202 Jahrgang.
Hanauer «Anzeiger
General-Anzeiger für die Kreise Kanan Sladi und Land.
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Nr. 228
Mittwoch den 29. Seplember
1926
Das Kemeste.
— Bezüglich der Vorfälle in Germersheim sind deutscherseits bei der Interalliierten Rheinland- kommission Vorstellungen erhoben worden.
— Gestern ist der Rest der deutschen Delegation aus Genf zurückgekehrt.
— Reichsbankpräsident Dr. Schacht sprach in der gestrigen Zentralausschußsitzung der Reichsbank di» Warnung vor einer allzu weitherzigen Aufnahme ausländischer Anleihen aus.
— Die Hamburger Hafenarbeiter haben für Freitag den Streik beschlossen, doch schweben noch Verhandlungen.
Die Mat in Germersheim
Ein deutlicher Protest bei der Rheinlandkommission.
Die GNaviamkettsdMainv
Poincarè hat in feiner Rede in Bar-le-Duc nicht nur das Kriegsbeil gegen Deutschland wieder ausgegraben. Er hat die Gelegenheit auch benutzt, um der französischen Kammer mit strenger Strafe zu drohen, wenn sie sich einfallen lassen sollte, der Regierung im Innern Schwierigkeiten zu machen. Poincarè will sich eine Durchkreuzung seiner Sparsamkeitspolitik unter keinen Umständen gefallen lassen. Sollte die Kammer versuchen, ihm in den Arm zu fallen, so sind nach seiner Rede in Var-le-Duc die ernstesten Konsequenzen unvermeidlich.
Poincarè hat ein feines Gefühl für die Stimmung im Lande und er ist zweifellos über die wachsende Mißstimmung unterrichtet, die er durch seine Sparsamkeitsdiktatur hervorgerufen hat. Aber hartnäckig und eigenwillig, wie er nun einmal ist, hat er die Absicht, unbedingt an den Vollmachten festzuhalten, die die
Germersheim, 28. Sept. Wie wir erfahren, ist Ministerialdirektor Graf Adelmann als Vertreter des Reichskommissars für die besetzten Gebiete heute mittag bei der Interalliierten Rhsinlandkommission wegen der blutigen Vorfälle in Germersheim vorstellig geworden.
Ueber di« Bluttat wird von deutscher amtlicher Seite folgende Darstellung gegeben:
In der Nacht vom 26. zum 27. September wollten vier junge Leute, die von 8 Uhr abends bis 12 Uhr nachts in mehreren Wirtschaften der Stadt Germersheim Bier getrunken hatten, gegen 1 Uhr nachts nach Hause gehen. Sie trugen weder Waffen noch waren sie betrunken. In keiner Wirtschaft war ein ZufamEnstoh oder ein Wortwechsel mit einem Franzosen vorausgegangen. Am Ludwigstor, außerhalb der eigentlichen Stadt, zwischen dieser und dem Bahnhof, sahen sie im Dunkeln einen Mann in Zivil stehen, der sie amschaute. Sie frugen einander, was der wohl tue oder tun möchte und einer der jungen Leute, Richard Holzmann, näherte sich dem Unbekannten, der ihm einige französische Worte zurief und
sofort zum Angriff überging
und zwar nach Aussage eines der vier Deutschen zunächst mit Stock, oder Reitpeitschenhieben, nach übereinstimmender Bekundung aller aber dann sogleich mit zwei oder drei Schüssen aus einem Browning. Ein Schuß traf den Holzmann ins Gesicht, worauf er sich zum Arzt Dr. Pauli begab. Zwei der jungen Leute, Schardt und
Es hak sich bei der Untersuchung herausgestellt, daß der Täter, der französische Unterleutnant Rouzier vom 311. Artillerie-Regiment sich schon bei dem Zusammenstoß mit dem Schuhmacher Holzmann am Ludwigstore in einem Zustand der Gereiztheit und Erregung befand, der nach dem jetzigen Stand der Untersuchung aus Ausschreitungen französischer Besatzungsangehöriger zurückzuführen ist, die sich etwa zwei Stunden vor der Bluttat ereignet hatten, und an denen auch der französische Unterleutnant beteiligt war. Lin etwa 17 Jahre alter Germersheimer namens Klein wurde am Sonntag abend gegen 10.30 Uhr von mehreren französischen Besahungsangehörigen aus der Straße in der Nähe des Ludwigstores unter der Anschuldigung, er habe einen französischen Soldaten mißhandelt, in einen Hausgang geschleppt, dort von einem französischen Zivilisten mit einer Reitpeitsche mißhandelt
und dann einer herbeigerufenen vier Mann starken französischen Streife übergeben. Unter fortgesetzten Stößen mit dem Gewehrkolben aus Kopf und Rücken wurde der junge Mann in eine französische Kaserne gebracht. Nachdem sich dort her- ausgestellt hatte, daß die gegen ihn erhobene Anschuldigung jeder Grundlage entbehrte, wurde der junge Mann gegen 12 Uhr wieder auf freien Fuß gesetzt. Nach einwandfreien Zeugenaussagen ist der französische Zivilist mit dem Unterleutnant Rouzier identisch, da beide einen dunklen Anzug,
sich nicht nur die entlassenen Beamten beteiligt haben, sondern auch diejenigen,-die jetzt gegen eine ziemlich geringe Besoldung Mehrarbeit leisten müssen. Auch die Städte, in denen man die Gerichtshöfe geschlossen hat, haben sich gerührt. Sie haben eine Abordnung von Bürgermeistern nach Paris geschickt, die von Poincarè eine Zurücknahme seiner Verfügung verlangen sollten. Der Ministerpräsident aber blieb unerbittlich^ Umso stürmischer ging es bei einem Frühstück zu» das eine Reihe von Abgeordneten der Linken zu Ehren der protestierenden Bürgermeister veranstaltete. Mehr als hundert Städte waren vertreten und man hörte heftige Reden, in denen viel von Diktatur und diktatorischer Gewalt gesprochen wurde. Das war sicher nur ein kleiner Auftakt. Man rechnet damit, daß die Linke gegen die Verwaltungsmaßnahmen Poincarès eine heftige Attacke reiten wird, fobald die Kammer wieder zusammentritt. Da Poincarè zum Kampf entschlossen ist, kann man sich auf stürmische Szenen gefaßt machen.
Eine Warnung des Reichsbank- Präsidenten.
Berlin, 28. Sept. Der Reichsbankpräsident Dr. Schacht hat heute in der Zentralausschußsitzung der Reichsbank bei einem im allgemeinen optimistischen Bericht über die Geld- und Kapitalmarktverhältniste folgende beachtenswerte Aeußerungen gemacht:
„Wenn auch die Vermehrung des Zahlungsmittelumlaufes zu Bedenken noch keinen Anlaß gibt, so ist es doch nach wie vor unerwünscht, in der Hereinnahme ausländischen Geldes in einem Tempo vor-
eine
e
Holzmann.
Allmächten in der
damaligen Finanzministers Caillaux nichts wissen wollte. Poincarè hat von seinen Vollmachten einen recht rücksichtslosen Gebrauch gemacht. Durch Verfügung sind rund 300 Gerichtshöfe in Provinzstädten, 106 Unterpräfekturen und 70 von Präfekturen unterhaltene Generalsekretariate mit einem Federstrich aufgelöst und beseitigt worden. Dabei soll es aber nicht bewenden. Es sollen weiter 110 Steuerämter und 700 Steuerbeamte der Sparsamkeitsdiktatur zum Opfer fallen. Ferner besteht die Absicht, in Paris 6000 Telephonbeamtinnen durch die Einführung automatischer Anschlüsse überflüssig zu machen. 2T Militärgefängnisse beseitigt
Paris und Marseille. Militärgefangene werden in Zukunft in Zivilgefängnissen untergebracht werden. Außerdem ist in Aussicht genommen, die Verwaltung in weitgehendem Maße zu dezentralisieren. Man hofft dadurch zahlreiche Veamtenstellen ersparen zu können, die bisher in der Zentralverwaltung unterhalten wurden. 3m übrigen vermutet man, daß Poincarè noch über andere Ersparnispläne nachsinnt und daß das, was man bisher erlebt hat, nur ein Anfang gewesen ist.
Poincarè hat sich durch seine Sparsamkeits- Politik keineswegs populär gemacht. Wie man sich leicht vorstellen kann, ist die Beseitigung von 300 Gerichtshöfen für die davon betroffenen Städte ein schwerer Schlag. Es soll nicht gesagt sein, daß diese Gerichtshöfe für die Aufrechterhaltung einer geordneten Rechtspflege m Frankreich unbedingt nötig wären. Die Arbeit, die sie geleistet haben, läßt sich von anderen Schultern mittragen. Das hindert aber nicht, daß jede Stadt, der man den Gerichtshof geschlossen hat, samt der näheren Umgebung 'n große Aufregung geraten ist. Die Sparmaßnahme schädigt das Geschäftsleben der Stadt, vom Kaufladen bis zu dem kleinen Kaffee, in dem bte Herren vom Gericht mit dem gewohnten Nachmittagsspielchen und beim Glase Wermuth gern und regelmäßig gesehene Gaste waren. An der Entlastung von Steuer- beamten hat die Oeffentlichkeit vielleicht weniger Anstoß genommen. Aber die Kritik läßt sich auch dadurch nicht stören. Man ist sich ziemlich einig, daß alle diese Ersparnismaßnahmen keine irgendwie nennenswerte Wirkung auf die Ziffern des Staatshaushaltes haben werden. Die Richter und die Unterpräfekten sowie all die andern, deren Stellen ringezogen worden sind, müssen weiter besoldet kerben und deshalb bedeutet ihr Abbau für pte Gegenwart und einige Zeit hinaus jeden- lalls keine Ersparnisse. Kenner der Verhältnisse sind außerdem der Ansicht, daß die französische Verwaltung nicht gerade zu den bestorgani- l'erten gehört und einen starken Abbau kaum vertragen kann. Von vielem Gesichtspunkt aus
Alsdann sollen alle
werden, außer in
ms Geschäftsleben der Kaufladen bis zu dem kleinen m bte Herren vom Gericht mit
nachdem sie ihm den Vorfall erzählten, Vorschlag, den Franzosen, der wohl die Ringstraße Herkommen müsse, aufzupassen, um herauszubringen, wer er sei. Er kam auch und ging an den Dreien vorbei, die ihm an-der Kirche entlang folgten. Als sie nahe an ihn herangekommen waren, drehte sich der Franzose um, erhob seinen Browning und drohte zu schießen. Beißmann und Schardt flüchteten, während ein anderer junger Mann, Heinrich Fechter, sich dem Mathes anschloß. Zu Fechter sagte der Franzos«: „Kommen Sie nicht!" und als Fechter näher herankam, rief er „Attention", ging aber dann weiter und die Beiden folgten ihm. Währenddessen kam von hinten her ein zweiter Franzose in Zivil, der den beiden Deutschen und einigen anderen in die Nähe gekommenen Passanten zurief: „Bleiben Sie stehen oder gehen Sie zurück!" Bald darauf
schoß der erste Franzose auf eine Entfernung von etwa vier Schritten
und traf den Mathes in den Kopf.* Es entstand, während weitere Leute auf die Schüsse aus den Häusern gekommen waren, eine große Aufregung und nach wenigen Minuten fielen wieder Schüsse, deren zwei den Emil Müller trafen, einer am Arm und ein tödlicher mitten durch die Brust. Cs hat sich nun herausgestellt, daß sämtlich« Schüsse von dem Unterleutnant Rouzier vom Artillerie-Regiment 311 abgegeben worden sind. Die Zeitungsmitteilungen, daß Mathes heute feinen Verletzungen erlegen fei, sind nicht zutreffend. Mit den Erhebungen sind die Ge- richtsbchördm des Bezirksamt Germersheim und eine besondere Regierungskommission beschäftigt. Sie werden heute fortgesetzt.
Bei der heute vormittag in Gegenwart von Vertretern der deutschen Gerichtsbehörden von französischen Aerzten vorgenommenen Sektion der Leiche des erschossenen Arbeiters Müller wurde das tödliche Geschoß im Rückenbecken vorgefunden. Der Zustand des schwer verletzten Fuhrmanns Joseph Mathes ist unverändert ernst.
Das Vorspiel — Mihhandlung eines Siebzehnjährigen.
Germersheim, 28. Sepk. Die von den Behörden sofort eingeleitete Untersuchung der Bluttat von Germersheim ist jetzt soweit fortgeschritten, daß sich der verlauf der Tat erklären läßt.
Natürlich kann der Zustand der Gereiztheit und Erregung des Franzosen, der mit der Reitpeitsche deutsche Bürger traktierte, die Tat keinesfalls in milderndem Lichte erscheinen lassen. Der Täter ist für seine Meucheleien voll verantwortlich zu machen und von der Reichsregierung ist zu fordern, sofort und mit aller Schärfe gegen diese unglaublichen Vorgänge in Paris zu protestieren und England und Belgien nicht im Zweifel darüber zu lassen, daß die Verantwortung für die blutigen Vorfälle alle Besatzungsmächte trifft.
Französische Verdrehungsversuche.
Paris, 28. Sept. Havas meldet in einem Telegramm aus Mainz über die blutigen Vorgänge in Germersheim: Nach den in Mainz eingegangenen Erkundigungen über den zwischen einem französischen Offizier und mehreren Deutschen entstandenen Streit ergibt sich, daß französische Soldaten im Laufe des Sonntags von Deutschen mehrfach provoziert worden sind. (!) Am 7. 9. gegen 1 Uhr früh hätten sechs Deutsche einen Offizier am Stadttor angegriffen. (!) Der bedrohte und geschlagene Offizier habe in der Notwehr einen seiner Angreifer verwundet, nachdem er zuvor einen Schreckschuß abgegeben habe. Auf dem Heimwege sei er erneut angegriffen worden. Er habe sich ein zweites Mal verteidigen müssen und habe dabei einen Deutschen getötet und einen anderen verwundet. Vom französischen Militärgericht sei .eine Untersuchung eingeleitet worden.
Anmerkung des W. T. B.: Daß die französische Telegraphenagentur in ihrer Darstellung versuchen würde, den Deutschen die Schuld zuzuschieben, kam nicht überraschend. Die in Gang befindliche Untersuchung, an der deutsch« Stellen beteiligt sind, wird Klarheit über den tatsächlichen Sachverhalt bringen.
Ein neuer Zwischenfall?
Germersheim, 28. Sept. In der vergangenen Nach ist es hier zu einem neuen Zwischenfall gekommen. Ein Brückenwärter hat Anzeige erstattet, daß aus einem Auto heraus auf ihn ein Schuß abgegeben worden fei. Eine Untersuchung ist eingeleitet worden.
berührt die Entlassung von 700 Steuerbeamten einigermaßen seltsam. Die Steuern gehen in ') ein.
Frankreich außerordentlich schleppend Deshalb müßte man, wenn man den S ertrag vermehren will, in erster Linie der Steuerbehörde die Möglichkeit geben, durch Verwendung der nötigen Kräfte für einen schnelleren Steuereingang zu sorgen. Wenn man anstatt dessen den Beamtenapparat ein- der
Steuer-
neuen
Regime bessern und seine Steuern brav und tüchtig durch die Post einsenden wird, ohne erst den Steuerboten abzuwarten. In diesem Punkte wird man wohl eine recht große Enttäuschung erleben.
Die ersten Proteste hat Poincarè mit der Erklärung beantwortet, er werde auch nicht ein Komma an den Ersparnisoerfügungen * »zwischen ist die Protestbewegung Der Verband der Steuerbeamten
ändern. In,
gewachsen. _ ___________
hat eine Protestentschließung gefaßt, an der
Zugehen, mit dem die produktive Entwicklung der deutschen Wirtschaft nicht Schritt hält. Es ------- hbliche Fortschritt«, der Rationalisierung unserer
tstiefonbere in der Rationalisierung unserer Industrie gemacht worden, doch zeigt die immer noch große Zahl der Erwerbslosen, daß das Gedeihen einzelner Unternehmungen noch
nicht das Gedeihen des Gesamtkörpers bedeutet. Die Vermehrung des deutschen Geldumlaufes ist also im ganzen nicht durch eine steigende Gesamtproduktivität der Wirtschaft hervorgerufen, sondern durch eine allzu ausgiebige Benutzung ausländischen Kapitals."
Man kann diese Worte des Reichsbankpräsidenten wohl nur so deuten, daß er sich angesichts der beroorstehenden Verhandlungen mit Frankreich über die Verwendung der Eisenbahnobligationen für verpflichtet gehalten hat, vor überschwenglichen Hoffnungen wegen der Verwendung der Obligationen und über die Zahlungsmöglichkeiten Deutschlands zu warnen. Auch hat der Reichsbankpräsident mit seiner Warnung vor einer allzu ausgiebigen Benutzung ausländischen Kapitals angedeutet, daß unsere Zinsverpflichtungen an das Ausland schon die oberste Grenze erreicht haben und daß deshalb Zahlungsverpflichtungen für die Eisenbahnobligationen ohne Transferbeschränkung für unsere Währung gefährlich werden könnten.
Es ist übrigens bemerkenswert, daß auch der Sonderberichterstatter des Pariser,, Matin" auf Grund von Feststellungen in Berlin plötzlich vor optimistischer Auffassung warnt. Gleichzeitig hat der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" von der Seite der Aufnahmefähigkeit des Weltmarktes aus fest- gestellt, daß nur 60 Millionen Pfund Sterling an Eisenbahnobligationen zunächst untergebracht werden können und daß deshalb der auf Frankreich entfallende Anteil geringer sein werde, als in Thoiry versprochen wurde.
Der preußische Ministerpräsident über die Verständigungspolitik.
Paris, 29. Sept. Der preußische Ministerpräsident Braun gewährre dem Außenpolitiker des „Matin" eine Unterredung, in der er sagte, Preußen habe nichts mit Reaktion und Militarismus zu
t u n. Der Ministerpräsident erklärte weiter, seiner Meinung nach müsse das Interesse bei Böcker auf friedlichem Wege geregelt werden können, das komme besonders für Frankreich und Deutschland in Frage. Bis jetzt habe man mit Vorliebe hervorgehoben, daß b'e materiellen Interessen der Völker sich in glücklicber Weise ergänzten. Eine Annäherung Der Geister werde aber auch nicht unmöglich sein wenn man nur den guten W'llen habe und wenn man auf beiden Seiten sich nicht scheue, die alten Irrtümer auszurotten. Frankreich und Deutschland können sich in Europa sichern, wenn sie eine Politik der Annäherung und
trung Der ögllch sein