Hochschulen im R«

An den

wissenschaftlichen Hochschulen im Reiche waren im Sommer 1925 insgesamt 88 069 Studierende ein­

getragen, davon an Universitäten 59 563, den Hoch­schulen für Technik 20 300, für Handel 3517, Land­wirtschaft 2119, Bergakademien 1117, an den philo­sophisch-theologischen Hochschulen 785, den tier­

gesamten technischen Hochschulen 398, für Handel

Studierenden warenBeamte 40 Prozent, im Ge­

werbe '38 Prozent, im freien Beruf 8.5 Prozi Arbeiter 1.2 Prozent. An den Universitäten stuoier

ment,

ten Rechtswissenschaften 11 936, Volkswirtschafts­lehre 8897, Medizin 7708, Rechts- und Staats- wisfenfchaften 4463, Chemie 693, Mathematik und Naturwissenschaften 2446, Landwirtschaft 2165, Pä­dagogik 1936, Deutsch 1931, evangelische Theologie 1811, katholische 1704, Pharmazie 1505, Geschichte 1273. An den technischen Hochschulen studierten Ma. schinenbau 6906, Elektrotechnik 4167, Chemie 2415,

der

Architektur 1315.

* Ungenügende Ausfüllung statistischer Ausfuhr­scheine. Die Grenzabfertigungen der Reichsbahn klagen über sehr unvollständige Ausfüllung statistischen Aussuhranme descheine. Am häufigsten kommt es vor, daß die handschriftliche Unterschrift

des Absenders fehlt, die statistischen Marken in un­genügender Höhe aufgeklebt sind und die Eintragun­gen mit den Angaben im Frachtbrief nicht über­einstimmen. Im Interesse einer schnellen Abferti­gung und der Verminderung unnötiger Mehrarbeit wird dringend auf eine genaue Beachtung der auf der Rückseite jedes. Anmeldescheins angegebenen Vorschriften hingewiesen.

* Benutzung von Schulräumen zu politischen Veranstaltungen. Wie der amtliche Preußische Pressedienst auf Grund der Antwort des Unter­richtsministers auf eine kommunistische Kleine An­frage im Preußischen Landtag mitteilt, wird der Minister den Erlaß, nach dem öffentliche Schul­räume solchen Persönlichkeiten, Vereinen oder Ver­bänden versagt werden saßen, die eine Aenderung der bestehenden politischen Verhältnisse auf an­derem als gesetzlichem Wege erstreben, nicht zurück­ziehen.

* preußische Klassenlotterie. Den Spielern zur gefl. Nachricht, daß morgen, Dienstag, der letzte Erneuerungstag für die vierte Klaffe ist

Lem-Arris Kamm.

Ostheim, 1. Jan. Am Freitag abend hielt der hiesige Kriegerverein seine Jahreshauptversamm­lung ab. Der Vorsitzende Kamerad Kaspar Brodt 8. begrüßte die in schöner Zahl erschienenen Mit­glieder und gedachte in kurzen ehrenden Worten des verstorbenen Vorsitzenden des Kyffhäuser­bundes Generaloberst von Heeringen. Die Ver­sammlung erhob sich zu Ehren ihres verstorbenen Führers von den Sitzen. Mit einem Hoch auf das Vaterland schloß der Redner; im Anschluß wurde das Deutschlandlied gesungen. Kamerad Lehrer Creutzberg erstattete dann den Jahresbericht, nach dem der Verein zur Zeit 72 Mitglieder zählt und im abgelaufenen Jahre verschiedentlich Umter- stützung' an bedürftige Kameraden auszahlen konnte. Einen Glanzpunkt des Abends bildete die Ueberreichung des vom Kyffhäuserbund gestifteten Verdienstkreuzes 2. Klasse an den Kameraden Karl Gemmecker, dem, wie Kamerad Lehrer Creutzberg in seiner Ansprache heroorhob, in erster Linie das Aufblühen des Kriegervereinswesens in unserem Orte nach dem Kriege zu verdanken ist. Diese wohl­verdiente Auszeichnung löste in der Versammlung lebhaften Beifall aus. Nach Erledigung der Tages^ ordnung blieb man beim Gesang alter Soldaten­lieder und lebhaftem Gedankenaustausch noch recht lange beisammen.

Wetterbericht.

Frankfurt a. W., 2. Jan. Ueber Skandinavien hat sich ein Hochdruckgebiet entwickelt, in dessen Be­reich sehr tiefe Frosttemperaturen aufgetreten sind. Zunächst fällt über West- und Nordeuropa der Luft­druck wieder, sodaß im Westen Europas, d. h. also in unserem Bezirk die milde Westströmung erhalten bleibt. In Nord- und Westdeutschland dagegen wer­den wenigstens vorübergehend die Temperaturen zurückgehen. Vorhersage bis Montag abend: Wolkig bis bedeckt, zeitweise Niederschläge, ziem­lich milde westliche Winden Aussichten bis Diens­tag abend: Zunächst keine wesentlichen Aende- rungen.

â«- (^«^«^♦wy.

Roman von J. Schneider Foerstl. Urheberschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau.

29. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Warren hob kaum merklich den Kopf.Ich kann nicht» Eve Mi. Es ist schwerer, als ich geglaubt habe!"

Laß nur, es ist nicht mehr nötig!" Sie strich über sein spärlich gewordenes Haar.Ich will an Gellern schreiben, daß er kommen kann. Ich bin bereit, Vater."

Eve Mi!"

Er tastete ohne aufzusehen nach ihr. Aber sie hatte das Zimmer bereits verlassen.

Ueber der Riesenstadt Newyork dehnte sich der Zauber einer wundervollen Frühlingsnacht. Frei­lich, tief unten in dem Gewirr der tausend Straßen, die wie die Fäden einer Spinne in- und durch­einander liefen, war nichts von ihr zu sehen. In acht- und zehnfachen Reihen die Autobusse, Karos- ierien, Equipagen, Lastwagen, Motorfahrzeuge an­einander vorüber. Unbeweglich stand der dienst­habende Ordnungsmann auf seiner erhöhten Kan­zel und leitete den Verkehr durch eine befehlende Geste seiner Hand. Eine zustimmende Gewährung und die hunderte von Fahrzeugen sausten aneinan­der vorüber, ihre Lichter machten den Asphalt zu einer einzigen, hellschimmernden Welle, die sich mit dem Strom von Glanz paarte, der aus den taghell erleuchteten Fenstern der großen Geschäfte floß. Ein stummes Verneinen der befehlenden Rechten, und der gesamte Verkehr stoppte, wie auf den Sekun­denschlag eines dröhnenden Uhrwerkes. Das Tuten, Surren, Knirschen, Rasseln verstummte jählings. Die ganze Straßenbreite war für eine, wenn auch kurze Spanne Zeit, den Fußgängern zur Ueber» querung geöffnet. Wie der blendende Kegel eines Riesenscheinwerfers flutete all die Helle über ihnen zusammen, machte die Gesichter weiß und ge- spensterhaft, ließ ihren Schritt tänzeln und den hel­len Saum der Frauenkleider, die unter dunklen Mänteln geschützt lagen, aufleuchten. Und dann machte eben diese Hand den Wagenoerkehr wieder durcheinanderfluten, daß nur der geübteste Fahrer nicht von ihm zerdrückt und zerquetscht wurde.

Gleich uneinnehmbaren Burgen starrten die

Wolkenkratzer aus Nebel, Rauch und Dunst und die Lichter aus ihrem vierzigsten oder fünfzigsten Stock­werk zitterten wie Sternchen weit hinten am Ho­rizont.

Es schien, als ob in dieser Frühlingsnacht New- yorks oberste Zehntausendklasse sich in dem größten Konzertsaal, den die Weltmetropole aufwies, ein Stelldichein gebe. In Achterreihen standen die Autos und Equipagen an der Auffahrt hintereinan­dergedrängt. Immer neue schlossen sich an. Ein ganzer Wagenpark zog sich die Straße hinauf. Und immer noch kein Ende.

Das Vestibül warf Brände von Licht durch die sich stets von neuem öffnenden Flügeltüren. Seide rauschte auf. Ein Strom von Wohlgerüchen aus tausend Blüten und Essenzen zusammengemischt, machte die Sinne trunken. Edelsteine blitzten aus Stirnstreifen, Diademen und Ohrgehängen. Aus tie­fem, tiefstem Dekoletee blitzten sie auf, wie ein Funke von einem Glühwürmchen in der Johannis­nacht. Marmor schienen die weißen, stolz getrage­nen Nacken zu fein, die nackten Arme wetteiferten mit ihnen, kaum der Hauch von einem Band, der an den Schultern Seide, Brokat oder Sammet zu- sammenhielt.

Die Deckenbeleuchtung hing, wie ein gläsernes Meer über dem ganz in Gold und weiß gehaltenen großen Raum. Tausendkerzige Birnen warfen Sturzbäche von Licht auf das spiegelnde Parkett und ließen jede, auch die verborgenste Ecke in Tagesklarheit aufleuchten. Die Fräcke und Smo­kings der Herren stachen wie riesige Tintenflecke aus der kostbaren Pracht der Toiletten ihrer Da­men. Man begrüßte, verneigte, küßte und umarmte sich, man kritisierte, spöttelte und zuckte die Achseln, trenn man sich den Rücken wandte.

Die Gesellschaft ist sich in diesem Punkte überall in der ganzen Welt gleich. Auch die fünfte Avenue Newyorks macht hierin keine Ausnahme.

Ein feines Klingelzeichen rann durch die Korridore und zitterte bis hinunter in die weite Halle des Vestibüls.

Spätlinge rauschten über die Schwelle, hasteten nach ihren Plätzen, vereingten sich, lächelten, hoben die Hand zu intimem Gruße.

Ein zweites, silbernes Glockenstimmchen. Die Laute ebbten ab. Man flüsterte oder verständigte sich durch ein Lächeln.

Er kommt von Chikago", haucht die junge Astor ihrer Freundin Ruth Vanderbildt zu.Er ist

herrlich. Noch viel, viel männlicher, als damals im Herbst", Sie suchte die Logen entlang und fand den Ruhepunkt für ihre Blicke.Wie ich sie hasse, diese Ellen van der Veldt. Wie sie sich gibt, als ob er schon ihr eigen wäre."

Und dann ein rasches Oeffnen der Türe im Rücken des palmengeschmückten Podiums und im selben Augenblicke ein beinahe amphitheaterartiges aufschreiendes Jubeln der Hunderte von Konzert­besuchern.

Radanyi! Radanyi!"

Er verneigte sich. Ein Meer von Blüten, ver­beugt sich, ein hilfloser Blick, ein rührend beschei­denes Lächeln. Eine bittende Geste der Linken.

Er will sprechen! Laßt ihn reden!

Radanyi! Radanyi!"

Er hebt beide Hände zum Dank. Fängt einen der duftenden Veilchensträuße geschickt zwischen drei Findern auf und steckt ihn in das Knopfloch seines Frackes.

Die junge Astor faltet die Finger wie zum Ge­bete ineinander. Sie hat jede der Blüten zuvor ge­küßt und nun liegen sie an seiner Brust. Ganz nahe feinem Herzen. Sie vergißt, sogar Ellen van der Veldt zu hassen.

Nun lautlose Stille. Er setzt den Bogen an. Die Hunderte scheinen den Atem eingestellt zu haben. Wie eine Welle Frühlingsluft schwingt Beethovens Musik sich über all das Licht, den Glanz und das Duftgewoge. Das tändelt, flirtet, liebt, heiße Sonne läßt Blüten reifen, fchwerhalmige Aehrenfelder wogen im Sommerwind, Wälder rauschen auf, ver­stummen, säuseln im Abendwehen, Mondsilber fließt darüber, Bäche murmeln, aus tiefen Schatten strecken sich unsichtbare Hände, winken und locken, ein Jauchzen, trunken vor Wonne, dann ein jähes Erwachen aus Seligkeit und Glück und Geborgen­sein am Wegrand verweint, Verzweiflung im Blicke. Ein Kämpfen, Ringen es find nicht mehr Radanyis Hände, die den Bogen führen Bee­thoven selbst ringt mit dem Schicksal. Dann ein Müdewerden, ein Sichergeben, ein Ruhen nach un­erhörter Qual und Angst, ein Hinüberschlummern im Allvergessen, ein letztes Hauchen: es ist voll­bracht.

Die Geige schweigt.

Wie ein Sturm braust es über Radanyi hin. Das ganze Blütenwunder amerikanischen Frühlings schüttet die bis zur Ekstase begeisterte Menge über

und vor ihn auf das Podium. Das Klatschen, Ru­fen und Händewinken nimmt kein Ende.

Er wird nicht müde zu danken. Sein Gesicht strahlt. Aber in seinem Lächeln ist so gar nichts Donsicheingenommensein und Künstlereitelkeit. Nur Wonne und Befriedigung, daß er die Seelen seiner Zuhörer für Beethoven erobert hat.

Aus einer der mittleren Logen kam ein kleiner Lorbeerkranz geflogen und blieb am Hals der Geige hängen.

Elemer sah empor und blickte in ein tiefdunklcs Augenpaar, schwarzes, dichtes Haargebausch wölbte sich über einer hohen, weißen Stirne. Eine brennend dunkle Glut lag auf den schmalgeformten Wangen.

Es war Ellen van der Veldt.

Er schloß für Sekundendauer die Lider.

Dunkel ist die kleine Tore doch ich liebe blonde Locken

Blonde Locken licht und sonnig wie der Flachs an Freijas Rocken."

Er lächelte, aber er sah picht mehr empor, per- neigte sich und noch einmal und abermals, streifte den kleinen Kranz über den rechten Oberarm und setzte von neuem die Geige ans Kinn.

' Eine Stunde später saß er erschöpft in einer der blumengeschmückten Nischen des Astor-Hotels. Der große, tiefe Klubsessel aus braunem Leder umschloß seine Gestalt wie ein muskelstarker, schutzgewähren­der Arm.

Zwischen Aerger und Lachen sah er in das schmunzelnde Gesicht Harald Andersons, der ihm gegenübersaß.

Der junge Mann verzog kaum merklich die Mundlinie, 'kniff die grauen Augen etwas zusam- men und schob die Manschetten bedächtig hinter die Aeryiel seines Frackes. Die langen, aristokratisch geformten Finger, von denen einer mit einer Aus­lese von Perlen geziert war, griffen nach der Sekt­flasche, die in dem Eiskühler neben dem Tisch stand und ließen den Pfropfen an die Decke knallen.

Geschickt, ohne einen Tropfen zu verschwenden, goß er die hohen, goldgerandeten Kelche voll und ließ den seinen an den Radanyis klingen.

Auf deine Kunst, Elemer!"

Ach--." Radanyi trank leer, lehnte sich zu­rück und schloß die Augen.Noch einmal Harald aber diesmal nicht auf meine Kunst!"

Auf was denn, mein Lieber?" (Fortsetzung folgt.)