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Montag den 20. Dezember
Selke 9
Lokales.
Hanau, 20. Dezember.
Dev goldene Gonniag.
Wenn es auch nicht mehr den feinen Klang der Eoldstückchen aus Vorkriegszeiten gab, so soll es doch gestern ganz ordentlich von Papiergeld gerauscht haben und schließlich ist diese Melodie ja auch nicht zu verachten. Ein goldener Sonntag war es in der Tat. Es schoben und wälzten sich die Menschen wie in einem Ameisenhaufen durch die Stadt. wurde eingekaust. Petrus hatte aber auch für â prächtiges Einkaufswetter gesorgt. Mild und trocken lud es geradezu ein zu einem Bummel durch die Straßen, bei dem dann noch dies und das gekauft wurde, was man bisher noch vergessen hatte. Auch der Weihnachtsmarkt zeigte regen Verkehr und Ehristbaumschmuck war arg gefragt, denn es gilt ja schon in wenigen Tagen die grünen Bäume, die
noch friedlich träumen, zu schmücken mit Silberfäden und bunten Ketten, mit Engelshaar und Glaskugeln, damit am Christabend, wenn die Lichter brennen, es ein einziges großes Leuchten gibt. Der Sraßenverkehr war gestern noch starker als ,n den voraufqegangenen Sonntagen, besonders waren mehr Fremde in Hanau um Einkäufe zu machen. Der Geschäftsgang war flott und weit lebendiger als im Vorjahre, sodaß der gestrige Tag seinem Namen „goldener Sonntag" alle Ehre gemacht hat.
Kygrette in dev Schule.
Von der Pressestelle des Hanauer Lehrervereins wird uns geschrieben: Auf Anregung des Ministers wurde in den verflossenen Wochen von der hiesigen Schulbehörde ein hygienischer Kursus abgehalten. Außer den Amtsärzten Dr. Lade und Dr. Schulze haben sich einige Hanauer Privatärzte durch Vorträge beteiligt. Der Zweck war, der hiesigen Lehrer- schoft die Grundforderungen der heutigen Hygiene im Zusammenhang vor Augen zu führen, um sie auf dem Wege durch die Schule zum Allgemeingut unseres Volkes werden zu lassen. Die Vorträge waren demgemäß für die meisten Teilnehmer eine Neubelebung bekannter Grundsätze auf gesundheitlichem Gebiet. Das war ja auch bezweckt; denn auch der Erzieher kann sich diese für unsere Volkszukunft entscheidenden Dinge gar nicht ost genug vor die Seele führen. — Den Vortragenden wird es sicher ein erwünschter Wink für die Zukunft sein, wenn wir sie darauf aufmerksam machen, daß eine Wiederholung der elementaren Begriffe aus der Anatomie unnötig ist, denn sie gehören zu unserem täglichen Rüstzeug. Die gewonnenen Zeit käme dem eigentlichen Thema zugute.
Der Lehrgang hat gezeigt, wie wichtig es ist, weNn unsere Kinder in der Schule mit dem Abc der Gesundheitslehre vertraut werden. Doch Wissen hilft hier wenig, nur Tun, nur Gewöhnung zeitigt Früchte. Darum können wir diese Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne nach der Richtung der Tat einige Vorschläge zu machen, die den ösfentlichen Säckel nicht sehr belasten, aber von großem Segen für die gesundheitliche Erziehung der Kinder sein werden.
Da wäre zuerst die Hauptforderung: Fort mit
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durch ihr Kehren "bie Schwindsuc
um die Köpfe ihrer Kinder wirbelt, wenn die Schule durch ihre Reinigung das schlechte Beispiel gibt. In dieselbe Linie gehört der Basaltbelag, Marke „Knieschinder", unserer Schulhöfe, her im Sommer äußerst wenig besprengt wird. Weiterhin ist es uns ganz unbegreiflich, daß in unseren Schulen so gut wie gar nicht dafür gesorgt ist, daß unsere Kinder nach Benutzen der Aborte sich gründlich die Hände waschen können. Es fehlt an Waschraum, Seife und Handtüchern. Was sollen wir Lehrer mit Belehrungen, wenn die einfachsten Sauberkeitsregeln nicht befolgt werden können?
Werden im Jahre 1927 diese drei Mißstände beseitigt, so wird mit wenig Geld die Hygiene in den Schulen ein gutes Stück vorwärts gebracht.
keime im Staub
Die âündrsuns von GeMSfis- väumen.
Dem Preußischen Pressedienst wird aus dem Wohlsahrtsministerium u. a. geschrieben: Die Aufhebung des Mieterschutzes und des Reichsmietengesetzes für Geschäftsräume, die aufgrund der Verordnung über die Lockerung der Wohnungszwangswirtschaft im wesentlichen erst zum 1. April nächsten Jahres wirksam wird, hat in den hiervon betroffenen Kreisen eine mit Rücksicht auf die wirtschaftliche Bedeutung der Rückkehr zur Vertragsfreiheit auf diesem Gebiete des Wohnungswesens verständliche Beunruhigung hervorgerufen. Demgegenüber sei darauf hingewiesen, daß in der Ausübung des Kündigungsrechtes ein Mißbrauch der den Vermietern wiedergegebenen freien Verfügungsbefugnis ohne weiteres nicht erblickt werden kann. Allerdings müssen Kündigungen, die lediglich zum Zwecke einer unangemessenen Mietssteigerung, womöglich sogar unter Ausnutzung einer Zwangslage des Mieters erfolgen, ernstlich mißbilligt werden. Ganz anders sind dagegen solche Kündigungen zu werten, die lediglich in der vorsorglichen Absicht ergehen, die Vermieter zwangswirtschaftsfeier Geschäftsräume nicht schlechter zu stellen, als etwa die Vermieter zwangsbewirtschafteter Wohnräume. Denn Geschäftsräume, die dem Reichsmietengesetz nicht mehr unterliegen, nehmen natürlich auch in Zukunft an etwaigen Erhöhungen der gesetzlichen Miete nicht mehr ohne weiteres teil. Da solche Erhöhungen in a^eh- barer Zeit erwartet werden können, bleibt den Vermietern von Geschäftsräumen nur die Möglichkeit, durch Kündigung der bestehenden Mietverhältnisse zum Abschluß neuer Verträge zu gelangen, die zum mindesten die Anpassung an Wohnraummieten, insbesondere die Berücksichtigung etwaiger zukünftiger steuerlicher Belastungen bei der Höhe des Mietpreises sichern.
Sind sogen. „Sausiochterr" vettfiGevnngsvNrGtrg 7
Vielfachen Anregungen folgend, sollen nachstehende Darlegungen in knapper Weise über die Fragen der Versicherungspflicht „sogen. Haustöchter" Aufschluß geben.
Unter „Haustöchter" versteht man junge Mädchen, vorwiegend aus dem Mittelstand, die zumeist bei engstem Familienanschluß zur Erlernung der Haushaltung eine Stelle annehmen. Sie arbeiten mit der Hausfrau alles mit, was in dem Haushalt an Arbeiten anfällt. Sie werden in der Familie nicht als Dienstbote behandelt, sondern wie eine Haustochter bezw. Familienangehörige. Neben freier Station (Kost und Wohnung) erhalten sie ein sogen. Taschengeld.
Vielfach wird die irrige Meinung vertreten, daß ich diese Personen in keinem festen Arbeitsverhält- tis, sondern nur „au pair", schlicht und schlicht zur Ausbildung im Haushalte befinden. Die Sitte, den Haustöchtern ein Taschengeld zu geben, nicht Lohn, telle sich regelmäßig als ein Geschenk dar und falle, o es allgemein üblich ist, unter den Begriff des reien Unterhaltes. Danach sei die Versicherungs- stlicht der Haustöchter in Abrede zu stellen.
Zur Begründung der Versicherungspflicht ist ent- cheidend, ob eine Person in einem Beschäftigungs- verhältnis bestimmter Art steht und daß für die
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daß wir uns nun doch noch öffentlich verloben! Und bekannt machen wollen wir es. In dem Hanauer Anzeiger muß eine große Anzeige erscheinen, und für meine entfernt wohnenden Verwandten und Bekannten müssen wir sofort die Verlobungskarten bestellen. Wir erhalten Sie am schnellsten in der Waisenhaus-Vuchdruckerei-
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Tätigkeit ein Entgelt gewährt wird. Wenn die sogen. „Haustochter" nach den Umständen des Falles nicht als „Dienstbote" anzusehen ist, so ist sie jedenfalls als „Gehilfin" im Haushalte des betr. Arbeitgebers tätig und empfängt hierfür Entgelt, nämlich Kost und Wohnung und außerdem Barlohn, sogen. Taschengeld. Hierbei ist es belanglos, aus welchen wirtschaftlichen, bezw. gesellschaftlichen Kreisen die Arbeitnehmerin stammt. Bei Prüfung, ob eine Beschäftigung gegen Entgelt vorliegt, ist weder erforderlich, daß ein klagbarer Anspruch auf Entgelt besteht, noch auch, daß voraus die Absicht vorliegt, gegen Entgelt zu arbeiten oder ein solches zu gewähren, erklärt worden ist. Allein die tatsächliche Zuwendung des Entgelts ist maßgebend. Zum Entgelt gehören auch Geschenke, die bei Vereinbarung der Lohnbedingungen, wenn auch nur stillschweigend, berücksichtigt werden.
Sonach sind die Voraussetzungen der Versicherungspflicht nach § 165, Abs. 1, Ziffer 2 u. Abs. 2 sowie nach § 1226, Ziffer 4 der R. V. O. zweifelsfrei gegeben. Die betr. Mädchen sind kranken- und inoalidenversicherungspflichtig. Daran wird weder dadurch, daß sie „au pair", d. h. zur Familie gehörig behandelt werden, noch dadurch, daß ihre Tätigkeit zugleich ihrer Ausbildung in der Haushaltsführung dienen mag, etwas geändert. Auch das kann nicht zweifelhaft sein, daß sie in unselbständiger Stellung tätig und an die Weisungen der Hausfrau gebunden sind.
Schließlich dürfte zu prüfen sein, ob nicht der Ausbildungszweck, um die Versicherungsbeiträge zu sparen, nur vorgeschoben worden ist, während es sich in Wahrheit um ein Dienstverhältnis handelt. In Zeiten der Geldentwertung sind vielfach derartige Fälle feftgefteUt worden. Der Verdacht, daß eine Umgehung der gesetzlichen Vorschriften beabsichtigt ist, wird dann in Fällen nahe liegen, wenn ein angebliches Taschengeld gezahlt wird, das dem Grunde nach nichts anderes sein dürfte als der Lohn für die geleisteten Dienste.
Wer feiner Meldepflicht zur Krankenkasse für diese Gehilfen nicht genügt oder das Kleben von Jnoalidenmarken in ordnungsmäßiger Höhe unterläßt, hat die Beiträge für die rückliegenden Zeiten der Beschäftigung nachzuholen und kann außerdem mit hoher Geldstrafe und neben dieser mit der Zahlung des Ein-und Mehrfachen dieser Rückstände von der Versicherungsbehörde bezw. von dem Versicherungsträger belegt werden (§§ 530, 531 u. 1488 d.
R. V. O.) 0. Sch.
Die SamMe macht tvechnachts- ekttkSttfe.
Mama beginnt damit im Oktober. Sie hat sich einen großen Aktenbogen gekauft und darauf geschrieben, wer zu bedenken ist und mit was. Diesen Bogen hat sie irgendwo liegen gelassen und sucht ihn seit zwei Monaten mit Inbrunst. Er wird sich genau am 25. Dezember auffinden.
Mama ist fürs Billige. Kein Ausverkauf ist vor ihr sicher, und handeln kann sie wie ein Armenier — ob das nun in irgend einem Ramschbasar oder im ersten Geschäft der Stadt ist — ganz egal. „Die Preise sind fest — Gnädige Frau" — zwanzigmal in jeder Stund hört sie das, aber es interessiert sie nicht. Und manchmal setzt sie ihren Willen durch. Aber trotzdem hat sie es nicht leicht. Aennchen soll
ein Ballkleid haben — das muß ein Schlager an Modernität, schick und elegant sein und darf kosten — die Hälfte! Eine Ueberraschung für das gute Kind muß es auch werden, aber natürlich sofort tadellos gen — denn zum Weihnachtsball, wo auch der jenor hingeht, soll sie es anhaben! Also natürlich — Umtausch vorbehalten. Diesen Umtausch behält sich Mama für alles vor, ob das Unterbeinkleider oder Schrubberbesen, Hausschuhe oder Zahnbürsten sind. Und die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr stehen im Zeichen dieses Umtausches — dann zieht Mama, von der Familie flankiert von Laden zu Laden — und die Geschäftsinhaber haben böse Stunden. Der Buchhändler, denn das Buch für den Herrn Studiosus über die Negerreligion soll in drei von der Courths-Maler umgetauscht werden, der Konfektionshändler, denn Aennchen braucht ein ganz, ganz neues Kleid, und sogar der Zigarrenhändler, denn Papa raucht nur Brasil, was Mama eit 25 Jahren weiß und immer wieder vergißt. Nur ür sich selber tauscht Mama nichts um — denn sie elbst hat sich nichts geschenkt —, und was sie von den Kindern und Papa bekommen hat, das behält sie, um die Guten nicht zu kränken!
Fritz, Student des Rechts im siebenten Semester, muß auch Einkäufe machen. Aber wie? Mama hat ihn dispensiert: „Du armer Junge, behalt dein bißchen Geld für dich!" Bißchen Geld? Er ist mit ganzen fünfzehn Pfennigen von der Universität nach Hanau zurückqekommen, um in den Weihnachtsferien einen Pumpversuch bei Papa zu machen, der kläglich mißlang. Die Familie legt schließlich auch keinen entscheidenden Wert auf seine Geschenke. Aber für jemand Bestimmtes muß er was zu Weihnachten haben — sonst ifts aus! Er pumpt sich zwanzig Mark von Aennchen und zwanzig von einer Tante, und dann kauft er für dreißig Mark ein beinah echt goldenes Zigarettenetui. Und das wird „sie" mit gnädigem Lächeln annehmen. Für drei Mark ein Buch für Aennchen, für drei Mark eine echt kunstlederne Zigarrentasche für Vater, für Mutter für 2 Mark Konfekt — das ißt sie gern —, na, und für die restlichen zwei Mark zwei Rosen, an die wird das Zigarettenetui angebunden!
Aennchen ist alte Schule — sie macht noch Handarbeiten. Für Papa ein Kissen, für Mama einen Tischläufer und für Fritz ein seidenes Taschentuch für die Brusttasche mit Monogramm. Wenig Geld, viel Arbeit — und viel Liebe!
Papa aber schimpft schon seit November: „Laßt mich dies Jahr bloß mit Weihnachtsgeschenken in Ruh' Bei den Geschäften! Aufhängen könnte man sich!" Aber am 24. vormittags, verläßt er doch sein Büro — er hat sich das Hauptbuch zeigen lasten — na, so schlecht war es ja gar nicht! — und geht einkaufen. Die Pelzstola, diè sich Mutter wünscht, und für das Mädelchen einen möglichst eleganten Mantel — auch ein paar Kleinigkeiten, Seife und Konfekt dazu — und für den Bengel ein paar Bücher und Zigaretten und eine Brieftasche, in die kommt ein Hunderter — da freut er sich am meisten. Papa prüft nicht lange — nimmt und zahlt. Nur Umtausch! Umgetauscht wird es doch!
* Der Wochenmarkt findet wegen des Weihnacht?- und Neujahrsfestes am Freitag, 24. und Freitag, 31. Dezember statt. (Siehe amtl. Bekanntmachung).
* Noch kein endgültiges Wohnungsprogramm. In einer wirtschaftlichen Tageszeitung ist davon die Rede, daß bereits eine endgültige Festlegung der Reichsregierung auf einheitliche Richtlinien und Vor- ichlähe über das Wohnungsbauprogramm und über
lich vorläufige Besprechungen zwischen den Reichs- ressorts und den preußischen Ressorts stattgefunden hohen, irgendwelche Entscheidungen aber schon angesichts der schwebenden politischen Krise nicht getroffen werden konnten.
* Haftung des Prinzipals für ein irreführendes Zeugnis. Das Oberlandesaericht Frankfurt a. M. bestätigt in seinem neuesten Urteil (2 Z. S. 2 U. 55/26) die weitgehende Verantwortlichkeit, die ein Prinzipal hat, selbst wenn er in edler Absicht bei der Auskunftserteilung oder im Zeugnis Unredlich, keiten eines Angestellten verschweigt. Besonders her- vorzuheben ist, daß auch Fahrlässigkeit bei der Einholung einer Auskunst über den Angestellten, also z. V. ungenaue Fragestellng, vom Gericht als mitwirkendes Verschulden des Geschädigten angesehen worden ist.
Roman von 3. Schneider Foerstl. Urheberschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau.
19. Fortsetzung.
(Nachdruck verboten.)
Radanyi war es, als rinne kein Tropfen Blut Mehr durch seinen Körper. Seine Füße glichen zwei 1 Pfosten, die auf dem Bürgersteig festgerammt waren. Alles hatte er in den Bereich der Möglichkeit gezogen. Dieses eine nicht. Er hätte den erwürgt, der ihm das zu sagen gewagt hätte. — Bei Gellern Mar sie gewesen. — Bei einem Manne, der nicht einmal verheiratet war. — Bei einem Junggesellen. ^ Er drückte das Taschentuch zwischen die Zähne Und lachte. Also so eine war sie. — Sie hatte viel gelernt in den drei Wochen, die sie in Wien weilte.
Und er, Narr, hatte noch nach keinem anderen Weibe die Arme gestreckt als nach ihr. — So blöde Mar er gewesen!
Gellern hob seinen Gast in den Fonds und brei- tete sorglich eine Decke über Eva Marias Knie. Dann lueg er zu ihr in den Wagen.
Ein breiter, blendend Heller Lichtkegel lief die «traße entlang, bog um eine Ecke und verschwand ohne Spur. Radanyi stand gegen das Gitter gelehnt, Meiches Gellerns Park umfriedete. War das nun Wirklichkeit gewesen oder nicht. — Aber drüben Martete der Chauffeur. Er hatte nicht geträumt, -»in einer lässigen Gebärde winkte er ihn herbei, »nähren Sie nach Hause. Graf Warren hat nicht Wig, sich zu sorgen. Die Komtesse wird jeden Augenblick eintreffen. Ich lasse mich dem Herrn Gra- fen empfehlen!"
. »Herr Radanyi fahren nicht mit mir zurück in °ie Herrenstraße?"
,.,,^ lüstete den Hut und ging vorwärts und wußte lelbst nicht, wohin.
« dieser Nacht kam Elemer nicht nach Hause. ? uer saß bis gegen ein Uhr wach, aber er war noch |ph.nCr^ '^ zurückgekommen. Sein Ohr horchte auf »ni,L der von draußen hereindrang. Die . dem kleinen Wäldchen tauchten schon aus unkel, das Spatzenvolk pluderte das nebel- « Federwerk und trank seinen Morgenwein ßifiiJu? Beeren der zunächst hängenden Trauben. ™ ullern hoben sich die Kelche aus Stefans Blu
menwildnis. Sie waren beinahe noch alle geschlossen und trunken von Schlaf und Blütentau.
Gegen fünf Uhr fiel die Gartentüre ins Schloß, ein taumelnder Schritt tastete sich das Haus entlang. Man hörte, wie eine unsichere Hand vergeblich die Oefsnung suchte, in die der Schlüssel gehörte. Haller ging auf leisen Füßen in Schlafrock und Pantoffeln nach dem Flur und schloß die Türe auf. Torkelnd kam Radanyi über die Schwelle, ein Lallen und ein unmotiviertes Lächeln als Begrüßung gebend. Er hielt sich mühsam auf den Füßen und suchte an der Türfüllung nach einer Stütze.
„Meister — Meister — Meister!" —
Es war das erstemal, daß der Direktor seinen Schüler betrunken sah.
Sorglich schob er den Arm unter den Radanyis und führte ihn nach seinem Zimmer.
„Was soll das, mein Junge?"
Ein verlegener Blick, ein ebensolches Lachen und ein kaum verständliches Durcheinander: „Die kleinen Mädchen, Meister — die kleinen Mädchen —"
„Was ist mit denen?" Haller tat das Herz weh.
„Haben mich so weit gebracht — immer wieder Wein — immer wieder Wein —"
„Wo, mein Junge?" Der Direktor drückte ihn befehlend in die Kissen.
„Im schwarzen Kater."
Es war dies eine neuerrichtete Bar, in der Halb- und Lebewelt sich ein Stelldichein gab.
„Und Eva Maria — deine Eva Maria?" mahnte Haller und nahm ihm die Stiefel von den Füßen.
„Meine — Eva Maria —." Radanyi lachte. „Meister — Meister — die — die — hab ich — dem Herrenreiter Gellern — abgetreten — jawohl abgetreten!"
Er fing zu weinen an, daß es ihn schüttelte.
„Komm, mein Junge, komm, mein Junge!" Halter setzte sich zu seinem Schüler an den Bettrand und nahm dessen Kopf fest gegen seine Brust. „Morgen ist alles anders — alles anders.
„Alles so —", lallte Radanyi.
„War die Komtesse auch im schwarzen Kater, Elemer?"
„Nein — bei ihm — in der — Wohnung!"
„Du lügst!"
Haller griff mit der einen Hand nach der oberen Bettwand und hielt daran, so war er erregt vor Schrecken.
„Ich lüge nicht — ich — habe noch — nie gelogen!"
Der Direktor legte den Kopf Elemers sorglich zurück.
„Ich komme gleich wieder, mein Junge." Er lief in die Küche und machte mit ungeübten Händen Feuer. Den Stefan wecken wollte er nicht. Der sollte nicht sehen, in welcher Verfassung sein „junger Herr" heute nach Hause gekommen war. Endlich konnte er die Tasse schwarzen Bohnenkaffee durch den Seiher gießen. Aber es brauchte viel Ermunterns und Zuredens, bis Radanyi sich dazu verstand, dieselbe zu leeren.
Dann ließ er sich erlöst zurücksinken und schlief fast augenblicklich ein.
Haller saß in dem breiten Lehnstuhl vor dem Bette und sah in das grünblasse Gesicht in den Kissen. Er suchte sich alles klar zu machen und es glückte ihm auch bis auf das eine, wie Elemer darauf kam, zu sagen, daß die Tochter Warrens bei dem Herrenreiter Gellern in der Wohnung gewesen war. Das konnte er nicht miteinander verfechten. Elemer mochte sie verwechselt haben. — Armer Jüngel — Armer Junge! — Das einzig vernünftige war, er ging zu Eva Maria und ersuchte sie um eine Aussprache. Sie würde sicher das Mißverständnis am ersten klären können.
Gegen zehn Uhr machte er sich auf den Weg, in die Herrenstraße. Dem Stefan hatte er den Auftrag gegeben, den „jungen Herrn" so lange nicht zu stören, bis er ein Geräusch aus dessen Zimmer hörte, welches drauf schließen ließ, daß er wach sei. Dann sollte er ihm beim Ankleiden behilflich sein. ,
Stefan machte kein geistreiches Gesicht dazu. Irgend etwas mochte da schon nicht stimmen. Der junge Herr hatte ihn noch nie zu feiner Toilette benötigt. Man würde ja sehen. Er ging in Filzpantoffeln und stellte das Klintzelwerk im Flur ab, sogar das Spatzenzeuq konnte sich ungetrübt seiner Diebesbeute freuen. Keine Stange fuhr dazwischen. Dar hätte den jungen Herrn geweckt.
Aber alle Fürsorge war umsonst. Vor der Gar- tentüre tutete eine Huppe, als ob das just an dieser Stelle hätte sein müssen. „Verdammtes Gebelfer" erzürnte sich Stefan. „Da schlaf einer, wenn er kann. Das hatte der junge Herr todsicher gehört." In der Tat fuhr Radanyi aus seinen Kissen auf. Was gabs da heute schon? — Dann griff er nach seinem Kopf. Er vermochte ihn kaum aufrecht zu halten. Stoch nie hatte er solch ein undefinierbares Gefühl gehabt. So gottverlassen jämmerlich war ihm zumute; er wußte selbst nicht wie, und solchen Ekel verspürte er, Ekel nicht nur vor allem Eßbaren,
das ihm in den Sinn kam, sondern zumeist auch vor sich selbst. Das war noch das schlimmste. Alles kroch in seinem Gehirne neben- und durchett.„.T... Gellern, die kleinen Mädchen — das Web '
einander:
Gellern, die kleinen Mädchen — das Weingelage im schwarzen Kater — der Heimweg. Er konnte sich nur dunkel noch an eiye Bank in den Anlagen erinnern und an die Fahrt in die Cottage, wo er Eva Maria aus Gellerns Villa hatte kommen sehen.
„Mein Neffe ist noch nicht wach?" sagte Alice Ballin im Flur. „Aber Stefan, sagen Siè einmal, das gibt es ja gar nicht. Es ist ja gleich halb elf."
Radanyi drückte sich erschrocken in die Kissen zurück, als müßten diese ihm Schutz gewähren. Also das war der Lärm gewesen, aber die Tante mochte wohl nicht allein gekommen sein, denn er hörte eine zweite und dann noch eine dritte und vierte Stimme aufklingen. Und dazwischen immer wieder die Stefans, daß der junge Herr wirklich und wahr- Haftiff noch nicht aufgeständen sei.
„Das macht nichts!" sagte Alice Ballins lachendes Organ. „Wir können ihm auch so einen „Guten Morgen" wünschen, wenn er solch ein ganz absonderlicher Faulpelz ist. Wo liegt er denn, der Schlasratze."
Elemer drückte die Finger ineinander, daß die Knöchel aus den Gelenken sprangen. Gerechter Gott, nur das nicht. Sie durften nicht hereinkommen. Um keinen Preis. Er sah sein Spiegelbild im Spiegel, jo leichenblaß weiß und mit verzogenen Mundwinkeln Wo konnte er sich nur hinflüchten, daß man ihn nicht entdeckte?
Da hörte er wieder den gemächlichen Tonfall Stefans. Ganz unmöglich könnte man dem jungen Herrn jetzt „Guten Morgen" sagen. Er sei gestern mit dem Meister zu Abend geladen gewesen und da sei es ein wenig spät geworden und da müßte er etwas nachschlafen. Ja, das müßte er, weil er sonst den ganzen Tag an Kopfschmerz leide. Aber bestellen wolle er alles, Wort für Wort, was die gnädige Frau ihm auftrage.
„Sie find ein guter Mensch, Stefan!" lobte Alice Ballin. „Die Blumenwildnis, die Sie mir angelegt haben, ist das reinste Feld geworden. Cs ist gottvoll schön. Kommen Sie einmal und schauen Sie sichs an. Und meinem Neffen jagen Sie bitte, ich hätte Besuch aus Amerika. Meinen Bruder Harald Anderson und meine Kusine Ellen von der Beldt. Er möchte komnien, sobald es ihm möglich wäre. Es wäre alle» furchtbar neugierig auf ihn!"
Dann kehrte die Stille im Flur zurück.
(Fortsetzung folgt.)